‘Abdu’l-Bahá | Beantwortete Fragen
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59:3
Wisse, dass es zwei Arten von Wissen gibt: das Wissen um das Wesen von etwas und das Wissen um dessen Eigenschaften. Das Wesen von etwas lässt sich nur durch seine Eigenschaften erkennen; darüber hinaus ist sein Wesen unbekannt und unergründlich.
59:4
Da sogar unser Wissen um die erschaffenen und begrenzten Dinge nur ihre Eigenschaften und nicht ihr Wesen berührt, wie sollte es dann möglich sein, das Wesen der unumschränkten Wirklichkeit des Göttlichen zu begreifen? Denn das innerste Wesen von etwas kann niemals erkannt werden, nur seine Eigenschaften. Zum Beispiel ist die innere Wirklichkeit der Sonne unbekannt, aber sie wird durch ihre Eigenschaften – Hitze und Licht – verstanden. Das innere Wesen des Menschen ist unbekannt und unergründet, aber es wird durch seine Eigenschaften charakterisiert und erkannt. So wird alles durch seine Eigenschaften und nicht durch sein Wesen erkannt: Auch wenn der menschliche Verstand alles umfasst und alle äußeren Dinge begreift, so sind sie doch in ihrem Wesen unbekannt und können nur in ihren Eigenschaften erkannt werden. Wie kann dann der Herr, der immer war und immer sein wird, der über alles Begreifen und über jede Vorstellung geheiligt ist, in Seinem Wesen erkannt werden? Wenn also alles Erschaffene nur durch seine Eigenschaften und nicht durch sein Wesen erkannt werden kann, bleibt auch die Wirklichkeit des Göttlichen im Wesen unbekannt und wird nur hinsichtlich ihrer Eigenschaften erkannt.
59:5
Wie kann darüber hinaus eine Wirklichkeit, die erschaffen wurde, jene Wirklichkeit umfassen, die schon seit aller Ewigkeit existiert? Denn Begreifen ist das Ergebnis des Umfassens – Letzteres muss geschehen, damit Ersteres eintritt –, das göttliche Wesen hingegen ist allumfassend und kann niemals umfasst werden.
59:6
Überdies verhindern Stufenunterschiede in der Welt der Schöpfung die Erkenntnis. Weil zum Beispiel dieses Mineral zum Mineralreich gehört, kann es, soweit es auch emporsteigen mag, niemals die Wachstumskraft begreifen. Pflanzen und Bäume, wie weit sie sich auch entwickeln mögen, können sich weder die Sehkraft noch die übrigen Sinneskräfte vorstellen. Das Tier kann sich die Stufe des Menschen, das heißt seine Geisteskräfte, nicht vorstellen. So verhindern Stufenunterschiede die Erkenntnis: Die niedrigere Stufe kann die höhere nicht erfassen. Wie sollte dann eine erschaffene Wirklichkeit jene Wirklichkeit begreifen können, die seit aller Ewigkeit existiert?
59:7
Gott zu erkennen bedeutet daher, Seine Attribute, nicht aber Sein Wesen zu begreifen und zu erkennen. Und selbst diese Erkenntnis Seiner Attribute bleibt völlig unzulänglich und reicht nur so weit, wie es menschliche Möglichkeiten und Fähigkeiten zulassen. In der Philosophie geht es darum, die innere Wirklichkeit von Dingen soweit zu erfassen, wie es dem Menschen möglich ist. Für die erschaffene Wirklichkeit gibt es keinen anderen Weg, als die präexistenten Attribute innerhalb der Grenzen menschlicher Fassungskraft zu begreifen. Das unsichtbare Reich des Göttlichen ist geheiligt und erhaben über das Begreifen aller Wesen, und alles, was man sich vorstellen kann, entspricht nur dem menschlichen Verständnis. Die Kraft menschlichen Verstehens umfasst nicht die Wirklichkeit des göttlichen Wesens: Alles, was der Mensch je erreichen kann, ist die Attribute des Göttlichen zu erfassen, deren Licht sich in der Welt und in den Seelen glänzend manifestiert.
59:8
Bei genauer Betrachtung der Welt und der Seele des Menschen erscheinen die deutlichen Zeichen der Vollkommenheit des Göttlichen klar und offenbar, denn die Wirklichkeit aller Dinge zeugt von der Existenz einer allumfassenden Wirklichkeit. Die Wirklichkeit des Göttlichen gleicht der Sonne, die von ihren geheiligten Höhen auf alle Lande scheint und von deren Strahlen jedes Land und jede Seele einen Anteil erhält. Ohne dieses Licht und dieses Strahlen könnte nichts existieren. Alles Erschaffene kündet von diesem Licht, bekommt seinen Anteil an den Strahlen, aber die ganze Pracht der Vollkommenheit, der Gnadengaben und der Attribute des Göttlichen erstrahlt aus der Wirklichkeit des Vollkommenen Menschen, jener einzigartigen Person, die die allumfassende Manifestation Gottes ist. Denn alle anderen Wesen haben jeder für sich nur einen Teil jenes Lichtes empfangen, die allumfassende Manifestation Gottes hingegen ist der Spiegel, der vor diese Sonne gehalten wird und Letztere zeigt sich darin mit all ihrer Vollkommenheit, mit all ihren Eigenschaften, Zeichen und Wirkungen.
