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101:0_302Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell
716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada101:0_303Nach einer stenografischen Mitschrift101:1Die Natur ist die materielle Welt. Wenn wir sie betrachten, sehen wir, dass sie dunkel und unvollkommen ist. Wenn wir zum Beispiel ein Stück Land in seinem natürlichen Zustand belassen, werden wir es mit Dornen und Disteln bedeckt vorfinden. Nutzloses Kraut und wilde Vegetation werden darauf gedeihen und es wird zu einem Urwald. Die Bäume werden keine Früchte tragen, ihnen wird Schönheit und Symmetrie fehlen. Wilde Tiere, giftige Insekten und Reptilien werden sich in seinen dunklen Winkeln tummeln. Dies ist die Unvollständigkeit und Unvollkommenheit der Welt der Natur. Um diese Bedingungen zu ändern, müssen wir den Boden bestellen und kultivieren, damit Blumen anstelle von Dornen und Unkraut wachsen können – wir müssen gewissermaßen Licht in die dunkle Welt der Natur bringen. Wälder sind in ihrem ursprünglichen Naturzustand düster, dunkel und undurchdringlich. Der Mensch öffnet sie dem Licht, er rodet das verschlungene Unterholz und pflanzt fruchtbare Bäume. Bald verwandeln sich die wilden Wälder und der Dschungel in ertragreiche Obsthaine und wunderschöne Gärten. Ordnung hat das Chaos ersetzt. Das dunkle Reich der Natur ist durch die Kultivierung erleuchtet und verschönert worden.101:2Wenn der Mensch selbst in seinem natürlichen Zustand verbleibt, sinkt er niedriger als das Tier und wird immer unwissender und unvollkommener. Die unzivilisierten Stämme Zentralafrikas belegen das. In ihrem natürlichen Zustand belassen, sind sie in die niedrigsten Tiefen und Grade der Barbarei gesunken und tasten sich durch eine Welt geistiger und sittlicher Finsternis. Wenn wir diese dunkle Ebene menschlicher Existenz erhellen wollen, müssen wir den Menschen aus dem hoffnungslosen Zustand, in der Natur gefangen zu sein, herausholen, für seine Bildung sorgen und ihm den Pfad des Lichtes und des Wissens zeigen, bis er von seiner Unwissenheit befreit, weise und wissend wird. Er wird nicht mehr grausam und rachsüchtig, sondern zivilisiert und freundlich sein. War er zuvor bösartig und bedrohlich, wird er nun mit himmlischen Eigenschaften geschmückt sein. Verbleibt er jedoch ohne Erziehung und Bildung in seinem natürlichen Zustand, wird er gewiss verderbter und brutaler als ein Tier werden, bis hin zum Extrem des Kannibalismus, der bei manchen Stämmen in Afrika beobachtet wurde. Somit ist einleuchtend, dass die Welt der Natur unvollständig und unvollkommen ist, bis sie durch das Licht und den Impuls der Erziehung erweckt und erleuchtet wird.101:3In diesen Tagen gibt es neue philosophische Schulen, die blind behaupten, die Welt der Natur sei perfekt. Wenn das zuträfe, warum werden Kinder in Schulen ausgebildet und erzogen, und wozu dienen ausgedehnte Studien der Naturwissenschaften, Kunst und Literatur an höheren Schulen und Universitäten? Was würde dabei herauskommen, wenn die Menschheit ohne Erziehung und Ausbildung in ihrem Urzustand verbliebe? Alle wissenschaftlichen Entdeckungen und Errungenschaften sind das Ergebnis von Wissen und Bildung. Der Fernschreiber, das Grammophon und das Telefon waren latent in der Welt der Natur vorhanden, wären aber niemals in die Welt des Sichtbaren gelangt, wenn der Mensch nicht kraft seiner Bildung die sie steuernden Gesetzmäßigkeiten entdeckt und durchdrungen hätte. Alle großartigen Entwicklungen und Wunder dessen, was wir Zivilisation nennen, wären