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103:5Zweitens: Die Einheit der Menschheit muss verstanden, angenommen und verwirklicht werden. Wenn wir über dieses gesegnete Prinzip nachdenken, wird klar, dass es das Heilmittel für alle menschlichen Belange ist. Alle Menschen sind Diener des herrlichen Gottes, unseres Schöpfers. Er hat alle erschaffen. Es ist gewiss, dass Seine Liebe allen gleichermaßen galt, sonst hätte Er sie nicht erschaffen. Er beschützt alle. Es ist gewiss, dass Er Seine Geschöpfe liebt, sonst würde Er sie nicht beschützen. Er sorgt für alle und erweist allen Seine Liebe, ohne jemanden zu bevorzugen. Er bekundet allen Seine vollkommene Güte und Seine liebevolle Fürsorge. Er bestraft uns nicht für unsere Sünden und Fehler, und wir sind alle in das Meer Seiner unendlichen Gnade getaucht. Da Gott mild und liebevoll zu Seinen Kindern ist, nachsichtig und barmherzig bezüglich unserer Fehler, warum sollten wir dann unfreundlich und nachtragend miteinander umgehen? Da Er alle Menschen ohne Unterschied liebt und niemanden bevorzugt – warum sollten nicht auch wir jeden auf gleiche Weise lieben? Können wir uns einen Plan und ein Konzept vorstellen, die der göttlichen Absicht überlegen wären? Offensichtlich können wir das nicht. Daher müssen wir uns bemühen, dem Willen des Allherrlichen zu entsprechen und Seinen Grundsatz der Liebe zur gesamten Menschheit zu verwirklichen. Die Weisheit und der Plan Gottes sind Wirklichkeit und Wahrheit, während die menschliche Politik willkürlich und auf unser begrenztes Verständnis beschränkt ist. Gottes Plan ist grenzenlos. Wir müssen Seinem Beispiel nacheifern. Ist ein Mensch krank und schwach, müssen wir Heilmittel herstellen; ist er unwissend, müssen wir für seine Bildung sorgen; ist er schwach, müssen wir ihn stärken und das ergänzen, was fehlt; ist er unreif und unentwickelt, müssen wir die Mittel zur Reifung bereitstellen. Niemand sollte gehasst und niemand zurückgewiesen werden, nein, gerade ihre Unvollkommenheiten sollten noch größere Freundlichkeit und zartes Mitgefühl hervorrufen. Wenn wir dem Beispiel des göttlichen Herrn folgen, werden wir die ganze Menschheit von Herzen lieben, und die Mittel zur Verwirklichung der Einheit der Menschenwelt werden uns so einleuchtend und offensichtlich erscheinen wie das Licht der Sonne. Und durch unser Vorbild wird das Licht der Liebe Gottes unter den Menschen entzündet werden. Denn Gott ist die Liebe, und alle Phänomene finden ihren Ursprung und ihre Quelle in diesem göttlichen Schöpfungsstrom. Die Liebe Gottes umgibt alles Erschaffene mit heiligem Glanz. Ohne die Liebe Gottes würde kein Lebewesen existieren. Dies ist eine klare, offenbare Einsicht und Wahrheit, es sei denn, der Mensch ist in Aberglauben eingehüllt und gefangen in seinen Vorstellungen und teilt die Menschheit nach eigener Einschätzung ein, in solche, die er liebt, und andere, die er hasst. Eine solche Haltung ist höchst unwürdig und unedel.103:6Drittens: Die Religion muss Ursprung und Quelle der Liebe in der Welt sein, denn Religion ist die Offenbarung des Willens Gottes, dessen göttliche Grundlage die Liebe ist. Wenn die Religion daher Feindschaft und Hass statt Liebe bewirkt, ist ihr Nichtsein ihrem Dasein vorzuziehen. 103:7Viertens: Die Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang gebracht werden. Wenn die religiösen Überzeugungen der Menschheit der Wissenschaft und der Vernunft widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und ohne göttliche Legitimierung, denn Gott der Herr hat den Menschen mit Verstand ausgestattet, damit er ihn benutzt, um sich die Grundwahrheiten des Daseins zu erschließen. Der Verstand entdeckt die Wirklichkeit der Dinge, und was im Widerspruch zu seinen Schlussfolgerungen steht, ist lediglich das Resultat menschlicher Fantasie und Einbildung.103:8Fünftens: Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch motiviert – zerstören die Grundlagen des Menschlichen und widersprechen den Geboten Gottes. Gott sandte Seine Propheten zu dem einen Zweck, Liebe und Einheit in den Menschenherzen hervorzurufen. Alle heiligen Bücher sind das geschriebene Wort der Liebe. Wenn sie sich als Ursache für Vorurteile und menschliche Entfremdung herausstellen, sind sie nutzlos. Deshalb stehen insbesondere religiöse Vorurteile dem Willen und Gebot Gottes entgegen. Rassistische und patriotische Vorurteile, die die Menschheit in Gruppen und Zweige aufteilen, haben ebenfalls eine falsche und nicht zu rechtfertigende Grundlage, denn alle Menschen sind die Kinder Adams und