weiter nach oben ...
9. Juni 1912– 62 –62:0_1849. Juni 191262:0_185Ansprache in der Unitarian Church
Fifteenth Street und Girard Avenue in Philadelphia, Pennsylvania62:0_186Aufzeichnungen von Edna McKinney62:1Ich bin aus fernen Ländern des Orients gekommen, wo seit jeher die Himmelslichter aufleuchteten, aus jenen Gegenden, wo die Manifestationen Gottes erschienen und der Glanz und die Macht Gottes den Menschen offenbart worden sind. Ziel und Absicht meines Besuches ist es, dass dadurch das Band der Einheit und Einigkeit zwischen Ost und West geknüpft werde, dass göttliche Liebe alle Völker umfasse, göttlicher Glanz beide Kontinente erleuchte und die Gaben des Heiligen Geistes den Körper der Welt beleben mögen. Deshalb flehe ich an der Göttlichen Schwelle, dass Orient und Okzident eins werden, dass die verschiedenen Völker und Religionen sich vereinen und die Seelen verschmelzen wie die Wellen eines Meeres. Mögen sie wie Bäume, Blumen und Rosen werden, die denselben Garten schmücken und verschönern.62:2Das Reich Gottes ist eine unteilbare Einheit, gänzlich geheiligt über menschliches Begreifen; denn das verstandesmäßige Wissen über die Schöpfung ist begrenzt, wohingegen das göttliche Fassungsvermögen grenzenlos ist. Wie kann das Begrenzte das Unbegrenzte begreifen? Wir sind der Inbegriff der Armut, während die göttliche Wirklichkeit absoluter Reichtum ist. Wie kann völlige Armut absoluten Reichtum verstehen? Wir sind der Inbegriff der Schwäche, während die göttliche Wirklichkeit absolute Macht ist. Völlige Schwäche kann niemals absolute Macht erlangen oder auch nur begreifen. Die Wesen der Erscheinungswelt, die in Begrenzungen gefangen sind, unterliegen stets dem Wandel und Wechsel der Verhältnisse. Wie können solche Wesen jemals die himmlische, ewige, unveränderliche Wirklichkeit erfassen? Das ist ganz sicher unmöglich, denn wenn wir die erschaffene Welt erforschen, sehen wir, dass der Stufenunterschied solches Wissen verhindert. Eine niedrigere Stufe kann niemals eine höhere Stufe oder ein höheres Reich begreifen. Das Mineral, egal wie weit es voranschreitet, kann niemals das Pflanzenreich erkennen. Wie weit ein Gewächs aus der Pflanzenwelt auch fortschreitet, es kann das Wesen des Tierreichs nicht verstehen – mit anderen Worten, es kann keine Lebenswelt begreifen, die mit Sinneskräften ausgestattet ist. Das Tier mag ein wunderbares Maß an Intelligenz entwickeln, aber es kann niemals die Fähigkeiten der Vorstellung und des bewussten Nachdenkens erlangen, die dem Menschen zu eigen sind. Es ist daher offensichtlich, dass der Stufenunterschied immer ein Hindernis für das Erfassen des Höheren durch das Niedrigere, des Überlegenen durch das Unterlegene ist. Diese Blume, so schön, frisch, aromatisch und zart duftend, kann, auch wenn sie in ihrem eigenen Reich Vollkommenheit erlangt hat, trotzdem die menschliche Wirklichkeit nicht begreifen, kann weder sehen noch hören; darum bleibt ihr die Welt des Menschen verborgen, obwohl beide, der Mensch und sie, ein zufälliges, bedingtes Wesen sind. Der Unterschied liegt in der Stufe. Die Begrenztheit einer niedrigeren Stufe verhindert das Verständnis.62:3Da dies so ist, wie kann dann ein menschliches Wesen, das begrenzt ist, den ewigen, verborgenen Schöpfer begreifen? Wie kann der Mensch den allwissenden, allgegenwärtigen Herrn begreifen? Zweifellos kann er es nicht, denn was auch immer der menschliche Geist erfasst, ist die begrenzte Vorstellung eines Menschen, während das göttliche Königreich unbegrenzt und unendlich ist. Aber obwohl die Wirklichkeit des Göttlichen über das Verstehen ihrer Geschöpfe geheiligt ist, hat sie allen Reichen der stofflichen Welt ihre Gaben verliehen, und Beweise geistiger Offenbarung werden in allen Reichen des bedingten Seins bezeugt. Das Licht Gottes erleuchtet die Welt des Menschen, so wie die Sonnenstrahlen herrlich auf die materielle Schöpfung scheinen. Die Sonne der Wahrheit ist eine einzige; ihre Gabe ist eine einzige; ihre Wärme ist eine einzige; ihre Strahlen