‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Ansprache im Haus von Herrn und Frau Joseph H. Hannen
1252 Eighth Street, NW, Washington, D. C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
126:1
Was für eine schöne Versammlung! Ich bin sehr glücklich, dass Schwarze und Weiße hier zusammen sind. Ich bin so glücklich, denn ihr alle seid die Diener eines Gottes und somit Brüder, Schwestern, Mütter und Väter. Vor Gott gibt es keinen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, alle sind gleich. Jeder, dessen Herz rein ist, wird von Gott geliebt, ob er weiß oder schwarz, rot oder gelb ist. Tiere haben verschiedene Farben. Die Tauben sind weiß, schwarz, rot oder blau; aber trotz dieser verschiedenen Farben scharen sie sich in Einheit, Glück und Freundschaft zusammen und achten untereinander nicht auf Unterschiede, denn sie sind alle Tauben. Der Mensch ist intelligent und bedacht, mit Vernunft begabt. Warum also sollte er sich von Unterschieden in Hautfarbe oder Herkunft beeinflussen lassen, da doch alle zu einer Menschheitsfamilie gehören? Es gibt kein Schaf, das ein anderes ablehnt, als wollte es sagen: »Ich bin weiß und du bist schwarz.« Sie grasen gemeinsam in völliger Eintracht, sie leben glücklich und in Freundschaft zusammen. Wie also kann der Mensch dann durch Hautfarben beschränkt und beeinflusst werden? Das Wichtigste ist, zu erkennen, dass alle Menschen sind, dass alle von Adam abstammen. Warum sollten sie getrennt werden, da doch alle eine Familie sind?
126:2
Ich hatte einen schwarzen Diener mit Namen Isfandíyár. Wenn es einen vollkommenen Menschen auf der Welt gäbe, dann wäre es Isfandíyár. Er war die Verkörperung der Liebe, strahlte Heiligkeit und Vollkommenheit aus, ein leuchtendes Licht. Immer wenn ich an Isfandíyár denke, kommen mir die Tränen, obwohl er schon vor fünfzig Jahren gestorben ist. Er war der treue Diener Bahá’u’lláhs und war mit Seinen Geheimnissen betraut. Deshalb ließ der Sháh von Persien ihn verfolgen und nach seinem Verbleib forschen. Bahá’u’lláh war im Gefängnis, aber der Sháh hatte vielen Personen befohlen, Isfandíyár zu finden. Wohl über hundert Beamte wurden für die Suche nach ihm abkommandiert. Wenn es ihnen gelungen wäre, ihn zu finden, hätten sie ihn nicht auf der Stelle getötet. Sie hätten sein Fleisch in Stücke geschnitten, um ihn zu zwingen, die Geheimnisse Bahá’u’lláhs preiszugeben. Isfandíyár pflegte mit größter Würde durch die Straßen und Basare zu schreiten. Eines Tages kam er zu uns. Meine Mutter, meine Schwester und ich lebten in einem Haus an einer Straßenecke. Weil unsere Feinde uns häufig angriffen, wollten wir an einen Ort ziehen, wo man uns nicht kannte. Damals war ich noch ein Kind. Um Mitternacht kam Isfandíyár zu uns. Meine Mutter sagte: »O Isfandíyár, da sind bestimmt hundert Polizisten auf der Suche nach dir. Wenn sie dich fangen, werden sie dich nicht sofort töten, sondern dich mit Feuer foltern. Sie werden dir die Finger abhacken. Sie werden dir die Ohren abschneiden. Sie werden dir die Augen ausstechen, um dich zu zwingen, ihnen die Geheimnisse Bahá’u’lláhs zu verraten. Geh fort! Bleib nicht hier.« Er antwortete: »Ich kann nicht gehen, denn ich schulde einigen Leuten auf der Straße und in den Läden noch Geld. Wie könnte ich gehen? Sie werden sagen, der Diener Bahá’u’lláhs habe Güter und Waren bei den Ladenbesitzern gekauft und verbraucht, ohne sie zu bezahlen. Ehe ich nicht all diese Schulden bezahlt habe, kann ich nicht gehen. Aber wenn sie mich festnehmen, macht das nichts. Wenn sie mich bestrafen, ist das nicht schlimm. Wenn sie mich töten, sei nicht traurig. Aber einfach wegzugehen, ist unmöglich. Ich muss bleiben, bis ich alle Schulden bezahlt habe. Dann werde ich gehen.