‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
weiter nach oben ...
116:0_346
Ansprache im Haus von Frau Corinne True
5338 Kenmore Avenue, Chicago, Illinois
116:0_347
Aufzeichnungen von Gertrude Buikema
116:1
Ich freue mich über jeden, der heute Abend hier ist. Ich bin sehr glücklich, die Freunde Gottes und die Dienerinnen des Barmherzigen zu treffen. Preis sei Gott! Die Gesichter strahlen und die Herzen sind hingezogen zum Königreich Abhá. Der Glaube zeigt sich im Gesichtsausdruck aller, und dies ist eine Quelle der Freude. Die Gesegnete Vollkommenheit, Bahá’u’lláh, ertrug fast fünfzig Jahre lang Härten und Schicksalsschläge. Es gab keine Prüfung und keine Schwierigkeit, die Er nicht erlebte. Dennoch ertrug Er alles in vollkommener Freude und Zufriedenheit.
116:2
Die ihn sahen, waren Seines großen Glückes gewiss, denn keine Spur von Traurigkeit und Kummer trübte je Sein Antlitz. Selbst im Gefängnis glich Er einem König auf dem Thron der Erhabenheit und Größe, und Er bewahrte stets höchste Zuversicht und Würde. Wenn Ihm Offiziere und hohe Regierungsbeamte vorgestellt wurden, erwiesen sie Ihm sogleich Respekt. Seine Majestät und Würde waren ehrfurchtgebietend. Denkt daran: Er war ein Gefangener – Er war im Gefängnis. Er ertrug Prüfungen und Schicksalsschläge nur zu dem Zweck, uns zu erleuchten, und damit unsere Herzen vom Reiche Gottes angezogen werden und unsere Gesichter durch die frohe Botschaft Gottes erstrahlen; damit wir in den Ozean des Lichtes eintauchen und wie strahlende und leuchtende Kerzen sind, die die dunklen Nischen erhellen und alle Regionen mit Licht durchfluten. Preis sei Gott! Wenn ich mich umschaue, sehe ich, dass eure Gesichter strahlen, eure Herzen von der Liebe Gottes erfüllt sind und ihr an den Dienst in der Sache Gottes denkt. Deshalb bin ich sehr glücklich, hier zu sein, und ich hoffe, dass dieses Glück immer mit euch sein wird – ein ewiger Zustand.
116:3
Wir besuchten San Francisco und fuhren weiter nach Los Angeles. An diesen Orten trafen wir äußerst ergebene Freunde. Wahrhaft eifrig und vom Feuer der Liebe Gottes entflammt, war ihr einziges Ziel, stets dem Abhá-Königreich zu dienen. Ich hoffe, dass ihr sogar noch ergebener dienen werdet und damit allen anderen Freunden vorangeht. Möge die Flamme der Liebe Gottes in Chicago so entfacht werden, dass alle Städte in Amerika Feuer fangen. Das ist meine Hoffnung.
116:4
Dass ich zum dritten Mal hier bin, zeigt, wie sehr ich mich danach sehne, euch zu sehen, und wie groß meine Liebe ist. Eigentlich hätte ich von San Francisco aus direkt nach New York und von dort aus in den Orient reisen sollen, aber die übergroße Liebe hat mich dazu bewegt, noch einmal nach Chicago zu kommen, um die Gemeinschaft und die Atmosphäre mit euch zu erleben. Ich hoffe, dass diese drei Besuche in Zukunft zu ergiebigsten Erfolgen führen werden. Möget ihr alle zu Zeichen der Einheit werden; möge jeder ein Banner Bahá’u’lláhs sein, jeder wie ein Stern leuchten, jeder im Reich Gottes kostbar und würdig werden. Möget ihr einen solchen Zustand der Vergeistigung erreichen, dass die Menschen staunend sagen: »Wahrlich, diese Seelen sind selbst Beweise für die Rechtmäßigkeit Bahá’u’lláh, denn durch Seine Lehren wurden sie vollständig neu erschaffen. Diese Seelen sind unvergleichlich; sie sind wahrhaftig das Volk des Königreichs; sie heben sich von den Menschen in ihrer Umgebung ab. Das ist wirklich ein Beweis für Bahá’u’lláh. Seht, wie gebildet und erleuchtet sie sind.«
116:5
Als diese Sache im Orient erschien, zeigten die Freunde und Anhänger äußerste Selbstaufopferung und gaben alles dafür auf. Es ist bemerkenswert und wunderbar, dass zwanzigtausend Menschen sich bereitwillig auf den Weg des Martyriums begaben, obwohl das Leben das Kostbarste auf Erden ist. Kürzlich wurden in Yazd zweihundert Bahá’í-Freunde grausam ermordet. Sie gingen in völliger Verzückung zum Ort des Martyriums und lächelten ihren Verfolgern voller Freude und Dankbarkeit zu. Einige der Märtyrer boten ihren Henkern sogar Süßigkeiten an und sagten: »Kostet davon, damit ihr uns den gesegneten Kelch des Martyriums in Süße und Freude reichen könnt.« Unter diesen geliebten und gerühmten Menschen waren auch Frauen, die auf grausamste Weise hingerichtet wurden. Einige wurden zerstückelt; ihre Henker, denen dieses Gemetzel nicht reichte, haben andere angezündet, sodass ihre Körper verbrannten. Kein einziger Bahá’í widersetzte sich diesen schrecklichen Folterungen oder widerrief seinen Glauben. Sie leisteten keinen Widerstand, obwohl die Bahá’í in dieser Stadt äußerst mutig und stark waren. Durch körperliche Stärke und Kraft hätte so mancher dieser Bahá’í vielen ihrer Feinde trotzen können, aber sie akzeptierten das Martyrium im Geiste völliger Demut und ohne jeden Widerstand. Viele von ihnen riefen noch im Sterben laut aus: »O Herr! Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wenn sie es wüssten, hätten sie dieses Unrecht nicht begangen.« Im Todeskampf des Martyriums gaben sie ohne zu zögern alles hin, was sie in diesem Leben besaßen.
