‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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In dieser Sache Gottes ist Beratung von grundlegender Bedeutung, aber damit ist geistiger Austausch, nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten gemeint. In Frankreich wohnte ich einer Sitzung des Senats bei, jedoch war diese Erfahrung nicht beeindruckend. Das Ziel des parlamentarischen Verfahrens sollte sein, zum Licht der Wahrheit über die vorgelegten Fragen zu gelangen, es sollte keineswegs als Schlachtfeld für Streit und Rechthaberei dienen. Feindseligkeit und Widerspruchsgeist sind schädlich und verheerend für die Wahrheitsfindung. In der zuvor erwähnten Parlamentssitzung kam es häufig zu Zank und nutzlosen Haarspaltereien; größtenteils führte das zu Verwirrung und Tumult; einmal griffen sich zwei Senatsmitglieder sogar tätlich an. Es war keine Beratung, sondern eine Farce.
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Das soll nachdrücklich betonen, dass das Ziel einer Beratung das Erforschen der Wahrheit sein muss. Wer eine Ansicht äußert, sollte sie nicht als wahr und richtig hinstellen, sondern als einen Beitrag zur einmütigen Meinungsbildung darlegen; denn das Licht der Wahrheit wird erkennbar, wenn zwei Meinungen aufeinandertreffen. Wenn Feuerstein und Stahl zusammenprallen, entsteht ein Funke. Der Mensch sollte seine Ansichten mit äußerster Klarheit, mit Ruhe und Gelassenheit abwägen. Bevor er seine eigene Meinung äußert, sollte er die bereits von anderen dargelegten Ansichten sorgfältig in Betracht ziehen. Findet er, dass eine der zuvor geäußerten Meinungen näher an der Wahrheit und von größerem Wert ist, sollte er sie sofort annehmen und nicht absichtlich auf seiner eigenen Meinung beharren. Mit dieser ausgezeichneten Methode bemüht er sich, zur Einheit und Wahrheit zu gelangen. Widerspruchsgeist und Spaltung sind beklagenswert. Man sollte also besser die Haltung eines weisen, klugen Menschen einnehmen. Denn wenn verschiedene, voneinander abweichende Ansichten in einer von Widerspruchsgeist und Streitsucht geprägten Haltung vorgetragen werden, wird am Ende ein Gericht über diese Frage entscheiden müssen. Selbst eine Mehrheitsmeinung oder mehrheitliche Übereinstimmung können falsch sein. Tausend Menschen können der gleichen Ansicht sein und irren, während ein einziger Scharfsinniger recht haben kann. Deshalb ist wahre Beratung ein geistiger Austausch in einer Haltung und Atmosphäre der Liebe. Die Mitglieder müssen liebevoll im Geiste der Gemeinschaft miteinander umgehen, damit gute Ergebnisse erzielt werden. Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl sind die Grundlage.
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Das denkwürdigste Beispiel für eine Beratung in geistiger Haltung war die Versammlung der Jünger Jesu Christi auf einem Berg nach Seiner Himmelfahrt. Sie sagten: »Seine Heiligkeit Jesus Christus ist gekreuzigt worden und wir haben nicht länger Umgang und Verbindung mit Ihm in Seiner Körperlichkeit. Deshalb müssen wir Ihm treu und ergeben sein, wir müssen Ihm danken und Ihn verehren, denn Er hat uns von den Toten erweckt, Er hat uns Weisheit und ewiges Leben verliehen. Was sollen wir tun, um Ihm Treue zu erweisen?« Und so berieten sie miteinander. Einer von ihnen sagte: »Wir müssen uns von den Ketten und Fesseln der Welt lösen; anders können wir nicht treu sein.« Die anderen antworteten: »So ist es.« Ein anderer sagte: »Entweder sollten wir heiraten und unseren Frauen und Kindern treu sein, oder frei von diesen Bindungen unserem Herrn dienen. Wir können nicht für eine Familie sorgen und zugleich das Reich Gottes in der Wildnis verkünden. Daher sollten die Unverheirateten unverheiratet bleiben, und die Verheirateten für den Lebensunterhalt und das Wohl ihrer Familien sorgen und sich sodann aufmachen, die Frohe Botschaft zu verkünden.