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34:1Heute morgen ist die Stadt in Dunst und Nebel gehüllt. Wie schön ist eine Stadt, wenn die Sonne scheint. So, wie dieser Nebel und Dunst die Sonnenpracht verbergen, so verdunkeln menschliche Vorstellungen die Sonne der Wahrheit. Betrachtet die glänzende Herrlichkeit der großen Sonne mitten in unserem Planetensystem: Wie wunderbar ist der Anblick, wie sorgt ihr Licht für klare Sicht, bis Nebel und Wolken sie vor dem Auge verhüllen. Auf die gleiche Weise wird die Sonne der Wahrheit durch Aberglauben und Einbildungen des menschlichen Geistes verhüllt und verborgen. Wenn die Sonne aufgeht, zerstreuen sich Dunst und Nebel, ob sie nun im Nordosten, Osten oder im Südosten erscheint, und wir haben klare Sicht auf ihre Herrlichkeit, während sie sich zum Zenit erhebt. In ähnlicher Weise sind die Völker zu den Aufgangsorten der Sonne der Wahrheit geführt worden, ein jedes zu einem bestimmten Aufgangsort, von dem aus sich das Licht der Religion manifestierte. Aber nach einiger Zeit ist der Aufgangsort zum Gegenstand der Anbetung geworden, und nicht die Sonne selbst, die immer als die eine Sonne am Himmel des göttlichen Willens feststeht. Dadurch kam es zu Meinungsverschiedenheiten, die dazu führten, dass dunkle Wolken den herrlichen Glanz der Wahrheit wieder überschatteten. Wenn sich Nebel und Dunkelheit des Aberglaubens und des Vorurteils aufgelöst haben, werden alle gleichermaßen die Sonne erblicken. Dann werden alle Völker in ihrem Strahlenglanz vereint sein.34:2Da diese Wolken und Hirngespinste menschlichen Aberglaubens das Licht der geistigen Sonne verdecken, müssen wir uns mit aller Kraft bemühen, sie zu zerstreuen. Mögen wir uns dafür verbinden und erleuchtet werden, das zu vollbringen, denn die Sonne ist eine und ihr Strahlen und ihre Freigebigkeit sind allumfassend. Alle Erdenbewohner empfangen die Gaben einer einzigen stofflichen Sonne und niemand wird anderen vorgezogen. Ebenso empfangen alle die himmlischen Gaben des Wortes Gottes. Niemand wird bevorzugt, alle stehen unter seinem Schutz und allumfassenden Licht. Zwischenmenschliche Streitigkeiten und religiöse Meinungsverschiedenheiten verkomplizieren und entstellen die einfache Reinheit und Schönheit der göttlichen Sache, bis Wolken das Licht der Wahrheit verdunkeln und Uneinigkeit entsteht. Nutzt daher Verstand und Vernunft, um diese dichten Wolken vom Horizont des menschlichen Herzens zu vertreiben, sodass alle an der einen Wahrheit aller Propheten festhalten. Wenn Menschen ihre jeweilige Vernunft und ihren Verstand auf die göttlichen Fragen anwenden, dann wird ganz sicher die Macht Gottes alle Schwierigkeiten ausräumen und die ewigen Wahrheiten werden als ein einziges Licht, eine einzige Wahrheit, eine einzige Liebe, ein einziger Gott und ein universeller Frieden erscheinen. – 35 –35:0_1032. Mai 191235:0_104Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois35:0_105Aufzeichnung von Henrietta C. Wagner35:1Untersuchen wir eingehend die Reiche des Daseins und beobachten die uns umgebenden Phänomene des Universums, so entdecken wir die vollkommene Ordnung und absolute Vollkommenheit der Schöpfung. Die einfachen Mineralien in ihren stofflichen Verbindungen, Pflanzen und Gemüse mit Wachstumsvermögen, Tiere mit ihren Instinkten, Menschen mit bewusstem Verstand und Himmelskörper, die sich ergeben durch den grenzenlosen Raum bewegen, unterliegen alle dem allumfassenden, dem vollständigsten und vollkommensten Gesetz. Deshalb hat ein weiser Philosoph gesagt: »Es gibt kein großartigeres oder vollkommeneres Schöpfungssystem als das bereits existierende.