‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
weiter nach oben ...
57:0_171
Aufzeichnungen von Howard MacNutt
57:1
Die göttlichen Manifestationen waren in Ihren Lehren wie Bilderstürmer: Sie entwurzelten Irrtümer, zerstörten falsche religiöse Vorstellungen und riefen die Menschheit von Neuem zur grundlegenden Einheit Gottes. Desgleichen haben Sie alle die Einheit der Menschheit verkündet. Die wesentliche Lehre von Moses war das Gesetz des Sinai, die Zehn Gebote. Christus erneuerte und offenbarte nochmals die Gebote des einen Gottes und die Vorschriften für das menschliche Handeln. Obgleich die Lehren Muḥammads weitreichender waren, war ihr Ziel ebenfalls, die Menschheit geistig aufzubauen und in der Erkenntnis Gottes zu vereinen. Beim Báb wurde der Offenbarungsinhalt noch einmal stark erweitert, aber die zentralen Lehren waren die gleichen. Von Bahá’u’lláh gibt es über hundert Bücher. Jedes einzelne ist ein sichtbarer Beweis, der der Menschheit genügen sollte; jedes einzelne, vom ersten bis zum letzten, verkündet die wesenhafte Einheit Gottes und die der Menschheit, die Liebe Gottes, die Abschaffung des Krieges und die göttliche Richtschnur für den Frieden. Jedes von ihnen vermittelt auch göttliche Ethik, den sichtbaren Ausdruck der vom Herrn gewährten Gnade; jedes Wort ist selbst ein Buch an Bedeutungen. Denn das Wort Gottes ist gesammelte Weisheit, absolutes Wissen und ewige Wahrheit.
57:2
Nehmen wir die Aussage aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Diese Aussage ist kurz, aber überreich an tiefen Bedeutungen. Ja, die Bandbreite möglicher Bezüge ist unermesslich und jenseits dessen, was Bücher oder Worte enthalten und ausdrücken können. Bisher haben die Doktoren der Theologie diese Aussage nicht ausführlich erklärt, sondern sie allein auf Jesus als das »fleischgewordene Wort« bezogen, auf die Trennung Jesu von Gott, dem Vater, und auf Sein Herabkommen auf die Erde. Auf diese Weise wurde die Aufspaltung der Gottheit in Einzelpersonen gelehrt.
57:3
Die wesenhafte Einheit von Vater, Sohn und Geist hat viele Bedeutungen und bildet die Grundlage des Christentums. Heute werden wir lediglich eine zusammenfassende Erklärung geben. Warum war Jesus das Wort?
57:4
In der gesamten Schöpfung sind alle erschaffenen Wesen wie Buchstaben. Buchstaben an sich sind bedeutungslos und drücken keinerlei Gedanken oder Vorstellungen aus – wie etwa a, b usw. Ebenso haben alle erschaffenen Wesen für sich keine unabhängige Bedeutung. Aber ein Wort, zusammengesetzt aus Buchstaben, besitzt einen eigenen Sinn und hat eine unabhängige Bedeutung. Deshalb war Christus das Wort, weil Er die Bedeutung der göttlichen Wirklichkeit in vollkommener Weise übermittelte und diese Bedeutung selbst verkörperte. Im Vergleich zur Ebene bloßer Metaphern entsprach Er der Ebene der Wirklichkeit. Die Seiten eines Buches haben an sich keinen Sinngehalt, aber die Gedanken, die sie vermitteln, lassen uns über die Wirklichkeit nachdenken. Die Wirklichkeit Jesu entsprach der vollständigen Bedeutung, Sein Christus-Sein, das in den Heiligen Büchern symbolisch »das Wort« genannt wird.
