‘Abdu’l-Bahá | Beantwortete Fragen
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36:7
Die fünfte Art des Geistes ist der Heilige Geist, der Mittler zwischen Gott und Seiner Schöpfung. Er ist wie ein Spiegel, der der Sonne zugewandt ist: So wie ein makelloser Spiegel die Strahlen der Sonne aufnimmt und ihre Gaben anderen spiegelt, so ist auch der Heilige Geist der Mittler für das Licht der Heiligkeit, das er von der Sonne der Wahrheit an geheiligte Seelen weitergibt. Dieser Geist ist mit jeglicher göttlichen Vollkommenheit geschmückt. Wann immer er erscheint, wird die Welt wiederbelebt, wird ein neuer Zyklus eingeleitet und der Körper der Menschheit in ein neues Gewand gekleidet. Es ist wie der Frühling: Wenn er anbricht, versetzt er die Welt von einem Zustand in einen anderen. Denn mit dem Frühlingsbeginn werden die dunkle Erde, die Felder und die Wiesen grün und fruchtbar; Blumen und süß duftende Kräuter aller Art treiben aus; Bäume erwachen zu neuem Leben; wunderbare Früchte gedeihen; und ein neuer Zyklus wird eröffnet.
36:8
Genauso ist es mit der Manifestation des Heiligen Geistes: Wann immer Er erscheint, verleiht Er der Menschheit neues Leben und der menschlichen Wirklichkeit einen neuen Geist. Er kleidet alles Sein in ein prächtiges Gewand, vertreibt die Dunkelheit der Unwissenheit und lässt das Licht menschlicher Vollkommenheit erstrahlen. Mit eben dieser Kraft erneuerte Christus diesen Zyklus – woraufhin die göttliche Frühlingszeit mit höchster Frische und Anmut in der Menschenwelt ihr Zelt aufschlug und die Sinne der erleuchteten Seelen mit ihren lebensspendenden, duftenden Brisen erfüllte.
36:9
Ebenso glich die Offenbarung Bahá’u’lláhs einer neuen Frühlingszeit, die mit den süßen Düften der Heiligkeit, mit den Heerscharen ewigen Lebens und mit der Kraft des himmlischen Königreichs erschien. Er errichtete mitten im Herzen der Welt den Thron der Herrschaft Gottes, erweckte durch die Kraft des Heiligen Geistes die Seelen zu neuem Leben und läutete einen neuen Zyklus ein.
Kapitel 37Die Verbindung zwischen Gott und Seinen Manifestationen
37:1
Frage: Was ist die Wirklichkeit des Göttlichen und ihre Verbindung zum jeweiligen Tagesanbruch des göttlichen Strahlenglanzes und den Dämmerungsorten des Lichtes des Allbarmherzigen?
37:2
Antwort: Wisse, dass die göttliche Wirklichkeit und das erhabene Wesen Gottes unaussprechliche und absolute Heiligkeit ist, das heißt, erhaben und geheiligt über jeden Lobpreis. Alle Attribute, die den höchsten Ebenen des Daseins in Bezug auf diese Stufe zugeschrieben werden, entspringen der Phantasie. Das Unsichtbare und Unerreichbare kann nie erkannt werden; das absolute Wesen kann niemals beschrieben werden. Denn das göttliche Wesen ist allumfassend und alle erschaffenen Dinge werden davon umfasst. Das Allumfassende ist mit Sicherheit größer als das Umfasste, und so kann das Umfasste keinesfalls zum Allumfassenden vordringen oder seine Wirklichkeit begreifen. Wie weit der menschliche Verstand auch voranschreiten mag, selbst wenn er den höchsten Grad menschlichen Begreifens erreichte, so liegt doch die äußerste Grenze für dieses Begreifen darin, die Zeichen und Attribute Gottes in der Welt der Schöpfung zu schauen, nicht aber im Reich des Göttlichen. Denn das Wesen und die Attribute des allherrlichen Herrn sind in den unerreichbaren Höhen der Heiligkeit verwahrt und Verstand und Begreifen des Menschen werden niemals einen Weg zu dieser Stufe finden. »Der Weg ist versperrt und jede Suche verwehrt.«Aus einer Überlieferung, die Imám ‘Alí zugeschrieben wird.A
37:3
Offensichtlich folgt alles, was der Mensch versteht, aus seinem Dasein, und der Mensch ist ein Zeichen des Allbarmherzigen: Wie kann dann das, was aus dem Zeichen folgt, den Schöpfer des Zeichens umfassen? Mit anderen Worten: Wie kann menschliches Verständnis, das aus dem Dasein des Menschen folgt, Gott begreifen? So ist die Wirklichkeit des Göttlichen allem Begreifen verborgen und verhüllt vor dem Verstand aller Menschen, und es ist unmöglich zu dieser Stufe aufzusteigen.
