‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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47:8
Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten in Persien größte Feindseligkeit, Zwietracht und Hass zwischen den verschiedenen Stämmen und Völkern, religiösen Gruppen und Konfessionen. Auch alle anderen Völker des Ostens waren damals im gleichen Zustand. Religionsanhänger waren feindselig und fanatisch, die Sekten waren untereinander verfeindet, die Völker hassten einander, die Stämme befanden sich ständig im Krieg; überall herrschten Zwietracht und Streit. Die Männer mieden einander und misstrauten sich gegenseitig. Ein Mann, der eine Reihe seiner Mitgeschöpfe umbringen konnte, wurde für sein Heldentum und seine Stärke gepriesen. Unter den Religionsanhängern galt es als lobenswerte Tat, jemandem, der eine gegensätzliche Überzeugung vertrat, das Leben zu nehmen. Zu dieser Zeit erhob sich Bahá’u’lláh und verkündete Seine Sendung. Er stiftete die Einheit der Menschheit, verkündete, alle seien Diener des liebenden und barmherzigen Gottes, Der alle erschaffen, genährt und für alle vorgesorgt hat; warum also sollten die Menschen ungerecht und unfreundlich zueinander sein, somit ein Verhalten zeigen, das Gott zuwider ist? Warum sollten wir gegeneinander Feindschaft und Hass hegen, wenn Er uns liebt? Würde Gott nicht alle lieben, dann hätte Er nicht alle erschaffen, erzogen und für sie gesorgt. Liebevolle Güte ist die göttliche Leitlinie. Sollen wir menschliche Leitlinien und Standpunkte für besser halten als die Weisheit und Leitlinien Gottes? Das wäre unvorstellbar, unmöglich. Darum müssen wir den göttlichen Leitlinien folgen, indem wir uns mit tiefster Liebe und Sanftmut umeinander kümmern.
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Bahá’u’lláh verkündete den Größten Frieden und verordnete die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts. Er äußerte diese Prinzipien in zahlreichen Sendschreiben, die im gesamten Osten verbreitet wurden. Er schrieb an alle Könige und Herrscher, ermutigte sie, erteilte Ratschläge, ermahnte sie hinsichtlich der Friedensstiftung und zeigte mit schlüssigen Beweisen, dass Glück und Ruhm der Menschheit nur durch Abrüstung und Schlichtung gewährleistet werden können. Das war vor fast fünfzig Jahren. Weil Er die Botschaft weltweiten Friedens und internationaler Verständigung verkündete, erhoben sich die Könige des Orients gegen Ihn, denn sie sahen in Seinen Ermahnungen und Lehren keinerlei persönliche oder nationale Vorteile. Erbarmungslos verfolgten sie Ihn, luden auf Ihn jede Pein, warfen Ihn ins Gefängnis, setzten ihn der Bastonade aus, verbannten Ihn und kerkerten Ihn schließlich in eine Festung ein. Dann gingen sie gegen Seine Anhänger vor. Um der Stiftung des internationalen Friedens willen wurde das Blut von zwanzigtausend Bahá’í vergossen. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Kinder gefangen genommen und ihre Besitztümer geplündert, aber die Hingabe keines dieser Menschen wankte oder ließ nach. Bis zum heutigen Tag werden die Bahá’í verfolgt, und erst kürzlich wurden etliche getötet, denn überall, wo es Bahá’í gibt, unternehmen sie die größten Anstrengungen, den Weltfrieden herzustellen. Sie verkünden Prinzipien nicht nur, sie setzen sie tatkräftig um.
47:10
Durch die Lehren Bahá’u’lláhs sieht man heute in Persien Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Bekenntnisse in größtem Frieden und bestem Einvernehmen zusammenleben. Frühere Feindschaft und Hass sind verschwunden und sie erweisen allen Menschen größte Liebe, denn sie begreifen und wissen, dass alle die Geschöpfe und Diener des einen Gottes sind. Das ist unmittelbar den göttlichen Lehren zu verdanken. Im Grunde geht es nur darum, dass die Unwissenden Bildung erhalten, die Kranken geheilt werden und jene, die auf der Entwicklungsstufe eines Kindes sind, Hilfe bekommen, das Reifealter zu erreichen. Wir dürfen niemanden aufgrund seiner Unwissenheit unfreundlich behandeln, noch die Unreifen zurückweisen oder uns von den Kranken abwenden, vielmehr müssen wir das Heilmittel für jede menschliche Not verabreichen, bis alle in der Fürsorge Gottes vereint sind. Es ist also offensichtlich, dass die wesentlichen Grundlagen göttlicher Religionen Einheit und Liebe sind. Wenn Religion zu Zwietracht unter den Menschen führt, ist sie zerstörerisch und nicht göttlich, denn Religion bedeutet Einheit und Zusammenschluss, nicht Spaltung. Bloße Kenntnis der Grundsätze genügt nicht. Wir alle wissen und geben zu, dass Gerechtigkeit gut ist, aber es bedarf des Willens und der Tat, um Gerechtigkeit auszuüben und sichtbar werden zu lassen. Ein Beispiel. Wir denken vielleicht, es sei gut, eine Kirche zu bauen; aber bloß zu denken, es sei eine gute Sache, wird nichts zu ihrer Errichtung beitragen. Die Mittel und Wege müssen bereitet werden; wir müssen sie bauen wollen und dann den Bau durchführen. Wir wissen alle, dass der Weltfrieden eine gute Sache ist, dass er dem Wohl und Ruhm des Menschen dient, aber Willenskraft und Taten sind nötig, um ihn zu verwirklichen. Auf