‘Abdu’l-Bahá | Beantwortete Fragen
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11:5
»Und die Heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate lang«; das heißt, die Heiden werden Jerusalem für zweiundvierzig Monate oder 1260 Tage oder, da ein Tag einem Jahr entspricht, 1260 Jahre lang besetzen und unterwerfen, was der Dauer der qur’ánischen Sendung entspricht. Denn nach dem Text der Bibel entspricht jeder Tag einem Jahr, so wie es in Hesekiel 4:6 heißt: »… und sollst tragen die Schuld des Hauses Juda vierzig Tage lang; denn ich gebe dir hier auch je einen Tag für ein Jahr.«
11:6
Diese Prophezeiung bezieht sich auf die Dauer der Sendung des Islam, als Jerusalem mit Füßen getreten, sprich, entehrt wurde, während das Allerheiligste erhalten, beschützt und geachtet blieb. Dieser Zustand währte bis zum Jahr 1260. Diese 1260 Jahre stellen eine Prophezeiung dar, die sich auf das Kommen des Báb bezieht – das zu Bahá’u’lláh führende ›Tor‹ – das sich im Jahr 1260 nach der Hijrah ereignete. Nach Abschluss der Zeitspanne von 1260 Jahren beginnt die Heilige Stadt Jerusalem nun wieder zu blühen und zu gedeihen. Wer Jerusalem vor sechzig Jahren sah und es heute wieder sieht, wird erkennen, wie sehr es sich in der Zwischenzeit entwickelt hat und wieder zu Ehren gekommen ist.
11:7
Dies ist der äußere Sinn dieser Verse der Offenbarung des Johannes, aber sie haben auch eine innere Bedeutung und einen symbolischen Sinngehalt, wie folgt. Die Religion Gottes besteht aus zwei Teilen: Einer ist das Fundament schlechthin und gehört zur Welt des Geistes, das heißt, er betrifft geistige Tugenden und göttliche Eigenschaften. Dieser Teil unterliegt weder Wechsel noch Wandel: Er ist das Allerheiligste, das Wesen der Religion Adams, Noahs, Abrahams, Mose, Christi, Muḥammads, des Báb und Bahá’u’lláhs, und er wird in allen prophetischen Sendungen fortbestehen. Er wird niemals aufgehoben, denn er besitzt eine geistige und keine materielle Wirklichkeit. Er bedeutet Glaube, Erkenntnis, Gewissheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, edle Gesinnung, Vertrauenswürdigkeit, Liebe zu Gott und Nächstenliebe. Er ist Barmherzigkeit gegenüber den Armen, Beistand für die Unterdrückten, Freigebigkeit gegenüber den Bedürftigen und eine helfende Hand für den Gestrauchelten. Er ist Reinheit, Loslösung, Demut, Nachsicht, Geduld und Beständigkeit. Dies sind himmlische Eigenschaften. Diese Gebote werden niemals aufgehoben, sie werden vielmehr in alle Ewigkeit gültig bleiben. Diese menschlichen Tugenden werden in jeder Sendung wieder neu belebt; denn am Ende jeder Sendung schwindet das geistige Gesetz Gottes, das in den menschlichen Tugenden besteht, und was verbleibt, ist nur noch eine äußere Hülle.
11:8
So verschwand mit dem Kommen Christi, zum Ende der Sendung Mose, die wahre Religion Gottes aus dem Volk der Juden und nur eine leblose Hülle verblieb. Das Allerheiligste gab es nicht mehr, nur der Vorhof des Tempels, der für die äußere Form der Religion steht, fiel den Heiden in die Hände. Genauso existiert der wahre Kern der Religion Christi, der die höchsten menschlichen Tugenden umfasst, nicht mehr, aber die äußere Hülle verblieb in den Händen der Priester und Mönche. Ebenso hat sich die Grundlage der Religion Muḥammads aufgelöst, nur noch seine äußere Form verbleibt in den Händen der muslimischen Geistlichen.
11:9
Diese Grundlagen der Religion Gottes jedoch, geistig und aus den menschlichen Tugenden bestehend, werden niemals aufgehoben, sondern gelten für alle Zeit und werden in jeder prophetischen Sendung erneuert.
