weiter nach oben ...
63:0_189Aufzeichnungen von Edna McKinney63:1Es freut mich sehr, heute Abend hier zu sein. Dies ist ein wirklich hochgeistiges Treffen. Ich nehme den Wohlgeruch des himmlischen Königreichs bei Ihnen wahr – Hingabe an Gott, aufrichtige Absichten und geistige Liebe. Das ist höchst erfreulich!63:2Seit der Erschaffung Adams bis zum heutigen Tag hat es für die Menschheit zwei Wege gegeben: den naturbezogenen oder materialistischen und den religiösen oder spirituellen. Der erste Weg, der der Natur, ist der Weg des Tierreiches. Das Tier handelt in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Natur, es folgt seinen eigenen Instinkten und Begierden. Was auch immer sein Antrieb und seine Vorlieben sein mögen, es hat die Freiheit, sie auszuleben; dennoch ist es ein Gefangener der Natur. Es kann nicht im Geringsten von dem Weg abweichen, den die Natur festgelegt hat. Jegliche Aufnahmefähigkeit für Geistiges fehlt ihm völlig; es weiß nichts von der göttlichen Religion oder vom Reich Gottes. Das Tier besitzt weder Vorstellungsvermögen noch bewussten Verstand; es ist ein Gefangener der Sinne und all dessen beraubt, was darüber hinaus geht. Es ist dem unterworfen, was das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, der Geschmack empfindet und der Tastsinn verrät. Diese Sinneswahrnehmungen passen zum Tier und genügen ihm. Was aber außerhalb der Sinneswahrnehmung liegt – die Erscheinungswelt, durch die der bewusste Weg zum Reich Gottes führt, die Welt der Geistigkeit und der göttlichen Religion –, davon weiß das Tier absolut nichts, denn auch auf seiner höchsten Entwicklungsstufe ist es ein Gefangener der Natur.63:3Es ist sehr befremdlich, dass die heutigen Materialisten stolz auf ihre angeborenen Instinkte und ihre Unfreiheit sind. Sie behaupten, dass nichts geglaubt und akzeptiert werden darf außer dem, was erfahrbar oder greifbar ist. Nach ihren eigenen Aussagen sind sie Gefangene der Natur und wissen nichts über die geistige Welt, das Reich Gottes und die Gaben des Himmels. Wenn das ein besonderer Vorzug ist, dann hat das Tier ihn im höchsten Maß erreicht, denn das Tier weiß absolut nichts über das Reich des Geistes und hat keinen Zugang zur inneren Welt der bewussten Erkenntnis. Das Tier würde dem Materialisten in der Ablehnung all dessen, was außerhalb der Sinne liegt, zustimmen. Wenn wir annehmen, es sei ein Vorzug, auf die Ebene der Sinne beschränkt zu sein, dann stünde das Tier über dem Menschen, denn ihm fehlt komplett das, was über die Sinnesebene hinausgeht, und es nimmt das Reich Gottes und seine Zeichen nicht wahr, während Gott in den Menschen eine grenzenlose Kraft gelegt hat, mit deren Hilfe er die Welt der Natur beherrschen kann.63:4Denken Sie darüber nach, wie alle anderen Dinge und Wesen der Erscheinungswelt Gefangene der Natur sind. Die Sonne, dieser gewaltige Mittelpunkt unseres Sonnensystems, die riesigen Sterne und Planeten, die hoch aufragenden Berge, selbst die Erde und ihre Reiche des Lebens unterhalb der menschlichen Stufe – sie alle sind Gefangene der Natur, mit Ausnahme des Menschen. Kein anderes Geschöpf kann sich auch nur im Geringsten den Naturgesetzen widersetzen. Die Sonne in ihrer Pracht und Größe, Millionen von Meilen von der Erde entfernt, wird auf ihrer Bahn im Orbit festgehalten, eine Gefangene der universell gültigen Naturgesetze. Der Mensch ist jedoch Herrscher über die Natur. Nach den Naturgesetzen