‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Mit euch sei Bahá’u’l-Abhá!
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3. Dezember 1912
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Ansprache im Haus von Dr. Florian Krug und Frau
830 Park Avenue, New York
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Ihr habt euch heute Nachmittag hier in größter Liebe versammelt und dem Gedenken Gottes gewidmet. Ich hoffe, dass täglich mehr Menschen an dieser Versammlung teilnehmen; dass ihr mehr und mehr angezogen, geistiger und erleuchteter werdet, dass ihr euch über die Lehren Bahá’u’lláhs austauscht und fähig werdet, die Botschaft der Wahrheit zu verbreiten. Mögen eure Herzen so angezogen sein, dass ihr spontan die richtige Antwort geben könnt, sobald eine Frage gestellt wird, und die Wahrheit des Heiligen Geistes durch euch spricht. Seid hilfsbereit durch die Fürsorge und Gunst der Gesegneten Vollkommenheit, denn Seine Gunst wandelt einen Tropfen in einen Ozean, lässt aus einem Samenkorn einen Baum wachsen und ein Atom strahlen wie die Sonne. Seine Gnadengaben sind grenzenlos. Die Schatzkammern Gottes sind voller Gaben. Gott hat Seine Gunst anderen erwiesen und wird zweifellos euch Seine Gunst schenken. Ich flehe zum Abhá-Königreich und bitte für euch um außerordentliche Segnungen und Beistand, damit eure Zungen gelöst werden, eure Herzen wie klare Spiegel im Licht der Sonne der Wahrheit erstrahlen, eure Gedanken sich weiten, euer Erkenntnisvermögen geschärft wird und ihr eure menschlichen Tugenden vervollkommnet.
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Solange der Mensch selbst keine Vortrefflichkeit erlangt, wird er auch nicht in der Lage sein, anderen Vortrefflichkeit zu lehren. Nur wenn der Mensch selbst Leben erlangt, kann er anderen Leben spenden. Nur wenn er selbst zum Licht gelangt, kann er das Licht spiegeln. Wir müssen also danach streben, menschliche Vortrefflichkeit zu erreichen, das ewige Leben zu erlangen und den göttlichen Geist zu suchen, damit wir dadurch anderen Leben verleihen, ihnen Leben einhauchen können.
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Ihr müsst zum Abhá-Königreich flehen und Ihn um ewige Gnadengaben ersuchen. Ihr müsst beten, dass eure Herzen von herrlichem Licht erfüllt werden, wie ein gereinigter Spiegel. Dann werden die Strahlen der Sonne der Wahrheit darin leuchten. Ihr müsst Gott jede Nacht und jeden Tag anflehen und zu Ihm beten, Seinen Beistand und Seine Hilfe suchen, mit den Worten:
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O Herr! Wir sind schwach, gib uns Kraft. O Gott! Wir sind unwissend, mache uns wissend. O Herr! Wir sind arm, mache uns reich. O Gott! Wir sind tot, schenke uns Leben. O Herr! Zutiefst sind wir erniedrigt, preise uns in Deinem Königreich. So Du uns beistehst, o Herr, werden wir funkelnden Sternen gleich. So Du uns nicht hilfst, werden wir geringer denn Staub. O Herr! Stärke uns. O Gott! Mache uns siegreich. O Gott! Hilf uns, das Selbst zu besiegen und die Gier zu überwinden. O Herr! Erlöse uns aus der Knechtschaft der stofflichen Welt. O Herr! Belebe uns durch den Odem des Heiligen Geistes, damit wir uns erheben, Dir zu dienen, Dich anbeten und uns mit größter Aufrichtigkeit für Dein Reich einsetzen. O Herr, Du bist der Machtvolle! O Gott, Du bist der Vergebende. O Herr, Du bist der Mitleidvolle.