11:10
Der zweite Teil der Religion Gottes, der sich auf die materielle Welt bezieht, und solche Dinge betrifft wie Fasten, Gebet, Gottesdienst, Ehe, Scheidung, Freilassung von Sklaven, richterliche Entscheidungen, Handel, Strafen bei Mord, Überfall, Diebstahl und Körperverletzung, wird in jeder prophetischen Sendung verändert und abgewandelt und kann aufgehoben werden, denn Richtlinien, Handels- und Strafvorschriften und andere Gesetze müssen gemäß den Erfordernissen der Zeit abgewandelt werden.
11:11
Kurz, mit dem Begriff »Allerheiligstes« ist jenes auf das Geistige bezogene Gesetz gemeint, das nie verändert oder aufgehoben werden kann, und mit »Heilige Stadt« ist das auf das Weltliche bezogene Gesetz gemeint, das durchaus außer Kraft gesetzt werden kann; und dieses auf das Weltliche bezogene Gesetz – die Heilige Stadt – wurde 1260 Jahre lang mit Füßen getreten.
11:12
»Und ich werde meinen zwei Zeugen Vollmacht geben, und sie werden 1260 Tage weissagen, mit Sacktuch bekleidet.«Offenbarung 11:3A Mit diesen zwei Zeugen sind Muḥammad, der Gesandte Gottes, und ‘Alí, der Sohn von Abú-Ṭálib, gemeint. Im Qur’án heißt es, dass Gott zu Muḥammad sprach: »Wir haben Dich als Zeugen, als Freudenboten und Warner gesandt.«Qur’án 48:8A Das heißt, wir haben Dich als Einen bestimmt, der Zeugnis ablegt, der frohe Botschaften von künftigen Ereignissen überbringt und der vor dem Zorn Gottes warnt. Ein ›Zeuge‹ ist jemand, durch dessen Bestätigung ein Sachverhalt geklärt wird. Die Gebote dieser beiden Zeugen sollten 1260 Tage befolgt werden, wobei jeder Tag einem Jahr entspricht. Muḥammad war hier die Wurzel und ‘Alí der Zweig, sowie es bei Mose und Josua war. Es wird gesagt, dass sie »mit Sacktuch bekleidet« sind, was bedeutet, dass sie offenbar kein neues Gewand, sondern ein altes tragen. Mit anderen Worten, anfangs haben sie keine Bedeutung für andere Völker und ihre Sache erscheint nicht wirklich neu. Die geistigen Prinzipien der Religion Muḥammads entsprechen nämlich den Prinzipien Christi im Evangelium und Seine auf das Weltliche ausgerichteten Gebote entsprechen zum größten Teil denen der Thora. Darauf spielt die Symbolik vom alten Gewand an.
11:13
»Diese sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen.«Offenbarung 11:4A Diese zwei Seelen werden mit Olivenbäumen verglichen, weil zu jener Zeit in allen Lampen nachts Olivenöl brannte. Mit anderen Worten, durch diese zwei Seelen wird das Öl der göttlichen Weisheit – die Ursache für die Erleuchtung der Welt – zum Vorschein kommen und die Lichter Gottes werden hell und strahlend leuchten. So wurden sie auch mit Kerzenständern verglichen. Der Kerzenständer ist der Ort, wo das Licht scheint, und von dort breitet es sich aus. In gleicher Weise erstrahlt von diesen leuchtenden Angesichtern das Licht der Führung.
11:14
Weiter heißt es: »Sie stehen in der Gegenwart Gottes«, das bedeutet, sie haben sich erhoben, Ihm zu dienen, und erziehen Seine Geschöpfe. So wurden die rohen, in der Wüste lebenden Stämme der arabischen Halbinsel durch sie derart gebildet, dass sie den Gipfel der damaligen menschlichen Kultur erreichten und ihr Ruhm und Ansehen sich in der Welt verbreitete.
