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60:10Frage: Ist es nicht eine Tatsache, dass weltweiter Frieden nicht erreicht werden kann, ehe nicht alle Länder der Welt demokratisch regiert werden?60:11Antwort: Es ist ganz klar, dass es in Zukunft in den Ländern der Welt keine Zentralisierung geben wird, egal ob sie konstitutionell-monarchisch, republikanisch oder demokratisch regiert werden. Die Vereinigten Staaten könnten ein Beispiel für eine künftige Regierung sein – das heißt, jede Provinz wird unabhängig sein, aber es wird einen föderalistischen Bund geben, der die Interessen der verschiedenen unabhängigen Staaten schützt. Das muss nicht zwangsläufig eine republikanische oder demokratische Staatsform sein. Die Abschaffung der Zentralisierung, die den Despotismus begünstigt, ist ein Erfordernis unserer Zeit. Das wird zu internationalem Frieden führen. Ebenso wichtig für die Schaffung des Weltfriedens ist das Frauenwahlrecht. Das heißt, Frieden kann verwirklicht werden, wenn zwischen Männern und Frauen völlige Gleichberechtigung hergestellt sein wird, aus dem einfachen Grund, dass im Allgemeinen Frauen niemals Krieg befürworten werden. Frauen werden nicht bereit sein, jenen, für die sie so zärtlich gesorgt haben, zu erlauben, das Schlachtfeld zu betreten. Wenn sie eine Stimme haben, werden sie sich gegen jeden Kriegsanlass aussprechen. Ein weiterer Faktor, der zu universellem Frieden führen wird, ist die Verbindung von Orient und Okzident.60:12Frage: Was denken Sie über Reinkarnation?60:13Antwort: Das Thema Reinkarnation hat zwei Aspekte. Das eine ist, woran die Inder glauben, und selbst das ist in zwei Teile unterteilt: Reinkarnation und Seelenwanderung. Gemäß der einen Lehre geht die Seele und kehrt dann in bestimmten Reinkarnationen zurück; sie sagen, eine kranke Person sei wegen ihrer Taten in einer früheren Inkarnation krank, und das sei die Bestrafung. Die andere Schule des Hinduismus glaubt, dass der Mensch manchmal als Tier wiederkommt – zum Beispiel als Esel – und das sei die Strafe für frühere Taten. Ich beziehe mich dabei auf die Glaubenslehren in jenem Land, wie sie in den Schulen gelehrt werden. Es gibt eine Wiederkehr des prophetischen Auftrags. Als Jesus Christus von Johannes dem Täufer sprach, erklärte Er, dieser sei Elias. Als Johannes der Täufer gefragt wurde: »Bist du Elias?«, antwortete er: »Nein.« Diese beiden Aussagen scheinen widersprüchlich zu sein, aber in Wirklichkeit widersprechen sie sich nicht. Das Licht ist immer das gleiche Licht. Das Licht, das gestern Abend in dieser Lampe leuchtete, lässt sie auch heute Abend erstrahlen. Das heißt nicht, dass dieselben Lichtstrahlen zurückgekehrt sind, sondern die Eigenschaft des Leuchtens. Das Licht, das sich im Glas gezeigt hat, zeigt sich wieder, sodass wir sagen können, dass das Licht dieses Abends das erneut entzündete Licht des letzten Abends ist. Das betrifft seine Eigenschaften, aber nicht seine frühere Identität. Dies ist unsere Sicht zum Thema Reinkarnation. Wir glauben das, was auch Jesus Christus und alle Propheten geglaubt haben. Zum Beispiel sagt der Báb: »Ich bin die Wiederkunft aller Propheten.