‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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102:24
Ein persischer König weilte eines Nachts in seinem Palast, in dem er in größtem Luxus und Wohlergehen lebte. Mit überschäumender Freude und Wonne wandte er sich an einen Mann und sagte: »Dies ist der glücklichste Augenblick meines Lebens. Preis sei Gott, überall herrscht Wohlstand und lacht das Glück! Meine Schatzkammer ist gefüllt und die Armee ist gut geführt. Ich besitze viele Paläste, grenzenlos Land, meiner Familie geht es gut, mein Ansehen und meine Herrschaft sind beachtlich. Was will ich mehr?«
102:25
Der Arme am Palasttor erwiderte: »O gütiger König! Angenommen, Ihr seid in jeder Hinsicht so glücklich, ohne Kummer und Sorgen – sorgt Ihr Euch nicht um uns? Ihr sagt, Ihr selbst hättet keine Sorgen – aber denkt Ihr niemals an die Armen in Eurem Land? Ziemt es sich oder ist es schicklich, dass Ihr im Wohlstand lebt und wir in solch bitterer Not und solchem Elend? Wie könnt Ihr angesichts unserer Nöte und Schwierigkeiten in Eurem Palast ruhen? Wie könnt Ihr behaupten, Ihr wäret frei von Kummer und Sorgen? Als Herrscher dürft Ihr nicht so egoistisch sein und nur an Euch denken. Ihr müsst vielmehr an die denken, die Euch untergeben sind. Wenn es uns gut geht, wird es auch Euch gut gehen; aber wenn wir Not leiden, wie könnt Ihr als König dann glücklich sein?«
102:26
Der Kerngedanke ist: Wir bewohnen alle den einen Erdball. Tatsächlich sind wir eine Familie und jeder von uns ist ein Mitglied dieser Familie. Wir sollten alle in größtmöglichem Glück und Wohlergehen leben, unter einer gerechten Herrschaft und unter Regeln nach Gottes Wohlgefallen, die somit auch uns glücklich machen, denn dieses Leben ist vergänglich.
102:27
Wenn der Mensch sich nur um sich selbst kümmern würde, wäre er nicht mehr als ein Tier, denn nur Tiere sind derart eigennützig. Brächte man 1000 Schafe zu einem Brunnen, um 999 zu töten, würde das eine verbleibende Schaf weiter grasen, nicht an die anderen denken, sich gar keine Sorgen über den Verlust machen, sich überhaupt nicht darum kümmern, dass die eigenen Artgenossen verschwanden, umkamen oder getötet wurden. Nur an sich selbst zu denken, ist also eine tierische Eigenschaft. Es ist eine tierische Eigenheit, einsam und allein zu leben. Es ist eine tierische Eigenheit, nur für das eigene Wohlbefinden zu sorgen. Aber der Mensch wurde als Mensch erschaffen, um allen Mitmenschen gegenüber ehrlich, gerecht, barmherzig, wohlwollend zu sein. Er sollte niemals nur auf sein eigenes Wohl bedacht sein, während andere in Not und Elend darben. Das wäre eine Eigenschaft des Tieres, nicht des Menschen. Nein, vielmehr muss der Mensch gewillt sein, Mühsal zu ertragen, damit andere sich des Wohlstands erfreuen können; er sollte die eigene Anstrengung wertschätzen, wenn er dadurch anderen zu Glück und Wohlergehen verhilft. Dies zeichnet den Menschen aus. Dies geziemt dem Menschen. Andernfalls wäre der Mensch kein Mensch, sondern weniger als ein Tier.
102:28
Der Mensch, der anderen gegenüber gleichgültig ist und nur an sich selbst denkt, steht zweifellos unterhalb der Stufe des Tieres, weil das Tier keine Vernunft besitzt. Das Tier ist entschuldigt; aber der Mensch besitzt Vernunft, den Gerechtigkeitssinn, die Fähigkeit zur Barmherzigkeit. Weil er all diese Fähigkeiten besitzt, darf er sie nicht ungenutzt lassen. Wer so hartherzig ist, nur an das eigene Wohl zu denken, kann nicht als Mensch bezeichnet werden.