sind eins. Sie scheint auf die gesamte stoffliche Welt, aber die Fähigkeit, sie zu erfassen, ist je nach Reich verschieden, wobei jedes Reich seinen Fähigkeiten entsprechend das Licht und die Gaben der ewigen Sonne empfängt. Der schwarze Stein empfängt das Licht der stofflichen Sonne, auch die Bäume und Tiere empfangen es. Alle existieren und entwickeln sich durch diese eine Gabe. Die vollkommene Seele des Menschen – das heißt das vollkommene Individuum – ist wie ein Spiegel, in dem sich die Sonne der Wahrheit spiegelt. Die Vollkommenheit, das Abbild und Licht dieser Sonne wurden in diesem Spiegel offenbart; ihre Wärme und ihr Licht manifestieren sich darin, denn in dieser reinen Seele findet die Sonne einen vollkommenen Ausdruck.62:4Diese Spiegel sind die Boten Gottes, die uns von Gott erzählen, so wie der materielle Spiegel das Licht der am Himmel sichtbaren Sonnenscheibe reflektiert. Auf diese Weise erscheinen das Bild und der Glanz der Sonne der Wahrheit in den Spiegeln der Manifestationen Gottes. Dies meinte Jesus Christus, als Er erklärte: »Der Vater ist im Sohn«, was heißt, dass die Wahrheit der ewigen Sonne und ihre Herrlichkeit sich in Christus Selbst spiegelte. Es bedeutet nicht, dass die Sonne der Wahrheit von ihrem Ort am Himmel herabgestiegen oder ihr Wesenskern in den Spiegel eingetreten wäre, denn für die göttliche Wirklichkeit gibt es weder Eingang noch Ausgang; es gibt kein Eintreten oder Austreten; sie ist über alle Dinge geheiligt und nimmt immer nur ihre eigene heilige Stufe ein. Wandel und Wechsel betreffen diese ewige Wirklichkeit nicht. Der Übergang von einem Zustand zum anderen ist das Kennzeichen bedingter Daseinsformen.62:5Zu einer Zeit, als Krieg und Streit unter den Völkern vorherrschten, als Feindschaft und Hass Sekten und Konfessionen trennten und menschliche Gegensätze besonders ausgeprägt waren, erschien Bahá’u’lláh am Horizont des Ostens und verkündete die Einheit Gottes und die Einheit der Menschheit. Er verbreitete die Lehre, dass alle Menschen Diener eines einzigen Gottes sind, dass alle durch die Gnade des einen Schöpfers ins Dasein gekommen sind, dass Gott zu allen gütig ist, sie alle ernährt, aufzieht und beschützt, für alle sorgt und Seine Liebe und Sein Erbarmen sich auf alle Menschen und alle Völker erstrecken. Da Gott liebevoll ist, warum sollten wir ungerecht und herzlos sein? Da Gott Treue und Barmherzigkeit erweist, warum sollten wir Feindschaft und Hass zeigen? Sicherlich ist die göttliche Vorgehensweise perfekter als menschliches Planen und menschliche Theorien; egal wie weise und klug der Mensch werden mag, er kann niemals eine Vorgehensweise ersinnen, die der Vorgehensweise Gottes überlegen ist. Deshalb müssen wir nach dem Vorbild Gottes handeln, alle Menschen lieben und gerecht und gütig zu jedem menschlichen Geschöpf sein. Wir müssen alle Menschen als Blätter, Zweige und Früchte eines einzigen Baumes betrachten, als Kinder eines einzigen Haushalts, denn alle sind die Nachkommen Adams. Wir sind Wellen eines einzigen Meeres, Gräser derselben Wiese, Sterne am selben Himmel und wir finden Obhut beim allumfassenden göttlichen Beschützer. Wenn jemand krank ist, muss er behandelt werden; die Unwissenden müssen geschult werden; die Schlafenden müssen aufgeweckt werden; die Toten müssen wieder mit Leben erfüllt werden. Das sind Grundsätze aus den Lehren Bahá’u’lláhs.62:6Mit der Verkündigung der Einheit der Menschheit lehrte Er, dass Männer und Frauen vor Gott gleich sind und kein Unterschied zwischen ihnen gemacht werden darf. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist der Mangel an Erziehung und Bildung. Wenn die Frau die gleichen Bildungschancen bekommt, werden Unterscheidung und Geringschätzung verschwinden. Die Menschenwelt hat sozusagen zwei Flügel: Der eine ist weiblich, der andere männlich. Wenn ein Flügel schwach ist, kann der starke und vollendete Flügel allein nicht fliegen. Die Menschenwelt hat zwei Hände. Wenn eine schwach ist, ist die tüchtige Hand eingeschränkt und nicht in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen. Gott ist der Schöpfer der Menschheit. Er hat beide Geschlechter mit Vortrefflichkeiten und Verstand ausgestattet, ihnen Körperteile und Sinnesorgane gegeben, ohne Spezialisierung oder Unterscheidung hinsichtlich Über- oder Unterlegenheit. Warum also sollte man denken, die Frau sei weniger wert? Das entspricht nicht dem Plan und der Gerechtigkeit Gottes. Er hat sie gleich erschaffen; nach Seiner Einschätzung spielt das Geschlecht keine Rolle. Wessen Herz rein und wessen Taten vollendet sind, ist Gott willkommen, sei es Mann oder Frau. In der Geschichte waren oft Frauen der Stolz der Menschheit – zum Beispiel Maria, die Mutter Jesu. Sie war die Ehre der Menschheit. Maria Magdalena, Ásíyih, die Tochter des Pharao, Sarah, die Frau Abrahams, und unzählige andere haben der Menschheit durch ihre Vortrefflichkeit Ehre gebracht. An diesem Tag gibt es Frauen unter den Bahá’í, die die Männer weit überragen. Sie sind weise, talentiert, gebildet, fortschrittlich, höchst intelligent und das Licht der Welt. Sie übertreffen Männer an Mut. Wenn sie in Versammlungen sprechen, hören die Männer mit großem Respekt zu. Zudem ist die Erziehung und Bildung der Frauen von größerer Bedeutung als die der Männer, denn sie sind die Mütter der Menschheit, und die Kinder werden von Müttern erzogen. Die Mütter sind die ersten Lehrerinnen der Kinder. Daher müssen sie gut ausgebildet sein, um sowohl Söhne als auch Töchter entsprechend erziehen zu können. In den Schriften Bahá’u’lláhs gibt es viele diesbezügliche Vorgaben.62:7Er forderte den gleichen Bildungsweg für Mann und Frau. Töchter und Söhne müssen den gleichen Lehrplan durchlaufen und dadurch die Einheit der Geschlechter fördern. Wenn alle Menschen die gleichen Bildungschancen haben und die Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht ist, werden die Kriegsgrundlagen völlig vernichtet. Ohne Gleichberechtigung ist dies unmöglich, weil alle trennenden Unstimmigkeiten und Unterscheidungen zu Zwietracht und Streit führen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau trägt zur Abschaffung von Krieg bei, denn Frauen werden niemals bereit sein, ihn zu billigen. Mütter werden ihre Söhne nicht auf dem Schlachtfeld als Opfer hergeben, nachdem sie sie von klein auf zwanzig Jahre lang umsorgt und umhegt haben, gleichgültig, welche Sache die Söhne verteidigen sollen. Es besteht kein Zweifel, dass Krieg unter den Menschen gänzlich aufhören wird, sobald Frauen gleiche Rechte erhalten.62:8Bahá’u’lláh verkündete die grundlegende Einheit der Religion. Er lehrte, dass die Wahrheit nur eine ist und nicht vielfach, dass sie allen göttlichen Geboten zugrunde liegt und dass die Grundlage aller Religionen daher dieselbe ist. Nach und nach haben sich bestimmte Ausprägungen und Abwandlungen herausgebildet. Da sie voneinander abweichen, führen sie zu Konflikten zwischen den Religionsanhängern. Wenn wir diese Verfälschungen beiseite lassen und uns an die wesentliche Wahrheit halten, die unseren Überzeugungen zugrunde liegt, schaffen wir eine Basis für Einigkeit, denn diese Wahrheit ist eine einzige und nicht vielfach.62:9Ein weiterer Grundsatz der Lehren Bahá’u’lláhs ist die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion. Die Religion muss einer Analyse durch die Vernunft standhalten. Sie muss mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Beweisen in Einklang stehen, damit die Wissenschaft die Religion anerkennt und die Religion die Wissenschaft bestärkt. Beide sind in Wirklichkeit untrennbar miteinander verschmolzen und verbunden. Wenn die Aussagen und Lehren der Religion sich als unvernünftig erweisen und der Wissenschaft widersprechen, sind sie das Ergebnis von Aberglauben und Einbildung. In der Vergangenheit sind unzählige derartige Doktrinen und Glaubenslehren entstanden. Nehmen wir den Aberglauben und die Mythen der Römer, Griechen und Ägypter; sie standen alle im Widerspruch zur Religion und zur Wissenschaft. Es ist jetzt offensichtlich, dass