‘Abdu’l-Bahá | Beantwortete Fragen
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43:10
Anfangs war dieser Baum voller Lebenskraft und mit Blüten und Früchten beladen, aber allmählich wurde er alt, verbraucht und unfruchtbar, bis er gänzlich dahinwelkte und verdorrte. Daher wird der Wahre Gärtner erneut einen zarten Ableger vom selben Stamm pflanzen, damit er Tag für Tag wachse und sich entwickle, seinen schützenden Schatten in diesem himmlischen Garten ausbreite und seine wertvollen Früchte hervorbringe. Genauso verhält es sich mit den göttlichen Religionen: Im Laufe der Zeit verändern sich ihre ursprünglichen Grundsätze, ihre zugrundeliegende Wahrheit erlischt völlig, ihr Geist schwindet, Häresien kommen auf und sie werden zu einem seelenlosen Körper. Aus diesem Grunde werden sie erneuert.
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Damit soll gesagt sein, dass die Anhänger von Buddha und Konfuzius heutzutage Bilder und Statuen anbeten und sich der Einheit Gottes nicht mehr bewusst sind, stattdessen aber wie die alten Griechen an imaginäre Götter glauben. Aber das waren nicht ihre ursprünglichen Grundsätze; in der Tat waren ihre ursprünglichen Grundsätze und ihr Verhalten völlig anders.
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Bedenke auch, inwieweit die ursprünglichen Grundsätze der christlichen Religion vergessen wurden und wie viele Häresien entstanden sind. Zum Beispiel verbot Christus Gewalt und Rache und forderte stattdessen, Böses und Verletzendes mit Güte und Liebe zu erwidern. Aber bedenke, wie viele blutige Kriege christliche Völker gegeneinander geführt haben und wie viel Unterdrückung, Grausamkeit, Raffgier und Blutrünstigkeit damit verbunden war! Tatsächlich wurden viele dieser Kriege auf Geheiß der Päpste geführt. Es ist daher völlig klar, dass die Religionen im Laufe der Zeit gänzlich verändert und abgewandelt werden, und deshalb werden sie erneuert.
Kapitel 44Die Vorhaltungen, die Gott den Propheten macht
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Frage: In den Heiligen Schriften wurden gewisse Worte des Tadels an die Propheten Gottes gerichtet. An wen sind sie gerichtet und auf wen beziehen sie sich letztlich?
44:2
Antwort: Jede göttliche Äußerung in Form eines Tadels, mag sie auch äußerlich an die Propheten Gottes gerichtet sein, wendet sich in Wirklichkeit an ihre Anhänger. Die Weisheit darin ist nichts als reine Barmherzigkeit, auf dass die Menschen nicht bestürzt, entmutigt oder durch solchen Vorwurf und Tadel belastet werden. Diese Worte sind deswegen nach außen hin an die Propheten gerichtet, aber eigentlich sind sie für die Anhänger und nicht für den Gesandten bestimmt.
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Mehr noch: ein mächtiger und souveräner Monarch eines Landes repräsentiert alle Bewohner dieses Landes; das heißt, alles, was er äußern mag, ist das Wort für alle, und jeder Bund, den er schließt, ist der Bund für alle, denn Wünsche und Ziele all seiner Untertanen sind in seinen eigenen eingeschlossen. Ebenso ist jeder Prophet der Vertreter der Gesamtheit seiner Anhänger. Der Bund, den Gott mit Ihm schließt, und die Worte, die Er an Ihn richtet, gelten somit für Sein gesamtes Volk.
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Nun wird ein göttlicher Vorwurf und Tadel in der Regel die Herzen der Menschen belasten und betrüben und deshalb verlangt die vollkommene Weisheit Gottes solch eine Form der Ansprache. Aus der Thora selbst geht zum Beispiel hervor, dass die Israeliten gegen Mose rebellierten und sagten: »Wir können die Amalekiter nicht bekämpfen, denn sie sind mächtig, wild und kühn.« Gott tadelte dann Mose und Aaron, obwohl Mose vollkommen gehorsam war und sich nicht auflehnte.Vergleiche: Numeri 13–14A Sicherlich muss ein solch ruhmreiches Wesen, der Kanal der Gnade Gottes und Verfechter Seines Gesetzes, dem göttlichen Gebot gehorsam sein.
