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16:5Die unvollkommenen Mitglieder der Gesellschaft, die schwachen Seelen unter den Menschen, folgen ihrer natürlichen Neigung. Ihr Leben und Handeln stimmen mit ihren Neigungen überein; sie sind Gefangene ihrer körperlichen Bedürfnisse; sie stehen nicht in Verbindung und im Einklang mit den geistigen Gaben. Der Mensch hat zwei Seiten: die körperliche Seite, die der Natur unterstellt ist, und die barmherzige oder göttliche Seite, die mit Gott verbunden ist. Wenn die körperlichen oder natürlichen Anlagen im Menschen die Oberhand über die himmlischen und barmherzigen gewinnen, wird er zum niedrigsten aller tierischen Geschöpfe. Wenn jedoch das Göttliche und Geistige in ihm über die menschliche und natürliche Seite triumphiert, dann ist er wahrhaftig ein Engel. Die Propheten kommen in diese Welt, um die Menschheit zu führen und zu erziehen, damit die tierische Natur des Menschen schwinde und das Himmlische in seinen Kräften erweckt werde. Die göttliche Seite oder die geistige Natur besteht aus dem Odem des Heiligen Geistes. Die Wiedergeburt, von der Jesus sprach, bezieht sich auf das Erscheinen dieser himmlischen Natur im Menschen. Sie kommt in der Taufe mit dem Heiligen Geist zum Ausdruck, und wer mit dem Heiligen Geist getauft ist, ist eine wahre Offenbarung der göttlichen Barmherzigkeit für die Menschheit. Dann wird er gerecht und gütig gegenüber der ganzen Menschheit; niemandem begegnet er mit Vorurteilen oder bösem Willen und er verschmäht keine Nation und kein Volk.16:6Die Grundlagen der göttlichen Religionen sind eins. Wenn wir diese Grundlagen untersuchen, entdecken wir viel Nährboden für Übereinstimmung, aber wenn wir auf die Nachahmung von Bräuchen und überlieferten Glaubenssätzen schauen, finden wir manche Uneinigkeit und Spaltung, denn diese Nachahmungen unterscheiden sich voneinander, während Ursprung und Grundlagen der Religionen ein und dieselben sind. Das heißt, die Grundlagen fördern Einheit, Nachahmung jedoch bewirkt Uneinigkeit und Trennung. Wer die Menschheit nicht liebt oder einem Teil davon mit Hass und Fanatismus begegnet, verletzt die Grundlage und den Ursprung seines eigenen Glaubens und hält an Äußerlichkeiten und Nachahmungen fest. Jesus Christus erklärte, dass die Sonne auf die Schlechten und die Guten scheint und der Regen auf die Gerechten und die Ungerechten niedergeht – auf die ganze Menschheit ohne Unterschied. Christus war die göttliche Barmherzigkeit, die auf die ganze Menschheit schien. Er war der Mittler, durch den die Gaben Gottes herniederkamen. Und die Gaben Gottes überschreiten Bewusstsein und Erfahrung, sind unbeschränkt und allumfassend.16:7Der verehrte Pfarrer las aus den Worten des Evangeliums: »Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.« Johannes 16,12-13A Das Jahrhundert ist angebrochen, in dem der Geist der Wahrheit der Menschheit diese Wahrheiten offenbaren kann; er kann dieses Wort verkünden, die wahren Grundlagen des Christentums begründen und die Nationen und Völker von den Fesseln äußerlicher Formen und Nachahmungen befreien. Die Ursachen von Zwietracht, Vorurteilen und Feindseligkeiten werden beseitigt und die Grundlagen für Liebe und Freundschaft gelegt. Deshalb müssen Sie alle mit Herz und Seele danach streben, dass Feindseligkeit gänzlich aufhört und Streit und Hass völlig aus der Mitte der Menschenwelt verschwinden. Sie müssen auf die Ermahnung dieses Geistes der Wahrheit hören. Sie müssen dem Beispiel und den Spuren Jesu Christi folgen. Lesen Sie die Evangelien. Jesus Christus war die Gnade selbst, war die Liebe selbst. Er betete