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23:0_68Ansprache im Haus von Frau Andrew J. Dyer
1937 Thirteenth Street, NW, Washington, D.C.23:0_69Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen23:1Ein Treffen wie dieses ist wie eine wunderschöne Sammlung kostbarer Juwelen – Perlen, Rubine, Diamanten, Saphire. Es ist eine Quelle der Freude und des Entzückens. Was immer der Einheit der Menschheit förderlich ist, ist höchst willkommen und lobenswert. Was auch immer die Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit ist, macht traurig und ist beklagenswert. Denkt nach über den tieferen Sinn von Einheit und Harmonie.23:2Heute Abend werde ich zu euch über das Thema Existenz und Nichtexistenz, Leben und Tod sprechen. Existenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Zusammensetzung und Verbindung. Nichtexistenz ist der Ausdruck und das Ergebnis von Teilung und Zerfall. Wenn wir die Existenzformen im stofflichen Universum untersuchen, stellen wir fest, dass alle erschaffenen Dinge das Ergebnis einer Zusammensetzung sind. Stoffliche Elemente haben sich in unendlicher Vielfalt und endlosen Formen gruppiert. Jeder Organismus ist eine Verbindung; jedes Objekt ist ein Ausdruck der Verbundenheit von Elementen. Wir sehen, dass der komplizierte menschliche Organismus einfach eine Anhäufung von Zellstrukturen ist; der Baum ist eine Zusammensetzung von Pflanzenzellen; das Tier eine Verbindung und Gruppierung einzelner zellulärer Bestandteile und so weiter. Die Existenz, also der Ausdruck des Seins, ist daher Zusammensetzung und Nichtexistenz ist Zersetzung, Teilung, Zerfall. Wenn Elemente nach einem gewissen Verbindungsplan zusammengebracht werden, ist das Ergebnis der menschliche Organismus. Wenn sich diese Elemente trennen und auflösen, ist das Ergebnis Tod und Nichtexistenz. Das Leben ist also das Ergebnis einer Zusammensetzung und der Tod bedeutet Zersetzung.23:3So ist es auch in der Welt der Gedanken und Seelen. Gemeinschaft ist ein Ausdruck der Zusammensetzung und dem Leben förderlich; Zwietracht dagegen ist ein Ausdruck der Zersetzung und kommt dem Tod gleich. Ohne Zusammenhalt der einzelnen Bestandteile, die das Gemeinwesen bilden, müssen unweigerlich Auflösung und Zerfall folgen und das Leben wird ausgelöscht. Wilde Tiere haben keine Gemeinschaft. Geier und Tiger sind einsam, während Haustiere in völliger Harmonie zusammenleben. Schwarze und weiße Schafe leben konfliktfrei zusammen. Unterschiedliche bunte Vogelarten fliegen und fressen gemeinsam, ohne eine Spur von Feindschaft oder Uneinigkeit. Deshalb ist es in der Menschenwelt klug und geziemend, dass jeder Einzelne Einheit und Verbundenheit ausdrückt. In der Sammlung von Juwelen der verschiedenen Völker mögen die Schwarzen wie Saphire und Rubine und die Weißen wie Diamanten und Perlen sein. Die zusammengesetzte Schönheit der Menschheit wird von ihrer Einheit und Mischung bezeugt. Wie herrlich ist der Anblick echter Einheit zwischen den Menschen! Wie förderlich für Frieden, Zuversicht und Glück wäre es, wenn die Völker und Nationen in Gemeinschaft und Einklang vereint wären! Die Propheten Gottes wurden mit der Aufgabe in die Welt gesandt, Einheit und Eintracht zu stiften, damit diese lange voneinander getrennten Schafe eine Herde bilden mögen. Wenn sich die Schafe trennen, sind sie Gefahren ausgesetzt, aber in einer Herde und unter dem Schutz des Hirten sind sie vor dem Angriff aller wilden Feinde sicher.23:4Wenn sich die verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen der amerikanischen Nation in echter Gemeinschaft und Eintracht vereinen, werden die Lichter der Einheit der Menschheit erstrahlen, der Tag ewiger Herrlichkeit und Glückseligkeit wird anbrechen, der Geist Gottes