verborgen, unbekannt und sozusagen nicht existent geblieben, wenn der Mensch in seinem Urzustand geblieben wäre, ohne die Gaben, Segnungen und Vorteile von Bildung und geistiger Kultur. Der wesentliche Unterschied zwischen dem unwissenden Menschen und dem scharfsinnigen Philosophen ist, dass der Unwissende nicht aus seinem Naturzustand emporgehoben wurde, während der Philosoph sich systematischer Bildung und Erziehung an Schulen und Hochschulen unterzogen hat, bis sein Geist erwachte und sich zu höheren Reichen des Denkens und der Wahrnehmung aufschwang. Im Übrigen sind beide Menschen und Teil der Natur.101:4Gott hat die Propheten mit der Absicht gesandt, die Seele des Menschen zu höherer, göttlicher Erkenntnis zu beflügeln. Zu diesem erhabenen Zweck offenbarte Er die himmlischen Bücher. Deshalb wehte der Odem des Heiligen Geistes durch die Gärten der Menschenherzen, wurden die Tore des Gottesreichs für die Menschheit geöffnet und unsichtbare Eingebungen wurden aus der Höhe herabgesandt. Diese göttliche und geistige Kraft wurde dem Menschen verliehen, damit er sich von den Unvollkommenheiten der Natur reinige und seine Seele in das Reich der Macht und Kraft erhebe. Gottes Absicht ist es, die Dunkelheit der Welt der Natur zu zerstreuen und die unvollkommenen Eigenschaften des ursprünglichen Selbstes durch das strahlende Licht der Sonne der Wahrheit auszulöschen. Die Aufgabe der Propheten Gottes besteht darin, die Menschen zu erziehen und sie von der Knechtschaft ihrer angeborenen Instinkte und körperlichen Neigungen zu befreien. Sie sind wie Gärtner, und die Menschheit ist das Feld, das Sie kultivieren, die Wildnis und der ungepflegte Urwald, worin Sie Sich abmühen. Sie sorgen dafür, dass die krummen Zweige gerade wachsen, die fruchtlosen Bäume Früchte tragen, und Sie verwandeln dieses große, wilde, unkultivierte Feld allmählich in einen schönen Obstgarten, der wunderbare Erträge hervorbringt.101:5Wenn die Natur von allein vollkommen und vollständig wäre, bräuchte die Menschenwelt keine Ausbildung und Kultivierung – es gäbe keinen Bedarf an Lehrern, Schulen und Universitäten, an Kunst und Handwerk. Die Offenbarungen der Propheten Gottes wären nicht notwendig gewesen und die himmlischen Bücher überflüssig. Wenn die Natur vollkommen und ausreichend für die Menschheit wäre, würden wir Gott und unseren Glauben an Ihn nicht benötigen. Daher liegt der Grund für all diese großartigen Hilfen und Mittel zur Erlangung des göttlichen Lebens darin, dass die Welt der Natur unvollständig und unvollkommen ist. Denkt an Kanada während der frühen Geschichte von Montreal, als sich das Land in seinem wilden, unkultivierten und Urzustand befand. Der Boden war öde, felsig und nahezu unbewohnbar – riesige Wälder erstreckten sich in alle Richtungen. Welche unsichtbare Kraft ließ diese große Metropole inmitten solch wilder und abschreckender Bedingungen entstehen? Es war der menschliche Geist. Die Natur und die Kraft der Naturgesetze waren also unzureichend. Der Geist des Menschen schuf Abhilfe und behob diesen unvollkommenen Zustand, sodass wir heute eine große Stadt sehen anstatt einer wüsten, unerschlossenen Wildnis. Vor Kolumbus war Amerika selbst eine wilde, unkultivierte Fläche von Urwäldern, Bergen und Flüssen – überall urwüchsige Natur. Jetzt ist es zur Welt des Menschen geworden. Es war dunkel, abschreckend und wild. Jetzt ist es erleuchtet durch eine große, prosperierende Zivilisation. Anstelle von Wäldern sehen wir ertragreiche Bauernhöfe, wunderschöne Gärten und fruchtbare Obstwiesen. Anstelle von Dornen