‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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80:8
Unter diesen Sendschreiben war ein sehr langes, an den Sháh von Persien gerichtetes. Es wurde gedruckt und in allen Ländern verbreitet. Dieses Sendschreiben wurde im Jahr 1870 offenbart. Darin ermahnte Bahá’u’lláh den Sháh von Persien, zu allen seinen Untertanen gütig zu sein, forderte ihn auf, Gerechtigkeit walten zu lassen, riet ihm, keinen Unterschied zwischen den Religionen zu machen, und verlangte von ihm, Juden, Christen, Muslime und Zoroastrier gleich zu behandeln und die in seinem Land herrschende Unterdrückung zu beseitigen.
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Damals wurden die Juden in Persien schwer unterdrückt. Bahá’u’lláh empfahl insbesondere, dass ihnen Gerechtigkeit erwiesen werde, indem Er sagte, alle Menschen seien Diener Gottes und sollten in den Augen der Regierung gleich geachtet werden. »Wenn keine Gerechtigkeit geübt wird, wenn diese Unterdrückung nicht beseitigt wird und wenn du Gott nicht gehorchst, dann werden die Grundfesten deiner Regentschaft zusammenbrechen und du selbst wirst dahinschwinden, zu einem Nichts werden. Du solltest alle Gelehrten versammeln und dann Mich vorladen. Ich werde da sein. Ich werde dann Fakten und Beweise für die Gültigkeit Meines Anspruchs vorlegen. Ich werde Meine Beweise und alles, wonach ihr fragen mögt, darlegen. Ich bin bereit. Aber wenn diesem Buch keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, wirst du genauso vergehen wie die Könige, die dahinschwanden.« Der Sháh antwortete nicht auf dieses Sendschreiben der Gesegneten Vollkommenheit. Daraufhin vernichtete Gott die Grundlagen seiner Herrschaft.
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Unter jenen, denen Bahá’u’lláh schrieb, war der Sulṭán der Türkei. In dem Schreiben klagte Er ihn mit folgenden Worten an: »Wahrlich, du hast Mich eingesperrt und zu einem Gefangenen gemacht. Denkst du, Gefangenschaft sei für Mich Erniedrigung oder Schmach? Diese Gefangenschaft ist Mein Ruhm, weil Ich sie auf dem Pfade Gottes erdulde. Ich habe keine Straftat begangen. Für Gott habe Ich diese Leiden auf Mich genommen. Deshalb bin Ich sehr glücklich und von übergroßer Freude erfüllt. Aber warte nur: Du wirst deine Strafe und Vergeltung von Gott erhalten. Bald wirst du erleben, wie Qual und Leid auf dich herabkommen wie Regen, und du wirst vergehen.« Und genau so geschah es auch.
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Gleichermaßen sandte Er Botschaften an die anderen Könige und gekrönten Häupter der Erde und rief sie alle zu Liebe, Gerechtigkeit, internationalem Frieden und zur Einheit der Menschheit auf, damit alle Menschen sich zusammenschließen und einig werden, sodass Zwist, Aufruhr und Kriege aufhören, Verbitterung und Feindschaft verschwinden und alle sich erheben, dem einen Gott zu dienen.
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Kurzum, zwei Könige erhoben sich gegen Bahá’u’lláh: der Sháh von Persien und der Sulṭán der Türkei. Sie kerkerten Ihn in der Festung von ‘Akká ein, um Sein Licht auszulöschen und Seine Sache zu zerschlagen. Aber aus dem Gefängnis schrieb Bahá’u’lláh ihnen Briefe mit schweren Anschuldigungen. Er erklärte, dass Ihn die Gefangenschaft nicht aufhalte. Er sagte: »Diese Gefangenschaft wird sich als Mittel für die Förderung Meiner Sache erweisen. Diese Gefangenschaft wird der Antrieb für die Verbreitung Meiner Lehren sein. Mir soll kein Leid geschehen, denn Ich habe Mein Leben geopfert, Mein Blut geopfert, Meinen Besitz geopfert, Ich habe alles geopfert und für Mich ist diese Haft kein Verlust.« Und wie Er es verkündete, so ist es geschehen. Im Gefängnis hisste Er Sein Banner, und Seine Sache verbreitete sich in der ganzen Welt. Sie hat Amerika erreicht. Jetzt verbreitet sich die Sache Bahá’u’lláhs unter allen Völkern der Erde. Wenn ihr nach Asien oder wohin auch immer verreist, werdet ihr dort Bahá’í finden. Wenn ihr nach Afrika oder nach Europa geht, werdet ihr die Sache Bahá’u’lláhs dort finden. In Amerika beginnt sie gerade zu wachsen und sich zu verbreiten.