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Diese heiligen Seelen sind wie die Blätter eines Baumes, die durch eine Brise und nicht aus eigenem Antrieb in Bewegung versetzt werden, denn sie werden vom Odem der Liebe Gottes angezogen und haben ihren eigenen Willen aufgegeben. Ihr Wort ist das Wort Gottes, Ihr Gebot ist das Gebot Gottes, Ihr Verbot ist das Verbot Gottes. Sie sind wie dieser gläserne Lampenschirm, dessen Licht von der Flamme der Lampe herrührt. Obwohl das Licht aus dem Glas zu kommen scheint, geht es in Wirklichkeit von der Flamme aus. Ebenso ergeben sich Bewegung und Ruhe der Propheten Gottes, die Seine Manifestationen sind, aus der göttlichen Offenbarung und nicht aus bloßem menschlichen Verlangen. Wäre es nicht so, wie könnte der Prophet als vertrauenswürdiger Stellvertreter und auserwählter Gesandter Gottes handeln? Wie könnte Er Gottes Gebote und Verbote verkünden? Alle Mängel, die die Heiligen Schriften den Manifestationen Gottes zuschreiben, müssen daher in diesem Licht verstanden werden.
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Gelobt sei Gott, dass ihr hier hergekommen seid und den Dienern Gottes begegnet seid! Hast du außer dem Duft des Wohlgefallens des Herrn jemals etwas anderes bei ihnen wahrgenommen? Gewiss nicht! Mit eigenen Augen hast du gesehen, wie sie sich Tag und Nacht um nichts anderes bemühen, als das Wort Gottes zu verherrlichen, die Erziehung der Menschen zu unterstützen, das Glück der Menschheit wiederherzustellen, für geistigen Fortschritt zu sorgen, universellen Frieden voranzubringen, allen Völkern und Nationen Freundlichkeit und guten Willen zu erweisen, sich für das Gemeinwohl zu opfern, ihren eigenen materiellen Vorteil aufzugeben und die Tugenden der Menschenwelt zu fördern.
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Doch lass uns zu unserem Thema zurückkommen. Im Alten Testament bei Jesaja 48:12 heißt es »Höre mir zu, Jakob, und du, Israel, den ich berufen habe: Ich bin’s, ich bin der Erste und auch der Letzte.« Es ist offensichtlich, dass die beabsichtigte Bedeutung nicht Jakob ist, der Israel genannt wurde, sondern die Israeliten. Auch in Jesaja 43:1 heißt es: »Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!«
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Ferner heißt es im 4. Buch Mose, 20:23–4: »Und der Herr redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach: Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser«; und in Vers 20:13: »Das ist das Haderwasser, wo die Israeliten mit dem Herrn haderten und er sich heilig an ihnen erwies.«
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Beachte, dass es das Volk Israel war, das rebelliert hatte, aber der Vorwurf wurde nach außen an Aaron und Mose gerichtet, wie es im 5. Buch Mose, 3:26 heißt: »Aber der Herr zürnte mir um euretwillen und erhörte mich nicht, sondern sprach zu mir: Lass es genug sein! Rede mir davon nicht mehr!«
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Nun, dieser Vorwurf und Tadel richtete sich in Wirklichkeit an die Kinder Israels, die wegen ihrer Auflehnung gegen die Gebote Gottes lange Zeit in der kargen Wüste jenseits des Jordans wohnen mussten, bis zur Zeit Josuas. Dieser Vorwurf und Tadel schien an Mose und Aaron gerichtet zu sein, aber in Wirklichkeit galt er dem Volk Israel.
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In gleicher Weise wird im Qur’án zu Muḥammad gesagt: »Wir haben dir einen offenkundigen Erfolg gewährt, damit Gott dir deine Sünden vergebe, die früheren und die späteren.«Qur’án 48:1–2A Obwohl nun diese Worte scheinbar an Muḥammad gerichtet waren, war in Wirklichkeit Sein ganzes Volk damit gemeint; und dies entspringt, wie wir zuvor festgestellt haben, der vollkommenen Weisheit Gottes, damit die Herzen nicht beunruhigt, verwirrt oder bestürzt werden.
