weiter nach oben ...
112:5Unter den großen Propheten war Abraham, Der als Bilderstürmer und Bote der Einheit Gottes aus Seinem Geburtsland vertrieben wurde. Er gründete eine von Gott gesegnete Familie. Dank dieser religiösen Grundlage und Bestimmung entwickelte sich das Haus Abraham und machte Fortschritte. Durch den göttlichen Segen gingen bemerkenswerte, brillante Propheten aus Seinem Stamm hervor. Es erschienen Isaak, Ismael, Jakob, Josef, Moses, Aaron, David und Salomo. Das Heilige Land wurde durch die Kraft des Bundes Gottes mit Abraham erobert, und der Ruhm der salomonischen Weisheit und Oberherrschaft brach an. Dies alles war auf die Religion Gottes zurückzuführen, die von diesem gesegneten Haus eingeführt und aufgebaut wurde. Es ist offensichtlich, dass dies in der ganzen Geschichte Abrahams und Seiner Nachkommenschaft die Quelle ihrer Ehre, ihres Fortschritts und ihrer Kultur war. Noch heute leben weltweit Nachkommen Seines Haushalts und Seiner Abstammung.112:6Dieser religiöse Impuls und Antrieb hat einen weiteren und bedeutenderen Aspekt. Die Kinder Israels waren 400 Jahre lang Sklaven und Gefangene in Ägypten. In extremer Erniedrigung und Sklaverei waren sie der Tyrannei und Unterdrückung der Ägypter ausgesetzt. Als sie so in bitterer Armut, auf der tiefsten Stufe der Erniedrigung, Unwissenheit und Unterwürfigkeit lebten, erschien plötzlich Moses unter ihnen. Obwohl Er nur ein Hirte war, offenbarte sich durch die Macht der Religion solche Majestät, Größe und Wirkkraft in ihm, dass Sein Einfluss bis zum heutigen Tag fortdauert. Seine Religion setzte sich im ganzen Land durch und Sein Gesetz wurde zur Grundlage der Gesetze der Völker. Diese einzigartige Persönlichkeit rettete ganz allein durch die Kraft religiöser Ausbildung und Disziplin die Kinder Israels aus der Knechtschaft. Er führte sie ins Heilige Land und gründete dort eine große Zivilisation, die dauerhaft und berühmt wurde und unter der diese Menschen zu höchster Ehre und höchstem Ruhm gelangten. Er befreite sie aus Knechtschaft und Gefangenschaft. Er vermittelte ihnen Eigenschaften wie Fortschrittlichkeit und Leistungsvermögen. Sie erwiesen sich als zivilisationsfreudiges Volk mit Gespür für Erziehung und Gelehrsamkeit. Ihre Philosophie wurde berühmt. Ihre Wirtschaft wurde von allen Völkern gepriesen. In allen Bereichen, die ein fortschrittliches Volk kennzeichnen, zeigten sie herausragende Leistungen. Zur Glanzzeit der Regierung Salomons erreichten ihre Wissenschaften und Künste einen solchen Rang, dass sogar griechische Philosophen nach Jerusalem reisten, um zu Füßen der hebräischen Weisen zu sitzen und die Grundlagen des israelitischen Rechts zu erlernen. In der östlichen Geschichtsschreibung ist dies eine feststehende Tatsache. Selbst Sokrates besuchte die jüdischen Gelehrten im Heiligen Land, pflegte Kontakt zu ihnen und diskutierte mit ihnen die Prinzipien und Grundlagen ihrer religiösen Anschauungen. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland formulierte er seine philosophische Lehre der göttlichen Einheit und entwickelte seinen Glauben an die Unsterblichkeit des Geistes nach dem Tod des Körpers weiter. Zweifellos übernahm Sokrates diese Wahrheiten von den weisen Juden, mit denen er in Kontakt gekommen war. Hippokrates und andere griechische Philosophen besuchten ebenfalls Palästina und erwarben Weisheit von den jüdischen Propheten, studierten die Grundlagen von Ethik und Tugendhaftigkeit und kehrten mit Beiträgen in ihr Land zurück, durch die Griechenland berühmt wurde.112:7Wenn eine tief religiöse Bewegung ein schwaches Volk stark macht, eine unscheinbare Stammesbevölkerung in eine mächtige und starke Zivilisation verwandelt, sie aus Gefangenschaft befreit und zur Souveränität erhebt, ihre Unwissenheit in Wissen verwandelt und ihr einen Entwicklungsschub in allen Bereichen verleiht (und das ist keine Theorie, sondern eine historische Tatsache), dann wird ersichtlich, dass die Religion die Ursache für Ehre und Vortrefflichkeit des Menschen ist.112:8Aber wenn wir von Religion sprechen, meinen wir die wesentliche Grundlage, die Wahrheit der Religion, nicht die Dogmen und blinden Nachahmungen, die sie allmählich verkrusten ließen und zum Niedergang und zur Auslöschung eines Volkes führen. Diese Dogmen und blinden Nachahmungen sind zwangsläufig zerstörerisch und bedrohen und behindern das Leben eines Volkes. Wie in der Thora beschrieben und von der Geschichte bestätigt, zeigte sich der Zorn Gottes, als die Juden sich von sinnentleerten Bräuchen und Nachahmungen in Fesseln legen ließen. Als sie die Grundlagen des Gesetzes Gottes aufgaben, eroberte Nebukadnezar das Heilige Land. Er tötete die Bewohner Israels oder nahm sie gefangen, verwüstete das Land und die bevölkerungsreichen Städte und brannte die Dörfer nieder. Siebzigtausend Juden wurden als Gefangene nach Babylon deportiert. Er zerstörte Jerusalem, plünderte