und nutzloser Vegetation finden wir Blumen, Haustiere und Felder, die auf die Ernte warten. Wäre die Welt der Natur vollkommen, dann hätte man den Zustand dieses großen Landes unverändert belassen.101:6Wenn man ein Kind seinem natürlichen Zustand überlässt und es keine Bildung bekommt, wächst es zweifellos in Unwissenheit und Analphabetismus auf und seine geistigen Fähigkeiten werden verkümmern und verblassen. Es entwickelt sich dann wie ein Tier. Dies zeigt sich bei den Naturvölkern Zentralafrikas, die in ihrer geistigen Entwicklung kaum über dem Tier stehen.101:7Man muss unausweichlich anerkennen, dass die Pracht der Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, die Quelle und Ursache des menschlichen Fortschritts und der Zivilisation war. Die Welt der Natur ist das Reich des Tieres. In seinem natürlichen Zustand und auf seiner begrenzten Stufe ist das Tier vollkommen. Die wilden Tiere haben sich vollständig nach den Naturgesetzen entwickelt. Sie erhalten keine Erziehung oder Ausbildung, sie besitzen nicht die Fähigkeit zum abstrakten Denken und sie haben keine geistigen Ideale. Sie stehen nicht mit der geistigen Welt in Kontakt und haben keine Vorstellung von Gott oder dem Heiligen Geist. Das Tier kann die geistigen Fähigkeiten des Menschen weder erkennen noch erfassen und es unterscheidet nicht zwischen sich selbst und dem Menschen, da seine Empfänglichkeit auf die Ebene der Sinne beschränkt ist. Es lebt in Abhängigkeit von der Natur und ihren Gesetzen. Alle Tiere sind Materialisten. Gott spielt für sie keine Rolle und sie haben keine Ahnung von einer übersinnlichen Macht im Universum. Ohne jede Kenntnis der göttlichen Propheten und der Heiligen Bücher sind sie reine Gefangene der Natur und der Sinne. Tatsächlich ähneln sie den heutigen großen Philosophen, die nicht in Verbindung mit Gott und dem Heiligen Geist stehen, die Propheten ablehnen, keinerlei geistige Empfänglichkeit besitzen, von den himmlischen Gaben ausgeschlossen sind und nicht an eine übernatürliche Macht glauben. Das Tier führt dieses Leben glücklich und ungestört, während materialistische Philosophen zehn oder zwanzig Jahre lang in Schulen und Hochschulen arbeiten und studieren und Gott, den Heiligen Geist und göttliche Inspirationen bestreiten. Das Tier ist sogar der größere Philosoph, denn es erlangt diese Fähigkeit ohne Arbeit und Studium. Zum Beispiel erkennt die Kuh weder Gott noch den Heiligen Geist an, sie weiß nichts von göttlichen Eingebungen, himmlischen Gaben oder geistigen Empfindungen und die Herzenswelt ist ihr fremd. Wie die Philosophen ist die Kuh eine Gefangene der Natur und weiß von nichts, was über den Bereich der Sinne hinausgeht. Die Philosophen jedoch rühmen sich damit: »Wir sind nicht im Aberglauben gefangen; wir verlassen uns ganz auf die Sinneswahrnehmung und erkennen nichts außerhalb der Natur, die alles enthält und umfasst.« Aber die Kuh betrachtet das Leben bescheiden und ruhig vom selben Standpunkt aus, ohne Studium oder Kenntnisse der Wissenschaften, und lebt in äußerster Würde und Majestät in Harmonie mit den Naturgesetzen.101:8Das ist nicht der Ruhm des Menschen. Der Ruhm des Menschen liegt im Wissen um Gott, in spiritueller Empfänglichkeit und im Erlangen geistiger Kräfte und der Gaben des Heiligen Geistes. Der Ruhm des Menschen liegt darin, mit den Lehren Gottes vertraut zu sein. Dies ist der Ruhm der Menschheit. Unwissenheit ist nicht Ruhm, sondern Finsternis. Können diese Seelen, die in den Tiefen der Unwissenheit versunken sind, über die Geheimnisse Gottes und die Gegebenheiten