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Diese beiden Könige konnten nichts tun, um Bahá’u’lláh aufzuhalten, aber Gott konnte beide durch Ihn vernichten. Auch ich war im Gefängnis. Gott entfernte die Ketten von meinem Nacken und legte sie ‘Abdu’l-Ḥamíd um den Hals. Das geschah ganz plötzlich – ohne lange Verzögerung, fast gleichzeitig. In derselben Stunde, in der die Jungtürken die Freiheit ausriefen, setzte mich das Komitee für Einheit und Fortschritt auf freien Fuß. Sie hoben die Ketten von meinem Hals hinweg und warfen sie ‘Abdu’l-Ḥamíd um den Hals. Was er mir angetan hatte, wurde nun ihm auferlegt. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Er verbringt seine Tage im Gefängnis, so wie ich die Tage im Gefängnis von ‘Akká verbracht habe, mit einem Unterschied: Ich war in der Gefangenschaft glücklich. Ich war überaus glücklich, da ich kein Verbrechen begangen hatte. Sie hatten mich auf dem Pfade Gottes eingesperrt. Immer wenn ich daran dachte, dass ich Gefangener auf dem Pfade Gottes war, empfand ich höchste Freude. ‘Abdu’l-Ḥamíd wird jetzt für seine Taten bestraft. Wegen der Sünden, die er begangen hat, ist er jetzt in Haft. Das ist die Vergeltung für seine Taten. Jede Stunde wird er aufs Neue gedemütigt und an seine Schmach erinnert. Er ist zutiefst betrübt und enttäuscht, während ich vollkommen glücklich bin. Ich war froh, dass ich – Gott sei gepriesen! – wegen der Sache Gottes eingekerkert war, dass mein Leben nicht vergeudet war, dass ich es im Dienst für Gott verbracht habe. Niemand, der mich sah, dachte, ich sei ein Gefangener. Man sah mich in größter Freude, voll Dankbarkeit, bei bester Gesundheit und ohne das Gefängnis zu beachten.
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6. Juli 1912
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Ansprache in der 309 West Seventy-Eighth Street, New York
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Aufzeichnungen von Emma C. Melick
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In der Welt des Seins hat der Mensch verschiedene Stufen durchlaufen, bis er in das Menschenreich gelangt ist. Auf jeder Stufe seines Aufstiegs hat er die Befähigung entwickelt, zur nächsten Stufe und zum nächsten Entwicklungsstand voranzuschreiten. Während er sich im Mineralreich befand, erlangte er die Fähigkeit, zur Stufe der Pflanze aufzusteigen. Im Pflanzenreich hat er sich auf die Tierwelt vorbereitet, und von dort aus entwickelte er sich weiter zur menschlichen Stufe, also zum Reich des Menschen. Auf seiner gesamten Entwicklungsreise war er stets und schon immer seiner Anlage nach ein Mensch.
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Am Anfang seines menschlichen Lebens war der Mensch ein Embryo im Mutterleib. Dort erhielt er die Fähigkeiten und Gaben für sein menschliches Dasein. Die für diese Welt nötigen Kräfte und Fähigkeiten wurden ihm in jenem begrenzten Zustand geschenkt. In dieser Welt braucht er Augen; in jener anderen wurden sie angelegt. Er braucht Ohren; er erhielt sie dort als Vorbereitung und Rüstzeug für seine neue Existenz. Die in dieser Welt benötigten Kräfte wurden ihm im Mutterleib verliehen, sodass er beim Eintritt in dieses Reich wirklichen Daseins nicht nur alle nötigen Eigenschaften und Fähigkeiten besaß, sondern auch für seinen materiellen Lebensunterhalt gesorgt war.
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Gleicherweise muss er sich in dieser Welt auf das jenseitige Leben vorbereiten. Was er im Reich Gottes benötigt, muss er hier erwerben. Ebenso wie er sich im Mutterleib für diese Welt vorbereitete, indem er sich die in dieser Daseinssphäre notwendigen Kräfte aneignete, so müssen in dieser Welt die für das himmlische Leben unentbehrlichen Kräfte angelegt werden.
