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58:13Auf dieselbe Weise bewegen sich die göttlichen Gaben und zirkulieren durch alle erschaffenen Dinge. Diese grenzenlose göttliche Gabe hat keinen Anfang und wird kein Ende haben. Sie bewegt sich und zirkuliert und wird überall dort wirksam, wo die Fähigkeit, sie zu empfangen, entwickelt ist. Jede Stufe hat ihre besonderen Fähigkeiten. Darum müssen wir hoffen und erwarten, dass durch die Gnade und Gunst Gottes dieser Geist des Lebens, der alles Erschaffene durchdringt, die Menschheit beleben wird und die Menschenwelt durch seine Gaben eine göttliche Welt, dieses irdische Reich ein Spiegelbild des Gottesreiches wird, die Tugenden und Vollkommenheit der Menschenwelt sichtbar werden und das Ebenbild Gottes von diesem Tempel widergespiegelt wird.58:14Ich bin dem Präsidenten dieser Gesellschaft sehr dankbar und entbiete ihm meine hochachtungsvollen Grüße. Es ist meine Hoffnung, dass Ihnen allen geholfen werde, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Die geistige Empfänglichkeit der Anwesenden hat mich sehr glücklich gemacht, und für Sie alle erbitte ich Gottes Beistand und Ermutigung. – 59 –59:0_17531. Mai 191259:0_176Ansprache im Rathaus
Fanwood, New Jersey59:0_177Nach Aufzeichnungen aus dem Persischen59:1Die materielle Welt unterliegt einem stetigen Wechsel und Wandel. Die Sache des Reiches Gottes ist ewiger Natur, deshalb ist sie das Wichtigste. Aber leider wird der Einfluss des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen täglich schwächer, und materielle Kräfte gewinnen die Oberhand. Die göttlichen Zeichen lassen nach, und rein menschliche Zeugnisse treten stärker hervor. Sie sind mittlerweile so weit gekommen, dass die Materialisten vorrücken und zum Angriff übergehen, während die göttlichen Kräfte abnehmen und schwinden. Der Unglaube hat die Religion besiegt. Die Ursache dieses chaotischen Zustands sind Unterschiede zwischen den Religionen. Diese Ursache hat ihren Ursprung in der Feindseligkeit und dem Hass zwischen Sekten und Konfessionen. Die Materialisten haben von dieser Zwietracht unter den Religionen profitiert und attackieren sie ständig mit dem Ziel, diesen göttlich gepflanzten Baum zu entwurzeln. Die Streitigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Religionen schwächen sie und führen zu ihrem Untergang. Wenn ein Kommandant und seine Armee beim Ausführen taktischer militärischer Maßnahmen uneins sind, wird zweifellos der Feind siegen. Heute sind die Religionen uneins; zwischen ihnen herrschen Feindschaft, Streit und gegenseitige Anschuldigungen; sie weigern sich, zusammenzuarbeiten – schlimmer noch, im Ernstfall vergießen sie sogar das Blut der jeweils anderen. Lest die Geschichtsbücher und ihr werdet sehen, welche schrecklichen Ereignisse sich im Namen der Religion abgespielt haben. Zum Beispiel wurden die hebräischen Propheten gesandt, um Christus anzukündigen, aber unglücklicherweise wurde das durch den Talmud und den daraus entstandenen Aberglauben so vollständig verschleiert, dass sie ihren verheißenen Messias kreuzigten. Hätten sie sich von den Überlieferungen des Talmud losgesagt und die Wahrheit der Religion von Moses erforscht, dann hätten sie an Christus geglaubt. Dass sie an den Formen ihres ererbten Glaubens in blinder Nachahmung festhielten, beraubte sie der Gnadengaben ihres Messias. Sie wurden weder vom herabströmenden Regen der Gnade erquickt, noch durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet.59:2Nachahmung zerstört die Grundlage der Religion, tilgt die