den großen Tempel, entweihte das Allerheiligste und verbrannte die Thora, das heilige Buch der Schriften. Daraus lernen wir, dass die Treue zu den wesentlichen Grundlagen der göttlichen Religionen immer Entwicklung und Fortschritt bewirkt, während die Abkehr von dieser grundlegenden Wahrheit und ihre Vernebelung durch blinde Nachahmungen und dogmatische Überzeugungen zur Erniedrigung und zum Verfall eines Volkes führen. Nach ihrer Eroberung durch die Babylonier wurden die Juden nacheinander von den Griechen und Römern unterworfen. Im Jahr 70 nach Christus wurde unter dem römischen General Titus das Heilige Land ausgeraubt und geplündert, Jerusalem wurde zerstört und die Israeliten in alle Welt vertrieben. So vollständig wurden sie vertrieben, dass sie bis zum heutigen Tag weder ein eigenes Land noch eine eigene Regierung haben.112:9Aus diesem Rückblick auf die Geschichte des jüdischen Volkes lernen wir, dass die von Moses gelegte Grundlage der Religion Gottes die Ursache für die ewige Ehre und für das Ansehen des jüdischen Volkes war, die treibende Kraft seines Aufstiegs und seiner Überlegenheit und die Quelle einer Vortrefflichkeit, die immer die Achtung und Ehrerbietung derer hervorrufen wird, die seine besondere Bestimmung und das Schicksal dieses Volkes verstehen. Die Dogmen und blinden Nachahmungen, die allmählich die Wahrheit der Religion Gottes verdunkelten, erwiesen sich als zerstörerische Einflüsse für Israel und führten zur Vertreibung dieses auserwählten Volkes aus dem Heiligen Land ihres Bundes und ihrer Verheißung.112:10Was ist nun der Auftrag der göttlichen Propheten? Ihr Auftrag ist die Erziehung und der Fortschritt der Menschheit. Sie sind die wahren Lehrer und Erzieher, die universellen Ausbilder der Menschheit. Wenn wir herausfinden wollen, ob eine dieser großen Seelen oder Gesandten tatsächlich ein Prophet Gottes war, müssen wir die Ereignisse rund um Sein Leben und Seine Geschichte untersuchen, und der Ausgangspunkt unserer Untersuchung wird die Erziehung und Bildung sein, die Er der Menschheit vermittelte. Wenn Er ein Erzieher war und tatsächlich ein Land oder ein Volk gelehrt hat, sodass es von den tiefsten Tiefen der Unwissenheit zur höchsten Stufe des Wissens aufstieg, dann können wir mit Gewissheit sagen, dass Er ein Prophet war. Dies ist eine einfache und klare Vorgehensweise und ein unwiderlegbarer Beweis. Wir brauchen keine weiteren Beweise zu suchen. Wir brauchen keine Wunder zu erwähnen, sagen, dass aus dem Felsen Wasser sprudelte, denn solche Wunder und Aussagen können abgestritten und von denen, die sie hören, zurückgewiesen werden. Moses Taten sind schlüssige Beweise für Sein Prophetentum. Wenn ein Mensch gerecht, unvoreingenommen und gewillt ist, die Wahrheit zu erforschen, wird er zweifellos die Tatsache bezeugen, dass Moses wahrlich ein Mann Gottes und eine große Persönlichkeit war.112:11Für die weitere Untersuchung dieses Themas wünsche ich, dass Sie in Ihrem Urteil gerecht und vernünftig sind und alle religiösen Vorurteile ablegen. Wir sollten ernsthaft nach der Wahrheit suchen und sie gründlich erforschen, und wir sollten erkennen, dass die Absicht der Religion Gottes die Erziehung der Menschheit und die Einheit und Gemeinschaft unter den Menschen ist. Zudem werden wir darlegen, dass die Grundlage der Religionen Gottes eine einzige ist. Diese Grundlage existiert nicht mehrfach, denn sie ist die Wahrheit selbst. Die Wahrheit existiert nicht in unterschiedlichen Varianten, auch wenn es in jeder der göttlichen Religionen zwei verschiedene Bereiche gibt. Der eine befasst sich mit Tugendhaftigkeit und der ethischen Erziehung des Menschen. Er richtet sich auf den Fortschritt der Menschenwelt im Allgemeinen. Er offenbart und vermittelt das Wissen um Gott und ermöglicht die Entdeckung der Lebenswahrheiten. Dies ist die vorbildhafte geistige Lehre, das Wesentliche der göttlichen Religion, das weder Veränderung noch Wandel unterworfen ist. Es ist die eine Grundlage aller Religionen Gottes. Im Kern sind die Religionen also ein und dieselbe.112:12Der zweite Bereich umfasst soziale Gesetze und Vorschriften für das menschliche Verhalten. Das ist nicht die wesentliche geistige Seite der Religion. In diesem Bereich gibt es Veränderungen und Wandel gemäß den Erfordernissen und Anforderungen von Zeit und Ort. So war es beispielsweise zur Zeit Noahs aus gewissen Gründen notwendig, dass alle Nahrung aus dem Meer erlaubt und rechtmäßig war. Zur Zeit des abrahamitischen Prophetentums galt es als zulässig, dass ein Mann aufgrund besonderer Umstände seine Tante heiratete, so wie Sarah die Schwester von Abrahams Mutter war. Während des Zyklus von Adam war es für einen Mann legitim und nützlich, seine eigene Schwester zu heiraten, so wie Abel, Kain und Seth, die Söhne Adams, ihre Schwestern heirateten. Aber im Gesetz des Pentateuch, das Moses offenbarte, wurden diese