« Es gab keine abweichenden Meinungen; alle stimmten zu und sprachen: »Das ist richtig.« Ein dritter Jünger sagte: »Um Taten zu vollbringen, die dem Reich Gottes würdig sind, müssen wir weitere Opfer bringen. Von nun an sollten wir aller Bequemlichkeit und körperlichen Behaglichkeit entsagen, jede Schwierigkeit auf uns nehmen, das Selbst vergessen und die Sache Gottes lehren.« Dies fand bei allen anderen Zustimmung und Beifall. Schließlich sagte ein vierter Jünger: »Es gibt noch etwas zu bedenken in Bezug auf unseren Glauben und unsere Einheit. Um Jesu willen wird man uns schlagen, einkerkern und verbannen. Möglicherweise töten sie uns. Lasst uns daraus folgende Lehre ziehen. Halten wir uns vor Augen, dass wir geschlagen, verbannt, verflucht, bespuckt und hingerichtet werden, und lasst uns beschließen, all dies dennoch freudig hinzunehmen und jene zu lieben, die uns hassen und verletzen.« Alle Jünger erwiderten: »Das werden wir gewiss tun – wir sind einverstanden; das ist richtig.« Dann stiegen sie vom Gipfel des Berges herab und jeder ging seines Weges und folgte seinem göttlichen Auftrag.
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Dies war echte Beratung. Dies war eine geistige Beratung und nicht die bloße Äußerung persönlicher Ansichten in parlamentarischer Kontroverse und Debatte.
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2. Mai 1912
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Ansprache beim Bund der Frauenvereine
Hotel La Salle, Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Eine der Funktionen der Sonne besteht darin, die verborgenen Wirklichkeiten im Reiche des Daseins zum Leben zu erwecken und zu offenbaren. Durch das Licht und die Wärme dieses großen zentralen Leuchtkörpers wird alles, was in der Erde angelegt ist, erweckt und tritt ins Reich des Sichtbaren. Die im Baum verborgene Frucht erscheint an seinen Zweigen als Antwort auf die Kraft der Sonne; der Mensch und alle anderen Organismen leben und bewegen sich durch ihre anregenden Strahlen; die Natur strahlt prachtvoll durch ihren durchdringenden Impuls in zahllosen evolutionären Ausprägungen – so können wir feststellen, dass eine Funktion der Sonne die Enthüllung der Geheimnisse und der schöpferischen Ziele ist, die in der Erscheinungswelt verborgen sind.
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Die äußere Sonne ist Zeichen und Symbol der inneren vollkommenen Sonne der Wahrheit, des Wortes Gottes. In diesem Jahrhundert des Lichtes wird offensichtlich, dass die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, sich dem ganzen Menschengeschlecht offenbart hat. Eine der im Menschenreich verborgenen Anlagen war das Leistungsvermögen beziehungsweise die Befähigung der Frau. Der Strahlenglanz göttlicher Erleuchtung hat die Fähigkeiten der Frau in diesem Zeitalter so weit erweckt und in Erscheinung treten lassen, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine anerkannte Tatsache ist. In früheren Zeiten wurde die Frau benachteiligt und unterdrückt. Dies war insbesondere in Asien und Afrika der Fall. In manchen Gegenden Asiens wurden Frauen nicht einmal als Menschen angesehen. Man betrachtete sie als minderwertige, wertlose Geschöpfe, dem Mann unterlegen und untertan. Das Volk der Nusayris glaubte lange Zeit, dass die Frau die Verkörperung des bösen Geistes, also des Teufels sei und dass ausschließlich der Mann das Ebenbild Gottes, des Barmherzigen sei. Schließlich brach dieses Jahrhundert des Lichtes an, die Wahrheit erstrahlte, und Geheimnisse, die lange vor der menschlichen Erkenntnis verborgen waren, wurden enthüllt. Zu diesen enthüllten Wahrheiten gehörte das wunderbare Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau, das jetzt in der ganzen Welt Anerkennung findet – im Orient wie im Okzident.