« Dies bezieht sich auf die Einheit der prophetischen Kräfte, die Einheit der Macht, die Einheit der Gnadengaben, die Einheit der Ausstrahlung, die Einheit des Ausdrucks, die Einheit der Offenbarung.60:14Frage: Wie steht Ihr Glaube zur Familie?60:15Antwort: Nach den Lehren Bahá’u’lláhs muss die Familie als menschliche Einheit nach den Regeln der Heiligkeit erzogen werden. Alle Tugenden müssen der Familie nahegebracht werden. Die Unversehrtheit der Familienbande ist stets zu berücksichtigen; die Rechte der Familienmitglieder dürfen nicht übergangen werden. Niemandes Rechte, weder die des Sohnes, noch des Vaters oder der Mutter dürfen übergangen oder willkürlich ausgelegt werden. So, wie der Sohn bestimmte Pflichten gegenüber seinem Vater hat, hat auch der Vater bestimmte Pflichten gegenüber seinem Sohn. Die Mutter, die Schwester und andere Haushaltsmitglieder haben ihre eigenen Vorrechte. All diese Rechte und Vorrechte müssen gewahrt werden, die Einheit der Familie muss jedoch erhalten bleiben. Die Verletzung eines Familienmitglieds soll als Verletzung aller angesehen werden, das Wohl von einem als das Wohl aller, die Auszeichnung eines einzelnen als Auszeichnung aller.60:16Frage: In welchem Verhältnis steht die Bahá’í-Lehre zur alten zoroastrischen Religion?60:17Antwort: Die Religionen Gottes haben dieselbe Grundlage, aber die später auftretenden Dogmen sind unterschiedlich. Jede der göttlichen Religionen hat zwei Aspekte. Der Erste ist der Wesentliche. Er betrifft die Ethik und die Entwicklung der menschlichen Tugenden. Dieser Aspekt ist allen gemeinsam. Er ist grundlegend. Er ist ein und derselbe. Es gibt darin keinen Unterschied, keine Veränderung. Bezüglich der ethischen Erziehung und der Entwicklung menschlicher Tugenden gibt es keinerlei Unterschied zwischen den Lehren Zarathustras, Jesu und Bahá’u’lláhs. Darin stimmen sie überein, darin sind sie eins. Der zweite Aspekt der göttlichen Religionen ist nicht wesentlich. Er betrifft die menschlichen Bedürfnisse und ändert sich in jedem Zyklus entsprechend den Erfordernissen der Zeit. Zum Beispiel war Scheidung zu Moses Zeiten mit den Bedürfnissen und Verhältnissen vereinbar; Moses führte sie deshalb ein. Aber in der Zeit Christi kamen Scheidungen häufig vor und waren die Ursache des Verfalls; da Scheidung zu dieser Zeit nicht mehr passte, erklärte Er sie für ungesetzlich. Aus ähnlichen Gründen änderte Er auch andere Gesetze. Dabei geht es um Bedürfnisse und Lebensumstände, die mit dem Verhalten der Gesellschaft zusammenhängen; deshalb werden sie entsprechend den Anforderungen der Zeit geändert. Moses hielt sich in der Wüste auf. Da es in der Wüste und Wildnis keine Gefängnisse und keine Mittel zur Wiedergutmachung gab, galt als Gesetz Gottes »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Könnte man das heute anwenden? Wenn jemand das Auge eines anderen zerstört, würdet ihr das Auge des Täters zerstören wollen? Wenn einem Mann die Zähne gebrochen werden oder das Ohr abgeschnitten wird, würdet ihr dann eine entsprechende Verstümmelung seines Angreifers fordern? Das entspräche nicht den Verhältnissen in der heutigen menschlichen Gesellschaft. Wenn ein Mann stiehlt, sollte ihm dann die Hand abgetrennt werden? Diese Strafe war gerecht und richtig im mosaischen Gesetz, aber es passte zur Wüste, wo es keine Gefängnisse und Besserungsanstalten gab wie in späteren, weiter entwickelten Regierungsformen. Heute habt ihr eine Regierung und eine Ordnung, ein Polizeisystem, einen Richter und ein Schwurgerichtsverfahren. Strafen und Strafmaße sind jetzt anders. Darum wird das Unwesentliche, das die einzelnen Gesellschaftsaspekte regelt, gemäß den Erfordernissen der Zeit und der Umstände verändert. Aber die wesentliche Grundlage der Lehren von Moses, Zarathustra, Jesus und Bahá’u’lláh ist identisch, ist eine einzige; es gibt keinerlei Unterschied.60:18Frage: Ist Frieden ein erhabeneres Wort als Liebe?60:19Antwort: Nein! Liebe ist großartiger als Frieden, denn Frieden beruht auf Liebe. Die Liebe ist