und ihren Beschränkungen sollte er auf der Erde bleiben, aber seht, wie er diese Regel bricht und sich in Flugzeugen hoch über die Berge erhebt. Er kreuzt mit Schiffen auf dem Ozean und taucht in Unterseebooten in seine Tiefen. Der Mensch macht die Natur zu seiner Dienerin; beispielsweise zähmt er die mächtige Energie der Elektrizität und sperrt sie zu seinem Nutzen in eine kleine Lampe. Aus dem Osten spricht er durch einen Draht mit dem Westen. Er kann seine Stimme in einem Grammophon speichern und aufbewahren. Obgleich ein Erdenbewohner, durchdringt er doch die Geheimnisse unvorstellbar weit entfernter Sternenwelten. Er findet im Schoß der Erde verborgene Güter, legt Schätze frei, durchschaut die Geheimnisse der stofflichen Welt und bringt ans Licht, was nach den streng gehüteten Gesetzen der Natur verborgen, unbekannt und unergründlich bleiben sollte. Durch seine innere Vorstellungskraft bringt der Mensch diese Wahrheiten von der unsichtbaren auf die sichtbare Ebene. Dies steht im Gegensatz zu den Naturgesetzen.63:5Das verdeutlicht, dass der Mensch über die Domäne der Natur herrscht. Die Natur ist träge, der Mensch schreitet voran. Die Natur hat kein Bewusstsein, der Mensch ist damit begabt. Die Natur hat keinen Willen und funktioniert durch Zwang, während der Mensch einen mächtigen Willen besitzt. Die Natur ist unfähig, Geheimnisse und Wahrheiten zu entdecken, während der Mensch eigens dazu befähigt ist. Die Natur ist nicht in Kontakt mit dem Reich Gottes; der Mensch ist auf Seine Zeichen eingestimmt. Die Natur weiß nichts von Gott; der Mensch ist sich Seiner bewusst. Der Mensch erwirbt göttliche Tugenden; der Natur sind sie versagt. Der Mensch kann willentlich von seinen Lastern ablassen; die Natur hat keine Macht, den Einfluss ihrer Instinkte zu verändern. Alles in allem ist es offensichtlich, dass der Mensch edler und erhabener ist, dass in ihm eine geistige Kraft existiert, die über die Natur hinausgeht. Er hat Bewusstsein, Willen, Gedächtnis, Denkvermögen, göttliche Eigenschaften und Tugenden, von denen die Natur gänzlich ausgeschlossen ist. So steht der Mensch aufgrund der geistigen und himmlischen Kraft, die ihm innewohnt und in ihm offenbar ist, auf einer höheren und edleren Stufe.63:6Wie seltsam erscheint es da, dass der Mensch trotz dieser ihm geschenkten geistigen Macht auf eine Ebene unterhalb seiner eigenen hinabsteigen will und erklärt, er sei nicht größer als das, was deutlich niedriger ist als sein wahrer Rang. Gott hat in ihm einen so bewussten Geist geschaffen, dass er das wunderbarste unter allen erschaffenen Wesen ist. Wenn er diese Vorzüge missachtet, steigt er auf die materielle Ebene hinab, sieht in der Materie die beherrschende Kraft des Seins und leugnet, was über sie hinausgeht. Ist das ein Vorzug? Es ist ganz und gar tierisch, denn das Tier bringt nichts darüber hinaus zustande. So gesehen ist das Tier in Wahrheit der größere Philosoph, da es vom Reich Gottes keine Ahnung hat, keine spirituelle Empfänglichkeit besitzt und nichts von der himmlischen Welt weiß. Soweit ein Blick auf den Weg der Natur.63:7Der zweite Weg ist der Weg der Religion, der Pfad des göttlichen Königreichs. Dazu gehören die Entwicklung lobenswerter Eigenschaften, himmlische Erleuchtung und rechtschaffene Taten in der Menschenwelt. Dieser Weg trägt zum Fortschritt und zur Erbauung der Welt bei. Er ist die Quelle menschlicher Erleuchtung, der Erziehung