des Daseins Bescheid wissen, während Jesus Christus keine Kenntnis davon hatte? Überragt der Intellekt dieser Menschen den Intellekt Christi? Christus war himmlisch, göttlich und gehörte zur Welt des Königreichs. Er war die Verkörperung geistigen Wissens. Sein Intellekt war diesen Philosophen überlegen, Sein Verständnis tiefer, Seine Wahrnehmung schärfer, Sein Wissen vollkommener. Wie kommt es, dass Er über alles in dieser Welt hinwegsah und auf alles verzichtete? Er legte wenig Wert auf dieses materielle Leben, versagte sich Ruhe und Erholung, akzeptierte Prüfungen und erduldete freiwillig Schicksalsschläge, weil Er mit spiritueller Empfänglichkeit und der Macht des Heiligen Geistes ausgestattet war. Er erblickte den Glanz des göttlichen Reiches, verkörperte die Gnadengaben Gottes und besaß vollkommene Fähigkeiten. Er wurde durch Liebe und Barmherzigkeit erleuchtet, ebenso wie alle Boten Gottes. – 102 –102:0_3043. September 1912102:0_305‘Abdu’l Bahás Ansprache vor Sozialisten und Arbeiterführern in der Krönungshalle
Montreal, Kanada102:1Es scheint, als ob alle Geschöpfe einzeln und allein existieren könnten. Ein Baum etwa kann einsam und allein in einer Prärie, einem Tal oder an einem Berghang existieren. Ein Tier auf einem Berg oder ein Vogel in den Lüften mögen ein einsames Leben führen. Sie brauchen keine Zusammenarbeit und keine Solidarität. Solche Lebewesen erfreuen sich in ihrem jeweiligen Einzeldasein größter Zufriedenheit und Glückseligkeit.102:2Im Gegensatz dazu kann der Mensch nicht einzeln und allein leben. Er ist auf fortwährende Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe angewiesen. Ein Mensch etwa, der allein in der Wildnis lebt, wird irgendwann hungern. Eigenständig und allein wird er sich nie mit allen lebensnotwendigen Dingen versorgen können. Darum braucht er Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit. Das Geheimnis dieses Phänomens und dessen Grund liegt darin, dass die Menschheit aus einem einzigen Ursprung erschaffen wurde und sich aus einer einzigen Familie entwickelt hat. Darum stellt die ganze Menschheit in Wirklichkeit eine Familie dar. Gott hat keine Unterschiede erschaffen. Er hat alle als Einheit erschaffen, damit diese Familie in vollkommenem Glück und Wohlbefinden zu leben vermag.102:3Zum Thema der Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit: Jeder Staatsbürger sollte in größtem Wohlbefinden und Wohlstand leben, da jeder einzelne Mensch ein Angehöriger des Staatskörpers ist, und wenn einer der Angehörigen sich in Not befindet oder von einer Krankheit befallen ist, leiden zwangsläufig alle anderen mit. Das Auge beispielsweise ist ein Teil des menschlichen Organismus. Wenn das Auge erkrankt, wirkt sich dies auf das gesamte Nervensystem aus. Wenn folglich ein Angehöriger des Staatskörpers krank wird, werden in Wirklichkeit – durch Mitgefühl und Anteilnahme – alle betroffen sein, weil dieser eine Kranke ein Mitglied einer Gruppe von Mitgliedern, ein Teil des Ganzen ist. Ist es möglich, dass ein Mitglied sich in Not befindet und die anderen Teile wohlauf sind? Das ist unmöglich! Denn Gott wünscht, dass jeder im Gemeinwesen der Menschheit sich vollkommenen Wohlergehens und Wohlbefindens erfreuen soll. 102:4Obwohl der Staatskörper wie eine Familie ist, leben manche seiner Angehörigen wegen unausgeglichener Verhältnisse im Überfluss und manche in schrecklichem Elend, manche haben genug und manche hungern, manche tragen teure Kleidung und manchen Familien fehlt es an Nahrung und Unterkunft. Warum? Weil es dieser Familie an der notwendigen gegenseitigen Zusammenarbeit und Ausgewogenheit mangelt. Dieser Haushalt wird nicht gut geführt. Dieser Haushalt lebt nicht unter einem vollkommenen Gesetz. Die erlassenen Gesetze sichern kein Glück. Sie sorgen nicht für Wohlergehen. Deshalb muss diese Familie ein Gesetz bekommen, das Wohlergehen und Glück für alle Familienmitglieder gleichermaßen gewährleistet. 