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3. Dezember 1912
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Ansprache an Mr. Kinneys Bibelklasse
780 West End Avenue, New York
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Aufzeichnungen von Edna McKinney
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Mir wurde gesagt, dass die Absicht Ihres Kreises ist, den tieferen Sinn und die Geheimnisse der Heiligen Schriften zu studieren und die Bedeutung der göttlichen Vermächtnisse zu verstehen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Sie sich dem Reich Gottes zuwenden, dass Sie den Wunsch haben, sich der Gegenwart Gottes zu nähern und mehr über die Wahrheiten und Gebote Gottes zu erfahren. Ich wünsche mir, dass Sie sich mit größtem Eifer bemühen, dieses Ziel zu erreichen; dass Sie die Heiligen Schriften Wort für Wort erforschen und studieren, um Wissen über die in ihnen verborgenen Geheimnisse zu erlangen. Geben Sie sich nicht mit Worten zufrieden, sondern streben Sie danach, die geistige Bedeutung zu erfassen, die im Herzen der Worte verborgen ist. Die Juden lesen Tag und Nacht das Alte Testament und lernen die Worte und Schriften auswendig, ohne das geringste Verständnis für die Bedeutung oder den inneren Sinn. Hätten sie nämlich die wahre Bedeutung des Alten Testamentes erfasst, so hätten sie an Christus geglaubt, zumal das Alte Testament zu dem Zweck offenbart wurde, Sein Kommen vorzubereiten. Da die jüdischen Gelehrten und Rabbiner nicht an Christus glaubten, ist es klar, dass sie die wahre Bedeutung des Alten Testaments nicht kannten. Es ist schon schwierig, die Worte eines Philosophen zu verstehen. Wie viel schwieriger ist es, die Worte Gottes zu verstehen. Die göttlichen Worte dürfen nicht nach ihrem äußeren Sinn verstanden werden. Sie sind symbolisch und enthalten Wahrheiten von geistiger Bedeutung. Im Hohelied Salomos lesen wir zum Beispiel von der Braut und dem Bräutigam. Selbstverständlich ist nicht die Körperlichkeit von Braut und Bräutigam gemeint. Es handelt sich offensichtlich um Symbole, die eine verborgene und innere Bedeutung vermitteln. Ebenso sind die Offenbarungen des Heiligen Johannes nicht wörtlich, sondern im geistigen Sinne zu verstehen. Das sind die Geheimnisse Gottes. Nicht das Lesen der Worte nützt Ihnen; es ist das Verständnis ihrer Bedeutung. Darum beten Sie zu Gott, dass Sie fähig werden, die Geheimnisse der göttlichen Testamente zu verstehen.
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Denken Sie an die symbolischen Bedeutungen der Worte und Lehren Christi. Er sagte: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.« Als die Juden dies hörten, nahmen sie es wörtlich und verstanden nicht, was Er damit meinte und lehrte. Die geistige Wahrheit, die Christus ihnen vermitteln wollte, war, dass die göttliche Wirklichkeit in Ihm wie ein Segen war, der vom Himmel herabkam, und dass derjenige, der an diesem Segen teilhatte, niemals sterben würde. Mit anderen Worten, das Brot war das Symbol der Vollkommenheit, die von Gott auf Ihn herabgekommen war, und wer davon aß und sich die Vollkommenheit Christi zu eigen machte, erlangte zweifellos das ewige Leben. Die Juden verstanden Ihn nicht, sie nahmen Seine Worte wörtlich und sagten: »Wie kann dieser Mensch uns sein Fleisch zu essen geben?« Hätten sie die wahre Bedeutung des Heiligen Buches verstanden, wären sie Christen geworden.
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Alle Texte und Lehren der Heiligen Schriften haben verborgene geistige Bedeutungen. Sie dürfen nicht wörtlich genommen werden. Deshalb bete ich darum, dass Sie die Fähigkeit bekommen, die inneren, wahren Bedeutungen der Heiligen Schriften zu verstehen, und die Geheimnisse erkennen, die in den Worten der Bibel enthalten sind, damit Sie das ewige Leben erlangen und Ihre Herzen vom Reich Gottes angezogen werden. Mögen Ihre Seelen vom Licht der Worte Gottes erleuchtet werden, und mögen Sie zu Schatzkammern der Geheimnisse Gottes werden, denn es gibt keinen größeren Trost und kein größeres Glück als das geistige Erfassen der göttlichen Lehren. Wenn ein Mensch die wahre Bedeutung der Verse eines Dichters wie Shakespeare versteht, erfreut und begeistert ihn das. Wie viel größer ist seine Freude und Begeisterung, wenn er die Wahrheit der Heiligen Schriften erkennt und von den Geheimnissen des Königreiches erfährt!