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Die Geschichte berichtet über das Auftreten von Frauen in der Welt, die Sinnbilder der Führung, Stärke und des Erfolgs waren. Manche waren bekannte Dichterinnen, manche Philosophinnen und Wissenschaftlerinnen, andere waren mutig auf dem Schlachtfeld. Qurratu’l-‘Ayn, eine Bahá’í, war Dichterin. Sie brachte die gelehrten Männer Persiens durch ihre Brillanz und ihre Leidenschaft in Verlegenheit. Wenn sie eine Versammlung betrat, verstummten sogar die Gelehrten. Sie war in Philosophie und Wissenschaft so bewandert, dass die Anwesenden immer zuerst ihre Ansicht und ihren Rat einholten. Ihr Mut war ohnegleichen. Sie trat ihren Feinden furchtlos entgegen, bis sie getötet wurde. Sie widerstand einem despotischen König, dem Sháh von Persien, der über die Macht verfügte, jeden seiner Untertanen zum Tode zu verurteilen. Es gab keinen Tag, an dem er nicht die Hinrichtung einiger Menschen befahl. Diese Frau hielt einem solchen Despoten ganz allein bis zu ihrem letzten Atemzug stand und gab schließlich ihr Leben für ihren Glauben.
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Bedenken Sie die Geheimnisse, die während des letzten halben Jahrhunderts offenbart wurden, die alle zurückzuführen sind auf den Glanz der Sonne der Wahrheit, die sich in diesem Zeitalter und Zyklus so herrlich manifestierte. In der heutigen Zeit muss der Mensch die Wahrheit unparteiisch und vorurteilslos erforschen, um zu wahrer Erkenntnis und den richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen. Worin besteht dann die Ungleichheit zwischen Mann und Frau? Beide sind Menschen. In ihren Fähigkeiten und Aufgaben ergänzen sie sich gegenseitig. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass der Frau die Möglichkeiten vorenthalten wurden, deren sich der Mann so lange erfreute, insbesondere das Vorrecht der Bildung. Aber auch das ist nicht immer ein Mangel. Sollen wir es für eine Unvollkommenheit und Schwäche ihres Wesens halten, dass sie keine Kriegstaktik beherrscht, nicht in die Schlacht ziehen und töten kann und dass sie nicht in der Lage ist, mit einer tödlichen Waffe umzugehen? Nein, ist es nicht eher ein Kompliment, wenn wir sagen, dass sie hinsichtlich Hartherzigkeit und Grausamkeit dem Mann unterlegen ist? Die Frau, die aufgefordert wird, sich zu bewaffnen und ihre Mitgeschöpfe zu töten, wird sagen: »Ich kann das nicht.« Sollte man dies als Fehler ansehen und als fehlende Tauglichkeit zur Gleichberechtigung mit dem Mann? Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Frau, sofern sie militärisch im Niedermetzeln geschult und ausgebildet worden wäre, auch auf diesem Gebiet dem Mann entsprochen hätte. Aber davor möge Gott uns bewahren! Möge die Frau nie diese Fertigkeit erlangen, möge sie nie Kriegswaffen führen, denn die Zerstörung der Menschheit ist keine rühmenswerte Leistung. Ein Heim aufzubauen, den Menschenherzen Freude und Trost zu bringen, dies sind wahre Ruhmestaten der Menschheit. Möge sich kein Mann dessen rühmen, dass er seine Mitgeschöpfe töten kann; nein, lasst ihn sich dessen rühmen, dass er sie lieben kann.
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Wenn wir die Reiche des Daseins unterhalb des Menschen betrachten, finden wir keine Unterscheidung oder Bewertung der Über- und Unterlegenheit von Männlichem oder Weiblichem. Bei unzähligen Organismen des Pflanzen- und Tierreichs existiert zwar das Geschlecht, aber es gibt keinerlei Unterscheidung hinsichtlich seiner vergleichsweisen Bedeutung und seines Wertes in der Gleichung des Lebens. Wenn wir unparteiisch nachforschen, können wir sogar Arten finden, bei denen das Weibliche dem Männlichen übergeordnet oder vorzuziehen ist. So gibt es Bäume wie den Feigenbaum, dessen männliche Exemplare fruchtlos, die weiblichen aber fruchtbar sind. Die männliche Dattelpalme ist wertlos, während die weibliche reiche Früchte trägt. Da wir nach der schöpferischen Weisheit in den niederen Reichen keinen Anhaltspunkt für eine Unterscheidung oder Überlegenheit finden, ist es da logisch oder angemessen für den Menschen, eine solche Unterscheidung in Bezug auf sich selbst zu treffen? Im Tierreich rühmt sich kein Männchen, dem Weibchen überlegen zu sein. Tatsächlich herrscht Gleichheit und sie wird anerkannt. Warum sollte der Mensch, der ein höheres und intelligenteres Geschöpf ist, diese Gleichheit, derer sich die Tiere erfreuen, verleugnen und sich ihrer berauben? Der sicherste Hinweis für die schöpferische Absicht in Bezug auf den Menschen selbst sind die Verhältnisse und Ähnlichkeiten der Daseinsebenen unter ihm, in denen die Gleichstellung der Geschlechter von grundlegender Bedeutung ist.