102:29
Der ist ein wahrer Mensch, der seine eigenen Interessen zum Wohle anderer vergisst. Sein eigenes Wohlergehen opfert er für das Gemeinwohl. Er muss sogar bereit sein, sein eigenes Leben für das Leben der Menschheit zu opfern. Ein solcher Mensch ist die Ehre der Menschenwelt. Ein solcher Mensch ist der Ruhm der Menschheit. Ein solcher Mensch erlangt ewige Seligkeit. Ein solcher Mensch ist der Schwelle Gottes nahe. Ein solcher Mensch ist die wahre Verkörperung ewiger Glückseligkeit. Andernfalls gleichen die Menschen den Tieren und zeigen die gleichen Veranlagungen und Neigungen wie die Tierwelt. Welchen Unterschied gäbe es? Welche Vorzüge, welche Vollkommenheit hätte der Mensch? Überhaupt keine! Die Tiere sind darin sogar besser – sie denken nur an sich selbst, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer.
102:30
Bedenkt, wie die größten Menschen der Welt – ob Propheten oder Philosophen – alle ihre persönliche Bequemlichkeit aufgegeben, das persönliche Vergnügen für das Wohlergehen der Menschheit geopfert haben. Sie haben ihr eigenes Leben für das Gemeinwesen geopfert. Sie haben ihren eigenen Besitz für die allgemeine Wohlfahrt hingegeben. Sie haben ihre eigene Ehre zugunsten der Ehre der Menschheit aufgegeben. Darum leuchtet es ein, dass dies die höchste Errungenschaft für die Menschenwelt ist.
102:31
Wir bitten Gott, die Menschen mit Gerechtigkeit auszustatten, damit sie sich rechtschaffen verhalten und sich für das Wohl aller Menschen einsetzen mögen, sodass alle ihr Leben in größter Zufriedenheit und größtem Wohlergehen verbringen können. Dann wird diese materielle Welt zum Paradies des Gottesreiches werden, dann wird sich diese stoffliche Welt in einem himmlischen Zustand befinden, und alle Diener Gottes werden in größter Freude, Glückseligkeit und Zufriedenheit leben. Wir alle müssen danach streben und all unsere Gedanken darauf konzentrieren, dass der Menschenwelt eine solche Glückseligkeit zuteilwerde.
102:32
Ein drängendes Problem ist das der sozialen Strukturen. Es wird nicht durch Lohnstreiks gelöst werden. Alle Regierungen der Welt müssen sich zusammenschließen und eine Versammlung organisieren, deren Mitglieder aus den Volksvertretungen und den Edlen der Nationen ausgewählt werden. Sie müssen mit größter Weisheit und Entschlossenheit einen Plan entwickeln, durch den weder der Kapitaleigner enorme Verluste erleidet noch die Arbeitnehmer in eine Notlage geraten. Sie sollten das Gesetz äußerst maßvoll gestalten und dann öffentlich verkünden, dass die Rechte der Arbeitnehmer entschieden gewahrt werden müssen. Auch die Rechte der Kapitaleigner müssen geschützt werden. Wenn ein solcher allgemeingültiger Plan einvernehmlich von beiden Seiten angenommen wird und dann ein Streik ausbricht, sollten alle Regierungen der Welt diesem vereint entgegentreten. Andernfalls wird das Problem der Arbeit zu viel Unheil führen, insbesondere in Europa. Schreckliche Dinge werden geschehen.
102:33
Ein Beispiel: Die Besitzer von Grundstücken, Bergwerken und Fabriken sollten ihr Einkommen mit ihren Arbeitnehmern teilen und einen gerecht bemessenen Prozentsatz ihrer Produkte ihren Arbeitnehmern abgeben, damit die Arbeitnehmer neben ihrem Lohn auch etwas vom allgemeinen Einkommen des Unternehmens erhalten, so dass der Arbeitnehmer mit ganzer Seele bei der Arbeit ist.
