‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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3. Mai 1912
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Ansprache im Hotel Plaza
Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Marzieh Moss
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Nach Aussage der Philosophen ist der Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten Stufe des Menschseins auf Erziehung und Bildung zurückzuführen. Folgende Beweise bringen sie vor: Die Zivilisation Europas und Amerikas ist Zeugnis und Ergebnis der Bildung und Erziehung, während an den halbzivilisierten und rohen Völkern Afrikas sichtbar wird, dass ihnen die damit verbundenen Vorteile vorenthalten wurden. Erziehung und Bildung machen den Unwissenden weise, den Tyrannen gerecht, sie fördern das Glück, schärfen den Verstand, entwickeln den Willen und machen die fruchtlosen Bäume der Menschheit wieder fruchtbar. Darum haben einige Menschen eine hohe Stufe erreicht, während andere im Abgrund der Verzweiflung herumtappen. Trotzdem kann jeder Mensch die höchsten geistigen Fähigkeiten erlangen, sogar bis zur Stufe der Propheten. Dies ist die Sichtweise und Erklärung der Philosophen.
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Die Propheten Gottes sind die ersten Erzieher. Sie verhelfen dem Menschen zu umfassender Erziehung und Bildung und lassen ihn von den niedrigsten Ebenen der Rohheit zu den höchsten Gipfeln geistiger Entwicklung emporsteigen. Auch Philosophen sind Erzieher, und zwar hinsichtlich der Schulung des Verstandes. Sie waren jedoch allenfalls in der Lage, sich selbst und eine begrenzte Zahl anderer dazu zu bringen, ihre Ethik zu verbessern und sich sozusagen selbst zu zivilisieren; aber sie waren außerstande, universelle Erziehung zu bewirken. Sie haben es nicht vermocht, irgendein Volk aus der Wildheit in die Zivilisation zu führen.
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Obwohl Erziehung die Ethik der Menschheit verbessert, die Vorzüge der Zivilisation hervorbringt und den Menschen von den niedrigsten Ebenen auf einen erhabenen Rang emporhebt, gibt es trotzdem Unterschiede in den wesenhaften, angeborenen Fähigkeiten der Einzelnen. Zehn gleichaltrige Kinder der gleichen sozialen Herkunft, die in der gleichen Schule unterrichtet, auf die gleiche Weise ernährt, in jeder Hinsicht dem gleichen Umfeld ausgesetzt sind und gleiche gemeinsame Interessen haben, werden in unterschiedlichem Grad verschiedene Fähigkeiten und Begabungen aufweisen und sich unterschiedlich entwickeln; manche werden überaus scharfsinnig sein und rasch vorankommen, manche werden durchschnittliche Fähigkeiten haben, andere werden eingeschränkt und unfähig sein. Einer mag ein gelehrter Professor werden, während ein anderer mit der gleichen Erziehung sich als beschränkt und einfältig erweist. Die Chancen waren in jeder Hinsicht gleich, aber die Erfolge und Ergebnisse variieren vom höchsten bis zum niedrigsten Reifegrad. Offensichtlich gibt es also zwischen den Menschen Unterschiede bezüglich der angeborenen Fähigkeiten und der geistigen Begabungen. Und dennoch ist jeder Mensch, trotz unterschiedlicher Fähigkeiten, zur Bildung fähig.
