‘Abdu’l-Bahá | Die Verkündigung des Weltfriedens
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93:9
So erfordert die göttliche Souveränität eine Schöpfung, über die ihre Herrschaft ausgeübt wird. Die Souveränität muss nachweisbar sein. Wenn wir versuchen, uns eine Zeit vorzustellen, in der es keine Schöpfung gab, in der es keine Untertanen oder Geschöpfe gab, die unter göttlicher Herrschaft und Kontrolle standen, würde die Göttlichkeit selbst verschwinden. Es würde ein Ende der Freigebigkeit Gottes bedeuten, so wie das Königtum und die Gunst eines irdischen Monarchen verschwinden würden, wenn sein Königreich nicht existierte. Die Souveränität Gottes ist ewig. Es gab keinen Anfang und wird kein Ende geben. Dies ist so offensichtlich wie die Sonne am Mittag, auch für jemanden mit begrenztem Verstand.
93:10
Wenn wir die stoffliche Sonne betrachten, sehen wir, dass ihre Wärme und ihr Licht stetig strahlen. Die Freigebigkeit der Sonne endet nicht. Wäre die Sonne ohne Licht oder Hitze, wäre sie nicht die Sonne. Woran erkennen wir die Sonne? An ihrer Wärme und ihren Lichtstrahlen. Wenn sie ihrer Strahlen und ihrer Wärme beraubt würde, wäre sie keine Sonne mehr; sie wäre lediglich eine dunkle Kugel am Himmel. Die Gaben der Sonne müssen fortbestehen, damit sie als solares Zentrum für Energie, Licht und Anziehung gelten kann.
93:11
So sind auch die göttlichen Gaben der Sonne der Wahrheit immerwährend. Ihr Licht scheint für immer. Ihre Liebe strahlt für immer aus. Ihre Gaben enden nie. Man kann nicht sagen, dass die Macht und der Glanz Gottes jemals nachgelassen hätten. Man kann nicht behaupten, dass die Göttlichkeit des Allmächtigen endete. Denn die Göttlichkeit Gottes ist ewig. So sind die göttlichen Gaben – seien sie zufällige Ereignisse oder geistig und vollkommen – unvergänglich. Aber es gibt zwei Arten von Anhängern einer Religion: Die einen verehren die Sonne, die anderen verehren die Orte, an denen die Sonne aufgeht. So verehren die Juden den Aufgangsort in Moses, die Zoroastrier den Aufgangsort in Zarathustra. Das Volk Abrahams wandte sich dem Aufgangsort in Abraham zu. Als die Sonne der Wahrheit ihr Licht von Abraham auf den Aufgangsort Moses übertrug, leugneten die Anhänger Abrahams ihr Erscheinen, weil sie dem Ort ihres Aufgangs und nicht der Sonne der Wahrheit selbst zugewandt waren. Als diese Sonne der Wahrheit mit ihren göttlichen Gaben, ihrer himmlischen Glut und ihrem himmlischen Glanz auf den messianischen Aufgangsort überging, leugneten die Juden ihr Erscheinen in Jesus, denn sie waren nicht Verehrer der Sonne selbst, sondern sie verehrten ihren Aufgang in Moses. Wenn sie Verehrer der Sonne der Wahrheit gewesen wären, hätten sie sich Christus zugewandt, anstatt Ihn als den Messias abzulehnen.
93:12
Was war der Grund für dieses Versäumnis? Es geschah einfach, weil sie ihre Väter und Vorfahren in ihren Glaubensformen nachahmten, anstatt sich der Sonne der Göttlichkeit zuzuwenden. Dadurch wurden sie der Gnade beraubt, die im messianischen Frühling heraufdämmerte. Sie hielten hartnäckig am früheren Aufgangsort fest und verharren noch immer in diesem Zustand des Versäumnisses. Betrachtet die Völker und Nationen der Erde heute und erkennt dasselbe hartnäckige Festhalten am Glauben der Vorväter. Wessen Vater ein Zoroastrier war, ist ein Zoroastrier. Wessen Vater Buddhist war, bleibt Buddhist. Der Sohn eines Muslims bleibt ein Muslim und so weiter. Warum ist das so? Weil sie Sklaven und Gefangene bloßer Nachahmung sind. Sie haben die Wahrheit der Religion nicht erforscht und haben sich deren Grundlagen und Schlussfolgerungen nicht erschlossen. Der Jude zum Beispiel hat die Gültigkeit von Moses Anspruch nicht durch die Erforschung der Wahrheit überprüft. Ein Mann ist Jude, weil der Vater Jude war. Er ahmt die Gebräuche und den Glauben seiner Väter und Vorfahren nach. Es gibt keinen Gedanken an die Wahrheit, sie wird nicht erwähnt. Und so ist es auch mit den Anhängern anderer Religionen. Aus diesem Grund haben wir gesagt, dass sie eher den Aufgangsort als die Sonne der Wahrheit selbst verehren.
