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69:6Und schließlich gibt es die göttliche Einheit oder Wesenheit, die über jedes menschliche Begreifen erhaben ist. Sie kann weder verstanden noch erfasst werden, denn sie ist eine grenzenlose Wirklichkeit und kann nicht eingegrenzt werden. Der menschliche Geist ist nicht fähig, diese Wirklichkeit zu umfassen, weil alle diesbezüglichen Gedanken und Vorstellungen begrenzte Schöpfungen des Verstandes sind und nicht die Wirklichkeit des Göttlichen Wesens, die allein sich selbst erkennt. Wenn wir uns zum Beispiel das Göttliche als ein lebendiges, allmächtiges, selbstbestehendes, ewiges Sein vorstellen, so ist das nur eine verstandesmäßige Vorstellung, wie sie ein menschliches Wesen begreifen kann. Es wäre nicht die äußere, sichtbare Wirklichkeit – diese zu begreifen oder zu umfassen übersteigt die Kraft des menschlichen Verstandes. Wir selbst haben ein äußerliches, sichtbares Dasein; aber sogar davon ist unsere Vorstellung nur das Produkt unseres eigenen Gehirns und unseres begrenzten Verständnisses. Die Wirklichkeit des Göttlichen ist über diese Stufe des Wissens und der Erkenntnis geheiligt. Sie war allezeit verborgen und verschlossen in ihrer eigenen Heiligkeit, jenseits unseres Begreifens. Aber obwohl sie unser Verstehen übersteigt, sind doch ihr Licht, ihre Gaben, Spuren und Tugenden in der Wirklichkeit der Propheten offenbar geworden, so wie die Sonne in verschiedenen Spiegeln erstrahlt. Diese heiligen Wesen sind wie Spiegel und das Wesen des Göttlichen ist wie die Sonne, die – auch wenn sie von den Spiegeln reflektiert wird und darin ihre Kräfte und Vollkommenheit erstrahlen – doch nicht von ihrer erhabenen, herrlichen Stufe herniedersteigt und in den Spiegeln Obdach sucht; sie bleibt in ihrem Himmel der Heiligkeit. Man kann allenfalls sagen, dass ihr Licht in diesen Spiegeln oder Manifestationen offenkundig und sichtbar wird. Deshalb sind die Gaben, die von diesen Spiegeln ausgehen, ein und dieselbe Gnadengabe, aber die Empfänger dieser Gnadengabe sind viele. Das ist die Einheit Gottes; das ist Einzigkeit – Einheit des Göttlichen, geheiligt über Aufstieg oder Abstieg, über Menschwerdung, Begreifen oder menschliche Vorstellung – göttliche Einheit. Ihr Spiegel sind die Propheten; ihr Licht wird durch Sie offenbart; ihre Tugenden erstrahlen in Ihnen, aber die Sonne der Wahrheit steigt niemals herab von ihrem höchsten Punkt und ihrer eigenen Stufe. Das ist Einheit, Einzigkeit, Heiligkeit; das ist der Lobpreis, durch den wir Gott preisen und anbeten.69:7O mein Gott! O mein Gott! Wahrlich, dies sind Diener an der Schwelle Deiner Barmherzigkeit und Dienerinnen an der Tür Deiner Einheit und Einzigkeit. Wahrlich, sie haben sich in dieser Kirche versammelt, um sich Deinem Antlitz der Herrlichkeit zuzuwenden, sich am Saum Deines Gewandes und an Deiner Einzigartigkeit festzuhalten, Dein Wohlgefallen zu suchen und in Dein Königreich aufzusteigen. Sie empfangen in diesem herrlichen Jahrhundert den Strahlenglanz der Sonne der Wahrheit und sehnen sich in allen bedeutenden Angelegenheiten nach Deinem Wohlwollen. O Herr! Erleuchte ihre Augen durch den Anblick Deiner Zeichen und Deines Reichtums und erquicke ihre Ohren durch Dein Wort. Erfülle ihre Herzen mit Deiner Liebe und erfreue ihren Geist durch die Begegnung mit Dir. Verleihe ihnen in Deiner Huld auf