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Jesus Christus war ein Erzieher der Menschheit. Seine Lehren waren selbstlos, Seine Gaben allumfassend. Er lehrte die Menschheit durch die Kraft des Heiligen Geistes und nicht mit menschlichen Mitteln, denn die menschliche Kraft ist begrenzt, während die göttliche Kraft unbegrenzt und unendlich ist. Der Einfluss und die Erfolge Christi bezeugen dies. Galenos, der griechische Arzt und Philosoph, der im zweiten Jahrhundert nach Christus lebte, schrieb eine Abhandlung über die Kultur der Völker. Er war kein Christ, aber er bezeugte, dass Glaubensüberzeugungen eine außerordentliche Wirkung auf Zivilisationsprobleme haben. Im Wesentlichen sagte er: »Es gibt unter uns bestimmte Menschen, Anhänger von Jesus von Nazareth, der in Jerusalem getötet wurde. Diese Menschen sind wahrhaft durchdrungen von moralischen Prinzipien, um die Philosophen sie beneiden. Sie glauben an Gott und haben Ehrfurcht vor Ihm. Sie hoffen auf Seine Gunst; darum meiden sie alle unwürdigen Taten und Handlungen und neigen zu einer lobenswerten Ethik und Moral. Tag und Nacht streben sie danach, dass ihre Taten vorbildlich sind und dass sie zur Wohlfahrt der Menschheit beitragen; darum ist eigentlich jeder von ihnen ein Philosoph, denn diese Menschen haben das erreicht, was Wesen und Zweck der Philosophie ist. Diese Menschen haben lobenswerte Sitten, mögen sie auch ungebildet sein.«
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All dies soll zeigen, dass die heiligen Manifestationen Gottes, die göttlichen Propheten, die ersten Lehrer der Menschheit sind. Sie sind universelle Erzieher, und die Grundsätze, die sie aufgestellt haben, bedingen und beeinflussen den Fortschritt der Völker. Nichts von den Bräuchen und blinden Nachahmungen, die sich später einschleichen, dient diesem Fortschritt. Im Gegenteil, sie zerstören die Grundlagen, die die himmlischen Erzieher für die Menschheit eingeführt haben. Sie sind Wolken, die die Sonne der Wahrheit verdunkeln. Wenn ihr über die grundlegenden Lehren Jesu nachdenkt, werdet ihr erkennen, dass sie das Licht der Welt sind. Niemand kann ihre Wahrheit bezweifeln. Sie sind die wahre Quelle des Lebens und die Ursache für das Glück der Menschheit. Die entstandenen Gebräuche und der Aberglaube, die das Licht verdunkelten, hatten keinen Einfluss auf die Wahrheit Christi. So sprach Jesus Christus: »Stecke dein Schwert in die Scheide.« Johannes 18,11A Dies besagt, dass Krieg verboten und abgeschafft ist. Betrachtet aber die Kriege der Christenheit, die später geführt wurden. Feindseligkeit und Inquisition im Namen des Christentums verschonten nicht einmal die Gelehrten. Wer verkündete, dass die Erde um die Sonne kreist, wurde eingesperrt. Wer das neue astronomische System verkündete, wurde als Ketzer verfolgt. Gelehrte und Wissenschaftler wurden zur Zielscheibe für fanatischen Hass, und viele wurden getötet oder gefoltert. Wie passen diese Taten zu den Lehren Jesu Christi, und welchen Bezug haben sie zu Seinem Beispiel? Denn Christus verkündete: »Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte.« Matthäus 5, 44ff.A Wie lassen sich Hass, Feindseligkeit und Verfolgung mit Christus und Seinen Lehren vereinbaren?
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Darum ist es notwendig, sich wieder der ursprünglichen Grundlage zuzuwenden. Die grundlegenden Prinzipien der Propheten sind richtig und wahr. Blinde Nachahmung und Aberglaube, die sich eingeschlichen haben, stehen in schroffem Gegensatz zu den ursprünglichen Vorschriften und Geboten. Die Quintessenz der Lehren aller Propheten wurde von Bahá’u’lláh nochmals verkündet und neu festgelegt, wobei Er das Beiwerk verwarf und die Religion von menschlicher Auslegung reinigte. Er schrieb ein Buch mit dem Titel Die Verborgenen Worte. Zu Anfang heißt es darin, es enthalte den Wesenskern der Worte der Propheten der Vergangenheit, gekleidet in das Gewand der Kürze, zur Belehrung und geistigen Rechtleitung der Menschheit. Lest es, auf dass ihr die wahren Grundlagen der Religion verstehen und über die Inspiration der Boten Gottes nachsinnen möget. Es ist Licht über Licht.
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Wir dürfen die Wahrheit nicht in den Taten und Handlungen der Völker suchen; wir müssen die Wahrheit an ihrer göttlichen Quelle erforschen und die gesamte Menschheit zu wahrhaftiger Einheit rufen.
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4. Mai 1912
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Ansprache in der Theosophischen Gesellschaft
Northwestern University Hall, Evanston, Illinois
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Aufzeichnungen von Marzieh Moss
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Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Treffen teilnehmen kann. Preis sei Gott! Ich sehe vor mir die Gesichter von aufnahmefähigen Menschen, die sich danach sehnen, die Wahrheit zu erforschen. Das führt zu größter Freude.