11:15
»Wenn ihnen jemand Schaden zufügen will, schlägt Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde.«Offenbarung 11:5A Das heißt, kein Mensch könnte ihrer Macht widerstehen. Sollte also jemand danach trachten, ihre Lehren oder ihr Gesetz zu untergraben, würde er durch dieses Gesetz, das knapp oder ausführlich aus ihrem Munde hervorgeht, bezwungen und besiegt werden. Mit anderen Worten, sie würden einen Befehl erteilen, der jeden Feind vernichten würde, sollte er versuchen, ihnen zu schaden oder sich ihnen entgegenzustellen. Und genau das ist geschehen: All ihre Gegner wurden bezwungen, auseinander getrieben und vernichtet und diese zwei Zeugen wurden ganz offensichtlich durch die Macht Gottes unterstützt.
11:16
»Sie haben Macht, den Himmel zu verschließen, damit kein Regen fällt in den Tagen ihres Wirkens als Propheten.«Offenbarung 11:6A Das bedeutet, sie üben in jenem Zeitalter höchste Herrschaft aus. Mit anderen Worten, das Gesetz und die Lehren Muḥammads und die Erläuterungen und Auslegungen ‘Alís sind eine himmlische Gnade. Es liegt in ihrer Macht diese Gnade zu gewähren, wie es ihnen gefällt, und sollte dies nicht ihrem Wunsch entsprechen, so wird kein Regen fallen. Mit »Regen« ist hier die Ausgießung der Gnade gemeint.
11:17
»Sie haben auch Macht, das Wasser in Blut zu verwandeln.«Offenbarung 11:6A Das bedeutet, das Prophetentum Muḥammads glich dem des Mose und die Macht ‘Alís ähnelte der Josuas. Das heißt: Wäre es ihr Wunsch gewesen, so hätten sie die Macht gehabt, für die Ägypter und für die Leugner das Wasser des Nils in Blut zu verwandeln – mit anderen Worten, wegen ihrer Unwissenheit und ihrem Stolz die Quelle ihres Lebens in die Ursache ihres Todes zu verwandeln. So wurden Herrschaft, Reichtum und Macht des Pharao und seines Volkes, die Lebensgrundlage dieser Nation waren, durch Feindschaft, Leugnung und Stolz für sie zur Ursache von Tod, Ruin, Zerstörung, Erniedrigung und Elend. Somit wird deutlich, dass diese zwei Zeugen die Macht haben, Nationen zu zerstören.
11:18
»Und die Erde zu schlagen mit allen möglichen Plagen, sooft sie wollen.«Offenbarung 11:6A Dies bedeutet, sie sind auch mit äußerlicher Macht und Überlegenheit ausgestattet, um den Übeltätern und Verkörperungen der Unterdrückung und Tyrannei eine Lehre erteilen zu können. Denn Gott hatte diesen zwei Zeugen sowohl äußere als auch innere Macht verliehen und so bewirkten sie Wandel und Erziehung der niederträchtigen, blutrünstigen und bösartigen arabischen Wüstensöhne, die reißenden Wölfen und Bestien glichen.
11:19
»Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben«Offenbarung 11:7A, das bedeutet, wenn sie ihren Auftrag erfüllt und die göttliche Botschaft überbracht haben, die Religion Gottes verkündet und Seine himmlischen Lehren verbreitet haben, so dass die Zeichen geistigen Lebens in den Seelen der Menschen erscheinen, das Licht menschlicher Tugenden erstrahle und diese Wüstenstämme grundlegende Fortschritte erzielen.
11:20
»…wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, sie besiegen und töten.«Offenbarung 11:7A Mit diesem Tier sind die Umayyaden gemeint, die aus dem Abgrund des Irrtums diese Zeugen überfielen. Und so geschah es wirklich, dass die Umayyaden die Religion Muḥammads und die Wahrheit ‘Alís, die auf Liebe zu Gott beruhen, angriffen.