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Wie oft haben die Propheten Gottes und Seine allumfassenden Manifestationen in Ihren Gebeten Ihre Sünden und Verfehlungen bekannt! Das geschieht nur, um andere zu lehren, sie zu inspirieren und zu ermutigen, demütig und gehorsam vor Gott zu sein und ihre eigenen Sünden und Verfehlungen einzugestehen. Denn diese heiligen Seelen sind über jegliche Sünde geheiligt und frei von jeder Verfehlung. Zum Beispiel heißt es im Evangelium, dass ein Mensch zu Christus kam und ihn »Guter Meister« nannte. Christus antwortete darauf: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.«Matthäus 19:16–17A Nun, das bedeutete nicht – Gott bewahre –, dass Christus ein Sünder war, Seine Absicht war vielmehr, den Mann, den Er ansprach, Demut, Milde, Sanftmut und Bescheidenheit zu lehren. Diese gesegneten Seelen sind Licht, und Licht verträgt sich nicht mit Dunkelheit. Sie sind ewiges Leben, und Leben ist nicht mit Tod vereinbar. Sie sind Führung, und Führung kann nicht mit Eigensinn zusammengebracht werden. Sie sind das wahre Wesen des Gehorsams, und Gehorsam kann nicht mit Auflehnung Hand in Hand gehen.
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Kurz, damit ist gemeint, dass die in den Heiligen Schriften niedergeschriebenen Vorhaltungen, auch wenn sie sich äußerlich an die Propheten – die Manifestationen Gottes – richten, in Wirklichkeit für das Volk bestimmt sind. Wenn du die Bibel liest, wird dies klar und deutlich werden.
Kapitel 45Die Größte Unfehlbarkeit
45:1
In dem gesegneten Vers wird gesagt: »Er, der Aufgangsort der Sache Gottes, hat keinen Teilhaber an der Größten Unfehlbarkeit. Im Reiche der Schöpfung ist Er die Manifestation des ›Er tut, was immer Er will‹. Gott hat Seinem Selbst diese Auszeichnung vorbehalten und niemandem einen Anteil an dieser hehren, überragenden Stufe zuerkannt.«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas – Das Heiligste Buch 47A
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Wisse, dass es zwei Arten von Unfehlbarkeit gibt: Unfehlbarkeit dem Wesen nach und Unfehlbarkeit als Attribut. Das Gleiche gilt für alle anderen Namen und Attribute: So gibt es zum Beispiel das Wissen um das Wesen einer Sache und das Wissen um ihre Eigenschaften. Unfehlbarkeit des Wesens ist den allumfassenden Manifestationen Gottes vorbehalten; denn Unfehlbarkeit ist ihr notwendiges Wesensmerkmal, wobei das Wesensmerkmal einer Sache untrennbar mit der Sache selbst verbunden ist. Die Strahlen sind ein notwendiges Wesensmerkmal der Sonne und untrennbar mit ihr verbunden; Wissen ist ein notwendiges Wesensmerkmal Gottes und untrennbar mit Ihm verbunden; Macht ist ein notwendiges Wesensmerkmal Gottes und ebenso untrennbar mit Ihm verbunden. Wäre es möglich, all dies von Ihm zu trennen, so wäre Er nicht Gott. Wenn die Strahlen von der Sonne getrennt werden könnten, wäre es nicht die Sonne. Würde man sich also vorstellen, die Größte Unfehlbarkeit wäre von der allumfassenden Manifestation Gottes getrennt, so wäre Er keine allumfassende Manifestation und Ihm würde die wesenseigene Vollkommenheit fehlen.
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Unfehlbarkeit als Attribut ist jedoch kein notwendiges Wesensmerkmal; sie ist vielmehr ein Strahl der Gabe der Unfehlbarkeit, der von der Sonne der Wahrheit ausgeht, bestimmte Herzen erleuchtet und einen Anteil daran gewährt. Obwohl diese Seelen dem Wesen nach nicht unfehlbar sind, stehen sie unter der Obhut, dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes – das heißt, Gott bewahrt sie vor Irrtum. Und so gab es viele heilige Seelen, die nicht selbst Tagesanbruch der Größten Unfehlbarkeit waren, aber dennoch unter dem Schatten der Fürsorge und des Schutzes Gottes behütet und vor Irrtum bewahrt wurden. Sie waren nämlich zwischen Gott und Mensch die Kanäle für Seine Gunst, und wenn Gott sie nicht vor Irrtum bewahrt hätte, dann hätten sie alle Gläubigen ebenfalls in die Irre geleitet und damit die Grundlage der Religion Gottes völlig untergraben, was Seiner erhabenen Wirklichkeit unangemessen und unwürdig gewesen wäre.