37:4
Wir können beobachten, dass alles Niedere unfähig ist, die Wirklichkeit des Höheren zu begreifen. Wieweit sie sich auch entwickeln mögen, können der Stein, die Erde und der Baum niemals die Wirklichkeit des Menschen begreifen oder sich die Kräfte des Sehens, des Hörens und der anderen Sinne vorstellen, selbst wenn das eine wie das andere erschaffene Dinge sind. Wie kann dann der Mensch, ein bloßes Geschöpf, die Wirklichkeit des geheiligten Wesens des Schöpfers begreifen? Kein menschliches Verstehen kann in die Nähe dieser Stufe gelangen, keine Äußerung kann ihre Wahrheit erschließen, und keine Anspielung kann ihr Geheimnis vermitteln. Was hat ein Staubkorn mit der Welt der Heiligkeit zu tun, und welche Verbindung kann je zwischen dem begrenzten Verstand und der Weite des grenzenlosen Reiches bestehen? Der menschliche Verstand ist machtlos, Ihn zu verstehen, und Seelen sind verwirrt, wenn sie versuchen, Seine Wirklichkeit zu beschreiben. »Die Blicke erreichen Ihn nicht, Er aber erreicht die Blicke. Und Er ist der Feinfühlige, der Kenntnis von allem hat!«Qur’án 6:103A
37:5
Daher ist in Bezug auf diese Stufe jede Aussage und Erklärung unzureichend, jede Beschreibung und Charakterisierung unwürdig, jede Vorstellung haltlos und jeder Versuch, sie zu ergründen, zwecklos. Aber dieser Wesenskern allen Wesens, diese Wahrheit aller Wahrheiten, dieses Geheimnis aller Geheimnisse, zeigt sich durch Pracht, Strahlenglanz, Offenbarungen und Erscheinungen in der Welt des Seins. Die Aufgangsorte dieses Strahlenglanzes, die Dämmerungsorte und der jeweilige Ursprung dieser Offenbarungen sind jene Verkörperungen der Heiligkeit, jene universellen Wirklichkeiten und göttlichen Wesen, die die wahren Spiegel des geheiligten Wesens des Göttlichen sind. Jede Vollkommenheit, alle Gaben und die Pracht des einen wahren Gottes sind in der Wirklichkeit Seiner Heiligen Manifestationen deutlich sichtbar, so wie das Licht der Sonne mit all seiner Vollkommenheit und seinen Gaben in einem klaren, makellosen Spiegel vollständig reflektiert wird. Und wenn gesagt wird, dass die Spiegel die Offenbarungen der Sonne und die Dämmerungsorte des Tagesgestirns der Welt sind, so bedeutet das nicht, dass die Sonne von den Höhen ihrer Heiligkeit herabgestiegen ist oder sich im Spiegel verkörpert hat, oder dass diese grenzenlose Wirklichkeit auf diese sichtbare Ebene beschränkt worden wäre. Gott bewahre! Das ist die Überzeugung derer, die den Anthropomorphismus vertreten. Nein, all diese Beschreibungen, jeder Ausdruck von Lobpreis und Herrlichkeit beziehen sich auf diese heiligen Manifestationen; das heißt, alles, was wir erwähnen, jede Beschreibung, jedes Lob, jeder Name und jedes Attribut Gottes, gilt Ihnen. Aber niemand hat je die Wirklichkeit des Wesens des Göttlichen ergründet, um sie gebührend andeuten, beschreiben, loben oder verherrlichen zu können. So bezieht sich alles, was die menschliche Wirklichkeit von den Namen, Attributen und der Vollkommenheit Gottes erkennt, entdeckt und versteht, auf diese heiligen Manifestationen und auf nichts anderes: »Der Weg ist abgeschnitten und alles Suchen ist verwehrt.«
37:6
Dennoch schreiben wir der Wirklichkeit des Göttlichen bestimmte Namen und Attribute zu und preisen Ihn für Sein Auge, Sein Ohr, Seine Macht, Sein Leben und Sein Wissen. Wir betonen diese Namen und Attribute nicht, um die Vollkommenheit Gottes zu bekräftigen, sondern um zu bestreiten, dass Er irgendeine Unvollkommenheit haben könnte.