11:21
»Das Tier wird Krieg gegen diese beiden Zeugen führen.«Offenbarung 11:7A Gemeint ist hier ein geistiger Krieg, bei dem das Tier so sehr in völligem Widerspruch zu den Lehren, dem Verhalten und Charakter dieser zwei Zeugen handelt, dass die Tugenden und Vollkommenheiten, die durch die Macht der zwei Zeugen unter den Völkern und Nationen verbreitet worden waren, gänzlich verloren gingen und tierische Charakterzüge und fleischliche Begierden vorherrschen. Daher wird dieses Tier Krieg gegen sie führen und die Vorherrschaft erlangen, was darauf hinweist, dass das Dunkel des Irrtums, den das Tier verbreitet, sich in der ganzen Welt durchsetzen und die beiden Zeugen umbringen wird – das heißt, es wird ihr geistiges Licht im Volke auslöschen, ihre göttlichen Gesetze und Lehren vernichten, die Religion Gottes mit Füßen treten und nichts als einen toten und seelenlosen Körper zurücklassen.
11:22
»Und ihr Leichnam wird auf der Straße der großen Stadt liegen, die, geistlich gesprochen, Sodom und Ägypten heißt, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.«Offenbarung 11:8A Mit »ihrem Leichnam« ist die Religion Gottes und mit »der Straße« deren öffentliche Zurschaustellung gemeint. »Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde«, bezieht sich auf das Land Syrien und vor allem auf Jerusalem, denn die Umayyaden hatten ihr Machtzentrum in diesem Land, und hier schwanden die Religion Gottes und die göttlichen Lehren als erstes und ließen einen seelenlosen Körper zurück. »Ihr Leichnam« bezieht sich auf die Religion Gottes, die als toter und seelenloser Körper zurückblieb.
11:23
»Und viele aus den Völkern und Stämmen und Sprachen und Nationen sehen ihren Leichnam drei Tage und einen halben und erlauben nicht, ihre Leichname ins Grab zu legen.«Offenbarung 11:9A Wie bereits erläutert, bedeuten dreieinhalb Tage im Sprachgebrauch der Heiligen Schriften dreieinhalb Jahre. Dreieinhalb Jahre entsprechen zweiundvierzig Monaten und zweiundvierzig Monate sind 1260 Tage. Da nach dem Wortlaut der Bibel jeder Tag einem Jahr entspricht, bedeutet dies, dass 1260 Jahre lang – was der Dauer der qur’ánischen Sendung entspricht – Nationen, Stämme und Völker deren Leichname sehen; das heißt, sie werden die Religion Gottes vor Augen haben, aber nicht im Einklang mit ihr handeln. Dennoch werden sie es nicht zulassen, dass diese Leichname – die Religion Gottes – zur letzten Ruhe gebettet werden. Das heißt, sie klammern sich an ihre äußere Form und lassen sie weder gänzlich aus ihrer Mitte verschwinden, noch erlauben sie, dass der Körper völlig zerstört und vernichtet wird. Vielmehr geben sie seine Wirklichkeit auf, während sie nach außen hin seinen Namen und sein Gedenken aufrechterhalten.
11:24
Hier wird auf solche Stämme, Völker und Nationen angespielt, die unter dem Schatten des Qur’án versammelt waren. Sie sind es, die nicht zulassen, dass die Sache Gottes und der Glaube auch nach außen hin vernichtet wird. So hielten sie sich zwar noch an das Beten und Fasten, aber die wahre Grundlage der Religion Gottes – ein guter Charakter, aufrechtes Verhalten und die Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse – war verschwunden; das Licht menschlicher Tugenden, das aus der Liebe und Erkenntnis Gottes hervorgeht, war erloschen; die Dunkelheit der Unterdrückung und der Tyrannei, der fleischlichen Begierden und satanischen Eigenschaften hatten obsiegt, und der Körper der Religion Gottes wurde wie ein Leichnam öffentlich zur Schau gestellt.
11:25
Im Verlauf von 1260 Tagen, jeder Tag einem Jahr entsprechend – das heißt für die Dauer der islamischen Sendung – ging alles, was diese zwei Personen als die Grundlage der Religion Gottes aufgebaut hatten, bei ihren Anhängern verloren. Die Spuren menschlicher Tugenden – die Gaben Gottes sind und die den Geist dieser Religion ausmachen – wurden so sehr verwischt, dass Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Eintracht, Reinheit, Heiligkeit, Loslösung, einfach alle himmlischen Eigenschaften aus ihrer Mitte verschwanden und was von der Religion verblieb, war nur Gebet und Fasten. Dieser Zustand hielt 1260 Jahre an, was der qur’ánischen Sendung entspricht. Es war, als wären diese beiden Personen gestorben und hätten nur ihre seelenlosen Körper hinterlassen.