das Handeln kommt es an. Dieses Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Lichtes, daher ist gewährleistet, dass die Menschheit die Fähigkeit zum Handeln hat. Die göttlichen Prinzipien müssen unter den Menschen verbreitet werden, bis die Zeit zum Handeln kommt. So ist es geschehen und Zeit und Umstände sind jetzt wirklich reif zum Handeln. Alle Menschen wissen, dass Krieg tatsächlich die menschlichen Grundlagen zerstört, und in jedem Land der Welt wird dies zugegeben und leuchtet ein. Ich sehe in den Vereinigten Staaten von Amerika eine überaus fortschrittliche Nation; die Regierung ist gerecht, das Volk bereit und das Prinzip der Gleichberechtigung ist außerordentlich gut verwirklicht. Und weil das Banner des Weltfriedens gehisst werden muss, hoffe ich, dass das auf diesem Kontinent geschieht, denn diese Nation verdient es mehr und hat größere Fähigkeiten für einen solchen ersten Schritt als irgendeine andere. Würden andere Nationen versuchen, das zu tun, würde ihre Motivation missverstanden. Wenn etwa Großbritannien den Weltfrieden ausriefe, würde man sagen, das geschehe, um die Sicherheit seiner Kolonien zu gewährleisten. Wenn Frankreich dieses Banner hisste, würden andere Nationen sagen, irgendeine versteckte diplomatische Taktik liege diesem Akt zugrunde; Russland würde nationaler Absichten verdächtigt, wenn sein Volk den ersten Schritt machte, und Gleiches gilt für alle europäischen und östlichen Regierungen. Aber die Vereinigten Staaten von Amerika könnten keines solchen Eigeninteresses bezichtigt werden. Ihre Regierung hat genau genommen keine Kolonien, die sie schützen muss. Sie trachten nicht danach, Ihr Herrschaftsgebiet auszudehnen, noch brauchen Sie territoriale Expansion. Wenn darum Amerika den ersten Schritt zur Errichtung des Weltfriedens tut, ist das sicherlich seiner Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit zuzuschreiben. Die Welt wird sagen: »Für diesen Schritt der Vereinigten Staaten gibt es kein anderes Motiv als Uneigennützigkeit und Dienst an der Menschheit.« Deshalb hoffe ich, dass Sie als der erste Herold des Friedens vortreten und dieses Banner hissen, denn dieses Banner wird gehisst werden. Heben Sie es empor, denn Sie sind die geeignetste Nation, die es am meisten verdient. Die anderen Länder warten auf diesen Ruf, hoffen auf dieses Signal zur Versöhnung, denn die ganze Welt leidet unter der maßlosen Bürde und den nicht wiedergutzumachenden Schäden des Krieges. Steuern werden zur Deckung der Kosten erhoben. Jedes Jahr wächst die Last, und die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte. Europa ist zurzeit ein explosives Pulverfass, und ein einziger Funke wird die ganze Welt in Flammen setzen. Bevor es zu diesen Verwicklungen und katastrophalen Ereignissen kommt, unternehmen Sie diesen Schritt, um sie zu verhindern.
47:11
Die Grundlagen aller göttlichen Religionen sind Frieden und Einigkeit, aber es kam zu Missverständnissen und Unwissenheit. Wenn diese zum Verschwinden gebracht werden, werden Sie sehen, dass alle religiösen Kräfte für den Frieden arbeiten und die Einheit der Menschheit fördern werden. Denn die Grundlage von allem ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist nicht vielerlei oder teilbar. Moses legte die Grundlage, Jesus errichtete ihr Zelt, und ihr strahlendes Licht leuchtete in allen Religionen. Bahá’u’lláh verkündete diese eine Wahrheit und verbreitete die Botschaft des Größten Friedens. Selbst im Gefängnis ruhte Er nicht, bis Er dieses Licht im Osten entzündet hatte. Preis sei Gott! Alle, die Seine Lehren angenommen haben, lieben den Frieden, sind Friedensstifter, bereit, dafür ihr Leben zu opfern und ihr Hab und Gut dafür herzugeben. Möge dieses Banner jetzt im Westen gehisst werden, dann werden viele dem Ruf folgen. Amerika ist berühmt für seine Entdeckungen, Erfindungen und seine Kunstfertigkeit, es ist bekannt für eine gerechte Regierung und erstaunliche Vorhaben; jetzt möge es auch als Herold und Bote des Weltfriedens bekannt und gefeiert werden. Möge dies seine Berufung und Aufgabe sein, und möge sich dieser gesegnete Impuls in alle Länder verbreiten. Ich bete für Sie alle, dass Sie der Menschenwelt diesen Dienst erweisen.
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13. Mai 1912
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Ansprache bei einem Empfang der New Yorker Friedensgesellschaft
Hotel Astor, New York
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Aufzeichnungen von Esther Foster
48:1
Ich habe mich heute Nachmittag zwar unwohl gefühlt, aber weil ich dieser Versammlung große Bedeutung beimesse und mich danach gesehnt habe, Ihre Gesichter zu sehen, bin ich gekommen. Die freundlichen Worte und die herzliche Gastfreundschaft, die die Vorredner bekundet haben, sind sehr wohltuend. Ich bin dankbar, dass Ihre Herzen so empfänglich sind, denn es ist offensichtlich, dass Ihr größter Wunsch die Errichtung des Weltfriedens ist. Sie lieben die Einheit der Menschheit, Sie suchen das Wohlgefallen des Herrn, Sie erforschen die Grundlagen der göttlichen Religionen.