sogar für Seine Henker – für diejenigen, die Ihn kreuzigten – mit den Worten: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Lukas 23,34A Wenn sie gewusst hätten, was sie tun, hätten sie es nicht getan. Bedenken Sie, wie gütig Jesus Christus war, dass Er selbst am Kreuz für Seine Unterdrücker betete. Wir müssen Seinem Beispiel folgen. Wir müssen den Propheten Gottes nacheifern. Wir müssen Jesus Christus folgen. Wir müssen uns von all den Nachahmungen befreien, die die Ursache für das Dunkel in dieser Welt sind.16:8Ich will Ihnen eine Frage stellen: Hat Gott uns für Liebe erschaffen oder für Feindseligkeit? Hat Er uns für Frieden erschaffen oder für Zwietracht? Natürlich hat Er uns für die Liebe erschaffen. Darum sollten wir in Übereinstimmung mit Seinem Willen leben. Hören Sie auf nichts, was einem Vorurteil entspringt, denn Eigennutz veranlasst Menschen, Vorurteilen nachzugeben. Sie verfolgen dann nur ihre eigenen Wünsche und Ziele. Sie leben und wandeln im Dunkeln. Bedenken Sie, wie viele verschiedene Völker und unterschiedliche religiöse Überzeugungen es gab, als Christus erschien. Es herrschte Feindschaft und Streit zwischen den Römern, Griechen, Assyrern, Ägyptern, sie alle bekämpften und bekriegten einander. Christus einte sie durch den Odem des Heiligen Geistes und verwandelte sie in eine Gemeinschaft, sodass keine Spur des Streites zurückblieb. Unter Seinem Banner wurden sie geeint und lebten dank Seiner Lehren in Frieden. Was ist vorzuziehen und löblicher? Dem Beispiel Jesu Christi zu folgen oder teuflische Neigungen an den Tag zu legen? Lassen Sie uns mit aller Kraft danach streben, den Osten und den Westen zu vereinen, sodass die Völker vorangebracht werden und alle nach der einen Grundlage der Religionen Gottes leben können. Der Wesenskern der göttlichen Religion besteht aus einer einzigen Wahrheit, unteilbar und nicht aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Sie ist eine Einzige. Und wenn wir das untersuchen und feststellen, dass sie eine einzige ist, haben wir eine Grundlage für die Einheit der Menschenwelt. Ich werde für Sie beten und um Ermutigung und Unterstützung für Sie bitten. – 17 –17:0_4922. April 191217:0_50Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.17:0_51Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen17:1Seht, wie gut Bahá’u’lláh zu uns ist, wie groß die Kraft Seines Wortes! Aus welch fernen Teilen der Welt hat Er uns in diesem Haus zusammengeführt und an diesem himmlischen Tisch zusammenkommen lassen, denn die Liebe hat ein Festmahl bereitet und ‘Abdu’l-Bahá gebeten, dieses in Seinem Namen stattfinden zu lassen. Welch eine Vereinigung der Herzen ist hier zwischen Ost und West entstanden und welch eine Bestärkung durch Bahá’u’lláh zeigt sich hier! Wie hat Seine Güte alle umfangen! Wie hat sich Seine Gunst für alle vollendet!17:2Als die Muslime Persien eroberten, ging der oberste zoroastrische Hohepriester zum Weintrinken. Gemäß islamischem Gesetz ist Wein verboten, und wer Wein trinkt, muss mit einundachtzig Peitschenhieben bestraft werden. Darum nahmen die Muslime den Hohenpriester fest und peitschten ihn aus. Zu jener Zeit standen die Araber bei den Persern in sehr niedrigem und geringem Ansehen und wurden kaum als Menschen betrachtet. Da Muḥammad Araber war, schauten die Perser mit Verachtung auf Ihn herab; als aber der Hohepriester die Beweise der Macht Muḥammads sah, von der diese verachteten Leute beherrscht wurden, rief er aus: »O du arabischer Muḥammad, wie hast du das gemacht? Was hast du gemacht, dass dein Volk den Obersten Hohepriester der Zoroastrier festnehmen ließ, weil er etwas begangen hat, was in deiner Religion ungesetzlich ist?