116:6
In bestimmten Prophezeiungen heißt es, wenn das Banner Gottes im Osten gehisst wird, werden Seine Zeichen im Westen sichtbar. Das ist wirklich eine gute Nachricht und eine frohe Botschaft für euch. Ich hoffe, dass diese Verheißung sich in euch erfüllt und dass ihr alle in der Lage seid, den Geist und die Wahrheit der prophetischen Ankündigung zu bezeugen und zu sagen: »Wahrlich, das Banner Gottes ist im Osten erschienen, und seine Zeichen erstrahlen im Westen.« Das wird für alle Freunde im Osten, die auf gute Nachrichten und frohe Botschaften aus dem Westen warten, eine Quelle großer Freude sein. Erwartungsvoll harren sie der Nachricht, dass die Freunde im Westen standhaft und entschlossen sind, dass sie sich auszeichnen, indem sie die Einheit der Menschheit verwirklichen, dass sie sogar ihr Leben für die Grundlagen des Weltfriedens hingeben, dass sie zu Leuchten des Königreichs geworden sind und sich als Verkörperungen der göttlichen Gnade erweisen, dass die Freunde im Westen der Ausdruck der Gunst der Gesegneten Vollkommenheit sind, wahre Sterne der Gaben Gottes, gesegnete Bäume und Blumen im Garten Seiner Reinheit und Heiligkeit. Jede gute Nachricht von hier ist ein Grund zum Jubeln für die Freunde im Osten und eine Quelle tiefer Dankbarkeit. Sie veranstalten ein Fest und preisen Gott für die freudigen Nachrichten. Wenn es nötig wäre, würden sie ohne zu zögern ihr Leben für euch hingeben. Die Freunde im Osten sind alle verbunden und einig.
116:7
Es gibt niemanden im Osten, der schwankt, niemanden, der sich gegen den Bund Gottes erhebt. Es gibt keine einzige Seele unter den Bahá’í in Persien, die sich dem Bund entgegenstellt. Sie sind alle standhaft. Wenn irgendjemand über diese Sache sprechen möchte, werden sie fragen: »Sind dies deine eigenen Worte oder sind sie vom Mittelpunkt des Bundes abgesegnet? Wenn ihr die Bestätigung durch den Mittelpunkt des Bundes habt, legt sie vor. Wo ist Sein Brief? Wo ist Seine Unterschrift?« Wenn er den Brief vorlegt, werden sie ihn annehmen. Wenn er dies nicht kann, sagen sie: »Wir können deine Worte nicht annehmen, weil sie von dir allein ausgehen und zu dir zurückkehren. Wir haben von der Gesegneten Vollkommenheit, Bahá’u’lláh, keine Anweisung, dir zu gehorchen. Er hat ein Buch offenbart, in dem Er einen Bund mit uns geschlossen hat, dass wir dem ernannten Mittelpunkt des Bundes gehorchen. Er hat mit uns keinen Bund geschlossen, dir zu gehorchen. Darum weisen wir deine Aussage zurück. Du musst einen Beweis deiner Vollmacht und Befugnis vorlegen. Uns wurde geboten, uns dem einen Mittelpunkt zuzuwenden. Wir gehorchen nicht verschiedenen Mittelpunkten. Die Gesegnete Vollkommenheit hat mit uns einen Bund geschlossen, und wir halten an diesem Bund und Testament fest. Wir hören auf nichts anderes. Denn es könnten sich Menschen erheben, die ihre eigenen Gedanken verkünden, und wir dürfen ihnen keine Beachtung schenken.«
116:8
In früheren Offenbarungen war das anders. Christus zum Beispiel hat keinen Mittelpunkt der Autorität und Auslegung ernannt. Er sagte zu Seinen Nachfolgern nicht etwa: »Gehorchet dem, den ich auserwählt habe.« Einmal fragte Er Seine Jünger: »Wer, sagt ihr, dass ich sei?« Simon Petrus antwortete: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« Christus wollte den Glauben des Petrus festigen und sagte: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen«, was bedeutet, dass der Glaube des Petrus der wahre Glaube war. Es war eine Bestätigung des Glaubens von Petrus. Er sagte nicht, dass sich alle Petrus zuwenden sollten. Er sagte nicht: »Er ist der Ast, der meiner altehrwürdigen Wurzel entspringt.« Er sagte nicht: »O Gott! Segne alle, die Petrus dienen. O Gott! Erniedrige diejenigen, die ihm nicht gehorchen. Meidet den, der den Bund bricht. O Gott! Du weißt, dass ich alle liebe, die standhaft im Bund sind.« Dies wurde jedoch in allen Büchern, Schriften und Sendschreiben Bahá’u’lláhs in Bezug auf den in dieser Offenbarung festgelegten Mittelpunkt des Bundes bekundet. Die Bahá’í-Offenbarung unterscheidet sich von allen anderen Offenbarungen in diesem Punkt: Die Absicht Bahá’u’lláhs ist, dass niemand sich erheben kann, um Zwietracht und Uneinigkeit zu verursachen. Nach dem Hinscheiden Christi bildeten sich verschiedene Sekten und Konfessionen, von denen jede behauptete, der wahre Weg des Christentums zu sein. Allerdings konnte keine von ihnen eine schriftliche Vollmacht von Christus vorlegen, niemand konnte einen Beweis von Ihm erbringen. Dennoch beriefen sich alle auf Seine Bestätigung und Zustimmung. Bahá’u’lláh hat mit Seiner eigenen Feder einen Bund und ein Testament geschrieben und erklärt, dass sich alle dem Einen, den Er zum Mittelpunkt des Bundes bestimmt hat, zuwenden und Ihm gehorchen sollen. Darum danket Gott, dass Bahá’u’lláh den Pfad geebnet hat. Er hat alles genau erklärt und jedes Tor für den Fortschritt der Seelen geöffnet. Für niemanden gibt es einen Grund zum Zögern. Der Zweck des Bundes war schlicht, Uneinigkeit und Zwietracht zu verhindern, damit niemand sagen kann: »Meine Meinung ist die wahre und rechtmäßige.«
