‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
weiter nach oben ...
55:6
O Herr! Wahrlich, wir sind schwach, Du aber bist machtvoll. Wahrlich, wir sind arm, Du aber bist reich. Wir sind Suchende, Du aber bist der Gesuchte. O Herr! Habe Mitleid mit uns und vergib uns. Verleihe uns solche Fähigkeit, solche Fassungskraft, dass wir Deines Wohlwollens würdig sein mögen und hingezogen werden zu Deinem Königreich; dass wir in diesem strahlenden Jahrhundert tief aus dem Wasser des Lebens trinken, im Feuer Deiner Liebe aufflammen und vom Odem des Heiligen Geistes neu belebt werden.
55:7
O Gott, mein Gott! Richte Deinen gnädigen Blick auf diese Versammlung. Bewahre einen jeden in Deiner Obhut und Deinem Schutz. Sende Deine himmlischen Segnungen auf diese Seelen herab. Tauche sie in das Meer Deines Erbarmens und belebe sie mit dem Odem des Heiligen Geistes.
55:8
O Herr! Verleihe dieser rechtmäßigen Regierung Deine gnädige Hilfe und Bestätigung. Dieses Land liegt im schirmenden Schatten Deines Schutzes, dieses Volk steht in Deinem Dienst. O Herr! Gewähre ihnen die Fülle Deiner himmlischen Gaben, Deiner Gunstbezeigungen und Gnadenströme. Gib, dass diese geschätzte Nation in Ehren gehalten wird und Zutritt in Dein Königreich erlangt.
55:9
Du bist der Gewaltige, der Allmächtige, der Barmherzige; Du bist der Freigebige, der Wohltäter, der Herr der überreichen Gnade.
– 56 –
56:0_166
28. Mai 1912
56:0_167
Ansprache beim Empfang im Metropolitan Temple
Seventh Avenue und Fourteenth Street in New York
56:0_168
Aufzeichnungen von Esther Foster
56:1
Gottes Vaterschaft, Seine liebevolle Güte und Sein Wohlwollen sind für alle sichtbar. In Seiner Barmherzigkeit versorgt Er Seine Geschöpfe umfassend und reichlich, und wenn eine Seele sündigt, so entzieht Er ihr nicht Seine Freigebigkeit. Alle erschaffenen Dinge sind sichtbare Offenbarungen Seiner Vaterschaft, Seiner Barmherzigkeit und Seiner himmlischen Gaben. Die menschliche Gemeinschaft ist ebenfalls so klar und offensichtlich wie die Sonne, denn alle sind die Diener eines Gottes, gehören einer Menschheit an, bewohnen denselben Erdball, leben unter demselben schützenden Himmelsgewölbe und sind ins Meer göttlicher Gnade getaucht. Menschliche Gemeinschaft und gegenseitige Abhängigkeit bestehen, weil wechselseitige Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit die beiden unerlässlichen Grundsätze sind, die dem Wohlergehen des Menschen zugrunde liegen. Das ist die äußerliche Beziehung zwischen den Menschen. Es gibt noch eine andere Gemeinschaft – die geistige –, die höher und heiliger ist und alle anderen überragt. Sie ist himmlisch; sie entspringt dem Odem des Heiligen Geistes und der strahlenden Barmherzigkeit; sie gründet sich auf geistige Empfänglichkeit. Diese Gemeinschaft wird von den Manifestationen des Allheiligsten geschaffen.
