‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus erfolgte während der Herrschaft Isabellas von Spanien, auf deren Klugheit und Unterstützung dieses wunderbare Unternehmen weitgehend beruhte. Kurz gesagt, in der Weltgeschichte gab es viele bemerkenswerte Frauen, aber eine weitere Aufzählung ist nicht erforderlich.
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Heute gibt es unter den Bahá’í in Persien viele Frauen, die der Stolz der Männer sind und von ihnen geradezu beneidet werden. Sie sind durchdrungen von allen menschlichen Tugenden und Vortrefflichkeiten. Sie sind sprachgewandt; sie sind Dichterinnen und Gelehrte und verkörpern die Quintessenz der Demut. An politischen Fähigkeiten und Scharfsinn können sie es mit maßgeblichen Männern aufnehmen und mit ihnen wetteifern. Sie opfern ihr Leben im Martyrium für die Menschheit und geben ihren Besitz dafür hin; die Erinnerung an ihren Ruhm wird ewig währen. Die Berichte über das Leben dieser Frauen schmücken die Geschichte Persiens.
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Kurz, dies soll deutlich machen, dass die Frau, sofern sie umfassend gebildet ist und all ihre Rechte erhält, die Fähigkeit zu wunderbaren Leistungen entwickeln und sich dem Mann als ebenbürtig erweisen wird. Sie ist die Partnerin des Mannes, seine Ergänzung und Gefährtin. Beide sind Menschen; beide sind mit Verstandeskraft ausgestattet und beide verkörpern die Tugenden der Menschheit. In allem menschlichen Können und Wirken sind sie ebenbürtige Partner. Gegenwärtig kann die Frau in den menschlichen Tätigkeitsbereichen ihre angeborenen Vorzüge nicht zum Ausdruck bringen, da es ihr an Bildung und Möglichkeiten mangelt. Zweifellos werden Erziehung und Bildung der Frau ihre Gleichberechtigung mit dem Mann durchsetzen. Schauen Sie auf das Tierreich, in dem kein Unterschied zwischen männlich und weiblich zu erkennen ist. Sie sind gleich an Fähigkeiten und Rechten. Bei den Vögeln in der Luft ist kein Unterschied festzustellen. Ihre Fähigkeiten sind gleich; sie leben in vollkommener Einheit und wechselseitiger Anerkennung ihrer Rechte zusammen. Sollten wir uns nicht entsprechender Gleichheit erfreuen? Ihr Fehlen bekommt der Menschheit nicht gut.
Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Cambridge und Boston22. bis 25. Mai 1912– 52 –
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22. Mai 1912
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Ansprache im Tremont-Tempel auf der Konferenz der Unitarier in
Boston, Massachusetts
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Nach einer stenografischen Mitschrift
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Die Schöpfung ist der sichtbare Ausdruck von Bewegung. Bewegung ist Leben. Was sich bewegt, lebt, wohingegen alles Bewegungslose und Träge wie tot ist. Angetrieben vom Geist und den Kräften des Lebens entwickelt sich alles Erschaffene auf seiner jeweiligen Daseinsebene, in seinem Lebensbereich. Die allgegenwärtige Lebenskraft wirkt dynamisch. Nichts verharrt unveränderlich, weder in der stofflichen Welt der äußeren Erscheinung noch in der inneren Welt des Verstandes und des Bewusstseins.