93:13
Hätten die Juden am Tage Jesu Christi die Nachahmung aufgegeben und die Wahrheit erforscht, dann hätten sie gewiss an Ihn geglaubt und Ihn angenommen, denn der messianische Strahlenglanz war weit größer als der mosaische. Als die Sonne der Wahrheit am Aufgangsort Christi erschien, war sie in ihrer Schönheit und Brillanz wie die Sonne im Hochsommer.
93:14
Wir müssen also die Mahnung beherzigen und erkennen, dass das bloße Nachahmen von Vätern und Vorfahren zu nichts führt. Nicht nur das, wir müssen uns bis zum Äußersten anstrengen, die Sonne der Wahrheit zu ergründen und uns ihr zuzuwenden, wo auch immer sie aufgehen mag. Die stoffliche Sonne ist eine einzige Sonne. Wenn sie morgen im Westen aufgehen sollte, ist es trotzdem dieselbe Sonne. Wir können nicht sagen: »Dies ist nicht die Sonne, weil sie im Westen erschienen ist.« Denn Ost und West gibt es nur auf der Erde und in unserer Vorstellung. Von der Sonne aus gesehen gibt es weder Ost noch West. Sie scheint immer an ihrem angestammten Platz am Himmel. Im Mittelpunkt des Sonnenkreises gibt es keinen Aufgang und keinen Untergang. Darum beziehen sich Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf irdische Beobachtung und nicht auf den Lichtkörper selbst. Nein, vielmehr ist Nacht auf der Sonne unvorstellbar. In diesem Zentrum der Helligkeit herrscht konstant Licht und Erleuchtung. Die Auf- und Untergänge gibt es also nur vermeintlich und nicht wirklich. Sie beziehen sich auf unseren irdischen Blickwinkel. Ohne Licht, Wärme und Strahlenglanz könnten wir die Sonne nicht als Sonne sehen. Das wäre geradeso, als würden wir einen schwarzen Stein als Diamanten bezeichnen. Das wäre sinnlos. Wenn man einen Geizhals großzügig nennt, wird ihn das nicht ändern.
93:15
Das soll verdeutlichen, dass Gott allmächtig ist, aber Seine Größe sich nicht auf menschliches Begriffsvermögen begrenzen lässt. Wir können Gott keine Grenze setzen. Der Mensch ist begrenzt, aber die Welt des Göttlichen ist unbegrenzt. Gott eine Grenze zuzuordnen, ist menschliche Unwissenheit. Gott ist der Altehrwürdige, der Allmächtige. Seine Attribute sind grenzenlos. Er ist Gott, weil Sein Licht und Seine Souveränität grenzenlos sind. Wenn Er auf menschliche Begriffe beschränkt werden könnte, wäre Er nicht Gott. Seltsam ist, dass der Mensch trotz dieser selbstverständlichen Wahrheiten weiterhin eingrenzende Mauern und Zäune um Gott baut, um die so ruhmreiche, unbegrenzbare und uneingeschränkte Göttlichkeit. Denkt an die unzähligen Phänomene Seiner Schöpfung. Sie sind grenzenlos, das Universum ist grenzenlos. Wer könnte seine Höhe, seine Tiefe und seine Länge angeben? Es ist absolut grenzenlos. Wie könnte eine allmächtige Herrschaft, eine so wunderbare Göttlichkeit, von einem begrenzten, fehlerbehafteten menschlichen Verstand erfasst werden, selbst wenn es lediglich um Begriffe und Definitionen geht? Können wir also sagen, dass Gott etwas bewirkt habe, das Er danach nie wieder bewirken kann? Dass die Sonne Seines Glanzes einst auf die Welt schien, aber jetzt für immer untergegangen sei? Dass Seine Barmherzigkeit, Seine Gnade, Seine Freigebigkeit einst herabgekommen sind, dies jetzt aber geendet hat? Ist das möglich? Nein! Wir können niemals sagen oder wirklich glauben, dass Seine Manifestation, die über alles geliebte Wahrheit, die Sonne der Wahrheit, aufhören werde, auf die Welt zu scheinen.