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Ich bete dafür, dass die göttlichen Segnungen Tag für Tag auf Sie herabkommen, dass Ihre Herzen geöffnet werden, um die inneren Bedeutungen des Wortes Gottes wahrzunehmen. Es ist fruchtlos, die bloßen Buchstaben des Buches zu kennen. Die meisten Juden hatten die Texte des Alten Testaments auswendig gelernt und Tag und Nacht wiederholt, aber da sie die Bedeutung nicht kannten, blieben ihnen die Gaben Christi vorenthalten. Ich bete darum, dass Sie durch den Odem des Heiligen Geistes belebt und durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet werden. Mögen Sie an der Schwelle Gottes mit himmlischem Segen beschenkt werden und ewiges Leben erlangen. Das ist mein Gebet. Gott segne und erleuchte Sie.
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3. Dezember 1912
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Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney
780 West End Avenue, New York
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Aufzeichnungen von Edna McKinney
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In New York habe ich mehr Versammlungen besucht als in allen anderen Städten zusammen. Tag und Nacht, einzeln und in Gemeinschaft habt ihr den Lehren und Ratschlägen Bahá’u’lláhs zugehört. Ich habe euch die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündet und euch die Wünsche der Gesegneten Vollkommenheit erläutert. Ich habe dargelegt, was zum menschlichen Fortschritt beiträgt und euch die demütige Haltung des Dienens gezeigt. Die Lehren Bahá’u’lláhs wurden klar dargelegt. Nun ist die Zeit gekommen, da ich euch verlassen muss, deshalb ist dies unser Abschiedstreffen.
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Ich bin sehr zufrieden mit euch allen und freue mich über die äußerst große Freundlichkeit und Zuneigung, die ihr mir entgegengebracht habt. Ich wünsche mir, dass Bahá’u’lláh mit euch zufrieden ist, dass ihr Seinen Geboten folgt und Seiner Unterstützung würdig werdet. Dazu ist es notwendig, dass euer Geist erleuchtet wird, dass die frohen Botschaften Gottes eure Seelen zum Jubeln bringen, dass euch geistige Tugenden durchdringen, dass euer tägliches Leben von Glauben und Gewissheit geprägt ist, dass eure Herzen geheiligt und rein sind und ein hohes Maß an Liebe und Anziehung zum Abhá-Königreich widerspiegeln. Ihr sollt die Lampen Bahá’u’lláhs werden, damit ihr mit ewigem Licht leuchtet und Zeichen und Beweise Seiner Wahrheit seid. Dann wird man in euren Taten solche Zeichen der Reinheit und Keuschheit sehen, dass die Menschen den himmlischen Glanz eures Lebens erkennen und sagen werden: »Wahrlich, ihr seid die Beweise Bahá’u’lláhs. Bahá’u’lláh ist ohne Zweifel der Eine Wahre, hat Er doch Seelen wie diese erzogen, von denen jede für sich ein Beweis ist.« Sie werden zu anderen sagen: »Kommt und bezeugt das Verhalten dieser Seelen. Kommt und hört, was sie sagen, seht das Leuchten ihrer Herzen, seht die Beweise der Liebe Gottes in ihnen, achtet auf ihre hohe Moral und entdeckt die Fundamente der Einheit der Menschheit, die in ihnen fest angelegt sind. Welchen größeren Beweis für die Wahrheit und Wirklichkeit der Botschaft Bahá’u’lláhs kann es geben als diese Menschen?« Ich hoffe, dass jeder von euch ein Herold Gottes sein wird, der die Beweise Seines Erscheinens in Worten, Taten und Gedanken verkündet. Lasst eure Taten und Worte bezeugen, dass ihr zum Königreich Bahá’u’lláhs gehört. Das sind die Pflichten, die euch Bahá’u’lláh auferlegt hat.
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Bahá’u’lláh ertrug die größten Entbehrungen. Er fand weder Ruhe in der Nacht noch Frieden am Tage. Er stand ständig unter dem Druck großen Unheils – mal im Gefängnis, mal in Ketten, mal vom Schwert bedroht – bis Er schließlich den Käfig der Gefangenschaft zerbrach, diese sterbliche Welt verließ und in den Himmel Gottes aufstieg. Er hat all diese Drangsal um unseretwillen auf Sich genommen und diese Entbehrungen erlitten, damit wir die Gaben der göttlichen Freigebigkeit erlangen. Deshalb müssen wir Ihm treu sein und uns von unseren eigenen selbstischen Wünschen und Vorstellungen abwenden, damit wir verwirklichen können, was unser Herr von uns verlangt.