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In Wahrheit besteht die ganze Menschheit aus Geschöpfen und Dienern des einen Gottes und in Seinen Augen sind alle Menschen. Mensch ist ein Gattungsbegriff, der auf die ganze Menschheit zutrifft. Die biblische Aussage »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei« bedeutet nicht, dass die Frau nicht erschaffen wurde. Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt auch für sie. Im Persischen und Arabischen gibt es zwei verschiedene Begriffe, die ins Englische mit ›man‹ übersetzt werden: Der eine bezieht sich auf Mann und Frau gleichermaßen, der andere unterscheidet den Mann als männlich von der Frau als weiblich. Der erste Begriff und sein Pronomen bilden einen die Gattung betreffenden Sammelbegriff; der andere bezieht sich ausschließlich auf das Männliche. Im Hebräischen ist es genauso.
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Eine Unterscheidung, die Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen hat, gelten zu lassen und an ihr festzuhalten, ist Unwissenheit und Aberglaube. Worauf es hier jedoch ankommt, ist, dass der Frau, die früher benachteiligt wurde, heute die gleichen Chancen für Erziehung, Bildung und Ausbildung wie dem Mann eingeräumt werden müssen. Es darf keinen Unterschied in ihrer Erziehung und Bildung geben. Solange die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vollständig verwirklicht ist, kann sich die menschliche Gesellschaft nicht zur Reife entwickeln. Selbst wenn man annähme, dass die Frau dem Mann zu einem gewissen Grad an Fähigkeit oder an Leistung unterlegen sei, so würde diese oder jede andere Unterscheidung doch nur weiterhin Zwietracht und Leid erzeugen. Das einzige Heilmittel sind Erziehung und Bildungschancen, denn Gleichstellung bedeutet gleiche Befähigung. Kurzum, anzunehmen, der Mann sei überlegen, wird den Eifer der Frau weiterhin unterdrücken, so als sei ihr Streben nach Gleichberechtigung schöpfungsbedingt unmöglich. Das Streben der Frau nach Fortschritt wird dadurch behindert und sie wird allmählich die Hoffnung verlieren. Wir müssen also ganz im Gegenteil erklären, dass ihre Leistungsfähigkeit gleich ist, sogar größer als die des Mannes. Dies wird sie mit Hoffnung und Ehrgeiz beflügeln und ihre Entwicklungsbemühungen werden kontinuierlich zunehmen. Ihr darf nicht gesagt und beigebracht werden, dass sie in Bezug auf ihr Leistungsvermögen und ihre Befähigung schwächer und unterlegen ist. Wenn man einem Schüler sagt, er sei weniger intelligent als seine Mitschüler, wirft ihn das sehr stark zurück und behindert seinen Fortschritt. Er muss in seiner Entwicklung ermutigt werden, mit der Aussage: »Du bist sehr fähig, und wenn du dich anstrengst, wirst du den höchsten Abschluss erreichen.«
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Ich hoffe, dass überall auf den fünf Kontinenten, wo die Gleichberechtigung bis heute noch nicht vollständig anerkannt und verwirklicht ist, ihr Banner gehisst wird. Die Frau in dieser aufgeklärten westlichen Welt ist den Frauen des Orients einen gewaltigen Schritt voraus. Und es sollte noch einmal deutlich gesagt werden: Bevor Mann und Frau nicht die Gleichberechtigung anerkennen und verwirklichen, ist kein gesellschaftlicher und politischer Fortschritt möglich, weder hier noch irgendwo sonst. Denn die Menschenwelt teilt sich in zwei Hälften: zum einen die Frauen, zum anderen die Männer. Erst wenn diese beiden Teile gleich stark sind, kann die Einheit der Menschheit erreicht werden und Glück und Wohl der Menschheit werden verwirklicht. So Gott will, wird es so kommen.