56:2
Seit Adams Zeiten haben die göttlichen Manifestationen danach gestrebt, die Menschen zu vereinen, damit alle als eine einzige Seele angesehen werden mögen. Aufgabe und Zweck eines Hirten ist, seine Herde zusammenzuführen und nicht, sie auseinanderzutreiben. Die Propheten Gottes waren immer göttliche Hirten der Menschheit. Sie haben ein Band der Liebe und Eintracht unter den Menschen geknüpft, machten aus zerstreuten Völkern eine einzige Nation und aus wandernden Stämmen ein mächtiges Reich. Sie haben die Grundlage gelegt, die auf der Einheit Gottes beruht, und haben alle zum Weltfrieden aufgerufen. Alle diese heiligen, göttlichen Manifestationen sind eins. Sie haben dem einen Gott gedient, die gleiche Wahrheit verkündet, die gleichen Institutionen gestiftet und das gleiche Licht widergespiegelt. Sie erschienen nacheinander und bezogen Sich aufeinander; jede hat die nachfolgende Manifestation angekündigt und hochgepriesen, und alle legten das Fundament der Wahrheit. Sie riefen die Menschen auf, einander zu lieben, und machten die Menschenwelt zu einem Spiegel des Wortes Gottes. Darum haben die von Ihnen gestifteten göttlichen Religionen eine einzige Grundlage; Ihre Lehren, Darlegungen und Beweise sind eins; Ihre Namen und Ihre äußere Gestalt sind verschieden, aber in Ihrem Wesen stimmen Sie überein und sind identisch. Diese heiligen Manifestationen waren dem Anbruch des Frühlings in der stofflichen Welt vergleichbar. Obwohl der Frühling dieses Jahres – weil sich das Datum ändert – anders benannt wird, so ist er doch hinsichtlich seiner lebensspendenden und erneuernden Wirkung der gleiche wie der Frühling des vorigen Jahres. Denn jeder Frühling ist die Zeit einer neuen Schöpfung; seine Wirkungen, Segnungen, seine Vortrefflichkeit und seine lebensspendenden Kräfte sind die gleichen wie in früheren Frühlingszeiten, obwohl sie viele unterschiedliche Namen haben. Jetzt haben wir 1912, letztes Jahr war 1911 und so weiter, aber in ihrem grundlegenden Wesen sieht man keinen Unterschied. Es gibt nur eine Sonne, aber sie hat viele unterschiedliche Aufgangsorte. Das Meer ist eine einzige Wassermasse, aber seine verschiedenen Teile haben eigene Namen: Atlantik, Pazifik, Mittelmeer, Südliches Eismeer usw. Achten wir auf die Namen, so bestehen Unterschiede; aber das Wasser, das Meer selbst, ist eine einzige Wirklichkeit.
56:3
Ebenso sind die göttlichen Religionen der heiligen Manifestationen Gottes in ihrem Wesen eine einzige Religion, obwohl sie sich im Namen und in ihren Begriffen unterscheiden. Der Mensch muss das Licht lieben, egal an welchem Punkt des Horizonts es erscheint. Er muss die Rose lieben, egal in welcher Erde sie wächst. Er muss die Wahrheit suchen, egal welcher Quelle sie auch entspringt. Eine Bindung an die Lampe ist nicht gleichbedeutend mit Liebe zum Licht. Eine Bindung an die Erde ist unangebracht, aber die Rose ist es wert, sich an ihr zu erfreuen. Den Baum zu verehren, bringt keinen Nutzen, aber es tut gut, seine Früchte zu essen. Köstliche Früchte sollte man genießen, egal auf welchem Baum sie wachsen oder wo sie zu finden sind. Dem wahren Wort muss man zustimmen, egal welche Zunge es äußert. Unumstößliche Wahrheiten muss man anerkennen, egal in welchem Buch sie stehen. Hegen wir Vorurteile, so entstehen daraus Missstände und Unwissenheit. Der Unfrieden zwischen Religionen, Völkern, Hautfarbe und Herkunft entsteht durch Missverständnisse. Wenn wir die Religionen erforschen, um die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu entdecken, werden wir feststellen, dass sie im Einklang stehen; denn die Wahrheit, auf der sie beruhen, ist nur eine und keine mehrfache. Auf diesem Weg werden die Gläubigen dieser Welt Einigkeit und Versöhnung erreichen. Sie werden die Wahrheit herausfinden, dass der Zweck der Religion die Aneignung lobenswerter Tugenden ist, die Verbesserung der Moral, die geistige Entwicklung der Menschheit, das wahre Leben sowie göttliche Gaben. Alle Propheten haben diese Grundsätze verkündet; keiner von Ihnen unterstützte Verderbtheit, Laster oder schlechte Taten. Sie riefen die Menschheit zu allem Guten auf. Sie einten die Menschen in der Liebe zu Gott, luden sie ein zur Religion der Einheit der Menschheit und hielten sie zu Freundschaft und Eintracht an. Nehmen wir beispielsweise Abraham und Moses. Damit beziehen wir uns nicht auf die begrenzte Wirklichkeit Ihrer Namen, sondern auf die Tugenden, die mit ihnen verbunden sind. Wenn wir sagen: »Abraham«, so meinen wir damit eine Offenbarung göttlicher Führung, einen Mittelpunkt menschlicher Tugenden, eine Quelle himmlischer Gaben für die Menschheit, einen Aufgangsort göttlicher Eingebung und Vollkommenheit. Diese