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Religion ist der äußere Ausdruck der göttlichen Wahrheit. Deshalb muss sie lebendig, kraftvoll, in Bewegung und fortschrittlich sein. Ohne Bewegung und Fortschritt fehlt ihr die göttliche Lebenskraft und sie ist tot. Die göttlichen Grundlehren sind fortwährend wirksam und entwickeln sich weiter, darum muss ihre Offenbarung beständig voranschreiten. Alle Dinge unterliegen der Weiterentwicklung. Dies ist ein Jahrhundert des Lebens und der Erneuerung. Wissenschaften und Künste, Industrie und Erfindungen wurden weiterentwickelt. Recht und Ethik wurden wiederhergestellt und umgestaltet. Die Welt des Denkens wurde erneuert. Wissenschaften früherer Zeiten und Philosophien der Vergangenheit sind heute nutzlos. Die heutigen Anforderungen verlangen neue Lösungsmethoden; für die Probleme dieser Welt gibt es keine Musterbeispiele. Alte Ideen und Denkweisen sind schnell überholt. Altertümliche Gesetze und archaische Ethiksysteme werden den Anforderungen heutiger Lebensumstände nicht mehr gerecht; denn dies ist eindeutig das Jahrhundert eines von Grund auf neuen Lebens, das Jahrhundert der Offenbarung der Wahrheit und darum das größte aller Jahrhunderte. Man denke nur daran, wie die wissenschaftliche Entwicklung der letzten fünfzig Jahre das gesamte Wissen und die Errungenschaften aller früheren Zeiten übertroffen und in den Schatten gestellt hat. Können die Aussagen und Theorien der früheren Astronomen unser heutiges Wissen über die Sonnen und die Planetensysteme erklären? Kann die Finsternis, die das Mittelalter einhüllte, dem Bedarf an klarer Einsicht und tiefem Verstehen genügen, der die Welt von heute auszeichnet? Kann die Willkürherrschaft früherer Regierungen die Forderung nach Freiheit erfüllen, die sich in diesem Zyklus der Erleuchtung im Herzen der Menschheit erhoben hat? Es ist offensichtlich, dass den Sitten, Bräuchen und Standpunkten der Vergangenheit heute keine wesentlichen Fortschritte mehr entspringen. In diesem Licht betrachtet stellt sich die Frage: Soll dennoch weiterhin die blinde Nachahmung überlieferter Gebräuche und theologischer Auslegungen das religiöse Leben und die geistige Entwicklung der heutigen Menschheit lenken und beherrschen? Soll der Mensch, der doch mit der Kraft des Verstandes begabt ist, gedankenlos Dogmen, Glaubenssätzen und Überlieferungen folgen und anhaften, die der Prüfung durch die Vernunft in diesem vom Licht der Wahrheit erleuchteten Jahrhundert nicht standhalten? Fraglos wird das die Wissenschaftler nicht zufriedenstellen; denn wenn sie feststellen, dass eine Vorannahme oder eine Schlussfolgerung dem heutigen Standard der Beweisführung widerspricht oder einer wahren Grundlage entbehrt, dann weisen sie früher übliche Standards zurück, korrigieren sie und gehen von neuen Grundlagen aus.
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Die göttlichen Propheten haben die Religion offenbart und gestiftet. Sie haben bestimmte Gesetze und himmlische Richtlinien als Führung für die Menschheit festgelegt. Sie haben die Erkenntnis Gottes gelehrt und verbreitet, lobenswerte ethische Ideale eingesetzt und der Menschenwelt höchste Tugendmaßstäbe eingeprägt. Allmählich wurden diese himmlischen Lehren, diese Grundlagen der Wahrheit, durch menschliche Auslegung und dogmatische Nachahmung der überlieferten Glaubensinhalte verdunkelt. Diese wesentlichen Wahrheiten, um deren Verankerung in den Herzen und Köpfen der Menschen sich die Propheten so sehr mühten, für die Sie Leiden ertrugen und Qualen der Verfolgung erlitten, sind heute beinahe verschwunden. Einige dieser himmlischen Boten wurden getötet, einige ins Gefängnis geworfen. Sie alle wurden verachtet und abgelehnt, obwohl Sie die göttliche Wahrheit verkündeten. Bald nach Ihrem Hinscheiden aus dieser Welt verlor man die wesentliche Wahrheit Ihrer Lehren aus den Augen und hielt sich an dogmatischen Nachahmungen fest.