die Glaubensvorstellungen dieser Völker Aberglauben waren, aber zu ihrer Zeit hielt man äußerst hartnäckig an ihnen fest. So war einer der vielen ägyptischen Götzen für jene Menschen ein verbürgtes Wunder, obwohl er in Wirklichkeit ein Stück Stein war. Da die Wissenschaft die Erschaffung eines Gesteinsstücks durch ein Wunder sowie dessen wundersame Eigenschaften nicht bestätigen kann, muss der Glaube daran Aberglaube gewesen sein. Es ist jetzt offensichtlich, dass es Aberglaube war. Deshalb müssen wir solche Überzeugungen vollkommen ablegen und die Wahrheit erforschen. Das, was sich als wahr und mit der Vernunft vereinbar herausstellt, muss akzeptiert werden, und was Wissenschaft und Vernunft nicht bestätigen können, muss als Verfälschung ohne Bezug zur Wirklichkeit abgelehnt werden. Dann werden Glaubensunterschiede verschwinden. Alle werden zu einer einzigen Familie, einem einzigen Volk werden und bei allen Menschen wird sich die gleiche Aufnahmefähigkeit für die göttliche Freigebigkeit und Erziehung erweisen.62:10O Du vergebender Herr! Du bist aller Deiner Diener Zuflucht. Du kennst die Geheimnisse und bist aller Dinge gewahr. Wir alle sind hilflos, Du aber bist der Machtvolle, der Allmächtige. Wir alle sind Sünder, Du aber bist der Vergeber der Sünden, der Barmherzige, der Mitleidvolle. O Herr! Sieh nicht auf unsere Fehler. Verfahre mit uns nach Deiner Gnade und Großmut. Groß ist die Zahl unserer Mängel, doch unendlich ist das Meer Deiner Vergebung. Schlimm ist unsere Schwäche, doch Deine Hilfe und Dein Beistand sind offensichtlich. Darum stärke und festige uns. Mache uns fähig, zu vollbringen, was Deiner heiligen Schwelle würdig ist. Erleuchte unsere Herzen, verleihe uns scharfe Augen und aufmerksame Ohren. Erwecke die Toten und heile die Kranken. Verleihe den Armen Wohlstand, den Furchtsamen Frieden und Sicherheit. Nimm uns auf in Dein Reich und erleuchte uns mit dem Lichte der Führung. Du bist der Starke, der Allmächtige. Du bist der Freigebige. Du bist der Sanftmütige. Du bist der Gütige. – 63 –63:0_1879. Juni 191263:0_188Ansprache im Baptisten-Tempel
Broad and Berks Street, Philadelphia, Pennsylvania63:0_189Aufzeichnungen von Edna McKinney63:1Es freut mich sehr, heute Abend hier zu sein. Dies ist ein wirklich hochgeistiges Treffen. Ich nehme den Wohlgeruch des himmlischen Königreichs bei Ihnen wahr – Hingabe an Gott, aufrichtige Absichten und geistige Liebe. Das ist höchst erfreulich!63:2Seit der Erschaffung Adams bis zum heutigen Tag hat es für die Menschheit zwei Wege gegeben: den naturbezogenen oder materialistischen und den religiösen oder spirituellen. Der erste Weg, der der Natur, ist der Weg des Tierreiches. Das Tier handelt in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Natur, es folgt seinen eigenen Instinkten und Begierden. Was auch immer sein Antrieb und seine Vorlieben sein mögen, es hat die Freiheit, sie auszuleben; dennoch ist es ein Gefangener der Natur. Es kann nicht im Geringsten von dem Weg abweichen, den die Natur festgelegt hat. Jegliche Aufnahmefähigkeit für Geistiges fehlt ihm völlig; es weiß nichts von der göttlichen Religion oder vom Reich Gottes. Das Tier besitzt weder Vorstellungsvermögen noch bewussten Verstand; es ist ein Gefangener der Sinne und all dessen beraubt, was darüber hinaus geht. Es ist dem unterworfen, was das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, der Geschmack empfindet und der Tastsinn verrät. Diese Sinneswahrnehmungen passen zum Tier und genügen ihm. Was aber außerhalb der Sinneswahrnehmung liegt – die Erscheinungswelt, durch die der bewusste Weg zum Reich Gottes führt, die Welt der Geistigkeit und der göttlichen Religion –, davon weiß das Tier absolut nichts, denn auch auf seiner höchsten Entwicklungsstufe ist es ein Gefangener der Natur.63:3Es ist sehr befremdlich, dass die heutigen Materialisten stolz auf ihre angeborenen Instinkte und ihre Unfreiheit sind. Sie behaupten, dass nichts geglaubt und akzeptiert werden darf außer dem, was erfahrbar oder