Erden und im Himmel geistige Güter und mache sie zu Zeichen der Einheit unter Deinen Dienern, damit wahre Einheit erscheine und alle in Deiner Sache und Deinem Königreich eins werden mögen. Wahrlich, Du bist der Freigebige. Wahrlich, Du bist der Mächtige, der Geistige. Du bist der Barmherzige, der Gnädige.69:8(Zu den Kindern in der Sonntagsschule)69:9Ich bin froh, diese aufgeweckten, strahlenden Kinder zu sehen. So Gott will, werden sie alle die Hoffnungen und Erwartungen ihrer Eltern erfüllen.69:10Preis sei Gott! Vor mir sehe ich diese wunderbaren Kinder des Königreiches. Ihre Herzen sind rein, ihre Gesichter strahlen. Bald werden sie die Söhne und Töchter des Königreichs. Dank sei Gott! Sie bemühen sich, Tugenden zu erlangen, und werden die Vortrefflichkeit der Menschheit bewirken. Das ist die Ursache der Einheit im Königreich Gottes. Preis sei Gott! Sie haben gütige und verehrte Lehrer, die sie gut ausbilden und erziehen und die Beistand ersehnen, damit diese Kinder, so Gott will, wie zarte Pflanzen im Garten Gottes von den Regenschauern aus den Wolken der Barmherzigkeit erfrischt werden, wachsen und gedeihen. Mögen sie schließlich höchst vollkommene, köstliche Früchte hervorbringen.69:11Ich flehe zu Gott, dass diese Kinder unter Seinem Schutz heranwachsen mögen und durch Seine Gunst und Gnade genährt werden, bis alle wie schöne Blumen im Garten menschlicher Hoffnungen und menschlichen Strebens erblühen und Wohlgeruch verströmen.69:12O Gott! Erziehe diese Kinder. Sie sind die Pflanzen Deines Haines, die Blumen Deiner Aue, die Rosen Deines Gartens. Lass Deinen Regen auf sie niedergehen; lass die Sonne der Wahrheit Deine Liebe auf sie scheinen. Lass Deinen Windhauch sie erfrischen, damit sie erzogen werden, wachsen, gedeihen und sich in strahlender Schönheit entfalten. Du bist der Schenkende. Du bist der Mitleidvolle. – 70 –70:0_20816. Juni 191270:0_209Ansprache im Haus von Herrn und Frau Howard MacNutt
935 Eastern Parkway, Brooklyn, New York70:0_210Aufzeichnungen von Esther Foster70:1Dies ist eine großartige Zusammenkunft, eine Versammlung der Dienerinnen des Barmherzigen und der Geliebten Gottes. Immer wenn es solche Versammlungen auf dieser Welt gab, hatte das höchst bedeutsame Auswirkungen. Sie haben die Welt der Herzen und Gedanken beeinflusst. Wo immer in der Nacht eine Lampe angezündet wird, werden ganz selbstverständlich Menschen angezogen und versammeln sich um sie. Wenn ihr eine Versammlung wie diese seht, dann wisset, dass da ein Licht ist, das die Dunkelheit erhellt. Es gibt Lampen, deren Licht begrenzt ist. Es gibt Lampen, deren Licht unbegrenzt ist. Es gibt Lampen, die bloß einen kleinen Fleck anstrahlen, und Lampen, die die Horizonte erhellen. Die Lampe der Führung Gottes hat, wo auch immer sie aufleuchtete, ihre Strahlen über Ost und West ergossen. Preis sei Gott! Sie wurde in diesem Land entzündet; Tag für Tag strahlt sie heller und ihr Glanz verbreitet sich weiter. Das ist jetzt noch nicht bekannt, aber später werden ihre Spuren offensichtlich werden. Denkt an die Tage Christi, als das Licht der Führung zwölf Herzen erleuchtete. Wie begrenzt es zunächst erschien, doch wie hat es sich später verbreitet und die Welt erleuchtet! Ihr seid eine kleine Schar, aber weil die Lampe der Führung in euren Herzen entzündet wurde, werden die Auswirkungen in den kommenden Jahren wunderbar