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106:1Die Materialisten halten an der Meinung fest, dass die Welt der Natur vollständig ist. Die göttlichen Philosophen erklären, dass die Welt der Natur unvollständig ist. Zwischen diesen beiden Gruppen besteht ein großer Unterschied. Die Materialisten verweisen auf die Vollkommenheit der Natur, auf die Sonne, den Mond und die Sterne, auf die Bäume in ihrer Pracht, auf die ganze Erde und das Meer – darauf, dass selbst unbedeutende Erscheinungen eine höchst vollkommene Ordnung offenbaren. Die göttlichen Philosophen stellen diese scheinbare Vollkommenheit und Vollständigkeit im Reich der Natur in Abrede, wenngleich sie die Schönheit in ihren Erscheinungen und Aspekten eingestehen und die überwältigenden kosmischen Kräfte anerkennen, die die gigantischen Sonnensysteme beherrschen. Sie sind der Meinung, dass die Natur zwar vollkommen erscheint, gleichwohl aber unvollkommen ist, weil sie des Verstandes und der Erziehung bedarf. Zum Beweis dafür sagen sie, dass der Mensch, obwohl er im Bereich der stofflichen Gestaltung geradezu ein Gott ist, selbst einen Erzieher braucht. Ein Mensch ohne Erziehung und Bildung ist wild, tierisch und brutal. Gesetze und Regeln, Schulen, Akademien und Universitäten zielen auf die Ausbildung des Menschen ab und darauf, dass er über die dunklen Grenzen des Tierreiches hinausgehoben wird. Welchen Unterschied gibt es zwischen den Menschen in Amerika und den Einwohnern Zentralafrikas?106:2Alle sind Menschen. Warum haben die Menschen in Amerika eine hohe Zivilisationsstufe erreicht, während die Stämme Zentralafrikas noch äußerst unwissend und grob sind? Sie unterscheiden sich durch den Grad ihrer Bildung. Das ist unbestritten. Die Menschen in Europa und Amerika konnten sich durch Schulung und Bildung aus der mangelhaften Welt erheben und befinden sich auf dem Weg zur Vervollkommnung, während die Menschen in Afrika, denen die Bildungsmöglichkeiten fehlen, in einem ursprünglichen Zustand des Analphabetismus und in Bedürftigkeit verharren, denn die Natur ist unvollständig und mangelhaft. Bildung und Erziehung sind eine Notwendigkeit. Wenn ein Stück Boden in seinem natürlichen und ursprünglichen Zustand belassen wird, wird daraus entweder dornige Wildnis oder es wird von wertlosem Unkraut überwuchert. Wenn dasselbe unproduktive Feld gerodet und kultiviert wird, wird es reiche Erträge an Nahrungsmitteln für die Versorgung der Menschen hervorbringen.106:3Der gleiche Unterschied zeigt sich bei den Tieren. Einige wurden domestiziert und trainiert, andere in ihrem wilden Zustand belassen. Das ist ein klarer Beweis dafür, dass die Welt der Natur unvollkommen, die Welt der Erziehung und Bildung dagegen vollkommen ist. Das heißt, der Mensch wird durch Schulung und Kultur von den Zwängen der Natur befreit. Folglich sind Bildung und Erziehung zwingend notwendig. Aber es gibt verschiedene Arten von Bildung und Erziehung. Es gibt das Training und die Entwicklung des stofflichen Körpers, die für Kraft und Wachstum sorgen. Es gibt die intellektuelle Bildung, für die Schulen und Universitäten gegründet wurden. Die dritte Art von Erziehung und Bildung ist die des Geistes. Durch den Odem des Heiligen Geistes wird der Mensch in die Welt der Ethik erhoben und vom Licht göttlicher Gaben erleuchtet. Die Welt der Ethik wird nur durch den Glanz der Sonne der Wahrheit und die Belebung mit dem göttlichen Geist erreicht. Aus diesem Grund erscheinen die heiligen Manifestationen in der Menschenwelt. Sie kommen, um die Menschheit zu erziehen und zu erleuchten, ihr geistige Aufnahmefähigkeit zu verleihen, die innere Wahrnehmung zu schärfen und dadurch die Wirklichkeit des Menschen – den menschlichen Tempel – mit göttlichen Gnadengaben zu schmücken. Durch Sie kann der Mensch zum Brennpunkt der Ausstrahlung Gottes und zum Empfänger himmlischer Gaben werden. Durch den Einfluss Ihrer Lehren kann er zur Verkörperung des Glanzes Gottes werden und zu einem Magneten, der das Licht der höchsten Welt anzieht. Aus diesem Grund sind die heiligen, göttlichen Manifestationen die ersten Lehrer und Erzieher der Menschheit. Ihre Spuren sind das beste Zeugnis, und Ihre spirituelle Unterweisung ist universell auf die Menschenwelt anwendbar. Ihr Einfluss und ihre Macht sind unermesslich und grenzenlos. Eine einzelne himmlische Persönlichkeit hat viele Länder entwickelt. Jesus Christus beispielsweise unterrichtete allein und ohne Hilfe das römische, griechische und assyrische Volk und ganz Europa. Es