wird alle einschließen und die göttlichen Gunstbeweise werden herabkommen. Unter der Führung und durch die Schulung Gottes, des wahren Hirten, werden alle beschützt und bewahrt. Er wird sie auf die grünen Auen des Glücks und des Wohlbefindens führen, und sie werden das wahre Ziel der Existenz erreichen. Darin besteht der Segen und Nutzen der Einheit. Dies ist die Folge der Liebe. Dies ist das Zeichen des größten Friedens. Dies ist das Gestirn der Einheit in der Menschenwelt. Denkt darüber nach, wie gesegnet dieser Zustand sein wird. Ich bete für euch und bitte in eurem Namen um die Ermutigung und Unterstützung Gottes. – 24 –24:0_7025. April 191224:0_71Ansprache vor der Theosophischen Gesellschaft
Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.24:0_72Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen24:1Die größte Macht im gesamten menschlichen Dasein ist der Geist – der göttliche Odem, der alle Dinge belebt und durchdringt. Er zeigt sich in der ganzen Schöpfung in verschiedenen Ausprägungen und Lebenswelten. Im Pflanzenreich ist dieser Geist der Vermehrungsimpuls oder die Kraft des Wachstums, der Antrieb des Lebens und der Entwicklung in Pflanzen, Bäumen und der Blumenwelt. Auf dieser Entwicklungsstufe ist sich der Geist der Kräfte nicht bewusst, die das Tierreich kennzeichnen. Das Tier verfügt als unterscheidenden Vorzug zusätzlich über die Sinneswahrnehmung. Es sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt. Es ist jedoch unfähig, sich Zusammenhänge vorzustellen oder darüber nachzudenken, was wiederum das Menschenreich charakterisiert und auszeichnet. Diese unverkennbar menschliche Befähigung und Gabe wird vom Tier weder angewendet, noch begreift es sie. Es kann keine Rückschlüsse vom Sichtbaren auf das Unsichtbare ziehen, während der menschliche Geist aus sichtbaren und bekannten Vorgaben Wissen über das Unbekannte und Unsichtbare erlangt. Zum Beispiel zog Christoph Kolumbus aus bekannten und nachweisbaren Tatsachen Schlussfolgerungen, die ihn über den weiten Ozean hinweg zielsicher zum unbekannten Kontinent Amerika führten. Eine solche Leistungskraft überschreitet das tierische Denkvermögen. Darum ist diese Fähigkeit ein unverwechselbares Merkmal des Menschengeistes und des Menschenreiches. Der tierische Geist kann die Geheimnisse der Dinge weder durchdringen noch entdecken. Er wird von der Sinneswahrnehmung beherrscht. Keine noch so gute Belehrung würde ihn zum Beispiel je befähigen, die Tatsache zu erfassen, dass die Sonne feststeht und die Erde sich um sie herum bewegt. Doch der menschliche Geist hat ebenfalls seine Grenzen. Die Phänomene des Himmlischen Königreiches, die die menschliche Stufe überschreiten, kann er nicht erfassen, denn er ist in Einflüssen und Zwängen gefangen, die auf seiner eigenen Daseinsebene wirken, und er kann diese Begrenzung nicht überschreiten.24:2Es gibt jedoch einen anderen Geist, der als der Göttliche bezeichnet werden kann. Jesus Christus bezieht sich auf ihn mit Seiner Erklärung, dass der Mensch von ihm beseelt und mit seinem lebendigen Feuer getauft werden muss. Seelen, die dieses Geistes beraubt sind, werden zu den Toten gezählt, obwohl der Menschengeist in ihnen lebt. Jesus Christus nannte sie tot, weil sie keinen Anteil am Göttlichen Geist haben. Er sagt: »Lasst die Toten ihre Toten begraben.« Lukas 9,60A Er sagt auch: »Was aus dem Fleisch geboren wurde, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren wurde, ist Geist.