57:5
»Das Wort war bei Gott.« Das Christus-Sein meint nicht den Leib Jesu, sondern die in Ihm in höchster Vollendung sichtbaren göttlichen Tugenden. Deshalb steht geschrieben: »Er ist Gott.« Das impliziert keine Trennung von Gott, so wie es auch nicht möglich ist, die Sonnenstrahlen von der Sonne zu trennen. Die Wirklichkeit Christi war die Verkörperung göttlicher Tugenden und der Attribute Gottes. In der Gottheit gibt es keine Aufspaltung. Alle Adjektive, Substantive und Pronomen sind eins an diesem heiligen Hofe; es gibt hier weder Vielheit noch Teilung. Mit dieser Erklärung soll gezeigt werden, dass die Worte Gottes unzählige Bedeutungen und Geheimnisse bergen – jedes einzelne tausend und mehr.
57:6
Bahá’u’lláh hat viele Schriften offenbart. Die darin enthaltenen Gebote und Lehren sind universell und erstrecken sich auf alle Bereiche. Er hat wissenschaftliche Erklärungen offenbart, die sich auf alle Gebiete der menschlichen Forschung erstrecken – Astronomie, Biologie, Medizin usw. Im Kitáb-i-Íqán hat Er Teile des Evangeliums und anderer himmlischer Bücher ausgelegt. Er verfasste umfangreiche Schriften über Kultur und Zivilisation, Soziologie und Staatsführung. Jedes Thema wurde berücksichtigt. Seine Schriften sind unvergleichlich schön und tiefgründig. Sogar Seine Feinde erkennen die Größe Bahá’u’lláhs an und sagen, Er sei ein Wunder unter den Menschen. Dies war ihr Eingeständnis, obwohl sie nicht an Ihn glaubten. Er wurde gepriesen von Christen, Juden, Zoroastriern und Muslimen, die Seinen Anspruch bestritten. Sie sagten oft: »Er ist unvergleichlich, einzigartig.« Ein christlicher Dichter im Orient schrieb: »Glaubt nicht an Ihn als Manifestation Gottes, aber Seine Wunder sind erhaben wie die Sonne.« Mírzá Abu’l-Faḍl hat zahlreiche Gedichte dieser Art erwähnt, und es gibt viele weitere. Das Zeugnis Seiner Feinde zeigte, dass Er das »Wunder der Menschheit« war, dass Er »auf einem besonderen Pfad der Erkenntnis wandelte« und »in Seiner Persönlichkeit unvergleichlich« war. Seine Lehren sind allumfassend und der Maßstab für menschliches Handeln. Sie sind keine bloße Theorie, dazu bestimmt, in Büchern zu bleiben. Sie sind die Richtlinien für konkretes Handeln. Erfolg kommt vom Handeln. Bloße Theorie führt zu nichts. Welchen Nutzen hat ein Buch über Medizin, wenn es nie aus dem Regal genommen wird? Die Lehren Gottes haben Früchte getragen, wenn sie sich in der Praxis bewährt haben.
57:7
Die großen und grundlegenden Lehren Bahá’u’lláhs sind die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit. Das ist das Band der Einheit zwischen den Bahá’í auf der ganzen Welt. Sie einen sich zunächst selbst, dann vereinen sie andere. Solange man nicht einig ist, kann man andere nicht vereinen. Christus sagte: »Ihr seid das Salz der Erde; aber wenn das Salz seinen Geschmack verloren hat, womit soll man dann salzen?« Daran sieht man, dass es unter Seinen Anhängern Meinungsverschiedenheiten gab und es an Einheit mangelte. Daher Seine Ermahnung zur Einheit im Handeln.
57:8
Nun ist es an uns, uns ebenfalls in vollkommener Einheit miteinander zu verbinden, gütig und liebevoll zueinander zu sein und all unseren Besitz, unsere Ehre, ja selbst unser Leben füreinander zu opfern. Dann wird sich erweisen, dass wir nach den Lehren Gottes gehandelt haben, dass wir wirklich an die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit glauben.