gehören im Wesentlichen zu einer Familie. Es darf keine rassistische Entfremdung oder Spaltung nach Nationen unter den Menschen geben. Solche Unterscheidungen wie französisch, deutsch, persisch, angelsächsisch sind menschengemacht und künstlich. Vor Gott haben sie weder Bedeutung noch werden sie anerkannt. Vor Ihm sind alle Menschen eins, die Kinder einer Familie; und Gott ist gleichermaßen freundlich zu ihnen. Die Erde hat eine Oberfläche. Gott hat diese Oberfläche nicht durch Grenzen und Barrieren geteilt, um Menschen nach Hautfarbe und Volkszugehörigkeit zu trennen. Der Mensch hat diese eingebildeten Linien eingerichtet und festgelegt. Er hat jedem Teilbereich einen Namen und die Grenzen eines Geburtslandes oder einer Nation gegeben. Diese Aufspaltung und Untergliederung in Gruppen und Teilbereiche der Menschheit erzeugt Vorurteile, die zu einer ergiebigen Quelle für Krieg und Streit werden. Angetrieben von diesen Vorurteilen erklären Völker und Nationen einander den Krieg. Das Blut Unschuldiger wird vergossen und die Erde wird durch Gewalt zerrissen. Deshalb hat Gott an diesem Tag verfügt, dass diese Vorurteile und Gegensätze beseitigt werden sollen. Alle sind aufgefordert, nach dem Wohlgefallen des Herrn der Einheit zu streben, Seinem Gebot zu folgen und Seinem Willen zu gehorchen; auf diese Weise wird die Menschenwelt durch wahre Liebe und Versöhnung erleuchtet werden.103:9Sechstens: Die Menschheit braucht die Unterstützung durch den Heiligen Geist. Der wahre Unterschied zwischen den Menschen besteht in den göttlichen Gaben und den Eingebungen des Heiligen Geistes. Wenn der Mensch nicht zum Empfänger der himmlischen Gaben und der geistigen Segnungen wird, verbleibt er auf der Stufe des Tieres. Denn der Unterschied zwischen Tier und Mensch besteht darin, dass die Natur des Menschen mit göttlichen Möglichkeiten ausgestattet ist, während dem Tier diese Gabe und Errungenschaft völlig fehlt. Wenn also ein Mensch ohne die Eingebungen durch den Odem des Heiligen Geistes bleibt, ohne die göttlichen Gaben, ohne Berührung mit der himmlischen Welt und ohne Kenntnis der ewigen Wahrheiten, ist er in Wirklichkeit ein Tier, obwohl er aussieht wie ein Mensch. So erklärte Christus: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Das bedeutet, dass der Mensch als Gefangener körperlicher Sinneseindrücke und ohne die Entwicklung geistiger Empfindungen lediglich ein Tier ist. Aber jede Seele, die geistige Aufnahmefähigkeit besitzt und einen guten Teil der Gaben des Heiligen Geistes erlangt hat, wird durch das göttliche Leben des höheren Königreichs belebt. Die Seele, die daran keinen Anteil hat, ist wie tot. Deshalb sagte Er: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.« So wie der stoffliche Körper des Menschen seine Lebenskraft braucht, braucht auch die menschliche Seele den göttlichen Geist und die Wiederbelebung, die vom Heiligen Geist ausgeht. Ohne diese Belebung und geistige Nahrung wäre der Mensch ein Tier, nein, vielmehr tot.103:10Siebtens: Die Notwendigkeit von Bildung für die ganze Menschheit ist offensichtlich. Besonderes Augenmerk muss auf die Ausbildung und Unterweisung der Kinder gelegt werden. Wenn den Eltern dazu die Mittel fehlen und sie sich dies nicht leisten können, muss der Staat die nötigen Mittel dafür aufbringen. Durch den horizonterweiternden Geist der Bildung wird der Analphabetismus verschwinden und Missverständnisse aufgrund von Unwissenheit werden aussterben.103:11Achtens: Der Weltfrieden wird durch ein internationales Abkommen zwischen den Nationen der Welt herbeigeführt werden. Heutzutage ist die größte Katastrophe für die Menschheit der Krieg. Europa ist ein Sprengstofflager, das auf einen Funken wartet. Alle europäischen Länder sind nervös und eine einzige Flamme wird den ganzen Kontinent in Brand setzen. Kriegs- und Todeswerkzeuge werden in unvorstellbarem Ausmaß vervielfacht und verstärkt, und die Last der militärischen Unterhaltskosten belastet die verschiedenen Länder bis zur Unerträglichkeit. Armeen und Flotten verschlingen Hab und Gut des Volkes. Die schwer arbeitenden Armen, die Unschuldigen und Hilflosen werden durch Steuern gezwungen, Munition und Rüstung für Regierungen bereitzustellen, die auf Gebietseroberung und die Verteidigung gegen mächtige rivalisierende Nationen aus sind. Es gibt keine größere oder schmerzlichere Belastung in der heutigen Menschenwelt als der drohende Krieg. Daher ist der Weltfrieden eine entscheidende Notwendigkeit. Ein Schiedsgerichtshof muss eingesetzt werden, durch den internationale Streitigkeiten geschlichtet werden. Dadurch wird jede Möglichkeit für Zwietracht und Krieg zwischen den Nationen verhindert. 