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Der göttlichen Philosophie zufolge gibt es in der stofflichen Erscheinungswelt zwei bedeutsame und universelle Zustände: Einer betrifft das Leben, der andere den Tod; einer bezieht sich auf das Dasein, der andere auf das Nichtsein; einer zeigt sich als Zusammensetzung, der andere als Auflösung. Manche definieren Dasein als den Ausdruck von Wirklichkeit oder Vorhandensein und Nichtexistenz als Nichtvorhandensein, wobei sie sich vorstellen, der Tod sei völlige Auslöschung. Dies ist eine irrige Annahme, denn völlige Auslöschung ist unmöglich. Man kann allenfalls sagen, dass alles Zusammengesetzte einer Auflösung oder Zersetzung unterliegt. Dasein bedeutet nämlich die Gruppierung materieller Bestandteile in einer Form oder einem Körper, während Nichtsein einfach die Auflösung dieser Gruppierungen ist. Das ist das Gesetz der Schöpfung in seiner grenzenlosen Formenvielfalt und seinen unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Bestimmte Elemente haben durch Zusammensetzung das Geschöpf Mensch geformt. Diese Zusammensetzung der Elemente in der Form eines menschlichen Körpers unterliegt daher dem Zerfall, den wir Tod nennen, doch nach dem Zerfall bleiben die Elemente selbst unverändert. Darum ist gänzliche Auslöschung unmöglich und Dasein kann nie Nichtsein werden. Das wäre gleichbedeutend mit der Aussage, Licht könne Finsternis werden, was offensichtlich unwahr und unmöglich ist. Weil Dasein niemals zu Nichtsein werden kann, gibt es für den Menschen keinen Tod; vielmehr ist der Mensch unvergänglich und ewig lebend. Der rationale Beweis dafür ist, dass die Atome der stofflichen Bestandteile von einer Form des Daseins zu einer anderen wechseln können, von einer niedrigeren oder höheren Stufe zu einer anderen, von einem Reich zu einem anderen. Zum Beispiel kann ein einzelnes Atom aus dem Staub der Erde die Reiche vom Mineral bis zum Menschen durchlaufen, indem es nacheinander einem Organismus des jeweiligen Reichs eingegliedert wird. Einmal geht es in die Bildung eines Minerals oder Gesteins ein; dann wird es vom Pflanzenreich aufgenommen und wird Bestandteil des Körpers und der Faser eines Baumes; schließlich wird es dem Tier zu eigen, und noch später findet man es im Körper des Menschen. Im Verlauf dieser allmählichen Reise durch verschiedene Reiche von einer Daseinsform zur nächsten behält es stets sein atomares Dasein und wird weder ausgelöscht noch in das Nichtsein zurückversetzt.
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Nichtsein ist daher ein Ausdruck, der auf Änderungen der Form angewendet wird, aber diese Umformung kann niemals korrekt als Auslöschung angesehen werden; denn wie wir auf der Reise des Atoms durch aufeinanderfolgende Reiche gesehen haben, sind die Elemente der Zusammensetzung immer und unvermindert vorhanden. So gesehen gibt es keinen Tod, das Leben währt ewig. Wenn das Atom Teil der Zusammensetzung des Baumes wird, stirbt es sozusagen für das Mineralreich, und wenn es vom Tier verzehrt wird, stirbt es für das Pflanzenreich, und so weiter bis zu seiner Überführung oder Umwandlung in das Reich des Menschen; doch während seiner Reise wurde es umgestaltet, aber nicht ausgelöscht. Tod ist deshalb im Wesentlichen ein Übergang von einer Stufe oder einem Zustand in einen anderen. Im Mineralreich gab es einen Geist des Daseins; in der Pflanzenwelt erschien er wieder als Geist des Wachstums; von dort ging er in den tierischen Geist über, und schließlich strebte er zum menschlichen Geist empor. Dies sind Stufen und Veränderungen, aber keine Auslöschung, und das ist ein rationaler Beweis dafür, dass der Mensch unvergänglich ist und ewig lebt. Daher ist der Tod nur ein relativer Begriff, der Veränderung bedeutet. Sagen wir zum Beispiel, dass dieses Licht vor mir, wenn es in einer anderen Glühlampe wieder erscheint, in dieser Lampe gestorben ist und in der anderen weiterlebt. Das ist aber kein wirklicher Tod. Die Vorzüge des Minerals werden in die Pflanzen übertragen und von dort in das Tier, wobei ihr Wert im Aufwärtswandel immer weiter gesteigert wird. In jedem Reich finden wir die gleichen Vorzüge vollständiger ausgeprägt, was beweist, dass ihre Wirklichkeit von einer niedrigeren in eine höhere Form und ein höheres Reich des Seins übertragen wurde. Nichtsein ist darum nur relativ und absolutes Nichtsein undenkbar. Diese Rose in meiner Hand wird sich auflösen und ihre ausgewogene Beschaffenheit wird zerstört, aber die elementaren Bestandteile des Gefüges bleiben unverändert; nichts beeinträchtigt ihre grundsätzliche Unversehrtheit. Sie können ihr Dasein nicht verlieren; sie werden einfach von einem Zustand in einen anderen überführt.