– 58 –
58:0_172
30. Mai 1912
58:0_173
Ansprache in der Theosophischen Loge
Broadway und neunundsiebzigste Straße in New York
58:0_174
Aufzeichnungen von Howard MacNutt
58:1
Ich freue mich sehr über diese freundlichen Gefühlsbekundungen und die Beweise geistiger Empfänglichkeit. Heute Abend bin ich sehr glücklich, weil ich sehe, dass unsere Ziele und Absichten dieselben und unser Wünschen und Sehnen eins sind. Das ist ein Ausdruck und Beweis für die Einheit der Menschenwelt und die Absicht, den Größten Frieden zu verwirklichen. Somit sind wir in Willen und Absicht vereint. In der Welt des Daseins gibt es keine größeren Fragen als diese. Die Einheit der Menschheit führt zum Ruhm des Menschen. Der internationale Frieden garantiert das Wohlergehen der gesamten Menschheit. In der Menschenseele gibt es keine bedeutenderen Motive und Absichten. Da wir darin übereinstimmen, ist die Gewissheit der Einheit und Eintracht zwischen Bahá’í und Theosophen höchst vielversprechend. Ihre Ziele sind dieselben, ihre Wünsche dieselben und geistige Aufnahmefähigkeit ist beiden gemeinsam. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf das göttliche Reich und haben in gleicher Weise Anteil an seinen Wohltaten.
58:2
Die Menschheit braucht heute eine große Macht, die diese herrlichen Grundsätze und Ziele verwirklichen kann. Die Sache des Friedens ist eine sehr große Sache; sie ist die Sache Gottes, und alle Mächte der Welt stellen sich ihr entgegen. Die Regierungen etwa betrachten den Militarismus als eine Stufe des menschlichen Fortschritts. Sie sind der Ansicht, dass Spaltung unter Menschen und Nationen zu Patriotismus und Ehre führt; dass eine Nation, die eine andere angreift und erobert und dadurch Wohlstand, Land und Ruhm gewinnt, mit diesen Kriegen und Eroberungen, diesem Blutvergießen und dieser Grausamkeit Fortschritt und Gedeihen der siegreichen Nation bewirkt. Das ist ein völliger Irrtum. Vergleichen Sie die Nationen der Welt mit den Mitgliedern einer Familie. Eine Familie ist eine Nation im Kleinen. Erweitern Sie nur den Kreis des Haushalts, und Sie haben die Nation. Erweitern Sie den Kreis der Nationen und Sie haben die ganze Menschheit. Die Bedingungen, die für die Familie gelten, gelten auch für die Nation. Was in der Familie geschieht, geschieht auch im Leben der Nation. Hilft es dem Fortschritt und dem Vorankommen der Familie, wenn ihre Mitglieder uneins werden, wenn Streit ausbricht, jeder den anderen ausnützt, Eifersucht und Rachegefühle vorherrschen, wenn jeder selbstsüchtig seinen Vorteil sucht? Nein, Fortschritt und Vorankommen wären dahin. So ist es auch mit der großen Familie der Nationen, denn Nationen bestehen aus einer Ansammlung von Familien. Wie also Streit und Uneinigkeit eine Familie zerstören und ihren Fortschritt behindern, so werden auch Nationen zerstört und ihr Fortschritt behindert.
58:3
Alle himmlischen Bücher, die göttlichen Propheten, Weisen und Philosophen stimmen darin überein, dass Krieg für die menschliche Entwicklung zerstörerisch, Frieden hingegen förderlich und aufbauend ist. Sie sind sich darüber einig, dass Krieg und Kampf die Grundlagen der Menschheit angreifen. Es bedarf daher einer Macht, die Kriege verhindert und die Einheit der Menschheit verkündet und herstellt.