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Es ist mein Wunsch, dass ihr euch erhebt, um nach diesen Lehren und Ratschlägen zu leben, dass wir alle durch Gott gestärkt werden, in das Paradies des Königreiches des Geistes eintreten, dass wir das Licht der Sonne der Wahrheit verbreiten und dafür sorgen, dass die Wellen dieses Größten Ozeans alle Menschenseelen erreichen, damit diese irdische Welt in die himmlische Welt verwandelt wird und dieser öde Boden in das Paradies Abhá.
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4. Dezember 1912
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Ansprache in der Theosophischen Gesellschaft
2228 Broadway, New York
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Aufzeichnungen von Esther Foster
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Diejenigen, die von der Wirklichkeit nichts wissen, die die existierenden Dinge nicht begreifen, die die innere Wahrheit der Schöpfung nicht erkennen, die die wahren Geheimnisse materieller und geistiger Erscheinungen nicht durchdringen und die nur eine oberflächliche Vorstellung vom gesamten Leben und Dasein haben, sind bloß Verkörperungen reiner Unwissenheit. Sie glauben nur, was sie von ihren Vätern und Vorfahren gehört haben. Ihnen selbst fehlen Hörvermögen, Sehkraft, Vernunft und Einsicht. Sie verlassen sich allein auf die Überlieferung. Solche Menschen bilden sich ein, die Herrschaft Gottes sei eine bedingte Herrschaft.
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So glauben sie zum Beispiel, diese Welt sei vor sechs- oder siebentausend Jahren erschaffen worden, so als ob Gott vor dieser Zeit nicht geherrscht hätte und es vor dieser Zeit keine Schöpfung gegeben hätte. Sie denken, das Göttliche sei bedingt, denn für sie hängt das Göttliche von den existierenden Dingen ab, während es in Wirklichkeit eine Schöpfung gab, solange es einen Gott gab. Solange es Licht gab, gab es Empfänger dieses Lichtes, denn Licht kann sich nicht zeigen, wenn nichts existiert, das es erkennen und wertschätzen kann. Die Welt des Göttlichen setzt eine Schöpfung voraus, setzt Empfänger der Gaben und die Existenz von Welten voraus. Man kann sich das Göttliche nicht getrennt von der Schöpfung denken, denn das wäre, als wenn man sich ein Reich ohne Volk vorstellte. Ein König muss notwendigerweise ein Reich haben, muss ein Heer und Untertanen haben. Ist es möglich, König zu sein ohne Land, ohne Armee und ohne Untertanen? Das ist absurd. Wenn wir sagen, es habe eine Zeit ohne Land, ohne Armee und ohne Untertanen gegeben, wie kann es dann einen König und Regenten gegeben haben? Denn diese Dinge sind für einen König wesentlich.
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Folglich gilt: So wie die göttliche Wirklichkeit keinen Anfang hatte – d.h. Gott war immer Schöpfer, Gott war immer Erhalter, Gott war immer Beleber, Gott war immer Geber –, so hat es nie eine Zeit gegeben, in der die Eigenschaften Gottes nicht zum Ausdruck kamen. Die Sonne ist die Sonne wegen ihrer Strahlen, wegen ihrer Wärme. Würden wir annehmen, es hätte eine Zeit gegeben, in der die Sonne ohne Wärme und Licht war, würde das bedeuten, dass es überhaupt keine Sonne gab und dass sie erst später zur Sonne geworden ist. Würden wir sagen, es habe eine Zeit gegeben, da Gott ohne Schöpfung und ohne Geschöpfe war, eine Zeit, in der es keine Empfänger Seiner Gaben gab und Seine Namen und Eigenschaften nicht zu erkennen waren, so käme dies einer völligen Ablehnung des Göttlichen gleich, denn es würde bedeuten, dass das Göttliche bedingt ist. Um es noch deutlicher zu machen: Wenn wir denken, dass es vor fünfzigtausend oder hunderttausend Jahren keine Schöpfung gab, dass es damals keine Welten, keine Menschen, keine Tiere gab, würde dieser Gedanke bedeuten, dass es vor dieser Zeit das Göttliche nicht gab. Wenn wir sagen würden, es habe eine Zeit gegeben, da es zwar einen König gab, aber keine Untertanen, kein Heer und kein Land, über das er herrschte, so würde das in Wirklichkeit bedeuten, dass es eine Zeit gab, da kein König existierte, und der König bedingt ist. Da die Wirklichkeit des Göttlichen keinen Anfang hat, ist somit klar, dass auch die Schöpfung keinen Anfang hat. Das ist so klar wie die Sonne. Wenn wir dieses gewaltige Triebwerk allgegenwärtiger Kraft betrachten, diesen unbegrenzten Raum und seine unzähligen Welten wahrnehmen, dann wird klar, dass diese unendliche Schöpfung älter ist als sechstausend Jahre; nein, sie ist sehr, sehr alt.