ist darum offensichtlich, dass die wichtigste Erziehung die des Geistes ist.106:4Der Geist des Menschen muss seine Gaben aus dem Reich Gottes beziehen, damit er zum Spiegel und zum Zeichen des Lichtes und zum Ausgangspunkt der göttlichen Spuren wird. Denn die menschliche Wirklichkeit ist wie der Erdboden. Wenn kein segensreicher Regen vom Himmel auf den Boden fällt und keine Sonnenwärme eindringt, wird er schwarz, abstoßend und unfruchtbar. Aber wenn Regenschauer und die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihn fallen, wachsen schöne und duftende Blumen aus seinem Schoß. Gleicherweise wird auch der menschliche Geist – die Wirklichkeit des Menschen – nicht zum Zeichen geistiger Gaben werden, solange er nicht Empfänger des Lichtes des Königreiches wird, Empfänglichkeit für das Göttliche entwickelt und den Glanz Gottes bewusst widerspiegelt, denn nur die Wirklichkeit des Menschen kann zu einem Spiegel werden, in dem sich das Licht Gottes offenbart. Die Wirklichkeit des Menschen wird dann wie der Geist dieser Welt sein; denn so wie der Lebenstrieb den stofflichen menschlichen Körper belebt, so wird der Körper der Welt durch die anregende Kraft des geheiligten menschlichen Geistes belebt.106:5Es ist einleuchtend, dass die heiligen Manifestationen und göttlichen Aufgangsorte notwendig sind, denn diese gesegneten und herrlichen Seelen sind die allerersten Lehrer und Erzieher der Menschheit, und alle menschlichen Seelen werden durch Sie mithilfe der Gabe des Heiligen Geistes Gottes entwickelt.106:6Während Seines Wirkens war Jesus Christus in Palästina von Menschen verschiedener Völker umgeben, einschließlich der Juden, die alle in einem Zustand extremer Unwissenheit lebten, des Wortes Gottes beraubt und mit verblendetem Bewusstsein. Christus erzog diese Menschen und belebte sie mit dem lebendigen Wort, sodass sie ihrerseits Instrumente zur Erziehung der Welt wurden und den Osten und den Westen erleuchteten.106:7Denkt an die wunderbare Wirkung geistiger Erziehung und Bildung. Durch sie wurde der Fischer Petrus in den größten aller Lehrer verwandelt. Die geistige Erziehung machte die Jünger zu strahlenden Lampen in der Finsternis der Welt und bewirkte, dass die Christen des ersten und zweiten Jahrhunderts überall für ihre Tugenden bekannt wurden. Sogar Philosophen haben das bezeugt. Unter ihnen war Galen, der Arzt, der ein Buch über den Fortschritt der Völker schrieb. Er war ein gefeierter griechischer Philosoph, jedoch kein Christ. In seinem Buch sagte er, dass religiöse Glaubensvorstellungen einen gewaltigen Einfluss auf die Zivilisation ausüben und dass die Welt solchen Glauben braucht. Zum Beweis sagte er im Wesentlichen: »In unserer Zeit gibt es ein bestimmtes Volk, Christen genannt, die weder Philosophen noch geschulte Gelehrte sind, und doch allen anderen hinsichtlich ihrer Moral und Sitten überlegen sind. Sie sind ethisch-moralisch vollkommen. Jeder von ihnen ist wie ein großer Philosoph in Bezug auf Moral, Ethik und Hinwendung zum Reich Gottes.« Diese Aussagen eines Beobachters mit klarem Verstand belegen, dass geistige Erziehung und Bildung das Licht der Menschenwelt sind und dass ihr Fehlen in der Welt nichts als Dunkelheit ist.106:8Bahá’u’lláh erschien in Persien zu einer Zeit, als das Dunkel der Unwissenheit den Osten einhüllte und es keine Spur menschlicher Liebe und Gemeinschaft gab. Durch göttliche Erziehung und die Kraft des Odems des Heiligen Geistes veredelte Er die Seelen der Perser, die Ihm folgten, so sehr, dass sie eine Stufe höchster Einsichtsfähigkeit erreichten und der Welt die Attribute der Vollkommenheit widerspiegelten. Waren sie früher unwissend, wurden sie wissend; waren sie schwach, wurden sie mächtig; waren sie charakterlos, wurden sie gewissenhaft. Waren sie feindselig gegenüber allen, entwickelten sie Liebe zur Menschheit; waren sie geistig nachlässig, wurden sie achtsam und aufmerksam; schliefen sie, so erwachten sie; waren sie untereinander uneins, wurden sie in Liebe einig und sind jetzt bestrebt, der Menschheit zu dienen. Der Dienst für Gott und die Menschheit ist ihre einzige Absicht; sie haben weder Wunsch noch Verlangen außer dem, was dem Wohlgefallen Gottes entspricht. Das Wohlgefallen Gottes zeigt sich in der Liebe zu Seinen Geschöpfen. Jeder einzelne Mensch sollte nach Gottes Plan und Willen erleuchtet werden wie eine Lampe, die alle Tugenden, die der Menschheit bestimmt sind, ausstrahlt und seine Mitgeschöpfe aus dem Dunkel der Natur zum himmlischen Licht führt. Darin