37:7
Wenn wir die bedingte Welt betrachten, erkennen wir, dass Unwissenheit Unvollkommenheit bedeutet und Wissen Vollkommenheit ist, und deshalb nennen wir das geheiligte Wesen Gottes allwissend. Schwäche ist Unvollkommenheit und Kraft ist Vollkommenheit, und so sagen wir, dass das geheiligte und göttliche Wesen allmächtig ist. Dies bedeutet nicht, dass wir Sein Wissen, Sehen, Hören, Seine Kraft oder Sein Leben an sich verstehen können: Das geht sicherlich über unser Begreifen hinaus, denn die wesenhaften Namen und Attribute Gottes sind identisch mit Seinem Wesen, und Sein Wesen ist über alles Verstehen geheiligt. Wären die wesenhaften Attribute nicht identisch mit dem Wesen, dann müsste es eine Vielzahl von Präexistenzen geben und die Unterscheidung zwischen dem Wesen und den Attributen wäre somit auch fest begründet und präexistent. Aber das würde eine unendliche Kette von Präexistenzen implizieren, was offensichtlich falsch ist.
37:8
Daraus folgt, dass all diese Namen, Attribute und Lobpreisungen auf die Manifestationen Gottes selbst zutreffen und dass alles, was wir uns darüber hinaus ausdenken oder überlegen könnten, reine Einbildung ist, denn wir können niemals einen Weg zum Unsichtbaren und Unzugänglichen finden. Deshalb wurde gesagt: »Alles, was ihr in eurer Eitelkeit meint erkannt zu haben und in allerfeinsten Worten beschrieben habt, ist nur eine Schöpfung wie ihr selbst und geht auf euch selbst zurück.«Aus einer Überlieferung, die Imám ‘Alí zugeschrieben wird.A
37:9
Wenn wir uns die Wirklichkeit des Göttlichen vorstellen wollten, liegt auf der Hand, dass diese Vorstellung selbst umfasst wäre und unser Verstand es ist, der sie umfasst – und das Umfassende ist gewiss größer als das Umfasste! Daraus folgt, dass jede Wirklichkeit, die wir uns jenseits der heiligen Manifestationen für das Göttliche vorstellen könnten, nur eine Einbildung wäre, da es keine Möglichkeit gibt, sich der göttlichen Wirklichkeit zu nähern, die völlig außerhalb der Reichweite des Verstandes liegt. Und alles, was wir uns vorstellen könnten, ist reine Einbildung.