greifbar ist. Nach ihren eigenen Aussagen sind sie Gefangene der Natur und wissen nichts über die geistige Welt, das Reich Gottes und die Gaben des Himmels. Wenn das ein besonderer Vorzug ist, dann hat das Tier ihn im höchsten Maß erreicht, denn das Tier weiß absolut nichts über das Reich des Geistes und hat keinen Zugang zur inneren Welt der bewussten Erkenntnis. Das Tier würde dem Materialisten in der Ablehnung all dessen, was außerhalb der Sinne liegt, zustimmen. Wenn wir annehmen, es sei ein Vorzug, auf die Ebene der Sinne beschränkt zu sein, dann stünde das Tier über dem Menschen, denn ihm fehlt komplett das, was über die Sinnesebene hinausgeht, und es nimmt das Reich Gottes und seine Zeichen nicht wahr, während Gott in den Menschen eine grenzenlose Kraft gelegt hat, mit deren Hilfe er die Welt der Natur beherrschen kann.63:4Denken Sie darüber nach, wie alle anderen Dinge und Wesen der Erscheinungswelt Gefangene der Natur sind. Die Sonne, dieser gewaltige Mittelpunkt unseres Sonnensystems, die riesigen Sterne und Planeten, die hoch aufragenden Berge, selbst die Erde und ihre Reiche des Lebens unterhalb der menschlichen Stufe – sie alle sind Gefangene der Natur, mit Ausnahme des Menschen. Kein anderes Geschöpf kann sich auch nur im Geringsten den Naturgesetzen widersetzen. Die Sonne in ihrer Pracht und Größe, Millionen von Meilen von der Erde entfernt, wird auf ihrer Bahn im Orbit festgehalten, eine Gefangene der universell gültigen Naturgesetze. Der Mensch ist jedoch Herrscher über die Natur. Nach den Naturgesetzen und ihren Beschränkungen sollte er auf der Erde bleiben, aber seht, wie er diese Regel bricht und sich in Flugzeugen hoch über die Berge erhebt. Er kreuzt mit Schiffen auf dem Ozean und taucht in Unterseebooten in seine Tiefen. Der Mensch macht die Natur zu seiner Dienerin; beispielsweise zähmt er die mächtige Energie der Elektrizität und sperrt sie zu seinem Nutzen in eine kleine Lampe. Aus dem Osten spricht er durch einen Draht mit dem Westen. Er kann seine Stimme in einem Grammophon speichern und aufbewahren. Obgleich ein Erdenbewohner, durchdringt er doch die Geheimnisse unvorstellbar weit entfernter Sternenwelten. Er findet im Schoß der Erde verborgene Güter, legt Schätze frei, durchschaut die Geheimnisse der stofflichen Welt und bringt ans Licht, was nach den streng gehüteten Gesetzen der Natur verborgen, unbekannt und unergründlich bleiben sollte. Durch seine innere Vorstellungskraft bringt der Mensch diese Wahrheiten von der unsichtbaren auf die sichtbare Ebene. Dies steht im Gegensatz zu den Naturgesetzen.63:5Das verdeutlicht, dass der Mensch über die Domäne der Natur herrscht. Die Natur ist träge, der Mensch schreitet voran. Die Natur hat kein Bewusstsein, der Mensch ist damit begabt. Die Natur hat keinen Willen und funktioniert durch Zwang, während der Mensch einen mächtigen Willen besitzt. Die Natur ist unfähig, Geheimnisse und Wahrheiten zu entdecken, während der Mensch eigens dazu befähigt ist. Die Natur ist nicht in Kontakt mit dem Reich Gottes; der Mensch ist auf Seine Zeichen eingestimmt. Die Natur weiß nichts von Gott; der Mensch ist sich Seiner bewusst. Der Mensch erwirbt göttliche Tugenden; der Natur sind sie versagt. Der Mensch kann willentlich von seinen Lastern ablassen; die Natur hat keine Macht, den Einfluss ihrer Instinkte zu verändern. Alles in allem ist es offensichtlich, dass der Mensch edler und erhabener ist, dass in ihm eine geistige Kraft existiert, die über die Natur hinausgeht. Er hat Bewusstsein, Willen, Gedächtnis, Denkvermögen, göttliche Eigenschaften und Tugenden, von denen die Natur gänzlich ausgeschlossen ist. So steht der Mensch aufgrund der geistigen und himmlischen Kraft, die ihm innewohnt und in ihm offenbar ist, auf einer höheren und edleren Stufe.63:6Wie seltsam erscheint es da, dass der Mensch trotz dieser ihm geschenkten geistigen Macht auf eine Ebene unterhalb seiner eigenen hinabsteigen will und erklärt, er sei nicht größer als das, was deutlich niedriger ist als sein wahrer