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97:11Ihr habt gefragt, warum es für die Seele – die ja von Gott kommt – nötig ist, diese Reise zurück zu Gott zu unternehmen. Möchtet ihr den Kern dieser Frage so verstehen, wie ich es lehre, oder möchtet ihr es so hören, wie die Welt es lehrt? Denn würde ich euch die Frage auf die letztere Weise beantworten, wäre dies lediglich Nachahmung und würde das Thema nicht klären.97:12Der Frage liegt die Wahrheit zugrunde, dass der böse Geist, Satan oder was immer als böse betrachtet wird, sich auf die niedere Natur des Menschen bezieht. Diese niedere Natur wird auf verschiedene Weisen symbolisiert. Im Menschen vereinigen sich zwei Wirklichkeiten. Die eine ist Ausdruck der Natur, die andere ist Ausdruck des geistigen Reiches. Die Welt der Natur ist fehlerbehaftet. Betrachtet sie unvoreingenommen und legt allen Aberglauben und jegliche Einbildung ab. Wenn man einen ungebildeten und unzivilisierten Menschen in der Wildnis Afrikas zurückließe, gäbe es dann irgendeinen Zweifel daran, dass er unwissend bliebe? Gott hat nie einen bösen Geist erschaffen. Alle diese Vorstellungen und Bezeichnungen sind Symbole für die rein menschliche, irdische Natur des Menschen. Es ist eine wesentliche Eigenschaft des Erdbodens, dass Dornen, Unkraut und unfruchtbare Bäume darauf wachsen können. Im übertragenen Sinne ist dies das Böse; es ist schlicht die niedere Stufe und das minderwertige Produkt der Natur.97:13Es ist daher offensichtlich, dass der Mensch göttliche Erziehung und Erleuchtung braucht und der Geist und die Gaben Gottes für seine Entwicklung wesentlich sind. Das heißt, die Lehren Christi und der Propheten sind für seine Erziehung und Führung notwendig. Warum? Weil Sie die göttlichen Gärtner sind, Die die Erde des menschlichen Herzens und Verstandes pflügen. Sie erziehen den Menschen, jäten das Unkraut, verbrennen die Dornen und verwandeln karge Orte in Gärten und Obsthaine, in denen fruchtbare Bäume wachsen. Der Sinn und Zweck der Unterweisung durch Sie liegt darin, dass der Mensch verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen muss, bis er zur Vollkommenheit gelangt. Wenn etwa ein Mensch sein ganzes Leben lang in einer Stadt lebt, kann er keine Kenntnis der ganzen Welt erlangen. Um sich bestens auszukennen, muss er andere Städte besuchen, Berge und Täler sehen, Flüsse und Ebenen durchqueren. Mit anderen Worten: Ohne fortschreitende Allgemeinbildung wird keine Vollkommenheit erreicht.97:14Der Mensch muss viele Wege beschreiten und in seiner Aufwärtsentwicklung verschiedene Phasen durchlaufen. Auch körperlich wird er nicht in voller Größe geboren, sondern durchläuft die aufeinanderfolgenden Stufen vom Fötus über Kleinkind, Kindheit, Jugend und Reife bis zum Alter. Angenommen, er hätte die Macht, sein Leben lang jung zu bleiben. Er würde dann die Bedeutung des hohen Alters nicht verstehen und könnte nicht glauben, dass es das gibt. Wenn er den Zustand des Alters nicht wahrnehmen würde, wüsste er nicht, dass er jung ist. Ohne selbst alt zu werden, könnte er den Unterschied zwischen jung und alt nicht erkennen. Hättet ihr nicht die Kindheit durchlebt, wie wüsstet ihr dann, dass dieser Mensch neben euch ein Kind ist? Wenn es kein Falsch gäbe, wie könntet ihr das Richtige erkennen? Wenn es keine Sünde gäbe, wie könntet ihr Tugend schätzen? Wenn böse Taten unbekannt wären, wie könntet ihr gute Taten loben? Wenn Krankheit nicht existierte, wie könntet ihr Gesundheit verstehen? Das Böse existiert nicht – es ist das Fehlen des Guten. Krankheit ist der Verlust der Gesundheit, Armut ist der Mangel an Reichtum. Wenn der Wohlstand schwindet, bist du arm. Du schaust in die Spardose, aber findest nichts darin. Ohne Wissen herrscht Unwissenheit, also ist Unwissenheit einfach der Mangel an Wissen. Der Tod ist die Abwesenheit von Leben. Wir haben also einerseits das Dasein, andererseits das Nichtsein, die Leere, die Abwesenheit des Lebens.97:15Kurz gesagt, die Reise der Seele ist notwendig. Der Pfad des Lebens ist der Weg zu göttlichem Wissen und geistigen Fähigkeiten. Ohne Erziehung und Führung könnte die Seele sich nie über die Grenzen ihrer niederen, unwissenden und unzulänglichen Natur hinaus entwickeln. Ansprachen ‘Abdu’l Bahás in Montreal1. bis 5. September 1912– 98 –98:0_2921. September 191298:0_293Ansprache in der Kirche des Messias