« Durch diesen Umstand wurde das Vorurteil überwunden, dessentwegen der Zoroastrier die Muslime gemieden hatte, denn er erkannte in den Geschehnissen den großen Einfluss, den Muḥammad auf diese Menschen ausübte.17:3Das heutige Treffen ist ein Beweis dafür, wie Bahá’u’lláh durch die Macht der Liebe Gottes einen wunderbaren geistigen Einfluss auf die ganze Welt ausübt. Aus den entlegensten Regionen Persiens und des Orients hat Er Menschen an diesen Tisch kommen lassen, damit sie sich mit den Menschen des Westens in höchster Liebe und Zuneigung, Einheit und Harmonie treffen. Seht, wie die Macht Bahá’u’lláhs den Osten und den Westen zusammengebracht hat. Und ‘Abdu’l-Bahá steht bereit und dient euch. Es gibt weder Stock noch Schläge, weder Peitsche noch Schwert; allein die Macht der Liebe Gottes hat dies vollbracht.17:4In dieser Welt beurteilen wir eine Sache oder eine Bewegung nach ihrem Fortschritt und ihrer Entwicklung. Manche Bewegungen erscheinen, sind eine kurze Zeit lang aktiv und verschwinden dann wieder. Andere zeigen ein größeres Maß an Wachstum und Stärke, aber bevor ihre Entwicklung den Reifezustand erreicht, werden sie schwächer, lösen sich auf und fallen der Vergessenheit anheim. Keine der erwähnten Bewegungen ist fortschrittlich und dauerhaft.17:5Es gibt noch eine andere Art von Bewegung oder Sache, die von einem sehr kleinen, unauffälligen Anfang an mit sicherem und stetigem Fortschritt voranschreitet und sich allmählich verbreitet und ausweitet, bis sie weltweite Dimensionen angenommen hat. Die Bahá’í-Bewegung ist von dieser Art. Als Bahá’u’lláh beispielsweise mit ‘Abdu’l-Bahá und dem Rest Seiner Familie aus Persien verbannt wurde, reisten sie durch viele Städte und Dörfer den langen Weg von Teheran nach Baghdád. Während der gesamten Reise trafen sie auf dem weiten Weg nicht einen einzigen Gläubigen der Sache, um derentwillen sie verbannt worden waren. Zu jener Zeit war weltweit nur sehr wenig über diese Bewegung bekannt. Selbst in Baghdád gab es nur einen Gläubigen, der noch in Persien von Bahá’u’lláh Selbst gelehrt worden war. Später tauchten zwei oder drei weitere auf. Ihr seht also, dass die Sache Bahá’u’lláhs anfangs nahezu unbekannt war, aber weil sie eine göttliche Bewegung ist, wuchs und entwickelte sie sich bis heute mit unwiderstehlicher geistiger Kraft. Wohin ihr auch reist – gen Ost oder West – und in welches Land auch immer, ihr werdet auf Bahá’í-Räte und -Institutionen treffen. Das ist ein Beweis dafür, dass die Bahá’í die Segnungen der Einheit und der fortschrittlichen Entwicklung in der ganzen Welt unter göttlicher Führung und Zielsetzung verbreiten, während andere Bewegungen, deren Aktivitäten und Erfolge nur von kurzer Dauer sind, keine wirkliche, universelle Bedeutung haben. – 18 –18:0_5223. April 191218:0_53Ansprache an der Howard University
Washington, D.C.18:0_54Übersetzt von Amin Banani18:1Heute bin ich sehr glücklich, denn ich besuche hier eine Versammlung der Diener Gottes. Ich sehe Weiß und Schwarz zusammensitzen. Vor Gott gibt es keine Weißen und Schwarzen. Alle Farben sind eine, und das ist die Farbe der Dienstbarkeit für Gott. Duft und Farbe sind unwichtig. Das Herz ist wichtig. Wenn das Herz rein ist, spielen Weiß, Schwarz oder jegliche andere Farbe keine Rolle. Gott schaut nicht auf Farben, Er schaut auf die Herzen. Wessen Herz rein ist, der ist besser. Wessen Charakter besser ist, der ist wohlgefälliger. Wer sich stärker dem Königreiche Abhá zuwendet, der ist weiter fortgeschritten.18:2Im Reich des Daseins spielen Farben keine Rolle. Im Mineralreich