« Die Materialisten und Atheisten erklären, diese Ordnung und Symmetrie sei der Natur und ihren Kräften zuzuschreiben. Zusammensetzung und Auflösung, die das Leben und das Dasein ausmachen, seien naturgegeben. Der Mensch selbst sei naturgegeben. Die Natur beherrsche und regiere die Schöpfung, und alle existierenden Dinge seien in der Natur gefangen. Lasst uns diese Aussagen betrachten. Wir stellen fest, dass alle Phänomene einer genauen Ordnung unterliegen und unter der Kontrolle eines allumfassenden Gesetzes stehen. Insofern stellt sich die Frage, ob dies auf die Natur oder auf göttliche und allmächtige Herrschaft zurückzuführen ist. Die Materialisten glauben, dass Regenfälle ein Erfordernis der Natur sind und dass die Erde ohne diesen Regen nicht grünen würde. Sie argumentieren: Wenn die Wolken einen Regenguss verursachen, wenn die Sonne Wärme und Licht ausstrahlt und die Erde über die nötige Beschaffenheit verfügt, müsse unausweichlich die Vegetation folgen. Das Leben der Pflanzen sei darum eine Eigenschaft dieser natürlichen Kräfte und ein Zeichen der Natur, so wie der Verbrennungsvorgang die natürliche Eigenschaft des Feuers sei, das Feuer darum brenne und Feuer ohne Brennen für uns undenkbar sei.35:2Unsere Antwort auf diese Aussagen ist, dass aus den von Materialisten vorgebrachten Annahmen die Schlussfolgerungen gezogen werden, dass die Natur das Dasein steuert und beherrscht und dass alle Vortrefflichkeit und Vollkommenheit natürliche Erfordernisse und Ergebnisse sind. Daraus folgt ferner, dass der Mensch nur ein Teil oder Element dessen ist, was die Natur als Ganzes ausmacht.35:3Der Mensch besitzt bestimmte Kräfte, die es in der Natur so nicht gibt. Er setzt seine Willenskraft ein, die Natur hingegen hat keinen Willen. So ist es ein Wesensmerkmal der Sonne, Licht zu geben. Das ist so geregelt – sie kann nichts anderes tun, als Licht auszustrahlen –, aber sie tut dies nicht willentlich. Ein Wesensmerkmal des Phänomens Elektrizität besteht darin, dass sie sich unter bestimmten Bedingungen in Funken und Blitzen zeigt, aber sie kann nicht willentlich Licht erzeugen. Ein Wesensmerkmal oder eine Eigenschaft des Wassers ist Feuchtigkeit. Es kann sich von dieser Eigenschaft nicht durch eigenen Willen trennen. In gleicher Weise gehören alle Merkmale der Natur zu ihrem Wesen und folgen diesem unwillkürlich. Aus philosophischer Perspektive ist die Natur also ohne Willen und ohne Begriffsvermögen. In dieser Feststellung, diesem Grundsatz stimmen wir mit den Materialisten überein. Aber die Frage, die zum Nachdenken anregt, lautet: Wie kommt es, dass der Mensch, der doch Teil des universellen Plans ist, bestimmte Eigenschaften besitzt, die der Natur fehlen? Ist es denkbar, dass ein Tropfen mit Eigenschaften erfüllt ist, die dem Ozean gänzlich fehlen? Der Tropfen ist ein Teil, der Ozean ist das Ganze. Kann es das Phänomen eines Verbrennungsvorganges oder einer Beleuchtung geben, das der große Himmelskörper, die Sonne selbst, nicht hervorbringt? Ist es möglich, dass ein Stein Eigenschaften besitzt, die dem gesamten Mineralreich fehlen? Kann beispielsweise der Fingernagel, der Teil der menschlichen Anatomie ist, mit Zelleigenschaften ausgestattet sein, die dem Gehirn fehlen?35:4Der Mensch ist intelligent, sowohl instinktiv als auch bewusst intelligent. Die Natur ist dies nicht. Der Mensch besitzt Erinnerungsvermögen, die Natur