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Wegen seiner Unwissenheit fürchtet der Mensch den Tod, aber der Tod, vor dem er zurückschreckt, ist nur eingebildet und völlig unwirklich; er ist nur eine menschliche Vorstellung.
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Die Gaben und die Gnade Gottes haben die Schöpfung mit Leben und Sein erfüllt. Für das Dasein gibt es weder Veränderung noch Umbildung. Dasein ist immer Dasein; niemals kann es in Nichtsein umgewandelt werden. Es geht um eine Abstufung; eine Stufe unterhalb einer höheren Stufe wird als Nichtsein angesehen. Dieser Staub unter unseren Füßen ist im Vergleich zu unserem Sein nicht vorhanden. Wenn der menschliche Körper zu Staub zerfällt, können wir sagen, dass er nicht mehr vorhanden ist. Daher ist sein Staub, verglichen mit einem lebenden Menschen, so, als sei er nicht vorhanden, aber in seiner eigenen Sphäre ist er vorhanden, er hat sein mineralisches Dasein. So ist hinreichend bewiesen, dass absolutes Nichtsein unmöglich ist; es ist nur relativ.
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Es geht darum, dass die ewigen Gaben Gottes, die dem Menschen zuteilgeworden sind, niemals der Vergänglichkeit unterliegen. Da Gott die sichtbare Welt mit Dasein ausgestattet hat, ist es für diese Welt unmöglich, zu Nichtsein zu werden, denn Gott ist ihr Ursprung; die Welt ist durch Ihn entstanden; sie ist eine erschaffene, keine aus sich selbst entstandene Welt, und die Gaben, die auf sie herabkommen, sind beständig und dauerhaft. Deshalb ist der Mensch, das höchste Geschöpf der materiellen Welt, durch göttliche Freigebigkeit unaufhörlich mit dieser fortwährenden Gabe ausgestattet. Die Sonne zum Beispiel strahlt beständig, ihre Wärme strömt ohne Unterlass; eine Unterbrechung ist nicht vorstellbar. Ebenso kommen die Gaben Gottes auf die Menschenwelt herab, unaufhörlich, fortlaufend, für immer. Wenn wir sagen, die Gabe des Seins höre auf oder stocke, dann ist das gleichbedeutend mit der Aussage, die Sonne könne existieren, auch wenn ihre Strahlkraft aufhört. Ist das möglich? Ebenso ist der Strahlenglanz des Seins immer vorhanden und hört nicht auf.
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Die Vorstellung der Auslöschung trägt zur Herabsetzung des Menschen bei, wird zur Ursache seiner Entwürdigung und Erniedrigung, ist eine Quelle der Furcht und Niedergeschlagenheit. Sie führt zur Zerstreutheit und Schwächung des menschlichen Denkens, während die Erkenntnis des Daseins und Fortbestehens dem Menschen erhabene Gedanken eingibt, die Grundlagen des menschlichen Fortschritts schafft und die Entwicklung himmlischer Tugenden fördert. Darum ist es die Pflicht des Menschen, Vorstellungen von Nichtsein und Tod, die reine Einbildung sind, aufzugeben und sich entsprechend der göttlichen Schöpfungsabsicht als ewig lebend, ewig fortbestehend anzusehen. Er muss sich von Vorstellungen abwenden, die die menschliche Seele herabsetzen, sodass er Tag für Tag und Stunde für Stunde höher zur geistigen Wahrnehmung des Fortbestehens der menschlichen Wirklichkeit aufsteigen kann. Wenn er bei der Vorstellung vom Nichtsein verweilt, wird er vollkommen handlungsunfähig; sein Entwicklungsstreben wird aufgrund geschwächter Willenskraft nachlassen und die Aneignung menschlicher Tugenden wird enden.