führen Farben offensichtlich nicht zu Zwietracht. Im Pflanzenreich führen die Farben bunter Blumen nicht zu Zwietracht. Die Farben sorgen vielmehr für die Schönheit des Gartens, weil eine einzelne Farbe keinen Reiz hat. Aber wenn ihr viele bunte Blumen betrachtet, wirken sie reizvoll und prächtig.18:3Ebenso ist die Menschenwelt wie ein Garten, und die Menschen sind wie die bunten Blumen. Verschiedene Farben sind also eine Zier. Genauso gibt es im Tierreich viele Farben. Tauben haben viele Farben; trotzdem leben sie in völliger Harmonie. Sie schauen niemals auf die Farbe; stattdessen schauen sie auf die Art. Wie oft fliegen weiße Tauben zusammen mit schwarzen. Desgleichen schauen andere Vögel und an Farben reiche Tiere nie auf die Farbe – sie schauen auf die Art.18:4Überlegen Sie jetzt einmal: Obwohl die Tiere weder Vernunft noch Verstand haben, machen sie die Farben nicht zur Ursache von Konflikten. Warum sollte der Mensch, der über Vernunft verfügt, deswegen Konflikte entstehen lassen? Dies ist seiner gänzlich unwürdig. Weiß und Schwarz sind die Nachkommen desselben Adam. Sie gehören zu einem einzigen Haushalt. Ursprünglich waren sie eins, sie waren von der gleichen Farbe. Adam hatte nur eine Hautfarbe. Eva hatte nur eine Hautfarbe. Die ganze Menschheit stammt von ihnen ab. Darum sind sie ihrer Herkunft nach eins. Die Hautfarben entwickelten sich später aufgrund des Klimas und des Lebensraums. Sie haben überhaupt keine Bedeutung. Deshalb bin ich heute sehr glücklich, dass sich Weiß und Schwarz zu diesem Treffen versammelt haben. Ich hoffe, dass dieses Zusammentreffen und diese Harmonie einen solchen Grad erreichen, dass keine Unterschiede zwischen ihnen bestehen bleiben und sie in größter Harmonie und Liebe zusammen sein werden.18:5Aber ich möchte eines sagen, damit die Schwarzen den Weißen ihre Anerkennung zeigen und die Weißen den Schwarzen mit Liebe begegnen. Wenn Sie nach Afrika gehen und die Schwarzen Afrikas sehen, werden Sie gewahr werden, wie viel Fortschritt sie gemacht haben. Preis sei Gott! Sie sind wie die Weißen, es gibt keine großen Unterschiede mehr. Die Schwarzen Afrikas hingegen werden wie Knechte behandelt. Die erste Gleichberechtigungserklärung der Schwarzen wurde von weißen Amerikanern verkündet. Das Dokument „Emancipation Proclamation“ wurde am 1. Januar 1863 von Abraham Lincoln in Kraft gesetzt. Es erklärte alle Sklaven in den konföderierten Staaten für frei.A Wie haben sie gekämpft und Opfer gebracht, bis sie die Schwarzen befreiten! Dann verbreitete sich diese Befreiungsbewegung. Die Schwarzen Afrikas waren in völliger Knechtschaft, aber Ihre Gleichberechtigung führte auch zu deren Freiheit – das heißt, die europäischen Staaten ahmten die Amerikaner nach, und die Gleichberechtigungserklärung erlangte weltweit Gültigkeit. Die weißen Amerikaner bemühten sich um Ihretwillen darum. Ohne diese Bestrebungen wäre die allumfassende Gleichberechtigung nicht verkündet worden.18:6Deshalb müssen Sie den weißen Amerikanern sehr wertschätzend begegnen und die Weißen müssen Ihnen gegenüber sehr liebevoll sein, damit Sie in allen menschlichen Belangen voranschreiten können. Streben Sie gemeinsam danach, außerordentliche Fortschritte zu machen und sich völlig miteinander zu mischen. Kurz gesagt, Sie müssen sehr dankbar gegenüber den Weißen sein, die die Ursache für Ihre Freiheit in Amerika waren. Wären Sie nicht befreit worden, wären auch andere Schwarze nicht befreit worden. Jetzt sind – Preis sei Gott! – alle frei und leben in Ruhe. Ich bete dafür, dass Ihr guter Charakter und Ihr Verhalten eine Stufe erreichen, auf der die Bezeichnungen ›Schwarz‹ und ›Weiß‹ verschwinden werden. Alle sollen schlicht ›Mensch‹ genannt werden, so wie in einem Taubenschwarm jedes Tier ›Taube‹ heißt. Es wird nicht Schwarz oder Weiß genannt. Mit anderen Vögeln ist es genauso.18:7Ich hoffe, dass Sie eine so hohe Stufe erreichen – und das ist nur möglich durch Liebe. Sie müssen versuchen, Liebe zwischen Ihnen entstehen zu lassen. Diese Liebe kommt nur zustande, wenn Sie Anerkennung gegenüber den Weißen zeigen und die Weißen Sie liebevoll behandeln und sich bemühen, Ihr Voranschreiten zu fördern und Ihr Ansehen zu steigern. Das wird Liebe erzeugen. Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß werden völlig getilgt werden; ja, ethnische und nationale Unterschiede werden alle verschwinden.18:8Ich freue mich sehr, bei Ihnen zu sein, und danke Gott, dass dieses Treffen aus Menschen beider Hautfarben besteht und beide in perfekter Liebe und Harmonie versammelt sind. Ich hoffe, dass dies zum Beispiel umfassender Harmonie und Liebe wird, bis es keine Bezeichnung mehr gibt außer ›Menschheit‹. Eine solche Bezeichnung zeigt die Vollkommenheit der Menschenwelt und ist die Ursache für ewigen Ruhm und menschliches Glück. Ich bete, dass Sie sich in größter Harmonie und Liebe begegnen und danach streben, einander ein angenehmes Leben zu ermöglichen. – 19 –19:0_5523. April 191219:0_56Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.19:0_57Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen19:1Seit dem Tagesanbruch heute Morgen bis jetzt habe ich gesprochen; aber aus Liebe, Verbundenheit und dem Wunsch, bei euch zu sein, bin ich hergekommen, um noch einmal kurz zu sprechen. In den letzten Tagen hat sich ein schreckliches Ereignis in der Welt zugetragen, ein Ereignis, das jedes Herz betrübt und jeden Geist bekümmert. Ich meine damit die Titanic-Katastrophe, bei der viele unserer Mitmenschen ertranken, etliche wunderbare Seelen dieses irdische Leben verließen. Obwohl ein solches Ereignis wirklich beklagenswert ist, müssen wir erkennen, dass hinter allem, was geschieht, irgendeine Weisheit steht und nichts ohne Grund geschieht. Darin liegt ein Geheimnis; aber welcher Grund, welches Geheimnis auch immer – es war ein sehr trauriger Vorfall, der viele Augen mit Tränen gefüllt und viele Seelen in Verzweiflung gestürzt hat. Ich war sehr betroffen von dieser Katastrophe. Einige von denen, die umgekommen sind, reisten mit uns auf der Cedric bis Neapel und stiegen danach auf das andere Schiff um. Wenn ich an sie denke, bin ich wirklich sehr traurig. Aber wenn ich dieses Unglück aus einem anderen Blickwinkel betrachte, tröstet mich die Erkenntnis, dass die Welten Gottes unendlich sind. Obwohl die Verstorbenen dieses Daseins beraubt wurden, haben sie andere Möglichkeiten im Leben danach, wie auch Christus sagte: »In Meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen.« Johannes 14,2A Sie wurden aus dem Zeitlichen abberufen und in die Ewigkeit versetzt. Sie gaben dieses stoffliche Dasein auf und traten durch die Tore der geistigen Welt. Nach den Vergnügungen und Annehmlichkeiten des Irdischen genießen sie jetzt eine viel dauerhaftere und echtere Freude und Glückseligkeit, denn sie sind zum Reiche Gottes geeilt. Die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos, und es ist unsere Pflicht, in unseren Gebeten und unserem Flehen dieser verstorbenen Seelen zu gedenken, damit sie der Quelle selbst immer näher kommen.19:2Die menschlichen Lebensbedingungen können mit dem Mutterleib verglichen werden, aus dem ein Kind in die Weite der irdischen Welt hineingeboren werden soll. Dem kleinen Kind fällt es zunächst sehr