102:5Ist es vorstellbar, dass ein Teil der Familie in größtem Elend und bitterer Armut lebt und es der übrigen Familie gut geht? Das ist unmöglich, es sei denn, diese Familienmitglieder sind gefühllos, abgestumpft, abweisend und unfreundlich. Dann würden sie sagen: »Auch wenn diese Mitglieder zu unserer Familie gehören – lasst sie allein. Wir sollten uns um uns selbst kümmern. Lasst sie sterben. Solange es mir gut geht, ich geehrt werde und glücklich bin, mag dieser mein Bruder ruhig sterben. Wenn er sich im Elend befindet, soll er im Elend bleiben, solange es mir nur gut geht. Wenn er hungrig ist, soll er hungrig bleiben. Ich bin zufrieden. Wenn er keine Kleider hat, lasst ihn wie er ist, solange ich nur Kleidung habe. Soll er doch in der Wildnis bleiben, wenn er kein Obdach und kein Heim hat, Hauptsache ich habe ein Zuhause.«102:6Solch völlige Gleichgültigkeit in der menschlichen Familie liegt daran, dass es keine Kontrolle gibt, dass funktionierende Gesetze fehlen und dass es an gegenseitigem Wohlwollen mangelt. Hätte man den Mitgliedern dieser Familie Wohlwollen entgegengebracht, würden zweifellos alle ihre Mitglieder sich des Wohlergehens und des Glücks erfreuen.102:7Bahá’u’lláh hat Leitlinien zu jeder Herausforderung gegeben, vor der die Menschheit steht. Für jedes Problem, mit dem der Mensch kämpft, hat Er Glaubensgrundsätze und Regelungen offenbart. Darunter sind auch Wirtschaftslehren. Wenn sie praktisch ausgearbeitet werden, bieten sie allen Staatsbürgern die Lösung für ein Leben voller Glück, Wohlergehen und Zufriedenheit, ohne dass die allgemeine Ordnung Schaden nimmt oder verletzt wird. Auf diese Weise werden weder Streit noch Meinungsverschiedenheiten aufkommen. Es wird weder Aufruhr noch Zwist entstehen. Diese Lösung ist folgende:102:8An erster Stelle steht das Prinzip, dass alle Staatsbürger an den großen Errungenschaften der Menschenwelt teilhaben sollen. Jeder sollte größtmöglichen Wohlstand und Wohlergehen erlangen können. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir beim Landwirt beginnen; dort schaffen wir die Grundlage für das System und die Ordnung, denn die in der Landwirtschaft Beschäftigten übertreffen alle anderen Berufsgruppen hinsichtlich der Bedeutung ihrer Arbeit. In jedem Dorf muss ein allgemeines Lagerhaus errichtet werden, das eine Reihe von Einnahmen verzeichnen wird.102:9Die erste Einnahme wird der ›Zehnte‹ sein.102:10Die zweite Einnahme wird auf Viehbesitz erhoben werden.102:11Die dritte Einnahme wird auf Mineralien erhoben werden, das heißt, von jedem geplanten oder entdeckten Bergwerk geht ein Drittel an dieses große Lagerhaus. 102:12Die vierte ist: Die Erbschaft von jedem, der ohne Erben verstirbt, geht an das allgemeine Lagerhaus.102:13Fünftens werden Schätze, die auf dem Land gefunden werden, dem Lagerhaus überantwortet.102:14Alle diese Einnahmen werden in dem Lagerhaus gesammelt.102:15Zur ersten Einnahme, dem ›Zehnten‹: Betrachten wir einen Landwirt, einen in der Landwirtschaft Beschäftigten. Schauen wir uns sein Einkommen an. Wir berechnen sein jährliches Einkommen und seine Ausgaben. Wenn sein Einkommen seinen Ausgaben entspricht, wird von diesem Landwirt nichts gefordert. Das