Eheschließungen verboten und dieser Brauch und seine Billigung abgeschafft. Andere, früher gültige Gesetze wurden zu Moses Zeiten aufgehoben. Zum Beispiel war es zu Abrahams Zeiten erlaubt, Kamelfleisch zu essen, aber in der Zeit Jakobs war dies verboten. Solche Wechsel und Wandel in den Religionslehren betreffen alltägliche Lebensumstände, aber sie sind weder wichtig noch wesentlich. Moses lebte in der Wüste Sinai, wo Verbrechen eine direkte Bestrafung erforderten. Es gab weder Gefängnisse noch Haftstrafen. Daher galt gemäß den Erfordernissen der Zeit und des Ortes das Gesetz Gottes, dass Auge um Auge und Zahn um Zahn zu vergelten war. Dieses Gesetz könnte heutzutage nicht angewendet werden, um zum Beispiel einen Mann zu blenden, der versehentlich jemand anderen geblendet hat. In der Thora gibt es viele Gebote bezüglich der Bestrafung eines Mörders. Es wäre heute weder zulässig noch möglich, diese Verordnungen durchzusetzen. Die menschlichen Lebensumstände und Erfordernisse sind so, dass sogar die Todesstrafe – die Strafe, die in den meisten Ländern noch immer für Mord verhängt wird – heute von weisen Männern diskutiert wird, die debattieren, ob ihre Anwendung ratsam ist. Tatsächlich sind Gesetze für die alltäglichen Lebensumstände nur vorübergehend gültig. Die Erfordernisse zu Moses Zeiten rechtfertigten das Abschneiden der Hand eines Mannes wegen Diebstahls, aber eine solche Strafe ist heutzutage nicht zulässig. Mit der Zeit ändern sich die Umstände und die Gesetze passen sich den Umständen an. Wir müssen uns darauf besinnen, dass diese veränderlichen Gesetze nicht das Wesentliche sind. Sie sind die sekundären Aspekte der Religion. Die wesentlichen Gebote, die von einer Manifestation Gottes erlassen werden, sind geistiger Natur. Sie betreffen Tugenden, die ethische Entwicklung des Menschen und den Glauben an Gott. Sie sind vollkommen und notwendigerweise dauerhaft – der Ausdruck der einen Grundlage, die keinem Wandel oder Wechsel unterworfen ist. Darum ist die Hauptgrundlage der offenbarten Religion Gottes beständig, unveränderlich durch die Jahrhunderte und nicht den Veränderungen der menschlichen Lebensumstände unterworfen.112:13Christus bestätigte und verkündete die Grundlage des Gesetzes Moses. Muḥammad und alle Propheten wiederholten die gleiche Grundlage der Wahrheit. Somit waren die Ziele und Erfolge der göttlichen Gesandten ein und dieselben. Sie waren die Quelle für den Fortschritt des Staatswesens und die Ursache für Ehre und göttliche Kultur der Menschheit, deren Grundlage in jeder Sendung ein und dieselbe ist. Es ist also offensichtlich, dass die Beweise für die Rechtmäßigkeit und Inspiration eines Propheten Gottes in den wohltätigen Werken und großartigen Taten bestehen, die von Ihm ausgehen. Wenn Er sich als Ursache für die Aufwärtsentwicklung und Besserung der Menschheit erweist, ist Er zweifellos ein wahrer und himmlischer Gesandter.112:14Ich wünsche mir, dass Sie die folgenden Aussagen gerecht und vernünftig betrachten:112:15Als die Israeliten durch die Macht des Römischen Reiches auseinandergetrieben und das staatliche Leben des hebräischen Volkes von seinen Eroberern ausgelöscht worden war – als das Gesetz Gottes anscheinend von ihnen gewichen und die Grundlage der Religion Gottes scheinbar zerstört war – erschien Jesus Christus. Als Er Sich unter den Juden erhob, verkündete Er als Erstes die Rechtmäßigkeit der Manifestation Moses. Er erklärte, dass die Thora – das Alte Testament – das Buch Gottes war und alle Propheten Israels rechtmäßig und wahrhaftig Propheten waren. Er pries Moses Sendung, und durch Seine Verkündigung wurde der Name Moses in aller Welt verbreitet. Durch das Christentum wurde Moses Größe unter allen Völkern bekannt. Tatsächlich war vor dem Erscheinen Christi der Name Moses in Persien unbekannt. In Indien wusste man nichts vom Judentum, und erst durch die Christianisierung Europas wurden die Lehren des Alten Testaments dort verbreitet. In ganz Europa gab es kein einziges Exemplar des Alten Testaments. Aber prüfen Sie dies sorgfältig und urteilen Sie gerecht: Durch die Vermittlung Christi, durch die Übersetzung des Neuen Testaments, des kleinen Buches des Evangeliums, wurde das Alte Testament, die Thora, in sechshundert Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet. Die Namen der hebräischen Propheten wurden unter den Völkern gebräuchlich, die glaubten, dass die Kinder Israels wahrlich das auserwählte Volk Gottes waren, ein heiliger Stamm unter dem besonderen Segen und Schutz Gottes, und dass die Propheten, die sich in Israel erhoben hatten, demzufolge Quellen der Offenbarung und leuchtende Sterne am Himmel des Willens Gottes waren.112:16Also hat Christus tatsächlich das Judentum verbreitet, denn Er war Jude und kein Gegner der Juden. Er leugnete nicht, dass Moses ein Prophet war – im Gegenteil, Er verkündete und bestätigte es. Er hat die Thora