‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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19:1
Seit dem Tagesanbruch heute Morgen bis jetzt habe ich gesprochen; aber aus Liebe, Verbundenheit und dem Wunsch, bei euch zu sein, bin ich hergekommen, um noch einmal kurz zu sprechen. In den letzten Tagen hat sich ein schreckliches Ereignis in der Welt zugetragen, ein Ereignis, das jedes Herz betrübt und jeden Geist bekümmert. Ich meine damit die Titanic-Katastrophe, bei der viele unserer Mitmenschen ertranken, etliche wunderbare Seelen dieses irdische Leben verließen. Obwohl ein solches Ereignis wirklich beklagenswert ist, müssen wir erkennen, dass hinter allem, was geschieht, irgendeine Weisheit steht und nichts ohne Grund geschieht. Darin liegt ein Geheimnis; aber welcher Grund, welches Geheimnis auch immer – es war ein sehr trauriger Vorfall, der viele Augen mit Tränen gefüllt und viele Seelen in Verzweiflung gestürzt hat. Ich war sehr betroffen von dieser Katastrophe. Einige von denen, die umgekommen sind, reisten mit uns auf der Cedric bis Neapel und stiegen danach auf das andere Schiff um. Wenn ich an sie denke, bin ich wirklich sehr traurig. Aber wenn ich dieses Unglück aus einem anderen Blickwinkel betrachte, tröstet mich die Erkenntnis, dass die Welten Gottes unendlich sind. Obwohl die Verstorbenen dieses Daseins beraubt wurden, haben sie andere Möglichkeiten im Leben danach, wie auch Christus sagte: »In Meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen.« Johannes 14,2A Sie wurden aus dem Zeitlichen abberufen und in die Ewigkeit versetzt. Sie gaben dieses stoffliche Dasein auf und traten durch die Tore der geistigen Welt. Nach den Vergnügungen und Annehmlichkeiten des Irdischen genießen sie jetzt eine viel dauerhaftere und echtere Freude und Glückseligkeit, denn sie sind zum Reiche Gottes geeilt. Die Barmherzigkeit Gottes ist grenzenlos, und es ist unsere Pflicht, in unseren Gebeten und unserem Flehen dieser verstorbenen Seelen zu gedenken, damit sie der Quelle selbst immer näher kommen.
19:2
Die menschlichen Lebensbedingungen können mit dem Mutterleib verglichen werden, aus dem ein Kind in die Weite der irdischen Welt hineingeboren werden soll. Dem kleinen Kind fällt es zunächst sehr schwer, sich auf sein neues Leben einzustellen. Es weint, als ob es nicht von seiner engen Wohnstätte getrennt werden möchte, denn in seiner Vorstellung ist das Leben auf diesen begrenzten Raum beschränkt. Es sträubt sich, sein Heim zu verlassen, aber die Natur zwingt es in diese Welt hinein. Nachdem es in seinem neuen Umfeld angekommen ist, stellt es fest, dass es aus der Dunkelheit in eine Sphäre des Lichtes gelangt ist, aus einer düsteren und begrenzten Umgebung wurde es in eine weiträumige und wunderbare Umgebung versetzt. Seine Nahrung erhielt es durch das Blut der Mutter; jetzt kann es sich an köstlichen Speisen erfreuen. Sein neues Leben ist voller Helligkeit und Schönheit. Mit Staunen und Entzücken erblickt es Berge, Wiesen und grüne Felder, Flüsse und Brunnen, die wunderbaren Sterne. Es atmet die belebende Luft und dann preist es Gott für seine Befreiung aus der Enge seiner früheren Umgebung und dafür, dass es die Freiheit des neuen Reiches erlangt hat. Diese Analogie beschreibt das Verhältnis der vergänglichen Welt zum Jenseits – den Übergang der menschlichen Seele aus dem Dunkel und der Ungewissheit in das Licht und die Wirklichkeit des ewigen Königreichs. Zuerst ist es sehr schwierig, den Tod willkommen zu heißen, aber nachdem die Seele in ihr neues Umfeld gelangt ist, ist sie dankbar dafür, denn sie wurde aus den Fesseln der Begrenzungen erlöst, um sich der Freiheiten der Grenzenlosigkeit zu erfreuen. Sie wurde aus einer Welt der Sorge, des Kummers und der Prüfungen befreit, um in einer Welt unendlicher Glückseligkeit und Freude zu leben. Sie hat das mit den Sinnen Erfassbare und Stoffliche hinter sich gelassen, um die Möglichkeiten der vollkommenen und geistigen Welt zu erlangen. Darum sind die Seelen derer, die von der Erde schieden und ihre sterbliche Pilgerreise in der Katastrophe der Titanic beendeten, in eine Welt geeilt, die dieser überlegen ist. Sie sind aus dieser Dunkelheit und diesem getrübten Blickfeld in das Reich des Lichtes aufgestiegen. Dies sind die einzigen Überlegungen, die ihre Hinterbliebenen beruhigen und trösten können.
