‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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45:7
Wir sagten unter anderem: Der Schwarze muss dem Weißen seine Anerkennung zeigen wegen dessen großen Mutes und der Selbstaufopferung für die Schwarzen. Vier Jahre kämpften die Weißen für die Sache der Schwarzen, ertrugen schwere Nöte, opferten Leben, Familie und Vermögen, alles für ihre schwarzen Brüder, bis der große Krieg1861–1865 Sezessionskrieg in den USAA mit der Verkündigung der Freiheit endete. Diese Anstrengungen und Errungenschaften beeinflussten schwarze Mitmenschen weltweit und kamen ihnen zugute. Wäre dies nicht erreicht worden, lägen die Schwarzen in Afrika noch immer in den Ketten der Sklaverei. Das sollten die Schwarzen überall anerkennen, denn es könnte kein größerer Beweis der Menschlichkeit und mutigen Hingabe erbracht werden, als ihn die Weißen an den Tag gelegt haben. Wenn die Schwarzen der Vereinigten Staaten dieses Opfer, diesen Eifer und diese Tapferkeit seitens der Weißen vergessen würden, wäre das der größte Undank und tadelnswert. Wenn sie die elenden Lebensbedingungen und die desolate Umwelt der schwarzen Menschen in Afrika heute sehen könnten, wäre der Gegensatz offensichtlich und klar erwiesen, dass die Schwarzen in Amerika demgegenüber unvergleichliche Vorteile genießen. Die Annehmlichkeiten und die Kultur, die ihnen das Leben hier bietet, verdanken sie den Bemühungen und Opfern der Weißen. Wäre dieses Opfer nicht erbracht worden, würden sie sich noch immer in den Fesseln und Ketten der Sklaverei befinden, kaum den primitiven, unentwickelten Lebensbedingungen enthoben. Zeigt daher den Weißen immer eure Anerkennung. Letztlich werden alle Unstimmigkeiten verschwinden und ihr werdet ihre Freundschaft vollständig gewinnen.
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Gott unterscheidet nicht zwischen Weiß und Schwarz. Wenn die Herzen rein sind, sind Ihm beide annehmbar. Gott lässt sich nicht von Farbe oder Herkunft beeindrucken. Alle Farben, ob weiß, schwarz oder gelb, sind Ihm willkommen. Da alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurden, müssen wir uns vor Augen halten, dass jeder Mensch göttliche Möglichkeiten in sich birgt. Wenn man in einem Garten lauter Blumen der gleichen Form, Art und Farbe vorfindet, dann wirkt das ermüdend für das Auge. Der Garten ist schöner, wenn die Blumen bunt und unterschiedlich sind; die Vielfalt macht den Reiz und die Zierde aus. In einem Taubenschwarm sind manche weiß, manche schwarz, rot oder blau; aber untereinander achten sie nicht auf solche Unterschiede. Alle sind Tauben, egal welcher Farbe.
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Diese Vielfalt der Formen und Farbtöne, die sich in allen Reichen der Schöpfung zeigt, entspricht der schöpferischen Weisheit und hat einen göttlichen Zweck. Und ob die Geschöpfe alle gleich oder alle verschieden sind, sollte keine Ursache für Unfrieden und Streit zwischen ihnen sein. Warum sollte die Hautfarbe oder Herkunft eines Mitmenschen zu Uneinigkeit führen? Kein gebildeter oder erleuchteter Verstand wird diese Unterscheidung und Uneinigkeit zulassen oder behaupten, dass es dafür einen Grund gibt. Daher sollten die Weißen gerecht und freundlich zu den Schwarzen sein, die wiederum ein gleiches Maß an Wertschätzung und Anerkennung aufweisen sollten. Dann wird die Welt zu einem einzigen großen Garten blühender Menschlichkeit werden, vielfältig und bunt, voller Menschen, die nur hinsichtlich ihrer geistigen Tugenden und guten Eigenschaften miteinander wetteifern.
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12. Mai 1912
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Ansprache in der Unity Church
Montclair, New Jersey
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Aufzeichnungen von Esther Foster
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Vor dieser verehrten Versammlung möchte ich über das Thema der göttlichen Einheit, der Einzigkeit Gottes, sprechen.
46:2
Es ist eine offensichtliche Tatsache, dass die Erscheinungswelt niemals die urewige, allem zugrunde liegende Wirklichkeit begreifen oder verstehen kann. Völlige Schwäche kann nicht absolute Stärke verstehen. Wenn wir die Schöpfung betrachten, entdecken wir Stufenunterschiede, die es unmöglich machen, dass das Niedrigere das Höhere begreift. Zum Beispiel kann das Mineralreich, egal wie weit es sich entwickelt, niemals die Phänomene des Pflanzenreiches erfassen. Und egal wie weit sich die Pflanze entwickelt, sie kann weder Informationen aus dem Tierreich erhalten, noch mit ihm in Verbindung treten. Wie vollkommen ein Baum auch gewachsen sein mag, er kann die Empfindung des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und der Berührung nicht verstehen; das liegt jenseits seiner Möglichkeiten. Obwohl er in der Welt der Schöpfung sein Dasein hat, weiß ein Baum dennoch nichts über die höhere Stufe des Tierreichs. Ebenso kann das Tier, egal wie weit entwickelt es ist, keine Vorstellung von der menschlichen Ebene erlangen, kein Wissen über Verstand und Geist. Der Stufenunterschied verhindert ein solches Verständnis. Eine niedrigere Stufe kann eine höhere nicht begreifen, obwohl alle zu derselben Welt der Schöpfung gehören – ob Mineral, Pflanze oder Tier. Die Stufe ist Barriere und Begrenzung. Auf der menschlichen Stufe des Daseins können wir sagen, wir kennen eine Pflanze, ihre Eigenschaften und ihre Frucht; aber die Pflanze weiß nichts über uns, sie versteht uns gar nicht. Wie sehr sich die Rose in ihrer eigenen Sphäre auch der Vollkommenheit nähern mag, nie wird sie hören und sehen können. Da in der Schöpfung, in der Erscheinungswelt, Stufenunterschiede ein Hindernis für das Begreifen sind, wie soll dann der Mensch, der nur ein Geschöpf ist, die allem zugrundeliegende altehrwürdige göttliche Wirklichkeit begreifen können? Das ist unmöglich, weil die Wirklichkeit des Göttlichen über das Begreifen des Menschen, des erschaffenen Wesens, geheiligt ist.