nicht für ungültig erklärt; Er verbreitete ihre Lehren. Der Teil von Moses Geboten, der Geschäfte und unwichtige Angelegenheiten betraf, wurde verändert, aber Moses wesentliche Lehren wurden von Christus unverändert wiederholt und bestätigt. Er ließ nichts unvollendet oder unvollständig. Ebenso vereinte Er durch die überragende Wirksamkeit und Macht des Wortes Gottes die meisten Völker des Ostens und des Westens. Das gelang zu einer Zeit, als diese Völker verfeindet und zerstritten waren. Er führte sie unter das schützende Zelt der Einheit der Menschheit. Er unterrichtete sie, bis sie sich zusammenschlossen und geeint wurden, und durch Seinen Geist der Versöhnung verschmolzen die Römer, Griechen, Chaldäer und Ägypter zu einer gemeinschaftlichen Zivilisation. Diese wunderbare Macht und außerordentliche Wirksamkeit des Wortes beweisen eindeutig die Rechtmäßigkeit Christi. Bedenken Sie, dass Seine himmlische Herrschaft immer noch andauert und fortbesteht. Wahrlich, dies ist ein schlüssiger Beweis und ein offenkundiges Zeugnis.112:17An einem anderen Horizont sehen wir Muḥammad erscheinen, den Propheten Arabiens. Sie wissen vielleicht nicht, dass sich Muḥammad in der ersten Ansprache an Seinen Stamm wandte, mit der Aussage: »Wahrlich, Moses war ein Prophet Gottes, und die Thora ist ein Buch Gottes. Wahrlich, o ihr Menschen, ihr müsst an die Thora glauben, an Moses und die Propheten. Ihr müsst alle Propheten Israels als rechtmäßig anerkennen.« Im Qur’án, der muslimischen Bibel, gibt es sieben Aussagen oder Wiederholungen der Berichte über Moses, und in allen historischen Berichten wird Moses gepriesen. Muḥammad verkündet, dass Moses der größte Prophet Gottes war, dass Gott Ihn in der Wildnis des Sinai führte, dass Moses durch das Licht der Führung auf den Ruf Gottes hörte, dass Er mit Gott sprach und der Träger der Tafel mit den Zehn Geboten war, dass alle damaligen Völker der Welt sich gegen Ihn erhoben und dass Moses sie schließlich besiegte, denn Falschheit und Irrtum werden immer von der Wahrheit überwunden. Es gibt viele andere Beispiele dafür, dass Muḥammad Moses Rechtmäßigkeit bestätigte. Ich erwähne nur einige. Bedenken Sie, dass Muḥammad unter den grausamen und barbarischen Stämmen Arabiens geboren wurde, bei ihnen lebte, äußerlich ungebildet und ohne Kenntnis der Heiligen Schriften Gottes. Das arabische Volk lebte in völliger Unwissenheit und Barbarei. Sie begruben ihre kleinen Töchter lebendig und betrachteten dies als Beweis für eine mutige und noble Gesinnung. Sie lebten in Sklaverei und Leibeigenschaft unter der persischen und römischen Regierung und waren über die ganze Wüste verstreut, in ständige Kämpfe und Blutvergießen verwickelt. Als das Licht Muḥammads aufging, wurde das Dunkel der Unwissenheit aus den Wüsten Arabiens vertrieben. Innerhalb kurzer Zeit erlangten diese barbarischen Völker ein Höchstmaß an Zivilisation, die sich von ihrem Zentrum in Baghdád weit gen Westen bis nach Spanien ausbreitete und danach den größten Teil Europas beeinflusste. Welcher Beweis für das Prophetentum könnte größer sein als dieser, sofern wir nicht die Augen vor der Gerechtigkeit verschließen und uns hartnäckig der Vernunft entgegenstellen?112:18Heute glauben die Christen an Moses, sehen Ihn als Propheten Gottes an und preisen Ihn in höchstem Maße. Die Muslime glauben ebenfalls an Moses, akzeptieren die Rechtmäßigkeit Seiner Prophetenschaft und glauben gleichzeitig an Christus. Könnte man sagen, dass die Anerkennung von Moses durch die Christen und Muslime für diese Menschen nachteilig und schädlich war? Im Gegenteil, es war vorteilhaft für sie und beweist, dass sie redlich und gerecht waren. Welcher Schaden könnte also den Juden entstehen, wenn sie ihrerseits Christus annähmen und die Rechtmäßigkeit der Prophetenschaft Muḥammads anerkennen würden? Durch diese Annahme und lobenswerte Haltung würden Feindschaft und Hass, von denen die Menschheit so viele Jahrhunderte heimgesucht wurde, aufgelöst, Fanatismus und Blutvergießen würden vergehen und die Welt würde durch Einheit und Eintracht gesegnet werden. Die Christen und Muslime glauben und erkennen an, dass Moses mit Gott sprach. Warum sagen Sie nicht, dass Christus das Wort Gottes war? Warum sprechen Sie diese wenigen Worte nicht aus, die all diese Schwierigkeiten beseitigen würden? Dann wird es im Gelobten Land keinen Hass und Fanatismus, keinen Krieg und kein Blutvergießen mehr geben. Dann werden Sie ewig in Frieden leben.112:19Wahrlich, ich bekunde hier und jetzt vor euch, dass Moses mit Gott sprach und ein höchst bemerkenswerter Prophet war, dass Moses das grundlegende Gesetz Gottes offenbarte und die wahre ethische Grundlage der Zivilisation und des Fortschritts der Menschheit schuf. Was ist schlecht daran? Verliere ich etwas dadurch, wenn ich als Bahá’í dies zu euch sage und daran glaube? Im Gegenteil, ich profitiere davon; und Bahá’u’lláh, der Stifter der Bahá’í-Bewegung, bestärkt mich durch die Worte: »Dein Urteil ist recht und billig; du hast die Wahrheit unvoreingenommen erforscht und bist zu einer richtigen Schlussfolgerung gelangt. Du hast deinen Glauben an Moses, einen Propheten Gottes, bekundet und die Thora, das Buch Gottes, angenommen.