‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Darum hat Bahá’u’lláh gesagt, dass die verschiedenen Hautfarben durch ihre Mischung der Menschheit als Ganzes Harmonie und Farbenschönheit verleihen. So mögen alle in diesem großen menschlichen Garten zusammenkommen und wie Blumen Seite an Seite wachsen und gedeihen, frei von Zwietracht und Uneinigkeit.
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30. April 1912
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Ansprache auf der vierten Jahreskonferenz der Nationalen Vereinigung
zur Förderung der Farbigen
Handel Hall, Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Im Alten Testament heißt es: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« 1. Mose 1,26A Der Mensch entspricht somit dem Ebenbild Gottes – gewissermaßen spiegeln und offenbaren sich in der Wirklichkeit des Menschen die Vollkommenheit Gottes und die göttlichen Tugenden. So, wie der Lichterglanz der Sonne in voller Herrlichkeit reflektiert wird, wenn er auf einen polierten Spiegel fällt, genauso strahlen die Eigenschaften und Merkmale des Göttlichen aus des Menschen reinem Herzensgrund. Dies belegt, dass der Mensch das edelste unter Gottes Geschöpfen ist.
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Jedes Reich der Schöpfung ist mit der notwendigen Fülle an Fähigkeiten und Kräften ausgestattet. Das Mineral besitzt die seinem eigenen Reich innewohnenden Vorzüge in der Rangordnung des Daseins. Die Pflanze besitzt die Eigenschaften des Minerals und als zusätzliche Fähigkeit das Wachstumsvermögen. Das Tier ist mit den Eigenschaften sowohl des Mineral- als auch des Pflanzenreiches und darüber hinaus mit Denkvermögen ausgestattet. Das Menschenreich umfasst die Fähigkeiten aller niedrigeren Reiche und obendrein Kräfte, die dem Menschen allein vorbehalten sind. Der Mensch als das höchste und herrlichste Wesen der Schöpfung ist daher allen niedrigeren Geschöpfen überlegen. Der Mensch ist der Mikrokosmos und das unendliche Universum der Makrokosmos. Die Geheimnisse der größeren Welt oder des Makrokosmos offenbaren sich in der kleineren Welt, dem Mikrokosmos, und finden da ihren Ausdruck. Der Baum ist sozusagen die größere Welt, und der Same im Verhältnis zum Baum ist die kleinere Welt. Aber der ganze große Baum ist der Anlage nach in dem kleinen Samen enthalten und verborgen. Wenn dieser Samen gepflanzt und gepflegt wird, wird der Baum sichtbar. Ebenso ist die größere Welt, der Makrokosmos, in der kleineren Welt oder dem Mikrokosmos des Menschen verborgen und in verkleinerter Form enthalten. Daraus besteht das Umfassende, also die Vollkommenheit der Kräfte, die in der Menschheit angelegt sind. Daher heißt es, der Mensch sei nach dem Ebenbild Gottes erschaffen worden.
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Wir wollen nun genauer herausfinden, inwiefern er das Ebenbild Gottes ist und nach welchem Maßstab oder Kriterium er bewertet und beurteilt werden kann. Dieser Maßstab kann nichts anderes sein als die göttlichen Tugenden, die sich in ihm offenbaren. Jeder mit göttlichen Eigenschaften erfüllte Mensch, der himmlische Werte und Vervollkommnung erkennen lässt und vorbildliche, lobenswerte Eigenschaften verkörpert, ist wahrlich das Ebenbild Gottes. Können wir einen reichen Menschen als Ebenbild Gottes bezeichnen? Sind vielleicht menschlicher Ruhm und Bekanntheit das Kriterium für die Nähe zu Gott? Können wir nach der Hautfarbe gehen und sagen, ein Mensch dieser oder jener Hautfarbe – weiß, schwarz, braun, gelb, rot – sei das wahre Abbild seines Schöpfers? Wir müssen zu dem Schluss kommen, dass Hautfarbe weder Beurteilungsmaßstab noch Richtschnur ist. Sie ist zufälliger Natur und deshalb bedeutungslos. Geist und Verstand des Menschen gehören zu seinem Wesen. Darin offenbaren sich göttliche Tugenden, die barmherzigen Gaben Gottes, das ewige Leben und die Taufe durch den Heiligen Geist. So sollen alle wissen, dass Hautfarbe oder Herkunft unwichtig sind. Wer das Ebenbild Gottes ist, wer die Gaben Gottes zum Ausdruck bringt, wird an der Schwelle Gottes Annahme finden – gleich ob seine Farbe weiß, schwarz oder braun ist, das ist belanglos. Der Mensch ist nicht nur wegen körperlicher Merkmale Mensch. Maßstab für die göttliche Einstufung und Beurteilung sind sein Verstand und sein Geist.