46:3
Was der Mensch begreifen kann, ist auf sein Fassungsvermögen begrenzt, und diesem Fassungsvermögen erscheint der Mensch selbst unbegrenzt. Ist es dann möglich, dass die Wirklichkeit des Göttlichen begrenzt und der geschaffene Mensch unbegrenzt ist? Im Gegenteil, das Umgekehrte ist wahr; der Mensch ist begrenzt, während das Wesen des Göttlichen unbegrenzt ist. Was auch immer in den Bereich des menschlichen Verständnisses fällt, muss begrenzt und endlich sein. Da das Wesen des Göttlichen das Verständnis des Menschen übersteigt, erschafft Gott Manifestationen der göttlichen Wirklichkeit, denen Er himmlische Ausstrahlung verleiht, damit Sie Mittler zwischen der Menschheit und Seinem Selbst sein können. Diese heiligen Manifestationen oder Propheten Gottes sind wie Spiegel, die von der Sonne der Wahrheit erleuchtet sind, aber die Sonne steigt nicht von ihrem hohen Zenit herab und tritt nicht in die Spiegel ein. Diese Spiegel haben tatsächlich eine solch makellose Politur und völlige Reinheit erlangt, dass sich ihr Reflexionsvermögen im höchsten Maß entwickelt hat; darum zeigt sich die Sonne der Wahrheit in ihnen in ihrer äußersten Pracht und Herrlichkeit. Diese Spiegel sind erdgebunden, die Wirklichkeit des Göttlichen hingegen bleibt auf ihrer höchsten Höhe. Obwohl in ihnen das Licht der Sonne leuchtet und ihre Wärme zu spüren ist, obwohl diese Spiegel die Geschichte ihres Glanzes erzählen, bleibt die Sonne doch in ihrer eigenen, erhabenen Sphäre; sie steigt nicht herab; sie erscheint nicht selbst, da sie über alles geheiligt ist.
46:4
Die Sonne der Göttlichkeit und Wahrheit hat sich in mancherlei Spiegeln offenbart. Obwohl es viele solche Spiegel gibt, ist die Sonne nur eine. Die Gaben Gottes sind eins; die Wahrheit der göttlichen Religion ist eine einzige. Bedenken Sie, wie ein und dasselbe Licht in den verschiedenen Spiegeln oder Manifestationen reflektiert wird. Manche Seelen lieben die Sonne selbst; sie nehmen den Glanz der Sonne in jedem Spiegel wahr. Sie sind nicht an die Spiegel gefesselt oder hängen an ihnen; sie sind der Sonne selbst verbunden und verehren sie, von welchem Punkt aus sie auch scheinen mag. Aber jene, die den Spiegel verehren und an ihn gebunden sind, werden des Lichtes der Sonne beraubt und sehen es nicht mehr, wenn es in einem anderen Spiegel aufleuchtet. So hat sich beispielsweise die Sonne der Wahrheit im mosaischen Spiegel offenbart. Die aufrichtigen Menschen nahmen es an und glaubten daran. Als dieselbe Sonne im Spiegel des Messias erstrahlte, nahmen die Juden, die nicht die Sonne selbst liebten und durch ihre Verehrung des Spiegels Moses gefesselt waren, das Licht und den Glanz der Sonne der Wahrheit in Jesus nicht wahr; deshalb blieben sie ihrer Gnadengaben beraubt. Doch die Sonne der Wahrheit, das Wort Gottes, erstrahlte im messianischen Spiegel durch das großartige Sprachrohr Jesus Christus noch vollständiger und wunderbarer. Sein Strahlenglanz war offensichtlich, aber bis heute halten die Juden am mosaischen Spiegel fest. Deshalb können sie das Licht der Ewigkeit nicht in Jesus sehen.
46:5
Kurz, die Sonne ist eine einzige Sonne, das Licht ist ein einziges Licht, das auf alle bestehenden Wesen scheint. Jedes Geschöpf hat daran Teil, aber der reine Spiegel kann ihre Gaben vollkommener und vollständiger enthüllen. Deshalb müssen wir das Licht der Sonne verehren, welcher Spiegel auch immer es offenbart. Wir dürfen keine Vorurteile hegen, denn Vorurteile sind ein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Da das Strahlen ein einziges Strahlen ist, müssen alle Menschen Empfänger desselben Lichtes werden und in ihm die unwiderstehliche Macht erkennen, die sie mit ihrem Glanz vereint.
46:6
Da dies das Jahrhundert des Lichtes ist, hoffe ich, dass die Sonne der Wahrheit die ganze Menschheit erleuchten wird. Mögen die Augen geöffnet und die Ohren aufmerksam werden; mögen die Seelen wiederbelebt werden und in völliger Harmonie als Empfänger desselben Lichtes miteinander verkehren. So Gott will, wird Er diese seit Jahrtausenden bestehenden Zwistigkeiten und Kriege beseitigen. Möge dieses Blutvergießen aufhören, diese Tyrannei und Unterdrückung vergehen, dieser Krieg beendet werden. Möge das Licht der Liebe erstrahlen und die Herzen erleuchten, und mögen Menschenleben fest und dauerhaft verbunden werden, bis wir alle unter demselben Schirm Einvernehmen und Ruhe finden und unter dem Banner des Größten Friedens ständig voranschreiten.