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Was braucht er im himmlischen Königreich, was geht über das begrenzte Leben dieser vergänglichen Sphäre hinaus? Die jenseitige Welt ist eine Welt der Heiligkeit und des Glanzes; darum muss man diese göttlichen Eigenschaften schon in dieser Welt erwerben. In jener Welt braucht es Geistigkeit, Glauben, Gewissheit, Gotteserkenntnis und Liebe zu Gott. All das muss er in dieser Welt erwerben, sodass er nach seinem Aufstieg vom irdischen zum himmlischen Reich alles vorfindet, was er in jenem ewigen Leben braucht.
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Jene himmlische Welt ist offenkundig eine Welt des Lichtes; deshalb braucht der Mensch schon hier Erleuchtung. Jene Welt ist eine Welt der Liebe; deshalb ist Liebe zu Gott unerlässlich. Jene Welt ist eine Welt der Vollkommenheit; deshalb müssen Tugenden und Vortrefflichkeit erworben werden. Jene Welt ist belebt durch den Odem des Heiligen Geistes; schon in dieser Welt müssen wir danach suchen. Jene Welt ist das Reich ewigen Lebens; es muss während dieses vergänglichen Daseins erreicht werden.
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Wodurch kann sich ein Mensch diese Dinge aneignen? Wie soll er diese Gnadengaben und Kräfte bekommen? Erstens durch die Erkenntnis Gottes. Zweitens durch die Liebe zu Gott. Drittens durch Glauben. Viertens durch menschenfreundliche Taten. Fünftens durch Selbstaufopferung. Sechstens durch Loslösung von dieser Welt. Siebtens durch Frömmigkeit und Heiligkeit. Solange er sich diese Kräfte nicht aneignet und diese Anforderungen nicht erfüllt, wird er gewiss das ewige Leben nicht erlangen. Aber wenn er die Erkenntnis Gottes besitzt, vom Feuer der Liebe Gottes entflammt ist, die großen und mächtigen Zeichen des Gottesreiches bezeugt, zur Ursache von Liebe unter den Menschen wird und im Zustand größter Heiligkeit lebt, wird er die zweite Geburt sicher erleben, mit dem Heiligen Geist getauft werden und sich immerwährenden Seins erfreuen.
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Der Mensch wurde für die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu Gott, für die Tugenden der Menschenwelt, für Geistigkeit, himmlische Erleuchtung und ewiges Leben erschaffen. Ist es nicht seltsam, dass er trotzdem unwissend bleibt und all dies vernachlässigt? Denkt darüber nach, dass er jegliches Wissen begehrt – nur nicht das Wissen um Gott. Zum Beispiel ist es sein größter Wunsch, die Geheimnisse der tiefsten Erdschichten aufzudecken. Jeden Tag versucht er herauszufinden, was sich zehn Meter unter der Erdoberfläche befindet, was er im Gestein entdecken kann, was er durch archäologische Erforschung des Staubes lernen kann. Er müht sich ab, die Geheimnisse des Erdreichs zu ergründen, aber er befasst sich überhaupt nicht damit, die Geheimnisse des Gottesreiches zu erkennen, die unbegrenzten Gefilde der ewigen Welt zu durchqueren, mit der göttlichen Wirklichkeit vertraut zu werden, die Geheimnisse Gottes zu erkunden, zur Erkenntnis Gottes zu gelangen, den Glanz der Sonne der Wahrheit zu bezeugen und sich der Herrlichkeit ewigen Lebens bewusst zu werden. Diesbezüglich ist er unachtsam und gedankenlos. Wie sehr locken ihn die Geheimnisse der Materie und wie gänzlich blind ist er für die Mysterien des Göttlichen! Ja, wahrlich, die Geheimnisse des Göttlichen sind ihm völlig gleichgültig und er beachtet sie nicht. Wie groß ist seine Unwissenheit! Wie sehr erniedrigt sie ihn! Es ist, als ob ein gütiger und liebevoller Vater seinem Sohn eine Bibliothek mit wunderbaren Büchern zur Verfügung gestellt hätte, damit er die Geheimnisse der Schöpfung kennenlernt, und ihn zugleich mit allen Annehmlichkeiten und Freuden umgeben hätte – aber der Sohn ergötzt sich an Kieselsteinen und Spielzeug, ohne auf all die fürsorglichen Gaben seines Vaters zu achten. Wie unwissend und achtlos ist der Mensch! Der Vater hat ewige Herrlichkeit für ihn gewollt, aber er ist zufrieden mit Blindheit und Verlust. Der Vater hat einen königlichen Palast für ihn gebaut, aber er spielt im Staub; der Vater hat ihm seidene Kleider gefertigt, aber er zieht es vor, nackt zu bleiben; der Vater hat für köstliche Nahrung und Früchte gesorgt, aber er sucht seine Nahrung im Weidegras.