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Weil menschliche Auslegungen und blinde Nachahmungen weit voneinander abweichen, kam es zwischen den Menschen zu religiösem Streit und Uneinigkeit; das Licht wahrer Religion wurde ausgelöscht und die Einheit der Menschenwelt zerstört. Die Propheten Gottes haben den Geist der Einheit und Eintracht verkündet. Sie waren die Stifter der göttlichen Wahrheit. Wenn also die Völker der Welt ihre Nachahmungen aufgeben und die dem offenbarten Wort Gottes zugrunde liegende Wahrheit erforschen, werden sie sich einigen und versöhnen. Denn es gibt nur eine einzige Wahrheit, nicht mehrere.
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Die Völker und Religionen sind tief in blinden und scheinheiligen Nachahmungen eingetaucht. Ein Mann ist Jude, weil sein Vater Jude war. Ein Muslim folgt stillschweigend den Überzeugungen und Bräuchen seiner Vorfahren. Ein Buddhist ist seinem buddhistischen Erbe treu. Das heißt, sie bekennen ihren religiösen Glauben blindlings und ohne eigenes Forschen und machen dadurch Einheit und Eintracht unmöglich. Es ist also offensichtlich, dass dieser Zustand ohne eine Erneuerung im Bereich der Religion nicht geheilt werden kann. Mit anderen Worten: Die grundlegende Wahrheit der göttlichen Religionen muss erneuert, reformiert und der Menschheit neu verkündet werden.
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Aus dem Samen der Wahrheit wuchs die Religion zu einem Baum heran, der Blätter und Zweige, Blüten und Früchte hervorbrachte. Nach einer gewissen Zeit verfaulte dieser Baum. Blätter und Blüten welkten und fielen ab; der Baum wurde krank und trug keine Früchte mehr. Es wäre unvernünftig, wollte sich der Mensch an diesen alten Baum klammern und behaupten, dessen Lebenskräfte seien ungebrochen, seine Früchte ohnegleichen, sein Dasein ewig. Der Same der Wahrheit muss erneut in die Herzen der Menschen gesät werden, damit daraus ein neuer Baum wachsen kann und neue göttliche Früchte die Welt erquicken. Dadurch werden die Nationen und Völker, die heute noch unterschiedlichen Religionen anhängen, zur Einheit geführt, bloße Nachahmungen werden aufgegeben und in der Wahrheit selbst wird eine weltweite Gemeinschaft entstehen. Krieg und Streit unter den Menschen werden aufhören; alle werden als Diener Gottes miteinander versöhnt werden. Denn alle werden vom Baum Seiner Vorsehung und Gnade beschirmt. Gott ist gütig zu allen; Er schenkt allen gleichermaßen Seine Gnadengaben – wie Jesus Christus sagte: Gott »lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte«. Das heißt, die Barmherzigkeit Gottes ist allumfassend. Die ganze Menschheit steht unter dem Schutz Seiner Liebe und Gunst; allen hat Er den Weg der Führung und des Fortschritts gewiesen. Fortschritt ist von zweierlei Art: materiell und geistig. Ersterer wird durch die Beobachtung des äußeren Daseins erreicht und ist die Grundlage der Zivilisation. Geistiger Fortschritt wird durch den Odem des Heiligen Geistes bewirkt; er erweckt das Bewusstsein des Menschen, damit dieser die Wirklichkeit des Göttlichen erkennt. Materieller Fortschritt gewährleistet das Glück der Menschenwelt. Geistiger Fortschritt gewährleistet das Glück und das ewige Leben der Seele. Die Propheten Gottes haben die Gesetze der göttlichen Kultur gestiftet. Sie waren Wurzel und Urquell aller Erkenntnis. Sie haben die Grundsätze menschlicher Gemeinschaft und Vereinigung festgeschrieben, die sich in verschiedenen Bereichen zeigen, wie in der Vereinigung von Menschen einer Familie, einer Ethnie, eines Volkes und ethischer Beweggründe. Diese Formen der Vereinigung, diese Bande der Gemeinschaft bieten nur vorübergehende und vergängliche Bindungen. Sie verbürgen keine Harmonie und führen gewöhnlich zu Spannungen. Sie verhindern keinen Krieg und Streit; im Gegenteil, sie sind selbstsüchtige, beschränkte und ergiebige Ursachen von Feindschaft und Hass zwischen den Menschen. Die geistige Gemeinschaft