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Heute gibt es nichts Rühmlicheres für den Menschen, als der Sache des Größten Friedens zu dienen. Frieden ist Licht, Krieg jedoch ist Dunkelheit. Frieden ist Leben, Krieg ist Tod. Frieden weist den Weg, Krieg führt in die Irre. Frieden ist die göttliche Grundlage, Krieg ist ein satanischer Brauch. Frieden erleuchtet die Menschenwelt, Krieg vernichtet die Grundlagen der Menschheit. Wenn wir die Auswirkungen auf diese Welt betrachten, dann stellen wir fest, dass Frieden und Gemeinschaft Faktoren für Aufbau und Vervollkommnung sind, Krieg und Streit dagegen die Ursachen von Zerstörung und Verfall. Alles Erschaffene ist Ausdruck der Verbundenheit und des Zusammenhalts von Grundsubstanzen, und Nichtsein ist das Fehlen dieser Anziehung und Übereinstimmung. In einer Komposition verbinden sich unterschiedliche Elemente harmonisch; aber wenn diese Elemente nicht mehr harmonieren und sich gegenseitig abstoßen, sind Zerfall und Nichtsein die Folge. Alles besitzt diese Eigenschaft und ist diesem Gesetz unterworfen, denn die Grundlage der Schöpfung, auf allen ihren Stufen und in allen Reichen, ist ein Ausdruck oder das Ergebnis der Liebe. Bedenken Sie die Unruhe und Erschütterung, die heutzutage der Krieg in der Menschenwelt hervorruft. Frieden ist Gesundheit und Aufbau; Krieg ist Krankheit und Auflösung. Wenn das Banner der Wahrheit gehisst wird, dann wird der Frieden zur Ursache für Wohl und Fortschritt der Menschheit. In allen Zeiten und Epochen führte Krieg zu Zerrüttung und Leid, während Frieden und Gemeinschaft zu Sicherheit und Berücksichtigung der Interessen der Menschen führten. Ganz besonders gilt dieser Unterschied für die heutige Weltlage, denn der Krieg hatte in früheren Jahrhunderten nie den Grad an Grausamkeit und Zerstörungskraft, die ihn heute kennzeichnen. Wenn in alten Zeiten zwei Völker gegeneinander Krieg führten, so wurden dabei zehn- oder zwanzigtausend Menschenleben geopfert; aber in diesem Jahrhundert ist es gut möglich, dass an einem einzigen Tag hunderttausend Leben vernichtet werden. Die Wissenschaft des Tötens wurde so perfektioniert und das von ihr entwickelte Instrumentarium so wirksam, dass ein ganzes Volk in kurzer Zeit ausgelöscht werden kann. Ein Vergleich mit den Methoden und Folgen antiker Kriegsführung ist somit nicht möglich.
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Alle Erscheinungsformen erreichen durch ein ihnen innewohnendes Gesetz einen Höhepunkt, eine Stufe der Vollendung, und erst danach entstehen eine neue Ordnung und neue Verhältnisse. Da die Kriegsinstrumente und die Kriegswissenschaft diese Stufe der Gründlichkeit und Effizienz erreicht haben, ist zu hoffen, dass die Umgestaltung der Menschenwelt unmittelbar bevorsteht und dass in den kommenden Jahrhunderten alle Energien und Erfindungen des Menschen dazu genutzt werden, die Interessen von Frieden und Gemeinschaft zu unterstützen. Möge daher diese werte und geschätzte Gesellschaft in ihren aufrichtigen Absichten für die Errichtung des Weltfriedens unterstützt und von Gott gestärkt werden. So kommt die Zeit schneller, da das Banner weltweiter Eintracht erhoben und weltweites Wohlergehen verkündet und verwirklicht wird, sodass das Dunkel, das die Welt jetzt umhüllt, verschwinden wird.
48:4
Vor sechzig Jahren lebte Bahá’u’lláh in Persien. Vor siebzig Jahren erschien dort der Báb. Diese beiden Heiligen Seelen widmeten Ihr Leben der Stiftung des internationalen Friedens und der Liebe unter den Menschen. Sie strebten mit Herz und Seele danach, die Lehren ins Leben zu rufen, durch die unterschiedliche Menschen zusammengebracht werden können und Streit, Groll oder Hass verschwinden. Bahá’u’lláh wandte sich an alle Menschen und sagte, dass Adam, der Stammvater der Menschheit, mit dem Lebensbaum verglichen werden kann, dessen Blätter und Blüten Sie sind. Da Ihr Ursprung ein einziger war, müssen Sie jetzt vereint und einig sein; Sie müssen in Freude und angenehmer Atmosphäre miteinander verkehren. Er nannte Vorurteile – ob religiös, rassistisch, patriotisch oder politisch – die Zerstörer des Staatswesens. Er sagte, dass der Mensch die Einheit der Menschheit anerkennen muss, denn alle gehören der Abstammung nach zu demselben Haushalt, und alle sind Diener desselben Gottes. Deshalb muss die Menschheit hinfort im Geiste der Verbundenheit und Liebe leben, die Verordnungen Gottes umsetzen und sich abwenden von satanischen Einflüsterungen, denn die göttlichen Gaben bringen Einigkeit und Einvernehmen hervor, die satanischen Weisungen dagegen führen zu Hass und Krieg.
