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86:0_25625. Juli 191286:0_257Ansprache im Hotel Victoria
Boston, Massachusetts86:0_258Aufzeichnungen von Edna McKinney86:1Ich bin sehr glücklich, euch heute hier zu begrüßen. Dies ist das zweite Mal, dass die göttlichen Brisen über Boston wehen. Ich erwarte von diesem Besuch Ergebnisse und hoffe, dass mein Kommen nicht fruchtlos sein wird. Die Ergebnisse, die ich erwarte, sind: Die einzelne Seele soll von Selbstsucht und Begehren erlöst und von den Fesseln teuflischer Einflüsse befreit werden. Mögen die Spiegel der Herzen vom Staub gereinigt werden, damit die Sonne der Wahrheit sich in ihnen spiegelt.86:2Der Mensch besitzt zwei Arten von Empfänglichkeit: die niederen Triebe, die wie Staub auf dem Spiegel sind, und geistige Empfänglichkeit, die in ihrem Wesen himmlisch und barmherzig ist.86:3Es gibt eine Kraft, die den Spiegel vom Staub reinigt und seine Spiegelung intensiv glänzen und strahlen lässt, sodass geistige Empfänglichkeit die Herzen reinigen und himmlische Gaben sie heiligen kann. Welcher Staub trübt den Spiegel? Es ist die Bindung an die Welt, Habgier, Neid, Liebe zu Luxus und Komfort, Hochmut und Selbstsucht; das ist der Staub, der verhindert, dass der Spiegel die Strahlen der Sonne der Wahrheit reflektiert. Niedere Triebe sind tadelnswert, sie sind wie Rost, der dem Herzen die Gnadengaben Gottes raubt. Aber Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Demut, Loslösung und Liebe zu den Gläubigen Gottes werden den Spiegel reinigen und ihn durch die Lichtstrahlen der Sonne der Wahrheit erstrahlen lassen.86:4Ich hoffe, dass ihr darüber nachdenkt, eure eigenen Unvollkommenheiten ergründet und nicht an die Unvollkommenheiten anderer denkt. Strebt mit aller Kraft danach, euch von euren Unvollkommenheiten zu befreien. Achtlose Seelen suchen immer bei anderen nach Fehlern. Was kann der Heuchler von den Fehlern anderer wissen, wenn er für seine eigenen blind ist? Das ist die Bedeutung der Worte in den Sieben Tälern. Sie sind ein Leitfaden für menschliches Verhalten. Solange ein Mensch seine eigenen Fehler nicht erkennt, kann er niemals vollkommen werden. Nichts ist für den Menschen nützlicher als das Wissen um die eigenen Unzulänglichkeiten. Die Gesegnete Schönheit sagt: »Ich wundere mich über den Menschen, der seine eigenen Unvollkommenheiten nicht wahrnimmt.« Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Dublin5. bis 6. August 1912– 87 –87:0_2595. August 191287:0_260Ansprache im Dublin Inn
Dublin, New Hampshire87:0_261Aufzeichnungen von Howard MacNutt87:1Die Christenheit hat sich an die wörtliche Interpretation der Aussage im Evangelium geklammert, dass Christus vom Himmel gekommen ist. Ebenso hielten die Juden zur Zeit Seines Erscheinens daran fest, dass die Prophezeiungen sich äußerlich und für alle sichtbar erfüllen müssten. Sie sagten: »Der Messias wird vom Himmel kommen. Dieser Mann kommt aus Nazareth; wir kennen sein Haus, wir kennen seine Eltern und seine Nachbarn und Verwandten. Es ist nur ein Gerücht, dass er vom Himmel herabgekommen ist; man kann es nicht beweisen.«87:2Der Text des Evangeliums sagt, dass Er vom Himmel kam, obwohl Er leiblich von Seiner Mutter geboren wurde. Das bedeutet, dass die göttliche Wirklichkeit Christi vom Himmel stammte, der Leib aber von Maria geboren wurde. Demnach entsprach Sein Kommen den Prophezeiungen der Heiligen Schrift und ebenso den Naturgesetzen – Sein Wesen war himmlisch, Sein Leib irdisch. Wie Er früher gekommen ist, so muss Er auch dieses Mal kommen. Aber manche erheben Einwände und sagen: »Wir brauchen einen buchstäblichen, mit unseren Sinnen nachprüfbaren Beweis.