Montreal, Kanada98:0_294Nach einer stenografischen Mitschrift98:1Gott, der Allmächtige, hat die ganze Menschheit aus dem Staub der Erde erschaffen. Er hat alle aus den gleichen Bestandteilen gebildet. Alle haben dieselbe Abstammung und bewohnen denselben Globus. Alle wurden erschaffen, unter dem einen Himmel zu wohnen. Als Mitglieder der Menschheitsfamilie und als Seine Kinder hat Er alle mit der gleichen Empfänglichkeit ausgestattet. Er versorgt alle, schützt alle und ist gütig zu allen. Er unterscheidet nicht zwischen Seinen Kindern hinsichtlich Seiner Barmherzigkeit und Gnade. Mit unparteiischer Liebe und Weisheit hat Er Seine Propheten und göttlichen Lehren gesandt. Seine Lehren sind das Mittel, um Einigkeit und Verbundenheit unter den Menschen zu schaffen und Liebe und Güte in ihren Herzen zu wecken. Er verkündet die Einheit der Menschheit. Er weist zurück, was Unterschiede schafft und die Harmonie zerstört. Er empfiehlt und lobt jegliches Mittel, das den Zusammenhalt der Menschheit fördert. Er ermutigt den Menschen bei jedem Schritt auf dem Weg zur endgültigen Einheit. Die Propheten Gottes waren von der Botschaft der Liebe und der Einheit inspiriert. Die Bücher Gottes wurden offenbart, um Verbundenheit und Einheit aufzubauen. Die Propheten Gottes waren die Diener der Wahrheit. Ihre Lehren sind die Wissensgrundlage für die Wahrheit. Es gibt nur eine Wahrheit – sie lässt keine Vielheit zu. Wir schließen daraus, dass die Grundlage der Religionen Gottes eine einzige Grundlage ist. Trotzdem wurden bestimmte Riten und Nachahmungen, die nichts mit der Grundlage der Lehren der Propheten Gottes zu tun haben, hartnäckig beibehalten. Da diese Nachahmungen vielfältig und unterschiedlich sind, herrschen Kampf und Streit zwischen den Anhängern der Religionen, und die Grundlage der Religion Gottes verblasst. Die Menschen bekriegen und töten einander wie wilde Tiere, sie zerstören Häuser und Städte, verwüsten Länder und Königreiche.98:2Gott hat Seine Diener erschaffen, damit sie einander lieben und miteinander in Beziehung treten. Er hat der Menschenwelt den herrlichen Sonnenglanz Seiner Liebe offenbart. Liebe ist die Ursache für die Erschaffung der stofflichen Welt. Alle Propheten haben das Gesetz der Liebe verkündet. Der Mensch aber hat sich dem Willen Gottes widersetzt und gegen den Plan Gottes gehandelt. Darum fand die Menschenwelt von Anbeginn der Geschichte bis heute keine dauerhafte Ruhe. Stets herrschten Krieg und Streit, und in den Herzen wurde Hass gegeneinander geschürt. Die Ursachen für Blutvergießen und Kampf, Streit und Hass in der Vergangenheit waren entweder religiöse, rassistische, patriotische oder politische Vorurteile. Deshalb leidet die Menschheit seit jeher Qualen. Im Orient, wo die Freiheit eingeschränkt ist, sind diese Vorurteile noch ausgeprägter. Im neunzehnten Jahrhundert waren die Nationen des Ostens unruhig und in einem Zustand inneren Aufruhrs. Die Dunkelheit der Überlieferungen und Riten hatte die Religion eingehüllt. Die Anhänger der Religionen führten ständig Krieg, waren voller Feindschaft, Hass und Bitterkeit. In so einem Umfeld erschien Bahá’u’lláh. Er verkündete die Einheit der Menschheit und erklärte, dass alle die Diener Gottes seien. Er lehrte, dass alle Religionen unter dem Schirm und Schutz des Allmächtigen