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Diese außergewöhnliche Persönlichkeit konnte durch diese Grundsätze ein Band der Einheit zwischen den verschiedenen Sekten und unterschiedlichen Völkern Persiens knüpfen. Diejenigen, die Seinen Lehren folgten, gleich welcher Konfession oder Gruppierung sie angehörten, wurden durch die Bande der Liebe verbunden, und bis jetzt arbeiten und leben sie in Frieden und Einigkeit zusammen. Sie sind fürwahr Brüder und Schwestern. Sie nehmen keine Klassenunterschiede untereinander wahr und es herrscht völlige Harmonie. Täglich wird dieses Band der Zuneigung stärker und ihre geistige Gemeinschaft entfaltet sich fortwährend. Um den Fortschritt der Menschheit sicherzustellen und diese Prinzipien fest zu verankern, ertrug Bahá’u’lláh jede Qual und Widrigkeit. Der Báb wurde zum Märtyrer, und mehr als zwanzigtausend Männer und Frauen opferten ihr Leben für ihren Glauben. Bahá’u’lláh wurde eingekerkert und schwerer Drangsal ausgesetzt. Schließlich wurde Er von Persien nach Mesopotamien verbannt; von Baghdád wurde Er nach Konstantinopel und Adrianopel geschickt und von dort in das Gefängnis von ‘Akká in Syrien ‘Akká war bis 1918, dem Ende des Osmanischen Reiches, Teil einer größeren syrischen Provinz. A. Während all dieser Torturen bemühte Er sich Tag und Nacht, die Einheit der Menschheit zu verkünden und die Botschaft des Weltfriedens zu verbreiten. Aus dem Gefängnis in ‘Akká wandte Er sich in ausführlichen Briefen an die Könige und Herrscher der Erde. Er rief sie zu internationaler Verständigung auf und erklärte ausdrücklich, dass das Banner des Größten Friedens ganz gewiss in der Welt erhoben werde.
48:6
Das ist geschehen. Die irdischen Mächte haben den Vorzügen und Gaben, die Gott diesem bedeutenden und herrlichen Jahrhundert bestimmt hat, nichts entgegenzusetzen. Sie sind eine Notwendigkeit, ein dringendes Erfordernis der Zeit. Der Mensch kann sich allem widersetzen, nur nicht dem, was gottgewollt ist und dem Zeitalter und dessen Erfordernissen entspricht. Jetzt finden sich gottlob in allen Ländern der Erde Menschen, die den Frieden lieben, und diese Prinzipien werden unter den Menschen verbreitet, besonders in diesem Land. Preis sei Gott! Diese Gedanken setzen sich durch, es erheben sich fortwährend Seelen, die für die Einheit der Menschheit eintreten und sich bemühen, den Weltfrieden zu fördern und zu verwirklichen. Zweifellos kann diese wunderbare Demokratie das erreichen und das Banner internationaler Verständigung wird hier entfaltet werden, um die Botschaft unter allen Völkern der Welt zu verbreiten. Ich danke Gott, dass ich Sie so empfänglich und voll hehrer Bestrebungen sehe, und ich hoffe, dass sich dieses Licht durch Sie hin zu allen Menschen verbreitet. So möge die Sonne der Wahrheit auf Ost und West scheinen. Die dichten Wolken werden sich auflösen und die Wärme der göttlichen Strahlen wird den Nebel vertreiben. Die menschliche Wirklichkeit wird sich entfalten und als Ebenbild Gottes, seines Schöpfers, hervortreten. Die Gedanken der Menschen werden sich so hoch aufschwingen, dass frühere Errungenschaften wie kindische Spielereien erscheinen, denn die Vorstellungen und Überzeugungen der Vergangenheit sowie rassistische und religiöse Vorurteile haben die menschliche Entwicklung immer eingeschränkt und waren immer schädlich und zerstörerisch. Ich bin höchst zuversichtlich, dass diese hehren Gedanken in diesem Jahrhundert zum menschlichen Wohlergehen beitragen werden. Lassen Sie dieses Jahrhundert die Sonne der früheren Jahrhunderte sein, deren Glanz ewig währen wird, sodass man das zwanzigste Jahrhundert in künftigen Tagen mit diesen Worten verherrlichen wird: »Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lichtes, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des Lebens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert des internationalen Friedens, das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert göttlicher Gaben, das zwanzigste Jahrhundert hinterließ Spuren, die ewig währen.«
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19. Mai 1912
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Ansprache in der Divine Paternity Church
Central Park West in New York
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Aufzeichnungen von Esther Foster
49:1
Es gibt viele Religionen, aber das Wesen der Religion ist nur eines. Es gibt viele Tage, aber die Sonne ist nur eine. Es gibt viele Brunnen, aber der Urquell ist nur einer. Es gibt viele Zweige, aber der Baum ist nur einer.
49:2
Das Fundament der göttlichen Religionen ist die Wahrheit; wäre da keine Wahrheit, gäbe es keine Religionen. Abraham verkündete die Wahrheit. Moses machte die Wahrheit bekannt. Christus hat die Wahrheit verankert. Muḥammad war der Gesandte der Wahrheit. Der Báb war das Tor zur Wahrheit. Bahá’u’lláh war der Glanz der Wahrheit. Die Wahrheit ist eine einzige; sie erlaubt keine Vielzahl oder Teilung. Die Wahrheit ist wie die Sonne, die von verschiedenen Aufgangsorten aus scheint; sie ist wie das Licht, das viele Lampen erhellt.