58:4
Zu wissen, dass diese Macht notwendig ist, reicht jedoch nicht aus. Allein zu erkennen, dass Wohlstand wünschenswert ist, führt noch nicht zum Wohlstand. Anzuerkennen, dass wissenschaftliche Errungenschaften lobenswert sind, bringt noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse hervor. Die Ehre als etwas Herausragendes zu würdigen, macht einen Menschen nicht ehrenhaft. Die Kenntnis der menschlichen Lebensumstände und des benötigten Heilmittels sorgt für keine Besserung. Die Feststellung, dass Gesundheit gut ist, bewirkt noch keine Gesundheit. Um den gegenwärtigen Zustand der Menschheit zu heilen, braucht es einen fähigen Arzt. Wie man von einem Arzt verlangt, dass er vollständige Kenntnis der Pathologie, Diagnostik, Therapie und Behandlung hat, so muss auch dieser ›Welt-Arzt‹ weise, geschickt und kompetent sein, damit Gesundheit sich einstellen wird. Sein bloßes Wissen führt noch nicht zu Gesundheit; es muss auch angewendet und das Heilmittel muss verabreicht werden.
58:5
Das Erreichen jedes Zieles hängt ab von Wissen, Wollen und Handeln. Wenn diese drei Bedingungen nicht erfüllt sind, gibt es keine Ergebnisse. Bei der Errichtung eines Hauses muss man zuerst das Grundstück kennen und das dazu passende Haus entwerfen; ferner muss man die Mittel beschaffen, die für den Bau nötig sind; dann erst kann man es bauen. Um also durchzuführen und umzusetzen, was als Heilmittel für die menschlichen Verhältnisse bekannt und anerkannt ist – nämlich die Einigung der Menschheit –, bedarf es einer Macht. Des Weiteren ist offensichtlich, dass das nicht durch materielle Prozesse und Mittel verwirklicht werden kann. Die Kraft gleicher Herkunft und Hautfarbe genügt nicht, um diese Einigung zu erreichen, denn die Völker sind verschieden und haben unterschiedliche Neigungen. Die Kraft des Patriotismus genügt ebenso wenig, denn die Nationalitäten sind voneinander verschieden. Auch politische Macht führt sie nicht herbei, da die politischen Strategien der Regierungen und Staaten sehr uneinheitlich sind. Das heißt, jede Bemühung zur Einigung mithilfe dieser materiellen Mittel würde die einen begünstigen und andere schädigen, wegen unterschiedlicher Einzelinteressen. Manche mögen glauben, dieses große Heilmittel könne in dogmatischem Beharren auf bestimmten Nachahmungen und Auslegungen gefunden werden. Das entbehrte ebenfalls jeder Grundlage und brächte kein Ergebnis. Darum ist es offensichtlich, dass kein anderes Mittel außer einem vollkommenen Mittel, einer geistigen Kraft, göttlichen Gaben und dem Odem des Heiligen Geistes diese Weltkrankheit des Krieges, der Zwietracht und der Uneinigkeit heilen wird. Nichts anderes ist denkbar, nichts sonst kann ersonnen werden. Aber durch geistige Mittel und die göttliche Kraft ist es möglich und machbar.
58:6
Denken Sie über die Geschichte nach. Was hat den Nationen Einheit, den Völkern Moral und der Menschheit Nutzen gebracht? Wenn wir darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass die Stiftung der göttlichen Religionen das beste Mittel dafür war, sich der Einheit der Menschheit anzunähern. Die Verankerung der göttlichen Wahrheit in der Religion hat dies bewirkt, nicht die Nachahmungen überlieferter religiöser Formen. Nachahmungen stehen zueinander im Gegensatz und haben immer zu Kampf, Feindschaft, Missgunst und Krieg geführt. Die göttlichen Religionen sind Sammelpunkte, wo sich unterschiedliche Standpunkte treffen, versöhnen und einen können. Sie schaffen Einheit für Stammesgebiete, Volksgruppen und politische Richtungen. So einte etwa Christus verschiedene Nationen, brachte kriegerischen Völkern den Frieden und stiftete die Einheit der Menschheit. Die eroberungsfreudigen Griechen und Römer, die vorurteilsbehafteten Ägypter und Assyrer waren alle kämpferisch, feindselig und kriegerisch, aber Christus sammelte diese unterschiedlichen Völker und beseitigte die tieferen Ursachen der Zwietracht – nicht durch ethnische, patriotische oder politische Macht, sondern durch göttliche Macht, durch die Kraft des Heiligen Geistes. Anders wäre das nicht möglich gewesen. Alle anderen Anstrengungen der Menschen und Nationen überdauern als Randnotiz der Geschichte, führten aber zu keinem bleibenden Ergebnis.