Vollkommenheit, diese Gnadengaben sind nicht auf einzelne Namen beschränkt, sie lassen sich nicht begrenzen. Wenn wir diese Tugenden, Qualitäten und Eigenschaften bei irgendeiner Persönlichkeit entdecken, so erkennen wir in ihr dieselbe strahlende Wahrheit und verneigen uns in Anerkennung der abrahamitischen Vollkommenheit. Ebenso anerkennen und verehren wir Moses Schönheit. Manche haben den Namen Abraham geliebt und liebten dabei die Lampe statt des Lichtes, und als sie das gleiche Licht in einer anderen Lampe scheinen sahen, hingen sie so sehr an der früheren Lampe, dass sie die Wiederkehr dieses strahlenden Lichtes nicht erkannten. Dadurch blieben jene, die sich an den Namen Abraham klammerten, zurück, als die Tugenden Abrahams in Moses wiedererschienen. In ähnlicher Weise glaubten die Juden an Moses und erwarteten das Kommen des Messias. Moses Tugenden und Seine Vollkommenheit erschienen strahlend hell in Jesus Christus, aber die Juden hielten am Namen Moses fest und verehrten nicht die Tugenden und die Vollkommenheit, die Er verkörperte. Hätten sie diese Tugenden verehrt und diese Vollkommenheit gesucht, so hätten sie sicherlich an Jesus Christus geglaubt, als die gleichen Tugenden und die gleiche Vollkommenheit in Ihm erstrahlten. Wenn wir das Licht lieben, dann verehren wir es, gleich in welcher Lampe es scheint; wenn wir aber die Lampe selbst lieben und das Licht in eine andere Lampe übertragen wird, dann werden wir es weder annehmen noch gutheißen. Deshalb müssen wir die Tugenden beherzigen und ehren, die sich in den Boten Gottes offenbaren – sei es in Abraham, Moses, Jesus oder in anderen Propheten. Wir dürfen uns nicht nur an die Lampe klammern und sie verehren. Wir müssen die Sonne erkennen, egal wo sie aufgeht, ob in Moses, Abraham oder in irgendeiner anderen Orientierungsperson, denn wir lieben das Sonnenlicht und nicht Orientierungspersonen. Wir lieben das Licht, nicht die Lampen und die Kerzen. Wir suchen nach Wasser, ganz gleich aus welchem Felsen es sprudelt. Wir brauchen Früchte, in welchem Garten sie auch immer reifen mögen. Wir sehnen uns nach Regen, aus welcher Wolke er sich auch immer ergießt. Wir dürfen uns nicht fesseln lassen. Wenn wir uns von diesen Fesseln lösen, werden wir Einigkeit erzielen, denn alle suchen die Wahrheit. Die Verfälschung oder Nachahmung der wahren Religion hat den menschlichen Glauben entstellt und ihre Grundlagen sind dem Blick entschwunden. Die Widersprüche zwischen diesen Nachahmungen haben zu Feindschaft und Streit, Krieg und Blutvergießen geführt. Nun ist das glorreiche und strahlende zwanzigste Jahrhundert angebrochen und die göttliche Gnade strahlt über alle Welt. Die Sonne der Wahrheit erstrahlt in heller Glut. Dies ist wahrlich das Jahrhundert, in dem diese Nachahmungen aufgegeben, dieser Aberglaube über Bord geworfen und Gott allein verehrt werden muss. Wir müssen auf die Wahrheit der Propheten und Ihrer Lehren schauen, um einig zu sein.
56:4
Preis sei Gott! Die göttliche Frühlingszeit ist angebrochen. Dieses Jahrhundert ist fürwahr die Zeit des Frühlings. Durch seine Gaben wurden die Welt des Geistes und das Reich der Seele frisch und grün. Das ganze Dasein wurde dadurch wiederbelebt. Zum einen strahlt das Licht der Wahrheit, zum anderen lassen die Wolken göttlicher Barmherzigkeit die Fülle himmlischer Gnadengaben herabströmen. Wunderbarer materieller Fortschritt ist sichtbar, und große geistige Entdeckungen werden gemacht. Dies kann wahrlich das Wunder unter den Jahrhunderten genannt werden, denn es ist erfüllt von Offenbarungen des Wundersamen. Die Zeit ist gekommen, da die ganze Menschheit geeint sein wird, da alle Menschen jeglicher Herkunft einem Vaterland treu ergeben sein werden, da alle Religionen zu einer werden und ethnische und religiöse Voreingenommenheit verschwinden werden. Es ist der Tag, da die Einheit der Menschheit ihr Banner erheben und weltweiter Frieden gleich dem wahren Morgen die Erde mit seinem Licht fluten wird. Darum flehen wir zu Gott und bitten Ihn, diese düsteren Wolken zu zerstreuen und diese Nachahmungen auszumerzen, damit Ost und West in Liebe und Einheit erstrahlen, die Völker der Welt einander umarmen und vorbildliche geistige Gemeinschaft die Welt erhelle, so wie die herrliche Sonne in himmlischen Gefilden. Dies ist unsere Hoffnung, unser Wunsch und unsere Sehnsucht. Wir beten, dass wir dies durch die Großzügigkeit und Gnade Gottes erreichen. Ich bin sehr glücklich, bei diesem Treffen anwesend zu sein, das von solchem Glanz gekennzeichnet ist, von Einsicht, Empfänglichkeit und dem Bestreben, die Wahrheit zu erforschen. Solche Versammlungen sind der Ruhm der Menschenwelt. Ich erbitte für Sie Gottes Segen.
