‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Überlegt: Was bringt die materielle Zivilisation heutzutage hervor? Hat sie nicht die Werkzeuge für Krieg und Zerstörung erzeugt? Die Kriegswaffe in alten Zeiten war das Schwert; heute ist es das rauchlose Gewehr. Vor einem Jahrhundert waren Segelschiffe die Kriegsschiffe; jetzt haben wir dampfgetriebene Schlachtschiffe. Menschengemachte Werkzeuge und Mittel zur Zerstörung haben sich in diesem Zeitalter materieller Zivilisation enorm vervielfacht. Wenn aber die materielle Zivilisation in Verbindung mit göttlicher Kultur gestaltet wird, wenn rechtschaffene und kluge Menschen mit vergeistigten Menschen für die Veredelung und Weiterentwicklung aller zusammenarbeiten, dann werden Glück und Fortschritt der Menschheit sichergestellt. Alle Völker der Welt werden kameradschaftlich und eng verbunden sein und die Religionen werden zu einer einzigen verschmelzen, da die göttliche Wahrheit in ihnen allen nur eine einzige Wahrheit ist. Abraham verkündete diese Wahrheit; Jesus verbreitete sie; alle Propheten, die in der Welt erschienen, gründeten darauf Ihre Lehren. Dadurch besitzen die Menschen diese eine wahre, unveränderliche Grundlage für Frieden und Verständigung, und der Krieg, der Tausende von Jahren wütete, wird vergehen.
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Über Jahrhunderte hinweg war die Menschheit immer wieder in Kriege und Konflikte verwickelt. Als Vorwand für den Krieg diente mal die Religion, ein anderes Mal Patriotismus, Rassenvorurteile, nationalistische Politik, Gebietseroberung oder wirtschaftliche Expansion; kurz, die Menschheit lebte niemals während der gesamten bekannten Geschichte in Frieden. Wie viel Blut wurde vergossen! Wie viele Väter haben den Verlust von Söhnen betrauert; wie viele Söhne haben um ihre Väter geweint und wie viele Mütter um ihre Lieben! Menschen dienten als Kanonenfutter und Zielscheiben auf dem Schlachtfeld; Krieg und Streit waren das vorherrschende Thema und die historische Bürde. Menschen übertrafen in ihrer Wildheit sogar die Tiere. Für Löwe, Tiger, Bär und Wolf ist Wildheit eine Notwendigkeit. Wären sie nicht wild, roh und unerbittlich, würden sie verhungern. Der Löwe kann nicht grasen; seine Zähne eignen sich nur für fleischliche Nahrung. Das gilt auch für andere Raubtiere. Für sie ist Wildheit natürlich, weil sie damit ihr Überleben sichern. Aber die Grausamkeit des Menschen beruht auf Selbstsucht, Gier und Unterdrückung. Sie entspringt keiner natürlichen Notwendigkeit. Der Mensch tötet ohne Not tausend Mitmenschen, wird ein ›Held‹ und wird von der Nachwelt jahrhundertelang gepriesen. Eine große Stadt wird auf Befehl eines Generals an nur einem Tag zerstört. Wie dumm, wie widersprüchlich ist die Menschheit! Wenn ein Mann einen anderen tötet, brandmarken wir ihn als Mörder und Verbrecher und verurteilen ihn zum Tode. Tötet er jedoch hunderttausend Menschen, ist er ein militärisches Genie, eine große Berühmtheit, ein Napoleon, der von seinem Volk vergöttert wird. Wenn ein Mann einen Dollar stiehlt, wird er Dieb genannt und ins Gefängnis gesteckt; wenn er ein unschuldiges Land durch militärische Invasion in seine Gewalt bringt und plündert, wird er zum Helden gekrönt. Wie dumm ist die Menschheit! Grausamkeit gehört nicht ins Menschenreich. Der Mensch hat die Aufgabe, Leben zu schenken, nicht den Tod. Es ist seine Pflicht, sich für das Wohlergehen der Menschen einzusetzen. Dass er sich tierischer Wildheit rühmt, beweist, dass die göttliche Kultur noch nicht in der menschlichen Gesellschaft Fuß gefasst hat. Die materielle Zivilisation hat unverkennbare Fortschritte gemacht, aber da sie nicht mit der göttlichen Kultur verbunden ist, grassieren Unheil und Niedertracht. Wenn in alten Zeiten zwei Völker zwölf Monate lang gegeneinander Krieg führten, wurden vielleicht zwanzigtausend Männer getötet; inzwischen wurde die Tötungsmaschinerie derart ausgeweitet und perfektioniert, dass hunderttausend an einem Tag vernichtet werden können. Während des russisch-japanischen Kriegs fielen in drei Monaten eine Million Menschen. Das war in früheren Zeiten unvorstellbar. Die Ursache ist das Fehlen göttlicher Kultur.