102:34
In der Zukunft wird es keine Monopole mehr geben. Das Problem mit den Monopolen wird vollständig beseitigt werden. Außerdem wird jede Fabrik mit 10.000 Geschäftsanteilen davon 2000 Geschäftsanteile ihren Arbeitnehmern überlassen und diese auf ihren Namen eintragen lassen, so dass sie ihnen gehören, und den Rest werden die Kapitaleigner besitzen. Nachdem Ausgaben und Löhne bezahlt wurden, muss am Ende des Monats oder des Jahres der ganze Ertrag entsprechend der Anzahl der Geschäftsanteile unter beiden aufgeteilt werden. Tatsächlich ist dem einfachen Volk bisher großes Unrecht widerfahren. Es müssen entsprechende Gesetze erlassen werden, da die Arbeitnehmer mit dem gegenwärtigen System unmöglich zufrieden sein können. Sie werden jeden Monat und jedes Jahr streiken. Am Ende werden die Kapitalisten verlieren. Vor langer Zeit gab es einmal einen Streik bei den türkischen Soldaten. Sie sagten zur Regierung: »Unsere Löhne sind sehr niedrig und sie sollten erhöht werden.« Die Regierung war gezwungen, ihre Forderungen zu erfüllen. Kurz darauf streikten sie erneut. Schließlich landeten alle Erträge in den Taschen der Soldaten bis zu dem Extrem, dass sie den König umbrachten und sagten: »Warum hast du unsere Löhne nicht erhöht, so dass wir mehr bekommen hätten?«
102:35
Es ist unmöglich, dass ein Land ohne Gesetze in Recht und Ordnung lebt. Um dieses Problem zu lösen, müssen konsequente Gesetze geschaffen werden, so dass sie von allen Regierungen der Welt geschützt werden.
102:36
Nach den bolschewistischen Prinzipien wird Gleichberechtigung mit Gewalt durchgesetzt. Die Massen, die sich den Leuten in gehobenen Stellungen und der besitzenden Klasse widersetzen, wollen an deren Gewinn teilhaben.
102:37
Aber in den göttlichen Lehren wird Gleichberechtigung durch die Bereitschaft zum Teilen verwirklicht. Hinsichtlich des Reichtums wird geboten, dass die Reichen in der Bevölkerung und die Aristokraten sich aus freiem Antrieb und um ihres eigenen Glückes willen mit den Armen beschäftigen und sich um sie kümmern sollen. Diese Gleichberechtigung ist das Ergebnis der erhabenen Merkmale und edlen Eigenschaften der Menschheit.
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5. September 1912
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Ansprache in der St. James-Methodist-Church
Montreal, Kanada
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Nach einer stenografischen Mitschrift
103:1
Preis sei Gott! Es erfüllt mich mit Freude, heute Abend hier zu sein und in die Gesichter von Menschen zu blicken, die entschlossen die Wirklichkeit erforschen und sich aufrichtig danach sehnen, die Wahrheit zu erkennen. Gott hat den Menschen erschaffen und ihn mit Verstand ausgestattet, wodurch er zu gültigen Schlussfolgerungen gelangen kann. Deshalb muss der Mensch immer und überall danach streben, die grundlegende Wahrheit zu erforschen. Wenn er nicht eigenständig forscht, macht er keinen Gebrauch von dem Talent, das Gott ihm verliehen hat. Ich freue mich über die Menschen in Amerika, da sie in der Regel eigenständig nach der Wahrheit suchen. Sie setzen ihren Verstand ein und lassen ihn nicht untätig und unproduktiv ruhen. Das ist äußerst lobenswert.