19:3
Darüber hinaus haben diese Ereignisse tiefere Gründe. Ihr Ziel und Zweck ist es, dem Menschen bestimmte Erkenntnisse zu vermitteln. Wir leben in einer Zeit, in der man sich ganz auf materielle Gegebenheiten verlässt. Die Menschen wähnen, die gewaltige Größe und Stärke eines Schiffes, die perfekten Maschinen oder das Geschick eines Steuermannes würden Sicherheit garantieren. Doch zuweilen ereignen sich solche Unglücksfälle, damit die Menschen erkennen, dass Gott der wahre Beschützer ist. Wenn Gott den Menschen beschützen will, kann ein kleines Boot der Zerstörung entgehen, während das größte und bestgebaute Schiff mit dem erfahrensten und geschicktesten Steuermann einer Gefahr, wie sie kürzlich das Meer barg, nicht zu entrinnen vermag. Das geschieht, damit sich die Menschen in dieser Welt Gott zuwenden, dem Einzigen Beschützer; damit sich die Menschenseelen auf Seinen Schutz verlassen mögen und erkennen, dass dass Er die wahre Sicherheit ist. Diese Ereignisse geschehen, um den Glauben des Menschen wachsen zu lassen und zu stärken. Deshalb müssen wir, auch wenn wir uns traurig und hoffnungslos fühlen, Gott anflehen, dass Er unsere Herzen dem Königreich zuwende, und im Glauben an Seine grenzenlose Gnade für diese verstorbenen Seelen beten, damit sie sich, obgleich dieses irdischen Lebens beraubt, eines neuen Daseins in den erhabenen Wohnstätten des Himmlischen Vaters erfreuen mögen.
19:4
Niemand soll jedoch denken, diese Worte besagten, dass der Mensch nicht sorgfältig und vorsichtig in seinen Unternehmungen sein sollte. Gott hat den Menschen mit Vernunft ausgestattet, damit er sich selbst sichern und beschützen kann. Deshalb muss er sich mit allem versorgen und umgeben, was wissenschaftliche Sachkenntnis hervorbringen kann. Er muss besonnen, umsichtig und gründlich in seinen Vorhaben sein, die besten Schiffe bauen und die erfahrensten Kapitäne einsetzen, doch obendrein muss er Gott vertrauen und an Ihn als den alleinigen Erhalter glauben. Unter Gottes Schutz kann nichts die Sicherheit des Menschen gefährden; und wenn dieser Schutz nicht Seinem Willen entspricht, werden keinerlei Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen nützen.
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23. April 1912
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Ansprache in der Bethel Literary Society der Metropolitan African Methodist Episcopal Church
M Street, NW, Washington, D.C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
20:1
Der Anblick dieser Versammlung heute Abend erinnert mich unwillkürlich an einen wunderschönen Strauß Veilchen, der in verschiedenen Farben, dunkel und hell, gebunden ist. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine gerechte und freie Regierung haben, denn ich sehe Schwarze und Weiße in völliger Harmonie und Übereinstimmung zusammensitzen. Die Herzen sind vereint. Diese gerechte Regierung ermöglicht ein solches Treffen. Sie sollten Gott fortwährend danken, dass Sie die Sicherheit und den Schutz einer Regierung genießen, die Ihre Entwicklung fördert und mit unparteiischer Gerechtigkeit und Gleichheit wie ein Vater alle regiert – es gibt keinen größeren Segen in der Menschenwelt. Heute Abend werde ich über wissenschaftliche Themen zu Ihnen sprechen.