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Dieses verehrte amerikanische Volk zeigt Zeichen der Größe und Würde. Es ist meine Hoffnung, dass diese gerechte Regierung für den Frieden eintreten wird, damit der Krieg auf der ganzen Welt abgeschafft und die Banner der Einheit und Völkerverständigung gehisst werden. Das ist die größte Errungenschaft der Menschenwelt. Dieses amerikanische Volk ist ausgerüstet und befähigt, zu erreichen, was die Seiten der Geschichtsschreibung schmücken wird. Die Welt wird das amerikanische Volk beneiden und es wird in Ost und West wegen des Triumphes seiner Demokratie gerühmt werden. Ich bete dafür, dass dies eintreffen möge, und erbitte für Sie alle Gottes Segen.
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6. Mai 1912
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Ansprache im Sanatorium von Dr. C. M. Swingle,
Cleveland, Ohio
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Aufzeichnungen von Sigel T. Brooks
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Dies ist eine wunderschöne Stadt. Das Klima ist angenehm, die Aussicht bezaubernd. Alle Städte Amerikas wirken weitläufig und schön und es scheint den Menschen gutzugehen. Der amerikanische Kontinent weist sichtbare Zeichen für enormen Fortschritt auf; seine Zukunft ist noch vielversprechender, denn sein Einfluss und seine Ausstrahlung haben eine große Reichweite, und er wird alle Völker in geistiger Hinsicht anführen. Das Banner der Freiheit wurde hier entfaltet, aber der Wohlstand und der Fortschritt einer Stadt, das Glück und die Bedeutung eines Landes hängen davon ab, dass dort der Ruf Gottes gehört und befolgt wird. In ihm muss das Licht der Wahrheit leuchten und die göttliche Kultur aufgebaut werden; dann wird sich der Glanz des Königreichs verbreiten und himmlische Einflüsse werden alles umfangen. Die materielle Zivilisation gleicht dem Körper, während die göttliche Kultur der Geist in diesem Körper ist. Ein Körper ohne Geist ist tot; ein fruchtloser Baum ist wertlos. Jesus erklärt, dass einige Menschen geistige Fähigkeiten haben, denn nicht alle sind im Meer des Materialismus versunken. Sie suchen den göttlichen Geist; sie wenden sich Gott zu; sie sehnen sich nach dem Königreich. Ich hoffe, dass die verehrten Anwesenden sowohl materiellen als auch geistigen Fortschritt erzielen. So, wie sie sich in materieller Hinsicht wunderbar entwickelt haben, können sie auch in ihrer geistigen Entwicklung voranschreiten, bis der materielle Körper durch den Reichtum geistiger Möglichkeiten und geistiger Wirksamkeit veredelt und schön wird.
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Preis sei Gott! Die Sonne der Wahrheit ist aufgegangen, und ihr Glanz erstrahlt an jedem Horizont. Die Zeichen Gottes leuchten, und die Lehren der himmlischen Boten werden verbreitet. Mögen die Herzen zum Reich Gottes geführt und durch die Wahrnehmung des Lichtes Gottes erleuchtet werden, sodass alle erschaffenen Wesen einen Anteil an den göttlichen Gnadengaben erhalten. Möge der Geist des Lebens durch die göttliche Gnade des Allmächtigen erneuert werden, und mögen Ost und West miteinander verbunden werden. Mögen Einheit und Harmonie überall verwirklicht werden. Mögen alle Menschen dieser Welt wie eine einzige Familie werden und diese unvergängliche Gabe erhalten. Mögen sich die Tore des Königreichs überall öffnen und der Lobpreis des Namens Abhá auf der ganzen Erde gehört werden.
