‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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Frage: Sind nicht alle Christen auch Bahá’í? Gibt es einen Unterschied?
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Antwort: Wenn Christen nach den Lehren Christi leben und handeln, können sie als Bahá’í gelten. Denn die Grundlage des Christentums und der Religion Bahá’u’lláhs ist ein und dieselbe. Die Grundlage aller göttlichen Propheten und Heiligen Bücher ist ein und dieselbe. Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur in den Begrifflichkeiten. Jeder Frühling ist mit dem vorhergehenden identisch. Der Unterschied zwischen ihnen ist nur kalendarisch – 1911, 1912 und so weiter. Der Unterschied zwischen einem Christen und einem Bahá’í ist daher folgender: Es gab einen früheren Frühling, und jetzt gibt es einen Frühling. Es gibt keinen anderen Unterschied, da die Grundlagen dieselben sind. Wer vollständig nach den Lehren Christi lebt, ist ein Bahá’í. Das ist die wahre Bedeutung des Christseins, nicht das bloße Wort. Es geht um die Sonne selbst und nicht darum, wo sie aufgeht. Denn obwohl die Sonne nur eine ist, gibt es viele Aufgangsorte. Wir dürfen nicht die Aufgangsorte verehren, vielmehr müssen wir die Sonne anbeten. Wir müssen das Wesen der Religion lieben und uns nicht blind an die Bezeichnung ›Christentum‹ klammern. Der Sonne der Wahrheit müssen wir huldigen und folgen. Wir müssen den Duft der Rose suchen, egal an welchem Strauch sie blüht – östlich oder westlich. Sucht das Licht, ganz gleich, aus welcher Lampe es leuchtet. Seid keine Anhänger der Lampe. Das Licht leuchtete zuvor in einer Lampe im Osten, jetzt im Westen. Ob es aus dem Norden oder Süden kommt, aus welcher Richtung auch immer, folgt dem Licht. Ich möchte das näher erläutern. Jemand gab fünf Bettlern eine Münze. Sie beschlossen, dafür Essen zu kaufen. Der Engländer sagte: »Buy grapes«. Der Türke wollte »Uzum«, der Araber »‘Anab«, der Grieche »Stafi’li«, der Perser »Angúr«. Da sie die Sprachen der anderen nicht verstanden, zankten und stritten sie. Da kam ein Fremder daher. Er war mit allen fünf Sprachen vertraut. Er sagte: »Gebt mir die Münze, ich werde kaufen, was ihr wollt.« Als er ihnen Trauben brachte, waren sie alle zufrieden. Sie wollten dasselbe, aber sie bezeichneten es unterschiedlich. Kurz, wenn das Licht der Wahrheit inmitten der Religionen aufleuchtet, werden alle vereint und versöhnt sein.
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Frage: Findet ‘Abdu’l-Bahá, dass man in Amerika dem Christentum nicht gerecht wird und es nicht ausgeübt wird?
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Antwort: Meiner Ansicht nach sollte es vollständig umgesetzt und das Leben danach ausgerichtet werden. Der Mensch benötigt Augen, Ohren, Arme, Kopf, Füße und verschiedene andere Körperteile. Wenn er alle hat und alle zusammenarbeiten, besitzt er Ebenmaß und Vollkommenheit. So sagte Christus: »Seid also vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!«, was bedeutet, dass eine Forderung des Christentums ist, vollkommen zu sein. Seid das Ebenbild Gottes. Das ist nicht einfach. Es erfordert die Fokussierung auf alle himmlischen Tugenden. Es erfordert, dass wir zu Empfängern aller Vollkommenheiten Gottes werden. Dann werden wir Sein Ebenbild werden. In der Bibel heißt es ja: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Das zu erreichen ist äußerst schwierig.
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Als Christus mit diesem wunderbaren Odem des Heiligen Geistes erschien, sagten die Kinder Israels: »Wir sind ganz unabhängig von ihm, wir können ohne ihn auskommen und Moses folgen. Wir haben ein Buch und darin stehen die Lehren Gottes. Wozu also brauchen wir diesen Mann?« Christus sagte zu ihnen: »Das Buch genügt euch nicht.« Es ist möglich, dass ein Mensch sich an ein medizinisches Buch hält und sagt: »Ich brauche keinen Arzt. Ich werde nach diesem Buch vorgehen. Darin wird jede Krankheit benannt und alle Symptome werden erklärt. Die Diagnose jeder Krankheit wird vollständig beschrieben und für jedes Übel ist ein Rezept vorhanden. Wozu brauche ich da einen Arzt?« Das ist reine Unwissenheit. Rezepte müssen von einem Arzt verschrieben werden. Durch sein Können werden die Prinzipien des Buches korrekt und effektiv angewendet, bis der Patient wieder gesund ist. Christus war ein himmlischer Arzt. Er brachte der Welt geistige Gesundheit und Heilung. Bahá’u’lláh ist ebenfalls ein göttlicher Arzt. Er offenbarte Vorschriften zur Gesundung des Staatswesens und behandelte die Lebensbedingungen der Menschen durch geistige Kraft.