«87:3Das innerste Wesen Christi war immer im Himmel und wird es immer sein. Das ist die Intention des biblischen Textes. Denn während Jesus Christus auf Erden weilte, sagte Er: »Der Menschensohn ist im Himmel.« An der buchstäblichen Auslegung und sichtbaren Erfüllung des biblischen Textes festzuhalten, ist also bloßes Nachahmen überlieferter Riten und Glaubensvorstellungen. Wenn wir jedoch das Wesen Christi betrachten, dann werden diese Texte und Aussagen klar und sind vollkommen miteinander vereinbar. Solange wir die Wahrheit nicht erkennen, können wir den Sinn der Heiligen Schriften nicht verstehen, denn deren Aussagen sind symbolisch und geistig – wie zum Beispiel die Auferweckung des Lazarus, die geistig zu verstehen ist. Zunächst müssen wir aber die Tatsache festhalten, dass Gottes Macht unbegrenzt und unendlich ist und dass diese Macht alles vollbringen kann.87:4Dann müssen wir die Bedeutung der Worte Christi über die Toten verstehen. Ein Jünger kam zu Christus und bat um die Erlaubnis, seinen Vater begraben zu dürfen. Christus antwortete: »Lass die Toten ihre Toten begraben.« Christus bezeichnete also einige, die noch lebten, als tot – das bedeutet, die lebenden Toten, die geistig Toten, sollten seinen Vater begraben. Sie waren tot, weil sie nicht an Christus glaubten. Obwohl körperlich am Leben, waren sie geistig tot. Das ist die Bedeutung der Worte Christi: »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.« Er meinte damit, dass diejenigen, die lediglich aus einem menschlichen Körper geboren waren, geistig tot waren, während jene, die durch den Odem des Heiligen Geistes belebt wurden, lebten und ewig leben würden. Diese Auslegungen stammen von Christus selbst. Denkt über sie nach, und die Bedeutung der Heiligen Bücher wird so klar wie die Sonne am Mittag.87:5Die Heiligen Bücher verwenden spezielle Begriffe, die wir kennen und verstehen müssen. Ärzte haben ihre eigenen Begriffe, Architekten und Philosophen ihre charakteristischen Ausdrücke, Dichter ihre Redewendungen und Wissenschaftler ihre Fachausdrücke. In der Schrift lesen wir, dass Zion tanzt. Es ist klar, dass das nicht wörtlich zu verstehen ist. Es bedeutet, dass das Volk von Zion jubeln wird. Die Juden argumentieren, Christus sei nicht der Messias, sondern der Antichrist, da eines der Zeichen des Kommens des Messias das Tanzen des Berges Zion sei, und das sei noch nicht eingetroffen. Tatsächlich tanzte und jubelte nicht nur der Berg Zion, sondern ganz Palästina, als Christus kam. Ferner heißt es in der Schrift: »Die Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen.« Das ist symbolisch zu verstehen. In jeder Sprache gibt es Begriffe und Ausdrücke, die nicht wörtlich zu nehmen sind. Im Orient sagt man zum Beispiel: »Als mein Freund das Haus betrat, begannen die Türen und Mauern zu singen und zu tanzen.« In Persien sagt man: »Geh zum Kopf«, was bedeutet, dass man bei der Beschäftigung mit einer Sache deren spezifische Begriffe und Gepflogenheiten anwenden soll. All das hat andere, zunächst verborgene Bedeutungen.87:6Du hast nach einer Bestätigung der Heilverfahren der Christlichen Wissenschaft gefragt. Der Geist hat Einfluss; Gebet hat eine geistige Wirkung. Daher beten wir: »O Gott! Heile diesen Kranken!« Möglicherweise erhört Gott dieses Gebet. Ist es wichtig, wer betet? Gott wird das Gebet eines jeden Dieners erhören, wenn es inständig ist. Seine Barmherzigkeit ist umfassend und unbegrenzt. Er erhört die Gebete all Seiner Diener. Er erhört das Gebet dieser Pflanze. Die Pflanze würde vielleicht beten: »O Gott! Schick mir Regen!« Gott erhört das Gebet, und die Pflanze wächst. Gott wird jedem eine Antwort geben. Unter bestimmten Umständen erhört Er Gebete. Bevor wir in diese Welt geboren wurden, haben wir da nicht gebetet: »O Gott! Gib mir eine Mutter; gib mir zwei Quellen heller Milch; reinige die Luft für meine Atmung; gewähre mir Ruhe und Bequemlichkeit; sorge für Nahrung für meinen Lebensunterhalt!