die Grundlage des Friedens, und Frieden entsteht aus Liebe. Solange man keine Liebe erlangt, kann es keinen Frieden geben; aber es gibt einen sogenannten Frieden ohne Liebe. Die Liebe, die von Gott kommt, ist das Grundlegende. Diese Liebe ist das Ziel jeder menschlichen Errungenschaft, der Glanz des Himmels, das Licht des Menschen.60:20Frage: Könnten Sie uns die Grundsätze Ihres Glaubens nennen?60:21Antwort: Erstens: Erforscht die Wahrheit. Der Mensch muss bloße Nachahmung aufgeben und die Wahrheit suchen. Die gegenwärtigen religiösen Ansichten weichen voneinander ab, weil sie Dogmen folgen. Es ist daher nötig, solche Nachahmungen aufzugeben und die Wahrheit zu suchen, die allem zugrunde liegt.60:22Zweitens: die Einheit der Menschheit. Alle menschlichen Geschöpfe sind Diener Gottes. Alle sind in das Meer Seiner Gnade getaucht. Der Schöpfer aller ist der eine Gott; der Versorger, der Geber, der Beschützer aller ist ein und derselbe Gott. Er ist gütig zu allen; warum sollten wir herzlos sein? Alle leben unter dem Schirm Seiner Liebe; warum sollten wir einander hassen? Es gibt unwissende Menschen; sie benötigen Erziehung und Bildung. Manche sind wie Kinder; sie müssen bis zur Reife unterrichtet und erzogen werden. Andere sind körperlich, psychisch oder geistig krank; sie müssen behandelt und geheilt werden. Aber alle sind Diener Gottes. 60:23Drittens: Die Religion muss Liebe zu allen fördern, muss die Ursache von Gemeinschaft, Einheit und Licht sein. Wenn sie zur Ursache von Feindschaft, Blutvergießen und Hass wird, ist ihr Nichtsein besser als ihr Sein, ihre Abwesenheit besser als ihre Anwesenheit. Religion und Wissenschaft stehen in Eintracht und Einklang. Wenn eine Aussage der Religion gegen die Vernunft verstößt und nicht mit der Wissenschaft vereinbar ist, ist sie bloße Einbildung und nicht glaubwürdig.60:24Viertens: Gleichberechtigung von Mann und Frau. In jeder Hinsicht sind sie gleichwertig. Die Wirtschaftsgesetze für den menschlichen Lebensunterhalt müssen so umgestaltet werden, dass alle Menschen entsprechend ihrer jeweiligen Verdienste in größtem Glück leben können.60:25Fünftens: geistige Gemeinschaft. Die ganze Menschheit muss zu einer geistigen Verbindung gelangen – das heißt, zu einer Vereinigung im Heiligen Geist –, denn patriotische, ethnische und politische Verbindungen nützen nichts. Ihre Erfolge sind dürftig; aber göttliche Verbindung, die geistige Verbindung, stiftet Einheit und Freundschaft zwischen den Menschen. So, wie bisher die materielle Zivilisation ausgebaut wurde, muss nun die göttliche Kultur verbreitet werden. Solange diese beiden nicht in Einklang stehen, wird die Menschheit kein wahres Glück erfahren. Durch rein verstandesmäßige Entwicklung und die Kraft der Vernunft kann der Mensch nicht zu seiner höchsten Stufe gelangen – denn mit dem Verstand allein kann er den durch Religion bewirkten Fortschritt nicht zustande bringen. Die Philosophen in der Vergangenheit mühten sich vergeblich, die Menschheit mittels Verstandesfähigkeiten wiederzubeleben. Sie waren höchstens dazu in der Lage, sich selbst und eine begrenzte Schülerzahl zu erziehen; sie selbst haben ihr Scheitern eingestanden. Daher muss die Menschheit durch den Odem des Heiligen Geistes gestärkt werden, um universelle Bildung und Erziehung zu erhalten. Durch das Einfließen göttlicher Kraft werden alle Nationen und Völker belebt und weltweites Glück ist möglich.60:26Das sind einige Grundsätze der Bahá’í.60:27Frage: Werden Frauen oder Männer dieser neuen Religion am meisten helfen? Welches Geschlecht wird geeigneter sein?60:28Antwort: In Persien haben ihr die Männer mehr geholfen, aber im Westen eher die Frauen. Im Westen haben offenbar die Frauen in der Religion den Vorrang, aber im Osten übertreffen die Männer die Frauen.60:29Frage: Was wird die Nahrung des geeinten Volkes sein?60:30Antwort: Mit dem Fortschritt der Menschheit wird immer weniger Fleisch gegessen werden, denn die Zähne des Menschen sind anders als die der Fleischfresser. Die Zähne des Löwen zum Beispiel sind Fleischfresserzähne, für das Fressen von Fleisch bestimmt; wenn er kein Fleisch findet, verhungert er. Der Löwe kann nicht grasen, die Form seiner Zähne ist dafür nicht geeignet. Das Verdauungssystem des Löwen kann durch nichts als Fleisch Nährstoffe aufnehmen. Der Adler hat einen krummen Schnabel, dessen unterer Teil kürzer ist als der obere. Er kann keine Körner aufpicken, er kann nicht grasen; deshalb muss er Fleisch zu sich nehmen. Die Haustiere haben Pflanzenfresserzähne, geformt, um Gras zu fressen, woraus ihr Futter besteht. Die Backenzähne des Menschen sind so geformt, dass sie Körner zermahlen können. Die Schneidezähne sind für Früchte usw. Aufgrund der Kauwerkzeuge ist es deshalb ziemlich offensichtlich, dass die Nahrung des Menschen Getreide sein sollte und nicht Fleisch. Wenn die Menschheit weiterentwickelt sein wird, wird der Fleischverzehr allmählich aufhören. – 61 –61:0_1818. Juni 191261:0_182Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York61:0_183Aufzeichnungen von John G. Grundy61:1Das Staatswesen braucht heutzutage dringend einen Arzt. Es ist einem menschlichen Körper vergleichbar, der von schweren Krankheiten befallen ist. Ein Arzt stellt die Diagnose und verordnet die Behandlung. Er verschreibt jedoch nichts, bevor er nicht die Diagnose gestellt hat. Die Krankheit, die das Staatswesen befallen hat, ist der Mangel an Liebe und Selbstlosigkeit. In den Herzen der Menschen findet sich keine wirkliche Liebe; in einem solchen Zustand ist keine Heilung, keine Einigung der Menschheit möglich, außer wenn eine Macht ihre Empfänglichkeit erweckt, sodass sich unter den Menschen Einheit, Liebe und Eintracht entwickeln können. Was das Staatswesen heute braucht, ist Liebe und Einheit. Ohne sie kann weder Fortschritt noch Wohlstand erreicht werden. Darum müssen die Freunde Gottes an der Macht festhalten, die diese Liebe und Einheit in den Herzen der Menschenkinder erschaffen wird. Wissenschaft kann die Krankheit des Staatswesens nicht heilen. Wissenschaft kann in den Menschenherzen keine Freundschaft und Verbundenheit erzeugen. Weder Vaterlandsliebe noch Volkszugehörigkeit können Abhilfe schaffen. Es muss allein durch die Freigebigkeit Gottes und die geistigen Gaben erreicht werden, die für diesen Zweck an diesem Tag von Gott herabgesandt wurden. Dies ist ein dringendes Bedürfnis dieser Zeit, und das göttliche Heilmittel steht zur Verfügung. Nur die geistigen Lehren der Religion Gottes können diese Liebe, Einheit und Eintracht in den Menschenherzen schaffen.61:2Haltet euch darum an diese von Gott bereitgestellten himmlischen Mittel, sodass durch die Liebe Gottes diese Seelenbande geknüpft, diese Herzensverbindungen verwirklicht werden und das Licht wahrer Einheit durch euch in das ganze Weltall gespiegelt werde. Wenn wir uns nicht fest an diese göttlichen Mittel und Wege halten, wird kein Erfolg möglich sein. Beten wir zu Gott, dass Er unseren Geist beflügle, sodass wir das Kommen Seiner Gnadengaben wahrnehmen; dass Er unsere Augen erleuchte, sodass sie Seine großartige Führung sehen und dass Er unser Gehör darauf einstimme, sich an den himmlischen Melodien des göttlichen Wortes zu erfreuen. Das ist unsere größte Hoffnung. Das ist unser höchstes Ziel. Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Philadelphia9. Juni 1912– 62 –62:0_1849. Juni 191262:0_185Ansprache in der Unitarian Church