20:2
Die Menschheit verfügt über zahlreiche Vorzüge, aber am vortrefflichsten von allen ist die Wissenschaft. Der Unterschied, der den Menschen über die Stufe des Tieres emporhebt, ist auf dieses herausragende Merkmal zurückzuführen. Es ist eine Gabe Gottes, nicht materiell, sondern göttlich. Die Wissenschaft ist der Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit, die Fähigkeit, die Wirklichkeit des Universums zu entdecken und zu erforschen, das Mittel, mit dem der Mensch einen Weg zu Gott findet. Der Ursprung aller Kräfte und Eigenschaften des Menschen ist irdisch und ererbt – Ergebnisse der Naturprozesse – mit Ausnahme des Verstandes, der über der Natur steht. Durch kluges und vernünftiges Forschen entdeckt die Wissenschaft alles. Sie schlägt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit, deckt die Geschichte längst vergangener Völker und Ereignisse auf und vermittelt dem heutigen Menschen das Wesentliche aller menschlichen Erkenntnisse und Errungenschaften über Jahrhunderte hinweg. Durch rationale Überlegungen und logische Folgerungen der Vernunft kann diese Superkraft des Menschen die Geheimnisse der Zukunft durchdringen und Geschehnisse vorwegnehmen.
20:3
Die Wissenschaft ist das, was Gott dem Menschen als Erstes übertragen hat. Alle erschaffenen Wesen besitzen die Fähigkeit, sich körperlich zu vervollkommnen. Aber die Fähigkeit, etwas mit dem Verstand zu untersuchen und zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu gelangen, ist eine höhere Kraft, die dem Menschen vorbehalten ist. Andere Wesen und Organismen sind von dieser Möglichkeit und dieser Fähigkeit ausgeschlossen. Gott hat diese Liebe zur Wahrheit im Menschen erschaffen und angelegt. Entwicklung und Fortschritt eines Landes hängen vom Maß seiner wissenschaftlichen Errungenschaften ab. Dadurch nimmt seine Großartigkeit stetig zu und Wohlstand und Wohlergehen der Bevölkerung werden täglich sichergestellt.
20:4
Alle Wohltaten sind göttlichen Ursprungs, aber keine ist vergleichbar mit dieser Kraft der verstandesbasierten Untersuchung und Forschung. Sie ist ein unvergängliches Geschenk, das Früchte immerwährender Freude hervorbringt. Der Mensch profitiert beständig von diesen Früchten. Alle anderen Wohltaten sind vorübergehender Natur; diese aber ist ein unvergängliches Gut. Selbst die höchste Herrschaft hat ihre Grenzen und kann gestürzt werden. Dies aber ist ein Königreich und eine Herrschaft, die niemand an sich reißen oder zerstören kann. Kurz, es ist ein ewiger Segen, eine göttlich verliehene Wohltat, die höchste Gabe Gottes an den Menschen. Deshalb sollten Sie äußerst gewissenhaft darum bemüht sein, sich Wissenschaften und Künste anzueignen. Je mehr Sie dabei erreichen, desto größer ist Ihr Beitrag zum göttlichen Plan. Der Wissenschaftler besitzt Einsicht und Weitblick, wer jedoch diese Entfaltungsmöglichkeit nicht erkennt und sie missachtet, ist blind. Der forschende Geist ist aufmerksam und lebendig. Der abgestumpfte und desinteressierte Geist ist taub und tot. Ein Wissenschaftler ist ein wahrer Prüfstein und Vertreter der Menschheit, denn durch logisches Denken und Forschen weiß er über alles Bescheid, was die Menschheit, ihren Zustand, ihre Lebensbedingungen und die aktuellen Ereignisse betrifft. Er untersucht das Staatswesen, versteht soziale Probleme und gestaltet die Kultur. Tatsächlich kann die Wissenschaft mit einem Spiegel verglichen werden, in dem die unzähligen Erscheinungsformen des Daseins enthüllt und gespiegelt werden. Sie ist die wahre Grundlage jeder persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Ohne diese Forschungsgrundlage ist keine Entwicklung möglich. Bemühen Sie sich daher eifrig darum, alles zu erkennen und zu erreichen, was in der Macht dieser wunderbaren Gabe liegt.