116:9
Jede vom Mittelpunkt des Bundes geäußerte Ansicht ist richtig, und es gibt für niemanden einen Grund, ungehorsam zu sein. Seid wachsam, denn es könnten Bundesbrecher (›Náqiḍín‹) unter euch sein. Hört nicht auf sie. Lest das Buch des Bundes. Allen wurde der Gehorsam gegenüber dem Bund geboten, und die erste Ermahnung richtet sich an die Söhne Bahá’u’lláhs, die Äste: »Ihr müsst euch dem ernannten Mittelpunkt zuwenden. Er ist der Ausleger des Buches.«
116:10
Sollte jemand dieses Gebot so eindeutig verletzen und missachten, kann er sich da noch als Bahá’í bezeichnen? Wenn jemand dem ausdrücklichen Gebot Christi nicht gehorcht, kann er dann wahrheitsgemäß behaupten, er sei ein Christ?
116:11
Abschließend möchte ich sagen, dass ich mit diesem Treffen sehr zufrieden bin. Ich werde für euch beten und um Unterstützung der Gesegneten Vollkommenheit bitten. Preis sei Gott! Ihr müsst dankbar sein, dass Er euch unter den Völkern der Welt auserwählt hat und solch herrliche Gaben, solch grenzenlose Wohltaten und Gnadengaben für euch bestimmte. Ihr dürft nicht auf derzeitige Entwicklungen schauen, denn dies ist nur der Anfang, wie es zur Zeit Christi war. Schon bald werdet ihr unter allen Menschen ausgezeichnet werden. Der göttliche Beistand wird euch in jeder Hinsicht unterstützen, und der Glanz des Königreiches Bahá’u’lláhs wird euer Antlitz erleuchten. Seid aufrichtig dankbar für all diese Segnungen. Ich hoffe, dass ich immer gute Nachrichten von euch erhalte, die zeigen, dass die Freunde in Chicago der Sache Gottes dienen, erfüllt von der Freude, das Wort Gottes zu verkünden, sich für die Verbreitung der Lehren Bahá’u’lláhs einsetzen und der ganzen Menschheit Liebe und Güte erweisen. Das ist meine Hoffnung und Erwartung. Ich bin sicher, dass ihr euch bemühen werdet, dies zu erreichen, damit die Freunde in Persien und ich das Glück über die guten Nachrichten erleben können. Möget ihr für uns eine Quelle der Freude und des Glücks, eine Quelle der Ruhe und der Gelassenheit sein.
Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in Cincinnati5. November 1912– 117 –
117:0_348
5. November 1912
117:0_349
Ansprache im Grand Hotel
Cincinnati, Ohio
117:0_350
Nach einer stenografischen Mitschrift
117:1
Da wir uns in Cincinnati befinden, der Heimat von Präsident Taft, der sich so sehr für den Frieden eingesetzt hat, möchte ich eine Erklärung für die Menschen in Cincinnati und Amerika im Allgemeinen abgeben. Im Orient hat man mir gesagt, dass in Amerika viele Menschen den Frieden lieben. Deshalb habe ich meine Heimat verlassen, um hier mit den Bannerträgern der internationalen Versöhnung und Verständigung zusammenzutreffen. Nachdem ich von Küste zu Küste gereist bin, empfinde ich die Vereinigten Staaten von Amerika als großes und fortschrittliches Land mit einer gerechten und fairen Regierung und einem edlen und unabhängigen Volk. Ich habe an vielen Zusammenkünften teilgenommen, bei denen über Weltfrieden gesprochen wurde, und freue mich immer sehr über die Ergebnisse solcher Treffen, denn eines der großen Prinzipien der Lehren Bahá’u’lláhs ist es, die Völker der Welt zu vereinen. Vor fünfzig Jahren offenbarte und lehrte Er dieses Prinzip im Orient. Er verkündete die internationale Einheit, rief die Religionen der Welt zu Harmonie und Versöhnung auf und stiftete Freundschaft zwischen den Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe, Glaubensrichtungen und Gemeinschaften. Zu dieser Zeit schrieb Er Sendschreiben an die Könige und Herrscher der Welt und forderte sie auf, sich zu erheben und mit Ihm zusammenzuarbeiten, um diese Prinzipien zu verbreiten. Er sagte, dass die Stabilität und der Fortschritt der Menschheit nur durch die Einheit der Nationen erreicht werden können. Durch Seine Bemühungen wurde dieses Prinzip der allumfassenden Harmonie und Eintracht in Persien und anderen Ländern praktisch veranschaulicht. So gibt es heute in Persien viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion, die den Ermahnungen Bahá’u’lláhs gefolgt sind und in Liebe und Freundschaft miteinander leben, ohne religiöse, patriotische oder rassistische Vorurteile – Muslime, Juden, Christen, Buddhisten, Zoroastrier und viele andere.