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Preis sei Gott! Ihr habt den Ruf des Gottesreiches gehört. Eure Augen sind geöffnet; ihr habt euch Gott zugewandt. Euer Ziel ist das Wohlgefallen Gottes, die Geheimnisse des Herzens zu verstehen und die Wahrheit zu erforschen. Tag und Nacht müsst ihr euch bemühen, damit ihr die Bedeutung des himmlischen Reiches versteht, die Zeichen des Göttlichen erkennt, sicheres Wissen erlangt und begreift, dass diese Welt einen Schöpfer, einen Lebensspender, einen Versorger, einen Baumeister hat; dies alles solltet ihr aufgrund von Belegen und Beweisen erkennen, nicht durch Ahnungen und Vermutungen, vielmehr durch schlüssige Argumente und wirkliches Sehvermögen, das heißt, ihr müsst es so klar vor euch sehen, wie das äußere Auge die Sonne sieht. Auf diese Weise könnt ihr die Präsenz Gottes sehen und zur Erkenntnis der heiligen, göttlichen Manifestationen gelangen.
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Durch Beweise und Belege müsst ihr zur Erkenntnis der göttlichen Manifestationen und Ihrer Lehren gelangen. Ihr müsst die Geheimnisse des höchsten Königreichs entschlüsseln und fähig werden, das innere Wesen der Dinge zu erkennen. Dann werdet ihr Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes und wahre Gläubige sein, fest und standhaft in der Sache Gottes.
81:10
Preis sei Gott! Bahá’u’lláh hat die Tür zum göttlichen Wissen geöffnet, denn Er hat das Fundament dafür gelegt, dass der Mensch mit den Wahrheiten von Himmel und Erde vertraut werde, und hat diesem Tag die höchste Bestärkung verliehen. Er ist unser Lehrer und Ratgeber; Er ist unser Prophet und der Eine, Der gnädig zu uns ist. Er hat Seine Gaben bereitgestellt und Seine Wohltaten gewährt, jede Belehrung und jede Verheißung offenbart, für uns die Mittel zu ewigem Ruhm bereitgestellt, uns den lebensspendenden Odem des Heiligen Geistes zuströmen lassen, vor unseren Augen die Tore des Paradieses Abhá geöffnet und die Lichter der Sonne der Wahrheit auf uns scheinen lassen. Die Wolken der Gnade haben ihren kostbaren Regen auf uns ergossen. Das Meer der Gunst wogt und brandet uns entgegen.
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Der geistige Frühling ist gekommen. Unendliche Gaben und Gnaden sind erschienen. Welches Geschenk ist größer als dieses? Wir müssen die göttliche Freigebigkeit wertschätzen und in Übereinstimmung mit den Lehren Bahá’u’lláhs handeln, sodass alles Gute für uns bereitsteht, wir Gott in beiden Welten lieb und wert sind und von Ihm angenommen werden, ewige Segnungen erlangen, den Wohlgeschmack der Liebe Gottes kosten, die Süße der Erkenntnis Gottes finden, die himmlischen Gaben wahrnehmen und die Macht des Heiligen Geistes erleben.
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Das ist mein Rat und das ist meine Mahnung.
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14. Juli 1912
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Ansprache in der All Souls Unitarian Church
in der Fourth Avenue and Twentieth Street in New York
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Aufzeichnungen von John G. Grundy und Howard MacNutt
82:1
Heute möchte ich zu Ihnen über das Thema ›Einheit der Menschheit‹ sprechen, denn in diesem großen Jahrhundert ist die Einheit der Menschheit die wichtigste Errungenschaft. Obwohl dieses Thema zu einem gewissen Maß auch in früheren Jahrhunderten erwähnt und erörtert wurde, ist es jetzt in Bezug auf die religiösen und politischen Gegebenheiten zum wichtigsten Thema geworden. Die Geschichte zeigt, dass es in der Vergangenheit zwischen den verschiedenen Nationen, Völkern und Sekten ständig Krieg und Streit gegeben hat; aber jetzt, in diesem Jahrhundert des Lichtes, neigen sich die Herzen – Preis sei Gott! – dem Einvernehmen und der Gemeinschaft zu, und die Gedanken kreisen um die Frage der Vereinigung der Menschheit. Wir erleben heute eine Ausstrahlung des universellen Bewusstseins, was ein deutlicher Hinweis auf die Morgendämmerung einer großen Einheit ist.