103:12Neuntens: Zwischen Männern und Frauen muss Gleichberechtigung herrschen. Frauen müssen das gleiche Recht auf Bildung erhalten. Das ermöglicht es ihnen, sich auf allen Berufs- und Leistungsebenen zu qualifizieren und weiterzuentwickeln. Denn die Menschheit besitzt zwei Flügel: Mann und Frau. Wenn ein Flügel unfähig und unterentwickelt bleibt, wird das die Leistung des anderen einschränken, und ein richtiger Flug wird unmöglich. Die Vollständigkeit und Vollkommenheit der Menschenwelt hängt also von der gleichmäßigen Entwicklung dieser beiden Flügel ab.103:13Zehntens: Alle Menschen sollten gleiche Rechte und Befugnisse haben.103:14Elftens: Eine Sprache muss als internationales Sprach- und Kommunikationsmittel ausgewählt werden. Auf diese Weise wird es weniger Missverständnisse geben, Gemeinschaft wird geschaffen und die Einheit gesichert.103:15Dies sind einige der von Bahá’u’lláh verkündeten Grundsätze. Er brachte das Heilmittel für die Krankheiten, die jetzt die Menschenwelt plagen. Er löste die schwierigen Probleme individuellen, sozialen, nationalen und weltweiten Wohlergehens und legte die Grundlage für die göttliche Wahrheit, auf die die materielle und geistige Kultur für die vor uns liegenden Jahrhunderte gegründet werden soll.103:16Preis sei Gott! Ich halte diese beiden großen amerikanischen Nationen in Bezug auf alles, was mit Fortschritt und Zivilisation zu tun hat, für äußerst fähig und weit entwickelt. Diese Regierungen sind fair und gerecht. Die Motive und Ziele dieser Menschen sind erhaben und inspirierend. Daher hoffe ich, dass diese verehrten Nationen zu herausragenden Faktoren bei der Schaffung des Weltfriedens und der Einheit der Menschheit werden; dass sie den Grundstein für Gleichberechtigung und geistige Bruderschaft unter den Menschen legen; dass sie die höchsten Tugenden der menschlichen Welt aufweisen, das göttliche Licht der Propheten Gottes verehren und die Einheit verwirklichen, die heute für die Belange der Nationen so notwendig ist. Ich bete, dass die Nationen des Ostens und des Westens unter der Fürsorge und Führung des göttlichen Hirten eine Herde werden. Wahrlich, dies ist das Geschenk Gottes und die größte Ehre für den Menschen. Dies ist der Ruhm der Menschheit. Dies ist das Wohlgefallen Gottes. Ich bitte Gott mit reumütigem Herzen darum.103:17O mein Herr! Du der Immervergebende! Wahrlich, diese Versammlung hat sich Deinem Königreich zugewandt. Wahrlich, sie gehören alle Deiner Herde an, und Du bist der eine Hirte aller. O Du wahrer Hirte! Erziehe und schule Deine Schafe auf Deinen grünen Weiden. Lass diese Vögel ihre Nester in Deinem Rosengarten bauen. Schmücke Deinen Obstgarten mit diesen frischen Pflanzen und Blumen. Erfrische diese menschlichen Bäume mit den Schauern Deiner Wohltätigkeit und Gunst. O Gott! Wahrlich, wir alle sind Deine Diener – wir alle gehören Dir – und Du bist der Eine Herr. Wir alle beten Dich an, und Du bist der wohltätige Meister. O Herr! Mache die Augen sehend, damit sie das Licht Deines Königreichs erblicken. Mache die Ohren aufmerksam, damit sie den himmlischen Ruf vernehmen. Belebe die Seelen, damit der Odem des Heiligen Geistes sie erfreue. O Herr! Wahrlich, wir sind schwach, Du aber bist allmächtig. Wir sind arm, Du aber bist reich. Habe Erbarmen mit uns. Gewähre uns einen großzügigen Anteil an Deiner Wahrheit und führe uns zur Stätte Deiner Errungenschaften. Du bist der Mächtige. Du bist der Fähige. Du bist der gütige Herr. Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in Chicago16. September 1912– 104 –104:0_30916. September 1912104:0_310Ansprache im Haus von Frau Corinne True
5338 Kenmore Avenue, Chicago, Illinois104:0_311Aufzeichnungen von Gertrude Buikema104:1›Alláh’u’Abhá!‹ Preis sei Gott! Ich habe jetzt einige Tage mit euch in Liebe und Harmonie verbracht. Preis sei Gott! Eure Herzen sind rein, eure Gesichter strahlen, euer Geist ist beschwingt durch die frohe Botschaft Gottes. Ich bete für euch und erbitte himmlischen Beistand für euch, damit jeder zu einer strahlenden Kerze werde, die Licht in die Menschenwelt bringt. Möget ihr zum Inbegriff der Liebe werden. Möget ihr euch als der Glanz Gottes erweisen, erfüllt sein von der Kraft des Heiligen Geistes, und Einheit und Brüderlichkeit in der Menschenwelt bewirken, denn die Menschheit benötigt heute vor allem Liebe und Harmonie. Sollte die Welt so bleiben, wie sie heute ist, so wird große Gefahr auf sie zukommen. Wenn