93:16
O Gott! Du, Der Du gütig bist. Wahrlich, hier haben sich Menschen versammelt, die sich mit Herz und Seele Dir zuwenden. Sie trachten nach ewiger Gnade. Sie bedürfen Deiner unendlichen Barmherzigkeit.
93:17
O Herr! Nimm die Schleier von ihren Augen und zerstreue das Dunkel der Unwissenheit. Schenke ihnen das Licht des Wissens und der Weisheit. Erleuchte diese reumütigen Herzen mit den Strahlen der Sonne der Wahrheit. Mache diese Augen empfänglich durch den Anblick des Lichtes Deiner Souveränität. Erfreue diese Seelen durch die wunderbare frohe Botschaft und nimm sie auf in Dein höchstes Reich.
93:18
O Herr! Wahrlich, wir sind schwach. Mache uns stark. Wir sind arm. Hilf uns mit den Schätzen Deiner Freigebigkeit. Wir sind tot, belebe uns durch den Odem des Heiligen Geistes. Uns fehlt Geduld in Prüfungen und Langmut; erlaube uns, das Licht der Einheit zu erlangen.
93:19
O Herr! Mache diese Versammlung zur Ursache dafür, dass das Banner der Einheit der Menschheit erhoben wird und bestärke diese Seelen, damit sie zu Förderern des Weltfriedens werden.
93:20
O Herr! Wahrlich, die Menschen sind in Schleier gehüllt, befinden sich im Streit, vergießen gegenseitig ihr Blut und zerstören ihren Besitz. Überall auf der Welt gibt es Krieg und Konflikte. Wohin man auch schaut, herrschen Kampf, Blutvergießen und Grausamkeit.
93:21
O Herr! Führe die Menschenseelen, damit sie sich von Krieg und Kampf abwenden, damit sie sich einander liebevoll und freundlich zuwenden, damit sie sich zusammenschließen und der Einheit und Verbundenheit der Menschheit dienen.
93:22
O Herr! Der Horizont der Welt wird durch diese Zwietracht verdunkelt. O Gott! Erleuchte sie und lass die Herzen durch das Licht Deiner Liebe erstrahlen. Belebe den Geist durch den Segen Deiner Gaben, bis jede Seele Deine Lehren begreift und nach ihnen handelt. Du bist der Allmächtige. Du bist der Allwissende. Du bist der Sehende. O Herr, erweise allen Dein Mitgefühl.
Ansprachen ‘Abdu’l-Bahás in Cambridge und Malden23. bis 25. Juli 1912– 94 –
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25. August 1912
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Ansprache im New Thought Forum
Metaphysical Club
Boston, Massachusetts
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Aufzeichnungen von Edna McKinney
94:1
O Du gütiger Gott! In äußerster Demut und Ergebenheit bitten und flehen wir an Deiner Schwelle und suchen Deine unaufhörliche Ermutigung und Deinen grenzenlosen Beistand. O Herr! Erwecke diese Seelen und schenke ihnen ein neues Leben. Belebe den Geist, erfülle die Herzen, öffne die Augen und lass die Ohren aufhorchen. Schenke ihnen aus Deiner altehrwürdigen Schatzkammer ein neues Sein und eine neue Haltung, und aus Deiner urewigen Wohnstatt verhilf ihnen zu neuer Stärke.
94:2
O Gott! Wahrlich, die Welt braucht Erneuerung. Verleihe ihr ein neues Dasein. Gib ihr neue Gedanken ein und offenbare ihr himmlisches Wissen. Hauche ihr frischen Geist ein und erfülle sie mit einer heiligeren und höheren Bestimmung.