Spiritualität in der Menschenwelt, wandelt himmlische Erleuchtung in Finsternis und beraubt den Menschen der Erkenntnis Gottes. Nachahmung lässt Materialismus und Unglauben über die Religion siegen; sie leugnet das Göttliche und das Gesetz der Offenbarung; sie lehnt das Prophetentum ab und weist das Gottesreich zurück. Wenn Materialisten mit vernünftiger Analyse durch den Verstand solchen Nachahmungen auf den Grund gehen, finden sie nichts als Aberglauben; deshalb lehnen sie Religion ab. Zum Beispiel haben die Juden Vorstellungen von religiöser Reinheit und Unreinheit, aber wenn man diese Vorstellungen wissenschaftlich untersucht, sieht man, dass sie jeder Grundlage entbehren.59:3Ist es uns unmöglich, die grenzenlosen Gnadengaben Gottes zu empfangen? Ist es unmöglich, die Vorzüge der geistigen Welt zu erlangen, weil wir nicht zur Zeit Moses leben, in der Epoche der Propheten oder der Ära Christi? Das waren geistige Zyklen. Können wir uns nicht geistig entwickeln, weil wir weit weg von ihnen sind und in einem materialistischen Zeitalter leben? Der Gott Moses und Jesu kann Seinem Volk an diesem Tag die gleichen, nein, größere Gnadengaben schenken. Zum Beispiel hat Er Seine Diener in früheren Zeiten mit Vernunft, Verstand und Einsicht ausgestattet. Können wir sagen, Er sei nicht fähig, auch in diesem Jahrhundert Seine Wohltaten zu gewähren? Wäre es gerecht, wenn Er Moses als Führung für die damaligen Völker sandte, aber die jetzt Lebenden völlig vernachlässigte? Wäre es möglich, dass das jetzige Zeitalter der göttlichen Wohltaten beraubt ist, obwohl frühere Zeitalter, voll Tyrannei und Barbarei, einen unerschöpflich großen Anteil davon erhielten? Derselbe barmherzige Gott, Der in der Vergangenheit Seine Gunst gewährt hat, hat auch uns die Türen zu Seinem Königreich geöffnet. Die Strahlen Seiner Sonne scheinen, der Odem des Heiligen Geistes belebt und beflügelt uns. Dieser allwissende Gott hilft und bestärkt uns immer noch, erleuchtet unsere Herzen, erfreut unsere Seelen und erfüllt uns mit dem Wohlgeruch der Heiligkeit. Die göttliche Weisheit und Vorsehung hat alle umschlossen und die himmlische Tafel für uns gedeckt. Wir müssen eine reichliche Portion dieser großzügigen Gunst in uns aufnehmen.59:4Die Arbeit eines Hirten besteht darin, die zerstreuten Schafe zu sammeln. Wenn er die vereinte Herde auseinander treibt, ist er kein Hirte. Da die Propheten Ihren diesbezüglichen Auftrag erfüllt haben, sind Sie die wahren Hirten. Als Moses erschien, war das israelitische Volk zerrüttet. Feindschaft und Zwietracht steigerten ihre Uneinigkeit. Mit göttlicher Macht sammelte und einte Er diese verstreute Herde, legte die Perle der Liebe in ihre Herzen, befreite sie aus der Gefangenschaft und führte sie aus Ägypten ins Heilige Land. Sie erzielten wunderbare Fortschritte in Wissenschaft und Kunstfertigkeit. Bande sozialer und nationaler Stärke schweißten sie zusammen. Ihre Weiterentwicklung menschlicher Tugenden verlief so wunderbar, dass sie rasch zur Blütezeit Salomons emporstiegen. Könnte man sagen, dass Moses kein wahrer Hirte war und dass Er dieses verstreute Volk nicht zusammengebracht hat?59:5Christus war ein wahrer Hirte. Zur Zeit Seines Erscheinens waren die Griechen, Römer, Assyrer und Ägypter wie viele verstreute Herden. Christus hauchte ihnen den Geist der Einheit ein und brachte sie in Einklang.59:6Daher ist es offensichtlich, dass die Propheten Gottes gekommen sind, um die Menschenkinder zu vereinen, und nicht, um sie zu zerstreuen; um das Gesetz der Liebe einzuführen und nicht Feindschaft. Folglich müssen wir alle Vorurteile beiseitelegen – seien sie religiös, ethnisch, politisch oder patriotisch. Wir müssen zur Ursache der Vereinigung der Menschheit werden. Streben Sie nach Weltfrieden, suchen Sie die Wege der Liebe und zerstören Sie die Grundlagen der Uneinigkeit, sodass diese materielle Welt göttlich, die Welt der Materie zum Reich Gottes werde und die Menschheit zur Vollendung gelange. – 60 –60:0_1782. Juni 191260:0_179Ansprache in der Church of the Ascension