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Darum müssen Sie Gott danken, dass Er Ihnen den Segen des Lebens und Daseins im Menschenreich verliehen hat. Streben Sie emsig danach, Tugenden zu entwickeln, die Ihrer Stufe und Ihrem Rang angemessen sind. Seien Sie wie das Licht der Welt, das nicht verborgen werden kann und nicht am dunklen Horizont untergeht. Steigen Sie zum Zenit eines Daseins auf, das niemals von Ängsten und bösen Vorahnungen bezüglich des Nichtseins getrübt wird. Wenn der Mensch keine innere Wahrnehmung besitzt, ist er sich über diese wichtigen Geheimnisse nicht im Klaren. Die Netzhaut des äußeren Sehvermögens kann, wenngleich hochempfindlich, dennoch ein Hindernis sein für das innere Auge, mit dem allein wir wahrnehmen können. Die Gaben Gottes, die sich in allen Erscheinungsformen des Lebens offenbaren, werden bisweilen durch trennende Schleier einer gedanklichen und sterblichen Sichtweise verborgen, die den Menschen geistig blind und hilflos machen; werden aber diese Ablagerungen beseitigt und die Schleier zerrissen, so werden die großartigen Zeichen Gottes sichtbar und der Mensch wird des ewigen Lichtes gewahr, das die Welt erfüllt. Die Gaben Gottes sind immer und überall offenbar. Die Verheißungen des Himmels sind allgegenwärtig. Die Gnadengaben Gottes umgeben uns allezeit; aber sollte das erkenntnisfähige Auge der menschlichen Seele verhüllt und verdunkelt bleiben, wird der Mensch dazu verleitet, diese allumfassenden Zeichen zu leugnen, und bleibt dieser Offenbarungen göttlicher Gnade beraubt. Darum müssen wir mit Herz und Seele danach streben, dass der Schleier, der das Auge innerer Schau verhüllt, beseitigt werde, damit wir die Offenbarungen der Zeichen Gottes erschauen mögen, Seine geheimnisvollen Gunstbezeugungen entdecken und erkennen, dass materielle Wohltaten im Vergleich zu geistigen Gnadengaben ein Nichts sind. Die geistigen Segnungen Gottes sind überaus groß. Als wir im Mineralreich waren, waren wir zwar mit bestimmten Gaben und Kräften ausgestattet, aber mit den Segnungen für das Menschenreich waren sie nicht vergleichbar. Im Mutterleib waren wir Empfänger von Gaben und Segnungen Gottes, doch diese waren nichts im Vergleich zu den Kräften und Gnadengaben, die uns nach der Geburt in diese menschliche Welt verliehen wurden. Desgleichen werden wir, wenn wir aus dem Gefüge dieser stofflichen Erscheinungswelt in die Freiheit und Erhabenheit des geistigen Lebens und seiner Schau hineingeboren werden, diese sterbliche Existenz und ihre Segnungen als vergleichsweise wertlos betrachten.