20:5
Wir haben bereits festgestellt, dass die Wissenschaft, also die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Erforschung, über die Natur hinausgeht und dass alle anderen Wohltaten Gottes innerhalb der Grenzen der Natur liegen. Welchen Beweis haben wir dafür? Alles Erschaffene außer dem Menschen ist in der Natur gefangen. Die Sterne und Sonnen, die durch den unendlichen Raum ziehen, alle irdischen Lebens- und Daseinsformen – ob mineralisch, pflanzlich oder tierisch – stehen unter der Herrschaft und Kontrolle der Naturgesetze. Kraft wissenschaftlicher Erkenntnisse und deren Anwendung beherrscht der Mensch die Natur und macht sich ihre Gesetze zunutze. Gemäß der natürlichen Begrenzungen ist er ein Geschöpf der Erde, auf ein Leben auf ihrer Oberfläche beschränkt, aber durch den wissenschaftlichen Gebrauch der Naturgesetze erhebt er sich in den Himmel, segelt auf dem Ozean und taucht in dessen Tiefe. Die Erfindungen und Entdeckungen, die uns im täglichen Leben so vertraut sind, waren einst Geheimnisse der Natur. So brachte der Mensch die Elektrizität aus dem Bereich des Unsichtbaren ins Sichtbare, fing diese geheimnisvolle Naturkraft ein und machte sie als Dienerin für seine Bedürfnisse und Wünsche nutzbar. Es gibt viele ähnliche Beispiele, aber wir wollen das nicht in die Länge ziehen. Der Mensch nimmt der Natur sozusagen das Schwert aus der Hand und nutzt es als sein Zepter der Autorität, um die Natur selbst zu beherrschen. Der Natur fehlt die Krone menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften. Während der Mensch vernunftbegabt ist und nachdenken kann, ist dies der Natur nicht gegeben. Das ist unter den Philosophen vollkommen unstrittig. Der Mensch ist mit Willenskraft und Erinnerungsvermögen ausgestattet, die Natur nicht. Der Mensch kann die in der Natur schlummernden Geheimnisse erforschen, während die Natur sich ihrer eigenen verborgenen Phänomene nicht bewusst ist. Der Mensch ist fortschrittlich; die Natur ändert sich nicht, sie besitzt nicht die Fähigkeit des Fort- oder Rückschritts. Der Mensch ist mit geistigen Kräften ausgestattet – wie etwa Verstand, Willenskraft, Glaube, Bekenntnis und Gotteserkenntnis –, während die Natur bar all dessen ist. Die geistigen Fähigkeiten des Menschen, einschließlich der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, überschreiten den Horizont der Natur. Dies sind Kräfte, durch die der Mensch sich von allen anderen Lebensformen unterscheidet und sich ihnen gegenüber auszeichnet. Dies ist die Gabe des göttlichen Geistes, die Krone, die das Haupt des Menschen schmückt. Es ist sehr erstaunlich, dass sich die Materialisten, ungeachtet der Gabe übernatürlicher Kraft, immer noch in den Fesseln und in der Gefangenschaft der Natur sehen. In Wahrheit hat Gott den Menschen mit Tugenden, Kräften und geistigen Fähigkeiten ausgestattet, die der Natur gänzlich fehlen, und durch die der Mensch emporgehoben, ausgezeichnet und überlegen wird. Wir müssen Gott danken für diese Gaben und Fähigkeiten, die Er uns verliehen hat, und für diese Krone, die Er auf unser Haupt gesetzt hat.