37:10
Überlege dann, wie die Völker der Welt um ihre eigenen eitlen Einbildungen kreisen und die Götzen ihrer eigenen Gedanken und Vorstellungen verehren, ohne sich auch nur im Geringsten dessen bewusst zu sein. Sie halten diese eitlen Einbildungen für jene Wirklichkeit, die über allem Verstehen geheiligt und über jede Andeutung erhaben ist. Sie verstehen sich als Verfechter der göttlichen Einheit und betrachten alle anderen als Götzenverehrer, auch wenn Götzen zumindest ein mineralisches Dasein genießen, während die Götzen der menschlichen Gedanken und Vorstellungen reine Einbildungen sind und nicht einmal das Dasein eines Steins besitzen. »Zieht nun die Lehre daraus, ihr Einsichtigen.«Qur’án 59:2A
37:11
Wisse, dass die Attribute der Vollkommenheit, die göttliche Gnadenfülle und der Strahlenglanz göttlicher Offenbarung aus allen Manifestationen Gottes hervorleuchten, dass aber Christus, das allumfassende Wort Gottes, und Bahá’u’lláh, Sein Größter Name, mit einer Offenbarung erschienen sind, die jede Vorstellung übersteigt. Denn sie besitzen nicht nur jede Vollkommenheit der früheren Manifestationen, sie überragen sie vielmehr mit solch einer Vollkommenheit, dass alle anderen eher ihren Jüngern gleichen. So waren alle Propheten Israels Empfänger göttlicher Offenbarung, und so auch Christus, aber wie groß ist der Unterschied zwischen der Offenbarung dessen, der das Wort Gottes war, und der Inspiration eines Jesaja, eines Jeremia oder eines Elias!
37:12
Beachte, dass Licht auf die Schwingungen des Äthers hindeutet, was den Sehnerv stimuliert und das Sehen ermöglicht. Nun, diese Schwingungen des Äthers gibt es sowohl in der Lampe als auch in der Sonne, doch welch ein Unterschied besteht zwischen dem Licht der Sonne, dem der Sterne oder dem der Lampe!
37:13
Der menschliche Geist weist im Stadium des Embryos bestimmte Merkmale und Erscheinungsformen auf und im Stadium der Kindheit, der Jugend und der Reife zeigt sich noch eine ganz andere Pracht und Ausprägung. Der Geist ist ein einziger, und doch fehlt ihm im embryonalen Stadium die Kraft des Sehens und Hörens, während er in den Stadien der Jugend und Reife mit größter Pracht und Ausstrahlung erscheint. Ebenso beginnt der Samen sein Wachstum anfangs nur als Blatt, dem Erscheinungsort des Pflanzengeistes; und wenn er Früchte trägt manifestiert sich derselbe Geist, das heißt die Kraft des Wachstums, in der Fülle seiner Vollkommenheit – doch wie weit ist die Stufe des Blattes von derjenigen der Frucht entfernt! Denn aus der Frucht werden mit der Zeit hunderttausend Blätter hervorgehen, auch wenn sie alle durch denselben pflanzlichen Geist wachsen und sich entwickeln. Und nun denke einen Moment nach über den Unterschied zwischen den Tugenden und der Vollkommenheit Christi und der Pracht und dem Strahlenglanz Bahá’u’lláhs einerseits und den Tugenden der Propheten des Hauses Israel wie Hesekiel oder Samuel andererseits. Sie alle waren Empfänger göttlicher Offenbarung, aber wie unermesslich ist der Unterschied zwischen ihnen.
Kapitel 38Die drei Seinsebenen der göttlichen Manifestationen
38:1
Wisse, dass Tugend und Vollkommenheit der Manifestationen Gottes zwar grenzenlos sind, Sie aber nur drei Seinsebenen einnehmen: Erstens die körperliche Ebene; zweitens die menschliche Ebene, also die der vernunftbegabten Seele; und drittens die Ebene der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes.
38:2
Was die körperliche Ebene betrifft, so liegt ihr Ursprung in der Zeit, denn sie ist aus Elementen zusammengesetzt, und jeder Zusammensetzung folgt notwendigerweise eine Auflösung. Es ist in der Tat unmöglich, dass auf eine Zusammensetzung kein Zerfall folgt.