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Daher lasst dies als einziges Bewertungskriterium und einzigen Maßstab gelten, denn das ist das Ebenbild Gottes. Eines Menschen Herz kann rein und weiß sein, obwohl seine Hautfarbe schwarz ist; oder sein Herz kann finster und sündig sein, obwohl seine Hautfarbe weiß ist. Von entscheidender Bedeutung sind der Charakter und die Reinheit des Herzens. Das vom Licht Gottes erleuchtete Herz ist Gott das nächste und liebste. Gott hat dem Menschen die besondere Gunst erwiesen, als Ebenbild Gottes bezeichnet zu werden, und das bedeutet wahrlich den höchsten Vollendungsgrad dessen, was erreicht werden kann – eine göttliche Stufe, die nicht für einen bloßen Zufall der Farbe geopfert werden darf.
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1. Mai 1912
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Ansprache bei der Einweihung des Mashriqu’l-Adhkár-Geländes
Wilmette, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Die Macht, die euch heute trotz des kalten und windigen Wetters hier versammelt hat, ist in der Tat gewaltig und großartig. Euch hat die Macht Gottes zusammengeführt, die göttliche Gunst Bahá’u’lláhs. Preis sei Gott, dass durch Seine bezwingende Liebe die Menschenseelen auf diese Weise versammelt und verbunden werden.
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Künftig werden in Ost und West tausende Mashriqu’l-Adhkárs gebaut, die Aufgangsorte des Lobpreises und des Gedenkens Gottes für alle frommen Menschen. Aber dieser, der erste im Westen errichtete, hat eine große Bedeutung. In Zukunft wird es sehr viele geben, hier und anderswo – in Asien, Europa, auch in Afrika, Neuseeland und Australien –, aber dieses Gebäude in Chicago hat eine herausragende Bedeutung. Es ist ebenso wichtig wie der Mashriqu’l-Adhkár in ‘Ishqábád (Kaukasus, Russland), der erste dort gebaute. In Persien gibt es viele; einige sind für diesen Zweck genutzte Häuser, andere sind ausschließlich der göttlichen Sache gewidmete Privatwohnungen, und an einigen Orten wurden vorläufige Gebäude errichtet. In allen persischen Städten gibt es Mashriqu’l-Adhkárs, aber der erhabene Aufgangsort der Anbetung wurde in ‘Ishqábád errichtet. Er hat eine überragende Bedeutung, da es der erste je gebaute Mashriqu’l-Adhkár ist. Alle Bahá’í-Freunde waren sich einig und erwiesen ihre größtmögliche Unterstützung und Tatkraft. Der AfnánḤájí Mírzá Muḥammad-Taqí Afnán, ein Onkel des BábA setzte dafür seinen Reichtum ein und spendete seinen gesamten Besitz. Durch diese gewaltige gemeinsame Leistung entstand ein wunderschönes Gebäude. Ungeachtet ihrer Beiträge zu diesem Gebäude haben sie auch die Spendensammlung hier in Chicago unterstützt. Der Mashriqu’l-Adhkár in ‘Ishqábád ist fast fertiggestellt. Er ist zentral gelegen, mit neun darauf zulaufenden Alleen, neun Gärten, neun Brunnen; die gesamte Anordnung und Konstruktion folgt dem Ordnungsprinzip und Zahlenverhältnis der Zahl Neun. Es ist wie ein schöner Blumenstrauß. Stellt euch ein sehr edles, eindrucksvolles Gebäude vor, ganz von Gärten voller bunter Blumen umgeben, mit neun hindurchführenden Alleen und neun Springbrunnen und Wasserbecken. So unvergleichlich schön ist es gestaltet. Jetzt bauen sie ein Krankenhaus, eine Schule für Waisenkinder, ein Heim für Menschen mit Behinderungen, ein Hospiz und eine große Apotheke. So Gott will, wird das alles nach der Fertigstellung ein Paradies sein.