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2. Mai 1912
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Ansprache beim Empfang der Bahá’í-Frauen
Hotel La Salle, Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Joseph H. Hannen
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Wenn wir die Reiche der Schöpfung unterhalb des Menschen betrachten, so finden wir drei Formen beziehungsweise Ebenen der Existenz, die der Bildung und Entwicklung bedürfen. Die Aufgabe eines Gärtners besteht zum Beispiel darin, den Boden des Mineralreichs zu bearbeiten und einen Baum zu pflanzen, dem unter seiner Pflege und Kultivierung ein perfektes Wachstum ermöglicht wird. Wenn er wild und unfruchtbar ist, kann er durch Veredelung fruchtbar gemacht werden. Wenn er klein und unansehnlich ist, wird er durch die Pflege des Gärtners groß, schön und grün, während ein Baum, der keine Kultivierung erfährt, täglich Rückschritte macht, scharfe und bittere Früchte wie die von Dschungelbäumen trägt oder gar völlig unfruchtbar wird und seiner Früchte beraubt bleibt. Ebenso beobachten wir, dass Tiere, die innerhalb ihrer Möglichkeiten dressiert werden, sichtliche Fortschritte machen, schöner ausschauen und schlauer sind. Wie schlau und geschickt, ja sogar vornehm, ist zum Beispiel das Araberpferd durch die Erziehung und Ausbildung geworden. Was die Welt der Menschen betrifft: Sie brauchen mehr Führung und Erziehung als die niederen Geschöpfe. Denke über den großen Unterschied zwischen der Bevölkerung Afrikas und der Amerikas nach. Hier sind die Menschen zivilisiert und weit entwickelt, dort befinden sie sich in einem äußerst erbärmlichen und unzivilisierten Zustand. Aus welchem Grund sind sie unzivilisiert und ihr so zivilisiert? Es ist offensichtlich, dass dieser Unterschied zum einen auf Bildung und zum anderen auf den Mangel daran zurückzuführen ist. Denkt also darüber nach, wie wirkungsvoll Erziehung und Bildung im Menschenreich sind. Durch sie wird der Unwissende verständig, der Tyrann gnädig, der Blinde sehend, der Taube aufmerksam und sogar der Einfältige klug. Wie groß ist dieser Unterschied; wie groß ist die Kluft, die den Gebildeten vom Ungebildeten trennt. Dies ist die Wirkung, wenn der Lehrer nur ein gewöhnlicher Lehrer ist.
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Aber – Preis sei Gott! – euer Lehrer und Ausbilder ist Bahá’u’lláh. Er ist der Lehrmeister von Orient und Okzident. Er ist der Lehrer der Welt, des Göttlichen und des Geistigen, die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes. Das Licht Seiner Erziehung leuchtet wie die Sonne. Seht, was sie bewirkt hat, wie sich die ganze Menschheit durch sie entwickelt, sodass ich, ein Perser, zu diesem Treffen geschätzter Menschen auf dem amerikanischen Kontinent gekommen bin, hier stehe und in größter Liebe zu euch spreche. Dies geschieht durch die Unterweisung Bahá’u’lláhs, die diese Herzen einen kann und schon geeint hat. Auf diese Weise hat sie die Welt erleuchtet. Genau so hat sie den Menschen den Geist Gottes eingehaucht. Genau so hat sie die Herzen der Menschen wiederbelebt.
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Darum sei Gott gepriesen, dass ihr die Erziehung Dessen erhaltet, Der die wahre Sonne der Wahrheit ist, Der strahlend auf die ganze Menschheit scheint und allen ein Leben verleiht, das ewig währt.
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Gott sei tausendfach gepriesen!