Ansprache ‘Abdu’l-Bahás in Pittsburgh7. Mai 1912– 44 –
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7. Mai 1912
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Ansprache im Hotel Schenley
Pittsburgh, Pennsylvania
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Aufzeichnungen von Suzanne Beatty
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Ich bin aus dem Orient gekommen, um euer Land zu besuchen. Sicherlich ist dieser Kontinent in jeder Hinsicht lobenswert und überall gibt es Zeichen des Wohlstands. Die Menschen sind gesittet und es gibt sehr viele Anzeichen einer fortschrittlichen Kultur. Ich werde euch eine kurze Darlegung der Grundprinzipien der Lehren Bahá’u’lláhs geben, damit ihr Kenntnis über Natur und Bedeutung der Bahá’í-Bewegung erhaltet.
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Vor ungefähr sechzig Jahren herrschten zwischen den verschiedenen Völkern und religiösen Konfessionen Persiens größte Feindschaft und Zwietracht. Überall auf der Welt nahmen Krieg und Auseinandersetzungen überhand. Zu dieser Zeit erschien Bahá’u’lláh in Persien und begann, sich der Förderung und Erziehung der Menschen zu widmen. Er vereinte unterschiedliche Sekten und Glaubensbekenntnisse, beseitigte religiöse, ethnische, patriotische und politische Vorurteile und knüpfte ein starkes Band der Einheit und Versöhnung zwischen den verschiedenen Schichten und Klassen der menschlichen Gesellschaft. Damals bestand eine so heftige und bittere Feindschaft zwischen den Menschen, dass selbst ein normaler Umgang nicht infrage kam. Weder trafen sie sich, noch berieten sie miteinander. Durch die Kraft der Lehren Bahá’u’lláhs kam es zu den wunderbarsten Erfolgen. Er beseitigte Vorurteile und Hass aus den Herzen der Menschen und verwandelte ihre Einstellung zueinander so sehr, dass heute in Persien vollkommenes Einvernehmen zwischen ehemals fanatischen Religionsanhängern, unterschiedlichen Sekten und verschiedenen Gesellschaftsschichten herrscht. Das war eine große Leistung, denn Bahá’u’lláh musste schwere Herausforderungen, große Schwierigkeiten und brutale Verfolgung erdulden. Er wurde ins Gefängnis gesperrt, gefoltert und schließlich aus Seinem Heimatland verbannt. Frohgemut ertrug Er jede Qual und alles, was Ihm zugefügt wurde. Während Er von Land zu Land verbannt wurde, war es Ihm bis zu Seinem Hinscheiden möglich, Seine Lehren zu verkünden, sogar aus dem Gefängnis. Wohin auch immer Seine Unterdrücker Ihn trieben, hisste Er die Standarte des Einsseins der Menschenwelt und verkündete die Prinzipien der Einheit der Menschheit. Einige dieser Prinzipien sind folgende: Erstens haben alle Menschen die Pflicht, die Wahrheit zu erforschen. Solchen Untersuchungen sollten alle zustimmen und einig sein, denn die Wahrheit, also die Wirklichkeit, ist nicht vielfach – sie ist nicht teilbar. Den verschiedenen Religionen liegt eine einzige Wahrheit zugrunde, deshalb ist ihre Wirklichkeit eine.
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Jede der göttlichen Religionen enthält zweierlei Arten von Geboten. Die ersten betreffen die geistige Empfänglichkeit, die Entwicklung der ethischen Grundsätze und die Sensibilisierung des menschlichen Gewissens. Sie sind wesentlich und grundlegend, die gleichen in allen Religionen, unveränderlich und ewig – eine Wirklichkeit, die keiner Veränderung unterworfen ist. Abraham war der Vorbote dieser Wahrheit, Moses hat sie verkündet, und Jesus Christus hat sie in der Menschenwelt verankert. Alle göttlichen Propheten und Boten waren die Werkzeuge und Kanäle derselben ewigen, wesentlichen Wahrheit.