sein. Es ist offensichtlich, dass die Welt durch dieses Licht erleuchtet werden wird; darum müsst ihr Gott danken, dass – Preis sei Gott! – durch Seine Gnade und Gunst die Lampe der Größten Führung in euren Herzen entzündet wurde und Er euch zu Seinem Reich gerufen hat. Er hat dafür gesorgt, dass der Ruf der himmlischen Heerscharen eure Ohren erreichte. Die Türen des Himmels wurden für euch geöffnet. Die Sonne der Wahrheit scheint auf euch, die Wolken der Barmherzigkeit regnen herab und die Brisen der Vorsehung durchwehen eure Seelen. Die Gabe ist zwar groß und die Gnade herrlich – trotzdem sind Bereitschaft und Aufnahmefähigkeit erforderlich. Ohne Aufnahmefähigkeit und Bereitschaft werden die göttlichen Gnadengaben nicht greifbar und sichtbar werden. Wie viel die Wolke auch regnet, die Sonne scheint und die Winde wehen, auf einem unfruchtbaren Boden wird nichts wachsen. Der Boden hingegen, der rein und frei ist von Dornen und Disteln, ist empfänglich und wird durch den Regen aus der Wolke der Gnade Frucht hervorbringen. Wie sehr die Sonne auch scheinen mag, auf einen dunklen Felsen wird sie keinen Einfluss haben, aber in einem reinen, polierten Spiegel wird ihr Licht erstrahlen. So müssen wir die Aufnahmefähigkeit entwickeln, damit die Zeichen der Gnade des Herrn in uns offenbar werden. Wir müssen uns bemühen, den Grund des Herzens von nutzlosem Unkraut zu befreien und von den Dornen wertloser Gedanken zu heiligen, damit die Wolken der Gnade uns mit ihrer Kraft beschenken. Die Tore Gottes sind offen, aber wir müssen bereit und fähig sein, einzutreten. Das Meer der göttlichen Vorsehung wogt, aber wir müssen schwimmen können. Die Gaben des Allmächtigen steigen aus dem Himmel der Gnade hernieder, aber es kommt auf die Fähigkeit an, sie empfangen zu können. Der Quell göttlicher Großmut sprudelt unaufhörlich, aber wir müssen nach dem lebendigen Wasser dürsten. Solange da kein Durst ist, kann das erfrischende Wasser ihn nicht stillen. Solange die Seele nicht hungert, werden die köstlichen Speisen der himmlischen Tafel sie nicht sättigen. Solange die Augen der Erkenntnis nicht geöffnet werden, wird das Licht der Sonne nicht erblickt. Solange die Nase nicht frei ist, wird der Duft des göttlichen Rosengartens nicht wahrgenommen. Solange das Herz nicht von Sehnsucht erfüllt ist, wird die Gunst des Herrn nicht sichtbar sein. Solange keine vollkommene Melodie gesungen wird, werden die Zuhörer nicht aufhorchen. Darum müssen wir uns Tag und Nacht bemühen, die Herzen von allen Schlacken zu reinigen, die Seelen über jede Begrenzung zu heiligen und frei zu werden von den Zwistigkeiten der Menschenwelt. Dann werden die göttlichen Gaben in ihrer Fülle und Herrlichkeit offenkundig. Wenn wir uns nicht bemühen und uns nicht von den Mängeln und schlechten Eigenschaften der menschlichen Natur heiligen, werden wir an den Gaben Gottes keinen Anteil haben. Es ist, als würde die Sonne in ihrer vollen Pracht scheinen, aber von den Herzen, schwarz wie Stein, würde kein Schimmer zurückgeworfen. Wenn ein Meer voll erquickendem Wasser wogt, wir aber nicht durstig sind, welchen Nutzen haben wir dann davon? Wenn die Kerze brennt, wir aber keine Augen haben, welche Freude bringt es uns? Wenn melodische Hymnen sich zu den Himmeln erheben, wir aber taub sind, wie können wir das dann genießen?70:2Darum müssen wir uns stets bemühen, Gott