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2. Mai 1912
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Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Marzieh Moss
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Heute morgen ist die Stadt in Dunst und Nebel gehüllt. Wie schön ist eine Stadt, wenn die Sonne scheint. So, wie dieser Nebel und Dunst die Sonnenpracht verbergen, so verdunkeln menschliche Vorstellungen die Sonne der Wahrheit. Betrachtet die glänzende Herrlichkeit der großen Sonne mitten in unserem Planetensystem: Wie wunderbar ist der Anblick, wie sorgt ihr Licht für klare Sicht, bis Nebel und Wolken sie vor dem Auge verhüllen. Auf die gleiche Weise wird die Sonne der Wahrheit durch Aberglauben und Einbildungen des menschlichen Geistes verhüllt und verborgen. Wenn die Sonne aufgeht, zerstreuen sich Dunst und Nebel, ob sie nun im Nordosten, Osten oder im Südosten erscheint, und wir haben klare Sicht auf ihre Herrlichkeit, während sie sich zum Zenit erhebt. In ähnlicher Weise sind die Völker zu den Aufgangsorten der Sonne der Wahrheit geführt worden, ein jedes zu einem bestimmten Aufgangsort, von dem aus sich das Licht der Religion manifestierte. Aber nach einiger Zeit ist der Aufgangsort zum Gegenstand der Anbetung geworden, und nicht die Sonne selbst, die immer als die eine Sonne am Himmel des göttlichen Willens feststeht. Dadurch kam es zu Meinungsverschiedenheiten, die dazu führten, dass dunkle Wolken den herrlichen Glanz der Wahrheit wieder überschatteten. Wenn sich Nebel und Dunkelheit des Aberglaubens und des Vorurteils aufgelöst haben, werden alle gleichermaßen die Sonne erblicken. Dann werden alle Völker in ihrem Strahlenglanz vereint sein.
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Da diese Wolken und Hirngespinste menschlichen Aberglaubens das Licht der geistigen Sonne verdecken, müssen wir uns mit aller Kraft bemühen, sie zu zerstreuen. Mögen wir uns dafür verbinden und erleuchtet werden, das zu vollbringen, denn die Sonne ist eine und ihr Strahlen und ihre Freigebigkeit sind allumfassend. Alle Erdenbewohner empfangen die Gaben einer einzigen stofflichen Sonne und niemand wird anderen vorgezogen. Ebenso empfangen alle die himmlischen Gaben des Wortes Gottes. Niemand wird bevorzugt, alle stehen unter seinem Schutz und allumfassenden Licht. Zwischenmenschliche Streitigkeiten und religiöse Meinungsverschiedenheiten verkomplizieren und entstellen die einfache Reinheit und Schönheit der göttlichen Sache, bis Wolken das Licht der Wahrheit verdunkeln und Uneinigkeit entsteht. Nutzt daher Verstand und Vernunft, um diese dichten Wolken vom Horizont des menschlichen Herzens zu vertreiben, sodass alle an der einen Wahrheit aller Propheten festhalten. Wenn Menschen ihre jeweilige Vernunft und ihren Verstand auf die göttlichen Fragen anwenden, dann wird ganz sicher die Macht Gottes alle Schwierigkeiten ausräumen und die ewigen Wahrheiten werden als ein einziges Licht, eine einzige Wahrheit, eine einzige Liebe, ein einziger Gott und ein universeller Frieden erscheinen.