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Die zweite Art von Geboten in den göttlichen Religionen bezieht sich auf die materiellen Belange der Menschheit. Sie sind die auf das Stoffliche bezogenen oder zweitrangigen Gesetze, die sich mit jeder neuen Offenbarung ändern können, entsprechend den Erfordernissen der Zeit, den Lebensbedingungen und der unterschiedlichen Aufnahmefähigkeit der Menschheit. Beispielsweise offenbarte Moses Seinerzeit zehn Gesetze hinsichtlich Mordes. Diese Gesetze standen im Einklang mit den Erfordernissen jener Zeit. Andere von Moses erlassene Gesetze sahen drastische Strafen vor – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Strafe für Diebstahl war das Abtrennen der Hand. Diese Gesetze und Strafen entsprachen der Stufe des jüdischen Volkes, das zu jener Zeit in der Wildnis und der Wüste unter Bedingungen lebte, unter denen Strenge notwendig und gerechtfertigt war. Aber zur Zeit Jesu Christi war diese Art von Gesetzen nicht angebracht; darum hob Christus die Gebote von Moses auf und ersetzte sie.
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Kurz gesagt, jede der göttlichen Religionen enthält wesentliche Gebote, die keiner Veränderung unterworfen sind, und auf das Stoffliche bezogene Gebote, die gemäß den Erfordernissen der Zeit aufgehoben werden. Aber die Menschen auf Erden haben die göttlichen Lehren vernachlässigt und sind bloßen Riten und blinden Nachahmungen der Wahrheit gefolgt. Da diese menschlichen Interpretationen und abergläubischen Annahmen voneinander abweichen, entstanden Zwietracht und religiöse Intoleranz, und Kampf und Krieg gewannen die Oberhand. Durch die Erforschung der Wahrheit, also der Grundlage der Wirklichkeit, die ihren eigenen Überzeugungen und denen der anderen zugrunde liegt, würden alle vereint und versöhnt, denn diese Wahrheit ist nur eine; sie ist nicht vielfach und nicht teilbar.
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Das zweite Prinzip, also die zweite Lehre Bahá’u’lláhs, ist die Verkündigung der Einheit der Menschheit – dass alle Menschen Diener Gottes sind und einer Familie angehören; dass Gott alle erschaffen hat und Seine Gaben deshalb allumfassend sind; und dass Seine Fürsorge, Seine Erziehung, Seine Unterstützung und Seine liebende Güte die gesamte Menschheit umfangen.
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Das ist die göttliche Leitlinie, und es ist für den Menschen unmöglich, einen besseren Plan und eine bessere Leitlinie aufzustellen als die, die Gott eingesetzt hat. Deshalb müssen wir die Absicht unseres ruhmreichen Herrn erkennen und unterstützen. Da Gott zu allen gütig und liebevoll ist, warum sollten wir herzlos sein? Da diese Menschenwelt eine Familie ist, warum sollten ihre Mitglieder sich anfeinden und miteinander streiten? Deshalb müssen alle Menschen gleichermaßen wertgeschätzt und mit der gleichen liebevollen Einstellung angesehen werden. Der edelste Mensch ist, wer der Menschheit dient. Der Schwelle Gottes am nächsten ist der Geringste Seiner Diener. Ehre und Würde des Menschen hängen von seiner Dienstbarkeit gegenüber seinen Mitgeschöpfen ab und nicht davon, dass er ihnen mit Feindseligkeit und Hass begegnet.
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Das dritte Prinzip, also die dritte Lehre Bahá’u’lláhs, ist die Einheit von Religion und Wissenschaft. Jede religiöse Überzeugung, die unvereinbar ist mit wissenschaftlichen Beweisen und Untersuchungsergebnissen, ist Aberglaube, denn wahre Wissenschaft ist Vernunft und Wahrheit, und die Religion ist ihrem Wesen nach Wahrheit und reine Vernunft; daher müssen beide einander entsprechen. Eine religiöse Lehre, die im Widerspruch zu Wissenschaft und Vernunft steht, ist eine menschliche Erfindung und Einbildung und der Annahme nicht wert, denn die Antithese und das Gegenteil von Wissen ist Aberglaube, der aus menschlicher Unwissenheit entsteht. Wenn wir behaupten, die Religion stehe im Gegensatz zur Wissenschaft, dann verstehen wir weder etwas von echter Wissenschaft noch von wahrer Religion, denn beide beruhen auf Grundannahmen und Schlussfolgerungen der Vernunft, und beide müssen sich ihrer Überprüfung stellen.