49:3
Wenn daher die Religionen die Wahrheit untersuchen und die wesentliche Wahrheit ihrer eigenen Grundlagen suchen, werden sie sich versöhnen und man wird keinen Unterschied finden. Aber da die Religionen in dogmatische Nachahmung abgetaucht sind und die ursprünglichen Grundlagen aufgegeben haben, und da diese Nachahmungen sehr unterschiedlich sind, weichen die Religionen voneinander ab und widersprechen sich. Diese Nachahmungen können mit Wolken verglichen werden, die den Sonnenaufgang verdunkeln; die Wahrheit aber ist die Sonne. Wenn sich die Wolken auflösen, scheint die Sonne der Wahrheit auf alle, und es gibt keine unterschiedlichen Sichtweisen mehr. Die Religionen werden übereinstimmen, denn im Grunde sind sie gleich. Ihr Inhalt ist ein einziger, aber die Beschreibungen sind vielfältig.
49:4
Die göttlichen Religionen sind wie der Lauf der Jahreszeiten. Wenn die Erde leblos wird und verödet, weil Frost und Kälte jede Spur des letzten Frühlings getilgt haben, bricht eine neue Frühlingszeit an und kleidet alles in ein neues Gewand des Lebens. Die Wiesen werden saftig und grün, die Bäume schmücken sich mit frischem Laub und bringen Früchte hervor. Dann kommt wieder der Winter und alle Spuren des Frühlings verschwinden. Das ist der beständige Kreislauf der Jahreszeiten – Frühling, Winter, dann die Rückkehr des Frühlings. Aber obwohl sich der Kalender ändert und die Jahre vorrücken, ist doch jeder neue Frühling die Rückkehr des vergangenen Frühlings; dieser Frühling ist die Erneuerung des vorherigen Frühlings. Frühling ist immer Frühling, wann und wie oft er auch kommt. Die göttlichen Propheten sind wie das Kommen des Frühlings: jeder erneuert und belebt die Lehren des Propheten, der vor Ihm kam. So, wie alle Frühlingszeiten bezüglich Erneuerung des Lebens, Frühlingsschauern und Schönheit im Grunde eins sind, so ist das Wesen der Sendung und des Wirkens aller Propheten ein und dasselbe. Jetzt haben die Anhänger der Religionen die Wahrheit aus den Augen verloren, die dem geistigen Frühling zugrunde liegt. Sie halten hartnäckig an den überlieferten Formen und Nachahmungen fest, und deswegen gibt es zwischen ihnen Meinungsverschiedenheiten, Unfrieden und heftige Auseinandersetzungen. Deshalb müssen wir uns jetzt von diesen Nachahmungen abwenden und die Grundlage der göttlichen Lehren suchen; und da die Grundlage eine einzige Wahrheit ist, müssen die Gläubigen der verschiedenen Religionen sich darauf einigen, damit Liebe und Einheit zwischen allen Menschen und Konfessionen entstehen.
49:5
Zu einer Zeit, als der Orient durch religiöse Zwietracht zerrissen war, erschien Bahá’u’lláh. Er stiftete Lehren, durch die die vielen sehr unterschiedlichen Völker vereint wurden. Er verkündete Grundsätze, die die Ursache ihrer Uneinigkeit beseitigten, und jene, die zuvor ständig Krieg führten, sind heute in Persien geeint. Christen, Muslime, Zoroastrier, Juden – Menschen jeden Glaubens und jeder Konfession, die den Lehren Bahá’u’lláhs gefolgt sind – sind zu vollkommener Gemeinschaft und geistiger Eintracht gelangt. Frühere Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten sind gänzlich verschwunden. Hier sind einige der Prinzipien der Lehre Bahá’u’lláhs:
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Erstens: Die Einheit der Menschheit muss anerkannt und umgesetzt werden. Alle Menschen sind die Diener Gottes. Er hat alle erschaffen; Er ist der Versorger und Bewahrer; Er liebt alle. Warum sollten wir zueinander ungerecht sein, da Er doch so gerecht und gütig ist? Da Gott uns mit Leben beseelt hat, warum sollten wir einander den Tod bringen? Er hat uns getröstet, warum sollten wir Angst auslösen und Leid verursachen? Kann die Menschheit Pläne und Regeln ersinnen, die besser als die göttlichen und ihnen überlegen sind? So fähig der Mensch auch sein mag, Pläne zu schmieden und Absichten zu verwirklichen, ist doch gewiss, dass seine Anstrengungen im Vergleich zum göttlichen Plan und den göttlichen Absichten völlig ungenügend sind, denn der Ratschluss Gottes ist vollkommen. Daher müssen wir dem Willen und Plan Gottes folgen. Weil Er zu allen gütig ist, müssen wir es auch sein, und das wird Gott sicherlich höchst wohlgefällig sein.
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Zweitens muss nach Wahrheit geforscht werden; denn die Wahrheit ist eine einzige, und wenn man sie erforscht, werden alle die Liebe und Einheit entdecken. Die Unwissenden müssen erzogen werden, die Kranken müssen geheilt werden, die schwach Entwickelten müssen zur Reife geführt werden. Sollen wir die Unwissenden, Kranken oder Unreifen wegen ihrer Schwäche zurückweisen oder ablehnen? Ist es nicht besser, freundlich und sanft zu sein und für das Heilmittel zu sorgen? Unter gar keinen Umständen sollten wir daher eine andere Haltung einnehmen als die der Güte und Demut.