anrufen und flehen und das Reich Gottes beschwören, uns umfassende Fähigkeiten zu gewähren, damit die Gaben Gottes in uns enthüllt und sichtbar werden. Und sobald wir diese himmlischen Gaben erlangen, sollen wir unsere Dankbarkeit an der Schwelle der Einzigkeit darbringen. Dann werden wir uns beim Herrn darüber freuen, dass wir in diesem wunderbaren Jahrhundert und in dieser herrlichen Zeit unter dem Schutz des Reiches Gottes in den Genuss dieser Gaben gekommen sind, und werden uns voll Lob und Dank erheben. Deshalb mahne ich zuerst mich selbst und bitte euch dann inständig, diese große Gabe wertzuschätzen, diese größte Führung anzuerkennen und diese Gaben des Herrn anzunehmen. Ihr müsst Tag und Nacht danach streben, würdig zu werden, einen großzügigen Anteil an diesen Gaben zu erhalten und die volle Aufnahmefähigkeit dafür zu erlangen. Preis sei Gott! Eure Herzen sind erleuchtet, eure Gesichter sind dem Reich Gottes zugewandt. Ich hoffe, dass alle diese Stufen erreicht werden und die Freunde einen Stand erreichen, der Vorbild und Ansporn für alle Freunde weltweit ist. Möge sich die Liebe zu Gott von hier aus weiter und weiter verbreiten; möge die Erkenntnis Gottes von diesem Ort aus weithin ausstrahlen; mögen geistige Kräfte hier wirksam werden; möge das Licht des Königreichs scheinen; mögen sich hier verständige Seelen finden, die sich mit ganzer Kraft dem Dienst Gottes hingeben und die Einheit der Menschenwelt und die Sache des Größten Friedens fördern. Mögen diese Seelen brennende Kerzen und fruchttragende Bäume sein; mögen sie Perlen in den Muscheln der Vorsehung und Sterne des Himmels sein. Darum flehe ich zu Gott. Meine Bitte an die Abhá-Schönheit ist, dass Er euch alle in das Meer Seiner Gnade tauchen möge.70:3(Danach, von Zahlen sprechend)70:4Solche Vermutungen bezüglich Glücks- oder Unglückszahlen sind pure Einbildung. Der Aberglaube bezüglich der Dreizehn hatte seinen Ursprung in der Tatsache, dass Jesus Christus von zwölf Jüngern umgeben war und Judas Ischariot das dreizehnte Mitglied ihrer Gemeinschaft war. Das ist der Ursprung dieses Aberglaubens, aber es ist bloß eine Einbildung. Judas war zwar äußerlich gesehen ein Jünger, aber er war es nicht in Wirklichkeit. Zwölf ist ursprünglich die Zahl der Bedeutung und Vollendung. Jakob hatte zwölf Söhne, von denen zwölf Stämme abstammen. Die Jünger Jesu waren zwölf; die Imáme Muḥammads waren zwölf. Die Tierkreiszeichen sind zwölf; die Monate des Jahres sind zwölf, und so weiter.70:5Die Geheimnisse der Heiligen Bücher wurden in der Offenbarung Bahá’u’lláhs erklärt. Bevor Er erschien, verstand man diese Geheimnisse nicht. Bahá’u’lláh enthüllte und entsiegelte diese Mysterien. Es war mein Wunsch, heute für dieses Treffen hierherzukommen. – 71 –71:0_21116. Juni 191271:0_212Ansprache in der Central Congregational Church
Hancock Street, Brooklyn, New York71:0_213Aufzeichnungen von Esther Foster71:1Dies ist eine beeindruckende Kirche und eine wunderbare Gemeinde, denn – Preis sei Gott! – es ist ein Haus der Andacht, in dem Gewissensfreiheit herrscht. Jedes Glaubensbekenntnis und jedes religiöse Bestreben kann hier völlig frei zum Ausdruck gebracht werden. Wie in der Welt der Politik Gedankenfreiheit erforderlich ist, so sollte es auch in der Welt der Religion das Recht auf individuelle Glaubensfreiheit geben. Denken Sie an den großen Unterschied