20:6
Wie sollen wir diese Gaben und Geschenke nutzen? Indem wir unsere Anstrengungen auf die Einigung der Menschheitsfamilie richten. Wir müssen diese Fähigkeiten zur Verwirklichung der Einheit der Menschheit einsetzen; wir müssen diese Kräfte würdigen, indem wir die Einheit von Weißen und Schwarzen herbeiführen; wir müssen diese göttliche Verstandeskraft der Vervollkommnung von Freundschaft und Einklang zwischen allen Zweigen der Menschheitsfamilie widmen, so dass Ost und West einander unter dem Schutz und der Vorsehung Gottes die Hand reichen und wie Liebende werden. Dann wird die Menschheit wie eine Nation, ein Volk und eine Familie sein – wie die Wellen eines Ozeans. Obwohl diese Wellen in Form und Gestalt verschieden sein mögen, sind sie doch Wellen desselben Meeres. Blumen mögen sich farblich unterscheiden, aber sie sind alle die Blumen eines Gartens. Bäume sind verschieden, obwohl sie im selben Obstgarten wachsen. Alle werden durch die Gabenfülle desselben Regens genährt und zum Leben erweckt, alle wachsen und entwickeln sich durch die Wärme und das Licht der einen Sonne, alle werden durch dieselbe Brise erfrischt und belebt, damit sie unterschiedliche Früchte hervorbringen können. Dies entspricht der schöpferischen Weisheit. Wenn alle Bäume dieselbe Art von Früchten trügen, wäre das nicht mehr so köstlich. Ihre unerschöpfliche Vielfalt verschafft dem Menschen Genuss statt Eintönigkeit.
20:7
Und wenn ich jetzt in Ihre Gesichter blicke, erinnert mich das an verschiedenfarbige und vielgestaltige Bäume, die alle prächtige und köstliche Früchte tragen und mit ihrem Wohlgeruch die inneren und äußeren Sinne entzücken. Dieses Treffen verdankt sein Strahlen und seine Geistigkeit der Gunst Gottes. Unsere Herzen erheben sich in Dankbarkeit zu Ihm. Preis sei Gott! Sie leben auf dem großen westlichen Kontinent und genießen die vollkommene Freiheit, die Sicherheit und den Frieden dieser gerechten Regierung. Nirgends gibt es einen Grund zur Sorge oder Traurigkeit. Ihnen steht jedes Mittel für Glück und Freude zur Verfügung, denn in der Menschenwelt gibt es keinen größeren Segen als die Freiheit. Sie wissen das nicht. Ich aber, der vierzig Jahre lang ein Gefangener war, weiß es. Ich kenne den Wert und den Segen der Freiheit. Sie leben schon immer in Freiheit und fürchten sich vor niemandem. Gibt es einen größeren Segen als diesen? Freiheit! Unabhängigkeit! Sicherheit! Dies sind die großen Gaben Gottes. Preisen Sie darum Gott! Ich werde jetzt für Sie beten.
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24. April 1912
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Ansprache beim Kinderempfang
Studio Hall
1219 Connecticut Avenue, Washington, D.C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
21:1
Welch wunderbare Versammlung! Dies sind die Kinder des Königreichs. Sowohl die Melodie als auch die Worte des Liedes, dem wir gerade gelauscht haben, waren sehr schön. Musik ist eine göttliche Kunst mit großer Wirkung. Sie ist Nahrung für Seele und Geist. Durch die Macht und den Zauber der Musik wird der Geist des Menschen erhoben. Sie besitzt eine wunderbar bewegende Wirkung auf die Herzen der Kinder, denn ihre Herzen sind rein, und Melodien haben großen Einfluss auf sie. Die Musik bringt die verborgenen Talente zum Ausdruck, mit denen die Herzen dieser Kinder begabt sind. Darum müsst ihr euch anstrengen, um ihre Kunstfertigkeit zu fördern. Lehrt sie, vortrefflich und eindrucksvoll zu singen. Jedes Kind sollte etwas von Musik verstehen, denn ohne Kenntnis dieser Kunst kann man sich an Instrumentalmusik und Gesang nicht richtig erfreuen. Genauso wichtig ist es, dass an Schulen Musik unterrichtet wird, damit die Herzen und Seelen der Schüler belebt und beflügelt werden und Freude ihr Leben erhellt.