94:3
O Gott! Wahrlich, Du hast dieses Jahrhundert zum Strahlen gebracht, und in ihm hast Du Deinen barmherzigen Glanz offenbart. Du hast die Dunkelheit des Aberglaubens beseitigt und das Licht der Gewissheit aufleuchten lassen. O Gott! Gewähre, dass diese Diener an Deiner Schwelle willkommen sind. Offenbare einen neuen Himmel und breite eine neue Erde als Wohnstatt aus. Lass ein neues Jerusalem aus der Höhe herabsteigen. Schenke der Menschheit neue Denkweisen und neues Leben. Statte die Seelen mit neuen Sichtweisen aus und verleihe ihnen neue Tugendhaftigkeit. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Machtvolle. Du bist der Geber, der Freigebige.
94:4
Es ist leicht, über den menschlichen Körper zu herrschen. Ein König kann die Körper seiner Untertanen in einem ganzen Land unter seine Herrschaft und in seine Gewalt bringen. In früheren Jahrhunderten übten Könige und Regenten absolute Herrschaft über Millionen von Menschen aus, wodurch sie alles umsetzen konnten, was ihnen beliebte. Wenn sie Glück und Frieden schenken wollten, konnten sie es. Wenn sie entschlossen waren, dem Volk Leid und Verdruss aufzubürden, waren sie dazu ebenfalls in der Lage. Wenn sie Männer auf das Schlachtfeld schicken wollten, konnte sich keiner ihrem Befehl widersetzen; und wenn sie beschlossen, dass ihre Reiche sich der Glückseligkeit und heiteren Ruhe einer Zeit ohne Krieg erfreuen sollten, so setzte sich dieser Zustand durch. Mit einem Wort, Könige und Herrscher konnten Millionen von Menschen beherrschen und haben diese Regierungsgewalt mit völliger Willkür und Tyrannei ausgeübt.
94:5
Der Punkt ist: Stoffliche Körper zu beherrschen, ist höchst einfach, aber den Geist in den Zustand der Gelassenheit zu versetzen, ist äußerst mühsam. Das ist nicht jedermanns Sache. Es braucht dazu eine göttliche und heilige Kraft, die Kraft der Eingebung, die Macht des Heiligen Geistes. Jesus Christus schaffte es zum Beispiel, den Geist in diesen Zustand völliger Gelassenheit zu versetzen. Er hatte die Gabe, Herzen in diese Oase der Ruhe zu führen. Vom Tag Seines Erscheinens an bis in die Gegenwart hat Er Herzen erweckt und Seelen belebt. Er hat belebenden Einfluss auf Herzen und Gemüter ausgeübt; daher wirkt die Erweckung durch Ihn ewig.
94:6
Bahá’u’lláh ist erschienen, als sich die Welt in endzeitlichem Niedergang befand, und hat bei manchen eine derartige geistige Erweckung bewirkt, dass sie übermenschliche Kräfte entfalteten. Tausende Seiner Anhänger haben ihr Leben hingegeben, und während ihr Blut durch das Schwert vergossen wurde, riefen sie aus: »Yá Bahá’u’l-Abhá!« Eine solche Erweckung ist nur durch eine himmlische Kraft, eine übernatürliche Macht möglich, durch die göttliche Macht des Heiligen Geistes. Durch eine natürliche, rein menschliche Kraft ist das unmöglich. Daher stellt sich die Frage: Wie kann diese Erweckung erreicht werden?