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2. Mai 1912
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Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois
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Aufzeichnung von Henrietta C. Wagner
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Untersuchen wir eingehend die Reiche des Daseins und beobachten die uns umgebenden Phänomene des Universums, so entdecken wir die vollkommene Ordnung und absolute Vollkommenheit der Schöpfung. Die einfachen Mineralien in ihren stofflichen Verbindungen, Pflanzen und Gemüse mit Wachstumsvermögen, Tiere mit ihren Instinkten, Menschen mit bewusstem Verstand und Himmelskörper, die sich ergeben durch den grenzenlosen Raum bewegen, unterliegen alle dem allumfassenden, dem vollständigsten und vollkommensten Gesetz. Deshalb hat ein weiser Philosoph gesagt: »Es gibt kein großartigeres oder vollkommeneres Schöpfungssystem als das bereits existierende.« Die Materialisten und Atheisten erklären, diese Ordnung und Symmetrie sei der Natur und ihren Kräften zuzuschreiben. Zusammensetzung und Auflösung, die das Leben und das Dasein ausmachen, seien naturgegeben. Der Mensch selbst sei naturgegeben. Die Natur beherrsche und regiere die Schöpfung, und alle existierenden Dinge seien in der Natur gefangen. Lasst uns diese Aussagen betrachten. Wir stellen fest, dass alle Phänomene einer genauen Ordnung unterliegen und unter der Kontrolle eines allumfassenden Gesetzes stehen. Insofern stellt sich die Frage, ob dies auf die Natur oder auf göttliche und allmächtige Herrschaft zurückzuführen ist. Die Materialisten glauben, dass Regenfälle ein Erfordernis der Natur sind und dass die Erde ohne diesen Regen nicht grünen würde. Sie argumentieren: Wenn die Wolken einen Regenguss verursachen, wenn die Sonne Wärme und Licht ausstrahlt und die Erde über die nötige Beschaffenheit verfügt, müsse unausweichlich die Vegetation folgen. Das Leben der Pflanzen sei darum eine Eigenschaft dieser natürlichen Kräfte und ein Zeichen der Natur, so wie der Verbrennungsvorgang die natürliche Eigenschaft des Feuers sei, das Feuer darum brenne und Feuer ohne Brennen für uns undenkbar sei.
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Unsere Antwort auf diese Aussagen ist, dass aus den von Materialisten vorgebrachten Annahmen die Schlussfolgerungen gezogen werden, dass die Natur das Dasein steuert und beherrscht und dass alle Vortrefflichkeit und Vollkommenheit natürliche Erfordernisse und Ergebnisse sind. Daraus folgt ferner, dass der Mensch nur ein Teil oder Element dessen ist, was die Natur als Ganzes ausmacht.
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Der Mensch besitzt bestimmte Kräfte, die es in der Natur so nicht gibt. Er setzt seine Willenskraft ein, die Natur hingegen hat keinen Willen. So ist es ein Wesensmerkmal der Sonne, Licht zu geben. Das ist so geregelt – sie kann nichts anderes tun, als Licht auszustrahlen –, aber sie tut dies nicht willentlich. Ein Wesensmerkmal des Phänomens Elektrizität besteht darin, dass sie sich unter bestimmten Bedingungen in Funken und Blitzen zeigt, aber sie kann nicht willentlich Licht erzeugen. Ein Wesensmerkmal oder eine Eigenschaft des Wassers ist Feuchtigkeit. Es kann sich von dieser Eigenschaft nicht durch eigenen Willen trennen. In gleicher Weise gehören alle Merkmale der Natur zu ihrem Wesen und folgen diesem unwillkürlich. Aus philosophischer Perspektive ist die Natur also ohne Willen und ohne Begriffsvermögen. In dieser Feststellung, diesem Grundsatz stimmen wir mit den Materialisten überein. Aber die Frage, die zum Nachdenken anregt, lautet: Wie kommt es, dass der Mensch, der doch Teil des universellen Plans ist, bestimmte Eigenschaften besitzt, die der Natur fehlen? Ist es denkbar, dass ein Tropfen mit Eigenschaften erfüllt ist, die dem Ozean gänzlich fehlen? Der Tropfen ist ein Teil, der Ozean ist das Ganze. Kann es das Phänomen eines Verbrennungsvorganges oder einer Beleuchtung geben, das der große Himmelskörper, die Sonne selbst, nicht hervorbringt? Ist es möglich, dass ein Stein Eigenschaften besitzt, die dem gesamten Mineralreich fehlen? Kann beispielsweise der Fingernagel, der Teil der menschlichen Anatomie ist, mit Zelleigenschaften ausgestattet sein, die dem Gehirn fehlen?