Fifteenth Street und Girard Avenue in Philadelphia, Pennsylvania62:0_186Aufzeichnungen von Edna McKinney62:1Ich bin aus fernen Ländern des Orients gekommen, wo seit jeher die Himmelslichter aufleuchteten, aus jenen Gegenden, wo die Manifestationen Gottes erschienen und der Glanz und die Macht Gottes den Menschen offenbart worden sind. Ziel und Absicht meines Besuches ist es, dass dadurch das Band der Einheit und Einigkeit zwischen Ost und West geknüpft werde, dass göttliche Liebe alle Völker umfasse, göttlicher Glanz beide Kontinente erleuchte und die Gaben des Heiligen Geistes den Körper der Welt beleben mögen. Deshalb flehe ich an der Göttlichen Schwelle, dass Orient und Okzident eins werden, dass die verschiedenen Völker und Religionen sich vereinen und die Seelen verschmelzen wie die Wellen eines Meeres. Mögen sie wie Bäume, Blumen und Rosen werden, die denselben Garten schmücken und verschönern.62:2Das Reich Gottes ist eine unteilbare Einheit, gänzlich geheiligt über menschliches Begreifen; denn das verstandesmäßige Wissen über die Schöpfung ist begrenzt, wohingegen das göttliche Fassungsvermögen grenzenlos ist. Wie kann das Begrenzte das Unbegrenzte begreifen? Wir sind der Inbegriff der Armut, während die göttliche Wirklichkeit absoluter Reichtum ist. Wie kann völlige Armut absoluten Reichtum verstehen? Wir sind der Inbegriff der Schwäche, während die göttliche Wirklichkeit absolute Macht ist. Völlige Schwäche kann niemals absolute Macht erlangen oder auch nur begreifen. Die Wesen der Erscheinungswelt, die in Begrenzungen gefangen sind, unterliegen stets dem Wandel und Wechsel der Verhältnisse. Wie können solche Wesen jemals die himmlische, ewige, unveränderliche Wirklichkeit erfassen? Das ist ganz sicher unmöglich, denn wenn wir die erschaffene Welt erforschen, sehen wir, dass der Stufenunterschied solches Wissen verhindert. Eine niedrigere Stufe kann niemals eine höhere Stufe oder ein höheres Reich begreifen. Das Mineral, egal wie weit es voranschreitet, kann niemals das Pflanzenreich erkennen. Wie weit ein Gewächs aus der Pflanzenwelt auch fortschreitet, es kann das Wesen des Tierreichs nicht verstehen – mit anderen Worten, es kann keine Lebenswelt begreifen, die mit Sinneskräften ausgestattet ist. Das Tier mag ein wunderbares Maß an Intelligenz entwickeln, aber es kann niemals die Fähigkeiten der Vorstellung und des bewussten Nachdenkens erlangen, die dem Menschen zu eigen sind. Es ist daher offensichtlich, dass der Stufenunterschied immer ein Hindernis für das Erfassen des Höheren durch das Niedrigere, des Überlegenen durch das Unterlegene ist. Diese Blume, so schön, frisch, aromatisch und zart duftend, kann, auch wenn sie in ihrem eigenen Reich Vollkommenheit erlangt hat, trotzdem die menschliche Wirklichkeit nicht begreifen, kann weder sehen noch hören; darum bleibt ihr die Welt des Menschen verborgen, obwohl beide, der Mensch und sie, ein zufälliges, bedingtes Wesen sind. Der Unterschied liegt in der Stufe. Die Begrenztheit einer niedrigeren Stufe verhindert das Verständnis.62:3Da dies so ist, wie kann dann ein menschliches Wesen, das begrenzt ist, den ewigen, verborgenen Schöpfer begreifen? Wie kann der Mensch den allwissenden, allgegenwärtigen Herrn begreifen? Zweifellos kann er es nicht, denn was auch immer der menschliche Geist erfasst, ist die begrenzte Vorstellung