zwischen moderner Demokratie und den alten Herrschaftsformen der Willkür und Tyrannei. Unter einer autokratischen Regierung gibt es keine Meinungsfreiheit für die Menschen und Entwicklung wird unterdrückt, während in der Demokratie die größten Fortschritte zu verzeichnen sind, weil Denken und Meinungsäußerung nicht eingeschränkt sind. Ähnliches gilt für die Welt der Religion. Wenn Gewissensfreiheit, Gedankenfreiheit und Redefreiheit herrschen, das heißt, wenn jeder gemäß seinen Idealen seiner eigenen Überzeugung Ausdruck verleihen kann, sind Entwicklung und Wachstum unausweichlich. Darum ist dies hier eine gesegnete Kirche, denn ihre Kanzel steht jeder Religion offen und die jeweiligen Ideale können frei und offen dargelegt werden. Aus diesem Grund bin ich Hochwürden äußerst dankbar; ich erkenne in ihm in der Tat einen Diener der Einheit der Menschheit.71:2Die heiligen Manifestationen, die Ursprung und Stifter der verschiedenen religiösen Systeme waren, sind in ihrer Absicht und in ihren Lehren eins und stimmen miteinander überein. Abraham, Moses, Zarathustra, Buddha, Jesus, Muḥammad, der Báb und Bahá’u’lláh sind eins in Geist und Wesen. Überdies erfüllte jeder Prophet die Verheißung Dessen, Der Ihm vorausgegangen war und ebenso kündigte Jeder Den an, Der nach Ihm kommen sollte. Bedenken Sie, wie Abraham Moses Kommen vorausgesagt und Moses die abrahamitischen Darlegungen verkörpert hat. Moses prophezeite den messianischen Zyklus, und Christus erfüllte Moses Gesetz. So ist offensichtlich, dass die heiligen Manifestationen, die Stifter der religiösen Systeme, einig sind und übereinstimmen; Ihre Sendung und Ihre Lehren weisen keine Unterschiede auf; Sie alle sind Spiegel der Wahrheit und alle verkünden die Religion Gottes. Die göttliche Religion ist die Wahrheit, und es gibt keine Vielzahl von Wahrheiten, sondern nur eine einzige. Daher sind die Grundlagen der religiösen Systeme eins, weil alle von der unteilbaren Wahrheit ausgehen; aber die Anhänger dieser Systeme haben sich zerstritten; Zwietracht, Streit und Krieg sind zwischen ihnen ausgebrochen, denn sie haben die Grundlage aufgegeben und halten sich an bloßer Nachahmung und leeren Riten fest. Weil diese Nachahmungen voneinander abweichen, sind Uneinigkeit und Feindschaft entstanden. So hat zum Beispiel Jesus Christus – möge mein Geist ein Opfer für Ihn sein – die Grundlage ewiger Wahrheit gelegt, aber nach Seinem Hinscheiden entstanden in der Christenheit viele Sekten und Abspaltungen. Wie ist es dazu gekommen? Es besteht kein Zweifel, dass sie aus den Dogmen der Nachahmungen entstanden sind, denn die Grundlage Christi war die Wahrheit selbst, in der es keine Widersprüche gibt. Wo solche Verfälschungen aufkamen, bildeten sich Sekten und Konfessionen.71:3Wenn die Christen aller Richtungen und Konfessionen die Wahrheit erforschen, werden die grundlegenden Lehren Christi sie wieder vereinigen. Keine Feindschaft, kein Hass wird verbleiben, weil sie alle von der Wahrheit selbst angeleitet werden. Wenn sich ebenso im größeren Rahmen alle bestehenden religiösen Systeme von angestammten Nachahmungen abwenden, die Wahrheit erforschen und die wahre Bedeutung der Heiligen Bücher zu ergründen suchen, dann werden sie sich auf derselben Grundlage, der Wahrheit selbst, zusammenschließen und einig sein. Solange sie jedoch verfälschten Lehrsätzen oder Nachahmungen folgen statt der Wahrheit, werden Feindseligkeit und Uneinigkeit fortbestehen und zunehmen. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen. Moses und die Propheten Israels kündigten die Ankunft des Messias an, nutzten dazu jedoch die Sprache der Symbole. Als Christus erschien, lehnten die Juden Ihn ab, obwohl sie Sein Erscheinen erwarteten und in ihren Tempeln und Synagogen flehten und wehklagten: »O Gott, beschleunige das Kommen des Messias!« Warum wiesen sie Ihn zurück, als Er Sich erklärte? Weil sie überkommenen Formen und Auslegungen folgten und blind waren für die Wirklichkeit Christi. Die inneren Bedeutungen der Heiligen Schrift hatten sie nicht begriffen. Sie hielten Ihm ihre Einwände entgegen und sagten: »Ja, wir erwarten Christus, aber Sein Kommen hängt von der Erfüllung bestimmter prophetischer Verheißungen ab. Zu den Zeichen Seines Erscheinens gehört, dass Er von einem unbekannten Ort kommen wird, während dieser, der beansprucht der Messias zu sein, aus Nazareth stammt. Wir kennen sein Zuhause und seine Mutter.71:4Ein zweites messianisches Zeichen ist, dass Sein Zepter ein eiserner Stab sein soll, aber dieser Christus hat nicht einmal einen Stock aus Holz.71:5Drittens: Er sollte auf dem Throne Davids sitzen, wohingegen dieser messianische König in tiefster Armut lebt und nicht einmal eine Matte besitzt.71:6Viertens: Er sollte den Osten und den Westen erobern. Diese Person hat nicht einmal ein Dorf erobert. Wie kann er der Messias sein?71:7Fünftens: Er sollte die Gesetze der Bibel verkünden. Er hat es nicht nur versäumt, die Gesetze der Bibel zu verbreiten, er hat vielmehr sogar das Gesetz des Sabbats gebrochen.71:8Sechstens: Der Messias soll alle in Palästina versprengt lebenden Juden sammeln und ihnen Ehre und Ansehen zurückgeben, aber dieser hat die Juden erniedrigt, statt sie aufzubauen.71:9Siebtens: Während Seiner Herrschaft sollten sich sogar die Tiere an Segen und Wohlergehen erfreuen, denn nach den prophetischen Texten sollte Er in einem so universellen Ausmaß Frieden schaffen, dass Adler und Wachtel zusammenleben, Löwe und Hirsch auf derselben Wiese grasen und Wolf und Lamm sich auf derselben Weide zur Ruhe legen. Im Menschenreich sollte Krieg völlig aufhören, Speere sollten in Sicheln und Schwerter in Pflugscharen umgearbeitet werden. Nun sehen wir, dass in den Tagen dieses ›Möchtegern-Messias‹ solches Unrecht herrscht, dass sogar er selbst geopfert wurde. Wie könnte er da der verheißene Christus sein?«71:10Und so sprachen sie in schändlicher Weise über Ihn.71:11Da nun die Juden im Meer überkommener Nachahmungen versunken waren, konnten sie die Bedeutung dieser Prophezeiungen nicht verstehen. All die Worte der Propheten waren erfüllt, aber da die Juden hartnäckig an überlieferten Auslegungen festhielten, verstanden sie die tieferen Bedeutungen der Heiligen Schrift nicht; darum wiesen sie Jesus Christus, den Messias, zurück. Der Sinn der prophetischen Worte lag nicht in der äußeren oder wörtlichen Bedeutung, sondern in der inneren symbolischen Bedeutung. Es wurde ja zum Beispiel vorausgesagt, dass der Messias von einem unbekannten Ort kommen sollte. Dies bezog sich nicht auf den Ort der körperlichen Geburt Jesu. Es bezieht sich auf das Wesen Christi, das heißt, dass die Wirklichkeit Christi aus dem unsichtbaren Reich erscheinen sollte; denn die göttliche