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Drittens: Die Religion steht im Einklang mit der Wissenschaft. Die grundlegenden Lehren der Propheten entsprechen wissenschaftlichen Prinzipien, aber die Bräuche und Nachahmungen, die sich innerhalb der Religionen entwickelt haben, widersprechen der Wissenschaft. Wenn Religion nicht mit der Wissenschaft im Einklang steht, ist sie Aberglaube und Unwissenheit, denn Gott hat den Menschen mit Vernunft ausgestattet, damit er die Wahrheit erkennen kann. Die Grundlagen der Religion sind sinnvoll und vernünftig. Gott hat uns mit Vernunft begabt, um diese Grundlagen zu erkennen und zu verstehen. Wenn sie der Wissenschaft und Vernunft widersprechen, wie könnte man an sie glauben und ihnen folgen?
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Viertens: Die Religion muss zu Liebe und Einheit zwischen den Menschen führen; denn wenn die Religion zur Ursache von Feindseligkeit und Streit wird, wäre ihr Nichtvorhandensein vorzuziehen. Als Moses erschien, waren die von den Pharaonen gefangengehaltenen Stämme Israels gespalten. Moses führte sie zusammen und das göttliche Gesetz stiftete Gemeinschaft unter ihnen. Sie wurden zu einem Volk, geeint und gefestigt; dann wurden sie aus der Knechtschaft befreit. Sie zogen ins gelobte Land, machten in jeder Hinsicht Fortschritte, entwickelten Wissenschaften und Künste, kamen auf materiellem Gebiet voran und erstarkten in der göttlichen oder geistigen Kultur, bis ihr Volk unter der Herrschaft Salomos seinen Entwicklungshöhepunkt erreichte. Damit wird deutlich, dass Religion Einheit, Gemeinschaft und Fortschritt unter den Menschen bewirkt. Die Aufgabe eines Hirten ist, die Schafe zusammenzuscharen, und nicht, sie zu zerstreuen. Dann erschien Christus. Er einte die verschiedenen und voneinander abweichenden Glaubensbekenntnisse und die kriegerischen Völker Seiner Zeit. Er brachte Griechen und Römer zusammen, versöhnte Ägypter und Assyrer, Chaldäer und Phönizier. Christus schuf Einheit und Eintracht unter den Menschen dieser verfeindeten und sich bekriegenden Völker. So wird einmal mehr deutlich, dass der Zweck der Religion Frieden und Harmonie ist. Ähnlich erschien Muḥammad zu einer Zeit, als die Völker und Stämme Arabiens uneins waren und sich ständig im Kriegszustand befanden. Sie töteten einander, plünderten und verschleppten Frauen und Kinder. Muḥammad einte diese gewalttätigen Stämme und schuf eine gemeinsame Grundlage für sie, sodass sie von ihren Kriegen gegeneinander völlig abließen und stattdessen Gemeinschaften gründeten. Das Ergebnis war, dass sich die arabischen Stämme vom persischen Joch und von der römischen Herrschaft befreiten und ein unabhängiges Staatswesen schufen, das zu einer hohen Kulturstufe aufstieg, Fortschritte in Handwerkskunst und Wissenschaft machte, die Herrschaft der Sarazenen weit westwärts bis Spanien und Andalusien ausdehnte und in der ganzen Welt berühmt wurde. Somit ist einmal mehr bewiesen, dass die Religion Gottes die Ursache für Fortschritt und Zusammenhalt sein soll, nicht für Feindschaft und Zerfall. Wenn sie zur Ursache von Hass und Kampf wird, ist ihr Nichtvorhandensein zu bevorzugen. Ihr Zweck ist Einheit, und ihre Grundlagen sind eins.
49:10
Als Bahá’u’lláh in Persien erschien, spalteten gewalttätige Auseinandersetzungen und Hass die Völker und Stämme dieses Landes. Sie kamen nur zusammen, um gegeneinander Krieg zu führen; sie hätten weder dasselbe Essen gegessen noch vom selben Wasser getrunken; Gemeinschaft und Umgang miteinander waren unmöglich. Bahá’u’lláh stiftete die Einheit der Menschheit bei diesen Menschen und verband ihre Herzen mit solchen Banden der Liebe, dass sie völlig geeint wurden. Er stellte die Grundlagen der Offenbarungen wieder her; Er reformierte und erneuerte die Grundlagen, die von den Ihm vorangegangenen Gesandten Gottes gelegt worden waren. Und jetzt werden hoffentlich der Osten und der Westen durch Sein Leben und Seine Lehren so vereint werden, dass von Feindschaft, Streit und Zwietracht keine Spur übrig bleibt.
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19. Mai 1912
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Ansprache in der Brotherhood Church
Bergen and Fairview Avenues, Jersey City, New Jersey
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Aufzeichnungen von Esther Foster
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Da diese Kirche Bruderschaftskirche genannt wird, möchte ich über die Brüderlichkeit der Menschheit sprechen. Der Menschheit liegt vollkommene Brüderlichkeit zugrunde, denn alle sind Diener des einen Gottes und gehören zu einer einzigen Familie, die unter dem Schutz der göttlichen Vorsehung steht. Dieses Band der Brüderlichkeit existiert in der Menschheit, weil alle vernunftbegabte Wesen sind, erschaffen im Reich des evolutionären Wachstums. In der Menschheit gibt es ein Potenzial für Brüderlichkeit, weil alle auf dieser Erdkugel unter dem einen himmlischen Baldachin wohnen. Brüderlichkeit ist in der Menschheit angelegt, denn alle sind Teil einer einzigen menschlichen Gesellschaft, die auf Einigung und Zusammenarbeit angewiesen ist. Für die Menschheit ist Brüderlichkeit vorgesehen, weil alle Menschen Wellen eines einzigen Meeres, Blätter und Früchte eines einzigen Baumes sind. Das ist die Gemeinschaft auf stofflicher Ebene, die für materielles Wohlergehen in der Menschenwelt sorgt. Je stärker sie wird, desto weiter schreitet die Menschheit voran und der Horizont materieller Entwicklung weitet sich.