38:3
Die zweite Ebene ist die der vernunftbegabten Seele, sie ist die Wirklichkeit des Menschen. Auch diese Ebene hat einen Anfang und die Manifestationen Gottes teilen sie mit allen Menschen.
38:4
Die dritte Ebene ist die der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes; sie ist das Wort Gottes, die immerwährende Gnade und der Heilige Geist. Auf dieser Ebene gibt es weder Anfang noch Ende, denn Anfang und Ende gehören zur bedingten Welt, nicht aber zur Welt Gottes. Bei Gott sind Anfang und Ende ein und dasselbe. Auch die Berechnung von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren – von gestern und heute – richtet sich nach der Erde; in der Sonne sind sie unbekannt: Es gibt weder gestern noch heute noch morgen, weder Monate noch Jahre – alle sind gleich. In gleicher Weise ist das Wort Gottes über alle diese Bedingungen geheiligt und über jedes Gesetz, jede Einschränkung und Begrenzung der bedingten Welt erhaben.
38:5
Wisse, dass Menschen zwar seit unzähligen Zeitaltern und Zyklen auf der Erde existieren, die menschliche Seele aber dennoch erschaffen ist. Und weil sie ein Zeichen Gottes ist, lebt sie, einmal ins Dasein gelangt, in alle Ewigkeit. Der menschliche Geist hat einen Anfang, aber kein Ende: Er bleibt für immer bestehen. Auch die verschiedenen Spezies, die auf der Erde leben, haben einen zeitlichen Ursprung; denn es wird allgemein anerkannt, dass es eine Zeit gab, in der diese Arten nirgendwo auf Erden existierten, und darüber hinaus gab es eine Zeit, in der selbst die Erde nicht existierte. Aber die Welt des Seins gab es immer, denn sie ist nicht auf diese Erdkugel beschränkt.
38:6
Damit soll gesagt werden, dass die menschlichen Seelen zwar einen Ursprung haben, aber dennoch unsterblich sind und ewig fortdauern. Die stoffliche Welt ist nämlich eine Welt der Unvollkommenheit verglichen mit der des Menschen; und die Menschenwelt ist eine Welt der Vollkommenheit verglichen mit der stofflichen Welt. Erreichen unvollkommene Dinge die Stufe der Vollkommenheit, so werden sie unvergänglich. Dies soll ein Beispiel sein: Versuche zu erfassen, was damit wirklich gemeint ist.
38:7
Nun hat die Wirklichkeit des Prophetentums, die das Wort Gottes und die Stufe vollkommener göttlicher Offenbarung ist, weder Anfang noch Ende, aber ihr Strahlen ist veränderlich wie das der Sonne. Zum Beispiel erhob sie sich überaus strahlend und prächtig im Zeichen Christi, und dies bleibt so für immer und ewig. Sieh, wie viele Könige die Welt eroberten, und wie viele kluge Minister und Herrscher kamen und gingen und doch fielen sie allesamt der Vergessenheit anheim – während jetzt noch die Brisen Christi wehen, Sein Licht leuchtet, Sein Ruf erhoben wird, Sein Banner entfaltet ist, Seine Heerscharen kämpfen, Seine wohlklingende Stimme ertönt, Seine Wolken lebensspendende Schauer herabregnen, Sein Blitz den Himmel erhellt, Seine Herrlichkeit klar und unbestreitbar ist, Seine Pracht strahlend leuchtet; und das Gleiche gilt für eine jede Seele, die unter Seinem Schatten wohnt und teilhat an Seinem Lichte.