stehen, dass Gott allen gegenüber barmherzig und liebevoll ist, dass die Offenbarungen aller Propheten der Vergangenheit in vollkommener Einheit und Übereinstimmung stehen und dass die himmlischen Bücher sich gegenseitig für gültig erklärt haben. Warum sollten daher Kampf und Streit unter den Menschen bestehen?98:3Da die ganze Menschheit von dem einen Gott erschaffen wurde, sind wir die Schafe in der Fürsorge und Obhut eines Hirten. Als Seine Schafe müssen wir in Einklang und Einigkeit miteinander leben. Wird ein einziges Lamm von der Herde getrennt, dann müssen alle anderen ihre Gedanken und Anstrengungen darauf richten, es wieder zurückzuholen. Da Gott also der eine himmlische Hirte ist und die ganze Menschheit Seine Herde, so muss, entsprechend der Verkündigung Bahá’u’lláhs, die Religion oder Führung Gottes das Mittel zur Liebe und Gemeinschaft in der Welt sein. Wenn sich Religion als Quelle von Hass, Feindschaft und Streit erweist, wenn sie zur Ursache für Kriege und Kämpfe wird und Menschen dazu bringt, sich gegenseitig zu töten, wäre es besser, es gäbe sie nicht. Denn das, was Hass unter den Menschen hervorruft, wird von Gott abgelehnt, und das, was Gemeinschaft schafft, wird von Ihm geliebt und gebilligt. Religion und göttliche Lehren sind wie ein Heilmittel. Ein Heilmittel muss zur Gesundung führen. Verursacht es Krankheit, ist es weiser und zuträglicher, gar kein Heilmittel zu verwenden. Das ist mit der Feststellung gemeint, dass Religionslosigkeit vorzuziehen ist, wenn Religion zur Ursache von Krieg und Blutvergießen wird, und es besser wäre, es gäbe keine Religion unter den Menschen.98:4Bahá’u’lláh hat erklärt, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang stehen muss. Wenn sie nicht wissenschaftlichen Prinzipien und vernünftigen Überlegungen entspricht, ist sie Aberglaube. Denn Gott hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, die Wahrheit der Dinge zu erfassen und über die Wahrheit selbst nachdenken zu können. Wenn Religion im Widerspruch zu Vernunft und Wissenschaft steht, ist Glaube und Vertrauen unmöglich; und wenn sich im Herzen kein Glaube und kein Vertrauen in die göttliche Religion zeigt, kann es keinen geistigen Fortschritt geben.98:5Nach den Lehren Bahá’u’lláhs müssen alle religiösen, rassistischen, patriotischen und politischen Vorurteile aufgegeben werden, denn sie zerstören die wahre Grundlage der Menschheit. Er hat verkündet, dass die Religion Gottes nur eine ist, denn alle Offenbarungen basieren auf der Wahrheit. Abraham rief das Volk zur Wahrheit, Moses verkündete die Wahrheit; Christus führte die Wahrheit ein. Ebenso waren alle Propheten Diener und Verkünder der Wahrheit. Die Wahrheit ist eine und unteilbar. Deshalb sind Vorurteile und Scheinheiligkeit, die heute unter den Religionen bestehen, nicht zu rechtfertigen, denn sie widersprechen der Wahrheit. Alle Vorurteile stehen dem Willen und Plan Gottes entgegen. Betrachten wir zum Beispiel Unterscheidungen und Hass aufgrund verschiedener Hautfarbe und Herkunft. Alle Menschen sind Gottes Kinder, sie gehören derselben Familie an und haben denselben Ursprung. Es kann keine ›Rassen‹-Vielfalt geben, weil alle die Nachkommen Adams sind. Dies bedeutet, dass die Annahme, es gäbe Unterschiede zwischen den Menschen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe, nichts als Aberglaube ist. Vor Gott gibt es keine Engländer, Franzosen, Deutschen, Türken oder Perser. Alle sind in der Gegenwart Gottes gleich. Sie gehören einem Menschengeschlecht und einer Schöpfung an. Gott hat keine derartigen Unterscheidungen getroffen. Diese Unterscheidungen haben ihren Ursprung im Menschen selbst. Da sie Sinn und Zweck der Wahrheit widersprechen, sind sie falsch und bloße Einbildung. Wir sind von gleicher körperlicher Abstammung, wie auch der Aufbau unserer Körper gleich