« Johannes 3,6A Damit sagte Er, dass Seelen ohne diesen besonderen Geist göttlicher Belebung tot sind, selbst wenn sie im Menschenreich leben. Sie haben keinen Anteil am göttlichen Leben des höheren Königreichs, denn nur die Seele, die vom Einfluss des göttlichen Geistes durchdrungen ist, lebt wirklich.24:3Dieser belebende Geist entströmt von selbst der Sonne der Wahrheit, aus der Wirklichkeit des Göttlichen, und ist keine Offenbarung oder Manifestation. Er gleicht den Strahlen der Sonne. Die Strahlen entströmen der Sonne. Dies bedeutet nicht, dass die Sonne teilbar und ein Teil von ihr in den Weltraum gelangt wäre. Diese Pflanze neben mir ist aus dem Samen hervorgegangen; daher ist sie eine Erscheinung und Entfaltung des Samens. Wie Sie sehen können, hat sich der Same in dieser Erscheinung entfaltet, und das Ergebnis ist diese Pflanze. Jedes Blatt der Pflanze ist ein Teil des Samens. Aber die Wirklichkeit des Göttlichen ist unteilbar, und ein einzelner Mensch kann kein Teil davon sein, wie oft behauptet wird. Nein, vielmehr sind die einzelnen Menschen nach ihrer geistigen Geburt Strahlen der Göttlichen Wirklichkeit, so wie die Flamme, Wärme und das Licht der Sonne Ausstrahlungen der Sonne und nicht ein Teil der Sonne selbst sind. Aus der göttlichen Wirklichkeit ist also ein Geist hervorgegangen, und dessen Ausstrahlungen wurden in menschlichen Wesen und ihrer Wirklichkeit sichtbar. Diese Strahlen und diese Hitze bestehen dauerhaft. Es gibt kein Ende der Ausstrahlung. Solange die Sonne besteht, werden Hitze und Licht bestehen, und da Ewigkeit eine Eigenschaft des Göttlichen ist, besteht diese Ausstrahlung ewig. Es gibt kein Ende dieser Ausgießung. Je weiter sich die Menschenwelt entwickelt, desto mehr werden der Glanz und die Ausstrahlung des Göttlichen offenbar, so wie der Stein die Pracht und Herrlichkeit der Sonne in höherem Maße reflektiert, wenn er poliert und rein wie ein Spiegel wird.24:4Die Sendung der Propheten, die Offenbarung der Heiligen Bücher, die Manifestation der Himmlischen Lehrer und der Zweck göttlicher Philosophie sind alle auf die Erziehung der menschlichen Wirklichkeit ausgerichtet. Die Menschen sollen so klar und rein wie Spiegel werden und Licht und Liebe der Sonne der Wahrheit reflektieren. Deshalb hoffe ich, dass Sie – ob in Ost oder West – mit Herz und Seele danach streben, dass die Menschenwelt Tag für Tag edler, geistiger und heiliger werde, und dass der Glanz der Sonne der Wahrheit in den Menschenherzen wie in einem Spiegel vollständig sichtbar werde. Das ist der Menschenwelt angemessen. Das bedeutet wahre Entwicklung und Fortschritt der Menschheit. Das ist die größte Gabe. Auf andere Weise, allein durch die Entwicklung materieller Bereiche, wird der Mensch nicht vervollkommnet. Allenfalls mag der menschliche Körper, sein naturgegebenes, stoffliches Sein, gestützt und verbessert werden, jedoch bleiben ihm geistige oder göttliche Gaben vorenthalten. Dann ist er wie ein Körper ohne Geist, eine Lampe ohne Licht, ein Auge ohne Sehkraft, ein Ohr ohne Hörvermögen, ein Bewusstsein ohne Wahrnehmung, ein Verstand ohne die Kraft der Vernunft.24:5Der Mensch hat zwei Fähigkeiten und seine Entwicklung zwei Aspekte. Die eine Fähigkeit ist mit der stofflichen Welt verbunden und durch sie ist er zu materiellem Fortschritt fähig. Die andere Fähigkeit ist geistig, und durch ihre Entwicklung wird seine innere Veranlagung geweckt. Diese Fähigkeiten sind wie zwei Flügel. Beide müssen entwickelt werden, denn mit nur einem Flügel ist das Fliegen unmöglich. Preis sei Gott! Der materielle Fortschritt ist offenkundig in der Welt, jedoch bedarf es in gleichem Maße des geistigen Fortschritts. Wir müssen unablässig und ohne Rast danach streben, die geistige Seite des Menschen zu entwickeln, und uns mit unermüdlicher Energie bemühen, die Menschheit zur Würde ihrer wahren und für sie bestimmten Stufe voranzubringen. Denn der Körper des Menschen ist nebensächlich; er ist ohne Belang. Die Zeit seiner Auflösung wird unvermeidlich kommen. Aber der Geist des Menschen ist sein Wesenskern und darum ewig. Er ist eine göttliche Gabe. Er ist der Glanz der Sonne der Wahrheit und darum wichtiger als der stoffliche Körper.24:6Ich bete für Sie. Sie sind gekommen, um mich zu besuchen, und ich bin sehr dankbar. Ich werde Gott, den Freigebigen, den Schenkenden, um Ermutigung und Unterstützung für Sie bitten, auf dass Ihnen beim Dienst für die Menschenwelt geholfen werde. – 25 –25:0_7325. April 191225:0_74Botschaft an Esperantisten