« Wenn es mir möglich ist, durch ein solch freimütiges und allgemeines Glaubensbekenntnis alle Spuren von Vorurteilen zu tilgen, warum ist Ihnen nicht das Gleiche möglich? Warum nicht diesen religiösen Streit beenden und ein Band der Zusammengehörigkeit zwischen den Herzen der Menschen knüpfen? Warum sollten die Anhänger einer Religion nicht den Stifter oder Lehrer einer anderen preisen? Gläubige anderer Religionen rühmen Moses Größe und erkennen an, dass Er der Stifter des Judentums war. Warum weigern sich die Hebräer, die anderen großen Gesandten, die in der Welt erschienen sind, zu preisen und anzunehmen? Was könnte daran schlecht sein? Welcher Einwand wäre berechtigt? Überhaupt keiner. Sie würden durch eine solche Tat und Aussage nichts verlieren. Im Gegenteil, Sie würden zum Wohl der Menschheit beitragen. Sie würden eine wichtige Rolle dabei spielen, das Glück der Menschheit zu bewirken. Die unvergängliche Ehre des Menschen hängt von der Aufgeklärtheit dieses modernen Zeitalters ab. Da unser Gott nur ein einziger Gott und der Schöpfer der ganzen Menschheit ist, sorgt Er für alle und schützt alle. Wir schätzen Ihn als Gott der Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Warum also sollten wir, Seine Kinder und Anhänger, uns bekriegen und bekämpfen und einander Leid und Kummer zufügen? Gott ist liebevoll und barmherzig. In der Religion war Sein Ziel immer das Band der Einheit und Verbundenheit zwischen den Menschen.112:20Preis sei Gott! Das dunkle Mittelalter ist vergangen und dieses Jahrhundert des Lichtes ist angebrochen, das Jahrhundert, in dem die Wahrheit sichtbar wird, in dem die Wissenschaft die Geheimnisse des Universums durchdringt, die Einheit der Menschheit gestiftet wird und der Dienst an der Menschheit der überragende Beweggrund allen Seins ist. Sollen wir in unserem Fanatismus verwurzelt bleiben und an unseren Vorurteilen festhalten? Ist es angemessen, dass uns die alten Mythen und der Aberglaube der Vergangenheit noch immer binden und einschränken, dass uns überholte Glaubensvorstellungen und die mittelalterliche Unwissenheit im Wege stehen, dass wir Religionskriege führen, uns bekämpfen und Blut vergießen, einander meiden und verdammen? Ist das gut für uns? Ist es nicht besser für uns, liebevoll und rücksichtsvoll miteinander umzugehen? Ist es nicht besser, sich der Gemeinschaft und Einheit zu erfreuen, gemeinsam Lobeshymnen auf Gott, den Allhöchsten, anzustimmen und alle Seine Propheten im Geist der Anerkennung und wahrer Erkenntnis zu preisen? So wird diese Welt tatsächlich zum Paradies, und der verheißene Tag Gottes wird anbrechen. Dann werden gemäß der Prophezeiung Jesajas der Wolf und das Lamm aus demselben Bach trinken, die Eule und der Geier zusammen auf denselben Zweigen nisten, der Löwe und das Kalb auf derselben Wiese weiden. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass sich die zerstrittenen und konkurrierenden Religionen, die verfeindeten Glaubensrichtungen und die unterschiedlichen Überzeugungen trotz ihres früheren Hasses und ihrer früheren Feindschaft versöhnen und zusammenschließen. Durch die in diesem strahlenden Jahrhundert erforderliche aufgeklärte menschliche Haltung werden sie sich in vollkommener Gemeinschaft und Liebe vermischen. Das sind Geist und Bedeutung der Worte Jesajas. Es wird niemals einen Tag geben, an dem diese Prophezeiung wörtlich erfüllt wird, denn diese Tiere können sich aufgrund ihrer Natur nicht in Wohlwollen und Liebe verbinden und einander zugesellen. Deshalb symbolisiert diese Prophezeiung die Einheit und Eintracht von Ethnien, Ländern und Völkern, die in einer Haltung der Vernunft, Aufklärung und Vergeistigung zusammenkommen werden.112:21Das Zeitalter ist angebrochen, in dem die menschliche Gemeinschaft Wirklichkeit wird.112:22Das Jahrhundert ist gekommen, in dem alle Religionen vereint werden.112:23Die religiöse Ordnung ist erschienen, durch die alle Völker sich der Segnungen des Weltfriedens erfreuen werden.112:24Der Zyklus hat begonnen, da rassistische Vorurteile von allen Stämmen und Völkern der Welt abgelegt werden.112:25Die Epoche hat begonnen, in der sich alle Heimatländer zu einer großen Menschheitsfamilie zusammenschließen werden.112:26Denn die ganze Menschheit soll in Frieden und Sicherheit im Schutz des großartigen Heiligtums des einen lebendigen Gottes leben. – 113 –113:0_33625. Oktober 1912113:0_337Ansprache im Hotel Sacramento