« Einen Monat lang ging Isfandíyár auf den Straßen und in den Basaren ein und aus. Was er besaß, verkaufte er und mit dem Erlös bezahlte er nach und nach seine Gläubiger. In Wirklichkeit waren es nicht seine Schulden, sondern die des Hofes, denn unser gesamter Besitz war beschlagnahmt worden. Alles, was wir besessen hatten, war uns weggenommen worden. Das Einzige, was uns geblieben war, waren unsere Schulden. Isfandíyár bezahlte alles, kein Pfennig blieb unbezahlt. Dann kam er zu uns, verabschiedete sich und ging fort. Später wurde Bahá’u’lláh aus dem Gefängnis entlassen. Wir gingen nach Baghdád und Isfandíyár kam auch dorthin. Er wollte im selben Haus wohnen. Bahá’u’lláh, die Gesegnete Vollkommenheit, sagte zu ihm: »Als du geflohen bist, gewährte dir ein persischer Minister Zuflucht, zu einer Zeit, da dir niemand sonst hätte Schutz bieten können. Weil er dir Schutz und Zuflucht bot, musst du ihm Treue erweisen. Wenn er einverstanden ist, dass du weggehst, dann komm zu uns; aber wenn er nicht will, dass du gehst, dann verlasse ihn nicht.« Sein Herr sagte: »Ich möchte nicht von Isfandíyár getrennt werden. Wo finde ich jemanden wie ihn, mit solcher Aufrichtigkeit, solcher Treue, solch einem Charakter, solch einer Kraft? Wo kann ich so jemanden finden? O Isfandíyár! Ich möchte nicht, dass du weggehst, aber wenn du gehen willst, soll es nach deinem Willen geschehen.« Aber weil die Gesegnete Vollkommenheit gesagt hatte: »Du musst ihm treu sein«, blieb Isfandíyár bei seinem Herrn bis zu dessen Tod. Er war ein Quell des Lichtes. Seine Haut war zwar schwarz, doch sein Charakter strahlte; sein Geist strahlte; sein Antlitz strahlte. Wahrlich, er war ein Quell des Lichtes.
126:3
Es ist also offensichtlich, dass Vortrefflichkeit nicht von der Farbe abhängt. Der Charakter ist der wahre Prüfstein für Menschlichkeit. Wer einen guten Charakter hat, wer standhaft im Glauben an Gott ist, wer gute Taten vollbringt, wessen Sprache gut ist – der ist an der Schwelle Gottes willkommen, ganz gleich welche Hautfarbe er hat. Kurzum – Preis sei Gott! – ihr seid Diener Gottes. Die Liebe Bahá’u’lláhs ist in euren Herzen. Eure Seelen jubeln über die frohen Botschaften Bahá’u’lláhs. Ich hoffe, dass Weiß und Schwarz in vollkommener Liebe und Gemeinschaft, in völliger Einheit und Eintracht vereint sein werden. Schließt euch zusammen, denkt aneinander und seid wie ein Rosengarten. Wer in einen Rosengarten geht, wird verschiedene Rosen sehen, weiße, rosafarbene, gelbe, rote, die alle gemeinsam wachsen und reich geschmückt sind. Jede hebt die Schönheit der anderen hervor. Hätten alle die gleiche Farbe, wäre der Garten für das Auge eintönig. Wenn alle nur weiß oder gelb oder rot wären, würde es dem Garten an Abwechslung und Attraktivität fehlen. Wenn es aber eine bunte Mischung an Farben gibt, weiß, rosa, gelb und rot, ergibt sich die größte Schönheit. Deshalb hoffe ich, dass ihr wie ein Rosengarten werdet. Trotz der Farbenvielfalt empfangt ihr – Preis sei Gott! – das Licht derselben Sonne. Regen fällt aus derselben Wolke auf euch herab. Ihr werdet von demselben Gärtner gepflegt, und dieser Gärtner ist gütig zu allen. Deshalb müsst ihr einander größte Freundlichkeit erweisen. Ihr könnt sicher sein: Jedes Mal, wenn ihr vereint seid, wird der Beistand des Königreichs Abhá euch erreichen. Himmlische Gunst wird herabkommen; die Gnadengaben Gottes werden euch gewährt; die Sonne der Wahrheit wird scheinen; die Wolke der Barmherzigkeit wird ihre Schauer auf euch herabregnen lassen; und der Windhauch der göttlichen Großmut wird ihren Duft um euch wehen lassen.