schwer, sich auf sein neues Leben einzustellen. Es weint, als ob es nicht von seiner engen Wohnstätte getrennt werden möchte, denn in seiner Vorstellung ist das Leben auf diesen begrenzten Raum beschränkt. Es sträubt sich, sein Heim zu verlassen, aber die Natur zwingt es in diese Welt hinein. Nachdem es in seinem neuen Umfeld angekommen ist, stellt es fest, dass es aus der Dunkelheit in eine Sphäre des Lichtes gelangt ist, aus einer düsteren und begrenzten Umgebung wurde es in eine weiträumige und wunderbare Umgebung versetzt. Seine Nahrung erhielt es durch das Blut der Mutter; jetzt kann es sich an köstlichen Speisen erfreuen. Sein neues Leben ist voller Helligkeit und Schönheit. Mit Staunen und Entzücken erblickt es Berge, Wiesen und grüne Felder, Flüsse und Brunnen, die wunderbaren Sterne. Es atmet die belebende Luft und dann preist es Gott für seine Befreiung aus der Enge seiner früheren Umgebung und dafür, dass es die Freiheit des neuen Reiches erlangt hat. Diese Analogie beschreibt das Verhältnis der vergänglichen Welt zum Jenseits – den Übergang der menschlichen Seele aus dem Dunkel und der Ungewissheit in das Licht und die Wirklichkeit des ewigen Königreichs. Zuerst ist es sehr schwierig, den Tod willkommen zu heißen, aber nachdem die Seele in ihr neues Umfeld gelangt ist, ist sie dankbar dafür, denn sie wurde aus den Fesseln der Begrenzungen erlöst, um sich der Freiheiten der Grenzenlosigkeit zu erfreuen. Sie wurde aus einer Welt der Sorge, des Kummers und der Prüfungen befreit, um in einer Welt unendlicher Glückseligkeit und Freude zu leben. Sie hat das mit den Sinnen Erfassbare und Stoffliche hinter sich gelassen, um die Möglichkeiten der vollkommenen und geistigen Welt zu erlangen. Darum sind die Seelen derer, die von der Erde schieden und ihre sterbliche Pilgerreise in der Katastrophe der Titanic beendeten, in eine Welt geeilt, die dieser überlegen ist. Sie sind aus dieser Dunkelheit und diesem getrübten Blickfeld in das Reich des Lichtes aufgestiegen. Dies sind die einzigen Überlegungen, die ihre Hinterbliebenen beruhigen und trösten können.19:3Darüber hinaus haben diese Ereignisse tiefere Gründe. Ihr Ziel und Zweck ist es, dem Menschen bestimmte Erkenntnisse zu vermitteln. Wir leben in einer Zeit, in der man sich ganz auf materielle Gegebenheiten verlässt. Die Menschen wähnen, die gewaltige Größe und Stärke eines Schiffes, die perfekten Maschinen oder das Geschick eines Steuermannes würden Sicherheit garantieren. Doch zuweilen ereignen sich solche Unglücksfälle, damit die Menschen erkennen, dass Gott der wahre Beschützer ist. Wenn Gott den Menschen beschützen will, kann ein kleines Boot der Zerstörung entgehen, während das größte und bestgebaute Schiff mit dem erfahrensten und geschicktesten Steuermann einer Gefahr, wie sie kürzlich das Meer barg, nicht zu entrinnen vermag. Das geschieht, damit sich die Menschen in dieser Welt Gott zuwenden, dem Einzigen Beschützer; damit sich die Menschenseelen auf Seinen Schutz verlassen mögen und erkennen, dass dass Er die wahre Sicherheit ist. Diese Ereignisse geschehen, um den Glauben des Menschen wachsen zu lassen und zu stärken. Deshalb müssen wir, auch wenn wir uns traurig und hoffnungslos fühlen, Gott anflehen, dass Er unsere Herzen dem Königreich zuwende, und im Glauben an Seine grenzenlose Gnade für diese verstorbenen Seelen beten, damit sie sich, obgleich dieses irdischen Lebens beraubt, eines neuen Daseins in den erhabenen Wohnstätten des Himmlischen Vaters erfreuen mögen.19:4Niemand soll jedoch denken, diese Worte besagten, dass der Mensch nicht sorgfältig und vorsichtig in seinen