Fifth Avenue und Tenth Street, New York60:0_180Aufzeichnungen von Esther Foster60:1In der Sprache der Heiligen Bücher wurde die Kirche das ›Haus des Bundes‹ genannt, weil die Kirche ein Ort ist, an dem Menschen unterschiedlicher Denkrichtungen mit voneinander abweichenden Ansichten – Menschen aller Hautfarben und Völker – in einem Bund dauerhafter Gemeinschaft zusammenkommen können. Im Tempel des Herrn, im Hause Gottes, muss der Mensch gottergeben sein. Er muss einen Bund mit seinem Herrn eingehen, um den göttlichen Geboten zu folgen und sich mit seinen Mitmenschen zu verbinden. Er darf weder Unterschiede der Hautfarbe noch die Unterschiede der Nationalität beachten; er darf weder auf Unterschiede in Konfessionen und Glaubensüberzeugungen sehen noch sollte er auf die verschiedenen Denkrichtungen achten. Vielmehr sollte er alle als Menschen ansehen und anerkennen, dass sich alle zusammenschließen und einigen müssen. Er muss alle als eine einzige Familie, ein einziges Menschengeschlecht, ein einziges Heimatland anerkennen; er muss alle als Diener des einen Gottes ansehen, die unter dem Schutz Seiner Barmherzigkeit wohnen. Das heißt, die Kirche sollte ein Sammelpunkt sein. Gotteshäuser sind Symbole der Wahrheit und Göttlichkeit Gottes – der Sammelpunkt für alle Menschen. Denken Sie darüber nach, wie in einem Gotteshaus Menschen jeglicher Hautfarbe und Herkunft vertreten sind – alle in der Gegenwart des Herrn, alle geloben, sich zusammen in einem gemeinsamen Bund der Liebe zu verbinden, alle mit der gleichen Melodie, dem gleichen Gebet und Flehen zu Gott. So ist ganz offensichtlich, dass die Kirche ein Sammelpunkt für die Menschheit ist. In allen göttlichen Religionen gab es daher Kirchen und Gotteshäuser; aber die wahren Sammelpunkte sind die Manifestationen Gottes, deren Symbol und Ausdruck die Kirchen und Gotteshäuser sind. Die Manifestation Gottes ist sozusagen das wahre Haus Gottes und der Sammelpunkt, und das Kirchengebäude ist nur ein Symbol.60:2Denken Sie an die Aussage Jesu Christi im Evangelium. Zu Petrus sagte Er: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.« Es ist also klar, dass die Kirche Gottes das Gesetz Gottes und das sichtbare Gebäude nur ein Symbol dafür ist. Denn das Gesetz Gottes ist ein gemeinsamer Mittelpunkt, der unterschiedliche Völker, Länder, Sprachen und Anschauungen vereint. Im Schutz dieses Gesetzes finden alle Zuflucht und alle werden davon angezogen. Moses und das mosaische Gesetz waren beispielsweise der vereinende Sammelpunkt für die verstreuten Schafe Israels. Er vereinte diese umherirrenden Herden, führte bei ihnen das Regelwerk des göttlichen Gesetzes ein, erzog und einte sie, sorgte für ihren Zusammenschluss und erhob sie auf eine überragende Entwicklungsstufe. Zu einer Zeit, in der sie erniedrigt waren, wurden sie erhöht; sie waren unwissend und wurden zu Wissenden; sie lagen in Fesseln und erhielten Freiheit; kurz, sie wurden geeint. Sie kamen Tag für Tag voran und erreichten schließlich die höchste Entwicklungsstufe ihrer Zeit. Damit ist gezeigt, dass