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Dennoch lesen wir im 1. Buch Mose im Alten Testament, das Alter der Schöpfung betrage nur sechstausend Jahre. Das hat eine innere Bedeutung; man darf es nicht wörtlich nehmen. So heißt es etwa im Alten Testament, dass bestimmte Dinge am ersten Tag erschaffen wurden. Die Erzählung berichtet, dass zu jener Zeit die Sonne noch nicht erschaffen war. Wie können wir uns einen Tag vorstellen, wenn es keine Sonne am Himmel gab? Denn der Tag hängt vom Sonnenlicht ab. Wenn also die Sonne noch nicht erschaffen war, wie konnte sich der erste Tag ereignen? Daher haben diese Aussagen andere Bedeutungen als die wörtliche.
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Um es kurz zu machen: Es geht darum, dass die göttliche Herrschaft, das Reich Gottes, eine altehrwürdige Herrschaft ist, dass sie keine bedingte Herrschaft ist; es ist wie ein Königreich, das die Existenz von Untertanen, eines Heeres und eines Landes voraussetzt, denn sonst sind die Begriffe Herrschaft, Autorität und Königtum nicht vorstellbar. Wenn wir uns also die Schöpfung als bedingt vorstellten, wären wir gezwungen, den Schöpfer als bedingt anzunehmen, obwohl die göttlichen Gaben immer fließen und die Strahlen der Sonne der Wahrheit immer scheinen. Ein Versiegen der göttlichen Gaben ist unmöglich, so wie die Sonnenstrahlen nicht versiegen können. Dies ist klar und offensichtlich.
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Folglich hat es viele heilige Manifestationen Gottes gegeben. Vor tausend Jahren, vor zweihunderttausend Jahren, vor einer Million Jahren strömten die Gaben Gottes, leuchtete der Strahlenglanz Gottes, existierte die Herrschaft Gottes.
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Warum erscheinen diese heiligen Manifestationen Gottes? Welche Weisheit steckt dahinter und welchen Zweck hat Ihr Kommen? Was ist das Ergebnis Ihrer Sendung? Offensichtlich tritt die menschliche Persönlichkeit in zweierlei Formen in Erscheinung, als Ebenbild Gottes und als Abbild Satans. Die menschliche Wirklichkeit liegt zwischen diesen beiden Aspekten, dem göttlichen und dem satanischen. Offenkundig ist der Mensch über seinen irdischen Körper hinaus mit einer anderen Wirklichkeit ausgestattet, die aus der Welt der Urbilder besteht, die die himmlische Gestalt des Menschen bilden. So sagt der Mensch: »Ich sah«, »Ich sprach«, »Ich ging«. Wer ist dieses »Ich«? Dieses »Ich« unterscheidet sich offensichtlich von diesem Körper. Somit ist klar: Wenn der Mensch denkt, ist das so, als würde er mit jemand anderem beraten. Mit wem berät er sich? Offensichtlich ist es eine vom Körper unabhängige, andere Wirklichkeit, mit der er sich berät, wenn er denkt: »Soll ich dies machen oder nicht?« »Was wird dabei herauskommen, wenn ich es mache?« Oder wenn er die andere Wirklichkeit fragt: »Was spricht dagegen, dies zu tun?« Dann teilt jene Wirklichkeit im Menschen ihm ihre Meinung zum fraglichen Punkt mit. Diese Wirklichkeit im Menschen ist also klar und offensichtlich eine andere als sein Körper – ein Ich, mit dem der Mensch sich berät und dessen Meinung er sucht.
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Oft entscheidet sich ein Mensch für eine Sache; so beschließt er etwa, eine Reise zu unternehmen. Dann denkt er darüber nach – er befragt also seine innere Wirklichkeit – und kommt letztlich zum Schluss, dass er den Reiseplan aufgibt. Was ist geschehen? Warum gibt er seine ursprüngliche Absicht auf? Offensichtlich hat er seine innere Wirklichkeit zurate gezogen, die ihm die Nachteile einer solchen Reise aufzeigt. Deshalb fügt er sich dieser Wirklichkeit und ändert seine ursprüngliche Absicht.