126:4
Ich hoffe, dass ihr in Einheit und Freundschaft zusammenbleibt. Wie schön ist es, Schwarz und Weiß zusammen zu sehen! Ich hoffe, dass mit Gottes Hilfe der Tag kommen wird, an dem ich die roten Menschen, die Indianer, bei euch sehen werde, und auch die Japaner und andere. Dann wird es weiße Rosen, gelbe Rosen und rote Rosen geben, und ein wunderbarer Rosengarten wird in der Welt erscheinen.
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10. November 1912
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Ansprache in der Eighteenth Street 1901, NW, Washington, D.C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Ich bin sehr zufrieden mit den Freunden in Washington und es macht mich wirklich glücklich, sie zu treffen. Genauso zufrieden bin ich auch mit den Freunden in Baltimore, denn ich sehe, dass ihre Herzen von der Liebe zu Bahá’u’lláh angezogen sind. Ihr Blick ist auf das Königreich Bahás gerichtet. Ihr Geist jubelt über die frohe Botschaft des Allherrlichen. Wahrlich, sie sind Diener der Sache Gottes. Alle engagieren sich im Dienst, und die höchste Erfüllung ihres Wunsches ist es, in das Königreich des Allherrlichen einzutreten und Gott nahe zu sein. Deshalb bin ich sehr glücklich und zufrieden mit ihnen. Ich werde für euch alle beten. Möge die Gunst der Gesegneten Schönheit, Bahá’u’lláh, euch alle umfangen und möge das Licht der Sonne der Wahrheit eure Erleuchtung sein. Möget ihr alle vereint und voller Gewissheit sein. Möget ihr der Sache Gottes wie eine einzige, vereinte Kraft dienen. Ich bringe euch die frohe Botschaft, dass euch der Beistand Gottes zuteil wird. Seid euch dessen gewiss. Ihr werdet erleuchtet werden. Ihr werdet zu Eroberern werden.
127:2
Aber nach meiner Abreise werden sich vielleicht einige Leute in ihrer Verbitterung gegen euch erheben und euch verfolgen, und die Zeitungen werden vielleicht Artikel gegen die Sache veröffentlichen. Bleibt in unerschütterlicher Gewissheit unbesorgt. Seid heiter und gelassen und denkt daran, dass dies nur wie ein harmloses Spatzengezwitscher ist und bald vorübergehen wird. Würden solche Dinge nicht geschehen, dann würde sich der Ruhm der Sache nicht weit verbreiten und der Ruf Gottes nicht gehört werden. Haltet euch die Vergangenheit vor Augen. Ruft euch die Tage Christi ins Gedächtnis und die darauffolgenden Ereignisse. Wie viele Bücher wurden gegen Ihn geschrieben! Welche Verleumdungen wurden gegen Ihn erhoben! Wie heftig wurde Er in den Tempeln beschimpft! Wie viele Beschuldigungen! Wie viel Hass und Verfolgung! Wie wurde Er verhöhnt, verspottet und verachtet! Denkt an die Namen und Bezeichnungen, die sie Seiner Erhabenheit angehängt haben! Sie bezeichneten Ihn sogar als Beelzebub – Satan. Sie sagten, Beelzebub sei gefangen genommen und gekreuzigt worden. Sie setzten Beelzebub eine Dornenkrone auf den Kopf und führten Ihn durch die Straßen. Das war der Name, den die Juden Christus gegeben hatten; so steht es im Evangelium. Es gab viele weitere Schmähungen und Verfolgungen, sie spuckten in Sein schönes Gesicht, verwünschten und verfluchten Ihn, wandten Ihm ihr Hinterteil zu, und sagten: »Frieden sei mit dir, du König der Juden!« »Frieden sei mit dir, du Zerstörer des Tempels!« »Frieden sei mit dir, du König und Heuchler, der den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen will!« Die damaligen Philosophen, Römer und Griechen, schrieben gegen Christus. Selbst Könige schrieben Bücher voller Schmähungen, Verleumdungen und Verunglimpfungen. Einer dieser Könige war ein römischer Caesar. Er war auch Philosoph. In seinem Buch sagt er über das Volk Christi: »Die niedrigsten Menschen sind die Christen. Die unmoralischsten Menschen unserer Zeit sind die Christen. Jesus von Nazareth hat sie in die Irre geführt. O ihr Menschen! Wenn ihr wissen wollt, wer Jesus ist und was ›christlich‹ bedeutet, geht und fragt seine Verwandten. Geht und fragt die Juden, die ihn kennen. Seht, was für ein schlechter Mensch er ist, wie unwürdig er ist.« Es gab viele ähnliche Berichte. Aber denkt daran, dass diese Aussagen der Sache des Christentums keinen Schaden zufügten. Im Gegenteil, das Christentum gewann täglich an Macht und Stärke.