117:2
Amerika hat sich erhoben, die Lehren des Friedens zu verbreiten, die Aufklärung der Menschheit zu fördern und den Menschenkindern Glück und Wohlstand zu bringen. Das sind die Prinzipien und Beweise einer göttlichen Kultur. Amerika ist eine edle Nation, Bannerträger des Friedens in der ganzen Welt, es strahlt Licht in alle Gegenden aus. Andere Nationen sind im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten nicht unbelastet und frei von Intrigen und Verstrickungen; sie sind daher nicht in der Lage, universelle Harmonie zu schaffen. Aber Amerika – gelobt sei Gott – befindet sich in Frieden mit der ganzen Welt und ist würdig, das Banner der internationalen Freundschaft und Einigkeit zu hissen. Sobald dies geschehen ist, wird auch der Rest der Welt dem zustimmen. Alle Nationen werden gemeinsam die Lehren Bahá’u’lláhs annehmen, die Er vor über fünfzig Jahren offenbarte. In Seinen Sendschreiben forderte Er die Parlamente der Welt auf, ihre weisesten und fähigsten Vertreter zu einer internationalen Weltkonferenz zu entsenden, die alle Streitfragen zwischen den Völkern entscheiden und den Weltfrieden herstellen solle. Dies wäre die höchste Berufungsinstanz, und das von Dichtern und Visionären so lang erträumte Menschheitsparlament würde Wirklichkeit. Das Ergebnis wäre viel weitreichender als das Haager Tribunal.
117:3
Ich bin Präsident Taft sehr dankbar, dass er seinen Einfluss für die Schaffung des Weltfriedens genutzt hat. Was er durch den Abschluss von Verträgen mit verschiedenen Nationen erreicht hat, ist sehr gut, aber wenn wir ein interparlamentarisches Gremium haben, das sich aus Vertretern aller Nationen der Welt zusammensetzt und der Förderung von Eintracht und gutem Willen gewidmet ist, wird der Traum der Weisen und Dichter, das Menschheitsparlament, Wirklichkeit werden.
Ansprachen ‘Abdu’l Bahás in Washington, D.C.6. bis 10. November 1912– 118 –
118:0_351
6. November 1912
118:0_352
Ansprache in der Universalist Church
Thirteenth and L Streets, Washington, D.C.
118:0_353
Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
118:1
Preis sei Gott! In diesem Land wird das Banner der Freiheit hochgehalten. Sie genießen politische Freiheit, Gedanken- und Redefreiheit, religiöse Freiheit, Freiheit ungeachtet der Herkunft und Hautfarbe und persönliche Freiheit. Das verdient Anerkennung und Dankbarkeit. In diesem Zusammenhang möchte ich die Freiheit, die Gastfreundschaft und den herzlichen Empfang erwähnen, die ich auf meinen jüngsten Reisen durch Amerika erfahren habe. Ich möchte auch die herzliche Begrüßung und die freundliche Haltung des verehrten Herrn Doktor, des Pfarrers dieser Kirche, voll und ganz erwidern; seine liebevolle und aufmerksame Empfänglichkeit verdient besondere Anerkennung. Gewiss müssen die führenden Denker dem Beispiel seiner Freundlichkeit und seines guten Willens folgen. Aufgeklärtheit ist in der heutigen Zeit unerlässlich – Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen und Nationen. Die Grundhaltungen der Menschen dürfen nicht eingeschränkt werden; denn Gott ist unbegrenzt und wer ein Diener an der Schwelle Gottes ist, muss ebenfalls frei von Einschränkungen sein. Die Welt des Seins geht aus der Barmherzigkeit Gottes hervor. Gott hat alle Erscheinungsformen des Seins mit Seinem Strahlenglanz der Barmherzigkeit erhellt, und Er ist gütig und freundlich zu Seiner ganzen Schöpfung. Daher muss die Menschheit immer Empfänger der Gaben Seiner Majestät, des ewigen Herrn, sein, so wie Christus erklärt hat: »Seid also vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« Denn wie das Licht und die Hitze der Sonne im stofflichen Himmel, so gehen Seine Gaben auf die ganze Menschheit hernieder. Folglich muss der Mensch die Lektion der Güte und des Wohlwollens von Gott Selbst lernen. So, wie Gott zu allen Menschen gütig ist, muss auch der Mensch zu seinen Mitgeschöpfen gütig sein. Wenn seine Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der ganzen Schöpfung gerecht und liebevoll ist, verdient er es, das Ebenbild Gottes genannt zu werden.