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Überdies sieht der Mensch in der Traumwelt. Er reist in den Osten, er reist in den Westen, obwohl sein Körper sich nicht bewegt und hier bleibt. Es ist diese Wirklichkeit in ihm, die die Reise macht, während der Körper schläft. Zweifellos existiert noch eine andere Wirklichkeit als die äußere, stoffliche. So ist ein Mensch beispielsweise tot und begraben. Später sieht man ihn im Traum und spricht mit ihm, obwohl sein Körper unter der Erde liegt. Wer ist die Person, die man in seinen Träumen sieht, mit der man spricht und die auch mit uns spricht? Auch dies beweist, dass es eine andere Wirklichkeit gibt als die körperliche, die stirbt und begraben wird. Es ist also sicher, dass es im Menschen eine Wirklichkeit gibt, die nicht der Körper ist. Manchmal wird der Körper schwach, aber diese andere Wirklichkeit ist in ihrem normalen Zustand. Der Körper schläft ein und ist wie tot. Aber diese andere Wirklichkeit regt sich, versteht Dinge, drückt sie aus und ist sich sogar ihrer selbst bewusst.
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Diese andere, innere Wirklichkeit wird himmlischer Leib genannt, die geistige Gestalt, die mit diesem Körper korrespondiert. Dies ist die bewusste Wirklichkeit, die die innere Bedeutung der Dinge entdeckt, denn der äußere Körper des Menschen entdeckt nichts. Die innere, geistige Wirklichkeit begreift die Geheimnisse des Daseins, entdeckt wissenschaftliche Wahrheiten und weist auf ihre technische Anwendung hin. Sie entdeckt die Elektrizität, bringt den Telegrafen und das Telefon hervor und öffnet das Tor zur Welt der Künste. Wenn der äußere, materielle Körper das fertigbrächte, dann wäre auch ein Tier fähig, wissenschaftliche, wunderbare Entdeckungen zu machen, denn das Tier teilt mit dem Menschen alle körperlichen Fähigkeiten und Begrenzungen. Was ist also jene Kraft, die in die Wirklichkeiten des Daseins eindringt und im Tier nicht zu finden ist? Es ist die innere Wirklichkeit, die die Dinge begreift, Licht auf die Geheimnisse des Lebens und des Seins wirft, das himmlische Reich entdeckt, die Geheimnisse Gottes entschlüsselt und den Menschen vom Tier unterscheidet. Daran kann es keinen Zweifel geben.
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Wie schon gesagt, befindet sich diese Wirklichkeit des Menschen zwischen seiner höheren und seiner niederen Natur, zwischen der Welt des Tieres und der Welt des Göttlichen. Wenn tierische Neigungen im Menschen überhandnehmen, sinkt er sogar tiefer als das Tier. Wenn die himmlischen Kräfte in seiner Natur gewinnen, wird er zum edelsten und höchsten Wesen in der Schöpfung. Alle Unvollkommenheiten des Tieres finden sich auch im Menschen. Feindseligkeit, Hass, eigennütziger Kampf ums Dasein finden sich in ihm; in seinem Wesen lauern Eifersucht, Rache, Grausamkeit, Arglist, Heuchelei, Gier, Ungerechtigkeit und Tyrannei. Die Wirklichkeit des Menschen ist äußerlich gleichsam in das Gewand des Tieres gehüllt, in das Kleid der Natur, der Welt der Finsternis, der Unvollkommenheit und der absoluten Niedrigkeit.
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Auf der anderen Seite finden wir im Menschen Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Wissen, Weisheit, Erleuchtung, Barmherzigkeit und Mitgefühl, gepaart mit Denkvermögen, dem Verstand und der Fähigkeit, die Wirklichkeit der Dinge zu erfassen und die wahren Zusammenhänge des Daseins zu durchdringen. All diese vollkommenen Eigenschaften sind im Menschen zu finden. Deshalb sagen wir: Der Mensch ist eine Wirklichkeit zwischen Licht und Finsternis. In diesem Sinne ist sein Wesen von dreierlei Art: tierisch, menschlich und himmlisch. Die tierische Natur ist Finsternis, die himmlische ist Licht über Licht.
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