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Tag für Tag nahm die Majestät Christi an Herrlichkeit zu. Mein Ziel ist es daher, euch vor Anschuldigungen, Kritik, Beschimpfungen und Spott in Zeitungsartikeln oder anderen Veröffentlichungen zu warnen und euch zu stärken. Lasst euch nicht davon beirren. Sie sind die eigentliche Bestätigung der Sache, wahrhaftig eine Quelle für den Aufbau der Bewegung. Möge Gott den Tag bestimmen, an dem sich eine Reihe von Kirchenvertretern erheben und mit entblößten Köpfen lautstark verkünden, dass die Bahá’í auf dem Irrweg sind. Ich würde gerne diesen Tag erleben, denn das ist die Zeit, da sich die Sache Gottes ausbreiten wird. Bahá’u’lláh bezeichnete Leute wie diese als Boten der Sache. Sie werden von den Kanzeln herab verkünden, die Bahá’í seien Narren, sie seien ein böses, unredliches Volk. Aber ihr sollt standhaft in der Sache Gottes sein und nicht wanken. Sie werden die Botschaft Bahá’u’lláhs verbreiten.
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Der geehrte Mírzá Abu’l-Faḍl hat ein Traktat geschrieben, in dem er auf die Kritik eines Londoner Predigers antwortete. Jeder von euch sollte eine Kopie haben. Lest es, lernt es auswendig und denkt darüber nach. Wenn dann Anschuldigungen und Kritik von jenen vorgebracht werden, die die Sache nicht schätzen, werdet ihr gut gerüstet sein.
Ansprachen ‘Abdu’l Bahás in New York15. November bis 5. Dezember 1912– 128 –
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15. November 1912
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Ansprache im Haus von Miss Juliet Thompson
48 West Tenth Street, New York
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Aufzeichnungen von Hooper Harris
128:1
Ich habe in verschiedenen christlichen Kirchen und in Synagogen gesprochen, und in keiner Versammlung hat irgendjemand widersprochen. Alle haben zugehört und alle haben den überragenden Charakter der Lehren Bahá’u’lláhs anerkannt und eingeräumt, dass sie Wesen und Geist dieses neuen Zeitalters verkörpern und dass es keinen besseren Weg gibt, seine Ideale zu erreichen. Keine einzige Stimme erhob Einwände. Es gab lediglich einige wenige, die sich geweigert haben, die Sendung Bahá’u’lláhs anzuerkennen, obwohl selbst diese zugegeben haben, dass Er ein großer Lehrer, eine äußerst mächtige Seele und ein sehr bedeutender Mensch war. Einige, die keinen anderen Vorwand finden konnten, sagten: »Diese Lehren sind nicht neu, sie sind alt und bekannt. Wir haben sie schon früher gehört.« Deshalb werde ich über die besonderen Merkmale der Offenbarung Bahá’u’lláhs sprechen und beweisen, dass Seine Sache sich in jeder Hinsicht von allen anderen unterscheidet. Sie unterscheidet sich durch ihre Methodik und die Art der Darlegung, durch ihre praktischen Auswirkungen und ihre Anwendung auf die heutigen Verhältnisse in der Welt, vor allem aber durch ihre Verbreitung und ihren Fortschritt.
128:2
Als Bahá’u’lláh in Persien erschien, erhoben sich alle religiösen Sekten und Glaubenssysteme der damaligen Zeit gegen Ihn. Seine Feinde waren Könige. Die Feinde Jesu Christi waren Juden und Pharisäer, aber die Feinde Bahá’u’lláhs waren Herrscher, die Armeen befehligten und über Hunderttausende von Soldaten verfügten. Diese Könige repräsentierten etwa fünfzig Millionen Menschen, die sich alle unter deren Einfluss und Herrschaft gegen Bahá’u’lláh wandten. So stand Bahá’u’lláh praktisch allein fünfzig Millionen Feinden gegenüber. Doch anstatt Ihn zu beherrschen, hatte diese große Masse Seiner wunderbaren Persönlichkeit und der Macht und dem Einfluss Seiner himmlischen Sache nichts entgegenzusetzen. Obwohl sie entschlossen waren, das Licht dieser strahlenden Leuchte auszulöschen, wurden sie schließlich besiegt und überwunden, und von Tag zu Tag erstrahlte Seine Herrlichkeit heller. Sie bemühten sich nach Kräften, Seine Größe zu schmälern, aber Sein Ruhm und Ansehen nahmen in dem Maße zu, wie sie sich bemühten, es zu schwächen. Umgeben von Feinden, die Ihm nach dem Leben trachteten, versuchte Er nie, Sich zu verbergen, tat nichts, um Sich zu schützen; im Gegenteil, in Seiner geistigen Kraft und Macht war Er jederzeit vor aller Augen sichtbar, leicht zu erreichen und hielt gelassen den Massen stand, die sich Ihm entgegenstellten. Zu guter Letzt wurde Sein Banner gehisst.