jedoch, die durch den Odem des Heiligen Geistes gestiftet und gebildet wird, vereint die Völker und beseitigt die Ursache von Krieg und Streit. Sie verwandelt die Menschheit in eine große Familie und schafft die Grundlagen für ihre Einheit. Sie verbreitet den Geist internationaler Verständigung und sichert den Weltfrieden. Deshalb müssen wir die Grundlage dieser himmlischen Verbrüderung erforschen. Wir müssen alle Nachahmungen aufgeben und die Wahrheit der göttlichen Lehren verbreiten. In Übereinstimmung mit diesen Grundsätzen und Handlungen wird mit der Hilfe des Heiligen Geistes materielles ebenso wie geistiges Glück verwirklicht werden. Solange nicht alle Nationen und Völker durch die Bande des Heiligen Geistes in dieser wahren Vereinigung verbunden werden, solange nationale und internationale Vorurteile nicht durch die Verwirklichung dieser geistigen Gemeinschaft ausgelöscht werden, können die Menschen keinen wahren Fortschritt, keinen Wohlstand und kein dauerhaftes Glück erlangen. Dies ist das Jahrhundert einer neuen und weltweiten Völkergemeinschaft. In Wissenschaft und Technik wurden Fortschritte erzielt; die Politik wurde reformiert; Freiheit wurde ausgerufen; Gerechtigkeit erwacht. Dies ist das Jahrhundert der Bewegung, des göttlichen Ansporns und der Erfüllung, das Jahrhundert menschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls und selbstlosen Dienstes, das Jahrhundert des Weltfriedens und der Wirklichkeit des Reiches Gottes.
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23. Mai 1912
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Ansprache im Haus von Herrn und Frau Francis W. Breed
367 Harvard Street, Cambridge, Massachusetts
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Nach einer stenografischen Mitschrift
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Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die höchste Errungenschaft auf der menschlichen Ebene, denn die Wissenschaft erschließt die Wirklichkeit. Sie sind von zweierlei Art: materiell und geistig. Die materielle Wissenschaft befasst sich mit der Untersuchung von Naturphänomenen; göttliche Wissenschaft enthüllt und erkennt geistige Wahrheiten. Die Menschenwelt muss sich beide aneignen. Ein Vogel hat zwei Schwingen; mit einer allein kann er nicht fliegen. Materielle und geistige Wissenschaft sind die beiden Schwingen, den Menschen zu erheben und ihn zum Erfolg zu führen. Beide sind notwendig – die eine ist natürlich, die andere übernatürlich; die eine ist materiell, die andere göttlich. Mit göttlicher Wissenschaft ist die Entdeckung der Geheimnisse Gottes gemeint, das Verstehen geistiger Wirklichkeiten, die Weisheit Gottes, die inneren Bedeutungen der himmlischen Religionen und die Grundlage des Gesetzes.
53:2
Heute ist der 23. Mai, der Jahrestag der Verkündigung des Báb. Es ist ein gesegneter Tag, der Anbruch der Offenbarung, denn das Erscheinen des Báb war das Frühlicht des wahren Morgens, während mit der Offenbarung der Gesegneten Schönheit Bahá’u’lláh die strahlende Sonne selbst erschien. Darum ist es ein gesegneter Tag, der Beginn himmlischer Freigebigkeit und göttlichen Glanzes. An diesem Tag im Jahr 1844 wurde der Báb ausgesandt, das Reich Gottes anzukündigen und auszurufen, die frohe Botschaft des Kommens Bahá’u’lláhs zu verkünden und dem Widerstand des gesamten persischen Volkes standzuhalten. Einige Perser folgten Ihm. Dafür erlitten sie die größten Schwierigkeiten und schwersten Qualen. Sie hielten diesen Prüfungen mit wundersamer Kraft und größtem Heldenmut stand. Tausende wurden ins Gefängnis geworfen, geschunden, gequält und erlitten den Märtyrertod. Ihre Häuser wurden geplündert und zerstört, ihre Besitztümer beschlagnahmt. Bereitwillig opferten sie ihr Leben und bis ans Ende blieben sie unerschütterlich in ihrem Glauben. Diese wunderbaren Seelen sind die Leuchten Gottes, die Sterne der Heiligkeit, die ruhmreich vom ewigen Horizont des Willens Gottes scheinen.