heißt, er wird keiner Besteuerung unterworfen, da er ja sein ganzes Einkommen benötigt. Ein anderer Landwirt könnte Ausgaben in der Höhe von, sagen wir, tausend Dollar und ein Einkommen von zweitausend Dollar haben. Von ihm wird ein Zehntel eingefordert werden, weil er über einen Überschuss verfügt. Wenn aber sein Einkommen zehntausend oder zwanzigtausend Dollar und seine Ausgaben eintausend Dollar betragen, so wird er ein Viertel davon als Steuern bezahlen müssen. Wenn sein Einkommen hunderttausend Dollar und seine Ausgaben fünftausend Dollar betragen, wird er ein Drittel bezahlen müssen, weil er auch dann noch einen Überschuss hat, da seine Ausgaben fünftausend betragen bei einem Einkommen von hunderttausend. Wenn er, sagen wir, fünfunddreißigtausend Dollar bezahlt, hat er zusammen mit den fünftausend Dollar Ausgaben immer noch sechzigtausend Dollar Überschuss. Wenn jedoch seine Ausgaben zehntausend und sein Einkommen zweihunderttausend beträgt, dann muss er sogar die Hälfte abgeben, weil in diesem Fall neunzigtausend übrigbleiben. Ein solcher Verteilungsschlüssel wird den Steueranteil bestimmen. Alle Steuereinnahmen werden an das allgemeine Lagerhaus gehen.102:16Sodann muss man Notfälle wie folgt berücksichtigen: Einem Landwirt, dessen Ausgaben sich auf zehntausend Dollar belaufen und dessen Einkommen nur fünftausend beträgt, werden vom Lagerhaus die notwendigen Ausgaben erstattet. Ihm werden fünftausend Dollar zugeteilt, sodass er nicht in Not gerät.102:17Auch für die Waisenkinder wird gesorgt; um ihren vollständigen Lebensbedarf wird man sich kümmern. Menschen mit Behinderungen im Dorf – für alle ihre Ausgaben wird gesorgt. Die Armen im Dorf – ihre notwendigen Ausgaben werden übernommen. Und andere Mitglieder des Dorfes, die aus triftigen Gründen arbeitsunfähig sind – die Blinden, die Alten, die Tauben –, auch für ihr Wohl muss gesorgt werden. Im Dorf wird niemand bedürftig bleiben. Alle werden äußerst zufrieden und in Wohlstand leben. Zugleich wird die allgemeine Staatsordnung nicht von Zersplitterung beeinträchtigt.102:18Soweit wurden die Ausgaben beziehungsweise der Aufwand des allgemeinen Lagerhauses und sein Tätigkeitsbereich erläutert. Die Einnahmen dieses allgemeinen Lagerhauses sind dargelegt. Die Dorfbewohner werden Treuhänder wählen, die diese Transaktionen überwachen. Für die Landwirte wird gesorgt, und sollte nach der Deckung all dieser Ausgaben ein Überschuss im Lagerhaus vorhanden sein, muss dieser an die Staatskasse überwiesen werden.102:19Dieses System ist so aufgebaut, dass die Armen im Dorf sorgenfrei und die Waisen glücklich und wohlbehalten leben können; mit einem Wort: Niemand wird Not leiden. Jeder einzelne Staatsbürger wird somit zufrieden und gut leben.102:20Für größere Städte wird es natürlich ein System in größerem Maßstab geben. Würde ich auf diese Lösung eingehen, würden die Einzelheiten viel Zeit kosten.102:21Als Ergebnis dieses Systems wird jeder Staatsbürger höchst zufrieden und glücklich leben und niemandem dafür zu etwas verpflichtet sein. Trotzdem wird es Abstufungen geben, denn in der Menschenwelt gibt es unweigerlich Unterschiede. Der Staat kann mit einer Armee verglichen werden. In dieser Armee muss es einen General geben, es muss einen Feldwebel geben, es muss einen Feldmarschall geben, es muss eine Infanterie geben, doch alle sollten sich in höchstem Maß der Zufriedenheit und des Wohlergehens erfreuen.102:22Gott ist unparteiisch und schaut nicht auf die Person. Er hat für alle vorgesorgt. Die Ernte ist für jeden da. Der Regen fällt auf alle