82:2
Die richtige Vorgehensweise bei der Untersuchung eines Themas besteht in der sorgfältigen Prüfung der Ausgangsbedingungen. Deshalb müssen wir uns der Grundlage zuwenden, auf der die menschliche Solidarität beruht – nämlich dass alle Nachkommen Adams sind, Geschöpfe und Diener eines einzigen Gottes; dass Gott der Beschützer und Versorger ist; dass alle eingetaucht sind in das Meer göttlicher Barmherzigkeit und Gnade und dass Gott liebevoll zu allen ist.
82:3
Allen Menschen wurden gleichermaßen als Gabe der Schöpfung intellektuelle und spirituelle Fähigkeiten verliehen. Alle unterliegen gleichermaßen den verschiedenen Anforderungen des menschlichen Lebens und sind in ähnlicher Weise damit beschäftigt, die Mittel für ihren Lebensunterhalt zu beschaffen. Aus der Schöpfungsperspektive stehen die Menschen in jeder Hinsicht auf derselben Grundlage, sind denselben Anforderungen unterworfen und streben nach den Freuden und Bequemlichkeiten des irdischen Daseins. Deshalb sind die Gemeinsamkeiten der Menschen zahlreich und offenkundig. Diese gleiche Teilhabe an den körperlichen, intellektuellen und spirituellen Problemen menschlichen Daseins ist eine solide Grundlage für die Einigung der Menschheit.
82:4
Bedenken Sie, wie Zwietracht und Uneinigkeit seit Jahrtausenden in dieser großen menschlichen Familie herrschen. Ihre Mitglieder waren immer in Krieg und Blutvergießen verstrickt. Dem permanenten Zustand von Feindschaft und Streit ist geschuldet, dass die Menschheit bis heute in ihrer Geschichte Frieden weder erreichen noch genießen konnte. Die Geschichte ist eine ununterbrochene Chronik aufeinanderfolgender Kriege aus religiösen, sektiererischen, rassistischen, patriotischen und politischen Gründen. Die Menschenwelt hat keine Ruhe gefunden. Die Menschheit war schon immer in Konflikte verwickelt, in denen es darum ging, Lebensgrundlagen zu zerstören, Eigentum zu plündern sowie Land und Territorium des jeweils anderen in Besitz zu nehmen, insbesondere in den früheren Zeiten der Wildheit und Barbarei, in denen ganze Stämme und Völker von ihren Eroberern verschleppt wurden. Wer kann die ungeheure Vernichtung von Menschenleben ermessen oder beziffern, die sich aus dieser Feindseligkeit und diesem Kampf ergaben? Wie viel Kraft und Energie setzten Menschen für die Kriegsführung ein, für menschenfeindliche Zwecke, für Schlachten und Blutvergießen? In diesem strahlendsten Jahrhundert ist es notwendig geworden, diese Energien umzulenken und auf andere Weise zu nutzen, neue Wege der Verbundenheit und Einheit zu beschreiten, die Kriegswissenschaft zu verlernen und die höchsten menschlichen Kräfte den gesegneten Friedenskünsten zu widmen. Nach langen Versuchen und Erfahrungen sind wir von den zerstörerischen und teuflischen Folgen der Zwietracht überzeugt; jetzt müssen wir nach Mitteln suchen, mit denen wir uns der Vorteile von Einvernehmen und Eintracht erfreuen können. Wenn solche Mittel gefunden werden, müssen wir ihnen die Gelegenheit geben, sich zu bewähren.
82:5
Denken Sie nur an die schädliche Wirkung von Zwietracht und Uneinigkeit in einer Familie; denken Sie dann darüber nach, welche Wohltaten und welcher Segen dieser Familie zuteilwerden, wenn zwischen ihren verschiedenen Mitgliedern Einigkeit herrscht. Welch unermessliche Vorteile und Segnungen würden dieser großartigen menschlichen Familie zuteilwerden, wenn Einheit und Gemeinschaftlichkeit verwirklicht würden! In diesem Jahrhundert, in dem die segensreichen Folgen der Einheit und die schlimmen Auswirkungen der Zwietracht so deutlich zutage treten, sind in der Welt auch die Mittel erschienen, um Verbundenheit unter den Menschen zu erreichen und zu vollenden. Bahá’u’lláh hat den Weg verkündet und bereitet, auf dem Feindschaft und Zwietracht aus der Menschenwelt getilgt werden können. Er hat weder Grund noch Möglichkeit für Streit und Uneinigkeit gelassen.