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Der Mensch ist intelligent, sowohl instinktiv als auch bewusst intelligent. Die Natur ist dies nicht. Der Mensch besitzt Erinnerungsvermögen, die Natur nicht. Der Mensch entdeckt die Geheimnisse der Natur, die Natur ist sich dieser Geheimnisse nicht bewusst. Es ist daher offensichtlich, dass der Mensch aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden muss: Als Tier ist er der Natur unterworfen, aber in seinem geistigen beziehungsweise bewussten Wesen überschreitet er die Grenzen materiellen Daseins. Seine geistigen Kräfte, die edler und höher sind, besitzen Qualitäten, auf die es in der Natur selbst keine Hinweise gibt. Deshalb siegen die geistigen Kräfte des Menschen über die Naturgegebenheiten. Diese vollkommenen Qualitäten und Kräfte im Menschen übersteigen die Natur oder schließen sie ein, begreifen die Gesetze und Phänomene der Natur, durchdringen die Geheimnisse des Unbekannten und Unsichtbaren und holen sie hervor in den Bereich des Bekannten und Sichtbaren. Alle vorhandenen Künste und Wissenschaften waren einmal verborgene Naturgeheimnisse. Durch seine Beherrschung und Steuerung der Natur entlockte der Mensch sie der Ebene des Unsichtbaren und brachte sie in den Bereich des Sichtbaren, obwohl diese Geheimnisse den Naturgesetzen zufolge unentdeckt und verborgen geblieben wären. Entsprechend den Naturgesetzen wäre Elektrizität eine verborgene, geheime Kraft. Aber der durchdringende Verstand des Menschen hat sie entdeckt, aus dem Bereich des Geheimen herausgeholt und sie zu einem gehorsamen Diener des Menschen gemacht. Was den Körper und seine Funktionen betrifft, so ist der Mensch ein Gefangener der Natur. Er kann naturgemäß nicht ohne Schlaf auskommen, und er muss essen und trinken, wie es die Natur fordert. Aber durch sein geistiges Wesen und seinen Verstand beherrscht und kontrolliert der Mensch die Natur, die über sein körperliches Dasein herrscht. Dessen ungeachtet gibt es anderslautende Meinungen und materialistische Sichtweisen, die den Menschen völlig auf die körperliche Unterwerfung unter die Naturgesetze eingrenzen würden. Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, die erste Steigerungsstufe übertreffe die Höchststufe, das Unvollkommene schließe das Vollkommene ein, der Schüler überrage den Lehrer – was alles unlogisch und unmöglich ist. Wenn klar und offensichtlich ist, dass der Verstand des Menschen, seine schöpferische Fähigkeit, seine Fähigkeit zur Durchdringung und Entdeckung die Natur überschreiten, wie können wir dann behaupten, er sei Sklave und Gefangener der Natur? Dies würde bedeuten, dass der Mensch der Gaben Gottes beraubt ist, dass er auf die Stufe des Tieres zurückfällt, dass sein scharfer Superverstand keine Funktion hat und dass er sich selbst als Tier einschätzt, ohne Unterscheidung zwischen seinem eigenen Reich und dem Reich des Tieres.
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Ich habe mich einmal mit einem berühmten Philosophen der materialistischen Schule in Alexandria unterhalten. Er vertrat nachdrücklich die Ansicht, dass der Mensch und die anderen Reiche des Daseins unter der Kontrolle der Natur stehen und dass der Mensch letztlich nur ein soziales Wesen ist, und zwar oft ein sehr tierisches. Als er sich in einer Auseinandersetzung unterlegen fühlte, sagte er impulsiv: »Ich sehe keinen Unterschied zwischen mir und einem Esel, und ich bin nicht bereit, Unterscheidungen einzuräumen, die ich nicht wahrnehmen kann.« ‘Abdu’l-Bahá antwortete: »Nein, ich betrachte Sie als etwas grundsätzlich anderes; ich bezeichne Sie als Menschen, den Esel aber als Tier. Ich erkenne, dass Sie sehr klug sind, was der Esel nicht ist. Ich weiß, dass Sie sich mit Philosophie gut auskennen, und ich weiß auch, dass der Esel dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Daher bin ich nicht bereit, Ihre Aussage zu akzeptieren.«
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Betrachtet die Frau neben mir, die in dieses kleine Buch schreibt. Das scheint eine sehr belanglose, gewöhnliche Tätigkeit zu sein, aber aufgrund vernünftiger Überlegung werdet ihr zum Schluss kommen, dass das Geschriebene die Existenz eines Schreibers voraussetzt und beweist. Diese Worte haben sich nicht selbst geschrieben, und diese Buchstaben sind nicht durch ihren eigenen Willen zusammengekommen. Es ist offensichtlich, dass es einen Schreiber geben muss.
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