128:3
Wenn wir die historischen Berichte studieren und Seite für Seite die heiligen Bücher durchgehen, stellen wir fest, dass keiner der Propheten der Vergangenheit von einem Gefängnis aus Seine Lehren verbreitete oder Seine Sache verkündete. Aber Bahá’u’lláh hielt das Banner der Sache Gottes hoch, während Er sich in einem Verlies befand. Aus Seiner Gefängniszelle heraus richtete Er sich an die Könige der Erde und verurteilte sie scharf wegen der Unterdrückung ihrer Untertanen und ihres Machtmissbrauchs. Den Brief, den Er unter solchen Umständen an den Sháh von Persien sandte, kann heute jeder lesen. Seine Briefe an den Sulṭán der Türkei, an Kaiser Napoleon III. von Frankreich und an die anderen Herrscher der Welt, darunter den Präsidenten der Vereinigten Staaten, sind ebenfalls in Umlauf und verfügbar. Das Buch mit diesen Briefen an die Könige wurde vor etwa dreißig Jahren in Indien veröffentlicht und ist als Súratu’l-Haykal bekannt. Alles, was in diesen Sendbriefen steht, ist eingetroffen. Einige der darin enthaltenen Prophezeiungen haben sich nach zwei Jahren erfüllt, andere nach fünf, zehn oder zwanzig Jahren. Höchst bedeutsame Prophezeiungen über Ereignisse auf dem Balkan gehen gegenwärtig in Erfüllung, obgleich sie schon vor langer Zeit niedergeschrieben wurden. Zum Beispiel sagte Bahá’u’lláh in Seinem Brief an den Sulṭán der Türkei den Krieg und die Geschehnisse voraus, die heute stattfinden. Diese Ereignisse wurden auch in dem Sendschreiben an die Stadt Konstantinopel prophezeit, sogar bezüglich der Einzelheiten der Ereignisse, die sich jetzt in dieser Stadt zutragen.
128:4
Während Er sich an diese mächtigen Könige und Herrscher wandte, war Er ein Gefangener in einem türkischen Kerker. Bedenkt, wie erstaunlich es war, dass ein Gefangener in der Gewalt der Türken ausgerechnet den König, der für Seine Inhaftierung verantwortlich war, so kühn und schwer anklagte. Welche Macht zeigt sich hier! Welche Größe! Nirgends in der Geschichte wurde je etwas Derartiges überliefert. Der unerbittlichen, absoluten Herrschaft dieser Könige zum Trotz war es Seine Aufgabe, sich ihnen entgegenzustellen und Er war so unerschütterlich und standhaft, dass Er ihre Flaggen zu Fall brachte und Sein eigenes Banner erhoben wurde. Denn heute werden die Flaggen des persischen und des osmanischen Reiches durch den Schmutz gezogen, während das Banner Bahá’u’lláhs in der Welt sowohl im Osten als auch im Westen hochgehalten wird. Seht diese gewaltige Kraft! Welch schlüssiger Beweis! Obwohl Er ein Gefangener in einer Festung war, schenkte Er diesen Königen keine Aufmerksamkeit, achtete nicht auf ihre Macht über Leben und Tod, sondern im Gegenteil, Er wandte sich in klarer und furchtloser Sprache an sie und verkündete ausdrücklich, dass die Zeit kommen werde, in der ihre Regierungsgewalt gestürzt und Seine eigene Herrschaft errichtet werden würde.
128:5
Er sagte sinngemäß: »Binnen kurzem werdet ihr euch in offensichtlichem Verlust befinden. Euer Herrschaftsgebiet wird verwüstet. Eure Reiche werden zu einer Wildnis und einem Trümmerhaufen. Fremde Heere werden in eure Länder einfallen und sie unterwerfen. Jammern und Wehklagen werden sich in euren Häusern erheben. Es wird weder Thron noch Krone, weder Palast noch Armeen mehr geben. Nein, alle diese Dinge werden vergehen, aber das Banner der Sache Gottes wird hochgehalten. Dann werdet ihr sehen, dass die Menschen in Scharen in die Sache Gottes eintreten und dass diese mächtige Offenbarung sich in der ganzen Welt verbreiten wird.« Lest die Prophezeiungen in der Súratu’l-Haykal und denkt sorgfältig darüber nach.