38:8
Daher ist klar, dass es für die Manifestationen Gottes drei verschiedene Seinsebenen gibt: die physische Ebene, die Ebene der vernunftbegabten Seele und die Ebene der göttlichen Offenbarung und des himmlischen Strahlenglanzes. Die körperliche Ebene wird unausweichlich vergehen. Was die Ebene der vernunftbegabten Seele betrifft: Sie hat zwar einen Anfang, aber kein Ende und ist ausgestattet mit ewigem Leben. Was aber die heilige Wirklichkeit betrifft, von der Christus sagt: »Der Vater ist im Sohn«Vergleiche: Johannes 14:11 und 17:21A, so hat sie weder Anfang noch Ende: Ihr ›Anfang‹ bezieht sich lediglich auf die Offenbarung Seiner eigenen Stufe. So vergleicht Er Sein Schweigen mit dem Schlaf: Ein Mann, der schweigt, ist wie einer, der schläft, und wenn er spricht, dann ist es, als sei er erwacht.‘Abdu’l-Bahá nimmt hier eine Frage über den Beginn der Offenbarung Bahá’u’lláhs vorweg, die in Kapitel 16 und 39 ausführlicher behandelt wird.A Und doch sind der Schlafende und der Wachende ein und derselbe: An seiner Stufe, seiner Erhabenheit, seiner Größe, seiner Wirklichkeit und seiner Natur hat sich nichts geändert. Es wurde nur der Zustand des Schweigens mit dem Schlaf und der Zustand der Offenbarung mit dem Wachsein verglichen. Ein Mensch ist derselbe, ob er schläft oder wacht. Schlaf ist nur ein möglicher Zustand, Wachsein ein anderer. Und so wird die Zeit des Schweigens mit dem Schlaf, und die Zeit der Offenbarung und Führung mit dem Wachzustand verglichen.
38:9
Im Evangelium heißt es: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.« Daraus folgt, dass Christus nicht erst im Augenblick Seiner Taufe, als der Heilige Geist in Form einer Taube auf Ihn herabkam, Seine messianische Stufe und Seine Vollkommenheit erreichte. Vielmehr war das Wort Gottes immer auf den höchsten Höhen der Heiligkeit und wird es immer sein.
Kapitel 39Die menschliche und die göttliche Seinsebene der Manifestationen
39:1
Wir haben bereits von den drei Seinsebenen der Manifestationen Gottes gesprochen: erstens die stoffliche Wirklichkeit, die den menschlichen Körper betrifft; zweitens die individuelle Wirklichkeit, das heißt die vernunftbegabte Seele; und drittens die himmlische Offenbarung, die aus den vollkommenen göttlichen Eigenschaften besteht und die Quelle des Lebens der Welt, der Erziehung der Seelen, der Führung der Menschen und der Erleuchtung der ganzen Schöpfung ist.
39:2
Die körperliche Ebene ist menschlicher Natur und wird sich auflösen, denn sie ist eine Zusammensetzung von Elementen und das, was aus Elementen zusammengesetzt ist, muss zwangsläufig zerfallen und sich auflösen.
39:3
Aber die individuelle Wirklichkeit der Manifestationen des Allbarmherzigen ist eine geheiligte Wirklichkeit, weil sie alle erschaffenen Dinge in ihrem Wesen und in ihren Attributen übertrifft. Sie ist wie die Sonne, die aufgrund ihrer naturgegebenen Beschaffenheit zwangsläufig Licht erzeugen muss und mit der sich kein Mond vergleichen lässt. Beispielsweise sind die Bestandteile der Sonne nicht mit denen des Mondes vergleichbar. Durch die Zusammensetzung und Anordnung der Bestandteile der Ersteren werden notwendig Strahlen erzeugt, während durch die des Letzteren zwangsläufig Licht aufgenommen, aber nicht erzeugt wird. Die menschliche Wirklichkeit aller anderen Seelen gleicht der des Mondes, der sein Licht von der Sonne bezieht, wohingegen jene geheiligte Wirklichkeit aus sich selbst heraus leuchtet.