im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons,
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.25:0_75Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen25:1Heutzutage besteht die dringendste Aufgabe der Menschheit in der Beseitigung der Missverständnisse zwischen den Völkern und Nationen. Dies kann durch die Einheit der Sprache erreicht werden. Ohne Einheit der Sprachen können der Größte Frieden und die Einheit der Menschheit nicht erfolgreich organisiert und verankert werden, denn es ist die Aufgabe der Sprache, die Rätsel und Geheimnisse der Menschenherzen zum Ausdruck zu bringen. Das Herz gleicht einer Truhe und die Sprache ist ihr Schlüssel. Nur mit dem Schlüssel können wir die Truhe öffnen und die Edelsteine darin entdecken. Eine internationale Hilfssprache ist daher von größter Bedeutung. Sie ermöglicht weltweit Bildung und Ausbildung und die Zeugnisse und Ereignisse der Vergangenheit können zugänglich gemacht werden. Die Verbreitung der Erkenntnisse über die Menschenwelt hängt von der Sprache ab. Göttliche Lehren können nur durch dieses Mittel erklärt werden. Solange Sprachenvielfalt und der Mangel an gegenseitigem Sprachverständnis fortbestehen, können diese wunderbaren Ziele nicht erreicht werden. Darum ist der allererste Dienst für die Menschenwelt, dieses internationale Kommunikationshilfsmittel bereitzustellen. Es wird zur Ursache der Ruhe im menschlichen Gemeinwesen werden. Wissenschaften und Künste werden dadurch unter den Völkern verbreitet und es wird sich als Mittel für den Fortschritt und die Entwicklung aller Völker und Ethnien erweisen. Wir müssen uns mit allen Kräften dafür einsetzen, dass diese internationale Hilfssprache weltweit eingeführt wird. Ich hoffe, dass diese Aufgabe durch die Gnade Gottes zur Vollendung gebracht wird. Mögen kluge Menschen aus den verschiedenen Ländern der Welt mit der Organisation eines internationalen Kongresses beauftragt werden, dessen Hauptziel die Förderung dieses universellen Kommunikationsmittels sein wird. – 26 –26:0_7625. April 191226:0_77Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
1700 Eighteenth Street, NW, Washington, D.C.26:0_78Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen26:1Die größten Gaben Gottes in der Welt des Daseins sind Seine Lehren. Die anderen Gaben Gottes sind in Nutzen und Umfang begrenzt. Das menschliche Dasein selbst ist eine göttliche Gabe, aber es ist mit Einschränkungen versehen. Sehen und Hören sind Gaben Gottes aber beide sind begrenzt. Und so ist es auch mit all den anderen Gaben. Ihr Wirkkreis ist begrenzt und eingeschränkt, die Sphäre der göttlichen Lehren ist hingegen grenzenlos. Jahrhunderte und Zeitalter vergehen, aber ihre Wirkung dauert an wie der Geist des Lebens, der die Welt des Daseins belebt. Ohne die Lehren Gottes gleicht das Menschenreich dem Tierreich. Wie unterscheidet sich das Tier vom Menschen? Der Unterschied besteht in der Unfähigkeit des Tieres, die göttlichen Lehren zu begreifen, während der Mensch ihrer würdig ist und die Fähigkeit besitzt, sie zu verstehen. Im Tierreich gibt es keine solche Gabe, deshalb ist dort der Fortschritt begrenzt. Evolution in diesem Reich beschränkt sich auf die Entwicklung des Körpers. Anfangs ist er klein, unentwickelt; er entwickelt sich und wird größer, aber sein geistiges Wachstum ist begrenzt. Die Lehren Gottes sind somit eigens dem Menschen bestimmte Gaben. 