11:26
»Und die Bewohner der Erde freuen sich darüber, beglückwünschen sich und schicken sich gegenseitig Geschenke; denn die beiden Propheten hatten die Bewohner der Erde gequält.«Offenbarung 11:10A Mit »den Bewohnern der Erde« sind andere Völker und Nationen gemeint, wie jene aus Europa und aus fernen asiatischen Ländern, die sahen, dass der Charakter des Islam sich gänzlich verändert hatte, dass man die Religion Gottes aufgegeben hatte, dass Tugend, Anstand und Ehre verschwunden waren und der Charakter der Menschen verdorben war und die sich daraufhin freuten, dass die Moral der Muslime korrumpiert worden war und sie somit von anderen Nationen besiegt werden konnten. Und dies ist ganz unübersehbar eingetreten. Schau, wie dieses Volk, das einst größte Macht ausübte, erniedrigt und unterjocht wurde!
11:27
Die anderen Völker »schicken sich gegenseitig Geschenke« bedeutet, dass sie sich gegenseitig unterstützen, denn »die beiden Propheten hatten die Bewohner der Erde gequält«; das heißt, sie hatten die anderen Völker und Nationen der Erde unterjocht und unterworfen.
11:28
»Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie stellten sich auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel auf die, die sie sahen.«Offenbarung 11:11A Dreieinhalb Tage sind, wie bereits erklärt, 1260 Jahre. Diesen beiden Personen, deren Leichname seelenlos dalagen, – das sind die Lehren und die Religion, die von Muḥammad gestiftet und von ‘Alí verbreitet worden waren, deren Wirklichkeit verloren gegangen und von denen nur eine leere Hülle verblieben war –, wurde wieder ein neuer Geist eingehaucht; diese Lehren wurden gewissermaßen neu begründet. Das heißt, das Geistige der Religion Gottes, das dem Stofflichen gewichen war; die Tugenden, die zum Laster geworden waren; die Liebe Gottes, die zum Hass geworden war; das Licht, das zur Finsternis geworden war; die göttlichen Eigenschaften, die zu satanischen Merkmalen geworden waren; die Gerechtigkeit, die zur Tyrannei verkommen war; die Barmherzigkeit, die zur Bosheit geworden war; die Aufrichtigkeit, die zur Heuchelei geworden war; die Führung, die zur Irreleitung geworden war; die Reinheit, die zur Fleischeslust geworden war – all diese göttlichen Lehren, himmlischen Tugenden und Vollkommenheiten sowie geistigen Gaben – wurden nach dreieinhalb Tagen, was nach dem Sprachgebrauch der Heiligen Schriften 1260 Jahren entspricht, durch das Erscheinen des Báb und durch die Gefolgschaft von Quddús erneuert.
11:29
So wehten die Brisen der Heiligkeit, das Licht der Wahrheit erstrahlte, die lebensspendende Frühlingszeit begann und der Morgen der Führung brach an. Diese zwei Leichname wurden wieder zum Leben erweckt und diese zwei großen Persönlichkeiten – der Stifter und der Verkünder – erhoben sich und wirkten wie zwei Leuchten, denn sie erhellten die ganze Welt mit dem Licht der Wahrheit.
11:30
»Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen: Steigt herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel in einer Wolke«Offenbarung 11:12A, das heißt, sie hörten, wie vom unsichtbaren Himmel aus die Stimme Gottes zu ihnen sprach: Ihr habt alles erfüllt, womit ihr beauftragt wart im Hinblick auf die Erziehung der Menschen und die Verkündigung der frohen Botschaft dessen, was kommen wird. Ihr habt Meine Botschaft dem Volk überbracht, den Ruf der Wahrheit erhoben und jede Eurer Verpflichtungen erfüllt. Nun sollt ihr es Christus gleichtun, euer Leben auf dem Pfad des Geliebten hingeben und den Märtyrertod erleiden. Und in diesem Sinne gingen beide, die Sonne der Wirklichkeit und der Mond der Führung,Der Báb und QuddúsA wie Christus am Horizont des höchsten Opfers unter und stiegen in das himmlische Reich auf.