58:7
Wenn dieses große Ergebnis von göttlicher Macht und göttlichen Gnadengaben abhängt, woher soll die Welt diese Kraft nehmen? Gott ist der Urewige – kein neuer Gott. Seine Oberherrschaft besteht von alters her, sie ist nicht neu; sie existiert nicht erst seit diesen fünf- oder sechstausend Jahren. Dieses unendliche Universum existiert schon immer. Die Oberherrschaft und Macht, die Namen und Attribute Gottes sind ewig und uralt. Seine Namen setzen die Schöpfung voraus und sind Ausdruck Seiner Existenz und Seines Willens. Wir sagen: Gott ist der Schöpfer. Dieser Name ›Schöpfer‹ taucht auf, wenn wir von Schöpfung sprechen. Wir sagen, Gott ist der Versorger. Dieser Name setzt voraus und beweist, dass jemand existiert, der versorgt wird. Gott ist Liebe. Dieser Name beweist die Existenz des Geliebten. Ebenso ist Gott Gnade, Gerechtigkeit, Leben usw. Da also Gott der Schöpfer ist, ewig und von alters her, gab es immer Geschöpfe, die existierten und für die gesorgt wurde. Es gibt keinen Zweifel, dass die göttliche Oberherrschaft ewig währt. Die Oberherrschaft setzt Untertanen, Minister, Verwalter und andere der Oberherrschaft unterstellte Personen voraus. Kann es einen König ohne Land, Untertanen und Armeen geben? Wenn wir eine Zeit annehmen, in der es keine Geschöpfe, keine Diener, keine Untertanen der göttlichen Herrschaft gab, entthronen wir Gott und behaupten, es gäbe eine Zeit, in der Gott nicht war. Es wäre, als wenn Er erst kürzlich ernannt worden wäre und der Mensch Ihm diese Namen gegeben hätte. Die göttliche Oberherrschaft besteht von alters her, ist ewig. Gott war seit Ewigkeit Liebe, Gerechtigkeit, Kraft, Schöpfer, Versorger, der Allwissende, der Freigebige.
58:8
Da das göttliche Sein ewig ist, sind die göttlichen Eigenschaften ebenfalls ewig. Die göttlichen Gaben sind daher ohne Anfang und ohne Ende. Gott ist unendlich; die Werke Gottes sind unendlich; die Gaben Gottes sind unendlich. Da Seine Göttlichkeit ewig ist, sind Seine Herrschaft und Vollkommenheit ohne Ende. Da die Gabe des Heiligen Geistes ewig ist, können wir niemals behaupten, dass Seine Gaben aufhören, ohne gleichzeitig zu behaupten, dass Er aufhört zu existieren. Wenn wir an die Sonne denken und versuchen, uns ein Erlöschen der Sonnenglut und ihrer Hitze vorzustellen, dann behaupten wir die Nichtexistenz der Sonne. Denn eine Trennung der Sonne von ihren Strahlen und ihrer Hitze ist nicht vorstellbar. Wenn wir also die Gaben Gottes begrenzen, begrenzen wir die Eigenschaften Gottes, begrenzen wir Gott.