« Haben wir nicht vielleicht schon vor unserer Erschaffung um diese notwendigen Segnungen gebetet? Als wir auf diese Welt kamen, fanden wir da nicht unsere Gebete erhört? Haben wir nicht Mutter, Vater, Nahrung, Licht, Zuhause und alles darüber hinaus Nötige und jeden anderen Segen gefunden, obwohl wir eigentlich nicht darum gebeten haben? Deshalb ist es selbstverständlich, dass Gott uns gibt, wenn wir Ihn darum bitten. Seine Barmherzigkeit ist allumfassend.87:7Aber bitten wir um Dinge, die die göttliche Weisheit nicht für uns wünscht, dann wird unser Gebet nicht erhört. Seine Weisheit billigt nicht, was wir wünschen. Wir beten: »O Gott! Mach mich reich!« Wenn dieses Gebet allgemein erhört würde, würden die menschlichen Angelegenheiten zum Stillstand kommen. Auf den Straßen würde niemand mehr arbeiten, niemand würde das Feld bestellen, nichts würde gebaut werden und kein Zug würde mehr rollen. Deshalb ist klar: Es wäre nicht gut für uns, wenn alle Gebete erhört würden. Die Angelegenheiten der Welt würden beeinträchtigt, Energien gelähmt und Fortschritt behindert werden. Was immer wir jedoch im Einklang mit der göttlichen Weisheit erbitten, wird Gott erhören. Ganz gewiss!87:8So mag beispielsweise ein sehr schwacher Patient den Arzt um Nahrung bitten, die sein Leben und seinen Zustand tatsächlich gefährden würde. Er könnte vielleicht um gebratenes Fleisch bitten. Der Arzt ist freundlich und weise. Er weiß, dass das für seinen Patienten gefährlich wäre, darum weigert er sich, es ihm zu erlauben. Der Arzt ist barmherzig, der Kranke unwissend. Durch die Güte des Arztes erholt sich der Patient; sein Leben ist gerettet. Trotzdem jammert der Kranke womöglich, dass der Arzt unfreundlich ist und ihn schlecht behandelt, weil er es ablehnt, seine Bitte zu erfüllen.87:9Gott ist barmherzig. In Seiner Barmherzigkeit erhört Er die Gebete all Seiner Diener, wenn es entsprechend Seiner höchsten Weisheit notwendig ist. – 88 –88:0_2626. August 191288:0_263Ansprache im Haus von Herrn und Frau Arthur J. Parsons
Dublin, New Hampshire88:0_264Aufzeichnungen von Howard MacNutt88:1Heute haben wir gemäßigtes Wetter. Da viele Fremde anwesend sind, werden wir Fragen beantworten.88:2Frage: Sind nicht alle Christen auch Bahá’í? Gibt es einen Unterschied?88:3Antwort: Wenn Christen nach den Lehren Christi leben und handeln, können sie als Bahá’í gelten. Denn die Grundlage des Christentums und der Religion Bahá’u’lláhs ist ein und dieselbe. Die Grundlage aller göttlichen Propheten und Heiligen Bücher ist ein und dieselbe. Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur in den Begrifflichkeiten. Jeder Frühling ist mit dem vorhergehenden identisch. Der Unterschied zwischen ihnen ist nur kalendarisch – 1911, 1912 und so weiter. Der Unterschied zwischen einem Christen und einem Bahá’í ist daher folgender: Es gab einen früheren Frühling, und jetzt gibt es einen Frühling. Es gibt keinen anderen Unterschied, da die Grundlagen dieselben sind. Wer vollständig nach den Lehren Christi lebt, ist ein Bahá’í. Das ist die wahre Bedeutung des Christseins, nicht das bloße Wort. Es geht um die Sonne selbst und nicht darum, wo sie aufgeht. Denn obwohl die Sonne nur eine ist, gibt es viele Aufgangsorte. Wir dürfen nicht die Aufgangsorte verehren, vielmehr müssen wir die Sonne anbeten. Wir müssen das Wesen der Religion lieben und uns nicht blind an die Bezeichnung ›Christentum‹ klammern. Der Sonne der Wahrheit müssen wir huldigen und folgen. Wir müssen den Duft der Rose suchen, egal an welchem Strauch