– 57 –
57:0_169
29. Mai 1912
57:0_170
Ansprache im Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney
780 West End Avenue, New York
57:0_171
Aufzeichnungen von Howard MacNutt
57:1
Die göttlichen Manifestationen waren in Ihren Lehren wie Bilderstürmer: Sie entwurzelten Irrtümer, zerstörten falsche religiöse Vorstellungen und riefen die Menschheit von Neuem zur grundlegenden Einheit Gottes. Desgleichen haben Sie alle die Einheit der Menschheit verkündet. Die wesentliche Lehre von Moses war das Gesetz des Sinai, die Zehn Gebote. Christus erneuerte und offenbarte nochmals die Gebote des einen Gottes und die Vorschriften für das menschliche Handeln. Obgleich die Lehren Muḥammads weitreichender waren, war ihr Ziel ebenfalls, die Menschheit geistig aufzubauen und in der Erkenntnis Gottes zu vereinen. Beim Báb wurde der Offenbarungsinhalt noch einmal stark erweitert, aber die zentralen Lehren waren die gleichen. Von Bahá’u’lláh gibt es über hundert Bücher. Jedes einzelne ist ein sichtbarer Beweis, der der Menschheit genügen sollte; jedes einzelne, vom ersten bis zum letzten, verkündet die wesenhafte Einheit Gottes und die der Menschheit, die Liebe Gottes, die Abschaffung des Krieges und die göttliche Richtschnur für den Frieden. Jedes von ihnen vermittelt auch göttliche Ethik, den sichtbaren Ausdruck der vom Herrn gewährten Gnade; jedes Wort ist selbst ein Buch an Bedeutungen. Denn das Wort Gottes ist gesammelte Weisheit, absolutes Wissen und ewige Wahrheit.
57:2
Nehmen wir die Aussage aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Diese Aussage ist kurz, aber überreich an tiefen Bedeutungen. Ja, die Bandbreite möglicher Bezüge ist unermesslich und jenseits dessen, was Bücher oder Worte enthalten und ausdrücken können. Bisher haben die Doktoren der Theologie diese Aussage nicht ausführlich erklärt, sondern sie allein auf Jesus als das »fleischgewordene Wort« bezogen, auf die Trennung Jesu von Gott, dem Vater, und auf Sein Herabkommen auf die Erde. Auf diese Weise wurde die Aufspaltung der Gottheit in Einzelpersonen gelehrt.
57:3
Die wesenhafte Einheit von Vater, Sohn und Geist hat viele Bedeutungen und bildet die Grundlage des Christentums. Heute werden wir lediglich eine zusammenfassende Erklärung geben. Warum war Jesus das Wort?
57:4
In der gesamten Schöpfung sind alle erschaffenen Wesen wie Buchstaben. Buchstaben an sich sind bedeutungslos und drücken keinerlei Gedanken oder Vorstellungen aus – wie etwa a, b usw. Ebenso haben alle erschaffenen Wesen für sich keine unabhängige Bedeutung. Aber ein Wort, zusammengesetzt aus Buchstaben, besitzt einen eigenen Sinn und hat eine unabhängige Bedeutung. Deshalb war Christus das Wort, weil Er die Bedeutung der göttlichen Wirklichkeit in vollkommener Weise übermittelte und diese Bedeutung selbst verkörperte. Im Vergleich zur Ebene bloßer Metaphern entsprach Er der Ebene der Wirklichkeit. Die Seiten eines Buches haben an sich keinen Sinngehalt, aber die Gedanken, die sie vermitteln, lassen uns über die Wirklichkeit nachdenken. Die Wirklichkeit Jesu entsprach der vollständigen Bedeutung, Sein Christus-Sein, das in den Heiligen Büchern symbolisch »das Wort« genannt wird.