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Daher reicht bloßes Wissen nicht aus, wenn Menschen etwas zur Vollendung bringen wollen. Die Lehren der Heiligen Schriften bedürfen einer himmlischen Macht und göttlicher Kraft, um sie auszuführen. Ein Haus lässt sich nicht bauen, wenn man sich lediglich mit den Plänen vertraut gemacht hat. Es muss Geld zur Verfügung stehen, Entschlossenheit ist notwendig, um es zu bauen, und man benötigt einen Zimmermann für die Errichtung. Es reicht nicht aus, zu sagen: »Plan und der Zweck dieses Hauses sind sehr gut, ich werde darin leben.« Diese bloße Aussage sorgt nicht für Schutz, weder durch Mauern noch durch ein Dach. Das Haus muss tatsächlich gebaut werden, bevor wir darin leben können.
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Kurz gesagt, die Lehren der Heiligen Bücher brauchen eine göttliche Kraft, um im menschlichen Herzen zur Vollendung zu gelangen. In Persien erzog Bahá’u’lláh Seelen und lehrte sie, knüpfte enge Bande unter den verschiedenen Völkern Persiens und einte voneinander abweichende religiöse Überzeugungen in solch einem Ausmaß, dass zwanzigtausend ergebene Gläubige in ruhmreicher Einheit ihr Leben für die Sache Gottes opferten. Keinerlei Unterschiede blieben zwischen diesen gesegneten Seelen – Christen, Juden, Muslime, Zoroastrier, alle Seite an Seite, vereint und mit gleicher Überzeugung durch die Kraft Seiner himmlischen Macht, nicht durch bloße Worte, nicht durch das Lippenbekenntnis: »Einheit ist gut und Liebe ist lobenswert.«
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Bahá’u’lláh hat diese Einheit und Liebe nicht nur verkündet, Er hat sie geschaffen. Als himmlischer Arzt hat Er nicht nur Mittel verschrieben gegen diese Leiden der Zwietracht und des Hasses, sondern für eine wirkliche Heilung gesorgt. Wir können in einem Medizinbuch lesen, dass eine bestimmte Krankheit dieses oder jenes Heilmittel erfordert. Diese Beschreibung mag zwar völlig richtig sein, aber das Heilmittel ist so lange nutzlos, bis der Wille und die Kraft da sind, es anzuwenden. Jeder Mann in der Armee des Königs kann einen Befehl geben; aber wenn der König selbst spricht, wird der Befehl auch ausgeführt. Dieser oder jener kann sagen: »Geh und erobere ein Land.« Aber wenn der König sagt: »Geht!«, dann rückt die Armee vor. Daher ist es offensichtlich, dass die Unterstützung durch den Heiligen Geist und der anspornende Einfluss einer himmlischen Macht nötig sind, um das göttliche Ziel in den Herzen und Lebensumständen der Menschen zu erreichen. Jesus Christus, allein und nur auf sich gestellt, gelang, was alle Könige der Erde nicht hätten erreichen können. Auch wenn alle Reiche und Nationen der Welt sich dafür zusammengeschlossen hätten, wären sie doch gescheitert.
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Das zeigt deutlich, dass man sich anstrengen muss, um Absicht und Plan der Lehren Gottes vollkommen auszuführen, damit an diesem großen Tag die Welt reformiert und ein neuer Lebensgeist gefunden wird, Seelen erweckt und Herzen erleuchtet werden, die Menschheit von den Fesseln der Natur befreit und aus den Niederungen des Materialismus errettet wird und durch die Anziehungskraft des göttlichen Reiches Geistigkeit und Ausstrahlung erlangt. Das ist notwendig, das brauchen wir. Das bloße Lesen der Heiligen Bücher und Texte wird nicht ausreichen.
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Vor vielen Jahren sah ich in Baghdád einen Offizier am Boden sitzen. Vor ihm lag ein großer Bogen Papier, in den er Nadeln mit roten und weißen Fähnchen steckte. Zuerst steckte er sie ins Papier, zog sie dann nachdenklich heraus und änderte ihre Position. Ich habe ihn lange mit neugierigem Interesse beobachtet und dann gefragt: »Was machst du da?« Er antwortete: »Ich denke an etwas, was über Napoleon I. während seines Krieges gegen Österreich erzählt wird. Eines Tages, so heißt es, fand ihn sein Sekretär auf dem Boden sitzend, wie ich es jetzt tue, und Nadeln in ein vor ihm liegendes Papier stecken. Sein Sekretär fragte ihn, was er da mache. Napoleon antwortete: ›Ich bin auf dem Schlachtfeld und plane meinen nächsten Sieg. Du siehst, Italien und Österreich sind besiegt und Frankreich triumphiert.‹ In dem darauffolgenden großen Feldzug kam alles so, wie er es gesagt hatte. Seine Armee verhalf seinen Plänen zu einem vollständigen Erfolg. Jetzt mache ich dasselbe wie Napoleon und plane einen großen militärischen Eroberungsfeldzug.« Ich sagte: »Wo ist deine Armee? Napoleon hatte bereits eine Armee ausgerüstet, als er seinen Sieg plante. Du hast aber keine Armee. Deine Streitkräfte existieren nur auf dem Papier. Du hast nicht die Macht, Länder zu erobern. Stelle zuerst deine Armee auf, dann setze dich mit deinen Nadeln auf den Boden.« Wir brauchen eine Armee, um den Sieg in der geistigen Welt zu erringen. Pläne allein genügen nicht. Ideen und Prinzipien sind wirkungslos ohne die göttliche Kraft, sie in die Tat umzusetzen.