Sacramento, Kalifornien113:0_338Aufzeichnungen von Bijou Straun113:1Als Christus erschien, folgten bestimmte gesegnete Seelen Seinem Vorbild. Sie begleiteten ihren Meister und beobachteten fortwährend Sein Verhalten, Sein Handeln und Sein Denken. Sie erlebten die Anfeindungen, die Ihm entgegenschlugen, und waren über alle Ereignisse im Bilde, die zu diesem wunderbaren Leben gehörten – sie waren Empfänger Seiner Güte und Gunst. Nach dem Heimgang Christi eilten sie in verschiedene Gegenden der Welt und verbreiteten die Lehren und Anweisungen, die Er ihnen gegeben hatte. Durch ihre Hingabe und ihre Bemühungen erhielten andere Orte und entfernt liegende Völker Kunde von den Prinzipien, die Er offenbart hatte.113:2Durch sie wurde der Osten erleuchtet und das Licht, das im Osten erstrahlte, erstrahlte auch im Westen. Dieses Licht ermöglichte die Führung großer Menschenmengen. In vielen Fällen erwies es sich als Mittel zur Verhinderung von Krieg. Das wird durch die Vereinigung und den Zusammenschluss verschiedener Völker belegt, die einander vormals feindlich gesinnt waren – wie die Griechen, Römer, Ägypter, Syrer, Chaldäer und Assyrer. In Christus fand die Einheit der Menschheit ihren Ausdruck und erwies sich als Ursache für die geistige Erleuchtung der Menschheit. Der Odem des Heiligen Geistes wirkte in den Herzen der Menschen.113:3Jetzt sind wir ebenfalls aus dem Orient gekommen und verkünden das Erscheinen Bahá’u’lláhs, Der am Horizont des Ostens erstrahlte. Wir haben Sein Leben beobachtet und Seine Taten gesehen. Wir waren Zeugen Seiner Prüfungen und Leiden, Beobachter Seiner Kerkerhaft und Verbannung. Wir wissen genau, welchen Anfeindungen Seine gesegnete Person ausgesetzt war. Darum sind wir, Seine Jünger, durch die ganze Welt gereist, damit sich Seine Lehren überall verbreiten und von jedem vernommen werden können. Mögen die Menschen so die frohe Botschaft vom Anbruch Seiner großen Sendung empfangen, sich der in Ihm offenbaren göttlichen Beweise bewusst werden, von den wunderbaren Begebenheiten Seines erstaunlichen Lebens erfahren, von Seiner großen Widerstandskraft gegen die Könige des Orients, von der Macht Seines Geistes, mit der Er das Banner der Einheit der Menschheit unter allen Umständen hochhielt. Vielleicht habt ihr von Ihm gehört oder gelesen. Ich gebe euch eine kurze Zusammenfassung Seines Lebens, damit ihr etwas über die Geschichte Seiner großen Bewegung erfahrt und Seine Lehren kennenlernt.113:4Bahá’u’lláh war eine Persönlichkeit aus Persien und stammte aus einer vornehmen Familie. In Seinen jungen Jahren erhob Sich in Persien ein junger Mann mit Namen ‘Alí-Muḥammad. Er wurde Báb genannt, was ›Tür‹ oder ›Tor‹ bedeutet. Der Träger dieses Titels war eine große Seele, durch die sich geistige Zeichen und Beweise offenbarten. Er trotzte den Widrigkeiten der Zeit und lebte im Widerspruch zu den Sitten und Gebräuchen Persiens. Er offenbarte ein neues Glaubenssystem, das im Gegensatz zu den Überzeugungen in Seinem Land stand, und verkündete bestimmte Prinzipien, die den Vorstellungen des Volkes widersprachen. Dafür wurde diese bemerkenswerte Persönlichkeit von der persischen Regierung eingekerkert. Schließlich wurde Er auf Befehl der Regierung hingerichtet und wurde so zum Märtyrer. Kurz zusammengefasst verlief dieses Martyrium wie folgt: Er wurde auf einem Platz wie eine Zielscheibe aufgehängt und erschossen. Diese hochverehrte Persönlichkeit kündigte die Ankunft einer weiteren Seele an, von der Er sagte: »Wenn Er kommt, wird Er euch noch Größeres offenbaren.«113:5Nach dem Märtyrertod des Báb erschien also Bahá’u’lláh. Die Regierung stellte sich gegen Ihn. Die Priesterschaft in Persien bekämpfte und verfolgte Ihn aufs Schärfste. Sein Besitz wurde beschlagnahmt, Seine Verwandten und Freunde wurden getötet, und Er wurde in einen Kerker geworfen. Er war lange Zeit eingekerkert, lag in Ketten und war schwerstem Leiden ausgesetzt. Danach wurde Er in den ‘Iráq (Mesopotamien) verbannt, von dort nach Konstantinopel, dann nach Adrianopel und schließlich nach ‘Akká. Er verbrachte vierundzwanzig Jahre in der Gefängnisfestung in ‘Akká, wo Er härteste Prüfungen und Entbehrungen durchmachte, ohne einen Tag oder eine Nacht der Entspannung und Erholung. Trotz dieser Gefangenschaft und dieses Leidens bewies Er höchste geistige Macht und Majestät. Trotz seiner Haft hielt Er zwei tyrannischen Königen stand und besiegte schließlich beide.113:6Kurz nach Seiner Einkerkerung richtete Er Sendschreiben an alle Könige und Herrscher der Welt, in denen Er sie zum Weltfrieden, zur Einheit und zu internationaler Gemeinschaft aufrief. Einer dieser Herrscher war der Sháh von Persien, der hauptsächlich für die Einkerkerung Bahá’u’lláhs verantwortlich war. In Seinem Brief an diesen Regenten zog Er ihn streng zur Rechenschaft und sagte dessen Sturz voraus, mit den Worten: »Du bist ein Tyrann; dein Land wird verfallen und deine Familie erniedrigt und entehrt werden.« Er schrieb an den Sulṭán der Türkei in ähnlicher Weise: »Deine Herrschaft wird dir entgleiten.