53:3
Der Báb war in Shíráz, wo Er zuerst Seinen Auftrag und Seine Botschaft verkündete, bitterer Verfolgung ausgesetzt. Eine Hungersnot traf diese Gegend schwer, und der Báb reiste nach Iṣfahán. Dort erhoben sich die Gelehrten äußerst feindselig gegen Ihn. Er wurde verhaftet und nach Tabríz geschickt. Von dort wurde Er nach Máh-Kú überführt und schließlich in der Festung von Chihríq inhaftiert. In Tabríz starb Er schließlich den Märtyrertod.
53:4
Das ist nur eine Kurzfassung der Geschichte des Báb. Er hielt allen Verfolgungen stand und ertrug alles Leid und jede Pein mit unbeirrbarer Stärke. Je mehr Seine Feinde danach trachteten, diese Flamme auszulöschen, desto heller erstrahlte sie. Tag für Tag verbreitete sich Seine Sache und gewann an Stärke. Während Seiner Zeit unter den Menschen kündigte Er immer wieder das Kommen Bahá’u’lláhs an. In all Seinen Büchern und Sendschreiben erwähnte Er Bahá’u’lláh, verkündete die frohe Botschaft Seiner Offenbarung und prophezeite, dass Er sich im neunten Jahr offenbaren werde. Er sagte, im neunten Jahr »werdet ihr alles Glück erreichen«. Im neunten Jahr »werdet ihr gesegnet durch die Begegnung mit dem Verheißenen, von Dem ich gesprochen habe.« Er sprach von der Gesegneten Vollkommenheit Bahá’u’lláh als »Er, Den Gott offenbaren wird«. Kurzum, diese gesegnete Seele opferte Ihr gesamtes Leben auf dem Pfad Bahá’u’lláhs, so wie es in historischen Schriften und Aufzeichnungen festgehalten ist. In Seinem ersten Buch »Die Beste aller Geschichten« sagt Er: »O Du Spur Gottes! Ich habe mich ganz für Dich geopfert. Ich habe um Deinetwillen Verfluchungen auf mich genommen. Ich ersehne nichts als den Märtyrertod auf dem Pfad Deiner Liebe. Gott, der Allhöchste, genügt als ewiger Schutz.«
53:5
Denkt darüber nach, wie der Báb Prüfungen und Schwierigkeiten ertrug, wie Er Sein Leben für die Sache Gottes hingab, wie Er von der Liebe der Gesegneten Schönheit Bahá’u’lláh angezogen war und wie Er die frohe Botschaft Seiner Offenbarung verkündete. Wir müssen Seinem himmlischen Beispiel folgen; wir müssen aufopferungsvoll sein und im Feuer der Liebe Gottes erglühen. Wir müssen die Freigebigkeit und Gnade des Herrn in uns aufnehmen, denn der Báb hat uns aufgefordert, uns zum Dienst an der Sache Gottes zu erheben, am Tag der Gesegneten Vollkommenheit Bahá’u’lláh von allem außer Gott vollkommen losgelöst zu sein, in jeder Hinsicht von der Liebe zu Bahá’u’lláh angezogen zu sein, die ganze Menschheit um Seinetwillen zu lieben, um Seinetwillen nachsichtig und barmherzig mit allen zu sein und die Einheit der Menschheit aufzubauen. Deshalb ist dieser Tag, der 23. Mai, der Jahrestag eines gesegneten Ereignisses.