es jedoch zu Versöhnung und Einheit kommt, wenn Sicherheit und Vertrauen geschaffen werden, wenn wir uns mit Herz und Seele bemühen, dass die Lehren Bahá’u’lláhs in der Lebenswirklichkeit der Menschen zum Tragen kommen, dass sie Freundschaft und Eintracht bewirken, dass sie die Herzen der verschiedenen Religionen verbinden und die zerstrittenen Völker vereinen – dann erlangt die Menschheit Frieden und innere Ruhe, dann wird der Wille Gottes zum Willen des Menschen und die Erde zur Wohnstätte von Engeln. Allen wird Erziehung zukommen, Laster werden ausgemerzt, die menschlichen Werte setzen sich durch, der Materialismus wird überwunden, die Religion wird gestärkt und erweist sich als Band, das die Herzen der Menschen zusammenschweißt.104:2In der Welt des Daseins gibt es verschiedene Bande, die menschliche Herzen vereinen, aber kein Band ist vollkommen wirksam. Als Erstes haben wir das Band durch Verwandtschaftsbeziehungen. Es führt zu keiner wirksamen Einheit, denn wie oft geschieht es doch, dass Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten dieses enge Band der Gemeinschaft zerreißen. Das Band der Vaterlandsliebe kann vielleicht ein Mittel zu Brüderlichkeit und Übereinstimmung sein, aber im selben Land geboren zu sein, wird die Menschenherzen nicht völlig zusammenschweißen. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, stellen wir fest, dass häufig Menschen der gleichen Hautfarbe und desselben Ursprungs gegeneinander Krieg geführt haben. Oft haben sie im Bürgerkrieg das Blut ihres eigenen Volkes vergossen und die Besitztümer ihrer Landsleute zerstört. Daher ist dieses Band nicht ausreichend. Ein weiteres Mittel scheinbarer Einheit ist das Band politischer Allianzen, zu denen sich Regierungen und Herrscher aus Gründen der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Schutzes zusammenschließen. Solche Pakte und Vereinigungen wurden aber später zum Gegenstand von Veränderungen und erbittertem Hass bis hin zu Krieg und Blutvergießen. Es ist offensichtlich, dass die politische Einheit nicht dauerhaft wirksam ist.104:3Die Quelle der vollkommenen Einheit und Liebe in der Welt des Daseins ist das Band der einen Wahrheit. Wenn die göttliche, grundlegende Wahrheit in das Herz und das Leben der Menschen gelangt, bewahrt und schützt sie die Lebensverhältnisse der Menschheit; sie errichtet jene innere Einheit der Menschenwelt, die nur durch die Wirkkraft des Heiligen Geistes ins Dasein tritt. Denn der Heilige Geist ist wie das Leben im menschlichen Körper, das alle Unterschiede der Körperteile und Gliedmaßen in Einheit und Übereinstimmung verbindet. Bedenkt, wie viele Körperteile und Gliedmaßen es gibt, aber die Einheit des Lebensgeistes vereint sie alle in einer vollkommenen Verbindung. Er stellt eine solche Einheit im Organismus des Körpers her, dass alle anderen Körperteile und Funktionen aufgrund der vollkommenen Einheit reagieren und mitleiden, wenn irgendein Teil verletzt wird oder erkrankt. So, wie der menschliche Lebensgeist die wechselseitige Abstimmung zwischen den verschiedenen Körperteilen des menschlichen Organismus bewirkt, so ist der Heilige Geist die steuernde Ursache für die Einheit und das Zusammenwirken der Menschheit. Das heißt, der Zusammenhalt oder die Einheit der Menschheit kann tatsächlich durch nichts anderes als die Macht des Heiligen Geistes zustande kommen, denn die Menschenwelt ist ein zusammengesetzter Körper und der Heilige Geist ist das treibende Prinzip ihres Lebens.104:4Deshalb müssen wir uns bemühen, dass die Macht des Heiligen Geistes in der ganzen Menschenwelt wirksam wird, dass sie die Regierungen der Nationen und Völker neu belebt und alle in den Schutz und unter den Schirm des Wortes Gottes geführt werden. Dann wird diese Menschenwelt engelhaft, irdische Dunkelheit vergeht und himmlische Erleuchtung überflutet den Horizont, menschliche Mängel werden beseitigt und göttliche Tugenden erstrahlen. Das ist wirklich möglich, aber nur durch die Macht des Heiligen Geistes. Was die Welt heute am dringendsten braucht, ist die belebende, einigende Gegenwart des Heiligen Geistes. Solange er keine Wirkung entfaltet, Herzen und Seelen nicht erreicht und durchdringt und kein fester, vernünftiger Glaube im Verstand der Menschen verankert ist, solange kann die menschliche Gesellschaft nicht mit Sicherheit und Zuversicht erfüllt sein. Im Gegenteil, Feindschaft und Streit werden von Tag zu Tag zunehmen, und die Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Völkern werden sich noch verschlimmern. Die Armeen und Flotten der