94:7
Es gibt verschiedene Mittel und Wege, um die Menschheit zu erneuern und sie mit einer neuen Geburt wiederzubeleben. Dies ist die zweite Geburt, die in den heiligen Schriften erwähnt wird. Sie geschieht durch die Taufe mit dem Heiligen Geist. Die Wiedererweckung oder Wiedergeburt des menschlichen Geistes geschieht durch eine tiefere Kenntnis der Liebe Gottes. Durch die Wirkkraft des Wassers des Lebens. Dieses Leben und diese Belebung führen zur Erneuerung der materiellen Welt. Indem der geistige Frühling kommt, die Frühlingsschauer herabregnen, die Sonne der Wahrheit erstrahlt und die Brisen der Vollkommenheit wehen, wird alles vom Leben einer neuen Schöpfung durchdrungen und durch diese Neuerschaffung vervollkommnet. Denken Sie über den irdischen Frühling nach. Wenn der Winter kommt, verlieren die Bäume ihre Blätter und die Felder und Wiesen verwelken; die Blumen sterben ab und zerfallen zu Staub. In den Feldern, Bergen und Gärten bleibt nichts Frisches, keine Schönheit ist sichtbar, kein Grün ist zu sehen. Alles trägt ein Totengewand. Wohin Sie auch schauen, sehen Sie die Zeichen von Tod und Verfall. Aber mit dem Frühling kommen Regenschauer und die Sonne wirft ihr Licht auf Wiesen und Ebenen. Sie können sehen, wie die Schöpfung in einem neuen Gewand erscheint. Die Regenfälle erfrischen die Wiesen und lassen sie ergrünen. Die warmen Brisen sorgen dafür, dass die Bäume sich mit Blättern kleiden. Sie sind aufgeblüht und werden bald neue, frische und köstliche Früchte hervorbringen. Alles zeigt sich mit neuem Leben erfüllt. Eine neue Lebenseinstellung und neuer Geist sind überall erkennbar. Der Frühling hat alles wieder aufleben lassen und die Erde nach seinem Belieben mit Schönheit geschmückt.
94:8
Im geistigen Frühling geschieht das in gleicher Weise. Wenn die heiligen, göttlichen Manifestationen oder Propheten in der Welt erscheinen, bricht ein strahlender Zyklus an, ein Zeitalter der Barmherzigkeit. Alles wird erneuert. Verstand, Herz und alle menschlichen Fähigkeiten werden erneuert, Vervollkommnung wird vorangetrieben, Wissenschaften, Entdeckungen und Forschungen bekommen neue Impulse und alles, was mit menschlichen Tugenden zusammenhängt, wird wiederbelebt. Betrachten Sie dieses gegenwärtige strahlende Jahrhundert und vergleichen Sie es mit den vergangenen Jahrhunderten. Welch ein großer Unterschied besteht zwischen ihnen! Wie sich der Verstand entwickelt hat! Wie sich die Wahrnehmungsfähigkeit gesteigert hat! Wie die Zahl der Entdeckungen zugenommen hat! Welche großartigen Projekte vollendet wurden! Wie viele Wahrheiten offenkundig wurden! Wie viele Geheimnisse der Schöpfung erforscht und enträtselt wurden! Was ist die Ursache dafür? Es ist die Wirkung des geistigen Frühlings, in dem wir leben. Tag für Tag gewinnt die Welt eine neue Gabe hinzu. In diesem strahlenden Jahrhundert haben die alten Bräuche, alte Wissenschaften, Handwerke, Gesetze und Vorschriften keinen Bestand. Die alten politischen Prinzipien verändern sich, und ein neues Staatswesen befindet sich im Aufbau. Trotzdem versuchen manche, die in ihrer Denkweise erstarrt und deren Seelen des Lichtes der Sonne der Wahrheit beraubt sind, diese Entwicklung des menschlichen Verstandes aufzuhalten. Ist das möglich?
94:9
Angesichts dieser unverkennbaren, umfassenden Erneuerung, deren Zeuge wir werden, in der die äußeren Lebensumstände der Menschheit einen solchen Anstoß erhalten, das menschliche Leben neu gestaltet wird, Wissenschaften neue Impulse erfahren, Erfindungen und Entdeckungen zunehmen, die bürgerlichen Gesetze einen Wandel durchmachen und die Moralvorstellungen Auftrieb erfahren und verbessert werden – ist es da möglich, dass die geistigen Impulse und Einflüsse nicht erneuert und weiterentwickelt werden? Natürlich müssen sich auch neue geistige Vorstellungen und Neigungen zeigen. Wenn das geistige Leben nicht erneuert wird, welche Früchte bringt dann eine lediglich materielle Entwicklung hervor? Wenn sich etwa der Körper des Menschen weiterentwickelt, sich die Beschaffenheit der Knochen und Sehnen verbessert, die Hand stärker wird, die Funktionalität anderer Glieder und Körperteile zunimmt, aber der Verstand nicht vorankommt, was nützt dann das Übrige? Den entscheidenden Einfluss auf den menschlichen Fortschritt hat der Verstand. Die Welt des Verstandes bedarf der Entwicklung und Verbesserung. Im Reich des menschlichen Geistes muss es eine Erneuerung geben, andernfalls wird die Verbesserung der bloßen körperlichen Struktur keine Erfolge hervorbringen.