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25. Mai 1912
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Huntington Chambers
Boston, Massachusetts
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Nach einer stenografischen Mitschrift
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Ich verlasse eure Stadt, aber mein Herz bleibt bei euch. Mein Geist wird hier sein; ich werde euch nicht vergessen. Ich erbitte für euch Beistand aus dem Königreich Bahá’u’lláhs. Ich bete dafür, dass eure geistige Empfänglichkeit stetig wachsen möge, dass ihr Tag für Tag strahlender werdet und Gott näher kommt, bis ihr zu Werkzeugen für die Erleuchtung der Menschenwelt werdet. Möget ihr auf diese Weise aus dem Reiche Gottes bestärkt werden. Das ist meine Hoffnung, das ist mein Gebet.
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In den Augen der Historiker entspricht dieses strahlende Jahrhundert hundert Jahrhunderten der Vergangenheit. Vergleicht man die Entdeckungen, den wissenschaftlichen Fortschritt und die materielle Zivilisation dieses Jahrhunderts mit der Summe aller früheren menschlichen Errungenschaften, wird man feststellen, dass sie dem Fortschritt und den Erfolgen von hundert früheren Jahrhunderten gleichkommen, ja sie weit übertreffen. Allein schon die Buchproduktion und die Literaturzusammenstellungen beweisen, dass der Ertrag menschlicher Geistestätigkeit in diesem Jahrhundert bedeutender war und größere Erkenntnisse brachte als alle vergangenen Jahrhunderte zusammen. Es ist deshalb offensichtlich, dass dieses Jahrhundert von überragender Bedeutung ist. Denkt über die wunderbaren Errungenschaften nach, die es schon jetzt auszeichnen: Entdeckungen in allen Bereichen menschlicher Forschung. Erfindungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, ethische Reformen und Bestimmungen zum Wohle der Menschheit, die Erforschung der Naturgeheimnisse, unsichtbare Kräfte, die sichtbar gemacht und beherrscht werden – eine wahre Wunderwelt neuer Phänomene und Zusammenhänge, die dem Menschen bisher unbekannt waren und die er nun nutzen und weiter erforschen kann. Ost und West können unmittelbar kommunizieren. Der Mensch kann sich in den Himmel aufschwingen oder in Meerestiefen hinabtauchen. Die Dampfkraft hat die Kontinente verbunden. Züge durchqueren die Wüsten und durchdringen die Bergbarrieren; Schiffe finden auf den weglosen Ozeanen zielsicher ihren Kurs. Die Entdeckungen mehren sich von Tag zu Tag. Welch ein wunderbares Jahrhundert! Es ist ein Zeitalter umfassender Neuerungen. Gesetze, Staatsverfassungen und Bürgerrechte werden allmählich verändert und umgestaltet. Wissenschaften und Künste nehmen völlig neue Formen an. Das Denken wandelt sich. Die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft ändern sich und gewinnen an Kraft. Heutzutage sind die Wissenschaften der Vergangenheit nutzlos. Das ptolemäische System der Astronomie und zahllose andere Systeme und Theorien wissenschaftlicher und philosophischer Weltdeutung wurden verworfen und als falsch und wertlos erkannt. Die bisherigen ethischen Grundsätze und Prinzipien lassen sich nicht auf die Bedürfnisse der modernen Welt anwenden. Überlegungen und Theorien vergangener Epochen fruchten nicht mehr. Throne und Regierungen bröckeln und stürzen. Alle Bedingungen und Anforderungen der Vergangenheit, die für die heutige Zeit ungeeignet und unzureichend sind, werden radikal umgestaltet. Es ist deshalb klar, dass verfälschte und scheinbar religiöse Lehren, veraltete Glaubensformen und überkommene Nachahmungen, die den Grundlagen der göttlichen Wahrheit