128:6
Dies ist eines der Merkmale der Botschaft und Lehren Bahá’u’lláhs. Könnt ihr solche Ereignisse und Begebenheiten in irgendeiner anderen prophetischen Sendung finden? Wenn ja, in welchem Zyklus hat sich Ähnliches ereignet? Findet ihr solche genauen Prophezeiungen und deutlichen Aussagen über die Zukunft in den Heiligen Büchern der Vergangenheit? Vergleichen wir jetzt die Lehren Bahá’u’lláhs mit den heiligen Worten, die in früheren Zyklen herabgesandt wurden.
128:7
Zu den erhabenen Prinzipien, die Er offenbarte, gehört erstens die Erforschung der Wahrheit. Das bedeutet, dass jeder einzelne Mensch aufgerufen und verpflichtet ist, Aberglauben, Überlieferungen und die blinde Nachahmung althergebrachter religiöser Bräuche abzulegen und selbstständig die Wahrheit zu erforschen. Da die grundlegende Wahrheit nur eine ist, werden alle Religionen und Völker der Welt vereint werden, indem sie die Wahrheit erforschen. Dieser Grundsatz wurde in keinem der heiligen Bücher der Vergangenheit verkündet.
128:8
Ein zweiter Grundsatz, der die Lehren Bahá’u’lláhs auszeichnet, verlangt die Anerkennung der Einheit der Menschheit. Bahá’u’lláh wandte sich an die gesamte Menschheit mit den Worten: »Ihr seid alle die Blätter eines Baumes.« Vor Gott gibt es keine ethnischen Unterschiede zwischen euch. Vielmehr sind alle die Diener Gottes, und alle sind eingetaucht in das Meer Seiner Einheit. Keine einzige Seele ist davon ausgeschlossen. Im Gegenteil, alle sind Empfänger der Gnadengaben Gottes. Jedes menschliche Geschöpf hat Anteil an Seinen Segnungen und an der Ausstrahlung Seiner Wirklichkeit. Gott ist gütig zu allen. Alle Menschen sind Seine Schafe und Er ist ihr wahrer Hirte. Keine anderen Heiligen Schriften enthalten so ausführliche und umfassende Aussagen, keine andere Lehre verkündet diesen unzweideutigen Grundsatz menschlicher Zusammengehörigkeit. In Bezug auf mögliche Unterscheidungen ist das Äußerste, was Bahá’u’lláh sagt, dass die Lebensumstände der Menschen unterschiedlich sind, dass beispielsweise manche Bedingungen unzulänglich sind. Deshalb brauchen diese Menschen Bildung und Erziehung, um Vervollkommnung zu erreichen. Manche sind krank und leiden; sie müssen behandelt und gepflegt werden, bis sie geheilt sind. Manche schlafen; sie müssen erweckt werden. Manche sind unreif wie Kinder; ihnen sollte zur Reife verholfen werden. Aber alle müssen geliebt und geschätzt werden. Man darf ein Kind nicht ablehnen, bloß weil es ein Kind ist. Nein, vielmehr sollte es geduldig erzogen werden. Der Kranke darf nicht gemieden oder geringschätzig behandelt werden, nur weil er krank ist. Nein, vielmehr muss man sich voll Mitgefühl und Zuneigung um ihn kümmern und ihn behandeln, bis er geheilt ist. Die schlafende Seele darf nicht verachtet werden, sondern muss erweckt und ins Licht geleitet werden.
128:9
Bahá’u’lláh lehrt, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen muss. Wenn Glaube und religiöse Lehren der verstandesmäßigen Analyse und wissenschaftlichen Prinzipien widersprechen, verdienen sie es nicht, angenommen zu werden. Dieses Prinzip wurde in keinem der früheren göttlichen Lehrbücher offenbart.
128:10
Eine weitere grundlegende Verkündigung Bahá’u’lláhs ist, dass die Religion die Quelle der Einheit und Gemeinschaft in der Welt sein muss. Wenn sie zu Feindschaft, Hass und Fanatismus führt, wäre es besser, es gäbe keine Religion. Das ist ein neues Offenbarungsprinzip, das nur in den Aussagen Bahá’u’lláhs zu finden ist.