26:2Obwohl die göttlichen Lehren die Wahrheit und Wirklichkeit sind, werden sie doch im Laufe der Zeit von dichten Wolken umhüllt und verdunkelt. Es sind die Wolken der Nachahmung und des Aberglaubens. Sie entsprechen nicht den Grundlagen. Dann geht die Sonne der Wahrheit – das Wort Gottes – wieder auf, erstrahlt erneut in der Herrlichkeit ihrer Macht und vertreibt die umgebende Finsternis.26:3Lange Zeit verdeckten Wolken des Aberglaubens und Irrtums die göttlichen Weisungen des strahlenden Wortes, bis Bahá’u’lláh am Horizont der Menschheit erschien, die Schatten zerriss, die Wolken vertrieb und erneut die Grundlagen der Lehren Gottes offenbarte.26:4Die erste Lehre Bahá’u’lláhs ist die allen obliegende Pflicht, die Wahrheit zu erforschen. Was bedeutet es, die Wahrheit zu erforschen? Es bedeutet, dass der Mensch alles Hörensagen vergessen und die Wahrheit eigenständig prüfen muss, denn er weiß nicht, ob Aussagen, die er hört, mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht. Wo immer er Wahrheit oder Wirklichkeit findet, muss er sich daran halten und alles andere aufgeben und ablegen; denn außerhalb der Wahrheit gibt es nichts als Aberglaube und Einbildung. Beispielsweise erwarteten die Juden in den Tagen Jesu Christi das Erscheinen des Messias, beteten Tag und Nacht zu Gott und flehten, der Verheißene möge erscheinen. Warum wiesen sie Ihn zurück, als Er erschien? Sie verleugneten Ihn gänzlich und weigerten sich, an Ihn zu glauben. Es gab keine Beschimpfung und keine Anfeindung, die sie nicht gegen Ihn vorgebracht hätten. Sie schmähten Ihn mit Flüchen, setzten Ihm eine Dornenkrone aufs Haupt, führten Ihn unter Spott und Hohn durch die Straßen und schließlich kreuzigten sie Ihn. Warum taten sie das? Weil sie die Wahrheit und Wirklichkeit Christi nicht erforschten und nicht fähig waren, Ihn als den Messias Gottes anzuerkennen. Hätten sie selbst aufrichtig nachgeforscht, dann hätten sie sicher an Ihn geglaubt, Ihn geachtet und sich in Ehrfurcht vor Ihm verbeugt. Sie hätten Seine Offenbarung als die größte Gabe für die Menschheit erachtet. Sie hätten Ihn als den wahren Erlöser der Menschen empfangen. Aber leider waren sie in Schleier gehüllt, hielten sich an Nachahmungen überkommener Glaubenssätze und an Hörensagen und erforschten die Wahrheit Christi nicht. Sie waren in das Meer des Aberglaubens getaucht und somit davon ausgeschlossen, Zeugen dieser herrlichen Gabe zu werden. Ihnen wurden der Duft oder Odem des Heiligen Geistes vorenthalten und sie selbst erlitten die größte Erniedrigung und Schmach.26:5Die Wirklichkeit oder Wahrheit ist nur eine, dennoch gibt es heutzutage viele religiöse Richtungen, Sekten, Bekenntnisse und unterschiedliche Meinungen auf der Welt. Warum gibt es diese Unterschiede? Weil die Menschen die grundlegende Einheit, die nur eine und unveränderlich ist, nicht erforschen und untersuchen. Wenn sie nach der eigentlichen Wahrheit suchen, werden sie einander zustimmen und geeint sein; denn die Wahrheit ist unteilbar und nicht aus vielen Teilen zusammengesetzt. Daran kann man erkennen, dass für die Menschheit nichts von größerer Bedeutung ist als die Erforschung der Wahrheit.26:6Die zweite Lehre Bahá’u’lláhs ist die Einheit der Menschheit. Jedes menschliche Geschöpf ist ein Diener Gottes. Alle wurden durch Gottes Macht und Gunst erschaffen und aufgezogen; alle wurden mit den Gaben derselben Sonne der Wahrheit gesegnet; alle haben vom Quell der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes getrunken und nach Seinem Urteil und in Seiner Liebe sind alle als Diener gleich. Er ist großzügig