46:7
O Du gütiger Herr! O Du, Der Du freigebig und barmherzig bist! Wir sind Diener an Deiner Schwelle und sind versammelt im schützenden Schatten Deiner göttlichen Einheit. Die Sonne Deines Erbarmens scheint auf alle und die Wolken Deiner Großmut regnen auf alle. Deine Gaben umfassen alle, Deine liebende Vorsehung erhält alle, Dein Schutz beschirmt alle, und Du richtest die Blicke Deiner Gunst auf alle. O Herr! Gewähre uns Deine unendlichen Gaben und lass das Licht Deiner Führung scheinen. Erleuchte die Augen, erfreue die Herzen mit bleibender Freude. Verleihe allen Menschen einen neuen Geist und schenke ihnen ewiges Leben. Öffne die Tore wahren Verstehens und lass das Licht des Glaubens strahlen. Sammle alle Menschen im Schatten Deiner Großmut und gib, dass sie sich einträchtig vereinen, auf dass sie wie die Strahlen einer einzigen Sonne, die Wellen eines einzigen Meeres und die Früchte eines einzigen Baumes werden. O dass sie doch alle trinken vom selben Born; O dass sie doch erfrischt werden von derselben Brise; O dass sie doch vom selben Lichtquell erleuchtet werden! Du bist der Gebende, der Barmherzige, der Allmächtige.
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12. Mai 1912
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Ansprache beim Treffen des Internationalen Friedensforums in der
Grace Methodist Episcopal Church
West 104th Street, New York
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Aufzeichnungen von Esther Foster
47:1
Wenn wir die Geschichte vom Anbeginn bis zum heutigen Tage betrachten, stellen wir fest, dass überall in der Menschenwelt Streit und Krieg herrschten. Kriege, ob religiös, rassistisch oder politisch motiviert, entstanden aus Unwissenheit, Missverständnissen und Mangel an Bildung und Erziehung. Als Erstes wollen wir den religiös motivierten Streit und Konflikt betrachten.
47:2
Offensichtlich sind die göttlichen Propheten in der Welt erschienen, um Liebe und Einigkeit unter den Menschen zu stiften. Sie waren Hirten, keine Wölfe. Der Hirte tritt auf, um seine Herde zu sammeln und zu führen, und nicht, um sie durch Konflikte zu zerstreuen. Jeder göttliche Hirte hat eine zuvor versprengte Herde gesammelt. Unter den Hirten war Moses. Zu einer Zeit, da die Stämme Israels getrennt voneinander umherzogen, sammelte und einte Er sie und führte sie zu höheren Stufen des Könnens und des Fortschritts, bis sie die Wüste der Zucht hinter sich ließen und in das Heilige Land der Besitznahme gelangten. Er wandelte ihre Erniedrigung in Herrlichkeit, ihre Armut in Wohlstand und ersetzte ihre Laster durch Tugenden, bis sie sich zu einer solchen Höhe erhoben, dass die Herrlichkeit des Königtums Salomos möglich wurde und sich der Ruhm ihrer Kultur in Ost und West verbreitete. Daher ist klar, dass Moses ein göttlicher Hirte war, denn Er sammelte die Stämme Israels und einte sie in der Macht und Stärke eines großen selbständigen Volkes.
47:3
Als der messianische Stern Jesu Christi aufging, erklärte Er, Er sei gekommen, um die verlorenen Stämme, Moses zerstreute Schafe, zu sammeln. Er hütete nicht nur die Herde Israels, sondern brachte auch Menschen aus Chaldäa, Ägypten, Syrien, dem ehemaligen Assyrien und aus Phönizien zusammen. Diese Menschen waren zueinander äußerst feindselig, blutrünstig wie wilde Tiere; aber Jesus Christus brachte sie zusammen, verband und vereinte sie in Seiner Sache und knüpfte ein so starkes Band der Liebe zwischen ihnen, dass Feindschaft und Krieg beendet wurden. Das zeigt, dass die göttlichen Lehren dazu gedacht sind, in der Menschenwelt ein Band der Einheit zu schaffen und die Grundlagen für Liebe und Gemeinschaft zwischen den Menschen zu schaffen. Die Göttliche Religion ist keine Ursache für Zwist und Zwietracht. Wenn Religion zur Quelle von Feindschaft und Streit wird, ist Religionslosigkeit vorzuziehen. Religion sollte das belebende Element des Staatswesens sein; bringt sie der Menschheit den Tod, so wäre ihr Nichtsein segensreich und förderlich für die Menschen. Heutzutage muss man sich den göttlichen Lehren zuwenden, denn sie sind das Heilmittel für die gegenwärtigen Zustände in der Menschenwelt. Der Zweck eines Heilmittels ist, zu heilen und zu kurieren. Wenn es die Symptome verschlimmert, ist es besser, es nicht zu verwenden beziehungsweise abzusetzen.
47:4
Zu einer Zeit, als die arabischen Stämme und Nomadenvölker vereinzelt und gesetzlos in der Wüste lebten, als Streit und Blutvergießen an der Tagesordnung waren und kein Stamm sicher vor Angriff und Zerstörung durch einen anderen war – zu einer so kritischen Zeit erschien Muḥammad. Er brachte diese wilden Wüstenstämme zusammen, stiftete Frieden zwischen ihnen, einte sie und führte sie zur Versöhnung, sodass Feindschaft und Krieg aufhörten. Schon bald breitete sich das arabische Volk aus, bis sich sein Herrschaftsbereich westwärts bis Spanien und Andalusien erstreckte.