und der Weiterentwicklung der Ethik – der Magnet für die Liebe Gottes, weil er uns das Wissen über Gott vermittelt. Das ist der Pfad der heiligen Manifestationen Gottes; denn Sie sind in Wahrheit die Grundlage der göttlichen Religion der Einheit. Auf diesem Weg gibt es weder Wechsel noch Wandel. Er ist die Ursache für die Veredelung der Menschen, die Aneignung himmlischer Tugenden und die Erleuchtung der Menschheit.63:8Doch leider ist die Menschheit völlig in blinde Nachahmung und bloße Einbildungen verstrickt, obwohl die Wahrheit der göttlichen Religion immer dieselbe geblieben ist. Abergläubische Vorstellungen haben die grundlegende Wahrheit verdeckt, die Welt hat sich verfinstert und das Licht der Religion ist nicht zu sehen. Dieses Dunkel führt zu Zwist und Streit. Es gibt vielerlei Riten und Dogmen, deshalb ist unter den religiösen Systemen Zwietracht entstanden, obwohl Religion zur Vereinigung der Menschheit bestimmt ist. Wahre Religion ist die Quelle von Liebe und Einvernehmen zwischen den Menschen und bewirkt die Entfaltung lobenswerter Eigenschaften; aber die Menschen halten sich an Fälschungen und Nachahmungen und missachten die einende Wahrheit; so bringen sie sich um das strahlende Licht der Religion. Sie folgen dem Aberglauben, den sie von ihren Vätern und Vorfahren übernommen haben. Das hat ein solches Ausmaß angenommen, dass sie das himmlische Licht der göttlichen Wahrheit beseitigt haben und in der Finsternis ihrer blinden Nachahmungen und Einbildungen verharren. Was eigentlich Leben hervorbringen sollte, führt jetzt zum Tod; was Wissen beweisen sollte, ist jetzt ein Ausdruck der Unwissenheit; was zur Erhabenheit der menschlichen Natur beitrug, führt jetzt zu ihrer Erniedrigung. So wurde die Welt der religiösen Menschen immer enger und dunkler und der Einflussbereich der Materialisten hat sich ausgedehnt und erweitert, denn die Anhänger der Religionen haben sich an Nachahmungen und Fälschungen gehalten und dabei die Heiligkeit und Wahrheit der Religion ignoriert und verworfen. Wenn die Sonne untergeht, beginnt der Flug der Fledermäuse. Sie kommen hervor, weil sie Geschöpfe der Nacht sind. Wenn das Licht der Religion nur noch schwach leuchtet, erscheinen die Materialisten. Sie sind die Fledermäuse der Nacht. Mit dem Niedergang der Religion kommt ihre aktive Zeit; sie suchen den Schatten auf, wenn sich die Welt verdunkelt und von Wolken bedeckt wird.63:9Bahá’u’lláh hat sich vom östlichen Horizont aus erhoben. Wie die Herrlichkeit der Sonne ist Er in die Welt gekommen. Er spiegelte die Wahrheit der göttlichen Religion, vertrieb die Finsternis blinder Nachahmungen, legte die Grundlage neuer Lehren und erweckte die Welt zu neuem Leben.63:10Die erste Lehre Bahá’u’lláhs ist das Erforschen der Wahrheit. Der Mensch muss eigenständig die Wahrheit suchen und sich nicht länger an Nachahmungen und Überlieferungen klammern. Da sich die Völker der Welt an Nachahmungen anstatt an die Wahrheit halten und da es viele verschiedene Nachahmungen gibt, führten die Glaubensunterschiede zu Kampf und Krieg. Solange es diese Nachahmungen gibt, ist die Einheit der Menschheit nicht erreichbar. Darum müssen wir die Wahrheit erforschen, damit ihr Licht die Wolken und die Finsternis vertreiben kann. Die Wahrheit ist eine einzige Wahrheit; man kann sie nicht teilen oder vervielfältigen. Wenn die Völker der Welt die Wahrheit erforschen, werden sie einer Meinung sein und sich