ist – jeder hat zwei Augen, zwei Ohren, einen Kopf und zwei Füße. Unter den Tieren gibt es keine rassistischen Vorurteile. Betrachten Sie die Tauben. Da wird nicht zwischen orientalischer oder abendländischer Taube unterschieden. Die Schafe bilden alle eine Spezies, es gibt keinen Unterschied zwischen einem östlichen und einem westlichen Schaf. Wenn sie sich treffen, verbinden sie sich zu einer vollkommenen Gemeinschaft. Begibt sich eine Taube aus dem Westen in den Orient, wird sie sich ohne zu zögern zu den östlichen Tauben gesellen. Da gibt es keine ablehnende Haltung, nach dem Motto: »Du gehörst zum Osten, aber ich komme aus dem Westen.« Ist es vernünftig oder zulässig, dass der Mensch an einem ›Rassen‹-Vorurteil festhält, das im Tierreich nicht existiert?98:6Denken Sie an patriotische Vorurteile. Dies ist ein Planet, eine Erde, ein Land. Gott hat die Welt nicht durch nationale Grenzen unterteilt. Er schuf alle Kontinente ohne Aufteilung in Nationen. Warum sollten wir selbst solche Aufteilungen vornehmen? Das sind nur ausgedachte Linien und Grenzen. Europa ist ein Kontinent; er ist nicht von Natur aus aufgeteilt. Der Mensch hat die Linien gezogen und die Grenzen zwischen den Königreichen und Herrschaftsgebieten festgelegt. Der Mensch erklärt einen Fluss zur Grenzlinie zwischen zwei Ländern und nennt die eine Seite französisch und die andere Seite deutsch, obwohl der Fluss für beide erschaffen wurde und eine natürliche Lebensader für alle ist. Ist es nicht Einbildung und Unwissenheit, die den Menschen dazu verleiten, den göttlichen Willen zu verletzen und die Gaben Gottes zur Ursache von Krieg, Blutvergießen und Zerstörung zu machen? So gesehen sind alle Vorurteile zwischen Menschen Unwahrheiten und Verstöße gegen den Willen Gottes. Gott wünscht Einheit und Liebe, Er befiehlt Harmonie und Verbundenheit. Feindseligkeit ist menschlicher Ungehorsam. Gott Selbst ist Liebe.98:7Bahá’u’lláh verkündete, dass alle Menschen Ausbildung und Anleitung bekommen müssen, da Unwissenheit und der Mangel an Erziehung und Bildung wie trennende Schranken zwischen den Menschen stehen. Durch diese Verfügung wird der Mangel an gegenseitigem Verständnis überwunden und die Einheit der Menschheit gefördert und vorangebracht. Universelle Erziehung und Bildung sind ein allgemeingültiges Gesetz. So ist jeder Vater verpflichtet, seine Kinder entsprechend seiner Möglichkeiten zu unterrichten und zu unterweisen. Wenn er nicht in der Lage ist, sie zu unterrichten, müssen staatliche Stellen, die Vertreter des Volkes, Mittel und Wege für ihre Ausbildung bereitstellen.98:8Im Orient wurden die Frauen benachteiligt und als dem Manne unterlegen angesehen. Bahá’u’lláh verkündete die Gleichberechtigung der Geschlechter – dass sowohl Mann als auch Frau Diener Gottes sind, vor Dem es keinen Unterschied gibt. Wer ein reines Herz hat und Gutes tut, ob Mann oder Frau, ist Gott näher und hat Anteil an Seiner Gunst. Die Geschlechterunterschiede, die es in der Menschenwelt gibt, beruhen auf fehlender Bildung für die Frauen, denen gleiche Chancen für ihre Entwicklung und ihren Fortschritt verweigert wurden. Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird entsprechend den wachsenden Möglichkeiten der Frau in diesem Zeitalter verwirklicht werden, denn Mann und Frau empfangen gleichermaßen die Kräfte und Gaben Gottes, des Schöpfers. Einen Unterschied zwischen ihnen hat Gott in Seinem vollendeten Ratschluss nicht vorgesehen.98:9Bahá’u’lláh hat zur Annahme einer Weltsprache aufgerufen. Man soll sich auf eine Sprache einigen, mit der die Einheit in der Welt herbeigeführt wird. Jeder Mensch soll in zwei Sprachen unterrichtet werden: in seiner Muttersprache und in der Welthilfssprache. Dies wird die Verständigung untereinander erleichtern und Missverständnisse ausräumen, die von den Sprachbarrieren in der Welt verursacht wurden. Alle Menschen beten zu ein und demselben Gott und alle sind gleichermaßen Seine Diener. Sobald sie uneingeschränkt miteinander kommunizieren können, werden sie einander in Freundschaft und Eintracht begegnen, größte Liebe und Verbundenheit füreinander empfinden, und Orient und Okzident werden sich wahrhaftig in Einheit und Einklang umarmen. 