liegen Tugenden und Ruhm der Menschheit. Das ist Vollkommenheit, Ehre und Ruhm des Menschen. Andernfalls ist der Mensch ein Tier und unterscheidet sich nicht von den Geschöpfen jenes niedrigeren Reiches.106:9Obwohl der Mensch Kräfte mit dem Tier gemeinsam hat, unterscheidet er sich jedoch offenkundig vom Tier durch intellektuelle Errungenschaften, geistige Wahrnehmung, die Aneignung von Tugenden und durch die Fähigkeit, Gottes Gaben, die Freigebigkeit des Herrn und Ausstrahlung himmlischer Gnade zu empfangen. Dies ist die Zierde des Menschen, seine Ehre und Erhabenheit. Die Menschheit muss nach dieser höchsten Stufe streben. Christus hat diese Stufe als die zweite Geburt bezeichnet. Der Mensch wird zuerst aus einer Welt der Dunkelheit, dem Mutterleib, in diese stoffliche Welt des Lichtes hineingeboren. In der dunklen Welt, aus der er kam, hatte er keine Kenntnis von den Vorzügen dieses Daseins. Er wurde aus einem Zustand der Dunkelheit befreit und in ein neues, weites Reich gebracht, wo es Sonnenlicht gibt, die Sterne leuchten, der Mond strahlt, wo es schöne Anblicke, Rosengärten, Früchte und alle Segnungen dieser Welt gibt. Wie ist er zu diesen Segnungen gekommen? Indem seine Mutter ihn auf die Welt brachte. So, wie der Mensch körperlich in diese Welt hineingeboren wurde, kann er aus diesem Reich, dem Mutterleib der Natur, wiedergeboren werden, denn das Reich der Natur ist ein Zustand des Tierischen, der Dunkelheit und des Mangels. Bei dieser zweiten Geburt gelangt er in die Welt des Gottesreiches. Dort erlebt und erkennt er, dass die Welt der Natur eine düstere Welt ist, das Königreich dagegen eine Welt strahlenden Glanzes. Die Welt der Natur ist eine Welt der Mängel, das Königreich ist ein Reich der Vollkommenheit. Die Welt der Natur ist eine Welt ohne Licht, das Königreich der vergeistigten Menschheit ist ein Himmel der Erleuchtung. Jetzt sind dem Menschen große Entdeckungen und Offenbarungen möglich; er kann die Wirklichkeit wahrnehmen; sein Verständnisvermögen hat sich grenzenlos erweitert; er sieht die Wirklichkeiten der Schöpfung, versteht die göttlichen Gaben und entschlüsselt die Geheimnisse der Erscheinungswelt. Diese Stufe bezeichnete Christus als die zweite Geburt. Er sagt, so wie ihr körperlich von der Mutter in diese Welt hineingeboren wurdet, müsst ihr noch einmal aus dem Mutterleib der Natur in das Leben des Gottesreiches hineingeboren werden. Möget ihr alle diese zweite, geistige Geburt erfahren. »Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.«106:10Ich bete, dass die Unterstützung Gottes auf euch herabkommt. Möget ihr alle aus dieser sterblichen Welt in das Königreich wiedergeboren werden. Möget ihr der Zeichen Gottes deutlich gewahr werden, die Vorzüge des Göttlichen spüren, die ewigen Gaben erlangen und die Wahrheit des ewigen Lebens erkennen. Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Denver24. bis 25. September 1912– 107 –107:0_31824. September 1912107:0_319Ansprache im Haus von Frau Sidney E. Roberts
Denver, Colorado107:0_320Nach einer stenografischen Mitschrift107:1Um Euch zu besuchen, bin ich aus fernen Landen des Ostens gekommen, habe den großen Ozean überquert und bin eine weite Strecke auf diesem Kontinent gereist. Seht, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, euch zu treffen. Mein Körper ist gebrechlich und schwach, kann keine längeren Strapazen durchhalten, und doch sind wir – Preis sei Gott – endlich in Denver angekommen. Für eine solche Versammlung muss man dankbar sein. Sie ist unvergleichlich und einzigartig unter allen Begegnungen. Andere Treffen werden aufgrund materieller Interessen abgehalten – beispielsweise soziale, politische, kommerzielle und bildungsbezogene –, aber diese Zusammenkunft hat kein anderes Ziel, als die Annäherung an das Gottesreich. Darum ist sie einzigartig und unvergleichlich. Die Herzen haben sich Gott zugewandt, die Seelen sind von der frohen Botschaft Gottes begeistert und das Streben aller ist auf Gott gerichtet. Welch besseres Treffen wäre vorstellbar?107:2Ein solches Treffen ist grundlegend geistiger Natur, aufrichtig und höchst bedeutsam. Wir müssen uns erheben, um seine Zwecke zu verwirklichen, da unsere Aufmerksamkeit auf das himmlische Reich gerichtet ist, dem wir treue Dienste erweisen müssen. Daher müssen alle Anwesenden in einer Haltung vollkommener Liebe und Verbundenheit äußerste Demut und Selbstaufopferung zeigen; wir müssen unsere Gedanken auf das Königreich Gottes richten, damit unser Treffen zum Ausdruck der