und gütig zu allen. Darum sollte sich niemand vor anderen rühmen; niemand sollte anderen mit Stolz oder Überheblichkeit begegnen; niemand sollte auf andere mit Spott oder Verachtung blicken; und niemand sollte einen Mitmenschen übervorteilen oder unterdrücken. Wir müssen alle als in den Ozean der Barmherzigkeit Gottes eingetaucht ansehen. Wir müssen mit der ganzen Menschheit liebenswürdig und freundlich zusammenleben. Wir müssen alle von Herzen lieben. Einige sind unwissend; sie benötigen Erziehung und Ausbildung. Manch einer ist krank; er muss geheilt werden. Ein anderer ist wie ein Kind; wir müssen ihm zur Reife verhelfen. Wir dürfen den Kranken weder verabscheuen noch meiden, verspotten oder verfluchen, sondern müssen mit äußerster Freundlichkeit und Sanftheit für ihn sorgen. Ein Kind darf nicht geringschätzig behandelt werden, nur weil es ein Kind ist. Wir sind für seine Erziehung, Ausbildung und Förderung verantwortlich, damit es zur Reife gelangen kann.26:7Die dritte Lehre oder das dritte Prinzip Bahá’u’lláhs ist, dass Religion und Wissenschaft in völligem Einklang stehen. Jede Religion, die nicht der anerkannten Wissenschaft entspricht, ist Aberglaube. Religion muss vernünftig sein. Wenn sie nicht mit der Vernunft übereinstimmt, ist sie Aberglaube und ohne Grundlage. Sie ist wie eine Fata Morgana, die dem Menschen vormacht, sie sei eine Oase. Gott hat den Menschen mit Vernunft begabt, damit er die Wahrheit erkennt. Wenn wir darauf bestehen, dass dieses oder jenes Thema nicht durchdacht und gemäß den bestehenden logischen, verstandesbasierten Verfahren geprüft werden sollte, wozu hat Gott dem Menschen dann die Vernunft gegeben? Das Auge ist das Sinnesorgan, mit dem wir die äußere Erscheinungswelt betrachten. Das Hören ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Geräuschen. Das Schmecken erfasst Eigenschaften wie bitter oder süß. Das Riechen erkennt und unterscheidet Gerüche. Das Tasten offenbart stoffliche Eigenschaften und vervollkommnet unsere Kommunikation mit der Welt um uns herum. Dennoch sind Umfang und Reichweite der Wahrnehmung aller fünf Sinne außerordentlich begrenzt. Aber die geistigen Fähigkeiten des Menschen sind in ihrem Wirkungsbereich unbegrenzt. Das Auge kann Einzelheiten vielleicht über eine Entfernung von einer Meile (ca. 1,5 km) sehen, aber der Verstand kann den Fernen Osten und Westen begreifen. Das Ohr mag Tonschwingungen in tausend Fuß (ca. 300 m) Entfernung hören, aber der menschliche Verstand kann die Harmonien der himmlischen Sphären entdecken, die auf ihren Bahnen schwingen. Der Verstand macht geologische Entdeckungen in unterirdischen Tiefen und ermittelt die Schöpfungsprozesse in den untersten Schichten der Erde. Die Wissenschaften und Künste, alle Erfindungen, Handwerkskünste, Gewerbe und ihre Erzeugnisse entstammen dem Verstand des Menschen. Der Verstand nimmt innerhalb des menschlichen Organismus unzweifelhaft die höchste Stufe ein. Wenn also religiöser Glaube, Grundsätze oder Glaubensbekenntnisse nicht mit dem Verstand und der Macht der Vernunft übereinstimmen, sind sie sicherlich Aberglaube.26:8Ich werde ein anderes Mal weiter auf die Grundsätze eingehen, die in den Lehren Bahá’u’lláhs offenbart sind. Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Chicago, Wilmette und Evanston30. April bis 5. Mai 1912– 27 –27:0_7930. April 191227:0_80Ansprache beim Abschlusskongress der öffentlichen Versammlung der Bahá’í-Tempel-Vereinigung