Welt werden kontinuierlich aufgestockt, und die Angst und Gewissheit, dass ein großer weltumspannender Krieg ausbricht – ein historisch beispielloser Krieg – werden immer stärker; denn die bisher begrenzte Aufrüstung wird jetzt in gewaltigem Maße vorangetrieben. Die Lage spitzt sich zu und nähert sich einem Ausmaß, in dem sich Menschen auf dem Meer, dem Land und selbst in der Luft mit einer Gewalt bekämpfen werden, die frühere Jahrhunderte nicht kannten. Mit zunehmender Aufrüstung und Kriegsvorbereitung nehmen die Gefahren immens zu.104:5Wir müssen uns mit all unseren Kräften dafür einsetzen, dass der Heilige Geist Herz und Verstand zum Frieden bewegt, die Gaben Gottes die Menschen umfangen, die göttlichen Segnungen sie fortlaufend erreichen, die Menschenseelen Fortschritte machen, der Verstand sein Vorstellungsvermögen erweitert, die Seelen heiliger werden und die Menschenwelt vor dieser großen Bedrohung bewahrt wird. Für die Besserung der Welt erduldete Bahá’u’lláh alle Härten, Qualen und Widrigkeiten des Lebens, indem Er Sich und Sein eigenes Wohl opferte, Vermögen, Besitz und Ansehen verlor – all das, was zum menschlichen Leben gehört –, nicht ein Jahr, nein, fast fünfzig Jahre hindurch. Während dieser langen Zeit war Er Verfolgungen und Misshandlungen ausgesetzt, wurde eingekerkert, aus Seiner Heimat vertrieben, erduldete Härten und Erniedrigungen und wurde viermal verbannt. Zunächst wurde Er aus Persien nach Baghdád verbannt, dann nach Konstantinopel, von dort nach Rumelien und schließlich in die große Gefängnisfestung von ‘Akká in Syrien, wo Er den Rest Seines Lebens verbrachte. Jeden Tag ertrug Er neue Unterdrückung und Misshandlung, bis Er Seinen Flug aus dem Kerker in die höhere Welt nahm und zu Seinem Herrn zurückkehrte. Er ertrug diese Qualen und Schwierigkeiten, damit diese irdische Menschenwelt himmlisch werde, damit die Erleuchtung des göttlichen Königreichs in den Herzen der Menschen Wirklichkeit werde, auf dass jeder Einzelne Fortschritte mache, die Kraft des Heiligen Geistes durchdringender und wirksamer werde und das Glück der Menschenwelt gesichert sei. Er wünschte Ruhe und Gelassenheit für alle und erwies allen Nationen liebevolle Güte, ungeachtet äußerer Umstände und Unterschiede. Er sprach die Menschheit an mit den Worten: »O Menschen! Wahrlich, ihr seid alle die Blätter und Früchte eines Baumes, ihr seid alle eins. Deshalb verbindet euch in Freundschaft! Liebet einander! Beseitigt jede Form von Vorurteilen bezüglich der Hautfarbe und Herkunft! Vertreibt für immer diese düstere Finsternis menschlicher Unwissenheit, denn das Jahrhundert des Lichtes und die Sonne der Wahrheit sind erschienen! Jetzt ist die Zeit der Zusammengehörigkeit und jetzt ist die Zeit für Einheit und Eintracht. Seit Jahrtausenden habt ihr in Kriegen und Auseinandersetzungen gekämpft. Es ist genug. Jetzt ist die Zeit für Einheit. Legt jeden Eigennutz beiseite und seid gewiss, dass alle Menschen die Diener des einen Gottes sind, Der sie in Liebe und Übereinstimmung miteinander verbindet.«104:6Da in der Vergangenheit große Unterschiede und Gegensätze zwischen den Konfessionen aufgetreten waren und jeder Mensch seine neuen Ideen Gott zuschrieb, wünschte sich Bahá’u’lláh, dass es unter den Bahá’í keinen Grund für Meinungsverschiedenheiten geben soll. Deshalb schrieb Er mit Seiner eigenen Feder das Buch Seines Bundes und richtete Sich an Seine Verwandten und alle Menschen auf der Welt mit den Worten: »Wahrlich, ich habe Den ernannt, Der der Mittelpunkt Meines Bundes ist. Alle müssen Ihm gehorchen. Alle müssen sich Ihm zuwenden. Er ist der Ausleger Meines Buches und Er ist wohlunterrichtet über Meine Absichten. Alle müssen sich Ihm zuwenden. Was immer Er sagt, ist richtig, denn wahrlich, Er kennt den Text Meines Buches. Außer Ihm kennt niemand Mein Buch.« Der Zweck dieser Erklärung ist, dass es niemals Uneinigkeit und Spaltung unter den Bahá’í geben sollte, dass sie vielmehr immer geeint und einig sein sollten. In Seinen Gebeten sagte Bahá’u’lláh auch: »O Gott! Wer immer Meinen Bund bricht, o Gott, demütige ihn. Wahrlich, wer immer Meinen Bund bricht, o Gott, lösche ihn aus und beseitige ihn.« In all Seinen Sendschreiben, zu denen auch die Tafel vom Ast gehört, hat Er die Eigenschaften und Qualitäten der Person, auf die Er sich im Buche Seines Bundes bezog, erwähnt und erklärt. Er hat die Funktion und Macht dieser Person vollständig dargelegt, sodass niemand sagen soll: »Ich verstehe dies aus den Schriften Bahá’u’lláhs«, denn Er hat den Mittelpunkt des Bundes und befugten Ausleger des Buches bestimmt. Er sagte: »Wahrlich, Er ist der Ernannte; es gibt keinen anderen außer Ihm.