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Abgesehen davon ist der Ansporn durch Freude über die frohen Botschaften in den Menschenherzen erforderlich. Eine besondere geistige Anziehungskraft ist nötig, damit Herzen bereitwillig in der göttlichen Sache voranschreiten. Wir müssen von Gott angezogen sein. Der Odem des Heiligen Geistes muss wirksam sein. Wenn das nicht der Fall ist, können die Lehren Gottes in uns nichts bewirken. Es braucht eine auf Idealen beruhende Kraft. Die Menschen in Amerika haben eine bemerkenswert schnelle Auffassungsgabe. Ihre Gedanken sind frei und nicht durch das Joch einer tyrannischen Regierung gefesselt. Sie sollten die Wahrheit erforschen und sich nicht mit Überlieferungen und Nachahmungen beschäftigen. Denkt an das, was Christus vollbrachte. Er bewirkte, dass die Seelen eine Stufe erreichten, auf der sie voll Bereitschaft und Freude ihr Leben hingaben. Was für eine Kraft! Tausende empfanden aufgrund ihrer geistigen Empfänglichkeit größte Freude und waren so zu Gott hingezogen, dass sie auf Seinem Pfad ihrem eigenen Wunsch und Willen völlig entsagten. Wäre ihnen bloß gesagt worden, dass Opfer auf dem Pfade Gottes gut und lobenswert seien, wäre dies niemals geschehen. Sie hätten nicht gehandelt. Christus zog sie an, übernahm die Zügel der Führung, und sie machten sich verzückt auf den Weg, sich selbst zu opfern.
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Qurratu’l-‘Ayn war eine persische Frau ohne Ruhm und Bedeutung – unbekannt wie alle anderen persischen Frauen. Als sie Bahá’u’lláh sah, änderte sich ihr Wesen völlig, für alle sichtbar, und sie blickte in eine andere Welt. Durch himmlische Anziehungskraft wurden ihr die Zügel des Willens aus den Händen genommen. Sie war so überwältigt, dass körperliche Empfindlichkeiten verschwanden. Ihr Mann, ihre Söhne und ihre Familie erhoben sich in äußerster Feindschaft gegen Bahá’u’lláh. Doch sie wurde von der göttlichen Schwelle so angezogen, dass sie alles aufgab, in die Ebene von Badasht ging und völlig furchtlos, kühn und offen die Botschaft des Lichtes verkündete, die sie empfangen hatte. Die persische Regierung stellte sich gegen sie. Man unternahm alles, um sie zum Schweigen zu bringen, man sperrte sie zeitweise sogar im Haus des Gouverneurs ein, aber sie hielt weiterhin Ansprachen. Dann wurde sie verhaftet und umgebracht. Bis zu ihrem letzten Atemzug sprach sie mit feuriger Beredsamkeit und wurde berühmt für ihre völlige Hingabe auf dem Pfad Gottes. Hätte sie Bahá’u’lláh nicht gesehen, wäre keine solche Wirkung hervorgerufen worden. Ihr ganzes Leben hatte sie die Lehren der heiligen Schriften gelesen und gehört, aber es fehlten die Taten und der Funke der Begeisterung. Alle Frauen in Persien sind in der Öffentlichkeit verschleiert. Sie sind so vollständig bedeckt, dass man nicht einmal die Hände sieht. Diese strikte Verschleierung ist entsetzlich. Qurratu’l-‘Ayn riss ihren Schleier herunter und trat furchtlos in der Öffentlichkeit auf. Sie war wie eine Löwin. Ihre Tat sorgte für eine große Unruhe in ganz Persien. Die Verschleierungspflicht im Osten ist so übertrieben und zwingend, dass die Menschen im Westen sich nicht vorstellen können, welche Aufregung und Empörung der Anblick einer unverschleierten Frau in der Öffentlichkeit hervorruft. Qurratu’l-‘Ayn gab jeden Gedanken an sich selbst auf und kannte keine Angst in ihrer Hingabe zu Gott.
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Frage: Sind die Bahá’í-Frauen im Osten unverschleiert?
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Antwort: Das ist noch nicht überall möglich, aber die Bedingungen sind nicht annähernd so restriktiv wie früher. Die Bahá’í-Männer und -Frauen haben gemeinsame Treffen. Das ist der Anfang der Emanzipation der Frauen aus jahrhundertelanger Unterdrückung. Qurratu’l-‘Ayn war fürwahr die Befreierin aller persischen Frauen.
Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Green Acre16. bis 17. August 1912– 89 –
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16. August 1912
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Ansprache in Green Acre
Eliot, Maine
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Aufzeichnungen von Edna McKinney
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Was immer vor einem aufmerksamen Zuhörerkreis präsentiert wird, muss von Vernunftbeweisen und logischen Argumenten gestützt sein. Es gibt vier Arten der Beweisführung: erstens durch Sinneswahrnehmung, zweitens durch das Denkvermögen, drittens durch die Autorität der Überlieferung und der Schriften, viertens durch Eingebung. Das heißt, für die Urteilsbildung gibt es vier Kriterien oder Maßstäbe, anhand derer der menschliche Geist seine Schlüsse zieht. Lassen Sie uns zunächst das Kriterium der Sinneswahrnehmung betrachten. Das ist ein Maßstab, an den sich die materialistischen Philosophen dieser Welt immer noch halten. Sie glauben, dass alles, was durch die Sinne erfahrbar ist, wahr ist und unbestreitbar existiert. So sagen sie zum Beispiel: »Diese Lampe ist sichtbar, und weil sie für den Sehsinn wahrnehmbar ist, kann man ihre Existenz nicht bezweifeln. Dort steht ein Baum; der Sehsinn beweist, dass er zweifellos real ist. Hier ist ein Mensch. Man sieht, dass es ein Mensch ist. Also existiert er.« Kurz, von allem, was die Sinne bestätigen, wird angenommen, dass es unzweifelhaft und fraglos existiert, so wie die Multiplikation von fünf mit fünf nicht sechsundzwanzig und auch nicht weniger als fünfundzwanzig ergeben kann. Folgerichtig steht für die materialistischen Philosophen das Kriterium der Sinne an erster Stelle.
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Aber in der Einschätzung der göttlichen Philosophen sind dieser Beweis und diese Bestätigung nicht verlässlich; nein, vielmehr erachten sie den Maßstab der Sinne als falsch, weil er unvollkommen ist. So ist etwa der Sehsinn, einer der wichtigsten Sinne, anfällig für viele Irrtümer und Ungenauigkeiten. Das Auge sieht die Fata Morgana wie eine Wasseroberfläche und hält Spiegelbilder für real, obwohl sie nur Spiegelungen sind. Für jemanden, der auf einem Fluss segelt, scheinen sich die Gegenstände am Ufer zu bewegen, obwohl er selbst in Bewegung ist und sie unbeweglich sind. Für das Auge scheint die Erde stillzustehen, während die Sonne und die Sterne sie umkreisen. Tatsächlich sind die Himmelskörper stationär, während die Erde um die Sonne kreist. Die riesigen Sonnen, Planeten und Sternbilder, die am Himmel leuchten, erscheinen dem menschlichen Auge als klein, sogar als winzig, während sie in ihren Abmessungen und ihrem Volumen tatsächlich weit größer als die Erde sind. Ein wirbelnder Funke erscheint dem Auge als ein Feuerring. Es gibt zahllose Beispiele dieser Art, die die Irrtümer und die Ungenauigkeit der Sinne zeigen. Darum erachteten die göttlichen Philosophen diesen Maßstab als unzulänglich und unzuverlässig.
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Das zweite Kriterium ist das des Intellekts. Die alten Philosophen erachteten insbesondere den Intellekt als wichtigstes Werkzeug für eine Beurteilung. Unter den Weisen Griechenlands, Roms, Persiens und Ägyptens galt die Vernunft als Kriterium eines wahren Beweises. Sie meinten, dass jeder Sachverhalt, der dem Verstand unterbreitet werde, eindeutig als wahr oder falsch erkannt werden könnte und entsprechend angenommen oder abgelehnt werden müsste. Doch auch dieses Kriterium wird von den Einsichtigen als unzureichend und unzuverlässig angesehen, da selbst diese Philosophen, die den Intellekt für den Maßstab menschlicher Urteilsfähigkeit hielten, bei jedem untersuchten Thema weit voneinander abwichen. Die Aussagen der griechischen Philosophen widersprechen den Schlussfolgerungen der persischen Weisen. Selbst unter den griechischen Philosophen herrscht keine Einigkeit und es gibt zu jedem Thema fortwährend Meinungsverschiedenheiten. Ein großer Unterschied im Denken bestand auch zwischen den Weisen Griechenlands und Roms. Wenn also die Vernunft oder der Verstand ein korrekter und unfehlbarer Maßstab wäre, müssten diejenigen, die ihn ausprobierten und anwandten, zu gleichen Ergebnissen kommen. Da sie in den Schlussfolgerungen voneinander abweichen und einander widersprechen, ist offensichtlich, dass Prüfungsmethode und Prüfungsmaßstab fehlerhaft und unzureichend sein müssen.
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Das dritte Kriterium, also der dritte Maßstab für die Beweisführung sind die Überlieferungen oder die Schriften – das heißt, jede Aussage oder Schlussfolgerung sollte sich auf Überlieferungen stützen, die in bestimmten religiösen Büchern aufgezeichnet sind. Doch selbst wenn wir die Heiligen Schriften – die Bücher Gottes – anschauen, müssen wir uns fragen: »Wer versteht diese Bücher? Mit welcher Autorität können diese Bücher gedeutet werden?« Es muss die Autorität des menschlichen Verstandes sein, und wenn der Verstand beziehungsweise der Intellekt sich außerstande sieht, gewisse Fragen zu erklären, oder wenn kluge Köpfe einander in der Auslegung der Überlieferungen widersprechen, wie können wir uns dann auf ein solches Kriterium für genaue Schlussfolgerungen verlassen?