Rang. Gott hat in ihm einen so bewussten Geist geschaffen, dass er das wunderbarste unter allen erschaffenen Wesen ist. Wenn er diese Vorzüge missachtet, steigt er auf die materielle Ebene hinab, sieht in der Materie die beherrschende Kraft des Seins und leugnet, was über sie hinausgeht. Ist das ein Vorzug? Es ist ganz und gar tierisch, denn das Tier bringt nichts darüber hinaus zustande. So gesehen ist das Tier in Wahrheit der größere Philosoph, da es vom Reich Gottes keine Ahnung hat, keine spirituelle Empfänglichkeit besitzt und nichts von der himmlischen Welt weiß. Soweit ein Blick auf den Weg der Natur.63:7Der zweite Weg ist der Weg der Religion, der Pfad des göttlichen Königreichs. Dazu gehören die Entwicklung lobenswerter Eigenschaften, himmlische Erleuchtung und rechtschaffene Taten in der Menschenwelt. Dieser Weg trägt zum Fortschritt und zur Erbauung der Welt bei. Er ist die Quelle menschlicher Erleuchtung, der Erziehung und der Weiterentwicklung der Ethik – der Magnet für die Liebe Gottes, weil er uns das Wissen über Gott vermittelt. Das ist der Pfad der heiligen Manifestationen Gottes; denn Sie sind in Wahrheit die Grundlage der göttlichen Religion der Einheit. Auf diesem Weg gibt es weder Wechsel noch Wandel. Er ist die Ursache für die Veredelung der Menschen, die Aneignung himmlischer Tugenden und die Erleuchtung der Menschheit.63:8Doch leider ist die Menschheit völlig in blinde Nachahmung und bloße Einbildungen verstrickt, obwohl die Wahrheit der göttlichen Religion immer dieselbe geblieben ist. Abergläubische Vorstellungen haben die grundlegende Wahrheit verdeckt, die Welt hat sich verfinstert und das Licht der Religion ist nicht zu sehen. Dieses Dunkel führt zu Zwist und Streit. Es gibt vielerlei Riten und Dogmen, deshalb ist unter den religiösen Systemen Zwietracht entstanden, obwohl Religion zur Vereinigung der Menschheit bestimmt ist. Wahre Religion ist die Quelle von Liebe und Einvernehmen zwischen den Menschen und bewirkt die Entfaltung lobenswerter Eigenschaften; aber die Menschen halten sich an Fälschungen und Nachahmungen und missachten die einende Wahrheit; so bringen sie sich um das strahlende Licht der Religion. Sie folgen dem Aberglauben, den sie von ihren Vätern und Vorfahren übernommen haben. Das hat ein solches Ausmaß angenommen, dass sie das himmlische Licht der göttlichen Wahrheit beseitigt haben und in der Finsternis ihrer blinden Nachahmungen und Einbildungen verharren. Was eigentlich Leben hervorbringen sollte, führt jetzt zum Tod; was Wissen beweisen sollte, ist jetzt ein Ausdruck der Unwissenheit; was zur Erhabenheit der menschlichen Natur beitrug, führt jetzt zu ihrer Erniedrigung. So wurde die Welt der religiösen Menschen immer enger und dunkler und der Einflussbereich der Materialisten hat sich ausgedehnt und erweitert, denn die Anhänger der Religionen haben sich an Nachahmungen und Fälschungen gehalten und dabei die Heiligkeit und Wahrheit der Religion ignoriert und verworfen. Wenn die Sonne untergeht, beginnt der Flug der Fledermäuse. Sie kommen hervor, weil sie Geschöpfe der Nacht sind. Wenn das Licht der Religion nur noch schwach leuchtet, erscheinen die Materialisten. Sie sind die Fledermäuse der Nacht. Mit dem Niedergang der Religion kommt ihre aktive Zeit; sie suchen den Schatten auf, wenn sich die Welt verdunkelt und von Wolken bedeckt wird.63:9Bahá’u’lláh hat sich vom östlichen Horizont aus erhoben. Wie die Herrlichkeit der Sonne ist Er in die Welt gekommen. Er spiegelte die Wahrheit der göttlichen Religion, vertrieb die Finsternis blinder Nachahmungen, legte die Grundlage neuer Lehren und erweckte die Welt zu neuem Leben.63:10Die erste Lehre Bahá’u’lláhs ist das Erforschen der Wahrheit. Der Mensch muss eigenständig die Wahrheit suchen und sich nicht länger an Nachahmungen und Überlieferungen klammern. Da sich die Völker der Welt an Nachahmungen anstatt an die Wahrheit halten und da es viele verschiedene Nachahmungen gibt, führten die Glaubensunterschiede zu Kampf und Krieg. Solange