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Ich hoffe, dass der Mashriqu’l-Adhkár in Chicago dem gleichen wird. Bemüht Euch, die Anlage kreisförmig zu gestalten. Passt möglichst die Pläne an und tauscht sie aus, damit die Abmessungen und Begrenzungen eine Kreisform bekommen. Der Mashriqu’l-Adhkár kann keine dreieckige Form haben. Er muss kreisförmig sein.
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2. Mai 1912
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Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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In dieser Sache Gottes ist Beratung von grundlegender Bedeutung, aber damit ist geistiger Austausch, nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten gemeint. In Frankreich wohnte ich einer Sitzung des Senats bei, jedoch war diese Erfahrung nicht beeindruckend. Das Ziel des parlamentarischen Verfahrens sollte sein, zum Licht der Wahrheit über die vorgelegten Fragen zu gelangen, es sollte keineswegs als Schlachtfeld für Streit und Rechthaberei dienen. Feindseligkeit und Widerspruchsgeist sind schädlich und verheerend für die Wahrheitsfindung. In der zuvor erwähnten Parlamentssitzung kam es häufig zu Zank und nutzlosen Haarspaltereien; größtenteils führte das zu Verwirrung und Tumult; einmal griffen sich zwei Senatsmitglieder sogar tätlich an. Es war keine Beratung, sondern eine Farce.
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Das soll nachdrücklich betonen, dass das Ziel einer Beratung das Erforschen der Wahrheit sein muss. Wer eine Ansicht äußert, sollte sie nicht als wahr und richtig hinstellen, sondern als einen Beitrag zur einmütigen Meinungsbildung darlegen; denn das Licht der Wahrheit wird erkennbar, wenn zwei Meinungen aufeinandertreffen. Wenn Feuerstein und Stahl zusammenprallen, entsteht ein Funke. Der Mensch sollte seine Ansichten mit äußerster Klarheit, mit Ruhe und Gelassenheit abwägen. Bevor er seine eigene Meinung äußert, sollte er die bereits von anderen dargelegten Ansichten sorgfältig in Betracht ziehen. Findet er, dass eine der zuvor geäußerten Meinungen näher an der Wahrheit und von größerem Wert ist, sollte er sie sofort annehmen und nicht absichtlich auf seiner eigenen Meinung beharren. Mit dieser ausgezeichneten Methode bemüht er sich, zur Einheit und Wahrheit zu gelangen. Widerspruchsgeist und Spaltung sind beklagenswert. Man sollte also besser die Haltung eines weisen, klugen Menschen einnehmen. Denn wenn verschiedene, voneinander abweichende Ansichten in einer von Widerspruchsgeist und Streitsucht geprägten Haltung vorgetragen werden, wird am Ende ein Gericht über diese Frage entscheiden müssen. Selbst eine Mehrheitsmeinung oder mehrheitliche Übereinstimmung können falsch sein. Tausend Menschen können der gleichen Ansicht sein und irren, während ein einziger Scharfsinniger recht haben kann. Deshalb ist wahre Beratung ein geistiger Austausch in einer Haltung und Atmosphäre der Liebe. Die Mitglieder müssen liebevoll im Geiste der Gemeinschaft miteinander umgehen, damit gute Ergebnisse erzielt werden. Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl sind die Grundlage.