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Die wahre Brüderlichkeit hingegen ist geistig, denn die körperliche Brüderlichkeit kann sich auflösen. Die Kriege der äußeren Daseinswelt spalten die Menschheit, aber in der ewigen Welt geistiger Brüderlichkeit gibt es keine Trennung. Materielle oder körperliche Verbindungen beruhen auf irdischen Interessen, aber göttliche Verbundenheit verdankt ihr Dasein dem Odem des Heiligen Geistes. Geistige Brüderlichkeit kann mit dem Licht verglichen werden, während die Seelen der Menschen wie Laternen sind. Hier sind viele leuchtende Lampen, aber das Licht ist eines.
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Zu einer Zeit, als Brüderlichkeit im Orient nicht einmal auf körperlicher Ebene existierte, erschien Bahá’u’lláh. Zunächst legte Er die Prinzipien der Brüderlichkeit auf körperlicher Ebene dar, und danach stiftete Er geistige Brüderlichkeit. Er hauchte den Ländern des Orients einen solchen Geist ein, dass viele Völker und einander bekriegende Stämme zu einer Einheit verschmolzen. Ihr Können und Wollen wurden eins, ihre Absichten eine Absicht, ihre Wünsche ein Wunsch, in einem solchen Ausmaß, dass sie sich füreinander opferten und auf Ansehen, Besitz und Bequemlichkeit verzichteten. Ihre Gemeinschaft wurde unauflöslich. Das ist die ewige, geistige Gemeinschaft, die himmlische und göttliche Bruderschaft, die sich der Auflösung widersetzt. Materielle Zivilisation kommt durch den äußerlichen Zusammenschluss der Menschheit voran. Der Fortschritt, den ihr in der Außenwelt beobachtet, beruht hauptsächlich auf der Bruderschaft in Bezug auf materielle Interessen. Ohne diese materielle und gedankliche Verbindung hätte sich die Kultur kaum fortentwickelt. Nun ist gottlob die unauflösliche geistige Verbindung offensichtlich; daher ist es sicher, dass die göttliche Kultur ins Leben gerufen wurde und die Welt sich geistig fortentwickeln und vorankommen wird. In diesem strahlenden Jahrhundert werden göttliches Wissen, Barmherzigkeit und geistige Tugenden die höchste Entwicklungsstufe erreichen. In Persien wurden ihre Spuren sichtbar. Manche Menschen haben eine solche Stufe erreicht, dass sie Leben und Besitz füreinander opferten. Ihre geistige Wahrnehmung hat sich entfaltet; ihr Verstand wurde belebt; ihre Seelen wurden erweckt. Es hat sich ein Höchstmaß an Liebe gezeigt. Darum hoffe ich, dass geistige Brüderlichkeit den Osten und den Westen vereinen und zur vollständigen Beseitigung des Krieges zwischen Menschen führen wird. Möge sie die einzelnen Mitglieder der Menschheitsfamilie verbinden und zur Ursache der Entwicklung von Geist und Verstand und der Erleuchtung der Herzen werden und es ermöglichen, dass himmlische Gaben uns von allen Seiten umgeben. Möge geistige Empfänglichkeit für die frohen Botschaften die Herzen erglühen lassen. Möge geistige Brüderlichkeit zu Wiedergeburt und Erneuerung führen, denn ihre schöpferische Belebung entspringt dem Odem des Heiligen Geistes und wird durch die Macht Gottes erschaffen. Sicherlich ist das durch die göttliche Kraft des Heiligen Geistes Erschaffene dauerhaft stark und anhaltend in seiner Wirkung.
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Weltliche Bruderschaft kann Krieg weder verhindern noch beseitigen; sie löst die Unstimmigkeiten zwischen den Menschen nicht auf. Aber geistige Gemeinschaft zerstört die eigentliche Ursache des Krieges, beseitigt alle Unstimmigkeiten, verkündet die Einheit der Menschheit, erfüllt die Menschenwelt mit neuem Leben, veranlasst die Herzen, sich dem Reich Gottes zuzuwenden, und tauft die Seelen mit dem Heiligen Geist. Durch diese göttliche Bruderschaft wird die materielle Welt hell im göttlichen Licht erstrahlen, wird der Spiegel des Irdischen sein Licht vom Himmel empfangen und Gerechtigkeit in der Welt herrschen, sodass keine Spur von Finsternis, Hass und Feindschaft mehr sichtbar sein wird. Die Menschheit wird Sicherheit und Geborgenheit finden, die Prophetenschaft aller Gottesboten wird anerkannt werden, Zion wird jubeln und tanzen, Jerusalem wird frohlocken, die mosaische Flamme wird entzündet werden, das messianische Licht wird scheinen, die Welt wird eine andere Welt werden und die Menschheit wird neue Kräfte erhalten. Das ist die größte göttliche Gabe; das ist der Glanz des Reiches Gottes; das ist der Tag der Erleuchtung; das ist das gnadenvolle Jahrhundert. Wir müssen diese Dinge schätzen und uns darum bemühen, dass der sehnlichste Wunsch der Propheten sich jetzt erfülle und alle frohen Botschaften umgesetzt werden. Vertrauen Sie auf Gottes Unterstützung. Schauen Sie nicht auf Ihre eigenen Fähigkeiten, denn die göttlichen Gaben können einen Tropfen in einen Ozean verwandeln; sie können einen winzigen Samen zu einem hochaufragenden Baum heranwachsen lassen. Fürwahr, göttliche Gnadengaben sind wie das Meer, und wir sind die Fische in diesem Meer. Die Fische dürfen nicht auf sich selbst schauen; sie müssen auf den Ozean schauen, der weit und wunderbar ist. In diesem Ozean ist für alle gesorgt; deshalb umgeben die göttlichen Gaben alle und ewige Liebe scheint auf alle.