11:31
»Und es sahen sie ihre Feinde.«Offenbarung 11:12A Das heißt, nach ihrem Martyrium erkannten viele ihrer Feinde ihre erhabene Stufe und ihre vortreffliche Tugendhaftigkeit, und sie bezeugten ihre Größe und Vollkommenheit.
11:32
»Und zu derselben Stunde geschah ein großes Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt stürzte ein; und es wurden getötet in dem Erdbeben siebentausend Menschen.«Offenbarung 11:13A Dieses Erdbeben ereignete sich in Shíráz nach dem Märtyrertod des Báb. Die Stadt versank in Aufruhr und viele Menschen wurden getötet. Ein erheblicher Aufruhr entstand zudem durch Krankheiten, Cholera, Unterversorgung, Hungersnöte und andere Bedrängnisse – ein Aufruhr, desgleichen man bis dahin nie gesehen hatte.
11:33
»Und die andern erschraken und gaben dem Gott des Himmels die Ehre.«Offenbarung 11:13A Als sich das Erdbeben in der Provinz Fárs ereignete, jammerten und klagten die Überlebenden Tag und Nacht, priesen Gott und flehten Ihn an. Ihre Angst und Unruhe waren so groß, dass sie des Nachts weder Ruhe noch Frieden finden konnten.
11:34
»Das zweite Wehe ist vorüber; siehe, das dritte Wehe kommt schnell.«Offenbarung 11:14A Das erste Wehe war das Erscheinen des Gesandten Gottes, Muḥammad, der Sohn des ‘Abdu’lláh, Friede sei mit Ihm. Das zweite Wehe war das Kommen des Báb, auf Ihm sei Herrlichkeit und Lobpreis. Das dritte Wehe ist der große Tag der Ankunft des Herrn der Heerscharen und die Offenbarung der verheißenen Schönheit. Die Erklärung dieser Frage findet sich im dreißigsten Kapitel Hesekiels, wo es heißt: »Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage und sprich: So spricht Gott der Herr: Heulet! Wehe, was für ein Tag! Denn der Tag ist nahe, ja, des Herrn Tag ist nahe.«Hesekiel 30:1–3A Es ist also offensichtlich, dass der Tag des Wehs der Tag des Herrn ist; denn an jenem Tag gilt das Weh den Achtlosen, den Sündern und den Unwissenden. Darum heißt es, »Das zweite Wehe ist vorüber; und siehe, das dritte Wehe kommt schnell.« Dieses dritte Wehe ist der Tag der Offenbarung Bahá’u’lláhs, der Tag Gottes, und es ist nahe dem Tag des Erscheinens des Báb.
11:35
»Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen: Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.«Offenbarung 11:15A Dieser Engel erwähnt menschliche Seelen, die mit himmlischen Eigenschaften ausgestattet wurden und denen eine engelhafte Natur und Gesinnung verliehen ist. Stimmen werden sich erheben und das Erscheinen der göttlichen Manifestation wird weithin verkündet. Es wird verkündet, dass dieser Tag der Tag des Erscheinens des Herrn der Heerscharen und diese Sendung die Gnadengabe göttlicher Vorsehung ist. In allen heiligen Büchern und Schriften wurde verheißen und festgehalten, dass an diesem Tag Gottes Seine himmlische und geistige Herrschaft errichtet wird, die Welt erneuert wird, ein neuer Geist dem Körper der Schöpfung eingehaucht wird, der göttliche Frühling eingeläutet wird, die Wolken der Barmherzigkeit herabregnen werden, die Sonne der Wahrheit erstrahlen wird und lebensspendende Brisen wehen werden. Die Menschenwelt wird mit einem neuen Gewand geschmückt, das Antlitz der Erde wird geradezu dem höchsten Paradies gleichen, der Menschheit wird Erziehung zuteilwerden; Krieg, Uneinigkeit, Auseinandersetzungen und Streit werden verschwinden; Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Frieden und Frömmigkeit werden obsiegen; Liebe, Eintracht und Einheit werden die Welt umfassen und Gott wird für immer herrschen – das heißt, eine immerwährende geistige Herrschaft wird errichtet. Das ist der Tag Gottes. Alle Tage, die kamen und gingen, waren die Tage Abrahams, Mose, Christi oder anderer Propheten; dieser Tag jedoch ist der Tag Gottes, da an diesem Tag die Sonne der Wahrheit mit der größten Intensität und Strahlkraft scheinen wird.