47:5
Aus diesen Gegebenheiten können wir schließen, dass die göttlichen Religionen offenbart wurden, um Frieden zu stiften, nicht für Krieg und Blutvergießen. Da sie alle auf einer einzigen Wahrheit beruhen, auf Liebe und Einheit, sind die für die Religionsgeschichte so charakteristischen Kriege und Spaltungen den blinden Nachahmungen und dem Aberglauben zuzuschreiben, die erst später entstanden. Religion ist Wahrheit, und die Wahrheit ist nur eine. Die Grundlagen der Religion Gottes sind deshalb in Wirklichkeit eins. Bei den Grundlagen gibt es weder Unterschiede noch Veränderungen. Abweichungen und Widersprüche haben ihre Ursache in blinder Nachahmung, Vorurteilen und im Festhalten an Gebräuchen, die erst später auftreten. Und wenn diese voneinander abweichen, kommt es zu Zerwürfnissen und Streit. Wenn die Religionen der Welt diese Ursachen für Konflikte aufgäben und zu den Grundlagen zurückkehrten, so würden sich alle einig sein und Streit und Zwietracht würden vergehen; denn Religion und Wahrheit sind eins und nicht vielerlei.
47:6
Andere Kriege entstehen durch rassistische Unterscheidungen, die auf bloßer Einbildung beruhen; denn die Menschheit ist eine einzige Familie, ein Stamm aus einer gemeinsamen Wurzel, und Bewohner desselben Planeten. Im Schöpfungsplan gibt es keine ethnischen Unterscheidungen oder Abgrenzungen nach Völkern wie Franzosen, Engländern, Amerikanern, Deutschen, Italienern oder Spaniern; alle gehören zu einer einzigen Hausgemeinschaft. Die Abgrenzungen und Unterscheidungen sind menschengemacht und künstlich, nicht ursprünglich und natürlich. Alle Menschen sind die Früchte eines Baumes, die Blumen desselben Gartens, die Wellen eines Meeres. Im Tierreich kann man keine derartige Unterscheidung und Abgrenzung erkennen. Die Schafe des Ostens und die Schafe des Westens würden friedlich zusammenleben. Die orientalische Herde würde nicht überrascht aufblicken, wie um zu sagen: »Das sind Schafe des Abendlands; sie gehören nicht in unser Land.« Alle würden sich in Harmonie zusammentun und sich derselben Weide erfreuen, ohne dass Unterschiede der Herkunft zu bemerken wären. Vögel aus verschiedenen Ländern vermischen sich freundschaftlich. Im Tierreich finden wir diese Tugenden. Soll der Mensch diese Tugenden ablehnen? Der Mensch ist mit überlegener Urteilskraft und Erkenntnisfähigkeit ausgestattet; in ihm sind die göttlichen Gaben sichtbar. Sollen rassistische Vorstellungen die Oberhand gewinnen und die schöpferische Absicht der Einheit in seiner Welt verdunkeln? Soll er sagen: »Ich bin ein Deutscher«, »Ich bin ein Franzose« oder ein »Engländer« und wegen dieser eingebildeten und menschengemachten Unterscheidung den Krieg erklären? Gott bewahre! Diese Erde ist ein einziger Haushalt und die Heimat aller Menschen; deshalb sollte die Menschheit Unterschiede und Grenzen, die künstlich sind und zu Uneinigkeit und Feindseligkeit führen, ignorieren. Wir sind aus dem Osten gekommen. Preis sei Gott! Wir sehen, wie dieser Kontinent blüht und gedeiht, das Klima ist gesund und angenehm, die Bewohner sind freundlich und zuvorkommend, die Regierung ist fair und gerecht. Sollen wir andere Gedanken und Gefühle als die der Liebe zu euch hegen? Sollen wir sagen: »Das ist nicht unser Geburtsland, darum ist alles verwerflich«? Das wäre eine krasse Dummheit, der sich der Mensch nicht unterwerfen darf. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, die Wahrheit zu erforschen, und die Wahrheit ist, dass die Menschheit eine Familie ist und im Schöpfungsplan alle gleich sind. Darum müssen falsche Unterscheidungen der Herkunft oder Hautfarbe, die Gründe und Ursachen für Krieg sind, aufgegeben werden.