82:6
Als Erstes hat Er die Einheit der Menschheit und religiöse Lehren speziell für den derzeitigen Zustand der Menschheit verkündet. Die ersten Meinungsverschiedenheiten entspringen religiöser Uneinigkeit. Bahá’u’lláh hat der Welt umfassende Lehren gegeben, die zu Gemeinschaft und Eintracht in der Religion führen. In allen vergangenen Jahrhunderten hat jedes religiöse Glaubenssystem sich seiner eigenen Überlegenheit und Vortrefflichkeit gerühmt und die Gültigkeit aller anderen herabgesetzt und verlacht. Jedes hat den eigenen Glauben zum Licht erklärt und alle anderen zur Dunkelheit. Religionsvertreter haben die Menschenwelt wie zwei Bäume gesehen: Der eine göttlich und segensreich, der andere satanisch; sich selbst betrachteten sie als Zweige, Blätter und Früchte des göttlichen Baums und alle anderen, die sich im Glauben von ihnen unterschieden, als Ausgeburt des satanischen Baums. Deshalb gab es zwischen ihnen fortwährend Aufruhr und Krieg, Kampf und Blutvergießen. Die Hauptursache menschlicher Entfremdung war die Religion, weil jede Seite den Glauben der anderen als etwas Hassenswertes und der Gnade Gottes beraubt ansah.
82:7
Die speziell von Bahá’u’lláh gebrachten Lehren richten sich an die Menschheit. Er sagt: »Ihr seid alle die Blätter eines Baumes.« Er sagt nicht: »Ihr seid die Blätter zweier Bäume, eines göttlichen und eines satanischen.« Er hat erklärt, dass jedes einzelne Glied der menschlichen Familie ein Blatt oder Zweig am Baume Adams ist; dass alle unter der schützenden Gnade und Vorsehung Gottes stehen; dass alle Kinder Gottes sind, Früchte an dem einen Baum Seiner Liebe. Gott ist zu allen Blättern, Zweigen und Früchten dieses Baumes gleichermaßen mitfühlend und gütig. Deshalb gibt es nichts Derartiges wie einen satanischen Baum – denn Satan ist ein Produkt des menschlichen Denkens und der triebgesteuerten menschlichen Neigung, sich zu irren. Gott allein ist der Schöpfer, und alle sind Geschöpfe Seiner Macht. Darum müssen wir die Menschen als Seine Geschöpfe lieben und erkennen, dass alle auf dem Baum Seiner Gnade wachsen, Diener Seines allmächtigen Willens und Ausdruck Seines Wohlgefallens sind.
82:8
Auch wenn wir an diesem Baum der Menschheit einen Ast oder ein Blatt fehlerhaft oder eine Blüte unvollkommen finden, gehören sie dennoch zu diesem Baum und nicht zu einem anderen. Deshalb ist es unsere Pflicht, diesen Baum zu schützen und zu pflegen, bis zu seiner Vollkommenheit. Wenn wir seine Früchte untersuchen und sie für unvollkommen halten, müssen wir uns bemühen, sie zu vervollkommnen. Es gibt unwissende Menschen in der Welt; wir müssen ihnen Wissen vermitteln. Einige Sprösslinge des Baumes sind schwach und krank; wir müssen ihnen helfen, sich zu erholen und gesund zu werden. Wenn sie noch wie heranwachsende Kinder sind, müssen wir uns ihrer annehmen, bis sie zur Reife gelangen. Wir sollten sie niemals verabscheuen oder sie meiden, weil wir sie als unangenehm und nichtswürdig empfinden. Wir müssen sie ehren, respektieren und freundlich zu ihnen sein, denn sie wurden von Gott geschaffen und nicht vom Teufel. Sie sind kein Ausdruck von Gottes Zorn, sondern Beweise Seiner göttlichen Gunst. Gott, der Schöpfer, hat sie mit körperlichen, geistigen und spirituellen Eigenschaften ausgestattet, damit sie danach streben, Seinen Willen zu erkennen und danach zu handeln; sie sind also keineswegs Gegenstand Seines Zornes und Seiner Verdammung. Kurz, alle Menschen müssen mit Liebe, Güte und Respekt betrachtet werden, denn was wir in ihnen erblicken, sind nichts anderes als die Zeichen und Spuren von Gott Selbst. Alle sind Zeichen Gottes; wie sollten wir da das Recht haben, sie zu erniedrigen und herabzusetzen, sie zu verfluchen und daran zu hindern, sich Seiner Barmherzigkeit zu nähern? Das ist Unwissenheit und Ungerechtigkeit, die Gott missfällt, denn in Seinen Augen sind alle Seine Diener.