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Das vierte Prinzip, also die vierte Lehre Bahá’u’lláhs, ist die Neuordnung und Anpassung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschheit. Dabei geht es um den menschlichen Lebensunterhalt. Offensichtlich sind die Armen unter den derzeitigen Verhältnissen und Regierungssystemen äußerster Not und größtem Elend ausgesetzt, während andere, die mehr Glück hatten, weit über ihre wirklichen Bedürfnisse hinaus in Luxus und Fülle leben. Diese Ungleichheit hinsichtlich der Anteile und Vorrechte gehört zu den tiefgreifenden und entscheidenden Problemen der menschlichen Gesellschaft. Dass ein Ausgleich und eine Güterverteilung notwendig sind, durch die alle Menschen an den Annehmlichkeiten und Vorrechten des Lebens teilhaben können, ist offenkundig. Das Heilmittel ist eine gesetzliche Neuordnung der Verhältnisse. Die Reichen müssen Mitgefühl mit den Armen zeigen, indem sie bereitwilligen Herzens zu deren Bedarf beisteuern, ohne dazu gezwungen oder verpflichtet zu werden. Durch die Einführung dieses Prinzips in das religiöse Leben der Menschheit wird die Stabilität der Welt gewährleistet.
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Das fünfte Prinzip, also die fünfte Lehre Bahá’u’lláhs, ist die Aufgabe religiöser, ethnischer, patriotischer und politischer Vorurteile, die die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft zerstören. Alle Menschen sind Geschöpfe und Diener des einen Gottes. Die Erdoberfläche ist eine einzige Heimat; die Menschheit ist eine einzige Familie und ein Haushalt. Unterscheidungen und Grenzen sind künstlich und menschengemacht. Warum sollte es Zwietracht und Streit zwischen Menschen geben? Alle müssen sich zum Dienst an der Menschheit in Einklang verbinden.
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Das sechste Prinzip, oder die sechste Lehre Bahá’u’lláhs, betrifft die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er erklärt, dass es in den Augen Gottes keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Wer das reinste Herz besitzt, wessen Taten und Dienste für die Sache Gottes besser und edler sind, ist an der göttlichen Schwelle höchst willkommen – egal, ob Mann oder Frau. Im Pflanzen- und Tierreich leben die Geschlechter vollkommen gleichberechtigt und ohne Unterschied oder Diskriminierung. Obwohl das Tier dem Menschen an Vernunft und Verstand unterlegen ist, erkennt es die Gleichstellung der Geschlechter an. Warum sollte der Mensch, der mit einem Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet ist und ein empfindsames Gewissen hat, bereit sein, eines der Mitglieder der menschlichen Familie als zweitrangig und untergeordnet zu betrachten? Eine solche Unterscheidung ist weder vernünftig noch mit dem Gewissen vereinbar; Bahá’u’lláh hat deshalb als religiöses Prinzip offenbart, dass der Frau das gleiche Recht auf Erziehung und Ausbildung zusteht wie dem Mann und sie das volle Anrecht auf seine Privilegien bekommt. Das heißt, in der Erziehung und Ausbildung von Mann und Frau darf es keinen Unterschied geben, damit die Frau in sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen die gleiche Befähigung und Bedeutung wie der Mann entwickeln kann. Dann wird die Welt zu Einheit und Harmonie gelangen. In früheren Zeiten war die Menschheit mängelbehaftet und unfähig, weil sie noch unvollständig war. Der Krieg und seine Verwüstungen haben die Welt zerstört; die Bildung der Frau wird ein gewaltiger Schritt sein, um den Krieg zu beseitigen und zu beenden, denn sie wird ihren ganzen Einfluss gegen den Krieg nutzen. Die Frau zieht das Kind auf und erzieht den Jugendlichen bis zur Reife. Sie wird sich weigern, ihre Söhne auf dem Schlachtfeld zu opfern. Sie wird tatsächlich der stärkste Faktor bei der Schaffung des Weltfriedens und eines internationalen Schiedsgerichts sein. Die Frau wird sicherlich den Krieg zwischen Menschen abschaffen. Da die menschliche Gesellschaft aus zwei Teilen – Männern und Frauen – besteht, die einander ergänzen, können Glück und Stabilität der Menschheit nicht gewährleistet werden, solange nicht beide ihr volles Potenzial entfalten. Daher müssen der Bildungsgrad und die rechtliche Stellung von Mann und Frau einander angeglichen werden.