21:2
Heute sind bei diesem Treffen erleuchtete und geistig gesinnte Kinder versammelt. Sie sind die Kinder des Reiches Gottes. Für solche Seelen ist das Himmelreich bestimmt, denn sie sind Gott nahe. Sie haben reine Herzen. Ihre Gesichter strahlen Geistigkeit aus. Die Wirkung der göttlichen Lehren zeigt sich in der vollkommenen Reinheit ihrer Herzen. Darum sprach Christus zur Welt: »Wenn ihr nicht umkehret und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich gelangen.« Matthäus 18,3A Das bedeutet, dass die Menschen ein reines Herz entwickeln müssen, um Gott zu erkennen. Diese Lehren hatten eine große Wirkung. Geistige Seelen! Sanfte Seelen! Die Herzen aller Kinder sind von größter Reinheit. Sie sind Spiegel, auf die kein Staub gefallen ist. Doch diese Reinheit beruht auf Unvollkommenheit und Unschuld, nicht auf irgendeiner Stärke oder Erfahrung, denn in der Frühzeit ihrer Kindheit sind ihre Herzen und ihr Verstand noch unbefleckt von weltlichen Dingen. Sie können noch keine großartige Klugheit entfalten. Sie kennen weder Heuchelei noch Betrug. Dies liegt an der Unvollkommenheit des Kindes, während ein Erwachsener durch seine Stärke rein wird. Dank seiner Einsicht wird er schlicht; er gelangt durch die große Macht der Vernunft und des Verstandes zu Aufrichtigkeit, nicht durch die Kraft der Unvollkommenheit. Wenn er die Stufe der Vervollkommnung erreicht, wird er diese Eigenschaften annehmen; sein Herz wird geläutert, sein Geist erleuchtet, seine Seele feinfühlig und zart – und all dies durch seine große Stärke. Dies ist der Unterschied zwischen dem vervollkommneten Menschen und dem Kind. Beide besitzen die zugrunde liegenden Eigenschaften der Einfachheit und Aufrichtigkeit – das Kind durch Unvollkommenheit und der Erwachsene durch Stärke.
21:3
Ich bete für diese Kinder und bitte für sie um Ermutigung und Beistand aus dem Abhá-Königreich, sodass jedes im Schatten des Schutzes Gottes erzogen und wie eine leuchtende Kerze in der Menschenwelt, wie eine zarte heranwachsende Pflanze im Rosengarten Abhás wird; dass diese Kinder so erzogen und gebildet werden, dass sie die Menschenwelt beleben; dass sie Einsicht gewinnen; dass sie den Völkern der Welt Hörvermögen verleihen; dass sie die Saat des ewigen Lebens säen und an der Schwelle Gottes aufgenommen werden; dass sie sich durch solche Tugenden, Vervollkommnung und Eigenschaften auszeichnen, dass ihre Mütter, Väter und Verwandten voll Freude und Hoffnung Gott danken. Dies ist mein Wunsch und mein Gebet.
21:4
Ich möchte euch folgenden Rat geben: Erzieht diese Kinder mit göttlicher Ermutigung. Vermittelt ihren Herzen von klein auf die Liebe Gottes, sodass sie in ihrem Leben Gottesfurcht zeigen und auf die Gaben Gottes vertrauen. Lehrt sie, sich von den menschlichen Unvollkommenheiten zu befreien und sich die göttliche Vervollkommnung anzueignen, die im Menschenherzen verborgen ist. Das Leben des Menschen ist dann von Nutzen, wenn er diese Vervollkommnung erreicht. Wenn er zum Inbegriff der Unvollkommenheiten der Menschenwelt wird, wäre der Tod für ihn besser als das Leben und das Nichtsein besser als das Sein. Strengt euch darum an, damit diese Kinder richtig erzogen und gebildet werden und damit jedes von ihnen in der Menschenwelt Vervollkommnung erlangt. Seid euch des Wertes dieser Kinder bewusst, denn sie sind alle meine Kinder.