widersprechen, ebenfalls vergehen und erneuert werden müssen. Sie müssen aufgegeben und neue Gegebenheiten müssen anerkannt werden. Die Ethik der Menschen muss sich wandeln. Für die menschlichen Probleme müssen neue Heilmittel und neue Lösungen angenommen werden. Der menschliche Verstand selbst muss sich verändern und umfassend erneuern. So, wie die Überlegungen und Hypothesen vergangener Zeiten heute nicht mehr fruchten, so sind auch die von Menschen erdachten religiösen Dogmen und Vorschriften überholt und nutzlos. Nein, sie sind sogar die Ursache für Feindschaft und Streit zwischen den Menschen; Krieg und Blutvergießen gehen von ihnen aus, und die Einheit der Menschheit wird bei ihrer Befolgung nicht berücksichtigt. Darum ist es unsere Pflicht in diesem strahlenden Jahrhundert, den Wesenskern der göttlichen Religion zu erforschen, nach der Wahrheit zu suchen, die der Einheit der Menschenwelt zugrunde liegt, und die Quelle der Gemeinschaft und Eintracht zu finden, die die Menschheit im Bund himmlischer Liebe vereinen wird. Diese Einheit ist das Leuchten der Ewigkeit, die göttliche Spiritualität, der Glanz Gottes und die Gabe des Königreiches. Wir müssen die göttliche Quelle dieser himmlischen Gaben erforschen und unerschütterlich an ihnen festhalten. Denn wenn menschliche Konstrukte und Dogmen uns gefesselt halten und weiterhin einschränken, wird die Menschheit Tag für Tag weiter entwürdigt, werden Kampf und Krieg Tag für Tag zunehmen und satanische Kräfte werden sich zur Zerstörung der Menschheit zusammenschließen.
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Wenn in einer Familie Liebe und Einvernehmen herrschen, wird sie Fortschritte machen, erleuchtet und vergeistigt werden; aber wenn Feindschaft und Hass in ihr bestehen, sind ihre Zerstörung und Auflösung unvermeidlich. Gleiches gilt für eine Stadt. Wenn ihre Bewohner im Geist des Einklangs und der Gemeinschaft zusammenleben, wird sie sich stetig weiterentwickeln und die Lebensbedingungen der Menschen werden sich verbessern. Zwist und Feindschaft hingegen führen zu ihrem Niedergang und ihre Einwohner werden auseinandergetrieben. Durch Liebe und Einklang entwickeln sich gleichermaßen auch die Menschen eines Volkes und schreiten der Kultur und Erleuchtung entgegen, während sie durch Krieg und Streit gespalten werden. Schließlich gilt das auch für die Menschheit als Ganzes. Wenn Liebe verwirklicht wird, wenn starke geistige Bande die Herzen der Menschen vereinen, dann wird die ganze Menschheit moralisch aufgerichtet, die Welt wird immer vergeistigter und strahlender und Glück und Friedlichkeit der Menschen werden unermesslich zunehmen. Krieg und Streit werden ausgemerzt, Meinungsverschiedenheiten und Zwietracht werden vergehen und weltumfassender Frieden wird die Nationen und Völker der Welt vereinen. Die ganze Menschheit wird wie eine Familie zusammenwohnen, sich wie die Wellen eines Meeres vermischen, strahlen wie die Sterne eines Firmamentes und wie Früchte desselben Baumes erscheinen. Das ist die Freude und das Glück der Menschheit. Das ist die Erleuchtung des Menschen, unvergänglicher Ruhm und ewiges Leben; das ist die göttliche Gabe. Das ist die Stufe, die ich euch wünsche, und ich bete zu Gott, dass die Menschen Amerikas dieses große Ziel erreichen mögen, auf dass der Erfolg dieser Demokratie sichergestellt und ihre Namen ewig gepriesen werden. Möge der Beistand Gottes sie in allem unterstützen und möge ihr Andenken in Ost und West geehrt werden. Mögen sie Diener Gottes, des Höchsten, werden, Ihm in der Einheit des himmlischen Königreichs nah und teuer sein.