118:2
Es gibt verschiedene Arten von Verbundenheit oder Vereinigung. Das kann Familienzugehörigkeit sein, die innige Beziehung innerhalb eines Haushalts. Sie ist begrenzt und Veränderungen und Störungen unterworfen. Wie oft geschieht es, dass innerhalb einer Familie Liebe und Einvernehmen in Feindseligkeit und Abneigung umschlagen. Eine andere Form der Verbundenheit zeigt sich im Patriotismus. Ein Mensch liebt seine Mitmenschen, weil sie das gleiche Vaterland haben. Auch dies ist begrenzt und unterliegt der Veränderung und der Auflösung, wenn etwa die Söhne desselben Vaterlandes sich im Krieg und auf dem Schlachtfeld blutig bekämpfen. Eine weitere Art der Verbundenheit ergibt sich aus der gemeinsamen Hautfarbe und Herkunft, die zu gegenseitiger Anziehung und Zusammenschluss führt. Auch sie ist begrenzt und wandelbar, denn oft gab es Kriege und tödliche Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Völkern gleicher Abstammung. Es gibt eine vierte Art der Verbundenheit, die Haltung des Menschen zur Menschheit selbst, die selbstlose Liebe zur Menschheit und die Anerkennung einer grundlegenden Verbindung zwischen den Menschen. Sie ist zwar unbeschränkt, aber auch anfällig für Wandel und Zerstörung. Selbst diese allumfassende Verbundenheit bringt nicht das gewünschte Ergebnis hervor. Was ist das gewünschte Ergebnis? Liebevolle Güte gegenüber allen menschlichen Geschöpfen und eine feste, unzerstörbare Verbundenheit, die alle göttlichen Möglichkeiten und alles Bedeutsame für die Menschheit einschließt. Es ist also offensichtlich, dass Verbundenheit, Liebe und Güte, die auf Familie, Herkunft, Hautfarbe oder Selbstlosigkeit gegründet sind, weder ausreichen noch von Dauer sind, da sie alle begrenzt, eingeschränkt und anfällig für Veränderungen und Unterbrechungen sind. Denn in der Familie gibt es Streit und Entfremdung; unter den Angehörigen desselben Vaterlandes gibt es Kampf und vernichtenden Krieg; unter den Menschen einer Hautfarbe gibt es oft Feindschaft und Hass und sogar unter den Selbstlosen lassen Meinungsverschiedenheiten und ein Mangel an selbstloser Hingabe nur wenig Hoffnung auf eine dauerhafte und unzerstörbare Einheit unter den Menschen zu.
118:3
Deshalb hat der Herr der Menschheit Seine heiligen, göttlichen Manifestationen in die Welt gesandt. Er hat Seine himmlischen Bücher offenbart, um zwischen den Menschen eine geistige Verbundenheit herzustellen, und hat durch die Macht des Heiligen Geistes ihre vollkommene Vereinigung ermöglicht. Und wenn durch den Odem des Heiligen Geistes diese vollkommene Vereinigung und Eintracht unter den Menschen hergestellt ist – diese Verbundenheit und Liebe von geistigem Charakter, diese himmlische liebevolle Güte, diese göttlichen Bande –, dann entsteht eine Einheit, die unauflöslich, unveränderlich und unwandelbar ist. Sie ist immer die Gleiche und bleibt für immer die Gleiche. Denken wir beispielsweise an das Fundament der Verbundenheit, das Christus gelegt hat. Schauen Sie, wie diese Vereinigung zu Einheit und Eintracht geführt hat und wie sie unterschiedliche Menschen auf eine Ebene einheitlicher Fortschritte brachte, auf der sie bereit waren, ihr Leben füreinander zu opfern. Sie waren willens, auf ihren Besitz zu verzichten, und sogar bereit, ihr Leben freudig hinzugeben. Sie lebten in solcher Liebe und Freundschaft miteinander, dass sogar Galen, der berühmte griechische Philosoph, der kein Christ war, in seinem Werk Der Fortschritt der Nationen sagte, dass religiöser Glaube als Grundlage wahrer Kultur überaus dienlich sei. Als Beweis führte er an: »Einige unserer Zeitgenossen sind als Christen bekannt. Sie zeichnen sich durch den höchsten Grad an moralischer Kultur aus. Jeder von ihnen ist ein großer Philosoph, weil sie in größter Liebe und Freundschaft zusammenleben. Sie opfern ihr Leben füreinander. Sie schenken einander ihre weltlichen Besitztümer. Von den Christen kann man sagen, sie seien wie eine Person. Es gibt ein Band zwischen ihnen, das dem Wesen nach unauflöslich ist.«
118:4
So wird deutlich, dass die Grundlage wahrer Verbundenheit, die Ursache liebevoller Zusammenarbeit und Wechselseitigkeit, die Quelle echter Güte und selbstloser Hingabe nichts anderes ist als der Odem des Heiligen Geistes. Ohne diesen Einfluss und belebenden Geist ist das nicht möglich. Wir können Vereinigung bis zu einem gewissen Grad durch andere Anreize erreichen, aber das sind begrenzte, dem Wandel unterworfene Bündnisse. Wenn sich menschliche Verbundenheit im Heiligen Geist gründet, ist sie ewig, unveränderlich und unbegrenzt.