45:4
Um zusammenzufassen: Die wesenhafte Unfehlbarkeit ist den allumfassenden Manifestationen Gottes vorbehalten, während die Unfehlbarkeit als Attribut geheiligten Seelen verliehen wird. Das Universale Haus der Gerechtigkeit zum Beispiel, wenn es unter den erforderlichen Bedingungen errichtet wird – das heißt, wenn es von der gesamten Gemeinde gewählt wird – dieses Haus der Gerechtigkeit wird unter dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes stehen. Sollte dieses Haus der Gerechtigkeit einstimmig oder durch Stimmenmehrheit in einer Angelegenheit entscheiden, die nicht ausdrücklich im Buche verzeichnet ist, wird dieser Beschluss und diese Verfügung vor Irrtum bewahrt sein. Nun sind die Mitglieder des Hauses der Gerechtigkeit als Individuen nicht wesenhaft unfehlbar, aber die Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit steht unter dem Schutz und der unfehlbaren Führung Gottes: Dies wird als verliehene Unfehlbarkeit bezeichnet.
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Kurz, Bahá’u’lláh sagt: »Er, der Aufgangsort der Sache Gottes« ist die Manifestation des »Er tut, was immer Er will«, diese Stufe ist jenem geheiligten Wesen vorbehalten, und niemand anderes hat an dieser wesenhaften Vollkommenheit einen Anteil. Da die wesenhafte Unfehlbarkeit der allumfassenden Manifestationen Gottes erwiesen ist, stimmt somit alles, was von Ihnen ausgeht, mit der Wahrheit überein und entspricht der Wirklichkeit. Sie stehen nicht im Schatten der vorhergehenden Religion. Was auch immer Sie sagen, ist das, was Gott sagt, und was auch immer Sie tun, ist eine gerechte Tat, und kein Gläubiger hat das Recht zu widersprechen; er muss in dieser Hinsicht vielmehr uneingeschränkte Ergebenheit zeigen, denn die Manifestation Gottes handelt mit vollendeter Weisheit, und der Verstand der Menschen mag unfähig sein, die verborgene Weisheit in bestimmten Dingen zu erfassen. Aus diesem Grund ist alles, was die allumfassende Manifestation sagt und tut, der Inbegriff der Weisheit und stimmt mit der Wirklichkeit überein.
45:6
Nun, falls gewisse Menschen die Geheimnisse, die in einem bestimmten Befehl oder einer Handlung des Einen Wahren verborgen sind, nicht erfassen können, sollten sie keinen Einwand erheben, denn der allumfassende Offenbarer Gottes »tut, was immer Er will«. Wie oft ist es schon geschehen, dass ein kluger, fähiger und scharfsinniger Mensch einen Weg eingeschlagen hat, und diejenigen, die die Weisheit dahinter nicht begreifen konnten, Einwände erhoben und in Frage stellten, warum er so handelte oder sich so äußerte. Dieser Vorbehalt entspringt der Unwissenheit, wohingegen die Weisheit dieses Weisen frei und geheiligt von Irrtum ist.
45:7
In gleicher Weise tut ein qualifizierter Arzt »was immer er will«, wenn er den Patienten behandelt, und letzterer hat kein Recht zu widersprechen. Was der Arzt auch sagen oder tun mag, es ist fundiert und zutreffend und alle müssen ihn ansehen als den Inbegriff des »Er tut, was immer Er will und verordnet, was immer Ihm beliebt.« Der Arzt wird zweifellos Heilmittel verschreiben, die nicht den gängigen Auffassungen entsprechen, aber ist es zulässig, dass diejenigen, die keine Kenntnisse der Wissenschaft und Medizin haben, sich dagegen wenden? Nein, bei Gott! Im Gegenteil, alle müssen sich damit zufrieden geben und dem folgen, was immer der qualifizierte Arzt verordnet. Der qualifizierte Arzt »tut, was er will«, und die Patienten haben keinen Anteil an dieser Stufe. Zuerst muss die Qualifizierung des Arztes sichergestellt werden, und sobald dies erfolgt ist, »tut er, was er will«.
45:8
Ebenso wird ein General, der die Kriegskunst beherrscht wie kein Zweiter, in allem, was er sagt oder befiehlt, »tun, was immer er will«, und Gleiches gilt für den Kapitän, der die Seefahrt beherrscht, und für den Wahren Erzieher, dem alle menschliche Vollkommenheit zu eigen ist: Sie tun, was immer sie wollen, in allem, was sie äußern und anordnen.