Wirklichkeit Christi ist erhaben und geheiligt über jeden Ort.71:12Sein Schwert sollte ein eisernes Schwert sein. Das bezog sich auf Seine Zunge, die Wahres von Falschem scheiden sollte; mit diesem mächtigen Schwert sollte Er das Reich der Herzen erobern. Er eroberte nicht durch die physische Kraft eines eisernen Stabes – Er eroberte den Osten und den Westen mit dem Schwert Seiner Rede.71:13Er saß auf dem Throne Davids, aber Seine Herrschaft war weder die Herrschaft eines Napoleon noch das vergängliche Reich eines Pharao. Das Königreich Christi war unvergänglich und ewig im Himmel des göttlichen Willens.71:14Mit der Verkündigung der Gesetze der Bibel war die Wahrheit des mosaischen Gesetzes gemeint. Das Gesetz des Sinai ist die Grundlage der christlichen Wahrheit. Christus verkündete es und verlieh ihm eine höhere, geistige Ausprägung.71:15Er eroberte und unterwarf den Osten und den Westen. Seine Eroberung erfolgte durch den Odem des Heiligen Geistes, der alle Grenzen beseitigte und von allen Horizonten erstrahlte.71:16Gemäß der Prophezeiung sollten an Seinem Tag Wolf und Lamm aus derselben Quelle trinken. Das wurde in Christus verwirklicht. Die Quelle, auf die Bezug genommen wurde, war das Evangelium, aus dem das Wasser des Lebens sprudelt. Wolf und Lamm sind gegensätzliche und verfeindete Völker, die durch diese Tiere symbolisiert werden. Ein Zusammenschluss und Umgang miteinander waren unmöglich; aber als sie an Jesus Christus glaubten, wurden sie, die früher wie Wölfe und Lämmer waren, durch die Worte des Evangeliums vereint.71:17Damit ist klar, dass der Sinn aller Prophezeiungen komplett erfüllt wurde; aber weil die Juden in überlieferten Nachahmungen gefangen waren und die wirkliche Bedeutung dieser Worte nicht verstanden, wiesen sie Christus zurück, ja, sie gingen so weit, Ihn zu kreuzigen. Sehen Sie nur, wie schädlich Nachahmung ist. Weil die Juden an diesen von Vätern und Vorfahren überlieferten Auslegungen festhielten, blieben sie ausgeschlossen.71:18Es ist also klar, dass wir alle derartigen Nachahmungen und Glaubensvorstellungen aufgeben müssen, damit wir diesen Fehler nicht wiederholen. Wir müssen die Wahrheit erforschen, selbstsüchtige Vorstellungen ablegen und Gerüchte aus unserem Denken verbannen. Die Juden betrachten Christus als Moses Feind, während Christus im Gegenteil Moses Wort vorangebracht hat. Er verbreitete den Namen Moses überall in Ost und West. Er verkündete Moses Lehren. Wäre Christus nicht gewesen, ihr hättet den Namen Moses niemals gehört, und wäre die messianische Offenbarung nicht in Christus erschienen, hätten wir das Alte Testament nicht erhalten.71:19Die Wahrheit ist, dass Christus das mosaische Gesetz erfüllt und Moses in jeder Hinsicht anerkannt hat; aber die Juden, verblendet von Nachahmungen und Vorurteilen, betrachteten Ihn als Moses Feind.71:20Zu den großen religiösen Systemen der Welt gehört der Islám. Etwa dreihundert Millionen Menschen gehören ihm an. Seit über tausend Jahren gibt es Feindschaft und Streit zwischen Muslimen und Christen aufgrund von Missverständnissen und geistiger Blindheit. Wenn Vorurteile und Verfälschungen aufgegeben würden, gäbe es keinerlei Feindschaft zwischen ihnen, und diese hunderte Millionen zerstrittenen Religionsanhänger würden die Menschenwelt mit ihrer Einheit schmücken.
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