128:11
Weiter erklärt Bahá’u’lláh, dass alle Arten zwischenmenschlicher Vorurteile aufgegeben werden müssen und dass die Menschheit Frieden, Wohlstand und Ruhe weder finden wird noch finden kann, ehe die bestehenden Vorurteile völlig ausgeräumt sind. Dieser Grundsatz findet sich in keinem anderen heiligen Buch als in den Lehren Bahá’u’lláhs.
128:12
Eine weitere Lehre ist die vollkommene Gleichberechtigung von Mann und Frau. Warum sollte der Mensch einen Unterschied erfinden, den Gott nicht gelten lässt? Auch in den Reichen der Schöpfung unterhalb des Menschen gibt es Geschlechter, aber der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Wesen hat weder unterdrückenden noch einschränkenden Charakter. Die Stute zum Beispiel ist genauso stark wie der Hengst und oft schneller. Im gesamten Tier- und Pflanzenreich herrscht völlige Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Diese Gleichberechtigung muss im Menschenreich genauso bestehen, und wessen Herz das reinste ist, wessen Lebensführung und Charakter die edelsten sind und dem göttlichen Maßstab am nächsten kommen, ist in den Augen Gottes höchst würdig und herausragend. Dies ist die einzige wahre und wirkliche Unterscheidung, egal ob es sich um Mann oder Frau handelt.
128:13
Bahá’u’lláh hat die Notwendigkeit einer Weltsprache verkündet, die als Mittel der internationalen Verständigung dienen und so Missverständnisse und Schwierigkeiten beseitigen wird. Diese Lehre wird in dem vor fünfzig Jahren veröffentlichten Kitáb-i-Aqdas (Das Heiligste Buch) dargelegt.
128:14
Auch hat Er den Grundsatz verkündet, dass alle Menschen Bildung und Erziehung erhalten sollen und dass es kein Analphabetentum mehr geben darf. Dieses praktische Heilmittel für die Nöte der Welt findet sich in keinem anderen der heiligen Bücher.
128:15
Er lehrt, dass es die Pflicht eines jeden Menschen ist, ein nutzbringendes Gewerbe, Handwerk oder einen Beruf zur Sicherung des Lebensunterhaltes zu erlernen. Diese Arbeit sollte als Gottesdienst angesehen werden.
128:16
Die Lehren Bahá’u’lláhs sind grenzenlos und ihr weitreichender, segensreicher Nutzen für die Menschheit kennt kein Ende. Sinn und Zweck unserer heutigen Ausführungen ist, zu zeigen, dass sie neu und in keinem der religiösen Bücher der Vergangenheit zu finden sind. Das beantwortet die Frage: »Was hat Bahá’u’lláh gebracht, das wir nicht schon früher gehört haben?« Es ist also klar und offensichtlich, dass sich die Manifestation Gottes an diesem Tag von allen früheren Manifestationen und Offenbarungen durch Ihre Majestät, Ihre Macht und die Wirksamkeit und Anwendbarkeit Ihres Wortes unterscheidet.
128:17
Alle Propheten Gottes wurden verachtet und verfolgt. Denkt an Moses. Die Menschen nannten Ihn einen Mörder. Sie sagten: »Du hast einen Mann erschlagen und bist vor Strafe und Vergeltung geflohen. Ist es nach dem, was du getan hast, möglich, dass Du ein Prophet wirst?«
128:18
Es gibt viele ähnliche Berichte über die heiligen, göttlichen Gesandten. Wie bitter und schwer war die Verfolgung, der Sie ausgesetzt waren! Bedenkt, wie die Menschen versuchten, Christus herabzusetzen und zu vernichten. Sie setzten eine Dornenkrone auf Sein Haupt, trieben Ihn durch die Straßen und Basare und spotteten: »Frieden sei mit dir, du König der Juden!« Manche zeigten Ihm ihr Hinterteil und höhnten: »Du König der Juden!«, oder »Herr der Herren, Frieden sei mit dir!« Wieder andere spuckten in Sein gesegnetes Antlitz. Kurzum, die Verfolgungen, die Christus während Seiner Sendung ertrug, werden in den Büchern des alten jüdischen, römischen oder griechischen Zyklus erwähnt. Kein Lobpreis wurde Ihm zuteil. Die einzige Anerkennung und Billigung erfuhr Er von Seinen Gläubigen und Jüngern. Petrus zum Beispiel war einer, der Ihn pries, und auch die anderen Jünger sprachen sich für Ihn aus. Viele Bücher wurden gegen Ihn geschrieben. In der Kirchengeschichte findet ihr Berichte über den Hass und die Feindseligkeit der römischen, griechischen und ägyptischen Philosophen, die Ihn verleumdeten und Ihm Unvollkommenheit unterstellten.