58:9
Lassen Sie uns darum auf die Güte und die Gaben Gottes vertrauen. Wir sollten uns vom göttlichen Odem beflügeln lassen und von der frohen Botschaft des Himmels erleuchtet und erhoben werden. Gott hat die Menschen immer barmherzig und wohlwollend behandelt. Er, Der den göttlichen Geist immer schon verströmte, kann dieselben Gaben zu allen Zeiten und zu jeder Stunde reichlich gewähren. Lassen Sie uns darum voll Hoffnung sein. Der Gott, Der die Welt früher beschenkte, wird dies auch jetzt und in Zukunft tun. Gott, Der Seinen Dienern den Odem des Heiligen Geistes eingehaucht hat, wird ihnen auch jetzt und in Zukunft den Odem einhauchen. Seine Güte hört nie auf. Der Göttliche Geist durchdringt alles von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn er ist die Gabe Gottes, und Gottes Gabe ist ewig. Können Sie sich eine Begrenzung der göttlichen Macht im Bereich der Atome oder ein Versiegen der göttlichen Gaben für die lebenden Organismen vorstellen? Können Sie sich vorstellen, dass die Kraft, die die Atome dieses Glases zusammenhält, aufhört zu bestehen? Dass die Energie, die das Meerwasser entstehen lässt, aufhört zu wirken, sodass das Meer verschwindet? Dass es heute Regen gibt, es aber dann nie wieder regnet? Dass die Sonne aufhört zu strahlen und es hinfort weder Licht noch Wärme gibt?
58:10
Wenn wir sehen, dass die göttlichen Gaben im Mineralreich ununterbrochen verfügbar sind, um wie viel mehr dürfen wir das im göttlichen, geistigen Königreich erwarten und erkennen! Wie viel größer ist das strahlende göttliche Licht und die Gabe des ewigen Lebens für die menschliche Seele! So wie das materielle Universum dauerhaft und unzerstörbar ist, halten die Gaben des göttlichen Geistes ebenfalls ewig an.
58:11
Ich preise Gott für das Privileg, an dieser verehrten Versammlung teilzunehmen, die durch geistige Empfänglichkeit beflügelt und vom Himmel angezogen ist, deren Mitglieder die Wirklichkeit erforschen, deren höchste Hoffnung die Errichtung des Weltfriedens ist und deren größter Vorsatz es ist, der Menschheit zu dienen.
58:12
Wenn wir die Welt der Schöpfung beobachten, entdecken wir, dass sich jedes Atom der stofflichen Welt durch die verschiedenen Stufen und Bereiche des organischen Lebens bewegt. Denken Sie zum Beispiel an den Äther, der alle bedingten Wirklichkeiten durchdringt und durchwandert. Wenn es im Äther Schwingungen oder Bewegung gibt, wird das Auge von diesen Schwingungen beeinflusst und nimmt wahr, was als Licht bekannt ist.
58:13
Auf dieselbe Weise bewegen sich die göttlichen Gaben und zirkulieren durch alle erschaffenen Dinge. Diese grenzenlose göttliche Gabe hat keinen Anfang und wird kein Ende haben. Sie bewegt sich und zirkuliert und wird überall dort wirksam, wo die Fähigkeit, sie zu empfangen, entwickelt ist. Jede Stufe hat ihre besonderen Fähigkeiten. Darum müssen wir hoffen und erwarten, dass durch die Gnade und Gunst Gottes dieser Geist des Lebens, der alles Erschaffene durchdringt, die Menschheit beleben wird und die Menschenwelt durch seine Gaben eine göttliche Welt, dieses irdische Reich ein Spiegelbild des Gottesreiches wird, die Tugenden und Vollkommenheit der Menschenwelt sichtbar werden und das Ebenbild Gottes von diesem Tempel widergespiegelt wird.