57:5
»Das Wort war bei Gott.« Das Christus-Sein meint nicht den Leib Jesu, sondern die in Ihm in höchster Vollendung sichtbaren göttlichen Tugenden. Deshalb steht geschrieben: »Er ist Gott.« Das impliziert keine Trennung von Gott, so wie es auch nicht möglich ist, die Sonnenstrahlen von der Sonne zu trennen. Die Wirklichkeit Christi war die Verkörperung göttlicher Tugenden und der Attribute Gottes. In der Gottheit gibt es keine Aufspaltung. Alle Adjektive, Substantive und Pronomen sind eins an diesem heiligen Hofe; es gibt hier weder Vielheit noch Teilung. Mit dieser Erklärung soll gezeigt werden, dass die Worte Gottes unzählige Bedeutungen und Geheimnisse bergen – jedes einzelne tausend und mehr.
57:6
Bahá’u’lláh hat viele Schriften offenbart. Die darin enthaltenen Gebote und Lehren sind universell und erstrecken sich auf alle Bereiche. Er hat wissenschaftliche Erklärungen offenbart, die sich auf alle Gebiete der menschlichen Forschung erstrecken – Astronomie, Biologie, Medizin usw. Im Kitáb-i-Íqán hat Er Teile des Evangeliums und anderer himmlischer Bücher ausgelegt. Er verfasste umfangreiche Schriften über Kultur und Zivilisation, Soziologie und Staatsführung. Jedes Thema wurde berücksichtigt. Seine Schriften sind unvergleichlich schön und tiefgründig. Sogar Seine Feinde erkennen die Größe Bahá’u’lláhs an und sagen, Er sei ein Wunder unter den Menschen. Dies war ihr Eingeständnis, obwohl sie nicht an Ihn glaubten. Er wurde gepriesen von Christen, Juden, Zoroastriern und Muslimen, die Seinen Anspruch bestritten. Sie sagten oft: »Er ist unvergleichlich, einzigartig.« Ein christlicher Dichter im Orient schrieb: »Glaubt nicht an Ihn als Manifestation Gottes, aber Seine Wunder sind erhaben wie die Sonne.« Mírzá Abu’l-Faḍl hat zahlreiche Gedichte dieser Art erwähnt, und es gibt viele weitere. Das Zeugnis Seiner Feinde zeigte, dass Er das »Wunder der Menschheit« war, dass Er »auf einem besonderen Pfad der Erkenntnis wandelte« und »in Seiner Persönlichkeit unvergleichlich« war. Seine Lehren sind allumfassend und der Maßstab für menschliches Handeln. Sie sind keine bloße Theorie, dazu bestimmt, in Büchern zu bleiben. Sie sind die Richtlinien für konkretes Handeln. Erfolg kommt vom Handeln. Bloße Theorie führt zu nichts. Welchen Nutzen hat ein Buch über Medizin, wenn es nie aus dem Regal genommen wird? Die Lehren Gottes haben Früchte getragen, wenn sie sich in der Praxis bewährt haben.
57:7
Die großen und grundlegenden Lehren Bahá’u’lláhs sind die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit. Das ist das Band der Einheit zwischen den Bahá’í auf der ganzen Welt. Sie einen sich zunächst selbst, dann vereinen sie andere. Solange man nicht einig ist, kann man andere nicht vereinen. Christus sagte: »Ihr seid das Salz der Erde; aber wenn das Salz seinen Geschmack verloren hat, womit soll man dann salzen?« Daran sieht man, dass es unter Seinen Anhängern Meinungsverschiedenheiten gab und es an Einheit mangelte. Daher Seine Ermahnung zur Einheit im Handeln.
57:8
Nun ist es an uns, uns ebenfalls in vollkommener Einheit miteinander zu verbinden, gütig und liebevoll zueinander zu sein und all unseren Besitz, unsere Ehre, ja selbst unser Leben füreinander zu opfern. Dann wird sich erweisen, dass wir nach den Lehren Gottes gehandelt haben, dass wir wirklich an die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit glauben.
– 58 –
58:0_172
30. Mai 1912
58:0_173
Ansprache in der Theosophischen Loge
Broadway und neunundsiebzigste Straße in New York
58:0_174
Aufzeichnungen von Howard MacNutt
58:1
Ich freue mich sehr über diese freundlichen Gefühlsbekundungen und die Beweise geistiger Empfänglichkeit. Heute Abend bin ich sehr glücklich, weil ich sehe, dass unsere Ziele und Absichten dieselben und unser Wünschen und Sehnen eins sind. Das ist ein Ausdruck und Beweis für die Einheit der Menschenwelt und die Absicht, den Größten Frieden zu verwirklichen. Somit sind wir in Willen und Absicht vereint. In der Welt des Daseins gibt es keine größeren Fragen als diese. Die Einheit der Menschheit führt zum Ruhm des Menschen. Der internationale Frieden garantiert das Wohlergehen der gesamten Menschheit. In der Menschenseele gibt es keine bedeutenderen Motive und Absichten. Da wir darin übereinstimmen, ist die Gewissheit der Einheit und Eintracht zwischen Bahá’í und Theosophen höchst vielversprechend. Ihre Ziele sind dieselben, ihre Wünsche dieselben und geistige Aufnahmefähigkeit ist beiden gemeinsam. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf das göttliche Reich und haben in gleicher Weise Anteil an seinen Wohltaten.