128:19
Doch während der Offenbarung Bahá’u’lláhs, vom Tag Seines Erscheinens bis zu Seinem Hinscheiden, erkannten die Menschen aller Nationen Seine Größe an. Sogar Seine erbittertsten Feinde sagten über Ihn: »Dieser Mann war wirklich bedeutend, sein Einfluss war mächtig und wunderbar. Er war eine herausragende Persönlichkeit; seine Macht war gewaltig, seine Sprache ausdrucksvoll. Aber leider hat er das Volk in die Irre geführt.« Dies war die Essenz ihres Lobpreises, ihrer Würdigung und ihrer Ablehnung. Offensichtlich waren die Verfasser solcher Aussagen, auch wenn sie Seine Feinde waren, von Seiner Größe und Majestät tief beeindruckt. Einige Seiner Feinde haben sogar Gedichte über Ihn geschrieben, die zwar als Satire und sarkastische Anspielungen gedacht, aber in Wirklichkeit Lobpreisungen waren. Zum Beispiel schrieb ein Dichter, der Seiner Sache feindlich gegenüberstand: »Hütet euch! Hütet euch davor, euch dieser Person zu nähern; er besitzt eine solche Macht und eine so beredte Zunge – er ist ein Zauberer. Er betört die Menschen, er gibt ihnen Drogen, er hypnotisiert sie. Hütet euch! Hütet euch davor, sein Buch zu lesen, seinem Beispiel zu folgen und mit seinen Gefährten zu verkehren, denn sie besitzen enorme Macht und führen euch in die Irre.« Das heißt, dieser Dichter benutzte Beschreibungen, die er als Herabsetzung und Verunglimpfung ansah, ohne zu erkennen, dass es in Wirklichkeit Lobpreisungen waren. Denn ein weiser Mann würde nach der Lektüre einer solchen Warnung sagen: »Die Macht dieses Mannes muss sehr groß sein, wenn selbst seine Feinde sie anerkennen. Zweifellos ist eine solche Macht himmlischer Natur.« Das war einer der Gründe, warum sich so viele Menschen veranlasst fühlten, genauer nachzuforschen. Je mehr Seine Feinde gegen Ihn schrieben, desto stärker wurden die Leute angezogen und desto größer wurde die Zahl derer, die nach der Wahrheit suchten. Sie sagten: »Das ist bemerkenswert. Das ist ein großer Mann, und wir müssen das untersuchen. Wir müssen dieser Sache nachgehen, um herauszufinden, was das alles bedeutet, um ihre Absichten zu entdecken, ihre Beweise zu prüfen und selbst zu erfahren, was sie auszeichnet.« Auf diese Weise bewirkten die bösartigen und finsteren Aussagen Seiner Feinde, dass die Menschen freundlich wurden und sich der Sache näherten. Die Mullás in Persien gingen so weit, öffentlich von den Kanzeln herab gegen die Sache Bahá’u’lláhs zu hetzen. Sie warfen ihre Turbane zu Boden – ein Zeichen großer Empörung – und riefen: »O Volk! Dieser Bahá’u’lláh ist ein Zauberer, der euch zu hypnotisieren sucht. Er entfremdet euch von eurer eigenen Religion und macht euch zu seinen Anhängern. Hütet euch davor, sein Buch zu lesen! Hütet euch davor, mit seinen Freunden Umgang zu pflegen.«
128:20
Bahá’u’lláh sagte speziell über jene, die Ihn angriffen und verleumdeten: »Sie sind Meine Herolde; sie sind diejenigen, die Meine Botschaft verkünden und Mein Wort verbreiten. Betet darum, dass sie sich vervielfachen, betet darum, dass ihre Zahl zunimmt und dass sie noch lauter herumschreien. Je mehr sie Mich durch ihre Worte schmähen, je größer ihre Empörung ist, desto stärker und mächtiger wird die Wirksamkeit der Sache Gottes, desto heller das Licht des Wortes und desto strahlender der Glanz der göttlichen Sonne. Und schließlich wird die düstere Finsternis der äußeren Welt vergehen, und das Licht der Wirklichkeit wird leuchten, bis die ganze Erde in seiner Herrlichkeit erstrahlt.«
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