und die Sonnenwärme ist dazu bestimmt, jeden zu erwärmen. Die Früchte der Erde sind für alle da. Darum sollte es für die ganze Menschheit größtes Glück, größtmögliche Zufriedenheit und größtes Wohl geben.102:23Aber wenn manche glücklich und zufrieden sind und andere in Not leben, wenn manche übermäßigen Reichtum anhäufen und andere in größter Bedürftigkeit leben – in einem solchen System kann der Mensch unmöglich glücklich sein oder das Wohlgefallen Gottes erlangen. Gott ist gütig zu allen. Das Wohlgefallen Gottes steht in Verbindung mit dem Wohl jedes einzelnen Mitglieds der Menschheit.102:24Ein persischer König weilte eines Nachts in seinem Palast, in dem er in größtem Luxus und Wohlergehen lebte. Mit überschäumender Freude und Wonne wandte er sich an einen Mann und sagte: »Dies ist der glücklichste Augenblick meines Lebens. Preis sei Gott, überall herrscht Wohlstand und lacht das Glück! Meine Schatzkammer ist gefüllt und die Armee ist gut geführt. Ich besitze viele Paläste, grenzenlos Land, meiner Familie geht es gut, mein Ansehen und meine Herrschaft sind beachtlich. Was will ich mehr?« 102:25Der Arme am Palasttor erwiderte: »O gütiger König! Angenommen, Ihr seid in jeder Hinsicht so glücklich, ohne Kummer und Sorgen – sorgt Ihr Euch nicht um uns? Ihr sagt, Ihr selbst hättet keine Sorgen – aber denkt Ihr niemals an die Armen in Eurem Land? Ziemt es sich oder ist es schicklich, dass Ihr im Wohlstand lebt und wir in solch bitterer Not und solchem Elend? Wie könnt Ihr angesichts unserer Nöte und Schwierigkeiten in Eurem Palast ruhen? Wie könnt Ihr behaupten, Ihr wäret frei von Kummer und Sorgen? Als Herrscher dürft Ihr nicht so egoistisch sein und nur an Euch denken. Ihr müsst vielmehr an die denken, die Euch untergeben sind. Wenn es uns gut geht, wird es auch Euch gut gehen; aber wenn wir Not leiden, wie könnt Ihr als König dann glücklich sein?«102:26Der Kerngedanke ist: Wir bewohnen alle den einen Erdball. Tatsächlich sind wir eine Familie und jeder von uns ist ein Mitglied dieser Familie. Wir sollten alle in größtmöglichem Glück und Wohlergehen leben, unter einer gerechten Herrschaft und unter Regeln nach Gottes Wohlgefallen, die somit auch uns glücklich machen, denn dieses Leben ist vergänglich.102:27Wenn der Mensch sich nur um sich selbst kümmern würde, wäre er nicht mehr als ein Tier, denn nur Tiere sind derart eigennützig. Brächte man 1000 Schafe zu einem Brunnen, um 999 zu töten, würde das eine verbleibende Schaf weiter grasen, nicht an die anderen denken, sich gar keine Sorgen über den Verlust machen, sich überhaupt nicht darum kümmern, dass die eigenen Artgenossen verschwanden, umkamen oder getötet wurden. Nur an sich selbst zu denken, ist also eine tierische Eigenschaft. Es ist eine tierische Eigenheit, einsam und allein zu leben. Es ist eine tierische Eigenheit, nur für das eigene Wohlbefinden zu sorgen. Aber der Mensch wurde als Mensch erschaffen, um allen Mitmenschen gegenüber ehrlich, gerecht, barmherzig, wohlwollend zu sein. Er sollte niemals nur auf sein eigenes Wohl bedacht sein, während andere in Not und Elend darben. Das wäre eine Eigenschaft des Tieres, nicht des Menschen. Nein, vielmehr muss der Mensch gewillt sein, Mühsal zu ertragen, damit andere sich des Wohlstands erfreuen können; er sollte die eigene Anstrengung wertschätzen, wenn er dadurch anderen zu Glück und Wohlergehen verhilft. Dies zeichnet den Menschen aus. Dies geziemt dem Menschen. Andernfalls wäre der Mensch kein Mensch, sondern weniger als ein Tier.
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