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Neben anderen Lehren und Grundsätzen empfiehlt Bahá’u’lláh die Erziehung und Bildung für alle Mitglieder der Gesellschaft. Niemandem sollte die Ausbildung verweigert oder vorenthalten werden, auch wenn jeder entsprechend seiner Fähigkeiten daran teilhaben sollte. Niemand darf ungebildet zurückgelassen werden, denn Unwissenheit ist in der Menschenwelt ein Mangel. Allen Menschen müssen wissenschaftliche und philosophische Kenntnisse vermittelt werden – zumindest so viel wie nötig. Es können nicht alle Wissenschaftler und Philosophen werden, aber jeder sollte eine Ausbildung erhalten, die seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten entspricht.
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Bahá’u’lláh lehrt, dass die Menschheit des Odems des Heiligen Geistes bedarf, denn in der geistigen Belebung und Erleuchtung entsteht die wahre Einheit zwischen Gott und dem Menschen. Der Größte Friede kann nicht durch rassistische Kräfte und Bestrebungen gewährleistet werden. Er kann nicht durch patriotische Hingabe und Opferbereitschaft errichtet werden, denn die Völker sind sehr unterschiedlich und lokaler Patriotismus hat Grenzen. Darüber hinaus ist es offensichtlich, dass politische Macht und diplomatisches Geschick nicht zu umfassender Verständigung führen, da die Interessen der Regierungen verschieden und eigennützig sind; ebenso wenig werden internationale Harmonie und Versöhnung das Ergebnis menschlicher Überzeugungen sein, die sich damit befassen, denn Überzeugungen sind fehlerhaft und von Natur aus unterschiedlich. Weltfrieden kann unmöglich durch menschliche und materielle Mittel erreicht werden; er kann nur durch geistige Macht entstehen. Es bedarf einer universellen treibenden Kraft, die die Einheit der Menschheit stiftet und die Grundlagen von Krieg und Streit auslöscht. Nichts anderes als die göttliche Macht ist dazu in der Lage; daher wird dies durch den Odem des Heiligen Geistes vollbracht werden.
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Wie weit sich die materielle Welt auch entwickelt, sie kann das Glück der Menschheit nicht sicherstellen. Nur wenn die materielle und die geistige Kultur miteinander verbunden und in Einklang gebracht werden, wird das Glück gesichert. Dann wird die materielle Zivilisation mit ihrer Energie nicht zur Zerstörung der Einheit der Menschheit durch schädliche Kräfte beitragen, denn in der materiellen Zivilisation schreiten das Gute und das Schädliche zusammen im selben Tempo voran. Betrachtet zum Beispiel den materiellen Fortschritt im letzten Jahrzehnt. Schulen und Universitäten, Krankenhäuser, menschenfreundliche Organisationen, wissenschaftliche Akademien und philosophische Einrichtungen wurden gegründet, aber Hand in Hand mit diesen Belegen für Entwicklung und Aufbau haben die Erfindung und Produktion von Werkzeugen und Waffen zur Vernichtung von Menschen gleichermaßen zugenommen. Früher war die Kriegswaffe das Schwert, jetzt ist es das Sturmgewehr. In der Antike fochten die Menschen mit Speeren und Dolchen; jetzt verwenden sie Granaten und Bomben. Schlachtschiffe wurden gebaut, Torpedos erfunden und alle paar Tage neuartige Munition.