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In der geistigen Welt sind die göttlichen Gaben unbegrenzt, denn in jenem Reich gibt es weder Trennung noch Auflösung, die die stoffliche Welt des Daseins kennzeichnen. Geistiges Dasein ist absolute Unsterblichkeit, Vollständigkeit und unveränderliches Sein. Darum müssen wir Gott danken, dass Er sowohl materielle Segnungen als auch geistige Gaben für uns erschaffen hat. Er hat uns materielle Gaben und geistige Gnaden verliehen, das äußere Auge, um das Licht der Sonne zu sehen, und das innere Sehvermögen, durch das wir die Herrlichkeit Gottes wahrnehmen können. Er hat das äußere Ohr gestaltet, damit wir uns an Musik erfreuen, und das innere Hörvermögen, womit wir die Stimme unseres Schöpfers hören können. Wir müssen entschlossen mit Herz, Seele und Verstand danach streben, die Fertigkeiten und Tugenden zu entwickeln und aufzuweisen, die im Inneren der sichtbaren Welt schlummern, denn die menschliche Wirklichkeit kann mit einem Samen verglichen werden. Wenn wir den Samen säen, entsteht daraus ein mächtiger Baum. Die Eigenschaften des Samens werden im Baum enthüllt: Er bringt Äste, Blätter, Blüten und Früchte hervor. All diese Kräfte waren als Anlagen im Samen verborgen. Durch den Segen und die Gabe der Kultivierung wurden diese Kräfte sichtbar. In ähnlicher Weise hat der gnädige Gott, unser Schöpfer, in der menschlichen Wirklichkeit bestimmte verborgene Eigenschaften angelegt. Durch Erziehung und Bildung werden diese vom liebenden Gott angelegten Eigenschaften in der menschlichen Wirklichkeit sichtbar, so wie sich der Baum aus dem keimenden Samen heraus entfaltet. Ich werde für Sie beten.
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O Du gütiger Herr! Dies sind Deine Diener, die in dieser Versammlung zusammengekommen sind. Sie wenden sich Deinem Königreich zu und bedürfen Deiner Gnadengaben und Deines Segens. O Gott! Offenbare die Zeichen Deiner Einheit, die in allen Lebenswirklichkeiten verwahrt sind, und lass sie sichtbar werden. Enthülle und entfalte die Tugenden, die Du in der Wirklichkeit des Menschen angelegt und verborgen hast.
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O Gott! Wir sind wie Pflanzen, und Deine Großmut gleicht dem Regen. Erfrische diese Pflanzen und lass sie wachsen durch Deine Gaben. Wir sind Deine Diener; befreie uns aus den Fesseln des stofflichen Seins. Wir sind unwissend; mache uns weise. Wir sind tot; mache uns lebendig. Wir sind stofflich; verleihe uns Geist. Wir sind ausgeschlossen; mache uns zu Vertrauten Deiner Geheimnisse. Wir sind bedürftig; schenke uns Reichtum und Segen aus Deiner unermesslichen Schatzkammer. O Gott! Errette uns; schenke uns Sehvermögen; schenke uns Gehör. Mache uns vertraut mit den Geheimnissen des Lebens, damit uns in dieser Welt des Seins die Mysterien des Königreiches offenbart werden und wir Deine Einheit bekennen. Alle Gaben kommen von Dir; aller Segen ist Dein.
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Du bist mächtig. Du bist gewaltig. Du bist der Geber und Du bist der Ewig-Freigebige.
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5. Mai 1912
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Ansprache auf einem Kindertreffen
im Hotel Plaza
Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Marzieh Moss
39:1
Ihr seid die Kinder, von denen Christus sagte: »Solchen gehört das Reich Gottes«. Und gemäß den Worten Bahá’u’lláhs seid ihr die wahren Lampen und Kerzen in der Welt der Menschen, denn eure Herzen sind äußerst rein und euer Geist ist sehr feinfühlig. Ihr seid der Quelle nahe; ihr seid noch nicht verunreinigt. Ihr seid die jungen Schafe des himmlischen Hirten. Ihr gleicht polierten Spiegeln, die das Licht unverfälscht reflektieren. Ich hoffe, dass eure Eltern euch in den geistigen Dingen erziehen und euch eine gründliche Ausbildung in moralischem Handeln vermitteln. Möget ihr euch so entwickeln, dass jeder von euch von allen Tugenden der Menschenwelt durchdrungen wird. Möget ihr auf allen materiellen und geistigen Ebenen Fortschritte machen. Möget ihr Wissenschaften erlernen, euch Künste und Handwerk aneignen, euch als nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft erweisen und am Fortschritt der menschlichen Kultur mitarbeiten. Möget ihr eine Ursache für das Sichtbarwerden göttlicher Gaben sein – jeder Einzelne von euch ein leuchtender Stern, der das Licht der Einheit der Menschheit zum Horizont des Ostens und Westens ausstrahlt. Möget ihr euch der Liebe zur Menschheit und ihrer Einheit hingeben, und möge durch eure Bemühungen das, was im menschlichen Herzen angelegt ist, seinen göttlichen Ausdruck finden. Ich bete für euch und bitte in eurem Namen um den Beistand und die Ermutigung Gottes.