es diese Nachahmungen gibt, ist die Einheit der Menschheit nicht erreichbar. Darum müssen wir die Wahrheit erforschen, damit ihr Licht die Wolken und die Finsternis vertreiben kann. Die Wahrheit ist eine einzige Wahrheit; man kann sie nicht teilen oder vervielfältigen. Wenn die Völker der Welt die Wahrheit erforschen, werden sie einer Meinung sein und sich vereinen. Viele Menschen und Sekten in Persien haben mittels der Führung und Lehre Bahá’u’lláhs die Wahrheit gesucht. Sie wurden vereint und leben jetzt in Einvernehmen und Liebe; bei ihnen gibt es nicht mehr die geringste Spur von Feindschaft und Streit.63:11Die Juden erwarteten voller Hingabe, mit Herz und Seele das Erscheinen des Messias, aber weil sie in blinder Nachahmung versunken waren, glaubten sie nicht an Jesus Christus, als Er erschien. Letztlich erhoben sie sich gegen Ihn, verfolgten Ihn sogar und vergossen Sein Blut. Hätten sie die Wahrheit erforscht, so hätten sie den ihnen verheißenen Messias angenommen. Diese blinden Nachahmungen und übernommenen Vorurteile bewirkten immer nur Bitterkeit und Hass und erfüllten die Welt mit der Dunkelheit und Gewalttätigkeit des Krieges. Deshalb müssen wir die zugrunde liegende Wahrheit suchen, um uns von solchen Zuständen zu befreien und dann mit leuchtendem Antlitz den Pfad zum Reich Gottes zu finden.63:12Die zweite Lehre Bahá’u’lláhs betrifft die Einheit der Menschheit. Alle sind Diener Gottes und Mitglieder einer einzigen menschlichen Familie. Gott hat alle erschaffen und alle sind Seine Kinder. Er erzieht alle, nährt alle, sorgt für alle und ist gütig zu allen. Warum sollten wir ungerecht und lieblos sein? Dies ist der Weg Gottes, das Licht, das die ganze Welt erleuchtet. Seine Sonne schenkt allen freigebig ihren Glanz; Seine Wolken senden Regen ohne Unterscheidung oder Bevorzugung herab; Seine Brisen erfrischen die ganze Erde. Offensichtlich ist die Menschheit ohne Ausnahme unter Seiner Gnade und Seinem Schutz geborgen. Einige sind mängelbehaftet; sie müssen vervollkommnet werden. Die Unwissenden müssen unterrichtet, die Kranken geheilt, die Schläfer geweckt werden. Das Kind darf nicht unterdrückt oder getadelt werden, weil es unentwickelt ist; es muss geduldig erzogen und ausgebildet werden. Die Kranken dürfen nicht wegen ihrer Krankheit benachteiligt werden; vielmehr müssen wir Mitleid mit ihnen haben und für ihre Heilung sorgen. Kurzum, die alten Zustände der Feindseligkeit, der Intoleranz und des Hasses zwischen den religiösen Systemen müssen beseitigt und die neuen Zustände der Liebe, des Einvernehmens und der geistigen Gemeinschaft müssen zwischen ihnen hergestellt werden.63:13Die dritte Lehre Bahá’u’lláhs besagt, dass Religion eine Quelle der Freundschaft, die Ursache für Einheit und für die Nähe Gottes zu den Menschen sein muss. Wenn sie Hass und Streit hervorruft, dann ist Religionslosigkeit offensichtlich vorzuziehen und ein Mensch ohne Religion ist besser als einer, der sich zu ihr bekennt. Nach Gottes Willen und Absicht sollte Religion die Ursache für Liebe und Einvernehmen sein, ein verbindendes Element, um die gesamte Menschheit zu vereinen, denn sie ist eine Botschaft des Friedens und des Wohlwollens von Gott an die Menschen.63:14Die vierte Lehre Bahá’u’lláhs ist der Einklang von Religion und Wissenschaft. Gott hat den Menschen mit Verstand und Vernunft begabt, weshalb dieser gefordert ist, die hinter den Fragen und Lehrsätzen liegende Wahrheit herauszufinden. Wenn religiöse Überzeugungen und Ansichten wissenschaftlichen Maßstäben widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und Einbildung; denn das Gegenteil von Wissen ist Unwissenheit, und das Kind der Unwissenheit ist der Aberglaube. Zweifellos müssen wahre Religion und Wissenschaft in Einklang stehen. Wenn etwas völlig widersinnig ist, dann ist es unmöglich, daran zu glauben und darauf zu vertrauen, und nichts anderes als Wankelmut und Unentschlossenheit sind das Ergebnis.63:15Bahá’u’lláh lehrte auch, dass Vorurteile – ob religiös, ethnisch, patriotisch