« Damit wollte Er verhindern, dass Sekten oder Vorurteile entstehen und irgendwer, der irgendwelche neuen Gedanken hat, Zwietracht und Unstimmigkeit stiften kann. Es ist, als würde ein König einen Generalgouverneur ernennen. Wer diesem gehorcht, gehorcht dem König. Wer sein Gebot verletzt und ihm nicht gehorcht, verletzt das Gebot des Königs. Wer deshalb dem von Bahá’u’lláh ernannten Mittelpunkt des Bundes gehorcht, der hat Bahá’u’lláh gehorcht, und wer Ihm nicht gehorcht, der hat Bahá’u’lláh nicht gehorcht. Dies hat überhaupt nichts mit Ihm (‘Abdu’l-Bahá) persönlich zu tun; es ist wie bei dem vom König ernannten Generalgouverneur: Wer dem Generalgouverneur gehorcht, gehorcht dem König, und wer dem Generalgouverneur nicht gehorcht, gehorcht dem König nicht.104:7Deshalb müsst ihr die Sendschreiben Bahá’u’lláhs lesen. Ihr müsst die Tafel vom Ast lesen und das beachten, was Er so klar festgestellt hat. Hütet euch! Hütet euch! Niemand sollte sich auf die Autorität seiner eigenen Gedanken berufen oder aus sich selbst heraus etwas Neues erschaffen. Hütet euch! Hütet euch! Wie im Bunde Bahá’u’lláhs ausdrücklich festgelegt ist, solltet ihr euch überhaupt nicht mit einer solchen Person abgeben. Bahá’u’lláh meidet solche Seelen. Ich habe diese Dinge für euch dargelegt, um die Lehren Bahá’u’lláhs zu bewahren und zu schützen, damit ihr informiert seid und keiner euch täuschen und niemand Zweifel unter euch streuen mag. Ihr müsst alle Menschen lieben, doch wenn irgendjemand euch in Zweifel stürzen will, so müsst ihr wissen, dass sich Bahá’u’lláh von ihm getrennt hat. Wer für Einheit und Gemeinschaft arbeitet, ist ein Diener Bahá’u’lláhs, und Bahá’u’lláh ist sein Beistand und Helfer. Ich bitte Gott, dass Er euch zum wahren Mittel der Einigkeit und Einheit mache, zu strahlenden, barmherzigen, himmlischen Kindern des göttlichen Königreichs; dass ihr Tag für Tag Fortschritte macht; dass ihr so hell strahlt wie diese Lampen und der ganzen Menschheit Licht spendet. Seid herzlich gegrüßt und lebt wohl! Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in Minneapolis20. September 1912– 105 –105:0_31220. September 1912105:0_313Ansprache im Haus von Herrn Albert L. Hall
2030 Queen Avenue South, Minneapolis, Minnesota105:0_314Aufzeichnungen von Ellen T. Pursell105:1Preis sei Gott! Dies ist eine wundervolle und strahlende Zusammenkunft. Es ist eine segensreiche Versammlung, denn ihr trefft euch hier in größter Liebe und Geistigkeit. Es gibt viele Treffen auf der Welt, von denen vielleicht Tausende in diesem Moment abgehalten werden, hauptsächlich mit sozialen, politischen, wissenschaftlichen oder kommerziellen Zielen. Unsere heutige Versammlung jedoch dient Gott und himmlischen Zielen. Wir haben weder geschäftliche noch wissenschaftliche Interessen; unser Geist und unsere Beweggründe richten sich allein auf das Verkünden göttlicher Gaben.105:2Die Fähigkeiten des Menschen sind von zweierlei Art: Die eine ist im Wesentlichen materieller Natur, die andere geistig. Beispielsweise besitzt der Körper des Menschen bestimmte materielle Fähigkeiten, doch im Geist des Menschen zeigen sich Fähigkeiten, die geistiger Natur sind. Das Sehvermögen des Menschen ist eine körperliche Funktion, während Einsicht, also die Fähigkeit zur inneren Wahrnehmung, ihrem Wesen nach geistig ist. Der Gehörsinn ist eine körperliche Begabung, während das Erinnerungsvermögen des Menschen geistig ist. Unter den menschlichen Kräften ist die Umsetzung gedanklicher und intellektueller Prozesse materiell, doch die Kraft der Liebe ist geistig. Das Erfassen der Wirklichkeit eines Phänomens ist eine geistige Fähigkeit, ebenso wie das Gefühlsleben des Menschen und seine Fähigkeit, die Existenz Gottes zu beweisen. Die Erkenntnis ethischer Normen und das Erforschen der Welt erfordern Fähigkeiten, die im Wesentlichen geistiger Natur sind.105:3Wenn wir die Geschichte betrachten, erkennen wir, dass der menschliche Fortschritt in der Entwicklung materieller Fertigkeiten am größten war. Die Zivilisation ist das Zeichen und der Beweis für diesen Fortschritt. Überall auf der Welt hat die materielle Zivilisation wahrhaft wunderbare Höhen und Grade des Fortschritts erreicht – das heißt, die äußeren Kräfte und Fähigkeiten des Menschen haben sich stark entwickelt, die inneren geistigen Qualitäten wurden jedoch im Vergleich dazu vernachlässigt und zurückgestellt. Jetzt ist der Zeitpunkt in der Weltgeschichte, sich anzustrengen und den Fortschritt