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Ihr alle seid meine Kinder, meine Kinder im Geiste. Kinder im Geiste sind wertvoller als leibliche Kinder, denn leibliche Kinder können sich vom Geist Gottes abwenden, aber ihr seid Kinder im Geiste und daher werdet ihr aufs Höchste geliebt. Ich wünsche euch Fortschritt auf allen Entwicklungsebenen. Möge Gott euch beistehen. Möge das gütige Licht Seines Antlitzes euch umgeben, und möget ihr unter Seiner Fürsorge und Seinem Schutz Reife erlangen. Ihr seid alle gesegnet.
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(Zu den erwachsenen Freunden)
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Ich gehe fort, aber ihr müsst euch erheben, um dem Wort Gottes zu dienen. Eure Herzen müssen rein und eure Absichten aufrichtig sein, damit ihr Empfänger der göttlichen Gaben werdet. Bedenkt: Die Sonne scheint gleichermaßen auf alle Dinge, aber es ist nicht der schwarze Stein, sondern der reine Spiegel, der sie aufs Glanzvollste widerspiegelt. Dieser helle Strahlenglanz und diese Wärme setzen kristallklares Glas voraus. Wenn es keine Klarheit und Reinheit gäbe, könntet ihr diesen Effekt nicht beobachten. Wenn der Regen auf salzige, steinige Erde fällt, wird er keine Wirkung haben; wenn er aber auf guten, reinen Boden fällt, folgt grünes, üppiges Wachstum und Früchte werden gedeihen.
39:5
Dies ist der Tag, an dem reine Herzen einen Anteil an den unvergänglichen Gaben erhalten und geheiligte Seelen durch die ewigen Offenbarungen erleuchtet werden. Preis sei Gott! Ihr glaubt an Gott, seid ermutigt von den Worten Gottes und wendet euch dem Reich Gottes zu. Ihr habt den göttlichen Ruf vernommen. Eure Herzen werden durch die Brisen des Paradieses Abhá bewegt. Eure Absichten sind rein. Euer Ziel ist das Wohlgefallen Gottes. Ihr sehnt euch danach, im Reich des Barmherzigen zu dienen. Deshalb erhebt euch mit äußerster Kraft. Lebt in vollkommener Einheit. Werdet niemals wütend aufeinander. Richtet eure Augen auf das Reich der Wahrheit und nicht auf die Welt der Schöpfung. Liebt die Geschöpfe um Gottes willen und nicht um ihrer selbst willen. Ihr werdet niemals wütend oder ungeduldig sein, wenn ihr sie um Gottes willen liebt. Menschen sind nicht vollkommen. In jedem Menschen gibt es Unvollkommenheiten, und ihr werdet immer unglücklich, wenn ihr auf die Menschen selbst schaut. Wenn ihr aber auf Gott schaut, werdet ihr sie lieben und freundlich zu ihnen sein; denn die Welt Gottes ist die Welt der Vollkommenheit und vollendeter Barmherzigkeit. Schaut daher auf niemandes Schwächen; schaut mit dem Auge der Vergebung. Das unvollkommene Auge sieht Unvollkommenheiten. Das Auge, das nicht auf die Fehler achtet, schaut auf den Schöpfer der Seelen. Er erschuf sie, erzieht und versorgt sie, verleiht ihnen Fähigkeiten und Leben, Sehvermögen und Gehör; darum sind sie Zeichen Seiner Größe. Ihr müsst alle lieben und gütig zu ihnen sein, sorgt euch um die Armen, schützt die Schwachen, heilt die Kranken, erzieht und lehrt die Unwissenden.
39:6
Ich hoffe, dass die Einheit und Harmonie unter den Freunden in Chicago zur Ursache für die Einheit der Freunde in ganz Amerika wird und dass alle Menschen ihre Liebe und Güte erfahren werden. Mögen sie ein Vorbild für die Menschheit sein. Dann werden die Bestätigungen durch das Königreich Abhá und die Gaben der Sonne der Wahrheit alles umfassen.
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5. Mai 1912
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Ansprache in der Plymouth Congregational Church
935 East Fiftieth Street
Chicago, Illinois
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Aufzeichnungen von Marzieh Moss
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