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Das vierte Kriterium ist die Eingebung. In den vergangenen Jahrhunderten haben viele Philosophen Erleuchtung oder Offenbarung beansprucht und stellten ihren Aussagen die Ankündigung voran: »dieses Thema wurde durch mich offenbart« oder »so spreche ich durch Inspiration«. Zu dieser Gruppe gehörten die Philosophen der Illuminaten. Inspirationen sind die Eingebungen oder Empfindungen des menschlichen Herzens. Die Eingebungen des Herzens sind manchmal satanisch. Wie können wir sie unterscheiden? Wie können wir wissen, ob eine Aussage eine Inspiration oder Herzensregung ist, die durch gnädige Führung oder durch bösartige Einflüsse geschieht?
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Folglich wird klar, dass die vier Kriterien oder Maßstäbe der Beurteilung, anhand derer der menschliche Geist seine Schlüsse zieht, mangelhaft und ungenau sind. Alle können zu falschen und irrigen Schlussfolgerungen führen. Wird uns aber eine Erklärung vorgelegt, die von Beweisen gestützt wird, die die Sinne als richtig wahrnehmen können und denen der Verstand zustimmen kann, die mit der überlieferten Autorität übereinstimmt und von der Eingebung des Herzens bestätigt wird, so kann sie als völlig richtig eingeschätzt werden, und wir können uns auf sie verlassen, weil sie nach allen Maßstäben der Urteilsfindung geprüft wurde und sich als vollständig erwiesen hat. Wenn wir uns nur auf eine einzige Prüfung verlassen, gibt es Fehlerquellen. Dies ist einleuchtend und offensichtlich.
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Lasst uns jetzt das Thema ›Liebe‹ betrachten, das hier vorgeschlagen wurde, und es den vier Beurteilungsmaßstäben unterziehen und so zu unseren Schlussfolgerungen gelangen.
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Wir stellen fest, dass die Liebe die Ursache für die Existenz aller Erscheinungen ist und dass das Fehlen von Liebe Auflösung und Nichtsein bewirkt. Liebe ist Gottes gezielte Gabe, das verbindende Band in allen Erscheinungen. Betrachten wir zunächst, wie sich dies durch Sinneswahrnehmung beweisen lässt. Wenn wir auf das Universum blicken, erkennen wir, dass alle zusammengesetzten Wesen oder existierenden Erscheinungen in erster Linie aus Einzelelementen bestehen, die durch eine Anziehungskraft zusammengehalten werden. Diese Anziehungskraft bewirkt den Zusammenhalt zwischen den Atomen dieser Teilelemente. Das resultierende Wesen ist eine Erscheinungsform des niederen, bedingten Typs. Die im Mineralreich zum Ausdruck kommende Bindungskraft ist in Wirklichkeit Liebe oder gegenseitige Anziehung, die sich auf einer niedrigen Ebene gemäß den Gegebenheiten des Mineralreiches zeigt. Wir gehen einen Schritt weiter ins Pflanzenreich, wo wir unter den Bestandteilen der jeweiligen Erscheinungen eine stärkere Anziehungskraft feststellen. Durch diese Anziehungskraft wird den Bestandteilen des Pflanzenkörpers auf der Zellebene etwas hinzugefügt. Es gibt also auf der Stufe des Pflanzenreiches Liebe. Im Tierreich finden wir die Anziehungskraft zwischen den Einzelelementen ähnlich wie im Mineralreich, dazu das Wachstum wie im Pflanzenreich sowie Phänomene wie Gefühle oder Empfindungsvermögen. Wir beobachten, dass die Tiere zu einer bestimmten Gruppenbildung und Gemeinschaft neigen und dass sie einer natürlichen Auslese unterliegen. Diese Anziehung der Elemente, dieses Wachstum und die spezifische Gruppenbildung sind Ausdruck der Liebe auf der Stufe des Tierreiches.
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Schließlich kommen wir zum Reich des Menschen. Da dies das höchste Reich ist, leuchtet hier das Licht der Liebe stärker. Im Menschen finden wir die Anziehungskraft unter den Bestandteilen seines Körpers, ferner die Anziehung, die auf Zellebene etwas hinzufügt, also das Wachstum, dazu die Anziehung, die das Empfindungsvermögen des Tierreiches kennzeichnet. Aber jenseits all dieser niederen Kräfte und über sie hinaus entdecken wir im menschlichen Wesen die Anziehungskraft des Herzens, die Empfindsamkeit und Zuneigung, die Menschen aneinander bindet und sie befähigt, in Freundschaft und Verbundenheit zusammenzuleben und eine Gemeinschaft zu bilden. Es ist also offensichtlich, dass der höchste König und Herrscher in der Menschenwelt die Liebe ist. Würde die Liebe ausgelöscht, die Anziehungskraft aufgelöst, die Zuneigung der Menschenherzen zerstört, dann würde das Phänomen menschlichen Lebens verschwinden.
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Dies ist ein Beweis, den die Sinne wahrnehmen können, den die Vernunft annehmen kann, der übereinstimmt mit den Traditionen und Lehren der Heiligen Bücher und durch die Eingebungen der menschlichen Herzen selbst bestätigt ist. Es ist ein Beweis, auf den wir uns absolut verlassen und den wir als vollständig erklären können. Aber dies sind nur Ausprägungen der Liebe, die in der natürlichen oder physischen Welt existieren. Ihr Ausdruck entspricht immer den Anforderungen natürlicher Gegebenheiten und Vorgaben.