sie blüht – östlich oder westlich. Sucht das Licht, ganz gleich, aus welcher Lampe es leuchtet. Seid keine Anhänger der Lampe. Das Licht leuchtete zuvor in einer Lampe im Osten, jetzt im Westen. Ob es aus dem Norden oder Süden kommt, aus welcher Richtung auch immer, folgt dem Licht. Ich möchte das näher erläutern. Jemand gab fünf Bettlern eine Münze. Sie beschlossen, dafür Essen zu kaufen. Der Engländer sagte: »Buy grapes«. Der Türke wollte »Uzum«, der Araber »‘Anab«, der Grieche »Stafi’li«, der Perser »Angúr«. Da sie die Sprachen der anderen nicht verstanden, zankten und stritten sie. Da kam ein Fremder daher. Er war mit allen fünf Sprachen vertraut. Er sagte: »Gebt mir die Münze, ich werde kaufen, was ihr wollt.« Als er ihnen Trauben brachte, waren sie alle zufrieden. Sie wollten dasselbe, aber sie bezeichneten es unterschiedlich. Kurz, wenn das Licht der Wahrheit inmitten der Religionen aufleuchtet, werden alle vereint und versöhnt sein.88:4Frage: Findet ‘Abdu’l-Bahá, dass man in Amerika dem Christentum nicht gerecht wird und es nicht ausgeübt wird?88:5Antwort: Meiner Ansicht nach sollte es vollständig umgesetzt und das Leben danach ausgerichtet werden. Der Mensch benötigt Augen, Ohren, Arme, Kopf, Füße und verschiedene andere Körperteile. Wenn er alle hat und alle zusammenarbeiten, besitzt er Ebenmaß und Vollkommenheit. So sagte Christus: »Seid also vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!«, was bedeutet, dass eine Forderung des Christentums ist, vollkommen zu sein. Seid das Ebenbild Gottes. Das ist nicht einfach. Es erfordert die Fokussierung auf alle himmlischen Tugenden. Es erfordert, dass wir zu Empfängern aller Vollkommenheiten Gottes werden. Dann werden wir Sein Ebenbild werden. In der Bibel heißt es ja: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Das zu erreichen ist äußerst schwierig.88:6Als Christus mit diesem wunderbaren Odem des Heiligen Geistes erschien, sagten die Kinder Israels: »Wir sind ganz unabhängig von ihm, wir können ohne ihn auskommen und Moses folgen. Wir haben ein Buch und darin stehen die Lehren Gottes. Wozu also brauchen wir diesen Mann?« Christus sagte zu ihnen: »Das Buch genügt euch nicht.« Es ist möglich, dass ein Mensch sich an ein medizinisches Buch hält und sagt: »Ich brauche keinen Arzt. Ich werde nach diesem Buch vorgehen. Darin wird jede Krankheit benannt und alle Symptome werden erklärt. Die Diagnose jeder Krankheit wird vollständig beschrieben und für jedes Übel ist ein Rezept vorhanden. Wozu brauche ich da einen Arzt?« Das ist reine Unwissenheit. Rezepte müssen von einem Arzt verschrieben werden. Durch sein Können werden die Prinzipien des Buches korrekt und effektiv angewendet, bis der Patient wieder gesund ist. Christus war ein himmlischer Arzt. Er brachte der Welt geistige Gesundheit und Heilung. Bahá’u’lláh ist ebenfalls ein göttlicher Arzt. Er offenbarte Vorschriften zur Gesundung des Staatswesens und behandelte die Lebensbedingungen der Menschen durch geistige Kraft.88:7Daher reicht bloßes Wissen nicht aus, wenn Menschen etwas zur Vollendung bringen wollen. Die Lehren der Heiligen Schriften bedürfen einer himmlischen Macht und göttlicher Kraft, um sie auszuführen. Ein Haus lässt sich nicht bauen, wenn man sich lediglich mit den Plänen vertraut gemacht hat. Es muss Geld zur Verfügung stehen, Entschlossenheit ist notwendig, um es zu bauen, und man benötigt einen Zimmermann für die Errichtung. Es reicht nicht aus, zu sagen: »Plan und der Zweck dieses Hauses sind sehr gut, ich werde darin leben.