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Ein weiterer Grund für Zwietracht und Streit ist die Tatsache, dass behauptet wurde, Religion stünde im Widerspruch zur Wissenschaft. Zwischen Wissenschaftlern und Religionsanhängern gab es immer Kontroversen und Streit, da letztere behaupteten, Religion sei der Wissenschaft übergeordnet und wissenschaftliche Aussagen stünden im Gegensatz zu den Lehren der Religion. Bahá’u’lláh erklärte, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in völligem Einklang stehe. Wenn religiöse Glaubenssätze und Doktrinen der Vernunft widersprechen, entspringt das dem begrenzten Verständnis des Menschen und stammt nicht von Gott; es ist nicht wert, geglaubt zu werden, und verdient keine Beachtung; das Herz findet darin keine Ruhe, und echter Glaube ist unmöglich. Wie kann ein Mensch etwas glauben, von dem er weiß, dass es der Vernunft widerspricht? Ist das möglich? Kann das Herz akzeptieren, was die Vernunft ablehnt? Die Vernunft ist die erste Fähigkeit des Menschen und die Religion Gottes steht damit in Einklang. Bahá’u’lláh hat diese Art von Zwietracht und Streit unter den Menschen getilgt und Wissenschaft und Religion versöhnt, indem Er die unverfälschten Lehren der göttlichen Wahrheit offenbarte. Diese Errungenschaft ist Ihm allein an diesem Tag zu verdanken.
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Eine weitere Ursache für Zwietracht und Uneinigkeit war die Entstehung religiöser Sekten und Bekenntnisse. Bahá’u’lláh sagte, dass Gott die Religion mit dem Ziel gesandt hat, unter den Menschen Gemeinschaft zu stiften und nicht, um Streit und Zwietracht zu säen, denn jede Religion beruht auf der Liebe zur Menschheit. Abraham verkündete dieses Prinzip, Moses forderte alle auf, es anzuerkennen, Christus setzte es durch und Muḥammad führte die Menschheit zur Einhaltung dieses Prinzips. Das ist die wahre Religion. Wenn wir uns vom Hörensagen abwenden und die Wahrheit und innere Bedeutung der himmlischen Lehren erforschen, werden wir dieselbe göttliche Grundlage finden – die Liebe zur Menschheit. Der Sinn der Religion besteht darin, Einheit, Liebe und Gemeinschaft zu stiften, nicht Zwietracht, Feindschaft und Entfremdung. Der Mensch hat die Grundlage der göttlichen Religion aufgegeben und hält an blinder Nachahmung fest. Jedes Volk hat sich an seine eigenen Nachahmungen geklammert, und weil diese voneinander abweichen, folgten darauf Krieg, Blutvergießen und die Zerstörung des Fundaments der Menschheit. Wahre Religion gründet auf Liebe und Eintracht. Bahá’u’lláh hat gesagt: »Wenn Religion und Glaube zu Feindschaft und Aufruhr führen, ist es weit besser, nicht religiös zu sein, und das Fehlen von Religion wäre vorzuziehen; denn Wir wünschen, dass Religion die Ursache von Freundschaft und Gemeinschaft ist. Wenn Feindschaft und Hass bestehen, ist Religionslosigkeit vorzuziehen.« Und so verdanken wir Bahá’u’lláh die Beseitigung dieser Zwietracht, denn Religion ist das göttliche Heilmittel für menschliche Gegensätze und Zwist. Aber wenn wir das Heilmittel zur Ursache der Krankheit machen, wäre es besser, darauf zu verzichten.