die Manifestation Gottes und das Gesetz Gottes Einheit schaffen.60:3Offensichtlich ist die Menschheit uneins. Die Geschmäcker der Menschen sind unterschiedlich. Es gibt viele Denkweisen, Herkunftsorte, Hautfarben und Sprachen. Es liegt auf der Hand, dass ein gemeinsamer Mittelpunkt nötig ist, durch den diese Unterschiede ausgeglichen und die Völker der Welt geeint werden können. Denken Sie darüber nach, dass nichts außer einer geistigen Macht diese Vereinigung herbeiführen kann, denn die materiellen Verhältnisse und die Denkweisen unterscheiden sich so sehr, dass durch äußere Mittel kein Einklang und keine Einheit herbeigeführt werden kann. Aber durch einen gemeinsamen Geist können alle geeint werden, so wie alle von einer einzigen Sonne ihr Licht empfangen. Darum können wir mithilfe des gemeinsamen göttlichen Mittelpunkts – dem Gesetz Gottes und der Wahrheit Seiner Manifestation – diesen Zustand überwinden, bis er ganz verschwindet und die Völker sich weiterentwickeln.60:4Denken Sie an die Zeit Christi. Es gab viele Völker, Ethnien und Regierungen und viele verschiedene Religionen, Sekten und Konfessionen. Als aber Christus erschien, erwies sich die messianische Wahrheit als der gemeinsame Mittelpunkt, der sie unter demselben Baldachin der Eintracht versammelte. Denken Sie darüber nach. Hätte Jesus Christus durch politische Macht diese unterschiedlichen Einflüsse vereinen oder solche Erfolge erzielen können? Konnte diese Einheit und Eintracht durch weltliche Kräfte zustande kommen? Offensichtlich nicht; vielmehr wurden diese verschiedenen Völker durch eine göttliche Macht zusammengebracht, durch den Odem des Heiligen Geistes. Sie wurden durch das neue Leben, das ihnen eingeflößt wurde, vermischt und erfrischt. Durch die Geistigkeit Christi wurden ihre Probleme überwunden, sodass ihre Streitigkeiten vollständig verschwanden. So wurden diese verschiedenen Völker geeint und zusammengeschweißt in einem Bund der Liebe, die als einzige Herzen einen kann. Es zeigt sich also, dass die göttlichen Manifestationen, die heiligen Sprachrohre Gottes, die Sammelpunkte Gottes sind. Diese himmlischen Boten sind die wahren Hirten der Menschheit, denn wann immer Sie in der Welt erscheinen, versammeln Sie die verstreuten Schafe. Dieser Sammelpunkt ist immer im Orient erschienen. Abraham, Moses, Jesus Christus und Muḥammad waren die Sammelpunkte Ihres Tages und Ihrer Zeit, und alle erhoben sich im Osten. Heute ist Bahá’u’lláh der Sammelpunkt für die Einheit der ganzen Menschheit, und der Glanz Seines Lichtes ist ebenfalls im Osten aufgegangen. Er stiftete die Einheit der Menschheit in Persien. Er stellte Harmonie und Eintracht zwischen den Anhängern unterschiedlicher religiöser Überzeugungen, Konfessionen, Sekten und Kulte her, indem Er sie von den Fesseln überholter Nachahmungen und des Aberglaubens befreite und sie zur wahren Grundlage der göttlichen Religionen führte. Von dieser Grundlage strahlt die Geistigkeit aus: Einheit, die Liebe zu Gott, das Wissen um Gott, lobenswerte Ethik und die guten Eigenschaften der Menschenwelt. Bahá’u’lláh erneuerte diese Prinzipien, so wie das Kommen des Frühlings die Erde erquickt und allen irdischen Wesen neues Leben bringt. Denn die Frische vergangener Frühlingszeiten war entschwunden, der Duft der lebensspendenden Brisen war verflogen, mit dem Winter war die Zeit der Dunkelheit gekommen. Bahá’u’lláh kam, um das Leben der Welt mit diesem neuen und göttlichen Frühling zu erneuern, der mit höchster Macht und Herrlichkeit sein Zelt in den Ländern des Orients