118:5
Es gab eine Zeit, in der in verschiedenen Teilen des Orients Verbundenheit, liebevolle Güte und all diese lobenswerten menschlichen Eigenschaften verschwunden zu sein schienen. Es gab keine Anzeichen von patriotischer, religiöser oder ethnischer Verbundenheit, stattdessen herrschten Fanatismus, Hass und Vorurteile. Die Anhänger jeglicher Religion waren erbitterte Feinde der jeweils anderen, hasserfüllt und blutrünstig. Der gegenwärtige Balkankrieg weist Ähnlichkeiten mit jenen Zuständen auf. Denken wir nur an das Blutvergießen, die Grausamkeit und Unterdrückung, die dort sogar in diesem aufgeklärten Jahrhundert herrschen – alles verursacht durch religiöse Vorurteile und Meinungsverschiedenheiten. Denn die beteiligten Völker haben die gleiche Hautfarbe und Herkunft; trotzdem sind sie grausam und unbarmherzig gegeneinander. Ähnlich schlimme Zustände herrschten im neunzehnten Jahrhundert in Persien. Finsternis und unwissender Fanatismus auf breiter Front, es gab keine Spur von Gemeinschaft oder Verbundenheit unter den Volksgruppen. Im Gegenteil, die Herzen der Menschen waren von Wut und Hass erfüllt. Finsternis und Schwermut durchdrangen überall das persönliche Leben und die allgemeinen Lebensumstände der Menschen. In dieser Zeit erschien Bahá’u’lláh am göttlichen Horizont wie die Herrlichkeit der Sonne, und inmitten dieser undurchdringlichen Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit der Menschenwelt leuchtete ein strahlendes Licht. Er legte den Grundstein für die Einheit der Menschheit, indem Er erklärte, dass alle Menschen Schafe gleichen, für die Gott der wahre Hirte ist. Es gibt nur einen Hirten, und alle Völker sind Seine Herde.
118:6
Es gibt nur eine Menschheit, und Gott ist gleichermaßen gütig zu allen. Was ist also die Quelle der Lieblosigkeit und des Hasses in der Menschenwelt? Dieser wahre Hirte liebt alle Seine Schafe. Er führt sie auf grüne Weiden. Er hegt und pflegt sie. Was ist also die Quelle der Feindschaft und Entfremdung unter den Menschen? Woher stammen Konflikt und Streit? Die eigentliche Ursache ist die fehlende religiöse Einheit und Verbundenheit, denn in jeder der großen Religionen finden wir Aberglauben, blinde Nachahmung von Glaubensbekenntnissen und theologische Formeln, die anstelle der göttlichen Grundlagen befolgt werden, was zu Meinungsverschiedenheiten und Entfremdung unter den Menschen führt, statt zu Eintracht und Gemeinschaft. Dies hat zu Zwietracht, Hass und Kriegen geführt, die auf dieser Entfremdung und Trennung beruhen. Wenn wir die Grundlagen der göttlichen Religionen untersuchen, stellen wir fest, dass sie eins sind, absolut unveränderlich und niemals einem Wandel unterworfen. So enthält jede der göttlichen Religionen zwei Arten von Gesetzen und Geboten. Die eine betrifft die ethischen und moralischen Richtlinien. Das sind die wesentlichen Gebote. Sie vermitteln und erwecken die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Ihm, die Liebe zur Menschheit, die Tugenden der Menschenwelt, die Merkmale des Gottesreiches, die Wiedergeburt und Auferstehung aus dem Reich der Natur. Diese Gebote bilden die eine Art des göttlichen Gesetzes, die allen Religionen gemeinsam ist und niemals dem Wandel unterliegt. Seit Anbruch des adamitischen Zyklus bis zum heutigen Tag hat dieses grundlegende Gesetz Gottes unverändert fortbestanden. Dies ist die Grundlage der göttlichen Religion.
118:7
Der zweite Bereich umfasst Gesetze und Richtlinien, die entsprechend den Erfordernissen von Zeit und Ort die menschlichen Bedürfnisse und Lebensumstände regeln. Diese sind nicht grundlegend, nicht wesentlich und hätten niemals zur Ursache und Quelle menschlicher Streitigkeiten gemacht werden dürfen. Zur Zeit Moses – Frieden sei mit Ihm – war beispielsweise gemäß den Erfordernissen jener Zeit die Scheidung erlaubt. Da während des Zyklus Christi die Scheidung nicht mehr zeitgemäß war und nicht mehr den Lebensumständen entsprach, hat Jesus Christus sie abgeschafft. In Moses Zyklus war Polygamie zulässig. Aber zur Zeit Christi gab es die Dringlichkeit nicht mehr, die sie rechtfertigte, deshalb wurde sie verboten. Moses lebte in der Wildnis und Wüste des Sinai; daher waren Seine Verfügungen und Gebote auf diese Lebensumstände abgestimmt. Die Strafe für Diebstahl war das Abhacken einer Hand. Eine solche Vorschrift entsprach dem Leben in der Wüste, ist aber mit den heutigen Lebensverhältnissen nicht vereinbar. Solche Bestimmungen bilden also den zweiten, unwesentlichen Bereich der göttlichen Religionen, und sie sind nicht so wichtig, weil sie zum menschlichen Alltag gehören, der sich je nach Zeit und Ort immer wieder ändert. Daher sind die wahren Grundlagen der göttlichen Religion eins. Da dies so ist, warum sollte es dann Feindschaft und Streit zwischen ihnen geben? Warum sollten Hass und Krieg, Grausamkeit und Blutvergießen andauern? Ist das annehmbar und gerechtfertigt? Gott bewahre!