vereinen. Viele Menschen und Sekten in Persien haben mittels der Führung und Lehre Bahá’u’lláhs die Wahrheit gesucht. Sie wurden vereint und leben jetzt in Einvernehmen und Liebe; bei ihnen gibt es nicht mehr die geringste Spur von Feindschaft und Streit.63:11Die Juden erwarteten voller Hingabe, mit Herz und Seele das Erscheinen des Messias, aber weil sie in blinder Nachahmung versunken waren, glaubten sie nicht an Jesus Christus, als Er erschien. Letztlich erhoben sie sich gegen Ihn, verfolgten Ihn sogar und vergossen Sein Blut. Hätten sie die Wahrheit erforscht, so hätten sie den ihnen verheißenen Messias angenommen. Diese blinden Nachahmungen und übernommenen Vorurteile bewirkten immer nur Bitterkeit und Hass und erfüllten die Welt mit der Dunkelheit und Gewalttätigkeit des Krieges. Deshalb müssen wir die zugrunde liegende Wahrheit suchen, um uns von solchen Zuständen zu befreien und dann mit leuchtendem Antlitz den Pfad zum Reich Gottes zu finden.63:12Die zweite Lehre Bahá’u’lláhs betrifft die Einheit der Menschheit. Alle sind Diener Gottes und Mitglieder einer einzigen menschlichen Familie. Gott hat alle erschaffen und alle sind Seine Kinder. Er erzieht alle, nährt alle, sorgt für alle und ist gütig zu allen. Warum sollten wir ungerecht und lieblos sein? Dies ist der Weg Gottes, das Licht, das die ganze Welt erleuchtet. Seine Sonne schenkt allen freigebig ihren Glanz; Seine Wolken senden Regen ohne Unterscheidung oder Bevorzugung herab; Seine Brisen erfrischen die ganze Erde. Offensichtlich ist die Menschheit ohne Ausnahme unter Seiner Gnade und Seinem Schutz geborgen. Einige sind mängelbehaftet; sie müssen vervollkommnet werden. Die Unwissenden müssen unterrichtet, die Kranken geheilt, die Schläfer geweckt werden. Das Kind darf nicht unterdrückt oder getadelt werden, weil es unentwickelt ist; es muss geduldig erzogen und ausgebildet werden. Die Kranken dürfen nicht wegen ihrer Krankheit benachteiligt werden; vielmehr müssen wir Mitleid mit ihnen haben und für ihre Heilung sorgen. Kurzum, die alten Zustände der Feindseligkeit, der Intoleranz und des Hasses zwischen den religiösen Systemen müssen beseitigt und die neuen Zustände der Liebe, des Einvernehmens und der geistigen Gemeinschaft müssen zwischen ihnen hergestellt werden.63:13Die dritte Lehre Bahá’u’lláhs besagt, dass Religion eine Quelle der Freundschaft, die Ursache für Einheit und für die Nähe Gottes zu den Menschen sein muss. Wenn sie Hass und Streit hervorruft, dann ist Religionslosigkeit offensichtlich vorzuziehen und ein Mensch ohne Religion ist besser als einer, der sich zu ihr bekennt. Nach Gottes Willen und Absicht sollte Religion die Ursache für Liebe und Einvernehmen sein, ein verbindendes Element, um die gesamte Menschheit zu vereinen, denn sie ist eine Botschaft des Friedens und des Wohlwollens von Gott an die Menschen.63:14Die vierte Lehre Bahá’u’lláhs ist der Einklang von Religion und Wissenschaft. Gott hat den Menschen mit Verstand und Vernunft begabt, weshalb dieser gefordert ist, die hinter den Fragen und Lehrsätzen liegende Wahrheit herauszufinden. Wenn religiöse Überzeugungen und Ansichten wissenschaftlichen Maßstäben widersprechen, sind sie nichts als Aberglaube und Einbildung; denn das Gegenteil von Wissen ist Unwissenheit, und das Kind der Unwissenheit ist der Aberglaube. Zweifellos müssen wahre Religion und Wissenschaft in Einklang stehen. Wenn etwas völlig widersinnig