103:2
Manche Menschen meinen, dass die Gaben Gottes versiegen, so als ob die göttlichen Gnadengaben zu einer Zeit ausgegossen würden, zu einer anderen Zeit der Menschheit aber versagt blieben und endeten. Wenn wir gründlich darüber nachdenken, erkennen wir, dass eine solche Aussage in Wirklichkeit eine Verneinung des Göttlichen ist, denn die göttliche Wahrheit zeigt sich, indem sie ihre Gnadengaben über die Schöpfung ergießt. Ein Ende der Gnadengaben Gottes zu irgendeinem Zeitpunkt wäre gleichbedeutend mit dem Ende der Herrschaft Gottes. Die Sonne ist die Sonne wegen ihrer Strahlkraft und ihrer Wärme. Sie ist die Sonne wegen ihrer Gaben, aber wenn einmal ihr Glanz, ihr Leuchten und ihr Strahlen aufhörten, wäre sie nicht mehr die Sonne. Folglich ist es unvorstellbar, dass die Gaben des Göttlichen enden, denn die Eigenschaften des Göttlichen sind immer vorhanden. Gott war immer göttlich. Er hat Seine Herrschaft immer ausgeübt und besitzt fortwährend ewige Göttlichkeit und höchste Herrschaft. Er ist wie die Sonne, die immer ihren Glanz, ihre Wärme und ihr Strahlen besaß und diese Gaben und Attribute weiterhin besitzen wird. Sollten zu irgendeinem Zeitpunkt ihr Strahlen und ihre Hitze enden, würde man sie nicht länger als Sonne bezeichnen. Deshalb kommt der Verstand mit vernünftigen Überlegungen zu dem Schluss, dass die Gaben des Heiligen Geistes andauern und heilige Seelen immer Empfänger dieser göttlichen Ausstrahlungen sind. Die Kraft des Heiligen Geistes währt ewig und ist nicht vorübergehend, denn die Heiligkeit des Heiligen Geistes ist seine Kraft und Wirksamkeit, die sich in den Seelen zeigt, die er beflügelt. Wir beten darum, dass wir alle Empfänger seiner Gnadengaben werden, dass wir vom Licht des Himmels erleuchtet werden, durch die Lehren Gottes erbaut und von den Tugenden eines göttlichen Charakters durchdrungen werden, wie Spiegel, die das Sonnenlicht reflektieren. Solange der Spiegel das Sonnenlicht nicht reflektiert, ist er nur ein dunkler, lebloser Gegenstand. Ebenso siechen Herzen und Seelen der Menschen im Abgrund der Dunkelheit und Unwissenheit dahin, solange sie keinen Anteil an den Gaben des Heiligen Geistes haben.
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Seit undenklichen Zeiten wurden die göttlichen Lehren aufeinander folgend offenbart, und die Gaben des Heiligen Geistes wurden unaufhörlich verströmt. All diese Lehren sind nur eine Wahrheit, denn die Wahrheit ist eins und lässt keine Vielheit zu. Daher sind die göttlichen Propheten eins, weil sie die eine Wahrheit offenbaren, das Wort Gottes. Abraham verkündete Lehren, die auf der Wahrheit beruhten, Moses verkündete die Wahrheit, Christus vermittelte die Wahrheit, und Bahá’u’lláh war der Bote und Herold der Wahrheit. Doch die Menschheit hat die eine wesentliche und grundlegende Wahrheit, die allen Religionen Gottes zugrunde liegt, aufgegeben und blind an Nachahmungen angestammter Bräuche und Interpretationen des Glaubens festgehalten. Deshalb wird sie durch Zank, Streit und Fanatismus der verschiedenen Sekten und religiösen Splittergruppen getrennt und gespalten. Wenn alle der ursprünglichen Wahrheit des Propheten und Seiner Lehre treu blieben, würden die Völker und Nationen der Welt vereint, und diese Unterschiede, die zur Trennung führen, würden in Vergessenheit geraten. Um diese große und notwendige Einheit zu verwirklichen, erschien Bahá’u’lláh im Orient und erneuerte die Grundlagen der göttlichen Lehren. Seine Offenbarung des Wortes umfasst die Lehren aller Propheten vollständig. Er hat sie in Prinzipien und Grundsätzen dargelegt, die auf die Bedürfnisse und Bedingungen der modernen Welt anwendbar sind, erweitert und angepasst an die Herausforderungen der Gegenwart und die drängenden menschlichen Probleme. Das heißt, die Worte Bahá’u’lláhs sind die Essenz der Worte der Propheten der Vergangenheit. Sie sind der eigentliche Geist des Zeitalters und die Ursache für die Einheit und Erleuchtung des Ostens und des Westens. Die Anhänger Seiner Lehren stehen im Einklang mit den Vorschriften und Geboten aller früheren himmlischen Boten. Zwist und Zwietracht, die die Grundlagen der Menschheit zerstören und dem Willen und Wohlgefallen Gottes zuwiderlaufen, verschwinden im Licht der Offenbarung Bahá’u’lláhs völlig. Schwierige Probleme werden gelöst, Einheit und Liebe werden gestiftet. Denn der Strahlenglanz der Liebe und die Errichtung von Einheit und Freundschaft in der Menschenwelt sind Gott wohlgefällig, während Zwietracht, Unstimmigkeiten, Krieg und Streit dem Satanischen entspringen und dem Willen des Barmherzigen widersprechen. Damit Verstand, Geist und Seele des Menschen vor dem erweiterten Horizont der Einheit und der Erkenntnis zu Fortschritt, Ruhe und Weitsicht gelangen können, verkündete Bahá’u’lláh bestimmte Prinzipien oder Lehren, von denen ich einige erwähnen werde.