58:2
Die Menschheit braucht heute eine große Macht, die diese herrlichen Grundsätze und Ziele verwirklichen kann. Die Sache des Friedens ist eine sehr große Sache; sie ist die Sache Gottes, und alle Mächte der Welt stellen sich ihr entgegen. Die Regierungen etwa betrachten den Militarismus als eine Stufe des menschlichen Fortschritts. Sie sind der Ansicht, dass Spaltung unter Menschen und Nationen zu Patriotismus und Ehre führt; dass eine Nation, die eine andere angreift und erobert und dadurch Wohlstand, Land und Ruhm gewinnt, mit diesen Kriegen und Eroberungen, diesem Blutvergießen und dieser Grausamkeit Fortschritt und Gedeihen der siegreichen Nation bewirkt. Das ist ein völliger Irrtum. Vergleichen Sie die Nationen der Welt mit den Mitgliedern einer Familie. Eine Familie ist eine Nation im Kleinen. Erweitern Sie nur den Kreis des Haushalts, und Sie haben die Nation. Erweitern Sie den Kreis der Nationen und Sie haben die ganze Menschheit. Die Bedingungen, die für die Familie gelten, gelten auch für die Nation. Was in der Familie geschieht, geschieht auch im Leben der Nation. Hilft es dem Fortschritt und dem Vorankommen der Familie, wenn ihre Mitglieder uneins werden, wenn Streit ausbricht, jeder den anderen ausnützt, Eifersucht und Rachegefühle vorherrschen, wenn jeder selbstsüchtig seinen Vorteil sucht? Nein, Fortschritt und Vorankommen wären dahin. So ist es auch mit der großen Familie der Nationen, denn Nationen bestehen aus einer Ansammlung von Familien. Wie also Streit und Uneinigkeit eine Familie zerstören und ihren Fortschritt behindern, so werden auch Nationen zerstört und ihr Fortschritt behindert.
58:3
Alle himmlischen Bücher, die göttlichen Propheten, Weisen und Philosophen stimmen darin überein, dass Krieg für die menschliche Entwicklung zerstörerisch, Frieden hingegen förderlich und aufbauend ist. Sie sind sich darüber einig, dass Krieg und Kampf die Grundlagen der Menschheit angreifen. Es bedarf daher einer Macht, die Kriege verhindert und die Einheit der Menschheit verkündet und herstellt.
58:4
Zu wissen, dass diese Macht notwendig ist, reicht jedoch nicht aus. Allein zu erkennen, dass Wohlstand wünschenswert ist, führt noch nicht zum Wohlstand. Anzuerkennen, dass wissenschaftliche Errungenschaften lobenswert sind, bringt noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse hervor. Die Ehre als etwas Herausragendes zu würdigen, macht einen Menschen nicht ehrenhaft. Die Kenntnis der menschlichen Lebensumstände und des benötigten Heilmittels sorgt für keine Besserung. Die Feststellung, dass Gesundheit gut ist, bewirkt noch keine Gesundheit. Um den gegenwärtigen Zustand der Menschheit zu heilen, braucht es einen fähigen Arzt. Wie man von einem Arzt verlangt, dass er vollständige Kenntnis der Pathologie, Diagnostik, Therapie und Behandlung hat, so muss auch dieser ›Welt-Arzt‹ weise, geschickt und kompetent sein, damit Gesundheit sich einstellen wird. Sein bloßes Wissen führt noch nicht zu Gesundheit; es muss auch angewendet und das Heilmittel muss verabreicht werden.