« Diese bloße Aussage sorgt nicht für Schutz, weder durch Mauern noch durch ein Dach. Das Haus muss tatsächlich gebaut werden, bevor wir darin leben können.88:8Kurz gesagt, die Lehren der Heiligen Bücher brauchen eine göttliche Kraft, um im menschlichen Herzen zur Vollendung zu gelangen. In Persien erzog Bahá’u’lláh Seelen und lehrte sie, knüpfte enge Bande unter den verschiedenen Völkern Persiens und einte voneinander abweichende religiöse Überzeugungen in solch einem Ausmaß, dass zwanzigtausend ergebene Gläubige in ruhmreicher Einheit ihr Leben für die Sache Gottes opferten. Keinerlei Unterschiede blieben zwischen diesen gesegneten Seelen – Christen, Juden, Muslime, Zoroastrier, alle Seite an Seite, vereint und mit gleicher Überzeugung durch die Kraft Seiner himmlischen Macht, nicht durch bloße Worte, nicht durch das Lippenbekenntnis: »Einheit ist gut und Liebe ist lobenswert.«88:9Bahá’u’lláh hat diese Einheit und Liebe nicht nur verkündet, Er hat sie geschaffen. Als himmlischer Arzt hat Er nicht nur Mittel verschrieben gegen diese Leiden der Zwietracht und des Hasses, sondern für eine wirkliche Heilung gesorgt. Wir können in einem Medizinbuch lesen, dass eine bestimmte Krankheit dieses oder jenes Heilmittel erfordert. Diese Beschreibung mag zwar völlig richtig sein, aber das Heilmittel ist so lange nutzlos, bis der Wille und die Kraft da sind, es anzuwenden. Jeder Mann in der Armee des Königs kann einen Befehl geben; aber wenn der König selbst spricht, wird der Befehl auch ausgeführt. Dieser oder jener kann sagen: »Geh und erobere ein Land.« Aber wenn der König sagt: »Geht!«, dann rückt die Armee vor. Daher ist es offensichtlich, dass die Unterstützung durch den Heiligen Geist und der anspornende Einfluss einer himmlischen Macht nötig sind, um das göttliche Ziel in den Herzen und Lebensumständen der Menschen zu erreichen. Jesus Christus, allein und nur auf sich gestellt, gelang, was alle Könige der Erde nicht hätten erreichen können. Auch wenn alle Reiche und Nationen der Welt sich dafür zusammengeschlossen hätten, wären sie doch gescheitert.88:10Das zeigt deutlich, dass man sich anstrengen muss, um Absicht und Plan der Lehren Gottes vollkommen auszuführen, damit an diesem großen Tag die Welt reformiert und ein neuer Lebensgeist gefunden wird, Seelen erweckt und Herzen erleuchtet werden, die Menschheit von den Fesseln der Natur befreit und aus den Niederungen des Materialismus errettet wird und durch die Anziehungskraft des göttlichen Reiches Geistigkeit und Ausstrahlung erlangt. Das ist notwendig, das brauchen wir. Das bloße Lesen der Heiligen Bücher und Texte wird nicht ausreichen.88:11Vor vielen Jahren sah ich in Baghdád einen Offizier am Boden sitzen. Vor ihm lag ein großer Bogen Papier, in den er Nadeln mit roten und weißen Fähnchen steckte. Zuerst steckte er sie ins Papier, zog sie dann nachdenklich heraus und änderte ihre Position. Ich habe ihn lange mit neugierigem Interesse beobachtet und dann gefragt: »Was machst du da?« Er antwortete: »Ich denke an etwas, was über Napoleon I. während seines Krieges gegen Österreich erzählt wird. Eines Tages, so heißt es, fand ihn sein Sekretär auf dem Boden sitzend, wie ich es jetzt tue, und Nadeln in ein vor ihm liegendes Papier stecken. Sein Sekretär fragte ihn, was er da mache. Napoleon antwortete: ›Ich bin auf dem Schlachtfeld und plane meinen nächsten Sieg. Du siehst, Italien und Österreich sind besiegt und Frankreich triumphiert.‹ In dem darauffolgenden großen Feldzug kam alles so, wie er es gesagt hatte. Seine Armee verhalf seinen Plänen zu einem vollständigen Erfolg. Jetzt mache ich dasselbe wie Napoleon und plane einen großen militärischen Eroberungsfeldzug.« Ich sagte: »Wo ist deine Armee? Napoleon hatte bereits eine Armee ausgerüstet, als er seinen Sieg plante. Du hast aber keine Armee. Deine Streitkräfte existieren nur auf dem Papier. Du hast nicht die Macht, Länder zu erobern. Stelle zuerst deine Armee auf, dann setze dich mit deinen Nadeln auf den Boden.