39:4
Die dritte Seinsebene ist die der göttlichen Gnade, die Enthüllung der Schönheit des Altehrwürdigen der Tage und der Strahlenglanz des Lichtes des lebendigen und allmächtigen Herrn. Die individuelle Wirklichkeit der heiligen Manifestationen kann genauso wenig von göttlicher Gnade und Offenbarung getrennt werden, wie die physische Masse der Sonne von ihrem Licht getrennt werden kann. So ist das Hinscheiden der heiligen Manifestationen einfach das Verlassen ihres physischen Körpers. Betrachte beispielsweise die Lampe, die diese Nische beleuchtet. Ihre Strahlen können nicht mehr auf die Nische fallen, wenn diese zerstört wird, aber die Lichtfülle der Lampe wird nicht unterbrochen. Die präexistente Gnade der heiligen Manifestationen ist wie das Licht, Ihre individuelle Wirklichkeit wie der Glasschirm und ihr menschlicher Tempel wie die Nische: Wenn die Nische zerstört ist, brennt die Lampe weiter. Die Manifestationen Gottes gleichen vielen verschiedenen Spiegeln, denn jede hat Ihre eigene Individualität, aber das, was von diesen Spiegeln reflektiert wird, ist ein und dieselbe Sonne. Somit ist offensichtlich, dass die Wirklichkeit Christi sich von der des Mose unterscheidet.
39:5
Von Anfang an ist sich diese geheiligte Wirklichkeit des Geheimnisses des Seins bewusst, und von Kindheit an sind die Zeichen der Größe in Ihm deutlich sichtbar. Wie könnte Er nun trotz solcher Gaben und solcher Vollkommenheit Seine eigene Stufe nicht wahrnehmen?
39:6
Wir erwähnten die drei Seinsebenen der Manifestationen Gottes: die körperliche Existenz, die individuelle Wirklichkeit und die vollkommene göttliche Offenbarung, was vergleichbar ist mit der Sonne, ihrer Hitze und ihrem Licht. Andere Menschen haben ebenfalls ein körperliches Dasein und eine vernunftbegabte Seele – den Geist und Verstand. Aussagen wie »Ich schlief auf Meinem Lager, als der Windhauch Gottes über Mich wehte und Mich aus Meinem Schlummer erweckte«Vergleiche: Ährenlese, Eine Auswahl aus den Schriften Bahá’u’lláhs, Kapitel 41, und Bahá’u’lláh, Súriy-i-Haykal, in: Anspruch und Verkündigung 1:192A, ähneln dem Worte Christi: »Das Fleisch ist mit Kummer beladen, aber der Geist ist voller Freude«, oder Bemerkungen wie: »Ich bin betrübt«, oder »Ich bin entspannt«, oder »Ich bin beunruhigt«: All diese Aussprüche beziehen sich auf die körperliche Ebene und haben keinen Einfluss auf die individuelle Wirklichkeit oder auf die Stufe der Offenbarung der göttlichen Wirklichkeit. Zum Beispiel könnte der menschliche Körper tausenden von Wechselfällen ausgesetzt sein, aber der Geist ist sich dessen überhaupt nicht bewusst. Es ist sogar möglich, dass einzelne Körperfunktionen völlig ausfallen, während das Wesen des Verstandes unberührt bleibt. Ein Kleidungsstück mag vielfach durchlöchert und zerrissen werden, sein Träger kann trotzdem unversehrt bleiben. So beziehen sich die Worte Bahá’u’lláhs, »Ich schlief auf Meinem Lager, als ein Windhauch über Mich wehte und Mich aus Meinem Schlummer erweckte«, auf den Körper.
39:7
In der Welt Gottes gibt es keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft: Alles dies ist eins. Wenn also Christus sagte: »Im Anfang war das Wort«Johannes 1:1A, meinte Er damit, das Wort war, ist und wird sein, denn in der Welt Gottes gibt es keine Zeit. Zeit herrscht über die Geschöpfe, nicht aber über Gott. So spricht Christus in dem Gebet: »Geheiligt werde Dein Name«Matthäus 6:9, Lukas 11:2A, was bedeutet: Dein Name war und ist geheiligt und wird immer geheiligt sein. Abermals, Morgen, Mittag und Abend gibt es auf der Erde, aber auf der Sonne gibt es weder Morgen, noch Mittag noch Abend.
Kapitel 40Das Wissen der Manifestationen Gottes
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