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Das denkwürdigste Beispiel für eine Beratung in geistiger Haltung war die Versammlung der Jünger Jesu Christi auf einem Berg nach Seiner Himmelfahrt. Sie sagten: »Seine Heiligkeit Jesus Christus ist gekreuzigt worden und wir haben nicht länger Umgang und Verbindung mit Ihm in Seiner Körperlichkeit. Deshalb müssen wir Ihm treu und ergeben sein, wir müssen Ihm danken und Ihn verehren, denn Er hat uns von den Toten erweckt, Er hat uns Weisheit und ewiges Leben verliehen. Was sollen wir tun, um Ihm Treue zu erweisen?« Und so berieten sie miteinander. Einer von ihnen sagte: »Wir müssen uns von den Ketten und Fesseln der Welt lösen; anders können wir nicht treu sein.« Die anderen antworteten: »So ist es.« Ein anderer sagte: »Entweder sollten wir heiraten und unseren Frauen und Kindern treu sein, oder frei von diesen Bindungen unserem Herrn dienen. Wir können nicht für eine Familie sorgen und zugleich das Reich Gottes in der Wildnis verkünden. Daher sollten die Unverheirateten unverheiratet bleiben, und die Verheirateten für den Lebensunterhalt und das Wohl ihrer Familien sorgen und sich sodann aufmachen, die Frohe Botschaft zu verkünden.« Es gab keine abweichenden Meinungen; alle stimmten zu und sprachen: »Das ist richtig.« Ein dritter Jünger sagte: »Um Taten zu vollbringen, die dem Reich Gottes würdig sind, müssen wir weitere Opfer bringen. Von nun an sollten wir aller Bequemlichkeit und körperlichen Behaglichkeit entsagen, jede Schwierigkeit auf uns nehmen, das Selbst vergessen und die Sache Gottes lehren.« Dies fand bei allen anderen Zustimmung und Beifall. Schließlich sagte ein vierter Jünger: »Es gibt noch etwas zu bedenken in Bezug auf unseren Glauben und unsere Einheit. Um Jesu willen wird man uns schlagen, einkerkern und verbannen. Möglicherweise töten sie uns. Lasst uns daraus folgende Lehre ziehen. Halten wir uns vor Augen, dass wir geschlagen, verbannt, verflucht, bespuckt und hingerichtet werden, und lasst uns beschließen, all dies dennoch freudig hinzunehmen und jene zu lieben, die uns hassen und verletzen.« Alle Jünger erwiderten: »Das werden wir gewiss tun – wir sind einverstanden; das ist richtig.« Dann stiegen sie vom Gipfel des Berges herab und jeder ging seines Weges und folgte seinem göttlichen Auftrag.
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Dies war echte Beratung. Dies war eine geistige Beratung und nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten in parlamentarischer Kontroverse und Debatte.
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2. Mai 1912
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Ansprache beim Bund der Frauenvereine
Hotel La Salle, Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Eine der Funktionen der Sonne besteht darin, die verborgenen Wirklichkeiten im Reiche des Daseins zum Leben zu erwecken und zu offenbaren. Durch das Licht und die Wärme dieses großen zentralen Leuchtkörpers wird alles, was in der Erde angelegt ist, erweckt und tritt ins Reich des Sichtbaren. Die im Baum verborgene Frucht erscheint an seinen Zweigen als Antwort auf die Kraft der Sonne; der Mensch und alle anderen Organismen leben und bewegen sich durch ihre anregenden Strahlen; die Natur strahlt prachtvoll durch ihren durchdringenden Impuls in zahllosen evolutionären Ausprägungen – so können wir feststellen, dass eine Funktion der Sonne die Enthüllung der Geheimnisse und der schöpferischen Ziele ist, die in der Erscheinungswelt verborgen sind.
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Die äußere Sonne ist Zeichen und Symbol der inneren vollkommenen Sonne der Wahrheit, des Wortes Gottes. In diesem Jahrhundert des Lichtes wird offensichtlich, dass die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, sich dem ganzen Menschengeschlecht offenbart hat. Eine der im Menschenreich verborgenen Anlagen war das Leistungsvermögen beziehungsweise die Befähigung der Frau. Der Strahlenglanz göttlicher Erleuchtung hat die Fähigkeiten der Frau in diesem Zeitalter so weit erweckt und in Erscheinung treten lassen, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine anerkannte Tatsache ist. In früheren Zeiten wurde die Frau benachteiligt und unterdrückt. Dies war insbesondere in Asien und Afrika der Fall. In manchen Gegenden Asiens wurden Frauen nicht einmal als Menschen angesehen. Man betrachtete sie als minderwertige, wertlose Geschöpfe, dem Mann unterlegen und untertan. Das Volk der Nusayris glaubte lange Zeit, dass die Frau die Verkörperung des bösen Geistes, also des Teufels sei und dass ausschließlich der Mann das Ebenbild Gottes, des Barmherzigen sei. Schließlich brach dieses Jahrhundert des Lichtes an, die Wahrheit erstrahlte, und Geheimnisse, die lange vor der menschlichen Erkenntnis verborgen waren, wurden enthüllt. Zu diesen enthüllten Wahrheiten gehörte das wunderbare Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau, das jetzt in der ganzen Welt Anerkennung findet – im Orient wie im Okzident.