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Andere Ursachen menschlicher Zwietracht sind politische, rassistische und patriotische Vorurteile. All dies hat Bahá’u’lláh abgeschafft. Er sagte – und untermauerte Seine Aussage mit rationalen Beweisen aus den Heiligen Schriften –, dass die Menschheit ein einziges Volk und die Erde ein gemeinsamer Wohnort ist; dass diese eingebildeten rassistischen Barrieren und politischen Grenzen keine Grundlage haben und unrechtmäßig sind. Der Mensch wird erniedrigt, wenn er der Gefangene seiner eigenen Trugbilder und Mutmaßungen wird. Die Erde ist eine einzige Erde und dieselbe Atmosphäre umgibt sie. Gott hat bei ihren menschlichen Bewohnern keinen Unterschied gemacht und niemanden bevorzugt; aber der Mensch hat die Grundlage für Vorurteile, Hass und Zwietracht zwischen seinen Mitmenschen gelegt, indem er der Staatsangehörigkeit unterschiedliche Bedeutung beimaß und der Hautfarbe unterschiedliche Rechte und Privilegien zuschrieb.
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Die Vielfalt der Sprachen war eine ergiebige Quelle für Unstimmigkeiten. Die Sprache dient dazu, Gedanken auszutauschen und Absichten zu übermitteln. Daher spielt es keine Rolle, welche Sprache der Mensch spricht oder verwendet. Vor sechzig Jahren forderte Bahá’u’lláh eine gemeinsame Sprache als wichtigstes Mittel für die Einheit und als Grundlage für internationale Konferenzen. Er schrieb an die Könige und Herrscher der verschiedenen Völker und empfahl, dass alle Regierungen eine gemeinsame Sprache auswählen und annehmen sollten. In diesem Sinne sollte sich jedes Volk zusätzlich zu seiner Muttersprache die Weltsprache aneignen. Auf der Welt würde dann ein enger Austausch gepflegt, Beratung wäre der Standard und Meinungsverschiedenheiten aufgrund von Sprachenvielfalt würden beseitigt werden.
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Eine weitere Lehre Bahá’u’lláhs bezieht sich auf den Weltfrieden: Die gesamte Menschheit muss wachgerüttelt werden und sich bewusst werden, wie unheilvoll Kriege sind; sie sollte dazu gebracht werden, die Vorteile des Friedens zu erkennen und zu wissen, dass Frieden von Gott, Krieg jedoch teuflisch ist. Der Mensch muss sich den barmherzigen Gott zum Vorbild nehmen, er muss sich von teuflischen Einflüssen abwenden, damit alle nach Frieden, Liebe und Einheit streben und die Zwietracht des Krieges verschwindet.
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Fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ebenfalls eine Ursache der Uneinigkeit zwischen Menschen. Bahá’u’lláh nannte dies einen wesentlichen Auslöser von Zwietracht und Spaltung, denn solange in der Menschheit Rechte und Befugnisse von Mann und Frau ungleich verteilt sind, kann keine Einheit geschaffen werden. In einem vollkommenen menschlichen Körper ist es unmöglich, dass ein Organ vollständig und ein anderes unzulänglich ist. Im großen Gesellschaftskörper der Menschheit ist es unmöglich, Einheit und Zusammenarbeit zu erreichen, wenn ein Teil als vollkommen und der andere als unvollkommen angesehen wird. Wenn beide Teile vollständig funktionieren, wird ein harmonisches Gleichgewicht herrschen. Gott hat Mann und Frau mit gleichen Fähigkeiten geschaffen. Er hat zwischen ihnen keinen Unterschied gemacht. Die Frau hat bei ihren Leistungen nicht den Stand des Mannes erreicht, weil ihr Möglichkeiten und Bildung fehlten. Wenn vergleichbare Bildungschancen geschaffen würden, würden beide Geschlechter, Mann und Frau, gleiche Leistungen erzielen. Gott hat keinen Unterschied zwischen ihnen gewollt, der zu Unfrieden führen könnte. Er hat alle mit menschlichen Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind Ausdruck Seiner Barmherzigkeit. Wenn wir sagen würden, Mann und Frau seien von der Schöpfung in unterschiedlichem Grad mit Gaben ausgestattet worden, würde das der Absicht und der Gerechtigkeit Gottes widersprechen. Beide sind Menschen. Wenn Gott ein Geschlecht vollkommen und das andere unzulänglich erschaffen hätte, wäre Er ungerecht. Aber Gott ist gerecht: Alle sind vollkommen entsprechend Seiner Absicht und Schöpfungsgabe. Wenn wir annehmen, das Geschöpf sei unvollkommen, dann bedeutet das die Unvollkommenheit des Schöpfers. Wer sich auszeichnet durch die Erlangung Seiner Eigenschaften und Seiner Gnadengaben, ist vor Gott höchst willkommen.
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