58:14
Ich bin dem Präsidenten dieser Gesellschaft sehr dankbar und entbiete ihm meine hochachtungsvollen Grüße. Es ist meine Hoffnung, dass Ihnen allen geholfen werde, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Die geistige Empfänglichkeit der Anwesenden hat mich sehr glücklich gemacht, und für Sie alle erbitte ich Gottes Beistand und Ermutigung.
– 59 –
59:0_175
31. Mai 1912
59:0_176
Ansprache im Rathaus
Fanwood, New Jersey
59:0_177
Nach Aufzeichnungen aus dem Persischen
59:1
Die materielle Welt unterliegt einem stetigen Wechsel und Wandel. Die Sache des Reiches Gottes ist ewiger Natur, deshalb ist sie das Wichtigste. Aber leider wird der Einfluss des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen täglich schwächer, und materielle Kräfte gewinnen die Oberhand. Die göttlichen Zeichen lassen nach, und rein menschliche Zeugnisse treten stärker hervor. Sie sind mittlerweile so weit gekommen, dass die Materialisten vorrücken und zum Angriff übergehen, während die göttlichen Kräfte abnehmen und schwinden. Der Unglaube hat die Religion besiegt. Die Ursache dieses chaotischen Zustands sind Unterschiede zwischen den Religionen. Diese Ursache hat ihren Ursprung in der Feindseligkeit und dem Hass zwischen Sekten und Konfessionen. Die Materialisten haben von dieser Zwietracht unter den Religionen profitiert und attackieren sie ständig mit dem Ziel, diesen göttlich gepflanzten Baum zu entwurzeln. Die Streitigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Religionen schwächen sie und führen zu ihrem Untergang. Wenn ein Kommandant und seine Armee beim Ausführen taktischer militärischer Maßnahmen uneins sind, wird zweifellos der Feind siegen. Heute sind die Religionen uneins; zwischen ihnen herrschen Feindschaft, Streit und gegenseitige Anschuldigungen; sie weigern sich, zusammenzuarbeiten – schlimmer noch, im Ernstfall vergießen sie sogar das Blut der jeweils anderen. Lest die Geschichtsbücher und ihr werdet sehen, welche schrecklichen Ereignisse sich im Namen der Religion abgespielt haben. Zum Beispiel wurden die hebräischen Propheten gesandt, um Christus anzukündigen, aber unglücklicherweise wurde das durch den Talmud und den daraus entstandenen Aberglauben so vollständig verschleiert, dass sie ihren verheißenen Messias kreuzigten. Hätten sie sich von den Überlieferungen des Talmud losgesagt und die Wahrheit der Religion von Moses erforscht, dann hätten sie an Christus geglaubt. Dass sie an den Formen ihres ererbten Glaubens in blinder Nachahmung festhielten, beraubte sie der Gnadengaben ihres Messias. Sie wurden weder vom herabströmenden Regen der Gnade erquickt, noch durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet.
59:2
Nachahmung zerstört die Grundlage der Religion, tilgt die Spiritualität in der Menschenwelt, wandelt himmlische Erleuchtung in Finsternis und beraubt den Menschen der Erkenntnis Gottes. Nachahmung lässt Materialismus und Unglauben über die Religion siegen; sie leugnet das Göttliche und das Gesetz der Offenbarung; sie lehnt das Prophetentum ab und weist das Gottesreich zurück. Wenn Materialisten mit vernünftiger Analyse durch den Verstand solchen Nachahmungen auf den Grund gehen, finden sie nichts als Aberglauben; deshalb lehnen sie Religion ab. Zum Beispiel haben die Juden Vorstellungen von religiöser Reinheit und Unreinheit, aber wenn man diese Vorstellungen wissenschaftlich untersucht, sieht man, dass sie jeder Grundlage entbehren.