aufgeschlagen hat. Das hat den Orient wiederbelebt; und zweifellos würden immerwährende Freude und Glück erlangt, wenn die Welt des Abendlandes die Dogmen der Vergangenheit aufgäbe, sich von Aberglauben und bloßer Nachahmung abwendete, das Wesen der göttlichen Religionen erforschte, am Beispiel Jesu Christi festhielte, nach den Lehren Gottes handelte und sich mit dem Orient vereinte.60:5In der westlichen Welt hat die materielle Zivilisation den höchsten Entwicklungsstand erreicht, aber die göttliche Kultur hat ihren Ursprung im Osten. Der Osten muss sich die materielle Zivilisation vom Westen aneignen, und der Westen muss die geistige Kultur vom Osten empfangen. So entsteht eine wechselseitige Verbindung. Wenn sich beide zusammentun, wird die Menschheit ein herrliches Bild abgeben und außergewöhnliche Fortschritte erzielen. Das ist klar und offensichtlich und braucht keinen Beweis. Die hohe Stufe materieller Zivilisation im Westen kann nicht geleugnet werden, genauso wie niemand die geistige Kultur des Ostens bestreiten kann, denn alle göttlichen Grundlagen menschlichen Aufschwungs erschienen im Osten. Das ist genauso klar und offensichtlich. Deshalb müssen Sie den Osten beim materiellen Fortschritt unterstützen. In gleicher Weise muss der Osten die Grundlagen der geistigen Kultur in der westlichen Welt verbreiten. Durch diese Verschmelzung und Vereinigung wird die Menschheit ein Höchstmaß an Wohlstand und Entwicklung erlangen. Materielle Zivilisation allein genügt nicht und wird sich als nicht zielführend erweisen. Das mit materiellen Gegebenheiten verbundene körperliche Glück wurde dem Tier bestimmt. Denken Sie darüber nach, wie das Tier den höchsten Grad irdischen Glücks erreicht hat. Ein Vogel sitzt auf dem höchsten Ast und baut dort äußerst schön und geschickt sein Nest. All die Körner und Samen der Wiesen sind sein Reichtum und seine Nahrung; all das frische Wasser aus den Bergquellen und den Flüssen der Ebene dient seinem Genuss. Das ist wahrlich der Gipfel irdischen Glücks, zu dem nicht einmal der Mensch gelangen kann. Das ist der besondere Vorzug des Tierreichs. Der Vorzug des Menschen hingegen ist, geistiges Glück in der Menschenwelt zu erlangen, Gott zu erkennen und zu lieben. Die dem Menschen bestimmte Auszeichnung ist, die höchsten Tugenden der Menschenwelt zu erreichen. Das ist sein wahres Glück und seine Glückseligkeit. Wenn sich jedoch materielles Glück und geistige Glückseligkeit verbinden, ergibt sich »Entzücken über Entzücken«, wie die Araber sagen. Wir beten, dass Gott Ost und West einen möge, damit es zum Austausch zwischen diesen beiden Kulturen kommt und die Menschen sich daran erfreuen mögen. Ich bin sicher, dass es so kommen wird, denn dies ist das Jahrhundert des Lichtes. Dies ist eine Zeit, in der sich die göttliche Barmherzigkeit über das dringendste Bedürfnis dieses neuen Jahrhunderts ergießt: die Einheit von Ost und West. Sie wird gewiss verwirklicht werden.60:6Frage: Welche Stellung hat die Frau im Orient?60:7Antwort: Früher befand sich die Frau in einer höchst beklagenswerten Lage, denn im Orient glaubte man, es sei für die Frau am besten, unwissend zu sein. Man hielt es für besser, dass sie weder lesen noch schreiben konnte, damit sie nichts über das Weltgeschehen erfuhr. Man war der Meinung, dass die Frau erschaffen wurde, um Kinder zu erziehen und den Haushaltspflichten nachzukommen. Nach einer Ausbildung zu streben, galt als unkeusch; und so wurden Frauen zu Gefangenen des Haushalts gemacht. Die Häuser hatten nicht einmal Fenster, die sich zur