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24. April 1912
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Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
22:1
Ihr seid heute Nachmittag willkommen, ganz herzlich willkommen. Ich freue mich immer, euch zu treffen. Ich bitte Gott, dass unser Treffen zu Erfolgen führt; es möge nicht wie gewöhnliche Versammlungen sein, denn Veranstalter von Gruppentreffen möchten üblicherweise damit eigene Interessen fördern. Preis sei Gott! Ich habe keine Eigeninteressen. Ich habe ein Interesse am Königreich Gottes und dies ist eine aufrichtige Absicht. Ich hege vollkommene Liebe für euch, deshalb bin ich so weit gereist, um euch kennenzulernen. Ich hoffe, dass diese Zusammenkünfte großartige Ergebnisse hervorbringen, und es gibt kein großartigeres Ergebnis als die Liebe Gottes. Es gibt im göttlichen Königreich kein großartigeres Ergebnis als Dienstbarkeit und das Wohlgefallen des Herrn. Deshalb wünsche ich mir, dass ihr eure Herzen auf das Reich Gottes richtet, dass eure Absichten rein und aufrichtig sind und ihr uneigennützige Ziele verfolgt, ohne auf euer eigenes Wohlergehen zu achten. Nein, vielmehr möget ihr das Wohl der Menschheit in den Mittelpunkt all eurer Absichten stellen und danach trachten, euch selbst auf dem Pfad der Hingabe an die Menschheit zu opfern. So, wie Jesus Christus Sein Leben hingab, so möget auch ihr euch an der Schwelle des Opfers für die Besserung der Welt darbringen; und wie Bahá’u’lláh fast fünfzig Jahre lang schwere Qualen und Not für euch ertrug, so möget auch ihr bereit sein, um der ganzen Menschheit willen Schwierigkeiten zu ertragen und Schicksalsschlägen standzuhalten. Möget ihr diese Heimsuchungen und Prüfungen bereitwillig und freudig ertragen, denn auf jede Nacht folgt ein Tag, und auf jeden Tag eine Nacht. Auf jeden Frühling folgt ein Herbst und auf jeden Herbst folgt ein Frühling. Das Kommen einer Manifestation Gottes ist eine Zeit des geistigen Frühlings. Beispielsweise war das Erscheinen Christi ein göttlicher Frühling. Entsprechend sorgte es in der Menschenwelt für großen Aufruhr und eine lebhafte Entwicklung. Die Sonne der Wahrheit dämmerte, die Wolke der Gnade goss ihren Regen herab, die Brisen der Vorsehung wehten, die Welt wurde zu einer neuen Welt, in der Menschheit spiegelte sich ein außergewöhnliches Strahlen, Menschen wurden erzogen, ihr Geist entwickelte sich, ihr Verstand wurde geschärft und die Menschenwelt erlangte eine neue Frische wie beim Kommen des Frühlings. Dann folgte allmählich auf diesen Frühling der Herbst des Todes und des Verfalls. Die Lehren Christi wurden vergessen. Die christlichen Segnungen verebbten. Die göttlichen Sitten verschwanden. Der Tag endete in der Nacht. Das Volk wurde nachlässig und achtlos. Der Verstand wurde geschwächt, bis die Lage in eine solche Krise geriet, dass die rein materialistische Wissenschaft die Oberhand gewann. Das Wissen und die Erkenntnisse des Königreiches wurden als überholt betrachtet, die Geheimnisse Gottes wurden undurchdringlicher und die Spuren der Gaben Christi wurden völlig unkenntlich. Die Völker verstrickten sich in Aberglauben und blinde Nachahmung. Zwietracht und Uneinigkeit wuchsen und gipfelten in Streit, Krieg und Blutvergießen. Die Herzen wurden gewaltsam auseinandergerissen. Verschiedene Sekten entstanden, unterschiedliche Glaubensbekenntnisse bildeten sich, und die ganze Welt wurde in Finsternis getaucht.
22:2
Zu solch einer Zeit erschien Bahá’u’lláh am Horizont Persiens. Er reformierte und erneuerte die Grundlagen und wesentlichen Elemente der Lehren Christi. Er erduldete die größten Schwierigkeiten und nahm die schwersten Qualen auf sich.
22:3
Preis sei Gott, die Lehren Gottes wurden wieder verkündet, das Licht der Wahrheit ist wieder aufgegangen, der Glanz nimmt täglich zu und das Strahlen leuchtet noch herrlicher im Zenit. Aus der Wolke der Gnade strömt eine große Flut herab; die Sonne der Wahrheit erstrahlt an ihrem ewigen Ort. Wieder hoffen wir, dass der gleiche Frühling Einzug hält und diese grenzenlosen Gaben uns einmal mehr gewährt werden. Dies wird durch eure Bemühungen und eure Aufrichtigkeit ermöglicht. Wenn ihr euch in der Sache Gottes mit göttlicher Kraft, himmlischer Gnade, der Aufrichtigkeit des Königreichs, einem barmherzigen Herzen und entschlossen erhebt, ist es gewiss, dass die Menschenwelt vollständig erleuchtet und ihre Gesinnung barmherzig wird, dass der Grundstein für den größten Frieden gelegt und die Einheit der Menschheit Wirklichkeit wird. Dies ist die große Gabe, die ich für euch wünsche, und ich bete und flehe an der göttlichen Schwelle für euch.