Unternehmungen sein sollte. Gott hat den Menschen mit Vernunft ausgestattet, damit er sich selbst sichern und beschützen kann. Deshalb muss er sich mit allem versorgen und umgeben, was wissenschaftliche Sachkenntnis hervorbringen kann. Er muss besonnen, umsichtig und gründlich in seinen Vorhaben sein, die besten Schiffe bauen und die erfahrensten Kapitäne einsetzen, doch obendrein muss er Gott vertrauen und an Ihn als den alleinigen Erhalter glauben. Unter Gottes Schutz kann nichts die Sicherheit des Menschen gefährden; und wenn dieser Schutz nicht Seinem Willen entspricht, werden keinerlei Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen nützen. – 20 –20:0_5823. April 191220:0_59Ansprache in der Bethel Literary Society der Metropolitan African Methodist Episcopal Church
M Street, NW, Washington, D.C.20:0_60Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen20:1Der Anblick dieser Versammlung heute Abend erinnert mich unwillkürlich an einen wunderschönen Strauß Veilchen, der in verschiedenen Farben, dunkel und hell, gebunden ist. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine gerechte und freie Regierung haben, denn ich sehe Schwarze und Weiße in völliger Harmonie und Übereinstimmung zusammensitzen. Die Herzen sind vereint. Diese gerechte Regierung ermöglicht ein solches Treffen. Sie sollten Gott fortwährend danken, dass Sie die Sicherheit und den Schutz einer Regierung genießen, die Ihre Entwicklung fördert und mit unparteiischer Gerechtigkeit und Gleichheit wie ein Vater alle regiert – es gibt keinen größeren Segen in der Menschenwelt. Heute Abend werde ich über wissenschaftliche Themen zu Ihnen sprechen.20:2Die Menschheit verfügt über zahlreiche Vorzüge, aber am vortrefflichsten von allen ist die Wissenschaft. Der Unterschied, der den Menschen über die Stufe des Tieres emporhebt, ist auf dieses herausragende Merkmal zurückzuführen. Es ist eine Gabe Gottes, nicht materiell, sondern göttlich. Die Wissenschaft ist der Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Fähigkeit, die Wirklichkeit des Universums zu entdecken und zu erforschen, das Mittel, mit dem der Mensch einen Weg zu Gott findet. Der Ursprung aller Kräfte und Eigenschaften des Menschen ist irdisch und ererbt – Ergebnisse der Naturprozesse – mit Ausnahme des Verstandes, der über der Natur steht. Durch kluges und vernünftiges Forschen entdeckt die Wissenschaft alles. Sie schlägt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, deckt die Geschichte längst vergangener Völker und Ereignisse auf und vermittelt dem heutigen Menschen das Wesentliche aller menschlichen Erkenntnisse und Errungenschaften über Jahrhunderte hinweg. Durch rationale Überlegungen und logische Folgerungen der Vernunft kann diese Superkraft des Menschen die Geheimnisse der Zukunft durchdringen und Geschehnisse vorwegnehmen.20:3Die Wissenschaft ist das, was Gott dem Menschen als Erstes übertragen hat. Alle erschaffenen Wesen besitzen die Fähigkeit, sich körperlich zu vervollkommnen. Aber die Fähigkeit, etwas mit dem Verstand zu untersuchen und zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu gelangen, ist eine höhere Kraft, die dem Menschen vorbehalten ist. Andere Wesen und Organismen sind von dieser Möglichkeit und dieser Fähigkeit ausgeschlossen. Gott hat diese Liebe zur Wahrheit im Menschen erschaffen und angelegt. Entwicklung und Fortschritt eines Landes hängen vom Maß seiner wissenschaftlichen Errungenschaften ab. Dadurch nimmt seine Großartigkeit stetig zu und Wohlstand und Wohlergehen der Bevölkerung werden täglich sichergestellt.
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