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Wirkliche Liebe ist die Liebe, die zwischen Gott und Seinen Dienern besteht, die Liebe, die die heiligen Seelen verbindet. Dies ist die Liebe der geistigen Welt, nicht die Liebe der physischen Körper und Organismen. Betrachten wir, wie die Gnadengaben Gottes nach und nach auf die Menschen herabkommen, wie der göttliche Strahlenglanz ewig über der Menschenwelt scheint. Es kann keinen Zweifel geben, dass diese Gaben, diese Güte, dieser Strahlenglanz von der Liebe ausgehen. Wenn nicht Liebe der göttliche Beweggrund wäre, wäre es dem Menschenherzen unmöglich, die göttlichen Gnadengaben zu erlangen und zu empfangen. Wenn die Liebe nicht wäre, könnte der göttliche Segen auf nichts und niemanden, was es auch sei, herniederkommen. Wenn es keine Liebe gäbe, könnte das, was den göttlichen Strahlenglanz aufnimmt, nicht strahlen und diesen Strahlenglanz auch nicht anderen vermitteln. Wenn wir aufmerksam sind, bemerken wir, dass die Gaben Gottes sich fortwährend zeigen, so wie die Strahlen der Sonne unaufhörlich dem Zentralgestirn entströmen. Der Strahlenglanz der Sonne macht die Erscheinungswelt leuchtend und hell. So wird auch das Reich des Herzens und Geistes durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit und die Segnungen der Liebe Gottes erleuchtet und belebt. Dadurch wird die Welt des Seins, das Reich des Herzens und Geistes, dauerhaft zum Leben erweckt. Ohne die Liebe Gottes wäre das Herz leblos, der Geist würde verkümmern und die Wirklichkeit des Menschen wäre der ewigen Gaben beraubt.
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Schaut, in welchem Ausmaß sich die Liebe Gottes offenbart. Zu den Zeichen Seiner Liebe, die in der Welt erscheinen, gehören die Aufgangsorte Seiner Manifestationen. Welch unendliches Maß an Liebe wird der Menschheit durch die göttlichen Manifestationen zuteil! Um der Führung der Menschen willen, um die Herzen der Menschen wiederzubeleben, haben Sie bereitwillig Ihr Leben hingegeben. Sie haben das Kreuz auf Sich genommen. Um den Menschen den größtmöglichen Fortschritt zu ermöglichen, haben Sie in Ihrer begrenzten Lebenszeit unvorstellbare Prüfungen und Schwierigkeiten erduldet. Wenn Jesus Christus keine Liebe zur Menschheit besessen hätte, hätte Er das Kreuz gewiss nicht angenommen. Er ließ Sich aus Liebe zur Menschheit kreuzigen. Seht das unendliche Maß dieser Liebe. Ohne Liebe zur Menschheit hätte Johannes der Täufer sein Leben nicht hingegeben. Und so war es bei allen Propheten und Heiligen Seelen. Hätte der Báb keine Liebe zur Menschheit empfunden, so hätte Er gewiss Seine Brust nicht den tausend Kugeln dargeboten. Wenn Bahá’u’lláh nicht von der Liebe zur Menschheit entflammt gewesen wäre, hätte Er nicht bereitwillig eine vierzigjährige Gefangenschaft auf Sich genommen.
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Schaut, wie selten die Menschen ihr Vergnügen und ihren Komfort für andere opfern, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Mensch zugunsten eines anderen ein Auge oder ein Körperteil hingibt. Und doch haben alle göttlichen Manifestationen gelitten, Ihr Leben und Blut hingegeben, Ihre ganze Existenz, Ihr Wohlergehen und all Ihren Besitz um der Menschheit willen geopfert. Deshalb sollten wir uns vor Augen halten, welch große Liebe Sie hegen. Ohne Ihre Liebe zur Menschheit wäre geistige Liebe nur eine Worthülse. Ohne Ihre Erleuchtung könnten Menschenseelen nicht strahlen. Wie viel Ihre Liebe bewirkt! Dies ist ein Zeichen der Liebe Gottes, ein Strahl der Sonne der Wahrheit.
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Darum müssen wir Gott preisen, denn das Licht Seiner Großmut schien auf uns durch Seine ewig währende Liebe. Seine göttlichen Manifestationen haben Ihr Leben aus Liebe zu uns hingegeben. Sodann denkt über die Bedeutung der Liebe Gottes nach. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, bliebe jeder Geist leblos. Damit ist nicht der körperliche Tod gemeint; nein, es ist vielmehr dieser Zustand, über den Christus sagte: »Lass die Toten ihre Toten begraben«, denn »Was aus dem Fleisch geboren wird, ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren wird, ist Geist.« Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die Herzen nicht erleuchtet. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, stünde der Weg zu Seinem Reich nicht offen. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die Heiligen Bücher nicht offenbart worden. Gäbe es die Liebe Gottes nicht, wären die göttlichen Propheten nicht in die Welt gesandt worden. Die Grundlage all dieser Gaben ist die Liebe Gottes. Deshalb gibt es in der Menschenwelt keine größere Macht als die Liebe Gottes. Es ist die Liebe Gottes, die uns heute Abend hier zusammengeführt hat. Es ist die Liebe Gottes, die den Osten und den Westen zusammenbringt. Es ist die Liebe Gottes, die die Welt auferweckt hat. Jetzt müssen wir Gott dafür danken, dass uns eine so große Gabe, ein solches Strahlen offenbart worden ist.