Außenwelt öffneten. Bahá’u’lláh hat diese Vorstellungen zunichtegemacht und die Gleichberechtigung von Mann und Frau verkündet. Er verhalf der Frau zu Ansehen durch das Gebot, dass alle Frauen Bildung erhalten sollen, dass es keinen Unterschied in der Erziehung und Bildung beider Geschlechter geben darf und Mann und Frau die gleichen Rechte genießen. In der Wertschätzung Gottes besteht kein Geschlechterunterschied. Wessen Gedanken rein sind, wer ausgezeichnet erzogen und gebildet ist, wer mehr in seinem Fachgebiet leistet und wer sich durch menschenfreundliche Taten hervortut, hat Anspruch auf alle Rechte und Anerkennung, gleich ob Mann oder Frau, weiß oder schwarz; es gibt keinen wie auch immer gearteten Unterschied. Die Stellung der Frau im Orient hat sich also gewandelt. Heute besuchen Frauen Schulen und Hochschulen, gehen dem regulären Lehrplan nach und werden den Männern Tag für Tag unentbehrlicher und ihnen ebenbürtig. Das ist die derzeitige Lage der Frauen Persiens.60:8Frage: In welcher Beziehung stehen Sie zum Stifter Ihres Glaubens? Sind Sie sein Nachfolger, in derselben Weise wie der römische Papst?60:9Antwort: Ich bin der Diener Bahá’u’lláhs, des Stifters, und das ist mein Ruhm und meine Ehre. Keine Ehre halte ich für größer als diese, und ich hoffe, dass mein Dienst für Bahá’u’lláh von Ihm angenommen wird. Das ist meine Stufe.60:10Frage: Ist es nicht eine Tatsache, dass weltweiter Frieden nicht erreicht werden kann, ehe nicht alle Länder der Welt demokratisch regiert werden?60:11Antwort: Es ist ganz klar, dass es in Zukunft in den Ländern der Welt keine Zentralisierung geben wird, egal ob sie konstitutionell-monarchisch, republikanisch oder demokratisch regiert werden. Die Vereinigten Staaten könnten ein Beispiel für eine künftige Regierung sein – das heißt, jede Provinz wird unabhängig sein, aber es wird einen föderalistischen Bund geben, der die Interessen der verschiedenen unabhängigen Staaten schützt. Das muss nicht zwangsläufig eine republikanische oder demokratische Staatsform sein. Die Abschaffung der Zentralisierung, die den Despotismus begünstigt, ist ein Erfordernis unserer Zeit. Das wird zu internationalem Frieden führen. Ebenso wichtig für die Schaffung des Weltfriedens ist das Frauenwahlrecht. Das heißt, Frieden kann verwirklicht werden, wenn zwischen Männern und Frauen völlige Gleichberechtigung hergestellt sein wird, aus dem einfachen Grund, dass im Allgemeinen Frauen niemals Krieg befürworten werden. Frauen werden nicht bereit sein, jenen, für die sie so zärtlich gesorgt haben, zu erlauben, das Schlachtfeld zu betreten. Wenn sie eine Stimme haben, werden sie sich gegen jeden Kriegsanlass aussprechen. Ein weiterer Faktor, der zu universellem Frieden führen wird, ist die Verbindung von Orient und Okzident.60:12Frage: Was denken Sie über Reinkarnation?60:13Antwort: Das Thema Reinkarnation hat zwei Aspekte. Das eine ist, woran die Inder glauben, und selbst das ist in zwei Teile unterteilt: Reinkarnation und Seelenwanderung. Gemäß der einen Lehre geht die Seele und kehrt dann in bestimmten Reinkarnationen zurück; sie sagen, eine kranke Person sei wegen ihrer Taten in einer früheren Inkarnation krank, und das sei die Bestrafung. Die andere Schule des Hinduismus glaubt, dass der Mensch manchmal als Tier wiederkommt – zum Beispiel als Esel – und das sei die Strafe für frühere Taten. Ich beziehe mich dabei auf die Glaubenslehren in jenem Land, wie sie in den Schulen gelehrt werden. Es gibt eine Wiederkehr des prophetischen Auftrags. Als Jesus Christus von Johannes dem Täufer sprach, erklärte Er, dieser sei Elias. Als Johannes der Täufer gefragt wurde: »Bist du Elias?