59:3
Ist es uns unmöglich, die grenzenlosen Gnadengaben Gottes zu empfangen? Ist es unmöglich, die Vorzüge der geistigen Welt zu erlangen, weil wir nicht zur Zeit Moses leben, in der Epoche der Propheten oder der Ära Christi? Das waren geistige Zyklen. Können wir uns nicht geistig entwickeln, weil wir weit weg von ihnen sind und in einem materialistischen Zeitalter leben? Der Gott Moses und Jesu kann Seinem Volk an diesem Tag die gleichen, nein, größere Gnadengaben schenken. Zum Beispiel hat Er Seine Diener in früheren Zeiten mit Vernunft, Verstand und Einsicht ausgestattet. Können wir sagen, Er sei nicht fähig, auch in diesem Jahrhundert Seine Wohltaten zu gewähren? Wäre es gerecht, wenn Er Moses als Führung für die damaligen Völker sandte, aber die jetzt Lebenden völlig vernachlässigte? Wäre es möglich, dass das jetzige Zeitalter der göttlichen Wohltaten beraubt ist, obwohl frühere Zeitalter, voll Tyrannei und Barbarei, einen unerschöpflich großen Anteil davon erhielten? Derselbe barmherzige Gott, Der in der Vergangenheit Seine Gunst gewährt hat, hat auch uns die Türen zu Seinem Königreich geöffnet. Die Strahlen Seiner Sonne scheinen, der Odem des Heiligen Geistes belebt und beflügelt uns. Dieser allwissende Gott hilft und bestärkt uns immer noch, erleuchtet unsere Herzen, erfreut unsere Seelen und erfüllt uns mit dem Wohlgeruch der Heiligkeit. Die göttliche Weisheit und Vorsehung hat alle umschlossen und die himmlische Tafel für uns gedeckt. Wir müssen eine reichliche Portion dieser großzügigen Gunst in uns aufnehmen.
59:4
Die Arbeit eines Hirten besteht darin, die zerstreuten Schafe zu sammeln. Wenn er die vereinte Herde auseinander treibt, ist er kein Hirte. Da die Propheten Ihren diesbezüglichen Auftrag erfüllt haben, sind Sie die wahren Hirten. Als Moses erschien, war das israelitische Volk zerrüttet. Feindschaft und Zwietracht steigerten ihre Uneinigkeit. Mit göttlicher Macht sammelte und einte Er diese verstreute Herde, legte die Perle der Liebe in ihre Herzen, befreite sie aus der Gefangenschaft und führte sie aus Ägypten ins Heilige Land. Sie erzielten wunderbare Fortschritte in Wissenschaft und Kunstfertigkeit. Bande sozialer und nationaler Stärke schweißten sie zusammen. Ihre Weiterentwicklung menschlicher Tugenden verlief so wunderbar, dass sie rasch zur Blütezeit Salomons emporstiegen. Könnte man sagen, dass Moses kein wahrer Hirte war und dass Er dieses verstreute Volk nicht zusammengebracht hat?
59:5
Christus war ein wahrer Hirte. Zur Zeit Seines Erscheinens waren die Griechen, Römer, Assyrer und Ägypter wie viele verstreute Herden. Christus hauchte ihnen den Geist der Einheit ein und brachte sie in Einklang.
59:6
Daher ist es offensichtlich, dass die Propheten Gottes gekommen sind, um die Menschenkinder zu vereinen, und nicht, um sie zu zerstreuen; um das Gesetz der Liebe einzuführen und nicht Feindschaft. Folglich müssen wir alle Vorurteile beiseitelegen – seien sie religiös, ethnisch, politisch oder patriotisch. Wir müssen zur Ursache der Vereinigung der Menschheit werden. Streben Sie nach Weltfrieden, suchen Sie die Wege der Liebe und zerstören Sie die Grundlagen der Uneinigkeit, sodass diese materielle Welt göttlich, die Welt der Materie zum Reich Gottes werde und die Menschheit zur Vollendung gelange.
– 60 –
60:0_178
2. Juni 1912
60:0_179
Ansprache in der Church of the Ascension
Fifth Avenue und Tenth Street, New York
weiter nach unten ...