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All dies ist das Ergebnis der materiellen Zivilisation; obwohl materieller Fortschritt also gute Lebensaufgaben unterstützt, dient er gleichzeitig schädlichen Zwecken. Die göttliche Kultur ist gut, weil sie Ethik kultiviert. Man bedenke, was die Propheten Gottes zur menschlichen Ethik beigetragen haben. Jesus Christus rief alle durch die Annahme makelloser Sitten zum Größten Frieden. Wenn die ethischen Lehren und Grundlagen der göttlichen Kultur sich mit dem materiellen Fortschritt des Menschen vereinigen, wird zweifellos das Glück der Menschenwelt erreicht, und aus allen Richtungen wird die frohe Botschaft vom Frieden auf Erden verkündet. Dann wird die Menschheit außergewöhnliche Fortschritte erzielen, der Wirkungsbereich des menschlichen Verstandes wird enorm erweitert, wunderbare Erfindungen werden gemacht und der Geist Gottes wird sich offenbaren; alle Menschen werden in Freude und Harmonie miteinander verkehren und den Kindern des Königreichs wird ewiges Leben verliehen. Dann wird die Kraft des Göttlichen ihre Wirkung zeigen und der Odem des Heiligen Geistes wird das Wesen aller Dinge durchdringen. Darum müssen die materielle und die göttliche oder barmherzige Kultur gemeinsam voranschreiten, bis die höchsten Bestrebungen und Wünsche der Menschheit verwirklicht werden.
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Dies sind, kurz vorgestellt, einige der Lehren und Grundsätze Bahá’u’lláhs, damit ihr etwas über ihre Bedeutung und ihren Zweck erfahrt und in ihnen Anregungen für eure Erkenntnis und euer Handeln findet. Ich bitte Gott, diesem erfolgreichen und fortschrittlichen Volk zu helfen und dieser gerechten Regierung und diesem wunderbaren Kontinent des Westens Seinen Segen zu verleihen.
Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in New York, Montclair und Jersey City11. bis 20. Mai 1912– 45 –
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11. Mai 1912
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Ansprache in Riverside Drive 227 in New York
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Aufzeichnungen von John G. Grundy
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Wir waren nur drei Wochen von den New Yorker Freunden getrennt, aber die Sehnsucht, euch zu sehen, war so groß, als wären es drei Monate gewesen. Seit wir euch verließen, hatten wir keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht – entweder waren wir unterwegs oder wir haben gesprochen –, aber alles verlief so erfreulich und wir waren überaus glücklich. Preis sei Gott! Immer und überall hieß es: »harakat, harakat, harakat« (weiter, weiter, weiter).
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Die Freunde in Amerika sind sehr gut. All die Menschen, die wir hier getroffen haben, sind liebenswürdig und freundlich. Sie sind höflich, nicht ablehnend, jedoch recht wissbegierig. Eine kleine Minderheit von ihnen scheint Vorurteile zu haben, doch selbst sie haben ihre guten Seiten. Die Amerikaner lieben den Fortschritt. Sie begnügen sich nicht mit Stillstand. Sie sind äußerst tatkräftig und fortschrittlich. Wenn ihr einen Baum wachsen und gedeihen seht, könnt ihr auf einen guten Ertrag hoffen. Dereinst wird er blühen und Früchte tragen. Wenn ihr trockenes Holz oder alte Bäume seht, gibt es keinerlei Hoffnung auf irgendwelchen Ertrag.
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Die Fragen, die uns gestellt wurden, waren angebracht und sachlich. Unsere Antworten wurden nicht für Kontroversen und Streitgespräche verwendet. Wir trafen Gelehrte und sie waren mit unseren Erklärungen zufrieden. Bedeutende Menschen äußerten ihre Zufriedenheit und Freude über unsere Antworten auf ihre Fragen. Kurz, es wäre schwierig, unter den vielen Leuten, die wir trafen, jemanden zu finden, der unzufrieden war. Einige gelehrte Köpfe waren nur auf fruchtlose Diskussionen aus. In Chicago trafen wir zwei Geistliche – in der Kirche des einen hielten wir eine Ansprache und mit dem anderen aßen wir zu Abend. Beide bekundeten große Liebe. Desgleichen hat sich unter all den Menschen, denen wir begegneten, kein einziger zum Widerspruch erhoben oder ist enttäuscht weggegangen.
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