ist, dann ist es unmöglich, daran zu glauben und darauf zu vertrauen, und nichts anderes als Wankelmut und Unentschlossenheit sind das Ergebnis.63:15Bahá’u’lláh lehrte auch, dass Vorurteile – ob religiös, ethnisch, patriotisch oder politisch – die Grundlagen der menschlichen Entwicklung zerstören. Vorurteile jeglicher Art zerstören Glück und Wohlfahrt der Menschen. Solange sie nicht ausgeräumt sind, kann sich die Menschheit nicht weiterentwickeln. Dennoch sind rassistische, religiöse und nationalistische Vorbehalte überall zu beobachten. Seit Tausenden von Jahren wird die Menschheit von Vorurteilen aufgewühlt und verstört. Solange sie weiterbestehen, werden Krieg, Feindseligkeit und Hass andauern. Wenn wir also Frieden schaffen wollen, müssen wir dieses Hindernis beseitigen, andernfalls sind Eintracht und Ruhe nicht zu erreichen.63:16Sechstens brachte Bahá’u’lláh Leitlinien und Lehren für eine Neuordnung der Wirtschaft. Er hat Verordnungen offenbart, die die Wohlfahrt der Staatengemeinschaft sichern. So, wie der Reiche ein unbeschwertes Leben im Luxus genießt, muss auch der Arme ein Zuhause haben und seinen Bedürfnissen entsprechend mit einem Lebensunterhalt und Annehmlichkeiten versorgt werden. Diese Neuordnung der Sozialwirtschaft ist von größter Bedeutung, da sie die Stabilität der Menschenwelt sicherstellt, und solange dies nicht erfolgt, sind Glück und Gedeihen unmöglich.63:17Siebtens lehrte Bahá’u’lláh, dass ein einheitlicher Menschenrechtsstandard anerkannt und angenommen werden muss. In den Augen Gottes sind alle Menschen gleich; keine Seele genießt eine Sonderstellung oder einen Vorrang unter der Herrschaft Seiner Gerechtigkeit und Seiner Rechtsnormen.63:18Achtens: Erziehung ist wesentlich, und alle Standards für Bildung und Unterricht sollten überall auf der Welt in Einklang gebracht werden. Es sollte ein weltweiter Lehrplan eingeführt werden, und die ethischen Grundlagen sollten die gleichen sein.63:19Neuntens: Eine Weltsprache sollte angenommen und in allen Schulen und Institutionen der Welt unterrichtet werden. Ein von den nationalen Bildungseinrichtungen ernanntes Komitee sollte eine geeignete Sprache für die internationale Kommunikation auswählen. Alle müssen diese Sprache erlernen. Dies ist eine der wichtigen Voraussetzungen, um zur Einheit der Menschheit zu gelangen.63:20Zehntens betonte Bahá’u’lláh die Gleichberechtigung von Mann und Frau und führte sie ein. Verschiedene Geschlechter gibt es nicht nur bei Menschen; es gibt sie überall im Tier- und Pflanzenreich – aber ohne dass ein Geschlecht bevorzugt wird. Im Pflanzenreich gibt es völlige Gleichwertigkeit zwischen männlichen und weiblichen Exemplaren. Ebenso besteht Gleichberechtigung im Tierreich; alle stehen unter dem Schutz Gottes. Geziemt es dem Menschen, dass er, das edelste Geschöpf, eine solche Unterscheidung trifft und darauf besteht? Dass die Frau nicht vorankam und ihre Fähigkeiten nicht ausschöpfte, lag an der fehlenden Bildungs- und Chancengleichheit. Hätte man ihr die gleichen Rechte zugestanden, wäre sie zweifellos in ihren Fähigkeiten und ihrem Leistungsvermögen dem Manne ebenbürtig. Das Glück der Menschheit wird Wirklichkeit, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenwirken und voranschreiten, denn jeder ist Ergänzung und Helfer des anderen.63:21Die Menschheit kann nicht allein durch körperliche Kräfte und intellektuelle Leistungen vorankommen; entscheidend