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Wir kommen jetzt zu einem anderen Aspekt unseres Themas: Sind die Taten und die Wirkungen der Liebe auf diese Welt begrenzt, oder erstrecken sie sich auch auf eine andere Form der Existenz? Wirkt ihr Einfluss nur hier auf unser Dasein, oder erstreckt er sich auf das ewige Leben? Wenn wir auf das Menschenreich schauen, stellen wir leicht fest, dass es allen anderen Reichen übergeordnet ist. Bei der Einteilung des Lebens in der Welt des Daseins gibt es vier Stufen oder Reiche, das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich. Das Mineralreich besitzt eine bestimmte Eigenschaft, die wir Anziehung nennen. Das Pflanzenreich besitzt die Eigenschaft der Anziehung und dazu die Kräfte von Wachstum und Vermehrung. Das Tierreich besitzt die Eigenschaften des Mineralreiches und des Pflanzenreiches und zusätzlich die Kraft der Sinne. Aber obwohl das Tier über Empfindungen verfügt, fehlt ihm jegliches Bewusstsein, es hat keine Berührung mit der Welt von Bewusstsein und Geist. Das Tier besitzt keine Kräfte, mit denen es Entdeckungen machen kann, die über das Reich der Sinne hinausgehen. Es kann nichts Intellektuelles hervorbringen. Ein Tier, das in Europa lebt, kann z.B. nicht den amerikanischen Kontinent entdecken. Es versteht nur Erscheinungen, die in den Bereich seiner Sinne und seines Instinkts gelangen. Es kann nichts abstrakt durchdenken. Das Tier kann sich nicht vorstellen, dass die Erde kugelförmig ist oder sich um ihre Achse dreht. Es kann nicht begreifen, dass die kleinen Sterne am Himmel gewaltige Welten sind, weit größer als die Erde. Das Tier kann nicht abstrakt den Intellekt erfassen. Diese Fähigkeiten besitzt es nicht. Diese Kräfte sind also typisch für den Menschen, und es ist offensichtlich, dass es im Menschenreich eine Wirklichkeit gibt, die dem Tier fehlt. Was ist diese Wirklichkeit? Es ist der Geist des Menschen. Durch ihn ragt der Mensch über alle anderen Erscheinungswelten heraus. Obwohl er bereits alle Vorzüge der niederen Reiche besitzt, ist er zudem mit der Fähigkeit des Geistes, der himmlischen Gabe des Bewusstseins begabt.
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Alle materiellen Erscheinungen sind der Natur unterworfen. Alle materiellen Organismen sind Gefangene der Natur. Nichts davon kann im Geringsten von den Naturgesetzen abweichen. Diese Erde, diese hohen Berge, die Tiere mit ihren wunderbaren Kräften und Instinkten können die natürlichen Begrenzungen nicht überschreiten. Alle sind Gefangene der Natur – außer dem Menschen. Der Mensch ist der Gebieter der Natur. Er setzt sich über die Gesetze der Natur hinweg. Obwohl er von Natur aus dazu ausgerüstet ist, auf der Erdoberfläche zu wohnen, fliegt er in die Luft wie ein Vogel, segelt über das Meer und taucht in Unterseebooten tief in seine Wellen hinab. Der Mensch ist mit einer Kraft begabt, durch die er in die Naturgesetze eindringt, sie entdeckt und aus der Verborgenheit auf die Ebene der Sichtbarkeit bringt. Die Elektrizität war einmal eine verborgene Naturkraft. Gemäß den Naturgesetzen hätte sie ein verborgenes Geheimnis bleiben sollen, aber der Geist des Menschen hat sie entdeckt, aus der Verborgenheit geholt und ihre Erscheinungen sichtbar gemacht. Es ist offensichtlich und klar, dass der Mensch fähig ist, sich über die Gesetze der Natur hinwegzusetzen. Wie bewerkstelligt er das? Durch den Geist, mit dem Gott ihn erschaffen hat. Dies ist ein Beweis dafür, dass sich der Mensch durch seinen Geist von allen niederen Reichen unterscheidet und hervorhebt. Es ist dieser Geist, auf den sich im Alten Testament ein Vers bezieht, in dem es heißt: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.« Nur der Geist des Menschen durchdringt die Wahrheiten Gottes und hat an den göttlichen Gnadengaben teil.