58:5
Das Erreichen jedes Zieles hängt ab von Wissen, Wollen und Handeln. Wenn diese drei Bedingungen nicht erfüllt sind, gibt es keine Ergebnisse. Bei der Errichtung eines Hauses muss man zuerst das Grundstück kennen und das dazu passende Haus entwerfen; ferner muss man die Mittel beschaffen, die für den Bau nötig sind; dann erst kann man es bauen. Um also durchzuführen und umzusetzen, was als Heilmittel für die menschlichen Verhältnisse bekannt und anerkannt ist – nämlich die Einigung der Menschheit –, bedarf es einer Macht. Des Weiteren ist offensichtlich, dass das nicht durch materielle Prozesse und Mittel verwirklicht werden kann. Die Kraft gleicher Herkunft und Hautfarbe genügt nicht, um diese Einigung zu erreichen, denn die Völker sind verschieden und haben unterschiedliche Neigungen. Die Kraft des Patriotismus genügt ebenso wenig, denn die Nationalitäten sind voneinander verschieden. Auch politische Macht führt sie nicht herbei, da die politischen Strategien der Regierungen und Staaten sehr uneinheitlich sind. Das heißt, jede Bemühung zur Einigung mithilfe dieser materiellen Mittel würde die einen begünstigen und andere schädigen, wegen unterschiedlicher Einzelinteressen. Manche mögen glauben, dieses große Heilmittel könne in dogmatischem Beharren auf bestimmten Nachahmungen und Auslegungen gefunden werden. Das entbehrte ebenfalls jeder Grundlage und brächte kein Ergebnis. Darum ist es offensichtlich, dass kein anderes Mittel außer einem vollkommenen Mittel, einer geistigen Kraft, göttlichen Gaben und dem Odem des Heiligen Geistes diese Weltkrankheit des Krieges, der Zwietracht und der Uneinigkeit heilen wird. Nichts anderes ist denkbar, nichts sonst kann ersonnen werden. Aber durch geistige Mittel und die göttliche Kraft ist es möglich und machbar.
58:6
Denken Sie über die Geschichte nach. Was hat den Nationen Einheit, den Völkern Moral und der Menschheit Nutzen gebracht? Wenn wir darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass die Stiftung der göttlichen Religionen das beste Mittel dafür war, sich der Einheit der Menschheit anzunähern. Die Verankerung der göttlichen Wahrheit in der Religion hat dies bewirkt, nicht die Nachahmungen überlieferter religiöser Formen. Nachahmungen stehen zueinander im Gegensatz und haben immer zu Kampf, Feindschaft, Missgunst und Krieg geführt. Die göttlichen Religionen sind Sammelpunkte, wo sich unterschiedliche Standpunkte treffen, versöhnen und einen können. Sie schaffen Einheit für Stammesgebiete, Volksgruppen und politische Richtungen. So einte etwa Christus verschiedene Nationen, brachte kriegerischen Völkern den Frieden und stiftete die Einheit der Menschheit. Die eroberungsfreudigen Griechen und Römer, die vorurteilsbehafteten Ägypter und Assyrer waren alle kämpferisch, feindselig und kriegerisch, aber Christus sammelte diese unterschiedlichen Völker und beseitigte die tieferen Ursachen der Zwietracht – nicht durch ethnische, patriotische oder politische Macht, sondern durch göttliche Macht, durch die Kraft des Heiligen Geistes. Anders wäre das nicht möglich gewesen. Alle anderen Anstrengungen der Menschen und Nationen überdauern als Randnotiz der Geschichte, führten aber zu keinem bleibenden Ergebnis.
58:7
Wenn dieses große Ergebnis von göttlicher Macht und göttlichen Gnadengaben abhängt, woher soll die Welt diese Kraft nehmen? Gott ist der Urewige – kein neuer Gott. Seine Oberherrschaft besteht von alters her, sie ist nicht neu; sie existiert nicht erst seit diesen fünf- oder sechstausend Jahren. Dieses unendliche Universum existiert schon immer. Die Oberherrschaft und Macht, die Namen und Attribute Gottes sind ewig und uralt. Seine Namen setzen die Schöpfung voraus und sind Ausdruck Seiner Existenz und Seines Willens. Wir sagen: Gott ist der Schöpfer. Dieser Name ›Schöpfer‹ taucht auf, wenn wir von Schöpfung sprechen. Wir sagen, Gott ist der Versorger. Dieser Name setzt voraus und beweist, dass jemand existiert, der versorgt wird. Gott ist Liebe. Dieser Name beweist die Existenz des Geliebten. Ebenso ist Gott Gnade, Gerechtigkeit, Leben usw. Da also Gott der Schöpfer ist, ewig und von alters her, gab es immer Geschöpfe, die existierten und für die gesorgt wurde. Es gibt keinen Zweifel, dass die göttliche Oberherrschaft ewig währt. Die Oberherrschaft setzt Untertanen, Minister, Verwalter und andere der Oberherrschaft unterstellte Personen voraus. Kann es einen König ohne Land, Untertanen und Armeen geben? Wenn wir eine Zeit annehmen, in der es keine Geschöpfe, keine Diener, keine Untertanen der göttlichen Herrschaft gab, entthronen wir Gott und behaupten, es gäbe eine Zeit, in der Gott nicht war. Es wäre, als wenn Er erst kürzlich ernannt worden wäre und der Mensch Ihm diese Namen gegeben hätte. Die göttliche Oberherrschaft besteht von alters her, ist ewig. Gott war seit Ewigkeit Liebe, Gerechtigkeit, Kraft, Schöpfer, Versorger, der Allwissende, der Freigebige.