47:7
Bedenken Sie, was in Tripolis geschieht: Wie die Armen getötet werden und das Blut der Hilflosen auf beiden Seiten vergossen wird; Kinder werden ihrer Väter beraubt, Väter beklagen den Tod ihrer Söhne, Mütter beweinen den Verlust ihrer Lieben. Und was ist letztlich der Gewinn? Nichts Nennenswertes. Ist das irgendwie zu rechtfertigen? Haustiere sind zueinander weder gehässig noch grausam; das ist nämlich das Kennzeichen blutrünstiger wilder Bestien. In einer Herde von tausend Schafen wird man kein Blutvergießen erleben. Zahllose Vogelarten leben friedlich in Schwärmen. Wölfe, Löwen, Tiger sind wild, weil das gemäß ihrer Natur für die Nahrungsbeschaffung nötig ist. Der Mensch braucht solche Wildheit nicht; er bekommt seine Nahrung auf andere Weise. Es ist also offensichtlich, dass Krieg, Grausamkeit und Blutvergießen im Menschenreich durch menschliche Gier, Hass und Selbstsucht verursacht werden. Die Könige und Herrscher der Nationen genießen Luxus und Komfort in ihren Palästen und schicken das gemeine Volk aufs Schlachtfeld – opfern es als Kanonenfutter. Jeden Tag erfinden sie neue Geräte für die noch vollständigere Zerstörung der Grundlagen der Menschheit. Gegen ihre Mitgeschöpfe sind sie hart und gnadenlos. Was soll all das Leid und den Kummer von Müttern wieder gutmachen, die so zärtlich für ihre Söhne gesorgt haben? Wie viele schlaflose Nächte verbrachten sie, und wie viele Tage der Hingabe und Liebe boten sie auf, um ihre Kinder großzuziehen! Aber die Barbarei dieser kriegerischen Herrscher hinterlässt an einem einzigen Tag so viele ihrer Opfer zerfetzt und verkrüppelt. Welche Ignoranz und Entartung, fürwahr schlimmer noch als die blutrünstigen Bestien! Denn ein Wolf wird nur ein Schaf auf einmal wegtragen und fressen, während ein ehrgeiziger Tyrann in einer Schlacht den Tod von hunderttausend Männern herbeiführen kann und sich noch seines militärischen Könnens rühmt und sagt: »Ich bin Oberbefehlshaber; ich habe diesen mächtigen Sieg errungen.« Betrachten Sie die Unwissenheit und Widersprüchlichkeit der Menschen. Wenn ein Mensch einen anderen tötet, wird er ungeachtet des Grundes Mörder genannt, eingesperrt oder hingerichtet. Aber der brutale Unterdrücker, der hunderttausend erschlagen hat, wird als Held, Eroberer oder militärisches Genie vergöttert. Ein Mensch stiehlt eine kleine Summe Geld; er wird Dieb genannt und ins Zuchthaus gesteckt. Aber ein militärischer Führer, der in ein ganzes Königreich einmarschiert und es plündert, wird als Held, als mächtiger und tapferer Mann bejubelt. Wie niedrig und unwissend ist der Mensch!
47:8
Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten in Persien größte Feindseligkeit, Zwietracht und Hass zwischen den verschiedenen Stämmen und Völkern, religiösen Gruppen und Konfessionen. Auch alle anderen Völker des Ostens waren damals im gleichen Zustand. Religionsanhänger waren feindselig und fanatisch, die Sekten waren untereinander verfeindet, die Völker hassten einander, die Stämme befanden sich ständig im Krieg; überall herrschten Zwietracht und Streit. Die Männer mieden einander und misstrauten sich gegenseitig. Ein Mann, der eine Reihe seiner Mitgeschöpfe umbringen konnte, wurde für sein Heldentum und seine Stärke gepriesen. Unter den Religionsanhängern galt es als lobenswerte Tat, jemandem, der eine gegensätzliche Überzeugung vertrat, das Leben zu nehmen. Zu dieser Zeit erhob sich Bahá’u’lláh und verkündete Seine Sendung. Er stiftete die Einheit der Menschheit, verkündete, alle seien Diener des liebenden und barmherzigen Gottes, Der alle erschaffen, genährt und für alle vorgesorgt hat; warum also sollten die Menschen ungerecht und unfreundlich zueinander sein, somit ein Verhalten zeigen, das Gott zuwider ist? Warum sollten wir gegeneinander Feindschaft und Hass hegen, wenn Er uns liebt? Würde Gott nicht alle lieben, dann hätte Er nicht alle erschaffen, erzogen und für sie gesorgt. Liebevolle Güte ist die göttliche Leitlinie. Sollen wir menschliche Leitlinien und Standpunkte für besser halten als die Weisheit und Leitlinien Gottes? Das wäre unvorstellbar, unmöglich. Darum müssen wir den göttlichen Leitlinien folgen, indem wir uns mit tiefster Liebe und Sanftmut umeinander kümmern.
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Bahá’u’lláh verkündete den Größten Frieden und verordnete die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts. Er äußerte diese Prinzipien in zahlreichen Sendschreiben, die im gesamten Osten verbreitet wurden. Er schrieb an alle Könige und Herrscher, ermutigte sie, erteilte Ratschläge, ermahnte sie hinsichtlich der Friedensstiftung und zeigte mit schlüssigen Beweisen, dass Glück und Ruhm der Menschheit nur durch Abrüstung und Schlichtung gewährleistet werden können. Das war vor fast fünfzig Jahren. Weil Er die Botschaft weltweiten Friedens und internationaler Verständigung verkündete, erhoben sich die Könige des Orients gegen Ihn, denn sie sahen in Seinen Ermahnungen und Lehren keinerlei persönliche oder nationale Vorteile. Erbarmungslos verfolgten sie Ihn, luden auf Ihn jede Pein, warfen Ihn ins Gefängnis, setzten ihn der Bastonade aus, verbannten Ihn und kerkerten Ihn schließlich in eine Festung ein. Dann gingen sie gegen Seine Anhänger vor. Um der Stiftung des internationalen Friedens willen wurde das Blut von zwanzigtausend Bahá’í vergossen. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Kinder gefangen genommen und ihre Besitztümer geplündert, aber die Hingabe keines dieser Menschen wankte oder ließ nach. Bis zum heutigen Tag werden die Bahá’í verfolgt, und erst kürzlich wurden etliche getötet, denn überall, wo es Bahá’í gibt, unternehmen sie die größten Anstrengungen, den Weltfrieden herzustellen. Sie verkünden Prinzipien nicht nur, sie setzen sie tatkräftig um.