ist vielmehr der Heilige Geist. Der göttliche Vater muss der Menschenwelt helfen, zur Reife zu gelangen. Der Körper des Menschen braucht körperliche und geistige Energie, aber seine Seele braucht die Belebung und Stärkung durch den Heiligen Geist. Ohne seinen Schutz und seine Belebung würde die Menschenwelt ausgelöscht. Jesus Christus sagte: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Er sagte auch: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Nach den Worten Christi ist also offensichtlich, dass der menschliche Geist, der nicht durch die Gegenwart des Heiligen Geistes gestärkt wird, tot ist und durch eben diese göttliche Macht wiederbelebt werden muss; anders kann der Mensch, obwohl er materiell eine hohe Stufe erreicht hat, keinen vollständigen Fortschritt erreichen. Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in New York und Brooklyn11. bis 20. Juni 1912– 64 –64:0_19011. Juni 191264:0_191Ansprache in der offenen Ausschusssitzung
Haus von Herrn und Frau Edward B. Kinney
780 West End Avenue, New York64:0_192Aufzeichnungen von Howard MacNutt64:1Ich hoffe, dass die Treffen des Bahá’í-Rates in New York so werden, als würden die Höchsten Heerscharen selbst zusammenkommen. Wenn ihr zusammenkommt, müsst ihr das Licht des Himmelreichs widerspiegeln. Lasst eure Herzen wie Spiegel sein, in denen der Glanz der Sonne der Wahrheit zu sehen ist. Jedes Herz muss wie ein Telegraphenanschluss sein – ein Ende des Anschlusskabels ist mit der Seele verbunden, das andere mit den Höchsten Heerscharen –, damit Inspiration aus dem Königreich Abhá herabkommen kann und die Fragen, die die Wirklichkeit betreffen, diskutiert werden können. Dann werden die Meinungen mit der Wahrheit übereinstimmen; Tag für Tag wird es Fortschritte geben und die Treffen werden immer strahlender und geistiger werden. Voraussetzung dafür sind Einheit und Einigkeit. Je vollendeter Liebe und Einigkeit sind, desto mehr göttliche Bestärkungen und Beistand der Gesegneten Vollkommenheit werden herabkommen. Möge dies ein göttliches Treffen werden, und mögen unermessliche Segnungen auf euch herabkommen. Bemüht euch von ganzem Herzen und mit eurer ganzen Lebenskraft, dass Einheit und Liebe kontinuierlich wachsen. Orientiert euch bei euren Beratungen an der Wahrheit, ohne auf eurer Meinung zu beharren. Niemand sollte nur die eigene Meinung verfechten und auf ihr bestehen; vielmehr sollte jeder mit größter Liebe und Kameradschaft die Tatsachen prüfen. Beratet über jede Angelegenheit und wenn jemand den Standpunkt der Wahrheit selbst vertritt, wird das für alle annehmbar sein. Dann wird geistige Einheit unter Euch wachsen, individuelle Erleuchtung wird zunehmen, ihr werdet noch glücklicher und zufriedener sein und ihr werdet dem Reiche Gottes immer näher kommen. – 65 –65:0_19311. Juni 191265:0_194Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York65:0_195Aufzeichnungen von Howard MacNutt65:1Wir sind gerade von einem Besuch in Philadelphia zurückgekehrt, wo wir zweimal übernachtet und in zwei großen Kirchen gesprochen haben. Das Wetter war unfreundlich und hat meine Gesundheit angegriffen. Dieses Reisen hierhin und dorthin hat einen einzigen Zweck: das Licht der Wahrheit in dieser dunklen Welt zu verbreiten. In meinem Alter ist das Reisen beschwerlich. Manchmal lasten die Anstrengungen schwer auf mir, aber aus Liebe zu den Freunden Gottes und in dem Wunsch, mich auf dem Pfade Gottes zu