45:9
»Er tut, was immer Er will« bedeutet zusammengefasst: Wenn der Offenbarer Gottes einen Befehl erteilt, ein Gesetz erlässt oder etwas tut, dessen Weisheit Seine Anhänger nicht begreifen können, dürfen sie auch nicht für einen Moment daran denken, Seine Worte oder Sein Handeln in Frage zu stellen. Alle stehen im Schatten der allumfassenden Manifestation, müssen sich der Autorität der Religion Gottes unterwerfen und dürfen nicht um Haaresbreite davon abweichen. Vielmehr müssen sie all ihr Tun und Handeln mit der Religion Gottes in Einklang bringen, und sollten sie davon abweichen, werden sie zurechtgewiesen und müssen vor Gott Rechenschaft ablegen. Klar ist, dass sie keinen Anteil haben an der Stufe des »Er tut, was Er will«, denn sie ist auf die allumfassende Manifestation Gottes beschränkt.
45:10
So war Christus – möge meine Seele ein Opfer für Ihn sein! – die Verkörperung der Worte »Er tut, was immer Er will«, Seine Schüler hatten jedoch keinen Anteil an dieser Stufe, denn sie standen in Seinem Schatten und es war ihnen nicht erlaubt, von Seinem Willen und Befehl abzuweichen.
Teil 4 – Über den Ursprung, die Kräfte und die Seinsweisen des MenschenKapitel 46Die Evolution und die wahre Natur des Menschen
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Wir kommen nun zu der Frage nach der Veränderung der Arten und der evolutionären Entwicklung der Organe, ob also der Mensch aus dem Tierreich hervorgegangen ist.Das Wort ›Naw‘‹, das hier und in den folgenden Kapiteln als ›Art‹ übersetzt wird, hat eine Reihe von Bedeutungen, darunter ›Art‹, ›Gattung‹ und ›Spezies‹. ‘Abdu’l-Bahá verwendet das Wort nicht in der modernen biologischen Bedeutung, sondern in der Bedeutung unveränderlicher archetypischer Formen.A
46:2
Im Denken einiger europäischer Philosophen ist diese Vorstellung fest verankert, und es ist sehr schwierig, die Fehleinschätzung begreiflich zu machen. In Zukunft wird es jedoch klar und deutlich werden, und die europäischen Philosophen werden es selbst erkennen. Denn es handelt sich wirklich um einen offenkundigen Irrtum. Wer die Schöpfung eingehend untersucht, wer die Feinheiten alles Erschaffenen erfasst und den Zustand, die Ordnung und die Vollendung der Welt des Seins erkennt, der wird von der Wahrheit überzeugt sein, dass »es nichts Wundersameres in der Schöpfung gibt, als das, was bereits existiert«In einer Tafel schreibt Bahá’u’lláh diese Worte Hermes zu.A. Denn alles, was besteht, sei es auf Erden oder im Himmel, selbst dieses grenzenlose Firmament mit allem, was darin enthalten ist, wurde aufs Trefflichste erschaffen, gestaltet, zusammengesetzt, angeordnet und vollendet und weist keinerlei Makel auf. Das ist so zutreffend, dass selbst wenn alle Geschöpfe zu reiner Intelligenz würden und bis zum Ende, das kein Ende hat, darüber nachdächten – so könnten sie sich doch nichts Besseres vorstellen als das, was bereits existiert.
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Hätte es der Schöpfung in der Vergangenheit jedoch an solcher Vollständigkeit und Ausstattung gefehlt, und hätte sie sich in einem niederen Zustand befunden, dann wäre das Dasein notwendigerweise unzulänglich, unvollkommen und damit unvollständig gewesen. Dieses Thema erfordert größte Aufmerksamkeit und tiefes Nachdenken. Stellen wir uns zum Beispiel vor, die gesamte bedingte Welt – die Welt des Seins – würde dem Körper des Menschen entsprechen. Wären die Zusammensetzung, die Anordnung, die Vollständigkeit, die Schönheit und die Vollkommenheit, die jetzt im menschlichen Körper existieren, in irgendeiner Weise anders, wäre das Ergebnis reine Unvollkommenheit.