und die Entwicklung innerer Kräfte voranzutreiben – das heißt, wir müssen uns der Entwicklung der Ethik widmen, denn die ethischen Werte der Menschen bedürfen einer Neuausrichtung. Wir müssen uns auch mit der Verstandeswelt befassen, damit der Verstand der Menschen gestärkt und die Wahrnehmung geschärft wird, um so dem Intellekt des Menschen zur Vorherrschaft zu verhelfen, sodass die geistigen Fähigkeiten zum Vorschein kommen können. Bevor ein Schritt in diese Richtung unternommen wird, müssen wir in der Lage sein, das Göttliche vom Standpunkt der Vernunft aus zu beweisen, damit für den Rationalisten kein Zweifel oder Einwand bestehen bleibt. Danach müssen wir in der Lage sein, die Existenz der Gnade Gottes zu beweisen – dass die göttliche Gnade die Menschheit umfasst und dass sie übersinnlich ist. Sodann müssen wir aufzeigen, dass der Geist des Menschen unsterblich ist, dass er nicht zerfällt und dass er die menschlichen Tugenden in sich trägt.105:4Materielle Errungenschaften haben eine hohe Entwicklungsstufe erreicht, während geistige Fähigkeiten weit zurückgeblieben sind. Wenn man tausend Personen fragen würde: »Welche Beweise für die Existenz des Göttlichen gibt es?«, könnte vielleicht nicht eine von ihnen antworten. Wenn man weiter fragte: »Welche Beweise für das Wesen Gottes kennst du?« »Wie erklärst du Inspiration und Offenbarung?« »Welche Hinweise für eine bewusste Intelligenz jenseits des materiellen Universums gibt es?« »Kannst du einen Plan und eine Methode zur Verbesserung der menschlichen Ethik vorschlagen?« »Kannst du die Welt der Natur und die Welt des Göttlichen genau erklären und voneinander unterscheiden?« – Die Antworten auf diese Fragen würden nur sehr wenig wirkliches Wissen und Einsicht enthalten. Das liegt daran, dass die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten vernachlässigt wurde. Die Menschen sprechen vom Göttlichen, aber die Ideen und Überzeugungen, die sie bezüglich der Göttlichkeit haben, sind in Wirklichkeit Aberglaube. Das Göttliche ist der Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Manifestation geistiger Kräfte und geistiger Mächte. Die verstandesmäßigen Beweise für das Göttliche beruhen auf Beobachtungen und Hinweisen, die ein entscheidendes Argument darstellen und auf logische Weise die göttliche Wirklichkeit, den Glanz der Barmherzigkeit, die Gewissheit der Inspiration und die Unsterblichkeit des Geistes beweisen. Dies ist die wahre Wissenschaft über das Göttliche. Das Göttliche ist nicht so, wie es in Dogmen und Predigten der Kirche dargestellt wird. Wenn das Wort ›Göttlichkeit‹ erwähnt wird, verbinden Zuhörer damit gewöhnlich gewisse Formeln und Lehrsätze, während es im Wesentlichen die Weisheit und Erkenntnis Gottes, den Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Offenbarung der Wahrheit und die göttliche Philosophie bezeichnet.105:5Es gibt zwei Arten von Philosophie: Naturphilosophie und göttliche Philosophie. Die Naturphilosophie strebt nach Wissen über physikalische Wahrheiten und erklärt materielle Phänomene, während die göttliche Philosophie sich mit geistigen Wahrheiten und spirituellen Phänomenen befasst. Das Betätigungsfeld und der Umfang der Naturphilosophie haben sich beträchtlich erweitert, und ihre Errungenschaften sind höchst lobenswert, denn sie dienen der Menschheit. Aber wie der Zustand der gegenwärtigen Welt beweist, wurde die göttliche Philosophie außer Acht gelassen und vernachlässigt; ihr Ziel ist die Veredelung der menschlichen Natur, geistiger Fortschritt, himmlische Führung für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, Annäherung an den Odem des Heiligen Geistes und die Erkenntnis der Wahrheiten Gottes. Jetzt ist es an der Zeit, uns anzustrengen und es der göttlichen Philosophie zu ermöglichen, mit der Philosophie der materiellen Forschung gleichzuziehen, damit das Erwachen der geistigen Fähigkeiten mit der Entfaltung der natürlichen Kräfte gleichermaßen voranschreitet. Im gleichen Maße, in dem der menschliche Körper sich entwickelt, muss der Geist des Menschen gestärkt werden; und genauso wie seine äußere Wahrnehmungskraft geschärft wird, müssen seine inneren intellektuellen Fähigkeiten sensibilisiert werden, damit er sich nicht völlig auf Traditionen und menschliche Vorbilder verlassen muss. In Fragen, die das Göttliche betreffen, dürfen wir uns nicht ausschließlich auf überlieferte Traditionen und frühere menschliche Erfahrungen verlassen; nein, stattdessen müssen wir den Verstand nutzen, die präsentierten Fakten analysieren und logisch untersuchen, damit