nicht. Der Mensch entdeckt die Geheimnisse der Natur, die Natur ist sich dieser Geheimnisse nicht bewusst. Es ist daher offensichtlich, dass der Mensch aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden muss: Als Tier ist er der Natur unterworfen, aber in seinem geistigen beziehungsweise bewussten Wesen überschreitet er die Grenzen materiellen Daseins. Seine geistigen Kräfte, die edler und höher sind, besitzen Qualitäten, auf die es in der Natur selbst keine Hinweise gibt. Deshalb siegen die geistigen Kräfte des Menschen über die Naturgegebenheiten. Diese vollkommenen Qualitäten und Kräfte im Menschen übersteigen die Natur oder schließen sie ein, begreifen die Gesetze und Phänomene der Natur, durchdringen die Geheimnisse des Unbekannten und Unsichtbaren und holen sie hervor in den Bereich des Bekannten und Sichtbaren. Alle vorhandenen Künste und Wissenschaften waren einmal verborgene Naturgeheimnisse. Durch seine Beherrschung und Steuerung der Natur entlockte der Mensch sie der Ebene des Unsichtbaren und brachte sie in den Bereich des Sichtbaren, obwohl diese Geheimnisse den Naturgesetzen zufolge unentdeckt und verborgen geblieben wären. Entsprechend den Naturgesetzen wäre Elektrizität eine verborgene, geheime Kraft. Aber der durchdringende Verstand des Menschen hat sie entdeckt, aus dem Bereich des Geheimen herausgeholt und sie zu einem gehorsamen Diener des Menschen gemacht. Was den Körper und seine Funktionen betrifft, so ist der Mensch ein Gefangener der Natur. Er kann naturgemäß nicht ohne Schlaf auskommen, und er muss essen und trinken, wie es die Natur fordert. Aber durch sein geistiges Wesen und seinen Verstand beherrscht und kontrolliert der Mensch die Natur, die über sein körperliches Dasein herrscht. Dessen ungeachtet gibt es anderslautende Meinungen und materialistische Sichtweisen, die den Menschen völlig auf die körperliche Unterwerfung unter die Naturgesetze eingrenzen würden. Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, die erste Steigerungsstufe übertreffe die Höchststufe, das Unvollkommene schließe das Vollkommene ein, der Schüler überrage den Lehrer – was alles unlogisch und unmöglich ist. Wenn klar und offensichtlich ist, dass der Verstand des Menschen, seine schöpferische Fähigkeit, seine Fähigkeit zur Durchdringung und Entdeckung die Natur überschreiten, wie können wir dann behaupten, er sei Sklave und Gefangener der Natur? Dies würde bedeuten, dass der Mensch der Gaben Gottes beraubt ist, dass er auf die Stufe des Tieres zurückfällt, dass sein scharfer Superverstand keine Funktion hat und dass er sich selbst als Tier einschätzt, ohne Unterscheidung zwischen seinem eigenen Reich und dem Reich des Tieres.35:5Ich habe mich einmal mit einem berühmten Philosophen der materialistischen Schule in Alexandria unterhalten. Er vertrat nachdrücklich die Ansicht, dass der Mensch und die anderen Reiche des Daseins unter der Kontrolle der Natur stehen und dass der Mensch letztlich nur ein soziales Wesen ist, und zwar oft ein sehr tierisches. Als er sich in einer Auseinandersetzung unterlegen fühlte, sagte er impulsiv: »Ich sehe keinen Unterschied zwischen mir und einem Esel, und ich bin nicht bereit, Unterscheidungen einzuräumen, die ich nicht wahrnehmen kann.« ‘Abdu’l-Bahá antwortete: »Nein, ich betrachte Sie als etwas grundsätzlich anderes; ich bezeichne Sie als Menschen, den Esel aber als Tier. Ich erkenne, dass Sie sehr klug sind, was der Esel nicht ist. Ich weiß, dass Sie sich mit Philosophie gut auskennen, und ich weiß auch, dass der Esel dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Daher bin ich nicht bereit, Ihre Aussage zu akzeptieren.