11:36
»Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast!«Offenbarung 11:16–17A In jeder Sendung gab es zwölf Auserwählte: Zur Zeit Josefs gab es zwölf Brüder, zur Zeit Mose zwölf Stammesführer, zur Zeit Christi zwölf Apostel und zur Zeit Muḥammads gab es zwölf Imáme. Aber in dieser ruhmreichen Offenbarung gibt es, bedingt durch ihre Größe, vierundzwanzig solcher Seelen, doppelt so viele wie bei all den anderen.»In Bezug auf die vierundzwanzig Ältesten erklärte der Meister in einem Sendschreiben, dass es sich um den Báb, die 18 Buchstaben des Lebendigen und fünf andere handelt, die in Zukunft bekannt werden würden.« (Aus einem Brief vom Juli 1943 an einen einzelnen Gläubigen, geschrieben im Auftrag Shoghi Effendis) ‘Abdu’l-Bahá benannte in einem Sendschreiben eine der verbleibenden fünf Personen als Ḥájí Mírzá Muḥammad-Taqí Afnán, Vakílu’d-Dawlih.A Diese heiligen Seelen thronen in der Gegenwart Gottes, was bedeutet, dass sie auf ewig herrschen.
11:37
Obwohl diese vierundzwanzig ruhmreichen Seelen auf dem Throne ewiger Souveränität sitzen, verbeugen sie sich dennoch in demütiger Ergebenheit vor jener allumfassenden Manifestation Gottes und sprechen: »Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast!« Das heißt: Du wirst alle Deine Lehren verkünden, die ganze Menschheit unter Deinem Schatten versammeln und alle Menschen unter einem einzigen Tabernakel zusammenführen. Und obwohl die Herrschaft immer Gottes ist und Er seit jeher und bis in alle Ewigkeit höchster Herrscher bleiben wird, bezieht sich diese Stelle hier auf die Souveränität der Manifestation Seines eigenen Selbstes, die Gesetze und Lehren verkünden wird, die den Geist der Menschenwelt und die Quelle ewigen Lebens darstellen. Diese allumfassende Manifestation wird die Welt nicht durch Krieg und Streit, sondern durch eine geistige Macht unterwerfen. Er wird die Welt mit Frieden und Einklang schmücken und nicht mit Schwertern und Speeren. Er wird diese göttliche Herrschaft durch aufrichtige Liebe begründen, nicht durch militärische Macht. Er wird diese göttlichen Lehren durch Güte und Freundschaft verbreiten, nicht durch Gewalt und Waffen. Auch wenn diese Nationen und Völker angesichts der Verschiedenartigkeit ihrer Verhältnisse, ihrer unterschiedlichen Bräuche und Wesenszüge, der Vielfalt ihrer Religionen und Hautfarben so unterschiedlich sind wie der Wolf und das Lamm, der Leopard und das Böcklein, der Säugling und die Natter, wird Er sie so erziehen, dass sie einander umarmen, sich zueinander gesellen und einander vertrauen werden. Rassenhass, religiöse Feindseligkeit und nationale Rivalitäten werden völlig beseitigt, und alle werden vollkommene Gemeinschaft und Eintracht unter dem Schutz des Gesegneten Baumes finden.
11:38
»Und die Völker sind zornig geworden«, denn Deine Weisungen standen im Widerspruch zu den selbstsüchtigen Wünschen der anderen Völker, »und es ist gekommen Dein Zorn«Offenbarung 11:18A, was bedeutet, dass alle schwerwiegende Verluste erleiden mussten, da sie Deinen Ratschlägen, Ermahnungen und Lehren nicht folgten; sie waren der ewigen Gnade beraubt und Schleier trennten sie vom Licht der Sonne der Wahrheit.