eines Menschen, während das göttliche Königreich unbegrenzt und unendlich ist. Aber obwohl die Wirklichkeit des Göttlichen über das Verstehen ihrer Geschöpfe geheiligt ist, hat sie allen Reichen der stofflichen Welt ihre Gaben verliehen, und Beweise geistiger Offenbarung werden in allen Reichen des bedingten Seins bezeugt. Das Licht Gottes erleuchtet die Welt des Menschen, so wie die Sonnenstrahlen herrlich auf die materielle Schöpfung scheinen. Die Sonne der Wahrheit ist eine einzige; ihre Gabe ist eine einzige; ihre Wärme ist eine einzige; ihre Strahlen sind eins. Sie scheint auf die gesamte stoffliche Welt, aber die Fähigkeit, sie zu erfassen, ist je nach Reich verschieden, wobei jedes Reich seinen Fähigkeiten entsprechend das Licht und die Gaben der ewigen Sonne empfängt. Der schwarze Stein empfängt das Licht der stofflichen Sonne, auch die Bäume und Tiere empfangen es. Alle existieren und entwickeln sich durch diese eine Gabe. Die vollkommene Seele des Menschen – das heißt das vollkommene Individuum – ist wie ein Spiegel, in dem sich die Sonne der Wahrheit spiegelt. Die Vollkommenheit, das Abbild und Licht dieser Sonne wurden in diesem Spiegel offenbart; ihre Wärme und ihr Licht manifestieren sich darin, denn in dieser reinen Seele findet die Sonne einen vollkommenen Ausdruck.62:4Diese Spiegel sind die Boten Gottes, die uns von Gott erzählen, so wie der materielle Spiegel das Licht der am Himmel sichtbaren Sonnenscheibe reflektiert. Auf diese Weise erscheinen das Bild und der Glanz der Sonne der Wahrheit in den Spiegeln der Manifestationen Gottes. Dies meinte Jesus Christus, als Er erklärte: »Der Vater ist im Sohn«, was heißt, dass die Wahrheit der ewigen Sonne und ihre Herrlichkeit sich in Christus Selbst spiegelte. Es bedeutet nicht, dass die Sonne der Wahrheit von ihrem Ort am Himmel herabgestiegen oder ihr Wesenskern in den Spiegel eingetreten wäre, denn für die göttliche Wirklichkeit gibt es weder Eingang noch Ausgang; es gibt kein Eintreten oder Austreten; sie ist über alle Dinge geheiligt und nimmt immer nur ihre eigene heilige Stufe ein. Wandel und Wechsel betreffen diese ewige Wirklichkeit nicht. Der Übergang von einem Zustand zum anderen ist das Kennzeichen bedingter Daseinsformen.62:5Zu einer Zeit, als Krieg und Streit unter den Völkern vorherrschten, als Feindschaft und Hass Sekten und Konfessionen trennten und menschliche Gegensätze besonders ausgeprägt waren, erschien Bahá’u’lláh am Horizont des Ostens und verkündete die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit. Er verbreitete die Lehre, dass alle Menschen Diener eines einzigen Gottes sind, dass alle durch die Gnade des einen Schöpfers ins Dasein gekommen sind, dass Gott zu allen gütig ist, sie alle ernährt, aufzieht und beschützt, für alle sorgt und Seine Liebe und Sein Erbarmen sich auf alle Menschen und alle Völker erstrecken. Da Gott liebevoll ist, warum sollten wir ungerecht und herzlos sein? Da Gott Treue und Barmherzigkeit erweist, warum sollten wir Feindschaft und Hass zeigen? Sicherlich ist die göttliche Vorgehensweise perfekter als menschliches Planen und menschliche Theorien; egal wie weise und klug der Mensch werden mag, er kann niemals eine Vorgehensweise ersinnen, die der Vorgehensweise Gottes überlegen ist. Deshalb müssen wir nach dem Vorbild Gottes handeln, alle Menschen lieben und gerecht und gütig zu jedem menschlichen Geschöpf sein. Wir müssen alle Menschen als Blätter, Zweige und Früchte eines einzigen Baumes betrachten, als Kinder eines einzigen Haushalts, denn alle sind die Nachkommen Adams. Wir sind Wellen eines einzigen Meeres, Gräser derselben Wiese, Sterne am selben Himmel und wir finden Obhut beim allumfassenden göttlichen Beschützer. Wenn jemand krank ist, muss er behandelt werden; die Unwissenden müssen geschult werden; die Schlafenden müssen aufgeweckt werden; die Toten müssen wieder mit Leben erfüllt werden. Das sind Grundsätze aus den Lehren Bahá’u’lláhs.62:6Mit der Verkündigung der Einheit der Menschheit lehrte Er, dass Männer und Frauen vor Gott gleich sind und kein Unterschied zwischen ihnen gemacht werden darf. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist der Mangel an Erziehung und Bildung. Wenn die Frau die gleichen Bildungschancen bekommt, werden Unterscheidung und Geringschätzung verschwinden. Die Menschenwelt hat sozusagen zwei Flügel: Der eine ist weiblich, der andere männlich. Wenn ein Flügel schwach ist, kann der starke und vollendete Flügel allein nicht fliegen. Die Menschenwelt hat zwei Hände. Wenn eine schwach ist, ist die tüchtige Hand eingeschränkt und nicht in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen. Gott ist der Schöpfer der Menschheit. Er hat beide Geschlechter mit Vortrefflichkeiten und Verstand ausgestattet, ihnen Körperteile und Sinnesorgane gegeben, ohne Spezialisierung oder Unterscheidung hinsichtlich Über- oder Unterlegenheit. Warum also sollte man denken, die Frau sei weniger wert? Das entspricht nicht dem Plan und der Gerechtigkeit Gottes. Er hat sie gleich erschaffen; nach Seiner Einschätzung spielt das Geschlecht keine Rolle. Wessen Herz rein und wessen Taten vollendet sind, ist Gott willkommen, sei es Mann oder Frau. In der Geschichte waren oft Frauen der Stolz der Menschheit – zum Beispiel Maria, die Mutter Jesu. Sie war die Ehre der Menschheit. Maria Magdalena, Ásíyih, die Tochter des Pharao, Sarah, die Frau Abrahams, und unzählige andere haben der Menschheit durch ihre Vortrefflichkeit Ehre gebracht. An diesem Tag gibt es Frauen unter den Bahá’í, die die Männer weit überragen. Sie sind weise, talentiert, gebildet, fortschrittlich, höchst intelligent und das Licht der Welt. Sie übertreffen Männer an Mut. Wenn sie in Versammlungen sprechen, hören die Männer mit großem Respekt zu. Zudem ist die Erziehung und Bildung der Frauen von größerer Bedeutung als die der Männer, denn sie sind die Mütter der Menschheit, und die Kinder werden von Müttern erzogen. Die Mütter sind die ersten Lehrerinnen der Kinder. Daher müssen sie gut ausgebildet sein, um sowohl Söhne als auch Töchter entsprechend erziehen zu können. In den Schriften Bahá’u’lláhs gibt es viele diesbezügliche Vorgaben.62:7Er forderte den gleichen Bildungsweg für Mann und Frau. Töchter und Söhne müssen den gleichen Lehrplan durchlaufen und dadurch die Einheit der Geschlechter fördern. Wenn alle Menschen die gleichen Bildungschancen haben und die Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht ist, werden die Kriegsgrundlagen völlig vernichtet. Ohne Gleichberechtigung ist dies unmöglich, weil alle trennenden Unstimmigkeiten und Unterscheidungen zu Zwietracht und Streit führen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau trägt zur Abschaffung von Krieg bei, denn Frauen werden niemals bereit sein, ihn zu billigen. Mütter werden ihre Söhne nicht auf dem Schlachtfeld als Opfer hergeben, nachdem sie sie von klein auf zwanzig Jahre lang umsorgt und umhegt haben, gleichgültig, welche Sache die Söhne verteidigen sollen. Es besteht kein Zweifel, dass Krieg unter den Menschen gänzlich aufhören wird, sobald Frauen gleiche Rechte erhalten.
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