47:10
Durch die Lehren Bahá’u’lláhs sieht man heute in Persien Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Bekenntnisse in größtem Frieden und bestem Einvernehmen zusammenleben. Frühere Feindschaft und Hass sind verschwunden und sie erweisen allen Menschen größte Liebe, denn sie begreifen und wissen, dass alle die Geschöpfe und Diener des einen Gottes sind. Das ist unmittelbar den göttlichen Lehren zu verdanken. Im Grunde geht es nur darum, dass die Unwissenden Bildung erhalten, die Kranken geheilt werden und jene, die auf der Entwicklungsstufe eines Kindes sind, Hilfe bekommen, das Reifealter zu erreichen. Wir dürfen niemanden aufgrund seiner Unwissenheit unfreundlich behandeln, noch die Unreifen zurückweisen oder uns von den Kranken abwenden, vielmehr müssen wir das Heilmittel für jede menschliche Not verabreichen, bis alle in der Fürsorge Gottes vereint sind. Es ist also offensichtlich, dass die wesentlichen Grundlagen göttlicher Religionen Einheit und Liebe sind. Wenn Religion zu Zwietracht unter den Menschen führt, ist sie zerstörerisch und nicht göttlich, denn Religion bedeutet Einheit und Zusammenschluss, nicht Spaltung. Bloße Kenntnis der Grundsätze genügt nicht. Wir alle wissen und geben zu, dass Gerechtigkeit gut ist, aber es bedarf des Willens und der Tat, um Gerechtigkeit auszuüben und sichtbar werden zu lassen. Ein Beispiel. Wir denken vielleicht, es sei gut, eine Kirche zu bauen; aber bloß zu denken, es sei eine gute Sache, wird nichts zu ihrer Errichtung beitragen. Die Mittel und Wege müssen bereitet werden; wir müssen sie bauen wollen und dann den Bau durchführen. Wir wissen alle, dass der Weltfrieden eine gute Sache ist, dass er dem Wohl und Ruhm des Menschen dient, aber Willenskraft und Taten sind nötig, um ihn zu verwirklichen. Auf das Handeln kommt es an. Dieses Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Lichtes, daher ist gewährleistet, dass die Menschheit die Fähigkeit zum Handeln hat. Die göttlichen Prinzipien müssen unter den Menschen verbreitet werden, bis die Zeit zum Handeln kommt. So ist es geschehen und Zeit und Umstände sind jetzt wirklich reif zum Handeln. Alle Menschen wissen, dass Krieg tatsächlich die menschlichen Grundlagen zerstört, und in jedem Land der Welt wird dies zugegeben und leuchtet ein. Ich sehe in den Vereinigten Staaten von Amerika eine überaus fortschrittliche Nation; die Regierung ist gerecht, das Volk bereit und das Prinzip der Gleichberechtigung ist außerordentlich gut verwirklicht. Und weil das Banner des Weltfriedens gehisst werden muss, hoffe ich, dass das auf diesem Kontinent geschieht, denn diese Nation verdient es mehr und hat größere Fähigkeiten für einen solchen ersten Schritt als irgendeine andere. Würden andere Nationen versuchen, das zu tun, würde ihre Motivation missverstanden. Wenn etwa Großbritannien den Weltfrieden ausriefe, würde man sagen, das geschehe, um die Sicherheit seiner Kolonien zu gewährleisten. Wenn Frankreich dieses Banner hisste, würden andere Nationen sagen, irgendeine versteckte diplomatische Taktik liege diesem Akt zugrunde; Russland würde nationaler Absichten verdächtigt, wenn sein Volk den ersten Schritt machte, und Gleiches gilt für alle europäischen und östlichen Regierungen. Aber die Vereinigten Staaten von Amerika könnten keines solchen Eigeninteresses bezichtigt werden. Ihre Regierung hat genau genommen keine Kolonien, die sie schützen muss. Sie trachten nicht danach, Ihr Herrschaftsgebiet auszudehnen, noch brauchen Sie territoriale Expansion. Wenn darum Amerika den ersten Schritt zur Errichtung des Weltfriedens tut, ist das sicherlich seiner Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit zuzuschreiben. Die Welt wird sagen: »Für diesen Schritt der Vereinigten Staaten gibt es kein anderes Motiv als Uneigennützigkeit und Dienst an der Menschheit.« Deshalb hoffe ich, dass Sie als der erste Herold des Friedens vortreten und dieses Banner hissen, denn dieses Banner wird gehisst werden. Heben Sie es empor, denn Sie sind die geeignetste Nation, die es am meisten verdient. Die anderen Länder warten auf diesen Ruf, hoffen auf dieses Signal zur Versöhnung, denn die ganze Welt leidet unter der maßlosen Bürde und den nicht wiedergutzumachenden Schäden des Krieges. Steuern werden zur Deckung der Kosten erhoben. Jedes Jahr wächst die Last, und die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte. Europa ist zurzeit ein explosives Pulverfass, und ein einziger Funke wird die ganze Welt in Flammen setzen. Bevor es zu diesen Verwicklungen und katastrophalen Ereignissen kommt, unternehmen Sie diesen Schritt, um sie zu verhindern.