98:10Am dringendsten benötigt die Welt Frieden zwischen den Nationen. Solange er nicht besteht, wird die Menschheit keine Ruhe finden. Die Nationen und Regierungen müssen einen internationalen Gerichtshof gründen, dem alle Streitfragen vorgelegt werden sollen. Die Entscheidung dieses Gerichtshofs soll endgültig sein. Persönliche Streitfälle werden von einem örtlichen Gericht entschieden. Internationale Fragen werden vor den Weltschiedsgerichtshof gebracht, und dadurch werden die Ursachen für Kriege beseitigt.98:11Vor fünfzig Jahren schrieb Bahá’u’lláh Sendbriefe an die Könige und Herrscher der Welt, in denen die von Ihm offenbarten Lehren und Prinzipien dargelegt wurden. Diese Sendbriefe wurden vor vierzig Jahren in Indien gedruckt und weit verbreitet.98:12Kurz gesagt, durch die Verkündung dieser Prinzipien hat Bahá’u’lláh bewirkt, dass die Vorurteile, von denen die Menschen im Orient betroffen waren, verschwunden sind. Die Gemeinden, die Seine Lehren angenommen haben, leben jetzt in größter Liebe und Harmonie zusammen. Wenn Sie an einem Treffen dieser Menschen teilnehmen, finden Sie Christen, Juden, Muslime, Zoroastrier und Buddhisten, versammelt in vollkommener Gemeinschaft und Eintracht. In ihren Beratungen hat das größte Maß an Toleranz und Freundschaft die frühere Feindseligkeit und den Hass zwischen ihnen verdrängt.98:13Ich habe Amerika besucht und finde überall Zeugnisse einer rechtschaffenen und gerechten Regierung. Deshalb bete ich zu Gott, dass diese westlichen Völker zum Werkzeug werden, um den Weltfrieden zu errichten und die Einheit der Menschheit zu verbreiten. Mögen Sie die Ursache für Einheit und Eintracht zwischen den Nationen werden. Möge hier eine Lampe entzündet werden, die das ganze Weltall mit dem Einssein der Menschenwelt, mit der Liebe zwischen den Herzen der Menschenkinder und mit der Einheit der ganzen Menschheit erhellt. Ich hoffe, dass Sie Unterstützung bei dieser gewaltigen Aufgabe erhalten, dass Sie die Flagge des internationalen Friedens und der Versöhnung auf diesem Kontinent hissen, dass diese Regierung und dieses Volk zu Werkzeugen werden, um diese erhabenen Ideale zu verbreiten, damit die Menschenwelt Ruhe findet, das Wohlgefallen Gottes, des Höchsten, erlangt und Seine Gunst Orient und Okzident umgibt.98:14O Du Mitleidvoller, Du Allmächtiger! Die hier versammelten Seelen wenden ihr Angesicht in Anbetung zu Dir. In tiefster Demut und Ergebenheit schauen sie auf Dein Reich und bitten Dich um Vergebung und Verzeihung. O Gott! Sei dieser Versammlung zugetan. Heilige diese Seelen und wirf die Strahlen Deiner Führung auf sie. Erleuchte ihre Herzen und erfreue ihren Geist mit Deiner frohen Botschaft. Heiße sie alle in Deinem heiligen Reiche willkommen; verleihe ihnen Deine unerschöpflichen Gnadengaben; mache sie glücklich in dieser und der zukünftigen Welt. O Gott! Wir sind schwach; gib uns Kraft. Wir sind arm; beschenke uns mit Deinen unendlichen Schätzen. Krank sind wir; gewähre uns Deine göttliche Heilung. Wir sind machtlos; gib uns Deine himmlische Stärke. O Herr! Lass uns von Nutzen sein in dieser Welt; befreie uns von Selbstsucht und Begierde. O Herr! Mache uns zu Brüdern in Deiner Liebe und lass uns alle Deine Kinder lieben. Bestärke uns im Dienst für die Menschenwelt, sodass wir die Diener Deiner Diener werden, alle Deine Geschöpfe lieben und mit Deinem ganzen Volk mitfühlen. O Herr, Du bist der Allmächtige. Du bist der Barmherzige. Du bist der Vergeber. Du bist der Allmächtige. – 99 –99:0_2951. September 191299:0_296Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell
716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada99:0_297Nach einer stenografischen Mitschrift99:1Ich freue mich außerordentlich, hier bei euch zu sein. Preis sei Gott! Ich sehe vor mir Seelen, die außergewöhnliche Fähigkeiten aufweisen und die Kraft zu geistigem Fortschritt besitzen. Tatsächlich besitzen die Menschen auf diesem Kontinent bemerkenswerte Fähigkeiten. Sie sind der Grund dafür, dass ich glücklich bin, und ich bete stets darum, dass Gott sie ermutigen und ihnen beistehen möge, auf allen Ebenen des Seins Fortschritte zu machen. So, wie sie sich in materieller Hinsicht weiterentwickelt haben, mögen sie sich auch auf der geistigen Ebene weiterentwickeln, denn materieller Fortschritt ist ohne geistigen Fortschritt fruchtlos und führt nicht zu dauerhaften Ergebnissen. Unabhängig davon, wie stark der physische Körper des Menschen trainiert und entwickelt ist, wird es doch auf der menschlichen Stufe keinen wirklichen Fortschritt geben, wenn der Geist nicht entsprechend voranschreitet. Welche materiellen Kräfte der Mensch auch zu erlangen vermag, ohne geistige Gaben wird er nicht dazu in der Lage sein, die höchste Entwicklungsstufe im Leben zu erreichen und auszuleben. Gott hat alles Irdische nach dem Gesetz des materiellen Fortschritts erschaffen, aber den Menschen hat Er erschaffen und mit der Fähigkeit ausgestattet, zu den geistigen und jenseitigen Reichen fortzuschreiten. Nicht die materiellen Dinge hat Er nach Seinem Ebenbild erschaffen, vielmehr hat Er den Menschen nach diesem Ebenbild und mit der Möglichkeit geschaffen, sich diesem Ebenbild zu nähern. Er hat den Menschen über alle anderen erschaffenen Dinge herausgehoben. Alles Erschaffene außer dem Menschen ist gefangen in der Natur und der Sinneswelt, doch der Mensch wurde mit einer geistigen Kraft ausgestattet, durch die er intellektuelle und geistige Wirklichkeiten wahrnehmen kann. Er hat alles hervorgebracht, was für das Leben in dieser Welt notwendig ist, doch der Mensch wurde erschaffen, um göttliche Tugenden widerzuspiegeln. Tiere sind die am weitesten entwickelte Lebensform unterhalb des Menschen und allen anderen Lebensformen außer dem Menschen überlegen. Offensichtlich wurde das Tier für das Leben in dieser Welt geschaffen. Seine größten Vorzüge zeigt es, wenn es auf der materiellen Daseinsebene hervorragende Leistungen vollbringt. Ein Tier ist vollkommen, wenn sein Körper gesund ist und seine körperlichen Sinne vollständig sind. Wenn es körperlich gesund ist, wenn seine Körperkräfte einwandfrei funktionieren, wenn Nahrung und Umweltbedingungen seinen Bedürfnissen genügen, hat es die höchste Vollkommenheit auf seiner Stufe erreicht. Doch der Mensch ist für seinen Erfolg nicht auf diese Dinge angewiesen. Wie vollkommen die Gesundheit und körperlichen Kräfte des Menschen auch sein mögen, wenn das alles ist, hat er sich noch nicht über die Stufe eines vollkommenen Tieres erhoben. Gott hat dem Menschen weit darüber hinaus die Tore zu vollendeter Tugendhaftigkeit und höchsten Errungenschaften geöffnet. Er hat die Geheimnisse des göttlichen Reiches in das Wesen des Menschen gelegt. Er hat ihm die Kraft des Intellekts verliehen, sodass er mit Hilfe des Verstandes und gestärkt durch den Heiligen Geist geistige Wahrheiten entdecken und durchdringen und die Geheimnisse der Bedeutungen erforschen kann. Da diese Kraft zur Durchdringung des höchsten Wissens übermenschlich und übernatürlich ist, wird der Mensch zum Brennpunkt sowohl geistiger als auch materieller Kräfte. So kann sich der göttliche Geist in seinem Wesen zeigen, kann der Glanz des Königreichs im Heiligtum seines Herzens erstrahlen, können die Zeichen der Attribute und der Vollkommenheit Gottes