verherrlichten Himmlischen Heerscharen wird.107:3Preis sei Gott! Wir leben in einem Jahrhundert des Lichtes. Preis sei Gott! Wir leben am Tag des göttlichen Glanzes auf Erden. Preis sei Gott! Wir leben in dieser Zeit der Offenbarung göttlicher Liebe. Preis sei Gott, dass wir am Tag himmlischer Gnadenfülle leben. Preis sei Gott! Dies ist ein Tag, an dem Licht und Pracht den Fortschritt überall in Ost und West erweckt haben. Viele heilige Seelen sehnten sich in vergangenen Zeiten danach, dieses Jahrhundert zu erleben, klagten Tag und Nacht und wünschten sehnlichst, während dieses Zyklus auf Erden zu sein; dass gerade wir in dieser Zeit leben dürfen, ist das wohltätige Geschenk des Herrn. In Seiner göttlichen Barmherzigkeit und Allmacht hat Er uns dies gewährt, so wie Christus erklärte: »Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.« Wahrlich, Gott hat euch erwählt, Ihn zu lieben und zu erkennen. Gott hat euch für den wertvollen Dienst erwählt, die Menschheit zu vereinen. Gott hat euch erwählt, die Wahrheit zu erforschen und den Weltfrieden zu verkünden. Gott hat euch erwählt, den Fortschritt und die Entwicklung der Menschheit voranzubringen, wahre Bildung zu verbreiten und zu verkünden, euren Mitgeschöpfen Liebe zu erweisen und Vorurteile zu beseitigen. Gott hat euch erwählt, die Herzen der Menschen zu verschmelzen und der Menschheit Licht zu bringen. Die Tore Seiner Freigebigkeit stehen weit, weit offen. Aber wir müssen aufmerksam und wachsam sein, uns dem Dienst für die ganze Menschheit widmen, die Gaben Gottes wertschätzen und stets Seinem Willen entsprechen.107:4Seht, wie Finsternis über die Welt gekommen ist. In jedem Winkel der Erde gibt es Streit, Zwietracht und Kriege in irgendeiner Form. Die Menschheit ist im Meer des Materialismus versunken und von den Angelegenheiten dieser Welt völlig in Beschlag genommen. Die Menschen denken an nichts anderes als an irdischen Besitz und hegen keine Wünsche als die Leidenschaften dieses flüchtigen, vergänglichen Lebens. Ihr höchstes Ziel liegt im materiellen Wohlstand, körperlicher Annehmlichkeit und weltlichem Vergnügen, was dem Glück der tierischen, aber nicht der menschlichen Welt entspricht.107:5Die Ehre des Menschen erwächst aus der Erkenntnis Gottes. Sein Glück erwächst aus der Liebe Gottes. Seine Freude erwächst aus der Frohen Botschaft Gottes. Die Größe des Menschen hängt von seinem Dienst für Gott ab. Die höchste Entwicklungsstufe des Menschen ist sein Eintritt in das Reich Gottes und die Frucht dieser menschlichen Existenz ist der Kern und das Wesen des ewigen Lebens. Wenn der Mensch von den göttlichen Gaben ausgeschlossen ist und wenn Freude und Glück sich auf seine materiellen Neigungen beschränken, welcher Unterschied besteht dann zwischen ihm und einem Tier? Tatsächlich ist das Glück des Tieres größer, da seine Bedürfnisse geringer sind und seine Lebensgrundlage leichter zu beschaffen ist. Obwohl der Mensch sich für die Erfüllung seiner materiellen Bedürfnisse und sein Wohlbefinden anstrengen muss, ist das Erlangen der Gaben Gottes das, was er wirklich braucht. Ausgeschlossen von den göttlichen Gaben, der geistigen Aufnahmefähigkeit und den himmlischen frohen Botschaften, wird das Leben des Menschen in dieser Welt keine wertvollen Früchte hervorbringen. Während seines körperlichen Lebens sollte er nach dem geistigen Leben trachten, und zusammen mit körperlichem Wohlbefinden und Glück sollte er himmlische Freuden und Zufriedenheit genießen. Dann ist der Mensch des Namens ›Mensch‹ würdig; dann wird er »dem Ebenbild Gottes« entsprechen, denn das Ebenbild des Barmherzigen besteht aus den Eigenschaften des himmlischen Königreiches. Wenn im Garten seiner Seele keine Früchte des Königreiches heranwachsen, entspricht der Mensch nicht dem Ebenbild Gottes. Doch wenn diese Früchte hervorkommen, dann wird er zum Empfänger vollkommener Gaben und ist entflammt vom Feuer der Liebe Gottes. Wenn seine Moralvorstellungen geistigen Charakter annehmen, seine Bestrebungen himmlisch werden und seine Taten mit dem Willen Gottes im Einklang stehen, dann ist der Mensch zum Ebenbild seines Schöpfers geworden. Andernfalls ist er das Ebenbild Satans. Darum hat Christus gesagt: »Ihr werdet sie an ihren Früchten erkennen.