118:8
Ein wesentlicher Grundsatz der Lehren Bahá’u’lláhs ist, dass die Religion die Ursache von Einheit und Liebe unter den Menschen sein muss; dass sie die höchste Ausstrahlung des Göttlichen ist, der Lebensimpuls, der Quell der Ehre und der Weg zum ewigen Leben. Religion darf weder Feindschaft oder Hass hervorrufen, noch zur Quelle von Tyrannei und Ungerechtigkeit werden. Sollte sie sich als Ursache von Feindschaft, Zwietracht und Entfremdung unter den Menschen erweisen, so wäre es sicherlich vorzuziehen, es gäbe keine Religion. Religiöse Lehren sind wie eine Heilbehandlung, deren Ziel die Gesundung und Genesung der Menschheit ist. Wenn eine Behandlung nur aus einer Diagnose und einer fruchtlosen Diskussion über die Symptome besteht, wäre es besser, sie abzubrechen und aufzugeben. In einem solchen Fall wäre das Nichtvorhandensein der Religion zumindest ein kleiner Fortschritt in Richtung Einheit.
118:9
Darüber hinaus muss die Religion der Vernunft genügen und mit den Erkenntnissen der Wissenschaft übereinstimmen. Denn Religion, Vernunft und Wissenschaft sind die Wahrheit. Und weil alle drei jeweils die Wahrheit sind, müssen sie übereinstimmen und miteinander in Einklang gebracht werden. Eine Frage oder ein Grundsatz religiöser Natur muss durch die Wissenschaft bestätigt werden. Die Wissenschaft muss die Aussage für stichhaltig erklären, und die Vernunft muss sie bestätigen, damit sie vertrauenswürdig ist. Wenn jedoch eine religiöse Lehre im Widerspruch zu Wissenschaft und Vernunft steht, handelt es sich unbestreitbar um Aberglauben. Der Herr der Menschheit hat uns den Verstand verliehen, mit dem wir die Wirklichkeit der Dinge erkennen können. Mit welchem Recht kann jemand einer Annahme zustimmen, die nicht mit den Methoden der Vernunft und den Prinzipien der Wissenschaft vereinbar ist? Ein solcher Ansatz kann dem Menschen weder Vertrauen noch wahren Glauben vermitteln.
118:10
Die Lehren Bahá’u’lláh enthalten viele Prinzipien. Ich gebe hier nur eine Zusammenfassung. Eines dieser Prinzipien betrifft die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er erklärte, da alle Menschen nach dem Ebenbild des einen Gottes erschaffen sind, gibt es vor Gott keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Wer das reinste Herz hat, wer mehr weiß und sich durch Güte gegenüber den Dienern Gottes auszeichnet, ist dem Herrn, unserem Schöpfer, am nächsten und am liebsten, unabhängig vom Geschlecht. In den niederen Reichen, dem Tier- und Pflanzenreich, finden wir Geschlechtsunterschiede in den Funktionen und Strukturen. Alle Pflanzen, Bäume und Tiere weisen diese schöpfungsbedingte Differenzierung auf, aber innerhalb ihrer Art besteht absolute Gleichheit ohne weitere Unterscheidung nach dem Geschlecht. Warum sollte der Mensch bei etwas einen Unterschied machen, das bei niederen Geschöpfen keine Rolle spielt? Insbesondere, wenn wir uns vor Augen halten, dass alle Menschen demselben Königreich und derselben Art entstammen, dass alle die Blätter eines Baumes, die Wellen eines Meeres sind? Die einzige vernünftige Erklärung ist, dass der Frau nicht die gleichen Bildungschancen wie dem Mann zugestanden wurden. Hätte sie nämlich die gleichen Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten gehabt wie der Mann, so hätte sie zweifellos den gleichen Rang und das gleiche Niveau erreicht. Vor Gott gibt es keinen Unterschied. Beide sind gleich und haben die gleichen Fähigkeiten. Durch entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten wird die Frau daher die gleichen Vorrechte verdienen und erhalten. Als Jesus Christus am Kreuz starb, waren die Jünger, die Zeugen Seiner Kreuzigung wurden, bestürzt und erschüttert. Selbst Petrus, einer der herausragendsten Seiner Jünger, verleugnete Ihn dreimal. Maria Magdalena rief sie zusammen und stärkte ihren Glauben mit den Worten: »Warum zweifelt ihr? Warum fürchtet ihr euch? O Petrus! Warum hast du Ihn verleugnet? Christus starb nicht am Kreuz. Die Wirklichkeit Christi ist unvergänglich, immerwährend, ewig. Für diese göttliche Wirklichkeit gibt es weder Anfang noch Ende und deshalb kann es keinen Tod geben. Allenfalls der Leib Jesu hat den Tod erlitten.« Kurz, diese Frau war das alleinige Werkzeug dafür, dass die Jünger verwandelt und standhaft wurden. Das ist ein Hinweis auf außergewöhnliche Kräfte und überlegene Eigenschaften, ein Beweis dafür, dass die Frau das Gegenstück und die Ergänzung des Mannes ist. Wer die bessere Bildung und Erziehung genossen hat, wessen Talente größer und wessen Ideale erhabener sind, ist der Vortrefflichste und Würdigste – egal ob Mann oder Frau.