103:4
Erstens muss der Mensch eigenständig die Wahrheit erforschen, denn die Uneinigkeit und die Meinungsverschiedenheiten, die die Menschheit in erster Linie peinigen und belasten, haben ihren Ursprung hauptsächlich in Nachahmungen überkommener Glaubensvorstellungen und im Festhalten an überlieferten Ritualen des Gottesdienstes. Diese Nachahmungen sind willkürlich und werden von den Heiligen Büchern nicht anerkannt. Sie sind das Ergebnis menschlicher Interpretationen und Lehren, die allmählich das wahre Licht göttlicher Bedeutung verdunkelt haben und die Menschen dazu brachten, sich zu entzweien und zu streiten. Die Wahrheit, die in den himmlischen Büchern und göttlichen Lehren verkündet wird, fördert stets Liebe, Einheit und Gemeinschaft.
103:5
Zweitens: Die Einheit der Menschheit muss verstanden, angenommen und verwirklicht werden. Wenn wir über dieses gesegnete Prinzip nachdenken, wird klar, dass es das Heilmittel für alle menschlichen Belange ist. Alle Menschen sind Diener des herrlichen Gottes, unseres Schöpfers. Er hat alle erschaffen. Es ist gewiss, dass Seine Liebe allen gleichermaßen galt, sonst hätte Er sie nicht erschaffen. Er beschützt alle. Es ist gewiss, dass Er Seine Geschöpfe liebt, sonst würde Er sie nicht beschützen. Er sorgt für alle und erweist allen Seine Liebe, ohne jemanden zu bevorzugen. Er bekundet allen Seine vollkommene Güte und Seine liebevolle Fürsorge. Er bestraft uns nicht für unsere Sünden und Fehler, und wir sind alle in das Meer Seiner unendlichen Gnade getaucht. Da Gott mild und liebevoll zu Seinen Kindern ist, nachsichtig und barmherzig bezüglich unserer Fehler, warum sollten wir dann unfreundlich und nachtragend miteinander umgehen? Da Er alle Menschen ohne Unterschied liebt und niemanden bevorzugt – warum sollten nicht auch wir jeden auf gleiche Weise lieben? Können wir uns einen Plan und ein Konzept vorstellen, die der göttlichen Absicht überlegen wären? Offensichtlich können wir das nicht. Daher müssen wir uns bemühen, dem Willen des Allherrlichen zu entsprechen und Seinen Grundsatz der Liebe zur gesamten Menschheit zu verwirklichen. Die Weisheit und der Plan Gottes sind Wirklichkeit und Wahrheit, während die menschliche Politik willkürlich und auf unser begrenztes Verständnis beschränkt ist. Gottes Plan ist grenzenlos. Wir müssen Seinem Beispiel nacheifern. Ist ein Mensch krank und schwach, müssen wir Heilmittel herstellen; ist er unwissend, müssen wir für seine Bildung sorgen; ist er schwach, müssen wir ihn stärken und das ergänzen, was fehlt; ist er unreif und unentwickelt, müssen wir die Mittel zur Reifung bereitstellen. Niemand sollte gehasst und niemand zurückgewiesen werden, nein, gerade ihre Unvollkommenheiten sollten noch größere Freundlichkeit und zartes Mitgefühl hervorrufen. Wenn wir dem Beispiel des göttlichen Herrn folgen, werden wir die ganze Menschheit von Herzen lieben, und die Mittel zur Verwirklichung der Einheit der Menschenwelt werden uns so einleuchtend und offensichtlich erscheinen wie das Licht der Sonne. Und durch unser Vorbild wird das Licht der Liebe Gottes unter den Menschen entzündet werden. Denn Gott ist die Liebe, und alle Phänomene finden ihren Ursprung und ihre Quelle in diesem göttlichen Schöpfungsstrom. Die Liebe Gottes umgibt alles Erschaffene mit heiligem Glanz. Ohne die Liebe Gottes würde kein Lebewesen existieren. Dies ist eine klare, offenbare Einsicht und Wahrheit, es sei denn, der Mensch ist in Aberglauben eingehüllt und gefangen in seinen Vorstellungen und teilt die Menschheit nach eigener Einschätzung ein, in solche, die er liebt, und andere, die er hasst. Eine solche Haltung ist höchst unwürdig und unedel.