«35:6Betrachtet die Frau neben mir, die in dieses kleine Buch schreibt. Das scheint eine sehr belanglose, gewöhnliche Tätigkeit zu sein, aber aufgrund vernünftiger Überlegung werdet ihr zum Schluss kommen, dass das Geschriebene die Existenz eines Schreibers voraussetzt und beweist. Diese Worte haben sich nicht selbst geschrieben, und diese Buchstaben sind nicht durch ihren eigenen Willen zusammengekommen. Es ist offensichtlich, dass es einen Schreiber geben muss.35:7Und jetzt betrachtet dieses unendliche Universum. Hätte es ohne einen Schöpfer erschaffen werden können? Oder ist es möglich, dass der Schöpfer und die Ursache dieser unendlichen Vielzahl an Welten nicht intelligent wäre? Ist der Gedanke haltbar, dass der Schöpfer keinen Begriff davon hat, was sich in der Schöpfung zeigt? Der Mensch, das Geschöpf, besitzt Willenskraft und gewisse Eigenschaften. Ist es dann möglich, dass der Schöpfer sie nicht besitzt? Selbst ein Kind könnte diese Annahme und Aussage nicht akzeptieren. Es ist völlig offensichtlich, dass der Mensch sich nicht selbst erschaffen hat und dass er dies auch nicht kann. Wie könnte der Mensch, schwach wie er ist, ein so mächtiges Wesen erschaffen? Daher muss der Schöpfer des Menschen vollkommener und mächtiger sein als der Mensch. Wenn die Schöpfungsursache des Menschen einfach auf derselben Ebene wie der Mensch stünde, dann sollte der Mensch fähig sein, eine Schöpfung hervorzubringen, dabei wissen wir sehr wohl, dass wir nicht einmal etwas erschaffen können, das uns ähnlich ist. Daher muss der Schöpfer des Menschen in allen Punkten, die die Schöpfung beinhaltet und voraussetzt, mit allerhöchster Intelligenz und Macht ausgestattet sein. Wir sind schwach, Er ist mächtig, denn wenn Er nicht mächtig wäre, hätte Er uns nicht erschaffen können. Wir sind unwissend, Er ist weise. Wir sind arm, Er ist reich. Andernfalls wäre Er unfähig gewesen, uns zu erschaffen.35:8Zu den Belegen für die Existenz einer göttlichen Kraft gehört, dass manche Dinge oft durch ihr Gegenteil erkannt werden. Ohne Dunkelheit könnte kein Licht wahrgenommen werden. Ohne den Tod könnte man nichts vom Leben wissen. Wenn es keine Unwissenheit gäbe, gäbe es kein Wissen. Es ist notwendig, dass das eine existiert, damit das andere vorhanden sein kann. Es muss Nacht und Tag geben, damit beide unterschieden werden können. Die Nacht selbst ist ein Hinweis auf und ein Zeugnis für den folgenden Tag, und der Tag selbst deutet auf die kommende Nacht. Gäbe es keine Nacht, könnte es keinen Tag geben. Ohne den Tod könnte es kein Leben geben. Die Dinge werden durch ihr Gegenteil erkannt.35:9Daher ist unsere Schwäche ein Beweis dafür, dass es eine Macht gibt, unsere Unwissenheit beweist das Vorhandensein von Wissen, unser Bedarf weist auf Versorgung und Wohlstand hin. Ohne Wohlstand würde dieser Bedarf nicht bestehen, ohne Wissen wäre Unwissenheit unbekannt, ohne Macht würde es keine Schwäche geben. Mit anderen Worten: Bedarf und Bereitstellung sind das Gesetz, und zweifellos haben alle Kräfte einen Ursprung und einen Mittelpunkt. Dieser Ursprung ist Gott, von Dem alle diese Gaben stammen. – 36 –36:0_1063. Mai 191236:0_107Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois36:0_108Aufzeichnungen von Marzieh Moss36:1Ich befand mich im Orient, und der Orient ist von diesem Teil der Welt sehr weit entfernt. Das Reisen ist