118:11
Die Lehren Bahá’u’lláhs verliehen dem Horizont des Ostens Glanz und Herrlichkeit. Die auf Seine Worte hörten und Seine Botschaft angenommen haben, leben heute in vollendeter Gemeinschaft und Liebe zusammen. Sie geben sogar ihr Leben füreinander hin. Sie verzichten füreinander auf ihren irdischen Besitz, und jeder zieht den anderen sich selbst vor. Dies ist das Ergebnis der Verkündung und Stiftung der Einheit der Menschheit. Heute gibt es in Persien Zusammenkünfte, bei denen sich Seelen, die von den Lehren Bahá’u’lláhs erleuchtet wurden – ihrer Herkunft nach Muslime, Christen, Juden, Zoroastrier, Buddhisten und die verschiedenen Konfessionen der jeweiligen Religion – in vollkommener Gemeinschaft und Eintracht verbinden und vereinen. Zwischen ihnen ist eine wunderbare Verbundenheit und Liebe entstanden, und alle sind im Geist und im Dienst für den Weltfrieden vereint. Mehr als zwanzigtausend Bahá’í haben ihr Leben als Märtyrer für die Sache Gottes hingegeben. Die Regierungen des Ostens gingen gegen sie vor, um sie zu vernichten. Sie wurden erbarmungslos umgebracht, aber von Tag zu Tag nahm ihre Zahl zu, von Tag zu Tag wurden sie stärker und beredter. Sie wurden durch die Wirkkraft einer wunderbaren geistigen Macht gestärkt. Wie brutal und erschreckend ist die Grausamkeit des Menschen gegen seinen Mitmenschen! Bedenken Sie, was jetzt auf dem Balkan geschieht und wie viel Blut vergossen wird. Nicht einmal wilde Bestien und Raubtiere begehen so etwas. Der wildeste Wolf tötet höchstens ein Schaf pro Tag, und das nur zu seiner Ernährung. Aber auf dem Balkan bringt jetzt ein Mann zehn Mitmenschen um. Die Heerführer rühmen sich, zehntausend Menschen getötet zu haben, aber nicht um sich zu ernähren, nein, um die militärische Oberhand zu gewinnen, aus territorialer Gier, um des Ruhmes willen und um den Staub der Erde zu besitzen. Sie töten, um ihr Staatsgebiet zu vergrößern, obwohl diese Erdkugel nur eine dunkle Welt aus gröbster Materie ist. Sie ist eine Welt der Sorge und des Kummers, eine Welt der Enttäuschung und des Unglücks, eine Welt des Todes. Denn die Erde ist nichts als der ewige Friedhof, der riesige, umfassende Totenacker für die ganze Menschheit. Dennoch kämpfen Männer um diesen Friedhof, kämpfen in Kriegen und Schlachten und bringen sich gegenseitig um. Welche Dummheit! Wie groß die Erde doch ist, mit reichlich Platz für alle! Wie fürsorglich die Vorsehung, die es so eingerichtet hat, dass jeder Mensch seinen Bedarf daraus decken kann! Der Herr, unser Schöpfer, hat nicht etwa verordnet, dass jemand Hunger leiden oder in Not leben muss. Alle sollen an den gesegneten und überreichen Gaben unseres Gottes teilhaben. Im Grunde sind alle Kriege und alles Blutvergießen in der Menschenwelt auf den Mangel an Einheit unter den Religionen zurückzuführen. Sie haben durch Aberglauben und theologische Dogmen die eine Wahrheit, die ihre gemeinsame Quelle und Grundlage ist, verdunkelt.
118:12
Was das amerikanische Volk betrifft: Dieses edle Volk, intelligent, nachdenklich und besonnen, wird nicht von Motiven der Staatsgebietsvergrößerung und von Herrschsucht angetrieben. Seine Grenzen sind wie die einer Insel und geografisch von den anderen Nationen getrennt. Hier finden wir übereinstimmende Interessen und Einheit in der nationalen Politik. Es sind in der Tat Vereinigte Staaten. Deshalb besitzt diese Nation die Fähigkeit und Möglichkeit, das Banner des Weltfriedens hochzuhalten. Möge dieses edle Volk die Ursache für die Vereinigung der Menschheit sein. Möge es die himmlische Kultur und Erleuchtung weitertragen, zur Ursache der Verbreitung der Liebe Gottes werden, die Zusammengehörigkeit der Menschheit verkünden und die Ursache der Führung des Menschengeschlechts sein. Deshalb bitte ich darum, dass Sie dieser äußerst wichtigen Angelegenheit Ihre ernsthaftesten Überlegungen und Bemühungen widmen. Möge die Menschheit Frieden und Ruhe finden und diese dunkle Erde in ein Reich des Strahlenglanzes verwandelt werden. Mögen sich Ost und West die Hände reichen. Möge sich die Einheit Gottes in den Herzen der Menschen widerspiegeln und vollständig sichtbar werden, und möge sich die ganze Menschheit als Verkörperung der Gunst Gottes erweisen.
weiter nach unten ...