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Drittens: Die Religion muss Ursprung und Quelle der Liebe in der Welt sein, denn Religion ist die Offenbarung des Willens Gottes, dessen göttliche Grundlage die Liebe ist. Wenn die Religion daher Feindschaft und Hass statt Liebe bewirkt, ist ihr Nichtsein ihrem Dasein vorzuziehen.
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Viertens: Die Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang gebracht werden. Wenn die religiösen Überzeugungen der Menschheit der Wissenschaft und der Vernunft widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und ohne göttliche Legitimierung, denn Gott der Herr hat den Menschen mit Verstand ausgestattet, damit er ihn benutzt, um sich die Grundwahrheiten des Daseins zu erschließen. Der Verstand entdeckt die Wirklichkeit der Dinge, und was im Widerspruch zu seinen Schlussfolgerungen steht, ist lediglich das Resultat menschlicher Fantasie und Einbildung.
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Fünftens: Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch motiviert – zerstören die Grundlagen des Menschlichen und widersprechen den Geboten Gottes. Gott sandte Seine Propheten zu dem einen Zweck, Liebe und Einheit in den Menschenherzen hervorzurufen. Alle heiligen Bücher sind das geschriebene Wort der Liebe. Wenn sie sich als Ursache für Vorurteile und menschliche Entfremdung herausstellen, sind sie nutzlos. Deshalb stehen insbesondere religiöse Vorurteile dem Willen und Gebot Gottes entgegen. Rassistische und patriotische Vorurteile, die die Menschheit in Gruppen und Zweige aufteilen, haben ebenfalls eine falsche und nicht zu rechtfertigende Grundlage, denn alle Menschen sind die Kinder Adams und gehören im Wesentlichen zu einer Familie. Es darf keine rassistische Entfremdung oder Spaltung nach Nationen unter den Menschen geben. Solche Unterscheidungen wie französisch, deutsch, persisch, angelsächsisch sind menschengemacht und künstlich. Vor Gott haben sie weder Bedeutung noch werden sie anerkannt. Vor Ihm sind alle Menschen eins, die Kinder einer Familie; und Gott ist gleichermaßen freundlich zu ihnen. Die Erde hat eine Oberfläche. Gott hat diese Oberfläche nicht durch Grenzen und Barrieren geteilt, um Menschen nach Hautfarbe und Volkszugehörigkeit zu trennen. Der Mensch hat diese eingebildeten Linien eingerichtet und festgelegt. Er hat jedem Teilbereich einen Namen und die Grenzen eines Geburtslandes oder einer Nation gegeben. Diese Aufspaltung und Untergliederung in Gruppen und Teilbereiche der Menschheit erzeugt Vorurteile, die zu einer ergiebigen Quelle für Krieg und Streit werden. Angetrieben von diesen Vorurteilen erklären Völker und Nationen einander den Krieg. Das Blut Unschuldiger wird vergossen und die Erde wird durch Gewalt zerrissen. Deshalb hat Gott an diesem Tag verfügt, dass diese Vorurteile und Gegensätze beseitigt werden sollen. Alle sind aufgefordert, nach dem Wohlgefallen des Herrn der Einheit zu streben, Seinem Gebot zu folgen und Seinem Willen zu gehorchen; auf diese Weise wird die Menschenwelt durch wahre Liebe und Versöhnung erleuchtet werden.