opfern, nehme ich sie freudig auf mich. Der Zweck ist das erreichte Ziel – die Liebe und Einheit unter den Menschen. Denn die Welt ist verdunkelt durch Zwietracht und Selbstsucht, die Herzen sind nachlässig, die Seelen sind von Gott und Seinen himmlischen Gaben abgeschnitten. Der Mensch ist versunken in den Angelegenheiten dieser Welt. Seine Absichten, Ziele und Erfolge sind vergänglich, während Gott für ihn unsterbliche Errungenschaften wünscht. In seinem Herzen ist kein Gedanke an Gott. Er hat seinen Anteil und sein Geburtsrecht an göttlicher Geistigkeit aufgegeben. Begierde und Leidenschaft haben ihm wie zwei unkontrollierbare Pferde die Zügel entrissen und galoppieren wie toll in der Wildnis herum. Das ist die Ursache für den Niedergang der Menschheit. Das ist die Ursache der Rückentwicklung zu den Begierden und Leidenschaften des Tierreichs. Statt göttlichen Fortschritts finden wir die Fesseln sinnlicher Verhaftung und die Entwertung himmlischer Tugenden der Seele vor. Durch die Hingabe an die fleischliche, sterbliche Welt sinkt das menschliche Feingefühl auf die Ebene des Animalischen.65:2Wonach trachtet das Tier? Fressen, trinken, umherstreifen und schlafen. Darauf ist das Sinnen und Trachten der Tiere beschränkt. Sie sind in den Fesseln dieser Begierden gefangen. Der Mensch wird deren Gefangener und Sklave, wenn sein größtes Verlangen auf nichts Höheres gerichtet ist als auf sein Wohlergehen in dieser Welt der Sinne. Bedenkt, wie schwierig es für den Menschen ist, in dieser sterblichen Welt Vergnügen und Glück zu erlangen. Wie einfach ist es für das Tier! Schaut auf die Wiesen und Blumen, Felder und Bäche, Wälder und Berge. Die grasenden Tiere, die Vögel der Luft, die Fische erleiden weder Mühsal noch Entbehrungen; sie säen nicht, noch sorgen sie sich um die Ernte; sie haben keine Befürchtungen in Bezug auf Geschäfte oder Politik – keinerlei Ärger oder Sorgen. Alle Felder und Gräser, alle Obstwiesen, alles Getreide, alle Berghänge und Flüsse mit bekömmlichem Wasser gehören ihnen. Sie arbeiten nicht für ihren Lebensunterhalt und ihr Glück, weil alles zur Verfügung steht und ihnen ermöglicht wird. Wenn das Leben des Menschen auf diese irdische, materielle Sichtweise beschränkt ist, dann ist das Leben des Tieres hundertmal besser, einfacher und reicher an Wohlbefinden und Zufriedenheit. Das Tier ist edler, heiterer und zuversichtlicher, weil jede Stunde frei ist von Angst und Plage; der Mensch aber hetzt ruhelos und unzufrieden von morgens bis abends umher, befährt die Meere, taucht in Unterseebooten in seine Tiefen, fliegt in Flugzeugen hoch durch die Lüfte, durchforscht die tiefsten Schichten der Erde auf der Suche nach seinem Lebensunterhalt – alles mit größter Mühe, Sorge und Rastlosigkeit. Deshalb ist das Tier in dieser Hinsicht edler, heiterer, ausgeglichener und zuversichtlicher. Denkt an die Vögel in Forst und Wald: Sie bauen ihre Nester hoch in wogenden Baumkronen, bauen sie mit größter Geschicklichkeit und Schönheit; sie schaukeln und wiegen sich in der morgendlichen Brise, trinken klares, frisches Wasser, genießen die bezauberndsten Ausblicke, während sie hoch droben hierhin und dorthin fliegen und fröhlich singen – alles ohne Mühe, frei von Sorgen und Bedenken. Wenn sich das Leben des Menschen auf die rein körperliche Welt des Genusses beschränkt, ist eine Lerche edler und bewundernswerter als die gesamte Menschheit, denn ihr Lebensunterhalt