58:8
Da das göttliche Sein ewig ist, sind die göttlichen Eigenschaften ebenfalls ewig. Die göttlichen Gaben sind daher ohne Anfang und ohne Ende. Gott ist unendlich; die Werke Gottes sind unendlich; die Gaben Gottes sind unendlich. Da Seine Göttlichkeit ewig ist, sind Seine Herrschaft und Vollkommenheit ohne Ende. Da die Gabe des Heiligen Geistes ewig ist, können wir niemals behaupten, dass Seine Gaben aufhören, ohne gleichzeitig zu behaupten, dass Er aufhört zu existieren. Wenn wir an die Sonne denken und versuchen, uns ein Erlöschen der Sonnenglut und ihrer Hitze vorzustellen, dann behaupten wir die Nichtexistenz der Sonne. Denn eine Trennung der Sonne von ihren Strahlen und ihrer Hitze ist nicht vorstellbar. Wenn wir also die Gaben Gottes begrenzen, begrenzen wir die Eigenschaften Gottes, begrenzen wir Gott.
58:9
Lassen Sie uns darum auf die Güte und die Gaben Gottes vertrauen. Wir sollten uns vom göttlichen Odem beflügeln lassen und von der frohen Botschaft des Himmels erleuchtet und erhoben werden. Gott hat die Menschen immer barmherzig und wohlwollend behandelt. Er, Der den göttlichen Geist immer schon verströmte, kann dieselben Gaben zu allen Zeiten und zu jeder Stunde reichlich gewähren. Lassen Sie uns darum voll Hoffnung sein. Der Gott, Der die Welt früher beschenkte, wird dies auch jetzt und in Zukunft tun. Gott, Der Seinen Dienern den Odem des Heiligen Geistes eingehaucht hat, wird ihnen auch jetzt und in Zukunft den Odem einhauchen. Seine Güte hört nie auf. Der Göttliche Geist durchdringt alles von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn er ist die Gabe Gottes, und Gottes Gabe ist ewig. Können Sie sich eine Begrenzung der göttlichen Macht im Bereich der Atome oder ein Versiegen der göttlichen Gaben für die lebenden Organismen vorstellen? Können Sie sich vorstellen, dass die Kraft, die die Atome dieses Glases zusammenhält, aufhört zu bestehen? Dass die Energie, die das Meerwasser entstehen lässt, aufhört zu wirken, sodass das Meer verschwindet? Dass es heute Regen gibt, es aber dann nie wieder regnet? Dass die Sonne aufhört zu strahlen und es hinfort weder Licht noch Wärme gibt?
58:10
Wenn wir sehen, dass die göttlichen Gaben im Mineralreich ununterbrochen verfügbar sind, um wie viel mehr dürfen wir das im göttlichen, geistigen Königreich erwarten und erkennen! Wie viel größer ist das strahlende göttliche Licht und die Gabe des ewigen Lebens für die menschliche Seele! So wie das materielle Universum dauerhaft und unzerstörbar ist, halten die Gaben des göttlichen Geistes ebenfalls ewig an.
58:11
Ich preise Gott für das Privileg, an dieser verehrten Versammlung teilzunehmen, die durch geistige Empfänglichkeit beflügelt und vom Himmel angezogen ist, deren Mitglieder die Wirklichkeit erforschen, deren höchste Hoffnung die Errichtung des Weltfriedens ist und deren größter Vorsatz es ist, der Menschheit zu dienen.
58:12
Wenn wir die Welt der Schöpfung beobachten, entdecken wir, dass sich jedes Atom der stofflichen Welt durch die verschiedenen Stufen und Bereiche des organischen Lebens bewegt. Denken Sie zum Beispiel an den Äther, der alle bedingten Wirklichkeiten durchdringt und durchwandert. Wenn es im Äther Schwingungen oder Bewegung gibt, wird das Auge von diesen Schwingungen beeinflusst und nimmt wahr, was als Licht bekannt ist.
weiter nach unten ...