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Sechstens: Die Menschheit braucht die Unterstützung durch den Heiligen Geist. Der wahre Unterschied zwischen den Menschen besteht in den göttlichen Gaben und den Eingebungen des Heiligen Geistes. Wenn der Mensch nicht zum Empfänger der himmlischen Gaben und der geistigen Segnungen wird, verbleibt er auf der Stufe des Tieres. Denn der Unterschied zwischen Tier und Mensch besteht darin, dass die Natur des Menschen mit göttlichen Möglichkeiten ausgestattet ist, während dem Tier diese Gabe und Errungenschaft völlig fehlt. Wenn also ein Mensch ohne die Eingebungen durch den Odem des Heiligen Geistes bleibt, ohne die göttlichen Gaben, ohne Berührung mit der himmlischen Welt und ohne Kenntnis der ewigen Wahrheiten, ist er in Wirklichkeit ein Tier, obwohl er aussieht wie ein Mensch. So erklärte Christus: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Das bedeutet, dass der Mensch als Gefangener körperlicher Sinneseindrücke und ohne die Entwicklung geistiger Empfindungen lediglich ein Tier ist. Aber jede Seele, die geistige Aufnahmefähigkeit besitzt und einen guten Teil der Gaben des Heiligen Geistes erlangt hat, wird durch das göttliche Leben des höheren Königreichs belebt. Die Seele, die daran keinen Anteil hat, ist wie tot. Deshalb sagte Er: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.« So wie der stoffliche Körper des Menschen seine Lebenskraft braucht, braucht auch die menschliche Seele den göttlichen Geist und die Wiederbelebung, die vom Heiligen Geist ausgeht. Ohne diese Belebung und geistige Nahrung wäre der Mensch ein Tier, nein, vielmehr tot.
103:10
Siebtens: Die Notwendigkeit von Bildung für die ganze Menschheit ist offensichtlich. Besonderes Augenmerk muss auf die Ausbildung und Unterweisung der Kinder gelegt werden. Wenn den Eltern dazu die Mittel fehlen und sie sich dies nicht leisten können, muss der Staat die nötigen Mittel dafür aufbringen. Durch den horizonterweiternden Geist der Bildung wird der Analphabetismus verschwinden und Missverständnisse aufgrund von Unwissenheit werden aussterben.
103:11
Achtens: Der Weltfrieden wird durch ein internationales Abkommen zwischen den Nationen der Welt herbeigeführt werden. Heutzutage ist die größte Katastrophe für die Menschheit der Krieg. Europa ist ein Sprengstofflager, das auf einen Funken wartet. Alle europäischen Länder sind nervös und eine einzige Flamme wird den ganzen Kontinent in Brand setzen. Kriegs- und Todeswerkzeuge werden in unvorstellbarem Ausmaß vervielfacht und verstärkt, und die Last der militärischen Unterhaltskosten belastet die verschiedenen Länder bis zur Unerträglichkeit. Armeen und Flotten verschlingen Hab und Gut des Volkes. Die schwer arbeitenden Armen, die Unschuldigen und Hilflosen werden durch Steuern gezwungen, Munition und Rüstung für Regierungen bereitzustellen, die auf Gebietseroberung und die Verteidigung gegen mächtige rivalisierende Nationen aus sind. Es gibt keine größere oder schmerzlichere Belastung in der heutigen Menschenwelt als der drohende Krieg. Daher ist der Weltfrieden eine entscheidende Notwendigkeit. Ein Schiedsgerichtshof muss eingesetzt werden, durch den internationale Streitigkeiten geschlichtet werden. Dadurch wird jede Möglichkeit für Zwietracht und Krieg zwischen den Nationen verhindert.