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Bahá’u’lláh ertrug sechzig Jahre lang Drangsale und Nöte. Es gab keine Qual, keinen Schicksalsschlag und kein Leid, die Ihm nicht von Seinen Feinden und Unterdrückern angetan worden wären. Er verbrachte alle Tage Seines Lebens in Schwierigkeiten und Drangsal – einmal im Gefängnis, ein anderes Mal in der Verbannung, manchmal in Ketten. Für die Einheit der Menschheit nahm Er diese Schwierigkeiten bereitwillig auf Sich und betete, dass die Menschenwelt den Strahlenglanz Gottes erkennen möge, dass die Einheit der Menschheit Wirklichkeit werde, Streit und Krieg aufhören und Frieden und Ruhe überall verwirklicht werden. Im Gefängnis hisste Er das Banner menschlicher Zusammengehörigkeit, verkündete den weltweiten Frieden, schrieb an die Könige und Herrscher der Nationen, rief sie zu internationaler Einigkeit auf und riet ihnen zur Errichtung eines Schiedsgerichtshofes. Sein Leben war ein einziger Strudel aus Verfolgungen und Mühsal; dennoch konnten Heimsuchungen, schlimmste Qualen und Schicksalsschläge den Erfolg Seines Schaffens und Seiner Sendung nicht verhindern. Im Gegenteil, Seine Macht wuchs und wuchs, Seine Wirkung und Sein Einfluss verbreiteten sich und nahmen zu, bis Sein ruhmreiches Licht den gesamten Orient erleuchtete, Liebe und Einheit gestiftet wurden und die unterschiedlichen Religionen einen Mittelpunkt für Austausch und Versöhnung fanden.
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Deshalb müssen auch wir uns auf diesem Pfad der Liebe und des Dienstes bemühen, indem wir Lebenszeit und Besitz opfern, unsere Tage in Andacht verbringen und all unsere Kräfte der Sache Gottes weihen, damit, so Gott will, das Banner allumfassender Religion in der Menschenwelt gehisst und die Einheit der Menschheit verwirklicht werden möge.
54:6
In euren Herzen habe ich den Widerschein einer großen und wunderbaren Liebe gesehen. Die Amerikaner haben mir stets Freundlichkeit erwiesen und ich empfinde eine tiefe geistige Liebe für sie. Ich freue mich über die Empfänglichkeit eurer Herzen. Ich werde für euch beten und um göttlichen Beistand bitten, und danach werde ich euch Lebewohl sagen.
54:7
O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, diese Diener wenden sich zu Dir und flehen demütig zum Königreich Deines Erbarmens. Wahrlich, sie sind hingezogen zu Deiner Heiligkeit und entflammt vom Feuer Deiner Liebe. So suchen sie Ermutigung aus Deinem wundersamen Königreich und hoffen, in Dein himmlisches Reich aufgenommen zu werden. Wahrlich, sie sehnen sich danach, dass Deine Gnadengaben auf sie niederkommen, dass die Sonne Deines Seins sie erleuchte. O Herr! Mache sie zu strahlenden Leuchten, zu Zeichen der Barmherzigkeit, zu früchtebeladenen Bäumen und leuchtenden Sternen. Lass sie sich hervortun in Deinem Dienste, mit Dir verbunden durch die Bande Deiner Liebe, voll Sehnsucht nach den Lichtern Deiner Gunst. O Herr! Mache sie zu Zeichen der Führung, zu Bannern Deines unsterblichen Reiches, zu Wogen aus dem Meere Deines Erbarmens, zu Spiegeln Deines majestätischen Lichtes.
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Wahrlich, Du bist der Freigebige. Wahrlich, Du bist der Barmherzige. Wahrlich, Du bist der Kostbare, der Geliebte.
Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in New York und in Fanwood26. Mai – 8. Juni 1912– 55 –
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26. Mai 1912
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