oder politisch – die Grundlagen der menschlichen Entwicklung zerstören. Vorurteile jeglicher Art zerstören Glück und Wohlfahrt der Menschen. Solange sie nicht ausgeräumt sind, kann sich die Menschheit nicht weiterentwickeln. Dennoch sind rassistische, religiöse und nationalistische Vorbehalte überall zu beobachten. Seit Tausenden von Jahren wird die Menschheit von Vorurteilen aufgewühlt und verstört. Solange sie weiterbestehen, werden Krieg, Feindseligkeit und Hass andauern. Wenn wir also Frieden schaffen wollen, müssen wir dieses Hindernis beseitigen, andernfalls sind Eintracht und Ruhe nicht zu erreichen.63:16Sechstens brachte Bahá’u’lláh Leitlinien und Lehren für eine Neuordnung der Wirtschaft. Er hat Verordnungen offenbart, die die Wohlfahrt der Staatengemeinschaft sichern. So, wie der Reiche ein unbeschwertes Leben im Luxus genießt, muss auch der Arme ein Zuhause haben und seinen Bedürfnissen entsprechend mit einem Lebensunterhalt und Annehmlichkeiten versorgt werden. Diese Neuordnung der Sozialwirtschaft ist von größter Bedeutung, da sie die Stabilität der Menschenwelt sicherstellt, und solange dies nicht erfolgt, sind Glück und Gedeihen unmöglich.63:17Siebtens lehrte Bahá’u’lláh, dass ein einheitlicher Menschenrechtsstandard anerkannt und angenommen werden muss. In den Augen Gottes sind alle Menschen gleich; keine Seele genießt eine Sonderstellung oder einen Vorrang unter der Herrschaft Seiner Gerechtigkeit und Seiner Rechtsnormen.63:18Achtens: Erziehung ist wesentlich, und alle Standards für Bildung und Unterricht sollten überall auf der Welt in Einklang gebracht werden. Es sollte ein weltweiter Lehrplan eingeführt werden, und die ethischen Grundlagen sollten die gleichen sein.63:19Neuntens: Eine Weltsprache sollte angenommen und in allen Schulen und Institutionen der Welt unterrichtet werden. Ein von den nationalen Bildungseinrichtungen ernanntes Komitee sollte eine geeignete Sprache für die internationale Kommunikation auswählen. Alle müssen diese Sprache erlernen. Dies ist eine der wichtigen Voraussetzungen, um zur Einheit der Menschheit zu gelangen.63:20Zehntens betonte Bahá’u’lláh die Gleichberechtigung von Mann und Frau und führte sie ein. Verschiedene Geschlechter gibt es nicht nur bei Menschen; es gibt sie überall im Tier- und Pflanzenreich – aber ohne dass ein Geschlecht bevorzugt wird. Im Pflanzenreich gibt es völlige Gleichwertigkeit zwischen männlichen und weiblichen Exemplaren. Ebenso besteht Gleichberechtigung im Tierreich; alle stehen unter dem Schutz Gottes. Geziemt es dem Menschen, dass er, das edelste Geschöpf, eine solche Unterscheidung trifft und darauf besteht? Dass die Frau nicht vorankam und ihre Fähigkeiten nicht ausschöpfte, lag an der fehlenden Bildungs- und Chancengleichheit. Hätte man ihr die gleichen Rechte zugestanden, wäre sie zweifellos in ihren Fähigkeiten und ihrem Leistungsvermögen dem Manne ebenbürtig. Das Glück der Menschheit wird Wirklichkeit, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenwirken und voranschreiten, denn jeder ist Ergänzung und Helfer des anderen.63:21Die Menschheit kann nicht allein durch körperliche Kräfte und intellektuelle Leistungen vorankommen; entscheidend ist vielmehr der Heilige Geist. Der göttliche Vater muss der Menschenwelt helfen, zur Reife zu gelangen. Der Körper des Menschen braucht körperliche und geistige Energie, aber seine Seele braucht die Belebung und Stärkung durch den Heiligen Geist. Ohne seinen Schutz und seine Belebung würde die Menschenwelt ausgelöscht. Jesus Christus sagte: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Er sagte auch: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Nach den Worten Christi ist also offensichtlich, dass der menschliche Geist, der nicht durch die Gegenwart des Heiligen Geistes gestärkt wird, tot ist und durch eben diese göttliche Macht wiederbelebt werden muss; anders kann der Mensch, obwohl er materiell eine hohe Stufe erreicht hat, keinen vollständigen Fortschritt erreichen.
weiter nach unten ...