«, antwortete er: »Nein.« Diese beiden Aussagen scheinen widersprüchlich zu sein, aber in Wirklichkeit widersprechen sie sich nicht. Das Licht ist immer das gleiche Licht. Das Licht, das gestern Abend in dieser Lampe leuchtete, lässt sie auch heute Abend erstrahlen. Das heißt nicht, dass dieselben Lichtstrahlen zurückgekehrt sind, sondern die Eigenschaft des Leuchtens. Das Licht, das sich im Glas gezeigt hat, zeigt sich wieder, sodass wir sagen können, dass das Licht dieses Abends das erneut entzündete Licht des letzten Abends ist. Das betrifft seine Eigenschaften, aber nicht seine frühere Identität. Dies ist unsere Sicht zum Thema Reinkarnation. Wir glauben das, was auch Jesus Christus und alle Propheten geglaubt haben. Zum Beispiel sagt der Báb: »Ich bin die Wiederkunft aller Propheten.« Dies bezieht sich auf die Einheit der prophetischen Kräfte, die Einheit der Macht, die Einheit der Gnadengaben, die Einheit der Ausstrahlung, die Einheit des Ausdrucks, die Einheit der Offenbarung.60:14Frage: Wie steht Ihr Glaube zur Familie?60:15Antwort: Nach den Lehren Bahá’u’lláhs muss die Familie als menschliche Einheit nach den Regeln der Heiligkeit erzogen werden. Alle Tugenden müssen der Familie nahegebracht werden. Die Unversehrtheit der Familienbande ist stets zu berücksichtigen; die Rechte der Familienmitglieder dürfen nicht übergangen werden. Niemandes Rechte, weder die des Sohnes, noch des Vaters oder der Mutter dürfen übergangen oder willkürlich ausgelegt werden. So, wie der Sohn bestimmte Pflichten gegenüber seinem Vater hat, hat auch der Vater bestimmte Pflichten gegenüber seinem Sohn. Die Mutter, die Schwester und andere Haushaltsmitglieder haben ihre eigenen Vorrechte. All diese Rechte und Vorrechte müssen gewahrt werden, die Einheit der Familie muss jedoch erhalten bleiben. Die Verletzung eines Familienmitglieds soll als Verletzung aller angesehen werden, das Wohl von einem als das Wohl aller, die Auszeichnung eines einzelnen als Auszeichnung aller.60:16Frage: In welchem Verhältnis steht die Bahá’í-Lehre zur alten zoroastrischen Religion?60:17Antwort: Die Religionen Gottes haben dieselbe Grundlage, aber die später auftretenden Dogmen sind unterschiedlich. Jede der göttlichen Religionen hat zwei Aspekte. Der Erste ist der Wesentliche. Er betrifft die Ethik und die Entwicklung der menschlichen Tugenden. Dieser Aspekt ist allen gemeinsam. Er ist grundlegend. Er ist ein und derselbe. Es gibt darin keinen Unterschied, keine Veränderung. Bezüglich der ethischen Erziehung und der Entwicklung menschlicher Tugenden gibt es keinerlei Unterschied zwischen den Lehren Zarathustras, Jesu und Bahá’u’lláhs. Darin stimmen sie überein, darin sind sie eins. Der zweite Aspekt der göttlichen Religionen ist nicht wesentlich. Er betrifft die menschlichen Bedürfnisse und ändert sich in jedem Zyklus entsprechend den Erfordernissen der Zeit. Zum Beispiel war Scheidung zu Moses Zeiten mit den Bedürfnissen und Verhältnissen vereinbar; Moses führte sie deshalb ein. Aber in der Zeit Christi kamen Scheidungen häufig vor und waren die Ursache des Verfalls; da Scheidung zu dieser Zeit nicht mehr passte, erklärte Er sie für ungesetzlich. Aus ähnlichen Gründen änderte Er auch andere Gesetze. Dabei geht es um Bedürfnisse und Lebensumstände, die mit dem Verhalten der Gesellschaft zusammenhängen; deshalb werden sie entsprechend den Anforderungen der Zeit geändert. Moses hielt sich in der Wüste auf. Da es