«107:6Was sind die Früchte der Menschenwelt? Es sind die geistigen Eigenschaften, die im Menschen zum Ausdruck kommen. Wenn dem Menschen diese Eigenschaften fehlen, ist er wie ein fruchtloser Baum. Wer nach hohen Zielen strebt und Selbstvertrauen entwickelt hat, wird nicht mit einer bloßen tierischen Existenz zufrieden sein. Er wird nach dem göttlichen Reich trachten. Er wird sich nach dem Himmel sehnen, obwohl er noch in seinem Körper auf Erden wandelt und obwohl seine äußere Erscheinung körperlich ist, wird seine innere Gedankenwelt geistig und himmlisch werden. Solange der Mensch diese Stufe nicht erreicht, wird sein Leben bar jeglichen Ertrages sein. Seine Lebenszeit schwindet dahin mit Essen, Trinken und Schlafen, ohne ewige Früchte, himmlische Spuren oder Erleuchtung – ohne geistige Kraft, ewiges Leben oder die erhabenen Errungenschaften, die ihm während seiner Pilgerfahrt durch die Menschenwelt bestimmt sind. Ihr müsst Gott danken, dass eure Bemühungen erhaben und edel, eure Bestrebungen wertvoll, eure Absichten auf das Reich Gottes ausgerichtet sind und es euer höchster Wunsch ist, ewige Tugenden zu erlangen. Ihr müsst entsprechend diesen Anforderungen handeln. Ein Mensch mag nur dem Namen nach Bahá’í sein. Wenn er ein wahrer Bahá’í ist, werden seine Taten und Handlungen deutliche Beweise dafür sein. Was ist dafür nötig? Liebe zur Menschheit, Aufrichtigkeit gegenüber allen, die Widerspiegelung der Einheit der Menschheit, Wohltätigkeit, das Entflammtsein vom Feuer der Liebe zu Gott, das Erlangen der Erkenntnis Gottes und das, was zum Wohlergehen der Menschheit führt.107:7Heute Abend haben wir über die Gemeinschaft und Einheit der persischen Bahá’í gesprochen. Sie können wahrhaftig Liebende genannt werden. Wenn zum Beispiel einer der Freunde Gottes in ihre Stadt kam, freuten sich alle Freunde und kamen zusammen, um sich mit ihm zu treffen. War er krank, sorgten sie für ihn; war er traurig, trösteten sie ihn. Sie kümmern sich in jeder Hinsicht um ihn und beweisen zweifelsfrei, dass zwischen ihnen eine geistige Verbindung besteht.107:8Fremde und Außenstehende staunen über diese Liebe und strahlende Zuneigung, die unter den Bahá’í herrscht. Sie möchten mehr darüber wissen. Sie beobachten die Einheit und Eintracht, die sich unter ihnen zeigt. Sie sagen: »Welch schöner Geist leuchtet aus ihren Gesichtern!« Alle beneiden sie darum und wünschen sich, ein solches Band der Liebe überall zu finden. Deshalb ist meine erste Aufforderung an euch: Seid äußerst freundlich zu allen; seid wie eine Familie; folgt diesem gleichen Weg. Lasst eure Absichten eins sein, damit eure Liebe die Herzen der anderen berührt und durchdringt, damit sie lernen, einander zu lieben und alle zur Einheit gelangen.107:9Die menschliche Welt ist voller Dunkelheit; ihr seid ihre strahlenden Kerzen. Sie ist sehr arm; ihr müsst die Schatzkammer des Königreichs sein. Sie ist sehr weit heruntergekommen; ihr müsst die Ursache ihrer Erhöhung sein. Sie ist der göttlichen Gnade beraubt; ihr müsst für Ansporn und geistige Belebung sorgen. Nach den Lehren Bahá’u’lláhs müsst ihr jeden einzelnen Menschen lieben und schätzen.107:10Das erste Zeichen des Glaubens ist Liebe. Die Botschaft der heiligen Offenbarer Gottes ist Liebe. Alles Erschaffene gründet auf Liebe. Das Strahlen der Welt beruht auf Liebe; Wohlfahrt und Glück der Welt hängen von ihr ab. Deshalb fordere ich euch auf, euch zu bemühen, überall in der Menschenwelt das Licht der Liebe zu verbreiten. Die Menschen dieser Welt denken an Krieg; ihr müsst Friedensstifter sein. Die Nationen sind selbstsüchtig; ihr müsst an andere denken, anstatt an euch selbst. Sie sind nachlässig; ihr müsst achtsam sein. Sie schlafen; ihr müsst wach und aufmerksam sein. Möge jeder von euch wie ein leuchtender Stern am Horizont der ewigen Herrlichkeit sein. Dies ist mein Wunsch für euch und meine höchste Hoffnung. Ich bin von weit her gekommen, damit ihr diese Eigenschaften und göttlichen Gunstbeweise erlangen möget. Preis sei Gott! Ich habe an diesem Treffen teilgenommen, dessen Zweck das Gedenken Gottes ist. – 108 –108:0_32125. September 1912108:0_322Ansprache in der Second Divine Science Church