Drill Hall, Freimaurertempel, Chicago, Illinois27:0_81Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen27:1Zu den Einrichtungen, die in den Heiligen Schriften gestiftet werden, gehören Andachtsstätten. Das bedeutet, Gebäude oder Gotteshäuser zu errichten, damit alle Menschen einen Versammlungsort finden mögen, und dies soll ihre Einheit und Verbundenheit fördern. Das wahre Andachtshaus ist das Wort Gottes selbst, denn ihm muss sich die ganze Menschheit zuwenden. Es ist der Mittelpunkt der Einheit für die ganze Menschheit. Es ist der gemeinschaftliche Mittelpunkt, die Ursache des Einklangs und der Gemeinschaft der Herzen, das Zeichen der Verbundenheit der Menschheitsfamilie, die Quelle des ewigen Lebens. Andachtshäuser sind die Symbole der einigenden göttlichen Kraft, damit die Menschen sich bei ihren Zusammenkünften im Haus Gottes daran erinnern, dass die Gebote für sie offenbart wurden, um sie zu einen. Sie werden erkennen, dass dieses Andachtshaus für die Vereinigung der Menschheit errichtet wurde und das Gesetz, das ihm voranging und es erschuf, aus dem offenbarten Wort hervorging. Jesus Christus sagte zu Petrus: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.«
Matthäus 16,18
A Diese Äußerung weist auf den Glauben des Petrus hin und besagt: Dein Glaube, o Petrus, ist die Botschaft an die Völker und die Ursache ihrer Einheit; er soll das Band der Vereinigung zwischen den Herzen der Menschen und die Grundlage der Einheit der Menschheit sein. Kurz, der ursprüngliche Zweck der Gotteshäuser und der Häuser der Andacht ist schlicht die Einheit – es sind Versammlungsorte, in denen verschiedene Völker und Menschen unterschiedlicher Herkunft und jeglicher Befähigung zusammenkommen können, damit die Liebe und das Einvernehmen zwischen ihnen offenkundig werden. Deshalb hat Bahá’u’lláh geboten, Andachtsstätten für alle Gläubigen der Welt zu errichten; auf dass alle Religionen, Völker und Glaubensgemeinschaften unter ihrem alles beschirmenden Dach zusammenkommen können; auf dass von ihren weit geöffneten Höfen der Heiligkeit die Verkündigung der Einheit der Menschheit ausgehen werde – die Kunde, dass alle Menschen Diener Gottes sind und in den Ozean Seiner Barmherzigkeit getaucht sind. Das ist der Mashriqu’l-Adhkár. Die Welt des Daseins kann mit diesem Gotteshaus und Andachtsort verglichen werden. Denn wie die äußere Welt ein Ort ist, an dem die Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe, verschiedener Glaubensrichtungen, Bekenntnisse und Lebensumstände zusammenkommen – so wie sie ja auch in dasselbe Meer göttlicher Gunst eingetaucht sind – so können alle unter der Kuppel des Mashriqu’l-Adhkár zusammenkommen und den einen Gott im gleichen Geist der Wahrheit anbeten. Denn die Zeiten der Finsternis sind vorüber und das Jahrhundert des Lichtes ist gekommen. Auf Unwissenheit beruhende Vorurteile werden zerstreut, und das Licht der Einheit scheint. Die bestehenden Unterschiede zwischen Nationen und Völkern werden schon bald getilgt, und die Grundlagen der göttlichen Religionen, die nichts anderes als die Einheit und Verbundenheit des Menschengeschlechts sind, werden verankert. Tausende von Jahren führte die Menschheit Krieg. Es ist genug. Nun lasst die Menschheit wenigstens für eine Zeit in Freundschaft und Frieden miteinander leben. Feindschaft und Hass haben geherrscht. Lasst die Welt sich eine Weile in Liebe üben. Seit Jahrtausenden haben die Völker einander abgelehnt und sich gegenseitig als ungläubig und minderwertig angesehen. Es ist genug. Wir müssen jetzt erkennen, dass wir uns dem einen gütigen Vater zuwenden, unter dem einen göttlichen Gesetz leben, nach der einen Wahrheit suchen und die eine Sehnsucht hegen. Lasst uns also in innigster Freundschaft und Liebe leben, und im Gegenzug werden uns Gottes Gunst und Gaben umgeben. Die Menschenwelt wird erneuert. Die Menschheit wird sich eines neuen Lebens erfreuen. Ewiges Licht wird leuchten und himmlische Ethik wird sich offenbaren.
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