beschwerlich, besonders für mich, wegen meiner körperlichen Gebrechen, die in vierzig Jahren Gefängnishaft zugenommen haben. Meine körperlichen Kräfte sind schwach; es ist die Willenskraft, die mich aufrechterhält. Das zeigt euch, wie groß meine Anstrengung und wie fest mein Vorsatz war, diese Reise durch den Willen Gottes zu bewerkstelligen. Möge sie dem Abendland zu großer Erleuchtung verhelfen.36:2In dieser westlichen Welt mit ihrem anregenden Klima, ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten und ihren hohen Idealen sollte sich die Botschaft des Friedens leicht verbreiten. Die Menschen hier sind weniger von blinder Nachahmung und Vorurteilen beeinflusst, und da sie zwischen Schein und Sein unterscheiden, sollten sie die Wahrheit erkennen können. Sie sollten führend sein im Bemühen, die Einheit der Menschheit zu verwirklichen. Welche Verantwortung ist größer als diese? Im Reich Gottes gibt es keinen größeren Dienst, und in den Augen der Propheten, Jesus Christus eingeschlossen, gibt es keine wertvollere Tat.36:3Doch bis zum heutigen Tage herrscht Krieg. Zwischen den Völkern sind Neid und Hass entstanden. Da ich aber das amerikanische Volk für so leistungsfähig halte und die gegenwärtige Regierung als die redlichste der westlichen Regierungen erachte und ihre Institutionen als denen anderer überlegen, ist meine sehnliche Hoffnung, dass das Banner der internationalen Versöhnung zuerst auf diesem Kontinent gehisst und die Standarte des Größten Friedens hier entfaltet werde. Mögen das amerikanische Volk und seine Regierung sich in ihren Bemühungen zusammenschließen, damit dieses Licht an diesem Ort aufleuchte und in alle Gebiete ausstrahle, denn dies ist eine der größten Gaben Gottes. Damit Amerika diese Gelegenheit ergreift, bitte ich darum, dass ihr euch mit Herz und Seele bemüht, betet und alle eure Kräfte diesem Ziel widmet: Dass das Banner des Weltfriedens hier gehisst wird und diese Demokratie dazu führt, dass in allen anderen Ländern der Krieg beendet wird.36:4Seht, was in Tripolis geschieht: Menschen, die einander zerstückeln, Bombardierungen vom Meer aus, Angriffe vom Land aus und Dynamithagel direkt vom Himmel. Die gegeneinander kämpfenden Armeen dürsten nach dem Blut der jeweils anderen. Unfassbar, dass sie das tun können. Sie haben Väter, Mütter, Kinder. Sie sind Menschen. Was ist mit ihren Frauen und Familien? Denkt nur an deren Qualen und Leiden. Wie ungerecht, wie schrecklich! Menschliche Wesen sollten dies verhindern und untersagen. Diese Könige, Herrscher und Oberhäupter sollten sich um das Wohl ihrer Untertanen bemühen statt um ihre Vernichtung. Diese Hirten sollten ihre Schafe in der Herde sammeln, sie hüten und weiden, anstatt sie zu töten und zu schlachten.36:5Ich flehe zum Königreich Gottes und bitte darum, dass ihr in diesem Land maßgeblich an der Errichtung des großen Friedens mitwirkt und dass diese Regierung und Nation ihn auf der ganzen Welt verbreitet.– 37 –37:0_1093. Mai 191237:0_110Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois37:0_111Aufzeichnungen von Marzieh Moss37:1Nach Aussage der Philosophen ist der Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten Stufe des Menschseins auf Erziehung und Bildung zurückzuführen. Folgende Beweise bringen sie vor: Die Zivilisation Europas und Amerikas ist Zeugnis und Ergebnis der Bildung und Erziehung, während an den halbzivilisierten und rohen Völkern Afrikas sichtbar wird, dass ihnen die damit verbundenen Vorteile vorenthalten wurden. Erziehung und