3929 West Thirty-eighth Avenue, Denver, Colorado108:0_323Nach einer stenografischen Mitschrift108:1Im Orient habe ich von den hohen Zielen und wunderbaren Errungenschaften des amerikanischen Volkes erfahren. Als ich in diesem Land ankam, wurde mir klar, dass die amerikanischen Ideale in der Tat höchst lobenswert sind und dass die Menschen hier die Wahrheit lieben. Sie erforschen die Wahrheit, und es gibt keine Spur von Fanatismus unter ihnen. Heutzutage stehen die Nationen der Welt am Rande eines Krieges, angetrieben und befeuert von Vorurteilen aus Unwissenheit und Rassenfanatismus. Preis sei Gott! Sie sind frei von solchen Vorurteilen, denn Sie glauben an die Einheit und Solidarität der Menschenwelt. Es besteht kein Zweifel, dass göttlicher Beistand Sie unterstützen wird.108:2Zu den Vorurteilen, die die Menschheit plagen, gehören religiöse Intoleranz und Fanatismus. Wenn dieser Hass in den Herzen der Menschen brennt, führt er zu Revolution, Zerstörung und zur Erniedrigung der Menschheit sowie zum Verlust der Gnade Gottes. Denn die heiligen Manifestationen und göttlichen Religionsstifter waren selbst vollkommen in Liebe und Eintracht vereint, wohingegen Ihre Anhänger durch bittere Gegnerschaft und eine gegenseitige feindselige Haltung gekennzeichnet sind. Gott hat der Menschheit den Strahlenglanz der Liebe bestimmt, der Mensch jedoch hat sich selbst durch Blindheit und fehlgeleitete Vorstellungen in die Schleier der Zwietracht, des Streites und des Hasses gehüllt. Am meisten mangelt es der Menschheit an Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit. Je ausgeprägter die Bande der Freundschaft und Solidarität unter den Menschen sind, desto großartiger werden konstruktive Kräfte und Errungenschaften auf allen Ebenen menschlichen Handelns. Ohne Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit bleibt das einzelne Mitglied der menschlichen Gesellschaft selbstbezogen, wird nicht von uneigennützigen Zielen inspiriert und bleibt in seiner Entwicklung abgesondert und eingeschränkt, ähnlich wie die tierischen und pflanzlichen Organismen der niederen Reiche. Niedere Kreaturen brauchen weder Zusammenarbeit noch Wechselseitigkeit. Ein Baum kann abgeschieden und allein leben, aber für den Menschen ist dies nicht möglich, ohne dass er Rückschritte macht. Darum ist jede auf Zusammenarbeit gerichtete Einstellung und Verhaltensweise im menschlichen Leben lobenswert und von Gott so gewollt. Die erste Ausdrucksform der Zusammenarbeit ist die familiäre Beziehung, die allerdings in ihrem Einfluss unzuverlässig und unsicher ist, da es zu Trennungen kommen kann und sie die einzelnen Mitglieder der Menschheit nicht dauerhaft zusammenhält. Es gibt auch eine Zusammenarbeit und Einheit aufgrund der Herkunft und der Hautfarbe, die gleichermaßen unwirksam ist, denn obwohl ihre Mitglieder im Großen und Ganzen übereinstimmen mögen, unterscheiden sie sich grundlegend in ihren persönlichen und speziellen Ansichten. Ein von Herkunft und Hautfarbe motivierter Zusammenschluss wird darum die Anforderungen an eine göttliche Beziehung nicht erfüllen. In der Menschenwelt kann materielle Gemeinschaft auch auf anderen Wegen erreicht werden, aber diese versagen dabei, Herzen und Seelen der Menschen zusammenzuschweißen, und sind entsprechend untauglich. Daraus wird deutlich, dass Gott die Religion dazu bestimmt hat, Ursache und Mittel für gemeinsame Anstrengungen und Erfolge der Menschheit zu sein. Zu diesem Zweck hat Er die Propheten Gottes, die heiligen Manifestationen des Wortes gesandt, damit die grundlegende Wahrheit, die Religion Gottes, sich als das Band menschlicher Einheit erweist – denn die von diesen heiligen Boten geoffenbarten Religionen haben ein und dieselbe Grundlage. Alle werden deshalb einräumen, dass die göttlichen Religionen dazu bestimmt sind, das Mittel wahrer menschlicher Zusammenarbeit zu sein, dass sie in dem Ziel vereint sind, die Menschheit zu einer Familie zusammenzuführen, denn sie ruhen auf dem universellen Fundament der Liebe, und Liebe ist der erste Strahlenglanz des Göttlichen.108:3Jede der göttlichen Religionen hat zwei Arten von Geboten erlassen: grundlegende und zeitbedingte. Die grundlegenden Gebote beruhen auf den festen, unveränderlichen, ewigen Grundlagen des Wortes selbst. Sie betreffen das Geistige, versuchen, die Ethik zu festigen, intuitive Empfänglichkeit zu wecken, das Wissen um Gott zu offenbaren und die Liebe zur ganzen Menschheit zu verankern. Die zeitbedingten Gesetze betreffen die Verwaltung äußerer menschlicher Handlungen und Beziehungen, indem sie Regeln und Vorschriften festlegen, die für die stoffliche Welt und ihre Kontrolle erforderlich sind. Diese können sich je nach den Erfordernissen der Zeit, des Ortes und der Umstände ändern und ersetzt werden. So wurden beispielsweise zu Moses Zeit in Seinem Buche zehn Gebote bezüglich der Bestrafung von Mord offenbart. Die Scheidung wurde gebilligt und Polygamie war bis zu einem gewissen Grade erlaubt. Wenn ein Mann einen Diebstahl begangen hatte, wurde ihm die Hand abgehackt. Diese drastischen Gesetze und strengen Strafen entsprachen der Zeit