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Es wurde die Frage gestellt: Wird der geistige Fortschritt der Welt in Zukunft dem materiellen Fortschritt entsprechen und mit ihm Schritt halten? Das volle Ausmaß der Entwicklung eines lebendigen Organismus ist bei seiner Empfängnis oder seiner Geburt weder erkennbar noch vorhersehbar. Entwicklung und Fortschritt vollziehen sich schrittweise und in Stufen. Zum Beispiel kann geistige Entwicklung mit dem Licht der frühen Morgendämmerung verglichen werden. Obwohl dieses Dämmerlicht schwach und blass ist, kann ein weiser Mann, der den Sonnenaufgang vom ersten Beginn an betrachtet, den Aufstieg der Sonne zu ihrer vollen, glänzenden Pracht vorhersagen. Er weiß mit Sicherheit, dass dies der Beginn ihres Erscheinens ist und sie später große Kraft und Macht besitzen wird. Wenn er, um ein anderes Beispiel zu nehmen, einen Samen nimmt und beobachtet, wie er sprießt, dann weiß er gewiss, dass dieser schließlich zu einem Baum heranwächst. Jetzt stehen wir am Beginn der Entfaltung der geistigen Kraft, und sie wird unweigerlich ein immer größeres Ausmaß an Stärke entwickeln. Daher ist dieses zwanzigste Jahrhundert die Morgendämmerung, der Beginn der geistigen Erleuchtung, und es ist offensichtlich, dass sie Tag für Tag voranschreiten wird. Sie wird einen solchen Grad erreichen, dass der Strahlenglanz des Geistigen den des Stofflichen übertreffen wird, sodass die Empfänglichkeit für das Göttliche den weltlichen Geist überwiegen und das himmlische Licht die irdische Finsternis auflösen und beseitigen wird. Göttliche Heilung wird alle Schwierigkeiten lösen, und die Wolken der Gnade werden ihren Regen spenden. Die Sonne der Wahrheit wird scheinen und die gesamte Erde wird sich in ihren schönen grünen Teppich kleiden. Zu den Auswirkungen der Entfaltung geistiger Kräfte wird gehören, dass sich die Menschenwelt an eine neue Gesellschaftsform anpasst, die Gerechtigkeit Gottes in den menschlichen Angelegenheiten zum Ausdruck kommt und die Gleichberechtigung aller Menschen weltweit durchgesetzt wird. Die Armen werden große Zuwendungen erhalten, und die Reichen ewiges Glück erlangen. Denn obwohl sich die Reichen gegenwärtig des größten Luxus und Komforts erfreuen, sind sie dennoch des ewigen Glücks beraubt; denn ewiges Glück hängt vom Geben ab, und die Armen sind überall in einem Zustand bitterer Not. Durch die Entfaltung der großen Gerechtigkeit Gottes werden die Armen der Welt belohnt und umfassend unterstützt und die wirtschaftlichen Verhältnisse der Menschheit werden angepasst, sodass es in Zukunft weder abnorm reiche noch bitterarme Menschen geben wird. Die Reichen wie die Armen werden sich gleichermaßen der Vorteile dieser neuen wirtschaftlichen Verhältnisse erfreuen, denn durch bestimmte Bestimmungen und Beschränkungen können die Reichen keinen derartig großen Reichtum ansammeln, dass sie durch dessen Verwaltung belastet werden, während die Armen von der Belastung durch Not und Elend befreit werden. Der Reiche wird seinen Prachtbau genießen, und der Arme wird sein komfortables Häuschen haben.
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Das Wesentliche dabei ist, dass sich göttliche Gerechtigkeit in den Verhältnissen und Angelegenheiten der Menschen ausdrückt und die gesamte Menschheit Wohlergehen und Freude im Leben findet. Das bedeutet nicht, dass alle gleich sein werden, denn Ungleichheit bei Begabungen und Fähigkeiten ist ein Naturmerkmal. Es wird zwangsläufig vermögende Leute geben und auch solche, die ein knappes Auskommen haben, aber in der Gesellschaft als Ganzes wird es einen Ausgleich und eine Neuausrichtung von Wertvorstellungen und Interessen geben. In Zukunft wird es weder sehr Reiche noch extrem Arme geben. Es wird ein Gleichgewicht zwischen den Interessen bestehen, und es wird ein Zustand erreicht werden, in dem Reich und Arm sorgenfrei und zufrieden leben können. Das wird ein immerwährendes und gesegnetes Ergebnis des glorreichen zwanzigsten Jahrhunderts sein, das weltweit umgesetzt werden wird. Das bedeutet, dass sich die Verheißung großer Freude erfüllt, die in den Heiligen Schriften offenbart wurde. Erwarten Sie diese Erfüllung.
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20. Mai 1912
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