Bildung machen den Unwissenden weise, den Tyrannen gerecht, sie fördern das Glück, schärfen den Verstand, entwickeln den Willen und machen die fruchtlosen Bäume der Menschheit wieder fruchtbar. Darum haben einige Menschen eine hohe Stufe erreicht, während andere im Abgrund der Verzweiflung herumtappen. Trotzdem kann jeder Mensch die höchsten geistigen Fähigkeiten erlangen, sogar bis zur Stufe der Propheten. Dies ist die Sichtweise und Erklärung der Philosophen.37:2Die Propheten Gottes sind die ersten Erzieher. Sie verhelfen dem Menschen zu umfassender Erziehung und Bildung und lassen ihn von den niedrigsten Ebenen der Rohheit zu den höchsten Gipfeln geistiger Entwicklung emporsteigen. Auch Philosophen sind Erzieher, und zwar hinsichtlich der Schulung des Verstandes. Sie waren jedoch allenfalls in der Lage, sich selbst und eine begrenzte Zahl anderer dazu zu bringen, ihre Ethik zu verbessern und sich sozusagen selbst zu zivilisieren; aber sie waren außerstande, universelle Erziehung zu bewirken. Sie haben es nicht vermocht, irgendein Volk aus der Wildheit in die Zivilisation zu führen.37:3Obwohl Erziehung die Ethik der Menschheit verbessert, die Vorzüge der Zivilisation hervorbringt und den Menschen von den niedrigsten Ebenen auf einen erhabenen Rang emporhebt, gibt es trotzdem Unterschiede in den wesenhaften, angeborenen Fähigkeiten der Einzelnen. Zehn gleichaltrige Kinder der gleichen sozialen Herkunft, die in der gleichen Schule unterrichtet, auf die gleiche Weise ernährt, in jeder Hinsicht dem gleichen Umfeld ausgesetzt sind und gleiche gemeinsame Interessen haben, werden in unterschiedlichem Grad verschiedene Fähigkeiten und Begabungen aufweisen und sich unterschiedlich entwickeln; manche werden überaus scharfsinnig sein und rasch vorankommen, manche werden durchschnittliche Fähigkeiten haben, andere werden eingeschränkt und unfähig sein. Einer mag ein gelehrter Professor werden, während ein anderer mit der gleichen Erziehung sich als beschränkt und einfältig erweist. Die Chancen waren in jeder Hinsicht gleich, aber die Erfolge und Ergebnisse variieren vom höchsten bis zum niedrigsten Reifegrad. Offensichtlich gibt es also zwischen den Menschen Unterschiede bezüglich der angeborenen Fähigkeiten und der geistigen Begabungen. Und dennoch ist jeder Mensch, trotz unterschiedlicher Fähigkeiten, zur Bildung fähig.37:4Jesus Christus war ein Erzieher der Menschheit. Seine Lehren waren selbstlos, Seine Gaben allumfassend. Er lehrte die Menschheit durch die Kraft des Heiligen Geistes und nicht mit menschlichen Mitteln, denn die menschliche Kraft ist begrenzt, während die göttliche Kraft unbegrenzt und unendlich ist. Der Einfluss und die Erfolge Christi bezeugen dies. Galenos, der griechische Arzt und Philosoph, der im zweiten Jahrhundert nach Christus lebte, schrieb eine Abhandlung über die Kultur der Völker. Er war kein Christ, aber er bezeugte, dass Glaubensüberzeugungen eine außerordentliche Wirkung auf Zivilisationsprobleme haben. Im Wesentlichen sagte er: »Es gibt unter uns bestimmte Menschen, Anhänger von Jesus von Nazareth, der in Jerusalem getötet wurde. Diese Menschen sind wahrhaft durchdrungen von moralischen Prinzipien, um die Philosophen sie beneiden. Sie glauben an Gott und haben Ehrfurcht vor Ihm. Sie hoffen auf Seine Gunst; darum meiden sie alle unwürdigen Taten und Handlungen und neigen zu einer lobenswerten Ethik und Moral. Tag und Nacht streben sie danach, dass ihre Taten vorbildlich sind und dass sie zur Wohlfahrt der Menschheit beitragen; darum ist eigentlich jeder von ihnen ein Philosoph, denn diese Menschen haben das erreicht, was Wesen und Zweck der Philosophie ist. Diese Menschen haben lobenswerte Sitten, mögen sie auch ungebildet sein.