sich in einem neuen Leben offenbaren, ewige Herrlichkeit und ewiges Leben erlangt werden, das Wissen Gottes aufleuchten und die Geheimnisse des Reiches der Macht enthüllt werden.99:2Der Mensch gleicht dieser Lampe, aber der Glanz des Königreiches gleicht dem Strahlen der Lampe. Der Mensch gleicht dem Glas, aber die geistige Pracht gleicht dem Licht im Glas. Wie durchsichtig das Glas auch sein mag, solange kein Licht darin ist, bleibt es dunkel. Ebenso wird der Mensch, trotz aller materiellen Errungenschaften, wie das Glas ohne Licht sein, wenn ihm die geistigen Tugenden fehlen. Materielle Errungenschaften gleichen einem perfekten Körper, aber dieser Körper braucht den Geist. Wie schön und vollkommen der Körper auch sein mag, ohne den belebenden Geist ist er tot. Wenn aber dieser Körper mit dem Geist verbunden ist und Leben zum Ausdruck bringt, entfalten sich in ihm Vollkommenheit und Tugend. Ohne den Heiligen Geist und seine Gaben ist der Mensch geistig tot.99:3Kinder zum Beispiel, wie gut und rein sie auch sein mögen, wie gesund ihr Körper auch sein mag, gelten dennoch als unvollkommen, weil die Kraft des Verstandes in ihnen noch nicht voll entwickelt ist. Wenn die Verstandeskraft ihren Einfluss voll entfaltet und sie das Reifealter erreichen, werden sie als vollkommen angesehen. Ebenso ist der Mensch, wie weit er in weltlichen Angelegenheiten voranschreiten und Fortschritte in der materiellen Zivilisation machen mag, solange unvollkommen, bis er durch die Gaben des Heiligen Geistes belebt wird; denn es ist offensichtlich, dass er unwissend und unvollständig ist, bis er diesen göttlichen Impuls empfängt. Aus diesem Grund sagte Jesus Christus: »Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, der kann nicht in das Reich Gottes gelangen.« Damit drückte Christus aus, dass der Mensch von den Gnadengaben und Gunstbezeugungen des Reiches Gottes ausgeschlossen sein wird, sofern er nicht von der materiellen Welt losgelöst und aus der Gefangenschaft des Materialismus befreit wird und einen Teil der Gaben der geistigen Welt erhält. Das Beste, was wir über ihn sagen können, ist, dass er ein vollkommenes Tier ist. Niemand kann ihn ernsthaft einen Menschen nennen. An anderer Stelle sagte Er: »Was aus dem Fleisch geboren wurde, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren wurde, ist Geist.« Das bedeutet, dass der Mensch, solange er ein Gefangener der Natur ist, einem Tier gleicht, denn er ist nur ein Körper, der durch Geburt entstanden ist – das heißt, er gehört zur Welt der Materie und ist den Naturgesetzen und ihrer Kontrolle unterworfen. Wenn er jedoch vom Heiligen Geist getauft wird, wenn er von den Fesseln der Natur, von tierischen Neigungen befreit und im Menschenreich vorangeschritten ist, wird er befähigt, das göttliche Königreich zu betreten. Das Königreich ist das Reich der Gaben und Wohltaten Gottes. Es ist das Erlangen der höchsten menschlichen Tugenden; es ist die Nähe zu Gott; es ist die Fähigkeit, die Gnadengaben des Altehrwürdigen Herrn zu empfangen. Wenn der Mensch diese Stufe erreicht, erlebt er die zweite Geburt. Vor seiner ersten, der körperlichen Geburt, befand sich der Mensch in der Welt des Mutterleibes. Er hatte keine Kenntnis von dieser Welt; seine Augen konnten nicht sehen; seine Ohren konnten nicht hören. Als er aus der Welt des Mutterleibes geboren wurde, erblickte er eine andere Welt. Die Sonne leuchtete in ihrem Strahlenglanz, der Mond schien am Himmel, die Sterne glitzerten am weiten Firmament, die Meere wogten, die Bäume grünten, alle Arten von Lebewesen erfreuten sich des Lebens hier, unendliche Gaben standen für ihn bereit. In der Welt des Mutterleibes existierte nichts davon. Dort wusste er nichts von dieser großen Fülle des Daseins. Nein, er hätte vermutlich das Vorhandensein dieser Welt bestritten. Doch nach