« Die Sendschreiben an die Könige und Regenten, mit denen Er sie zum Weltfrieden aufrief, wurden vor fünfzig Jahren von Bahá’u’lláh geschrieben. Alles, was Er geschrieben hat, ist eingetreten. Diese Briefe wurden vor dreißig Jahren in Bombay veröffentlicht und sind heute auf der ganzen Welt verbreitet. Kurz gesagt, Bahá’u’lláh ertrug vierzig Jahre lang Schicksalsschläge, Prüfungen und Leid, um Seine Lehren zu verbreiten, die wie folgt zusammengefasst werden können:113:7Die erste Lehre ist, dass der Mensch die Wahrheit erforschen soll, denn die Wahrheit widerspricht dogmatischen Interpretationen und den Nachahmungen überkommener Glaubensformen, an denen alle Nationen und Völker so hartnäckig festhalten. Diese blinden Nachahmungen stehen im Widerspruch zur grundlegenden Basis der göttlichen Religionen, denn die zentralen und wesentlichen Lehren der göttlichen Religionen basieren auf Einheit, Liebe und Frieden, während diese Abweichungen und Nachahmungen schon immer zu Krieg, Aufstand und Streit geführt haben. Daher sollten alle Menschen es als ihre Pflicht ansehen, die Wahrheit zu ergründen. Die Wahrheit ist eine und wenn sie erkannt wird, wird sie die ganze Menschheit einen. Die Wahrheit ist die Liebe zu Gott. Die Wahrheit ist die Erkenntnis Gottes. Die Wahrheit ist Gerechtigkeit. Die Wahrheit ist die Einheit beziehungsweise das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheit. Die Wahrheit ist der Weltfrieden. Die Wahrheit ist die Kenntnis der Wirklichkeit. Die Wahrheit vereint die Menschheit.113:8Kurz gesagt, Bahá’u’lláhs Leitgedanke war, dass alle großen religiösen Systeme der Welt auf der Wahrheit basieren. Er rief die Nationen und Völker der Welt dazu auf. Verfeindete Völker wurden geeint, weil sie die Wahrheit Seiner Worte annahmen. Streit, Zwietracht und Auseinandersetzungen zwischen ihnen vergingen. Sie erreichten einen Zustand höchster Liebe. Heute pflegen die Menschen in Asien, die Seine Lehren angenommen haben und Seinem Beispiel gefolgt sind, brüderlichen und gemeinschaftlichen Umgang miteinander, obwohl sie sich früher sehr feindselig und unversöhnlich gegenüberstanden. Den Streit und Krieg der Vergangenheit haben sie beendet. Juden, Zoroastrier, Christen, Muslime und andere haben durch Bahá’u’lláh zu höchster Liebe und Eintracht gefunden. Sie leben jetzt wie eine Familie zusammen. Sie haben die Wahrheit erforscht. Die Wahrheit lässt keine Vieldeutigkeit gelten, noch lässt sie sich teilen. Diese unversöhnlichen Völker leben jetzt in Einheit und Eintracht.113:9Die zweite Lehre Bahá’u’lláhs ist der Grundsatz der Einheit der Menschheit. Gott ist Einer; Seine Diener sind ebenfalls eins. Gott hat alle erschaffen; Er ist gütig zu allen. Warum sollten Seine Kinder uneins sein, wo Er doch für alle ein so fürsorglicher Vater ist? Warum sollten sie sich bekriegen und bekämpfen? Wie der Himmlische Vater müssen wir in Liebe und Eintracht leben. Der Mensch ist der Tempel Gottes, das Ebenbild des Herrn. Wer den Tempel Gottes zerstört, wird das Missfallen des Schöpfers erregen. Deshalb müssen wir in Freundschaft und Liebe miteinander leben. Bahá’u’lláh wandte Sich mit folgenden Worten an die Menschheit: »Wahrlich, ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges.« Das bedeutet, dass die gesamte Menschheit ein einziger Baum ist. Die verschiedenen Nationen und Völker sind die Äste dieses Baumes. Die Zweige und Blüten repräsentieren die einzelnen Menschen. Warum sollten diese Teile desselben Baumes in Streit und Zwietracht leben?113:10Die dritte Lehre Bahá’u’lláhs betrifft den umfassenden Frieden zwischen den Nationen, den Religionen, den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Er erklärte, solange Vorurteile unter den Menschen bestehen – seien sie religiös, rassistisch, patriotisch, politisch oder sektiererisch –, kann der Weltfrieden nicht verwirklicht werden. Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die heutige Zeit wurden alle Kriege und alles Blutvergießen durch religiöse, rassistische, politische oder sektiererische Vorurteile verursacht. Daher ist es offensichtlich, dass die Menschheit keinen Frieden und keine Ruhe finden kann, solange diese Vorurteile bestehen.113:11Zu den Lehren Bahá’u’lláhs gehört Seine Aussage, dass Religion die Ursache für Liebe und Gemeinschaft und die Quelle der Einheit in den Herzen der Menschen sein muss. Wenn Religion zur Ursache von Feindschaft und Hass wird, ist es offensichtlich besser, sie abzuschaffen, als sie zu verbreiten, denn Religion ist ein Heilmittel gegen menschliches Leid. Wenn ein Heilmittel die Krankheit hervorruft, ist es zweifellos ratsam, es aufzugeben.113:12Ferner verkünden die Lehren Bahá’u’lláhs, dass die Religion mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen muss. Andernfalls ist sie Aberglaube, denn Wissenschaft und Vernunft sind Wahrheiten, und die Religion selbst ist die Göttliche Wahrheit, mit der wahre Wissenschaft