« Wir brauchen eine Armee, um den Sieg in der geistigen Welt zu erringen. Pläne allein genügen nicht. Ideen und Prinzipien sind wirkungslos ohne die göttliche Kraft, sie in die Tat umzusetzen.88:12Abgesehen davon ist der Ansporn durch Freude über die frohen Botschaften in den Menschenherzen erforderlich. Eine besondere geistige Anziehungskraft ist nötig, damit Herzen bereitwillig in der göttlichen Sache voranschreiten. Wir müssen von Gott angezogen sein. Der Odem des Heiligen Geistes muss wirksam sein. Wenn das nicht der Fall ist, können die Lehren Gottes in uns nichts bewirken. Es braucht eine auf Idealen beruhende Kraft. Die Menschen in Amerika haben eine bemerkenswert schnelle Auffassungsgabe. Ihre Gedanken sind frei und nicht durch das Joch einer tyrannischen Regierung gefesselt. Sie sollten die Wahrheit erforschen und sich nicht mit Überlieferungen und Nachahmungen beschäftigen. Denkt an das, was Christus vollbrachte. Er bewirkte, dass die Seelen eine Stufe erreichten, auf der sie voll Bereitschaft und Freude ihr Leben hingaben. Was für eine Kraft! Tausende empfanden aufgrund ihrer geistigen Empfänglichkeit größte Freude und waren so zu Gott hingezogen, dass sie auf Seinem Pfad ihrem eigenen Wunsch und Willen völlig entsagten. Wäre ihnen bloß gesagt worden, dass Opfer auf dem Pfade Gottes gut und lobenswert seien, wäre dies niemals geschehen. Sie hätten nicht gehandelt. Christus zog sie an, übernahm die Zügel der Führung, und sie machten sich verzückt auf den Weg, sich selbst zu opfern.88:13Qurratu’l-‘Ayn war eine persische Frau ohne Ruhm und Bedeutung – unbekannt wie alle anderen persischen Frauen. Als sie Bahá’u’lláh sah, änderte sich ihr Wesen völlig, für alle sichtbar, und sie blickte in eine andere Welt. Durch himmlische Anziehungskraft wurden ihr die Zügel des Willens aus den Händen genommen. Sie war so überwältigt, dass körperliche Empfindlichkeiten verschwanden. Ihr Mann, ihre Söhne und ihre Familie erhoben sich in äußerster Feindschaft gegen Bahá’u’lláh. Doch sie wurde von der göttlichen Schwelle so angezogen, dass sie alles aufgab, in die Ebene von Badasht ging und völlig furchtlos, kühn und offen die Botschaft des Lichtes verkündete, die sie empfangen hatte. Die persische Regierung stellte sich gegen sie. Man unternahm alles, um sie zum Schweigen zu bringen, man sperrte sie zeitweise sogar im Haus des Gouverneurs ein, aber sie hielt weiterhin Ansprachen. Dann wurde sie verhaftet und umgebracht. Bis zu ihrem letzten Atemzug sprach sie mit feuriger Beredsamkeit und wurde berühmt für ihre völlige Hingabe auf dem Pfad Gottes. Hätte sie Bahá’u’lláh nicht gesehen, wäre keine solche Wirkung hervorgerufen worden. Ihr ganzes Leben hatte sie die Lehren der heiligen Schriften gelesen und gehört, aber es fehlten die Taten und der Funke der Begeisterung. Alle Frauen in Persien sind in der Öffentlichkeit verschleiert. Sie sind so vollständig bedeckt, dass man nicht einmal die Hände sieht. Diese strikte Verschleierung ist entsetzlich. Qurratu’l-‘Ayn riss ihren Schleier herunter und trat furchtlos in der Öffentlichkeit auf. Sie war wie eine Löwin. Ihre Tat sorgte für eine große Unruhe in ganz Persien. Die Verschleierungspflicht im Osten ist so übertrieben und zwingend, dass die Menschen im Westen sich nicht vorstellen können, welche Aufregung und Empörung der Anblick einer unverschleierten Frau in der Öffentlichkeit hervorruft. Qurratu’l-‘Ayn gab jeden Gedanken an sich selbst auf und kannte keine Angst in ihrer Hingabe zu Gott.88:14Frage: Sind die Bahá’í-Frauen im Osten unverschleiert?
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