46:4
Wenn wir uns also eine Zeit vorstellen würden, in der der Mensch zum Tierreich gehörte, das heißt, als er nur ein Tier war, so wäre das Dasein unvollkommen gewesen. Das bedeutet, es hätte keinen Menschen gegeben, und dieser Hauptbestandteil, der für den Körper der Welt wie der Verstand und das Gehirn für den Menschen ist, hätte gefehlt, und die Welt wäre somit gänzlich unvollkommen gewesen. Das genügt als Beweis dafür, dass, wenn der Mensch zu irgendeiner Zeit zum Tierreich gehört hätte, die Vollständigkeit des Daseins zerstört gewesen wäre, denn der Mensch ist der Hauptbestandteil des Weltenkörpers und ein Körper ohne sein Hauptbestandteil ist zweifellos unvollkommen. Wir betrachten den Menschen als Hauptbestandteil, weil er unter allen erschaffenen Dingen alle Vollkommenheit des Daseins umfasst.
46:5
Was hier mit ›Mensch‹ gemeint ist, ist der vollständige Mensch, das vortrefflichste Wesen in der Welt, das alle geistige und materielle Vollkommenheit in sich vereint und unter allen erschaffenen Dingen wie die Sonne ist. Nun stell dir eine Zeit vor, in der die Sonne nicht als solche existierte, mit anderen Worten, eine Zeit, als die Sonne nur ein weiterer Himmelskörper war. Zu einer solchen Zeit hätte es zwischen den bestehenden Dingen zweifellos keine Verbindung gegeben. Wie wäre so etwas vorstellbar? Sollte jemand die Welt des Seins sorgfältig untersuchen, würde ihm allein dieses Argument genügen.
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Wir wollen noch einen scharfsinnigeren Beweis liefern: Die unzähligen erschaffenen Dinge in der Welt des Seins – seien es Menschen, Tiere, Pflanzen oder Mineralien – müssen alle aus Elementen zusammengesetzt sein. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Vollständigkeit jedes einzelnen Wesens durch göttliche Schöpfung entsteht und zwar aus den jeweiligen Bestandteilen, ihrer entsprechenden Kombination, ihrer passenden Abmessung, der Art ihrer Zusammensetzung und dem Einfluss durch andere erschaffene Dinge. Denn alle Wesen sind wie eine Kette miteinander verbunden, und gegenseitige Hilfe, Unterstützung und Zusammenarbeit gehören zu ihren ureigenen Eigenschaften und sind die Ursache für ihre Entstehung, ihre Entwicklung und ihr Wachstum. Zahlreiche Beweise und Argumente belegen, dass alles und jedes direkt oder über eine Kausalkette auf alles andere wirkt und es beeinflusst. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vollständigkeit von allem und jedem – also die Vollständigkeit, die jetzt im Menschen oder in anderen Wesen in Bezug auf ihre Organe, Gliedmaßen und Kräfte zu sehen ist – sich aus ihren Bestandteilen, Mengen und Abmessungen, der Art und Weise ihrer Zusammensetzung und der Wechselwirkung durch Handeln, Interaktion und Einflussnahme ergibt. Wenn all dies zusammenkommt, tritt der Mensch ins Dasein.
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Da die Vollständigkeit des Menschen ganz von den Bestandteilen, ihren Abmessungen, ihrer Art der Zusammensetzung und der Wechselwirkung mit anderen Wesen herrührt – und da der Mensch vor zehn- oder hunderttausend Jahren aus denselben irdischen Elementen, mit denselben Abmessungen und Mengen, derselben Art der Zusammensetzung und Kombination und denselben Wechselwirkungen mit anderen Wesen hervorgebracht wurde –, folgt daraus, dass der Mensch genau so war, wie er heute existiert. Das ist eine offensichtliche Wahrheit, sie kann nicht bezweifelt werden. Wenn daher in tausend Millionen Jahren die Bestandteile des Menschen zusammengeführt, nach den gleichen Verhältnissen bemessen, in gleicher Weise kombiniert und der gleichen Wechselwirkung mit anderen Wesen unterworfen werden, tritt genau derselbe Mensch ins Dasein. Wenn man zum Beispiel in hunderttausend Jahren Öl, Flamme, Docht, Lampe und ein Streichholz zusammenbringen würde – kurz, wenn alles, was jetzt benötigt wird, auch dann zusammenkäme – würde genau die gleiche Lampe entstehen.
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