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Die Geschichte berichtet über das Auftreten von Frauen in der Welt, die Sinnbilder der Führung, Stärke und des Erfolgs waren. Manche waren bekannte Dichterinnen, manche Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen, andere waren mutig auf dem Schlachtfeld. Qurratu’l-‘Ayn, eine Bahá’í, war Dichterin. Sie brachte die gelehrten Männer Persiens durch ihre Brillanz und ihre Leidenschaft in Verlegenheit. Wenn sie eine Versammlung betrat, verstummten sogar die Gelehrten. Sie war in Philosophie und Wissenschaft so bewandert, dass die Anwesenden immer zuerst ihre Ansicht und ihren Rat einholten. Ihr Mut war ohnegleichen. Sie trat ihren Feinden furchtlos entgegen, bis sie getötet wurde. Sie widerstand einem despotischen König, dem Sháh von Persien, der über die Macht verfügte, jeden seiner Untertanen zum Tode zu verurteilen. Es gab keinen Tag, an dem er nicht die Hinrichtung einiger Menschen befahl. Diese Frau hielt einem solchen Despoten ganz allein bis zu ihrem letzten Atemzug stand und gab schließlich ihr Leben für ihren Glauben.
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Bedenken Sie die Geheimnisse, die während des letzten halben Jahrhunderts offenbart wurden, die alle zurückzuführen sind auf den Glanz der Sonne der Wahrheit, die sich in diesem Zeitalter und Zyklus so herrlich manifestierte. In der heutigen Zeit muss der Mensch die Wahrheit unparteiisch und vorurteilslos erforschen, um zu wahrer Erkenntnis und den richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen. Worin besteht dann die Ungleichheit zwischen Mann und Frau? Beide sind Menschen. In ihren Fähigkeiten und Aufgaben ergänzen sie sich gegenseitig. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass der Frau die Möglichkeiten vorenthalten wurden, deren sich der Mann so lange erfreute, insbesondere das Vorrecht der Bildung. Aber auch das ist nicht immer ein Mangel. Sollen wir es für eine Unvollkommenheit und Schwäche ihres Wesens halten, dass sie keine Kriegstaktik beherrscht, nicht in die Schlacht ziehen und töten kann und dass sie nicht in der Lage ist, mit einer tödlichen Waffe umzugehen? Nein, ist es nicht eher ein Kompliment, wenn wir sagen, dass sie hinsichtlich Hartherzigkeit und Grausamkeit dem Mann unterlegen ist? Die Frau, die aufgefordert wird, sich zu bewaffnen und ihre Mitgeschöpfe zu töten, wird sagen: »Ich kann das nicht.« Sollte man dies als Fehler ansehen und als fehlende Tauglichkeit zur Gleichberechtigung mit dem Mann? Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Frau, sofern sie militärisch im Niedermetzeln geschult und ausgebildet worden wäre, auch auf diesem Gebiet dem Mann entsprochen hätte. Aber davor möge Gott uns bewahren! Möge die Frau nie diese Fertigkeit erlangen, möge sie nie Kriegswaffen führen, denn die Zerstörung der Menschheit ist keine rühmenswerte Leistung. Ein Heim aufzubauen, den Menschenherzen Freude und Trost zu bringen, dies sind wahre Ruhmestaten der Menschheit. Möge sich kein Mann dessen rühmen, dass er seine Mitgeschöpfe töten kann; nein, lasst ihn sich dessen rühmen, dass er sie lieben kann.
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Wenn wir die Reiche des Daseins unterhalb des Menschen betrachten, finden wir keine Unterscheidung oder Bewertung der Über- und Unterlegenheit von Männlichem oder Weiblichem. Bei unzähligen Organismen des Pflanzen- und Tierreichs existiert zwar das Geschlecht, aber es gibt keinerlei Unterscheidung hinsichtlich seiner vergleichsweisen Bedeutung und seines Wertes in der Gleichung des Lebens. Wenn wir unparteiisch nachforschen, können wir sogar Arten finden, bei denen das Weibliche dem Männlichen übergeordnet oder vorzuziehen ist. So gibt es Bäume wie den Feigenbaum, dessen männliche Exemplare fruchtlos, die weiblichen aber fruchtbar sind. Die männliche Dattelpalme ist wertlos, während die weibliche reiche Früchte trägt. Da wir nach der schöpferischen Weisheit in den niederen Reichen keinen Anhaltspunkt für eine Unterscheidung oder Überlegenheit finden, ist es da logisch oder angemessen für den Menschen, eine solche Unterscheidung in Bezug auf sich selbst zu treffen? Im Tierreich rühmt sich kein Männchen, dem Weibchen überlegen zu sein. Tatsächlich herrscht Gleichheit und sie wird anerkannt. Warum sollte der Mensch, der ein höheres und intelligenteres Geschöpf ist, diese Gleichheit, derer sich die Tiere erfreuen, verleugnen und sich ihrer berauben? Der sicherste Hinweis für die schöpferische Absicht in Bezug auf den Menschen selbst sind die Verhältnisse und Ähnlichkeiten der Daseinsebenen unter ihm, in denen die Gleichstellung der Geschlechter von grundlegender Bedeutung ist.