47:11
Die Grundlagen aller göttlichen Religionen sind Frieden und Einigkeit, aber es kam zu Missverständnissen und Unwissenheit. Wenn diese zum Verschwinden gebracht werden, werden Sie sehen, dass alle religiösen Kräfte für den Frieden arbeiten und die Einheit der Menschheit fördern werden. Denn die Grundlage von allem ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist nicht vielerlei oder teilbar. Moses legte die Grundlage, Jesus errichtete ihr Zelt, und ihr strahlendes Licht leuchtete in allen Religionen. Bahá’u’lláh verkündete diese eine Wahrheit und verbreitete die Botschaft des Größten Friedens. Selbst im Gefängnis ruhte Er nicht, bis Er dieses Licht im Osten entzündet hatte. Preis sei Gott! Alle, die Seine Lehren angenommen haben, lieben den Frieden, sind Friedensstifter, bereit, dafür ihr Leben zu opfern und ihr Hab und Gut dafür herzugeben. Möge dieses Banner jetzt im Westen gehisst werden, dann werden viele dem Ruf folgen. Amerika ist berühmt für seine Entdeckungen, Erfindungen und seine Kunstfertigkeit, es ist bekannt für eine gerechte Regierung und erstaunliche Vorhaben; jetzt möge es auch als Herold und Bote des Weltfriedens bekannt und gefeiert werden. Möge dies seine Berufung und Aufgabe sein, und möge sich dieser gesegnete Impuls in alle Länder verbreiten. Ich bete für Sie alle, dass Sie der Menschenwelt diesen Dienst erweisen.
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13. Mai 1912
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Ansprache bei einem Empfang der New Yorker Friedensgesellschaft
Hotel Astor, New York
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Aufzeichnungen von Esther Foster
48:1
Ich habe mich heute Nachmittag zwar unwohl gefühlt, aber weil ich dieser Versammlung große Bedeutung beimesse und mich danach gesehnt habe, Ihre Gesichter zu sehen, bin ich gekommen. Die freundlichen Worte und die herzliche Gastfreundschaft, die die Vorredner bekundet haben, sind sehr wohltuend. Ich bin dankbar, dass Ihre Herzen so empfänglich sind, denn es ist offensichtlich, dass Ihr größter Wunsch die Errichtung des Weltfriedens ist. Sie lieben die Einheit der Menschheit, Sie suchen das Wohlgefallen des Herrn, Sie erforschen die Grundlagen der göttlichen Religionen.
48:2
Heute gibt es nichts Rühmlicheres für den Menschen, als der Sache des Größten Friedens zu dienen. Frieden ist Licht, Krieg jedoch ist Dunkelheit. Frieden ist Leben, Krieg ist Tod. Frieden weist den Weg, Krieg führt in die Irre. Frieden ist die göttliche Grundlage, Krieg ist ein satanischer Brauch. Frieden erleuchtet die Menschenwelt, Krieg vernichtet die Grundlagen der Menschheit. Wenn wir die Auswirkungen auf diese Welt betrachten, dann stellen wir fest, dass Frieden und Gemeinschaft Faktoren für Aufbau und Vervollkommnung sind, Krieg und Streit dagegen die Ursachen von Zerstörung und Verfall. Alles Erschaffene ist Ausdruck der Verbundenheit und des Zusammenhalts von Grundsubstanzen, und Nichtsein ist das Fehlen dieser Anziehung und Übereinstimmung. In einer Komposition verbinden sich unterschiedliche Elemente harmonisch; aber wenn diese Elemente nicht mehr harmonieren und sich gegenseitig abstoßen, sind Zerfall und Nichtsein die Folge. Alles besitzt diese Eigenschaft und ist diesem Gesetz unterworfen, denn die Grundlage der Schöpfung, auf allen ihren Stufen und in allen Reichen, ist ein Ausdruck oder das Ergebnis der Liebe. Bedenken Sie die Unruhe und Erschütterung, die heutzutage der Krieg in der Menschenwelt hervorruft. Frieden ist Gesundheit und Aufbau; Krieg ist Krankheit und Auflösung. Wenn das Banner der Wahrheit gehisst wird, dann wird der Frieden zur Ursache für Wohl und Fortschritt der Menschheit. In allen Zeiten und Epochen führte Krieg zu Zerrüttung und Leid, während Frieden und Gemeinschaft zu Sicherheit und Berücksichtigung der Interessen der Menschen führten. Ganz besonders gilt dieser Unterschied für die heutige Weltlage, denn der Krieg hatte in früheren Jahrhunderten nie den Grad an Grausamkeit und Zerstörungskraft, die ihn heute kennzeichnen. Wenn in alten Zeiten zwei Völker gegeneinander Krieg führten, so wurden dabei zehn- oder zwanzigtausend Menschenleben geopfert; aber in diesem Jahrhundert ist es gut möglich, dass an einem einzigen Tag hunderttausend Leben vernichtet werden. Die Wissenschaft des Tötens wurde so perfektioniert und das von ihr entwickelte Instrumentarium so wirksam, dass ein ganzes Volk in kurzer Zeit ausgelöscht werden kann. Ein Vergleich mit den Methoden und Folgen antiker Kriegsführung ist somit nicht möglich.
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Alle Erscheinungsformen erreichen durch ein ihnen innewohnendes Gesetz einen Höhepunkt, eine Stufe der Vollendung, und erst danach entstehen eine neue Ordnung und neue Verhältnisse. Da die Kriegsinstrumente und die Kriegswissenschaft diese Stufe der Gründlichkeit und Effizienz erreicht haben, ist zu hoffen, dass die Umgestaltung der Menschenwelt unmittelbar bevorsteht und dass in den kommenden Jahrhunderten alle Energien und Erfindungen des Menschen dazu genutzt werden, die Interessen von Frieden und Gemeinschaft zu unterstützen. Möge daher diese werte und geschätzte Gesellschaft in ihren aufrichtigen Absichten für die Errichtung des Weltfriedens unterstützt und von Gott gestärkt werden. So kommt die Zeit schneller, da das Banner weltweiter Eintracht erhoben und weltweites Wohlergehen verkündet und verwirklicht wird, sodass das Dunkel, das die Welt jetzt umhüllt, verschwinden wird.