Moses. Als aber die Zeit Christi kam, hatte sich der Verstand der Menschen weiterentwickelt, das Erkenntnisvermögen war geschärft und die geistige Wahrnehmung war fortgeschritten, sodass bestimmte Gesetze bezüglich Mord, Polygamie und Ehescheidung abgeschafft wurden. Die wesentlichen Verordnungen der mosaischen Sendung blieben jedoch unverändert. Dies waren die grundlegenden Prinzipien der Erkenntnis Gottes und der heiligen Manifestationen, die Reinheit der Sitten, die Erweckung geistiger Empfänglichkeit – ewige Prinzipien, die weder dem Wandel noch der Veränderung unterliegen. Kurz gesagt, die Grundlage der göttlichen Religionen ist eine ewige Grundlage, aber die Gesetze für vorübergehende Umstände und Erfordernisse können sich ändern. Durch Festhalten an diesen vorübergehenden Gesetzen, indem Bräuche der Vorfahren blind befolgt und nachgeahmt wurden, sind Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen entstanden, die zu Uneinigkeit, Streit und Hass geführt haben. Blindes Nachahmen und dogmatisches Befolgen führen zu Entfremdung und Uneinigkeit. Sie verursachen Blutvergießen und zerstören die Grundlagen der Menschheit. Daher müssen die Anhänger aller Religionen der Welt diese Nachahmungen aufgeben und die wesentliche Grundlage, also die Wahrheit selbst erforschen, die weder Wechsel noch Wandel unterliegt. Dies ist das göttliche Mittel für Eintracht und Vereinigung.108:4Der Zweck aller göttlichen Religionen ist, ein Band der Liebe und Gemeinschaft unter den Menschen zu schaffen, und die himmlischen Erscheinungen des offenbarten Wortes Gottes sollen der Menschheit als Quelle des Wissens und der Erleuchtung dienen. Solange der Mensch an Bräuchen seiner Vorfahren und Nachahmungen veralteter Rituale festhält und die höheren Offenbarungen des göttlichen Lichtes in der Welt leugnet, werden Streit und Auseinandersetzungen den Zweck der Religion zerstören und Liebe und Gemeinschaft unmöglich machen. Jede der heiligen Manifestationen kündigte die frohe Botschaft Ihres Nachfolgers an, und Jede bekräftigte die Botschaft Ihres Vorgängers. Da Sie also in Ihrem Ziel und in Ihrer Lehre einig waren, obliegt es Ihren Anhängern, ebenfalls in Liebe und geistiger Freundschaft geeint zu sein. Auf keine andere Weise werden Zwietracht und Entfremdung verschwinden und auf keine andere Weise kann die Einheit der Menschheit herbeigeführt werden.108:5Nachdem wir die Glaubwürdigkeit der Offenbarer des Wortes Gottes durch Untersuchung der göttlichen Lehren bewiesen haben, müssen wir mit Gewissheit herausfinden, ob sie echte Erzieher der Menschheit waren. Einer der Offenbarer des Gesetzes Gottes war Moses. Als Er erschien, wiesen Ihn alle damaligen Völker zurück. Ungeachtet dessen verkündete Er ganz allein die göttlichen Lehren und befreite ein Volk aus tiefster Erniedrigung und Knechtschaft. Das Volk Israel war unwissend, ungebildet und moralisch verkommen – ein schwer unterdrücktes Sklavenvolk. Moses führte es aus der Gefangenschaft heraus und brachte es in das Heilige Land. Er erzog und schulte es und führte die Grundlagen materieller und göttlicher Zivilisation ein. Durch Moses Erziehung erlangte dieses unwissende Volk einen fortgeschrittenen Grad an Macht und Ansehen, der im Glanz der Herrschaft Salomons gipfelte. Aus dem Abgrund von Verlust und Sklaverei wurden sie auf die höchste Ebene des Fortschritts und der Zivilisation erhoben. Es ist darum offensichtlich, dass Moses ein Erzieher und Lehrer war. Ziel und Auftrag der heiligen, göttlichen Boten sind die Erziehung und der Fortschritt der Menschheit, die Kultivierung göttlicher Früchte in den Gärten der Menschenherzen, die Widerspiegelung himmlischen Strahlenglanzes in den Spiegeln der menschlichen Seelen, die Belebung geistiger Fähigkeiten und die Zunahme spiritueller Empfänglichkeit. Wenn diese Ergebnisse und Erfolge in der Menschheit sichtbar werden, sind Wirken und Botschaft der Manifestationen unverkennbar. Christus, unverheiratet und allein, ohne schulische oder sonstige Bildung, angelernt für die Arbeit in der Werkstatt eines Zimmermanns, erschien in der Welt zu einer Zeit, als sich das jüdische Volk in tiefster Erniedrigung befand. Dieser strahlende junge Mann – ohne Reichtum, ohne Militärmacht oder Ansehen – rettete die Juden, die an Ihn glaubten, aus Tyrannei und Erniedrigung und erhob sie auf die höchste Ebene der Entwicklung und des Ruhms. Sein Jünger Petrus war Fischer. Durch die Macht Christi erhellte er alle Horizonte der Welt. Darüber hinaus wurden verschiedene Völker