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In Wahrheit besteht die ganze Menschheit aus Geschöpfen und Dienern des einen Gottes und in Seinen Augen sind alle Menschen. Mensch ist ein Gattungsbegriff, der auf die ganze Menschheit zutrifft. Die biblische Aussage »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei« bedeutet nicht, dass die Frau nicht erschaffen wurde. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt auch für sie. Im Persischen und Arabischen gibt es zwei verschiedene Begriffe, die ins Englische mit ›man‹ übersetzt werden: Der eine bezieht sich auf Mann und Frau gleichermaßen, der andere unterscheidet den Mann als männlich von der Frau als weiblich. Der erste Begriff und sein Pronomen bilden einen die Gattung betreffenden Sammelbegriff; der andere bezieht sich ausschließlich auf das Männliche. Im Hebräischen ist es genauso.
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Eine Unterscheidung, die Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen hat, gelten zu lassen und an ihr festzuhalten, ist Unwissenheit und Aberglaube. Worauf es hier jedoch ankommt, ist, dass der Frau, die früher benachteiligt wurde, heute die gleichen Chancen für Erziehung, Bildung und Ausbildung wie dem Mann eingeräumt werden müssen. Es darf keinen Unterschied in ihrer Erziehung und Bildung geben. Solange die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vollständig verwirklicht ist, kann sich die menschliche Gesellschaft nicht zur Reife entwickeln. Selbst wenn man annähme, dass die Frau dem Mann zu einem gewissen Grad an Fähigkeit oder an Leistung unterlegen sei, so würde diese oder jede andere Unterscheidung doch nur weiterhin Zwietracht und Leid erzeugen. Das einzige Heilmittel sind Erziehung und Bildungschancen, denn Gleichstellung bedeutet gleiche Befähigung. Kurzum, anzunehmen, der Mann sei überlegen, wird den Eifer der Frau weiterhin unterdrücken, so als sei ihr Streben nach Gleichberechtigung schöpfungsbedingt unmöglich. Das Streben der Frau nach Fortschritt wird dadurch behindert und sie wird allmählich die Hoffnung verlieren. Wir müssen also ganz im Gegenteil erklären, dass ihre Leistungsfähigkeit gleich ist, sogar größer als die des Mannes. Dies wird sie mit Hoffnung und Ehrgeiz beflügeln und ihre Entwicklungsbemühungen werden kontinuierlich zunehmen. Ihr darf nicht gesagt und beigebracht werden, dass sie in Bezug auf ihr Leistungsvermögen und ihre Befähigung schwächer und unterlegen ist. Wenn man einem Schüler sagt, er sei weniger intelligent als seine Mitschüler, wirft ihn das sehr stark zurück und behindert seinen Fortschritt. Er muss in seiner Entwicklung ermutigt werden, mit der Aussage: »Du bist sehr fähig, und wenn du dich anstrengst, wirst du den höchsten Abschluss erreichen.«
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Ich hoffe, dass überall auf den fünf Kontinenten, wo die Gleichberechtigung bis heute noch nicht vollständig anerkannt und verwirklicht ist, ihr Banner gehisst wird. Die Frau in dieser aufgeklärten westlichen Welt ist den Frauen des Orients einen gewaltigen Schritt voraus. Und es sollte noch einmal deutlich gesagt werden: Bevor Mann und Frau nicht die Gleichberechtigung anerkennen und verwirklichen, ist kein gesellschaftlicher und politischer Fortschritt möglich, weder hier noch irgendwo sonst. Denn die Menschenwelt teilt sich in zwei Hälften: zum einen die Frauen, zum anderen die Männer. Erst wenn diese beiden Teile gleich stark sind, kann die Einheit der Menschheit erreicht werden und Glück und Wohl der Menschheit werden verwirklicht. So Gott will, wird es so kommen.
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2. Mai 1912
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Ansprache beim Empfang der Bahá’í-Frauen
Hotel La Salle, Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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