48:4
Vor sechzig Jahren lebte Bahá’u’lláh in Persien. Vor siebzig Jahren erschien dort der Báb. Diese beiden Heiligen Seelen widmeten Ihr Leben der Stiftung des internationalen Friedens und der Liebe unter den Menschen. Sie strebten mit Herz und Seele danach, die Lehren ins Leben zu rufen, durch die unterschiedliche Menschen zusammengebracht werden können und Streit, Groll oder Hass verschwinden. Bahá’u’lláh wandte sich an alle Menschen und sagte, dass Adam, der Stammvater der Menschheit, mit dem Lebensbaum verglichen werden kann, dessen Blätter und Blüten Sie sind. Da Ihr Ursprung ein einziger war, müssen Sie jetzt vereint und einig sein; Sie müssen in Freude und angenehmer Atmosphäre miteinander verkehren. Er nannte Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch – die Zerstörer des Staatswesens. Er sagte, dass der Mensch die Einheit der Menschheit anerkennen muss, denn alle gehören der Abstammung nach zu demselben Haushalt, und alle sind Diener desselben Gottes. Deshalb muss die Menschheit hinfort im Geiste der Verbundenheit und Liebe leben, die Verordnungen Gottes umsetzen und sich abwenden von satanischen Einflüsterungen, denn die göttlichen Gaben bringen Einigkeit und Einvernehmen hervor, die satanischen Weisungen dagegen führen zu Hass und Krieg.
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Diese außergewöhnliche Persönlichkeit konnte durch diese Grundsätze ein Band der Einheit zwischen den verschiedenen Sekten und unterschiedlichen Völkern Persiens knüpfen. Diejenigen, die Seinen Lehren folgten, gleich welcher Konfession oder Gruppierung sie angehörten, wurden durch die Bande der Liebe verbunden, und bis jetzt arbeiten und leben sie in Frieden und Einigkeit zusammen. Sie sind fürwahr Brüder und Schwestern. Sie nehmen keine Klassenunterschiede untereinander wahr und es herrscht völlige Harmonie. Täglich wird dieses Band der Zuneigung stärker und ihre geistige Gemeinschaft entfaltet sich fortwährend. Um den Fortschritt der Menschheit sicherzustellen und diese Prinzipien fest zu verankern, ertrug Bahá’u’lláh jede Qual und Widrigkeit. Der Báb wurde zum Märtyrer, und mehr als zwanzigtausend Männer und Frauen opferten ihr Leben für ihren Glauben. Bahá’u’lláh wurde eingekerkert und schwerer Drangsal ausgesetzt. Schließlich wurde Er von Persien nach Mesopotamien verbannt; von Baghdád wurde Er nach Konstantinopel und Adrianopel geschickt und von dort in das Gefängnis von ‘Akká in Syrien ‘Akká war bis 1918, dem Ende des Osmanischen Reiches, Teil einer größeren syrischen Provinz. A. Während all dieser Torturen bemühte Er sich Tag und Nacht, die Einheit der Menschheit zu verkünden und die Botschaft des Weltfriedens zu verbreiten. Aus dem Gefängnis in ‘Akká wandte Er sich in ausführlichen Briefen an die Könige und Herrscher der Erde. Er rief sie zu internationaler Verständigung auf und erklärte ausdrücklich, dass das Banner des Größten Friedens ganz gewiss in der Welt erhoben werde.
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Das ist geschehen. Die irdischen Mächte haben den Vorzügen und Gaben, die Gott diesem bedeutenden und herrlichen Jahrhundert bestimmt hat, nichts entgegenzusetzen. Sie sind eine Notwendigkeit, ein dringendes Erfordernis der Zeit. Der Mensch kann sich allem widersetzen, nur nicht dem, was gottgewollt ist und dem Zeitalter und dessen Erfordernissen entspricht. Jetzt finden sich gottlob in allen Ländern der Erde Menschen, die den Frieden lieben, und diese Prinzipien werden unter den Menschen verbreitet, besonders in diesem Land. Preis sei Gott! Diese Gedanken setzen sich durch, es erheben sich fortwährend Seelen, die für die Einheit der Menschheit eintreten und sich bemühen, den Weltfrieden zu fördern und zu verwirklichen. Zweifellos kann diese wunderbare Demokratie das erreichen und das Banner internationaler Verständigung wird hier entfaltet werden, um die Botschaft unter allen Völkern der Welt zu verbreiten. Ich danke Gott, dass ich Sie so empfänglich und voll hehrer Bestrebungen sehe, und ich hoffe, dass sich dieses Licht durch Sie hin zu allen Menschen verbreitet. So möge die Sonne der Wahrheit auf Ost und West scheinen. Die dichten Wolken werden sich auflösen und die Wärme der göttlichen Strahlen wird den Nebel vertreiben. Die menschliche Wirklichkeit wird sich entfalten und als Ebenbild Gottes, seines Schöpfers, hervortreten. Die Gedanken der Menschen werden sich so hoch aufschwingen, dass frühere Errungenschaften wie kindische Spielereien erscheinen, denn die Vorstellungen und Überzeugungen der Vergangenheit sowie rassistische und religiöse Vorurteile haben die menschliche Entwicklung immer eingeschränkt und waren immer schädlich und zerstörerisch. Ich bin höchst zuversichtlich, dass diese hehren Gedanken in diesem Jahrhundert zum menschlichen Wohlergehen beitragen werden. Lassen Sie dieses Jahrhundert die Sonne der früheren Jahrhunderte sein, deren Glanz ewig währen wird, sodass man das zwanzigste Jahrhundert in künftigen Tagen mit diesen Worten verherrlichen wird: »Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lichtes, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lebens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des internationalen Friedens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert göttlicher Gaben, das zwanzigste Jahrhundert hinterließ Spuren, die ewig währen.«
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