Vertrauen aufgebaut und der Glaube erlangt wird. Nur dann wird uns die Wirklichkeit der Dinge offenbar. Die Philosophen Griechenlands – wie Aristoteles, Sokrates, Platon und andere – widmeten sich der Untersuchung sowohl natürlicher als auch geistiger Phänomene. In ihren Schulen diskutierten sie sowohl über die Welt der Natur als auch über die übernatürliche Welt. Heute sind die Philosophie und Logik von Aristoteles weltweit bekannt. Weil die griechischen Philosophen sowohl an natürlicher als auch an göttlicher Philosophie interessiert waren und die Entwicklung der materiellen Welt der Menschheit ebenso förderten wie der geistigen, leisteten sie der Menschheit einen lobenswerten Dienst. Deshalb konnten sich ihre Lehren und Prinzipien durchsetzen und überleben. Der Mensch sollte diese beiden Wege der Forschung und Untersuchung fortsetzen, damit sich alle menschlichen Fähigkeiten, die äußeren und die inneren, entwickeln können. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten, sowohl der materiellen als auch der geistigen, hängt von der intelligenten Erforschung der Wahrheit ab, durch die die Erhabenheit des Menschen und sein geistiger Fortschritt erreicht werden. Bräuche und Rituale müssen überwunden und aufgegeben werden. Man muss nach der Wahrheit streben. Wir müssen selbst entdecken, wo und was Wahrheit ist. In ihren religiösen Überzeugungen ahmen Völker und Nationen heute ihre Vorfahren und Vorväter nach. Wenn der Vater eines Mannes ein Christ war, ist er selbst ein Christ. Ein Buddhist ist der Sohn eines Buddhisten, ein Zoroastrier der Sohn eines Zoroastriers. Ein Heide oder Götzendiener folgt den Fußspuren seines Vaters und seiner Vorfahren. Das ist reine Nachahmung. Heutzutage muss der Mensch unabhängig und unparteiisch jede Form der Wirklichkeit erforschen.105:6Die entscheidende Rolle für die Menschheit spielt die Religion. Die erste Voraussetzung ist, dass der Mensch ihre Grundlagen mit dem Verstand erforschen muss. Die zweite Voraussetzung ist, dass er die Einheit der Menschheit eingestehen und anerkennen muss. Dadurch wird echte Freundschaft unter den Menschen möglich und die Entfremdung von Volksgruppen und Einzelpersonen verhindert. Alle müssen als Diener Gottes wahrgenommen werden, alle müssen Gott als den einen gütigen Beschützer und Schöpfer erkennen. In dem Maß, in dem die Einheit und Verbundenheit der Menschheit anerkannt wird, wird Freundschaft möglich, werden Missverständnisse beseitigt und wird die Wahrheit sichtbar. Dann wird das Licht der Wahrheit erstrahlen, und wenn die Wahrheit die Welt erleuchtet, wird das Glück der Menschheit Wirklichkeit. Der Mensch muss sich auf geistiger Ebene bewusst werden, dass die Religion von Gott dazu bestimmt ist, das Mittel der Gnade, die Quelle des Lebens und die Ursache der Eintracht zu sein. Wenn sie zur Ursache für Zwietracht, Feindschaft und Hass wird, ist es besser, wenn der Mensch ohne Religion ist. Denn in ihren Lehren suchen wir den Geist der Güte und Liebe, um die Menschenherzen zu verbinden. Wenn wir dagegen feststellen, dass sie zu Entfremdung und Verbitterung im Herzen führt, ist es gerechtfertigt, sie aufzugeben. Wenn darum der Mensch durch ernsthaftes Forschen die grundlegende Wahrheit der Religion entdeckt, verschwinden seine früheren Vorurteile, und sein neuer Zustand der Erleuchtung trägt zur Entwicklung der Menschenwelt bei.105:7Es geht bei diesem Thema darum, dass der Mensch formale Bildung ebenso wie geistige Veredelung braucht. So, wie das äußere Sehvermögen für ihn unentbehrlich ist, sollte er auch Einsicht und bewusste Wahrnehmung besitzen. So, wie er das Hörvermögen benötigt, ist zugleich das Gedächtnis wesentlich. So, wie ein Körper für ihn unverzichtbar ist, bedarf er auch eines Geistes. Das eine ist eine materielle Fähigkeit, das andere eine geistige. Als menschliche Wesen, die wir mit dieser zweifachen Begabung ausgestattet und befähigt sind, müssen wir uns bemühen, mit göttlicher Hilfe und Gnade und durch den Einsatz unserer geistigen Verstandeskraft alle erhabenen Tugenden zu erlangen, damit wir den Glanz der Sonne der Wahrheit bezeugen können, den Geist des Königreichs widerspiegeln, die offenkundigen Zeichen der Wirklichkeit des Göttlichen erkennen, die unwiderlegbaren Beweise für die Unsterblichkeit der Seele begreifen, in bewusstem Einklang mit der ewigen Welt leben und durch das Leben für Gott und die Liebe zu Ihm belebt und erweckt werden. Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in St. Paul
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