in der Wüste und Wildnis keine Gefängnisse und keine Mittel zur Wiedergutmachung gab, galt als Gesetz Gottes »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Könnte man das heute anwenden? Wenn jemand das Auge eines anderen zerstört, würdet ihr das Auge des Täters zerstören wollen? Wenn einem Mann die Zähne gebrochen werden oder das Ohr abgeschnitten wird, würdet ihr dann eine entsprechende Verstümmelung seines Angreifers fordern? Das entspräche nicht den Verhältnissen in der heutigen menschlichen Gesellschaft. Wenn ein Mann stiehlt, sollte ihm dann die Hand abgetrennt werden? Diese Strafe war gerecht und richtig im mosaischen Gesetz, aber es passte zur Wüste, wo es keine Gefängnisse und Besserungsanstalten gab wie in späteren, weiter entwickelten Regierungsformen. Heute habt ihr eine Regierung und eine Ordnung, ein Polizeisystem, einen Richter und ein Schwurgerichtsverfahren. Strafen und Strafmaße sind jetzt anders. Darum wird das Unwesentliche, das die einzelnen Gesellschaftsaspekte regelt, gemäß den Erfordernissen der Zeit und der Umstände verändert. Aber die wesentliche Grundlage der Lehren von Moses, Zarathustra, Jesus und Bahá’u’lláh ist identisch, ist eine einzige; es gibt keinerlei Unterschied.60:18Frage: Ist Frieden ein erhabeneres Wort als Liebe?60:19Antwort: Nein! Liebe ist großartiger als Frieden, denn Frieden beruht auf Liebe. Die Liebe ist die Grundlage des Friedens, und Frieden entsteht aus Liebe. Solange man keine Liebe erlangt, kann es keinen Frieden geben; aber es gibt einen sogenannten Frieden ohne Liebe. Die Liebe, die von Gott kommt, ist das Grundlegende. Diese Liebe ist das Ziel jeder menschlichen Errungenschaft, der Glanz des Himmels, das Licht des Menschen.60:20Frage: Könnten Sie uns die Grundsätze Ihres Glaubens nennen?60:21Antwort: Erstens: Erforscht die Wahrheit. Der Mensch muss bloße Nachahmung aufgeben und die Wahrheit suchen. Die gegenwärtigen religiösen Ansichten weichen voneinander ab, weil sie Dogmen folgen. Es ist daher nötig, solche Nachahmungen aufzugeben und die Wahrheit zu suchen, die allem zugrunde liegt.60:22Zweitens: die Einheit der Menschheit. Alle menschlichen Geschöpfe sind Diener Gottes. Alle sind in das Meer Seiner Gnade getaucht. Der Schöpfer aller ist der eine Gott; der Versorger, der Geber, der Beschützer aller ist ein und derselbe Gott. Er ist gütig zu allen; warum sollten wir herzlos sein? Alle leben unter dem Schirm Seiner Liebe; warum sollten wir einander hassen? Es gibt unwissende Menschen; sie benötigen Erziehung und Bildung. Manche sind wie Kinder; sie müssen bis zur Reife unterrichtet und erzogen werden. Andere sind körperlich, psychisch oder geistig krank; sie müssen behandelt und geheilt werden. Aber alle sind Diener Gottes. 60:23Drittens: Die Religion muss Liebe zu allen fördern, muss die Ursache von Gemeinschaft, Einheit und Licht sein. Wenn sie zur Ursache von Feindschaft, Blutvergießen und Hass wird, ist ihr Nichtsein besser als ihr Sein, ihre Abwesenheit besser als ihre Anwesenheit. Religion und Wissenschaft stehen in Eintracht und Einklang. Wenn eine Aussage der Religion gegen die Vernunft verstößt und nicht mit der Wissenschaft vereinbar ist, ist sie bloße Einbildung und nicht glaubwürdig.60:24Viertens: Gleichberechtigung von Mann und Frau. In jeder Hinsicht sind sie gleichwertig. Die Wirtschaftsgesetze für den menschlichen Lebensunterhalt müssen so umgestaltet werden, dass alle Menschen entsprechend ihrer jeweiligen Verdienste in größtem Glück leben können.
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