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Diese große Macht muss offensichtlich unterschieden werden vom physischen Leib, dem Tempel, in dem sie offenbar wird. Schaut genau hin und seht, wie dieser menschliche Leib sich ändert. Dennoch bleibt der Geist des Menschen immer im selben Zustand. So wächst der Körper manchmal schwach heran, wird stark oder korpulent, manchmal wächst er kleiner heran oder verkrüppelt, aber das hat keine Wirkung auf den Geist. Das Auge mag erblinden, der Fuß kann amputiert werden, aber der Geist wird von keiner Unvollkommenheit beeinträchtigt. Das zeigt, dass sich der Geist des Menschen von seinem Körper unterscheidet. Schäden am Leib oder seinen Gliedmaßen verursachen keine Schäden am Geist. Daraus ergibt sich zutreffend die Schlussfolgerung, dass der Geist überleben wird, selbst wenn der gesamte Körper einer radikalen Veränderung unterzogen werden sollte. Selbst wenn der Körper des Menschen zerstört wird und nicht mehr existiert, bleibt der Geist des Menschen unberührt. Denn der Geist des Menschen besteht ewig. Manchmal schläft der Körper, die Augen sehen nicht, die Ohren hören nicht, die Gliedmaßen bewegen sich nicht mehr, jede Körperfunktion ruht wie im Tode. Trotzdem sieht und hört der Geist und schwebt in die Höhe. Denn er besitzt diese Fähigkeiten, die ohne Zutun des Körpers wirken. In der Gedankenwelt sieht er ohne Augen, hört ohne Ohren und reist, ohne die Füße zu bewegen. Ohne körperliche Kraft übt er jede Funktion aus. Dies macht deutlich, dass der Geist im Schlaf lebt, obwohl der Körper wie tot ist. In der Traumwelt wird der Körper völlig passiv, aber der Geist funktioniert immer noch aktiv und besitzt alle Gefühle. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass das Leben des Geistes weder das Leben des Körpers voraussetzt noch davon abhängig ist. Man kann allenfalls sagen, dass der Körper ein bloßes Kleidungsstück ist, das vom Geist benutzt wird. Wenn dieses Kleidungsstück zerstört wird, ist der Träger nicht davon betroffen, er bleibt vielmehr unversehrt.
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Alle Erscheinungen sind einem stetigen Wandel von einem Zustand in einen anderen unterworfen, und dieser Wandel führt zu einer Art Nichtexistenz. Wenn zum Beispiel ein Mensch aus dem menschlichen Reich in das Mineralreich eintritt, sagen wir, er sei tot, denn dann hat er die physische Gestalt des Menschen abgelegt und den Zustand mineralischer Stoffe angenommen. Diese Transformation oder Umgestaltung wird als Tod bezeichnet. Daraus folgt also, dass kein Organismus der Erscheinungswelt gleichzeitig zwei Gestalten haben kann. Wenn ein Objekt die Gestalt eines Dreiecks hat, kann es nicht gleichzeitig die Gestalt eines Quadrats haben. Wenn es kugelförmig ist, kann es nicht gleichzeitig fünf- oder sechseckig sein. Um eine bestimmte Figur oder Form anzunehmen, muss es die vorherige Form aufgeben. Somit muss die Gestalt des Dreiecks aufgegeben werden, um ein Quadrat zu werden; das Quadrat muss sich ändern, um ein Fünfeck zu werden. Diese Transformationen oder Veränderungen von einem Zustand zum anderen sind gleichbedeutend mit dem Tod. Aber die Wirklichkeit des Menschen, der menschliche Geist, besitzt gleichzeitig jede Form und Gestalt, ohne eine von ihnen zu verlieren. Es erfordert keine Transformation von einem Konzept zum anderen. Würde er eine oder alle Gestalten verlieren, würden wir sagen, er sei in eine andere Gestalt überführt worden, und dies wäre gleichbedeutend mit dem Tod. Aber da der menschliche Geist alle Formen gleichzeitig besitzt, gibt es für ihn weder Transformation noch Tod.
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Gemäß der Naturphilosophie ist es eine Tatsache, dass einzelne oder einfache Elemente unzerstörbar sind. Da die Natur unzerstörbar ist, ist jedes Grundelement der Natur beständig und dauerhaft. Tod und Vernichtung betreffen nur Verbindungen und Zusammensetzungen. Das heißt, Zusammensetzungen können zerstört werden. Wenn eine Zersetzung stattfindet, tritt der Tod ein. Zum Beispiel bildet die Verbindung bestimmter einzelner Bestandteile diese Blume. Wenn diese Verbindung aufgelöst wird, wenn diese Zusammensetzung zerfällt, stirbt die Blume als Organismus des Pflanzenreiches. Aber die einzelnen Elemente, aus denen diese Blume besteht, erleiden keinen Tod, denn alle einzelnen Elemente sind dauerhaft, ewig und unterliegen nicht der Zerstörung. Sie sind unzerstörbar, weil sie Einzelteile sind und nicht zusammengesetzt. Sie können sich also weder auflösen noch in Atome zerlegt werden, sondern sie sind einzeln, einfach und daher ewig.
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Wenn schon eine elementare Substanz Unsterblichkeit besitzt, wie kann der menschliche Geist, die menschliche Wirklichkeit, die gänzlich über Verbindung und Zusammensetzung erhaben ist, zerstört werden? Nein, vielmehr ist dieser Geist ein Ganzes, eine Einheit und keine Verbindung. Seine Zerstörung ist daher nicht möglich. Der Geist des Menschen überschreitet die Eigenschaften und Attribute jedes Elementes der Natur. Seine Eigenschaften überragen die von Gold, Silber oder Eisen, die einzelne Elemente sind und deshalb unzerstörbar. Da schon sie unzerstörbar sind und mit Dauerhaftigkeit ausgezeichnet, um wie viel mehr ist der menschliche Geist frei und unsterblich. Wie kann er jemals zerstört werden? Dies ist ein Thema von großer Bedeutung. Zahllose Beweise gibt es dazu. Ich hoffe, wir können dieses Thema zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen.
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