22:4
O Du barmherziger Gott! O Du, der Du mächtig und stark bist! O Du gütigster Vater! Diese Diener haben sich versammelt, sie wenden sich Dir zu und flehen an Deiner Schwelle im Verlangen nach Deinen unendlichen Gaben aus Deiner großen Verheißung. Sie haben kein Ziel außer Deinem Wohlgefallen. Sie haben keine Absicht außer dem Dienst für die Menschenwelt.
22:5
O Gott! Mache diese Versammlung strahlend. Mache die Herzen barmherzig. Verleihe ihnen die Gnadengaben des Heiligen Geistes. Gewähre ihnen himmlische Kraft. Segne sie mit himmlischem Geist. Lass ihre Aufrichtigkeit wachsen, bis sie sich voller Demut und Bußfertigkeit Deinem Königreich zuwenden und sich dem Dienst an der Menschenwelt hingeben. Möge jeder von ihnen eine leuchtende Kerze werden. Möge jeder von ihnen ein strahlender Stern werden. Möge jeder von ihnen der duftenden Farbenpracht des göttlichen Königreiches teilhaftig werden.
22:6
O gütiger Vater! Verleihe uns Deine Segnungen. Sieh nicht auf unsere Schwächen. Behüte uns in Deinem Schutz. Erinnere Dich nicht unserer Sünden. Heile uns mit Deinem Erbarmen. Wir sind schwach, Du aber bist machtvoll. Arm sind wir, Du aber bist reich. Wir sind krank, Du aber bist der Arzt. Bedürftig sind wir, Du aber bist der Freigebigste.
22:7
O Gott! Beschenke uns mit Deiner vorausschauenden Fürsorge. Du bist der Kraftvolle. Du bist der Schenkende. Du bist der Wohltätige.
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24. April 1912
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Ansprache im Haus von Frau Andrew J. Dyer
1937 Thirteenth Street, NW, Washington, D.C.
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Ein Treffen wie dieses ist wie eine wunderschöne Sammlung kostbarer Juwelen – Perlen, Rubine, Diamanten, Saphire. Es ist eine Quelle der Freude und des Entzückens. Was immer der Einheit der Menschheit förderlich ist, ist höchst willkommen und lobenswert. Was auch immer die Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit ist, macht traurig und ist beklagenswert. Denkt nach über den tieferen Sinn von Einheit und Harmonie.
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Heute Abend werde ich zu euch über das Thema Existenz und Nichtexistenz, Leben und Tod sprechen. Existenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Zusammensetzung und Verbindung. Nichtexistenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Teilung und Zerfall. Wenn wir die Existenzformen im stofflichen Universum untersuchen, stellen wir fest, dass alle erschaffenen Dinge das Ergebnis einer Zusammensetzung sind. Stoffliche Elemente haben sich in unendlicher Vielfalt und endlosen Formen gruppiert. Jeder Organismus ist eine Verbindung; jedes Objekt ist ein Ausdruck der Verbundenheit von Elementen. Wir sehen, dass der komplizierte menschliche Organismus einfach eine Anhäufung von Zellstrukturen ist; der Baum ist eine Zusammensetzung von Pflanzenzellen; das Tier eine Verbindung und Gruppierung einzelner zellulärer Bestandteile und so weiter. Die Existenz, also der Ausdruck des Seins, ist daher Zusammensetzung und Nichtexistenz ist Zersetzung, Teilung, Zerfall. Wenn Elemente nach einem gewissen Verbindungsplan zusammengebracht werden, ist das Ergebnis der menschliche Organismus. Wenn sich diese Elemente trennen und auflösen, ist das Ergebnis Tod und Nichtexistenz. Das Leben ist also das Ergebnis einer Zusammensetzung und der Tod bedeutet Zersetzung.
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