seiner Geburt begann er seine Augen zu öffnen und die Wunder dieses grenzenlosen Universums zu betrachten. Solange der Mensch sich im Leib der Menschenwelt befindet und ein Gefangener der Natur ist, hat er keinen Zugang zu dem Universum des Königreiches und keine Kenntnis davon. Wenn er wiedergeboren wird, während er sich noch in der Welt der Natur befindet, erfährt er von der göttlichen Welt. Er wird merken, dass eine andere, höhere Welt existiert. Wunderbare Gnadengaben steigen herab; ewiges Leben erwartet ihn; ewige Herrlichkeit umgibt ihn. Dort sind alle Zeichen der Wirklichkeit und Größe. Er wird das Licht Gottes sehen. All diese Erfahrungen wird er machen, wenn er aus der Welt der Natur in die göttliche Welt hineingeboren wird. Daher gibt es für den vollkommenen Menschen zwei Arten der Geburt: Die erste, die körperliche Geburt, erfolgt aus dem Mutterleib. Die zweite oder geistige Geburt erfolgt aus der Welt der Natur. In beiden Fällen weiß er nichts über die neue Welt des Daseins, in die er eintritt. Daher bedeutet Wiedergeburt seine Befreiung aus der Gefangenschaft der Natur, Befreitsein von seiner Bindung an dieses sterbliche und materielle Leben. Dies ist die zweite oder geistige Geburt, von der Jesus Christus in den Evangelien sprach.99:4Die meisten Menschen sind Gefangene im Mutterleib der Natur, versunken im Meer des Materiellen. Wir müssen für ihre Wiedergeburt beten, auf dass sie Einsicht und geistiges Hörvermögen erlangen, auf dass sie das Geschenk eines neuen Herzens, eine neue, das stoffliche übersteigende Kraft erhalten und ihnen in der ewigen Welt unaufhörliche göttliche Gnadengaben zuteilwerden.99:5Heute wandelt die Menschenwelt im Dunkeln, weil sie keine Berührung mit der Welt Gottes hat. Deshalb sehen wir nicht die Zeichen Gottes in den Herzen der Menschen. Die Macht des Heiligen Geistes hat keinen Einfluss. Wenn sich göttliches, geistiges Licht in der Menschenwelt zeigt, wenn göttliche Unterweisung und Führung erscheinen, dann folgt die Erleuchtung, ein neuer Geist wird im Inneren verwirklicht, eine neue Kraft kommt herab und sie erhält neues Leben. Es ist wie die Geburt vom Tierreich in das Reich des Menschen. Wenn der Mensch diese Fähigkeiten erlangt, wird die Einheit der Menschheit sichtbar, das Banner des Weltfriedens wird gehisst, die Gleichberechtigung aller Menschen wird verwirklicht und der Orient und der Okzident werden eins sein. Dann wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, alle Menschen werden sich als Mitglieder einer Familie herausstellen, und jedes Mitglied dieser Familie wird sich der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Hilfe widmen. Das Licht der Liebe Gottes wird scheinen; ewige Glückseligkeit wird enthüllt; immerwährende Freude und geistige Erfüllung wird erlangt.99:6Ich werde beten, und auch ihr müsst beten, dass eine solche himmlische Gabe Wirklichkeit werde, dass Streit und Feindschaft verbannt, Krieg und Blutvergießen beseitigt werden, dass die Herzen zu vollkommener Verständigung gelangen und alle Menschen aus demselben Brunnen trinken. Mögen sie ihr Wissen aus derselben göttlichen Quelle erhalten. Mögen alle Herzen von den Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet werden; mögen alle die göttliche Schule besuchen, geistige Tugenden erwerben und danach streben, himmlische Gaben zu erlangen. Dann wird diese materielle, sichtbare Welt zum Spiegel der Welt Gottes, und in diesem reinen Spiegel werden sich die göttlichen Tugenden des Reiches der Macht widerspiegeln. – 100 –100:0_2981. September 1912100:0_299Ansprache im Haus von Herrn und Frau William Sutherland Maxwell
716 Pine Avenue West, Montreal, Kanada100:0_300Nach einer stenografischen Mitschrift100:1Jemand hat das Thema ›Unsterblichkeit‹ zur Sprache gebracht.
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