11:39
»Und die Zeit, die Toten zu richten«Offenbarung 11:18A bedeutet, dass die Zeit gekommen ist, in der über die Toten, also jene, die den Geist der Liebe Gottes entbehren und des ewigen und heiligen Lebens beraubt sind, das gerechte Urteil gesprochen werden soll, was bedeutet, dass jeder nach Wert und Fähigkeit auferweckt wird und dass die volle Wahrheit offen gelegt werden soll, in welchen Abgründen der Erniedrigung sie sich in dieser Welt des Seins befinden und dass sie wahrhaftig zu den Toten zählen.
11:40
»Und den Lohn zu geben Deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die Deinen Namen fürchten, die Kleinen und die Großen«Offenbarung 11:18A, das heißt, Du wählst die Gerechten für Deine grenzenlose Gnade aus, lässt sie wie himmlische Sterne am Horizont urewiger Herrlichkeit leuchten und stehst ihnen bei, ein Verhalten und einen Charakter an den Tag zu legen, mit dem sie die Menschenwelt erleuchten und zum Mittel der Führung und zum Born ewigen Lebens im Königreich Gottes werden.
11:41
»Und zu vernichten, die die Erde vernichten.«Offenbarung 11:18A Das heißt, Du wirst den Achtlosen alles nehmen; denn die Blindheit der Blinden wird bloßgestellt und die Sehkraft der Sehenden wird offenkundig; die Unwissenheit und Torheit der Irregeleiteten wird erkannt werden und die Erkenntnis und Weisheit der Rechtgeleiteten wird offenbart und so werden die Zerstörer vernichtet.
11:42
»Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan.«Offenbarung 11:19A Damit ist gemeint, dass das himmlische Jerusalem erschienen und das Allerheiligste offenbar geworden ist. Für die Menschen mit wahrem Wissen bezieht sich das Allerheiligste auf das Wesen der Religion Gottes und auf Seine wahre Lehre, die, wie zuvor erklärt, in allen prophetischen Sendungen unverändert geblieben ist, wobei Jerusalem die Wirklichkeit der Religion Gottes, also das Allerheiligste, ebenso umfasst wie all die Gesetze, Transaktionen, die Riten und materiellen Verordnungen, die die Stadt ausmachen. Darum heißt es das himmlische Jerusalem. Kurz gesagt, im Laufe der Sendung der Sonne der Wahrheit werden die Lichter Gottes mit größter Pracht leuchten und so wird der Kern göttlicher Lehren in der Welt des Seins verwirklicht werden, die Dunkelheit der Unwissenheit und der Torheit wird vertrieben, die Welt wird eine andere Welt, geistige Erleuchtung wird alle umfassen, und so wird das Allerheiligste erscheinen.
11:43
»Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan.«Offenbarung 11:19A Das heißt auch, dass durch die Verbreitung dieser göttlichen Lehren, die Enthüllung dieser himmlischen Mysterien und durch das Aufgehen der Sonne der Wahrheit die Pforten des Fortschritts nach allen Seiten weit geöffnet und die Zeichen himmlischer Segnungen und Gnadengaben offenkundig werden.
11:44
»Und die Lade seines Bundes wurde in seinem Tempel sichtbar.«Offenbarung 11:19A Das bedeutet, dass das Buch Seines Bundes in Seinem Jerusalem erscheinen wird, dass die Tafel des Testaments aufgezeichnet wird und dass die Bedeutung des Bundes und des Testaments klar ersichtlich wird. Der Ruf Gottes wird überall in Ost und West widerhallen, und der Ruhm der Sache Gottes wird die Erde umspannen. Die Bundesbrecher werden gedemütigt und erniedrigt, und die Gläubigen werden Ehre und Ruhm erlangen, denn sie halten sich beharrlich an das Buch des Bundes und bleiben standhaft und unerschütterlich auf dem Pfad des Testaments.
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