94:10
In diesem neuen Jahr müssen neue Früchte hervorkommen, denn das ist die Bestimmung und Absicht geistiger Erneuerung. Die Erneuerung des Blattes bringt keine Früchte hervor. Aus der Erneuerung der Rinde oder der Äste wird keine Frucht hervorgehen. Die Erneuerung der Begrünung bringt nichts hervor. Was nützt dann die Erneuerung von Rinde, Blüten, Zweig und Stamm, wenn die Früchte des Baumes nicht erneuert werden? Ein Baum ohne Früchte hat schließlich keinen besonderen Wert. Was nützt gleichsam die Erneuerung des körperlichen Zustands, wenn sie nicht mit geistiger Erneuerung einhergeht? Denn die grundlegende Wirklichkeit ist der Geist, das Fundament ist der Geist, das Leben des Menschen beruht auf dem Geist. Das Glück, die Lebenskraft, die Ausstrahlung, die Herrlichkeit des Menschen – alles ist dem Geist geschuldet. Wenn im Geist keine Erneuerung stattfindet, wird es für das menschliche Dasein keine Auswirkung haben.
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Darum müssen wir mit Leib und Seele danach trachten, dass die materielle und körperliche Welt erneuert und die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit geschärft wird, dass der Glanz der Barmherzigkeit sich zeigt und die strahlende Wahrheit aufleuchtet. Dann soll der Stern der Liebe erscheinen und die Menschenwelt erleuchtet werden. Dahinter steht das Prinzip, dass der Fortschritt der Welt des Seins von Erneuerung abhängt – ohne diese wird sie wie tot sein. Bedenken Sie: Wenn kein neuer Frühling erschiene, wie würde sich das auf diesen Planeten, die Erde, auswirken? Zweifellos verödete sie und alles Leben würde ausgelöscht. Die Erde braucht die jährliche Wiederkehr des Frühlings. Es ist notwendig, dass neuer Segen erscheint. Bliebe er aus, würde alles Leben vergehen. Genauso benötigt auch die Geisteswelt neues Leben, die Verstandeswelt neue Einstellungen und neue Entwicklungen, die Welt der Seelen neuen Segen, die Welt der Ethik eine Erneuerung und die Welt des göttlichen Glanzes immer wieder neue Gaben. Ohne diese Auffrischung würde das Leben in der Welt vernichtet und ausgelöscht werden. Wenn dieser Raum nicht belüftet und mit frischer Luft versorgt wird, kann man nach einiger Zeit nicht mehr atmen. Wenn kein Regen mehr fällt, gehen alle Lebewesen zugrunde. Wenn kein neues Licht kommt, wird tödliche Dunkelheit die Erde einhüllen. Wenn kein neuer Frühling kommt, wird das Leben auf diesem Globus ausgelöscht werden.
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Darum müssen die Gedanken edel und die Ideale erhaben sein, um die Menschenwelt auf den Wegen der Erneuerung zu unterstützen. Wenn diese Erneuerung alle Bereiche erfasst, dann wird der Tag des Herrn kommen, von dem alle Propheten gesprochen haben. Das ist der Tag, an dem die ganze Welt erneuert wird. Überlegen Sie: Können die Gesetze vergangener Zeiten auf die gegenwärtigen menschlichen Lebensbedingungen angewendet werden? Offensichtlich können sie es nicht. Beispielsweise haben die Gesetze früherer Jahrhunderte despotische Regierungsformen zugelassen. Eignen sich die Gesetze einer despotischen Herrschaft für die heutigen Lebensbedingungen? Wie könnten sie angewendet werden, um Probleme moderner Nationen zu lösen? Desgleichen stellt sich die Frage: Welchen Nutzen brächten uns heute alte Denkweisen, primitive Kunst und Handwerk, unzulängliche wissenschaftliche Erkenntnisse? Würden die landwirtschaftlichen Methoden alter Zeiten im zwanzigsten Jahrhundert genügen? Der Transport war in vergangenen Zeitaltern beschränkt auf die Beförderung durch Tiere. Wie könnte das heutzutage den menschlichen Bedarf decken? Wären die Transportmöglichkeiten nicht weiterentwickelt worden, würden heute Millionen von Menschen verhungern. Ohne Eisenbahn und schnelle Dampfschiffe wäre die heutige Welt so gut wie tot. Wie könnten große Städte wie New York oder London überleben, wenn sie von veralteten Transportmitteln abhingen? Das gilt auch für andere Dinge, die entsprechend den heutigen Erfordernissen weiterentwickelt wurden. Wären sie nicht verbessert worden, fände der Mensch kein Auskommen.