steht bereit, ihre Lebensbedingungen sind ideal, ihre angeborenen Fähigkeiten sind vollkommen.65:3Aber das Leben des Menschen ist nicht so begrenzt; es ist göttlich und ewig, nicht vergänglich und auf die Sinne beschränkt. Ihm ist im göttlichen Schöpfungsplan ein geistiges Dasein und Auskommen bestimmt und bereitet. Sein Leben ist dazu bestimmt, ein Leben geistiger Freude zu sein, zu dem das Tier keinen Zugang hat. Diese Freude hängt von der Aneignung himmlischer Tugenden ab. Die Erhabenheit des Menschen besteht darin, zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Die Segnungen für den Menschen liegen im Empfang himmlischer Gaben, die durch die Freigebigkeit Gottes auf ihn herabströmen. Das Glück des Menschen liegt im Duft der Liebe Gottes. Das ist der höchste Gipfel dessen, was der Mensch auf dieser Welt erreichen kann. Wie sehr ist dies dem Tier und seinem Reich, das keine solche Hoffnung kennt, vorzuziehen!65:4Bedenkt daher, welch niedere Natur der Mensch an den Tag legt, wenn er sich – trotz der Gnadengaben, die Gott über ihn ergießt – auf die Ebene des Tieres erniedrigt, sich ausschließlich mit materiellen Bedürfnissen beschäftigt und, dem Reich des Vergänglichen verhaftet, sich einbildet, das größte Glück bestehe darin, in dieser Welt Reichtum zu erwerben. Wie sinnlos! Wie unwürdig ist eine solche Gesinnung! Gott hat den Menschen dazu erschaffen, eine Taube des Gottesreiches zu sein, eine himmlische Kerze, ein Empfänger ewigen Lebens. Gott hat den Menschen erschaffen, damit der Odem des Heiligen Geistes ihn belebe und er zum Licht der Welt werde. Wie verdorben ist die Seele, die sich an der Finsternis erfreuen kann, die nur mit sich selbst beschäftigt ist, gefangen im Selbst und der Leidenschaft, sich im Sumpf der materiellen Welt suhlt! Wie entartet ist ein solches Wesen! Welches Unwissen und welche Ignoranz! Was für eine Blindheit! Wie herrlich dagegen die Stufe des Menschen, der teilhat an der himmlischen Nahrung und den Tempel seines ewigen Wohnsitzes im Himmel errichtet hat!65:5Die Manifestationen Gottes sind in die Welt gekommen, um den Menschen von diesen Banden und Ketten einer materiellen Wesensart zu befreien. Obwohl Sie auf der Erde wandelten, lebten Sie im Himmel. Sie sorgten sich nicht um Ihren Lebensunterhalt und Ihr Wohlergehen in dieser Welt. Ihr Körper war unvorstellbarem Leiden ausgesetzt, aber Ihr Geist schwebte in den höchsten Gefilden der Verzückung. Der Zweck Ihres Kommens, Ihrer Lehre und Ihres Leidens war, den Menschen von sich selbst zu befreien. Sollen wir Ihren Spuren folgen und dem Gefängnis des Körpers entfliehen – oder weiterhin seiner Tyrannei unterworfen sein? Sollen wir dem Phantom vergänglichen Glücks nachjagen, das nicht existiert, oder uns dem Baum des Lebens und dem Genuss seiner ewigen Früchte zuwenden?65:6Ich bin in fortgeschrittenem Alter in dieses Land gekommen und habe wegen meiner übergroßen Liebe zu den Freunden Gottes gesundheitliche und klimabedingte Probleme auf mich genommen. Ich wünsche, dass euch dabei geholfen wird, Diener des himmlischen Reiches zu werden, Gefangene im Dienst für den Willen Gottes. Diese Gefangenschaft ist Freiheit; dieses Opfer ist Verherrlichung; diese Mühe ist Lohn; diese Bedrängnis ist ein Geschenk. Denn der Dienst aus Liebe zur Menschheit ist Einklang mit Gott. Wer dient, ist schon ins Gottesreich gelangt und sitzt zur Rechten seines Herrn. – 66 –
weiter nach unten ...