griechischen, römischen, ägyptischen und assyrischen Ursprungs in Einheit und Eintracht zusammengeführt. Wo zuvor Krieg und Blutvergießen herrschten, zeigten sich Demut und Liebe, und die Grundlagen der göttlichen Religion wurden gelegt, um niemals wieder zerstört zu werden. Das belegt, dass Christus ein himmlischer Lehrer und Erzieher der Menschenwelt war, denn diese Beweise sind historisch verbürgt und unwiderlegbar; sie beruhen weder auf Traditionen noch auf Erzählungen. Die Macht Seines Wortes, mit der Er diese Völker zusammenführte, ist so klar und offensichtlich wie die Mittagssonne. Es bedarf keiner weiteren Darlegung.108:6Die Rechtmäßigkeit einer Manifestation Gottes wird durch die durchdringende Kraft und den Einfluss Ihres Wortes bewiesen, durch die Kultivierung himmlischer Eigenschaften in den Herzen und im Leben Ihrer Anhänger und durch das Geschenk göttlicher Erziehung für die Menschenwelt. Das ist ein vollkommener Beweis. Die Welt ist eine Schule, in der es Lehrer für das Wort Gottes geben muss. Die Befähigung dieser Lehrer wird offensichtlich durch die erfolgreiche Ausbildung der Abschlussklassen.108:7Im frühen neunzehnten Jahrhundert war der Horizont Persiens in große Finsternis und Unwissenheit gehüllt. Die Menschen in jenem Land lebten in einem Zustand der Barbarei. Hass und Fanatismus herrschten zwischen den verschiedenen Religionen; Blutvergießen und Feindseligkeit waren zwischen Sekten und Konfessionen weit verbreitet. Von Verbindung und Einheit war nichts zu spüren. Zerstörerische Vorurteile und Feindschaft beherrschten die Herzen der Menschen. Zu solch einer Zeit verkündete Bahá’u’lláh das erste Prinzip Seiner Sendung und Lehre – die Einheit der Menschheit. Als Zweites verkündete Er die Erforschung der Wahrheit. Die dritte Verkündigung betraf die Einheit der Grundlagen der göttlichen Religionen. Durch geistige Erziehung führte Er die Menschen aus Dunkelheit und Unwissenheit in das klare Licht der Wahrheit, erleuchtete ihre Herzen mit dem Glanz des Wissens, legte eine wahre und universelle Grundlage für religiöse Lehren, entwickelte die Tugenden der Menschlichkeit, verlieh geistiges Aufnahmevermögen, erweckte die innere Wahrnehmung und verwandelte die Schmach voreingenommener Seelen in ein Höchstmaß an Ehre und geistigem Fassungsvermögen. Heute begegnen Ihnen in Persien und im Orient die Anhänger Bahá’u’lláhs vereint durch engste Verbundenheit und Liebe. Sie haben religiöse Vorurteile aufgegeben und sind zu einer Familie geworden. Wenn Sie an ihren Versammlungen teilnehmen, werden Sie dort Christen, Muslime, Buddhisten, Zoroastrier, Juden und Vertreter anderer Glaubensrichtungen finden, die alle ohne eine Spur von religiöser Intoleranz oder Fanatismus in wunderbarer Einheit verbunden sind, aus deren Angesichtern das Licht der Einheit der Menschheit strahlt. Tag für Tag entwickeln sie sich weiter und erweisen einander immer größere Liebe. Ihr Glaube ist auf die Vereinigung der Menschheit gerichtet, und ihr höchstes Ziel ist die Einheit religiösen Glaubens. Sie verkünden der ganzen Menschheit die schützende Gnade und unendliche Güte Gottes. Sie lehren die Übereinstimmung der Religion mit Wissenschaft und Vernunft. Als Diener des Einen Gottes und Empfänger Seiner universellen Gnade drücken sie in Worten und Taten die Echtheit der Liebe zur ganzen Menschheit aus. Das sind ihre Gedanken, ihre Überzeugungen, ihre Leitprinzipien, das ist ihre Religion. Zwischen ihnen gibt es keine Spur religiöser, rassistischer, patriotischer oder politischer Vorurteile, denn sie sind echte Diener Gottes und gehorchen Seinem Willen und Gebot.108:8Meine höchste Hoffnung und mein größter Wunsch bestehen darin, dass das stärkste und völlig unauflösbare Band zwischen dem amerikanischen Volk und den Völkern des Orients geknüpft wird. Dies ist mein Gebet zu Gott. Möge der Tag kommen, da durch göttliches und geistiges Wirken in der Menschenwelt die Religionen versöhnt werden und alle Völker der Erde in Einheit und Liebe zusammenkommen. Vor fünfzig Jahren verkündete Bahá’u’lláh den Frieden der Völker und die Einheit der göttlichen Religionen, indem Er Seine Worte in besonderen Sendbriefen an alle Könige und Herrscher der Welt richtete. Darum ist mein höchster Wunsch die Einheit des Ostens und des Westens, der universelle Frieden und die Einheit der Menschheit. Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Oakland, Palo Alto, San Francisco und Sacramento26. Oktober 1912
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