103:12
Neuntens: Zwischen Männern und Frauen muss Gleichberechtigung herrschen. Frauen müssen das gleiche Recht auf Bildung erhalten. Das ermöglicht es ihnen, sich auf allen Berufs- und Leistungsebenen zu qualifizieren und weiterzuentwickeln. Denn die Menschheit besitzt zwei Flügel: Mann und Frau. Wenn ein Flügel unfähig und unterentwickelt bleibt, wird das die Leistung des anderen einschränken, und ein richtiger Flug wird unmöglich. Die Vollständigkeit und Vollkommenheit der Menschenwelt hängt also von der gleichmäßigen Entwicklung dieser beiden Flügel ab.
103:13
Zehntens: Alle Menschen sollten gleiche Rechte und Befugnisse haben.
103:14
Elftens: Eine Sprache muss als internationales Sprach- und Kommunikationsmittel ausgewählt werden. Auf diese Weise wird es weniger Missverständnisse geben, Gemeinschaft wird geschaffen und die Einheit gesichert.
103:15
Dies sind einige der von Bahá’u’lláh verkündeten Grundsätze. Er brachte das Heilmittel für die Krankheiten, die jetzt die Menschenwelt plagen. Er löste die schwierigen Probleme individuellen, sozialen, nationalen und weltweiten Wohlergehens und legte die Grundlage für die göttliche Wahrheit, auf die die materielle und geistige Kultur für die vor uns liegenden Jahrhunderte gegründet werden soll.
103:16
Preis sei Gott! Ich halte diese beiden großen amerikanischen Nationen in Bezug auf alles, was mit Fortschritt und Zivilisation zu tun hat, für äußerst fähig und weit entwickelt. Diese Regierungen sind fair und gerecht. Die Motive und Ziele dieser Menschen sind erhaben und inspirierend. Daher hoffe ich, dass diese verehrten Nationen zu herausragenden Faktoren bei der Schaffung des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit werden; dass sie den Grundstein für Gleichberechtigung und geistige Bruderschaft unter den Menschen legen; dass sie die höchsten Tugenden der menschlichen Welt aufweisen, das göttliche Licht der Propheten Gottes verehren und die Einheit verwirklichen, die heute für die Belange der Nationen so notwendig ist. Ich bete, dass die Nationen des Ostens und des Westens unter der Fürsorge und Führung des göttlichen Hirten eine Herde werden. Wahrlich, dies ist das Geschenk Gottes und die größte Ehre für den Menschen. Dies ist der Ruhm der Menschheit. Dies ist das Wohlgefallen Gottes. Ich bitte Gott mit reumütigem Herzen darum.
103:17
O mein Herr! Du der Immervergebende! Wahrlich, diese Versammlung hat sich Deinem Königreich zugewandt. Wahrlich, sie gehören alle Deiner Herde an, und Du bist der eine Hirte aller. O Du wahrer Hirte! Erziehe und schule Deine Schafe auf Deinen grünen Weiden. Lass diese Vögel ihre Nester in Deinem Rosengarten bauen. Schmücke Deinen Obstgarten mit diesen frischen Pflanzen und Blumen. Erfrische diese menschlichen Bäume mit den Schauern Deiner Wohltätigkeit und Gunst. O Gott! Wahrlich, wir alle sind Deine Diener – wir alle gehören Dir – und Du bist der Eine Herr. Wir alle beten Dich an, und Du bist der wohltätige Meister. O Herr! Mache die Augen sehend, damit sie das Licht Deines Königreichs erblicken. Mache die Ohren aufmerksam, damit sie den himmlischen Ruf vernehmen. Belebe die Seelen, damit der Odem des Heiligen Geistes sie erfreue. O Herr! Wahrlich, wir sind schwach, Du aber bist allmächtig. Wir sind arm, Du aber bist reich. Habe Erbarmen mit uns. Gewähre uns einen großzügigen Anteil an Deiner Wahrheit und führe uns zur Stätte Deiner Errungenschaften. Du bist der Mächtige. Du bist der Fähige. Du bist der gütige Herr.
Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in Chicago16. September 1912– 104 –
104:0_309
16. September 1912
104:0_310
Ansprache im Haus von Frau Corinne True
5338 Kenmore Avenue, Chicago, Illinois
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