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Wenn Weiterentwicklung in materiellen Zusammenhängen derart notwendig ist, wie viel größer ist dann der Bedarf in der menschlichen Geisteswelt, der Welt der Gedanken, der Wahrnehmung, der Tugenden und Gottesgaben! Ist es möglich, dass sich dieser Bedarf nicht verändert hat, während sich die Welt in jedem anderen Bereich weiterentwickelt hat? Das ist unmöglich.
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Deshalb müssen wir Gott anrufen und anflehen und mit größtem Bemühen danach streben, dass die Welt des menschlichen Daseins auf all ihren Stufen einen mächtigen Impuls erhält, vollständiges menschliches Glück erreicht wird und alle Seelen und Geschöpfe durch die grenzenlose Gunst der Barmherzigkeit Gottes auferstehen.
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26. August 1912
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Ansprache im Franklin Square House
Boston, Massachusetts
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Aufzeichnungen von Edna McKinney
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Zu den Lehren Bahá’u’lláhs gehört das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bahá’u’lláh hat gesagt, dass beide zur Menschheit gehören und vor Gott ebenbürtig sind, denn sie ergänzen einander im göttlichen Schöpfungsplan. Vor Gott liegt der einzige Unterschied in der Reinheit und Rechtschaffenheit ihrer Taten und Handlungen, denn Gott bevorzugt den, der dem geistigen Ebenbild des Schöpfers am nächsten kommt. In den Reichen aller Lebewesen unterscheiden sich die Geschlechter hinsichtlich ihrer Aufgaben, aber weder das männliche noch das weibliche Geschlecht wird bevorzugt oder hervorgehoben. Im Tierreich gibt es unterschiedliche Geschlechter, aber die Rechte sind gleich und ohne Unterschied. Auch im Pflanzenreich finden wir Geschlechter, aber offensichtlich sind die Aufgaben und Rechte gleichwertig. Da in diesen Reichen niedrigerer Intelligenz eine Unterscheidung und Bevorzugung aufgrund des Geschlechts nicht vorkommen, ist es da der höheren Stufe des Menschen angemessen, dass er eine solche Unterscheidung und Bewertung vornimmt, wenn erwiesenermaßen in der Schöpfungsordnung nichts auf eine Unterscheidung hinweist?
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In der Antike und im Mittelalter war die Frau dem Mann völlig untergeordnet. Die Ursache dafür, sie als minderwertig einzuschätzen, war ihr Mangel an Bildung. Das Leben und die Gedankenwelt einer Frau waren auf den Haushalt beschränkt. Dies wird sogar in den Briefen des Heiligen Paulus erwähnt. In späteren Jahrhunderten nahmen der Handlungsspielraum und die Möglichkeiten im Leben einer Frau zu. Ihr Verstand konnte sich entfalten und entwickeln. Ihre Auffassungsgabe erwachte und vertiefte sich. Es stellte sich die Frage: Warum sollte die Frau in ihrer geistigen Entwicklung zurückbleiben? Wissenschaft ist lobenswert – egal, ob die Forschung durch den Verstand eines Mannes oder einer Frau erfolgt. So machte die Frau nach und nach Fortschritte und bewies zunehmend, dass sie die gleichen Fähigkeiten wie der Mann besitzt – sei es in der wissenschaftlichen Forschung, in der Politik oder in irgendeinem anderen Bereich menschlichen Wirkens. Die Schlussfolgerung daraus ist offensichtlich: Die Frau wurde durch einen Mangel an Bildung und Möglichkeiten zur intellektuellen Entwicklung abgehängt. Mit den gleichen Bildungschancen und dem gleichen Bildungsweg würde sie die gleichen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln.
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