und Vernunft in Einklang stehen müssen. Gott hat dem Menschen die Gabe des Verstandes verliehen, damit er jede Tatsache und Wahrheit, die ihm vorgelegt wird, abwägen kann, um zu entscheiden, ob sie vernünftig und nachvollziehbar ist. Was mit der Vernunft des Menschen im Einklang steht, kann er als wahr akzeptieren, während das, was Vernunft und Wissenschaft nicht bestätigen können, als Einbildung und Aberglaube, als Trugbild und als nicht der Wahrheit entsprechend abgelehnt werden kann. Da die unter den Menschen verbreiteten blinden Nachahmungen und dogmatischen Auslegungen nicht den Grundbedingungen der Vernunft entsprechen und weder der Verstand noch die wissenschaftliche Forschung ihnen zustimmen können, wird Religion heutzutage von vielen Menschen abgelehnt und gemieden. Das bedeutet, dass die Nachahmungen, wenn sie auf der Waage der Vernunft gewogen werden, deren Maßstäben und Anforderungen nicht entsprechen. Folglich lehnen diese Menschen die Religion ab und werden religionslos. Wenn ihnen jedoch die Wahrheit der göttlichen Religionen klar wird, wenn gezeigt wird, dass die Grundlage der himmlischen Lehren mit Tatsachen und offensichtlichen Wahrheiten sowie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und vernünftigen Beweisen übereinstimmt, können alle die Religion anerkennen und die Religionsfeindlichkeit wird vergehen. Auf diese Weise kann die Grundlage der Religion der gesamten Menschheit nahegebracht werden, denn die Wahrheit ist wahre Vernunft und Wissenschaft, während alles, was sich damit nicht vereinbaren lässt, bloßer Aberglaube ist.113:13Die Lehren Bahá’u’lláhs verkünden auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau, denn Er erklärte, dass alle Diener Gottes sind und die Fähigkeit besitzen, Tugenden und Gaben zu erlangen. Alle sind Zeichen der Barmherzigkeit des Herrn. In der Schöpfung Gottes besteht kein Unterschied. Alle sind Seine Diener. Vor Gott gibt es kein Geschlecht. Wessen Taten würdiger, wessen Äußerungen besser, wessen Leistungen nützlicher sind, steht Gott nach Seinem Urteil am nächsten, gleichgültig ob Mann oder Frau. Wenn wir die Schöpfung betrachten, finden wir das männliche und weibliche Prinzip in allen Daseinsformen. Im Pflanzenreich finden wir den männlichen und weiblichen Feigenbaum, die männliche und weibliche Palme, den Maulbeerbaum und so weiter. Das ganze Leben der Pflanzen ist durch diesen Geschlechtsunterschied geprägt, aber es zeigen sich weder Hervorhebung noch Bevorzugung. Nein, vielmehr herrscht völlige Gleichberechtigung. Ebenso gibt es das Geschlecht im Tierreich. Wir haben Männchen und Weibchen, aber weder Hervorhebung noch Bevorzugung. Es herrscht völlige Gleichberechtigung. Das Tier, dem menschliche Vernunft und Verständnis fehlen, kann die Bedeutung des Wahlrechts nicht verstehen und beansprucht auch kein Vorrecht. Der Mensch ist mit höherer Vernunft begabt, mit vielen Fähigkeiten ausgestattet und versteht die Wirklichkeit der Dinge. Er wird gewiss nicht zulassen wollen, dass ein großer Teil der Menschheit benachteiligt oder ausgeschlossen bleibt. Das wäre das größte Unrecht. Die Menschenwelt besitzt zwei Flügel, den männlichen und den weiblichen. Solange diese beiden Flügel nicht gleich stark sind, wird der Vogel nicht fliegen. Solange die Frau nicht den gleichen Rang einnimmt wie der Mann, solange sie nicht die gleichen Tätigkeiten ausübt, wird die Menschheit keine außergewöhnlichen Erfolge zeitigen, kann sich die Menschheit nicht zu den Höhen wahrer Errungenschaften aufschwingen. Wenn beide Flügel gleich stark werden und die gleichen Vorrechte genießen, wird der Flug des Menschen überaus erhaben und außergewöhnlich sein. Deshalb muss die Frau die gleiche Erziehung und Ausbildung erhalten wie der Mann und jede Ungleichheit muss ausgeglichen werden. So wird die Frau mit den gleichen Fähigkeiten wie der Mann ausgestattet sein, auf allen Ebenen menschlicher Errungenschaften voranschreiten und dem Mann ebenbürtig werden. Solange diese Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, wird der Menschheit kein wahrer Fortschritt und Erfolg beschieden sein.113:14Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Frau ist von Natur aus gegen den Krieg, sie ist eine Verfechterin des Friedens. Kinder werden von ihren Müttern großgezogen, die den Grundstein für ihre Erziehung und Bildung legen und unermüdlich für ihr Wohl arbeiten. Stellen Sie sich eine Mutter vor, die ihren Sohn zwanzig Jahre lang liebevoll bis zur Reife erzogen hat. Sie wird sicher nicht zulassen, dass dieser Sohn auf dem Schlachtfeld in Stücke gerissen und getötet wird. Wenn also die Frau dem Mann an Macht und Privilegien einschließlich Wahlrecht und Regierungsbeteiligung gleichgestellt ist, wird es mit Sicherheit keinen Krieg mehr geben; denn die Frau ist von Natur aus die ergebenste und entschiedenste Verfechterin des Weltfriedens.
weiter nach unten ...