«37:5All dies soll zeigen, dass die heiligen Manifestationen Gottes, die göttlichen Propheten, die ersten Lehrer der Menschheit sind. Sie sind universelle Erzieher, und die Grundsätze, die sie aufgestellt haben, bedingen und beeinflussen den Fortschritt der Völker. Nichts von den Bräuchen und blinden Nachahmungen, die sich später einschleichen, dient diesem Fortschritt. Im Gegenteil, sie zerstören die Grundlagen, die die himmlischen Erzieher für die Menschheit eingeführt haben. Sie sind Wolken, die die Sonne der Wahrheit verdunkeln. Wenn ihr über die grundlegenden Lehren Jesu nachdenkt, werdet ihr erkennen, dass sie das Licht der Welt sind. Niemand kann ihre Wahrheit bezweifeln. Sie sind die wahre Quelle des Lebens und die Ursache für das Glück der Menschheit. Die entstandenen Gebräuche und der Aberglaube, die das Licht verdunkelten, hatten keinen Einfluss auf die Wahrheit Christi. So sprach Jesus Christus: »Stecke dein Schwert in die Scheide.« Johannes 18,11A Dies besagt, dass Krieg verboten und abgeschafft ist. Betrachtet aber die Kriege der Christenheit, die später geführt wurden. Feindseligkeit und Inquisition im Namen des Christentums verschonten nicht einmal die Gelehrten. Wer verkündete, dass die Erde um die Sonne kreist, wurde eingesperrt. Wer das neue astronomische System verkündete, wurde als Ketzer verfolgt. Gelehrte und Wissenschaftler wurden zur Zielscheibe für fanatischen Hass, und viele wurden getötet oder gefoltert. Wie passen diese Taten zu den Lehren Jesu Christi, und welchen Bezug haben sie zu Seinem Beispiel? Denn Christus verkündete: »Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte.« Matthäus 5, 44ff.A Wie lassen sich Hass, Feindseligkeit und Verfolgung mit Christus und Seinen Lehren vereinbaren?37:6Darum ist es notwendig, sich wieder der ursprünglichen Grundlage zuzuwenden. Die grundlegenden Prinzipien der Propheten sind richtig und wahr. Blinde Nachahmung und Aberglaube, die sich eingeschlichen haben, stehen in schroffem Gegensatz zu den ursprünglichen Vorschriften und Geboten. Die Quintessenz der Lehren aller Propheten wurde von Bahá’u’lláh nochmals verkündet und neu festgelegt, wobei Er das Beiwerk verwarf und die Religion von menschlicher Auslegung reinigte. Er schrieb ein Buch mit dem Titel Die Verborgenen Worte. Zu Anfang heißt es darin, es enthalte den Wesenskern der Worte der Propheten der Vergangenheit, gekleidet in das Gewand der Kürze, zur Belehrung und geistigen Rechtleitung der Menschheit. Lest es, auf dass ihr die wahren Grundlagen der Religion verstehen und über die Inspiration der Boten Gottes nachsinnen möget. Es ist Licht über Licht.37:7Wir dürfen die Wahrheit nicht in den Taten und Handlungen der Völker suchen; wir müssen die Wahrheit an ihrer göttlichen Quelle erforschen und die gesamte Menschheit zu wahrhaftiger Einheit rufen.– 38 –38:0_1124. Mai 191238:0_113Ansprache in der Theosophischen Gesellschaft
Northwestern University Hall, Evanston, Illinois38:0_114Aufzeichnungen von Marzieh Moss38:1Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Treffen teilnehmen kann. Preis sei Gott! Ich sehe vor mir die Gesichter von aufnahmefähigen Menschen, die sich danach sehnen, die Wahrheit zu erforschen. Das führt zu größter Freude.
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