59:9
Die Erkenntnis der Wirklichkeit des Göttlichen ist in keiner Weise möglich, die Erkenntnis der Manifestationen Gottes hingegen ist die Erkenntnis Gottes, denn die Gnadengaben, der Strahlenglanz und die Eigenschaften Gottes sind in Ihnen offenbar. Wer also zur Erkenntnis der Manifestationen Gottes gelangt, gelangt zur Erkenntnis Gottes, und wer achtlos bleibt, beraubt sich dieser Erkenntnis. Somit steht fest, dass die Heiligen Manifestationen himmlische Gaben, Zeichen und jegliche Vollkommenheit in sich vereinigen. Gesegnet sind, die das Licht göttlicher Gnadengaben von diesen leuchtenden Sonnenaufgängen empfangen!
59:10
Wir hegen die Hoffnung, dass die Geliebten Gottes wie eine magnetische Kraft diese Gaben direkt aus ihrer Quelle schöpfen und sich so strahlend erheben und einen solchen Einfluss üben, dass sie zu unübersehbaren Zeichen der Sonne der Wahrheit werden.
Kapitel 60Die Unsterblichkeit des Geistes (1)
60:1
Nachdem die Existenz des menschlichen GeistesVergleiche: Kapitel 48A feststeht, sollten wir nun seine Unsterblichkeit nachweisen.
60:2
In den himmlischen Büchern wird die Unsterblichkeit des Geistes erwähnt, die wahre Grundlage göttlicher Religionen. Denn es wird gesagt, dass es zwei Arten von Lohn und Strafe gebe – zum einen Lohn und Strafe im Dasein und zum anderen Lohn und Strafe in der nächsten Welt. Das Paradies und die Hölle des Daseins ist in allen Welten Gottes zu finden, ob in dieser Welt oder in den himmlischen Welten des Geistes, und den Lohn zu bekommen bedeutet das ewige Leben zu erlangen. Deshalb sagte Christus: Handelt so, dass ihr ewiges Leben erlangt, aus Wasser und Geist geboren werdet und so in das Königreich eintretet.Vergleiche: Johannes 3:5A
60:3
Den Lohn des Daseins bilden Tugenden und Vollkommenheit, die Zierde der menschlichen Wirklichkeit. Zum Beispiel war der Mensch in Dunkelheit gehüllt und wird erleuchtet; er war unwissend und erlangt Wissen; er war achtlos und wird achtsam; er schlief und ist erwacht; er war tot und ist zum Leben erweckt; er war blind und wird sehend; er war taub und wird hörend; er war irdisch und wird himmlisch; er war materialistisch und wird geistig. Durch diesen Lohn wird er im Geist wiedergeboren, wird neu erschaffen und er wird zur Manifestation des Verses im Evangelium, in dem es heißt, dass die Apostel »nicht aus Blut, aus Fleisch oder aus dem Willen des Menschen geboren wurden, sondern aus Gott«Vergleiche: Johannes 1:13A – das bedeutet, sie wurden befreit von den tierischen Eigenschaften und Merkmalen, die der menschlichen Natur innewohnen, und erlangten himmlische Eigenschaften, die der Gnade Gottes entströmen. Dies ist die wahre Bedeutung der Wiedergeburt. Für solche Seelen gibt es keine größere Qual, als wie durch Schleier von Gott getrennt zu sein, und keine schmerzlichere Strafe als selbstsüchtige und böse Eigenschaften, niedrige Gesinnung und Verstrickung in fleischliche Begierden. Wenn diese Seelen durch das Licht des Glaubens aus der Dunkelheit dieser Laster befreit werden, wenn sie durch die Strahlen der Sonne der Wahrheit erleuchtet und mit jeder menschlichen Tugend begabt sind, betrachten sie dies als höchsten Lohn und als das wahre Paradies. In gleicher Weise betrachten sie es als geistige Strafe, das heißt existenzielle Qual und Pein, sollten sie der Welt der Natur unterworfen sein; wie durch Schleier von Gott getrennt; unwissend und unachtsam; ungezügelten Begierden verhaftet; ganz in tierischen Lastern aufgehend; von bösen Eigenschaften wie Tyrannei und Ungerechtigkeit gekennzeichnet; weltlichen Dingen verhaftet und in satanische Vorstellungen eingetaucht – all dies schätzen sie als die größte aller Qualen und Strafen ein.
60:4
Der höchste Lohn, das ewige Leben, ist in allen heiligen Schriften ausdrücklich verzeichnet. Er ist himmlische Vollkommenheit, ewige Gnade und immerwährende Freude. Der höchste Lohn sind die Gaben und die Vollkommenheit, die der Mensch in den geistigen Welten erlangt, nachdem er diese Welt verlassen hat. Der Lohn im Diesseits indessen sind jene wahren und strahlenden vollkommenen Eigenschaften, die noch zu Lebzeiten erlangt werden und die Ursache ewigen Lebens sind. Denn der Lohn im Diesseits besteht im Fortschritt des Daseins selbst – vergleichbar mit dem Fortschritt des Menschen von der Stufe des Embryos zur Reife, wenn er zur Verkörperung des Verses wird: »Gepriesen sei der Herr, der vortrefflichste aller Schöpfer!«Qur’án 23:14A Der höchste Lohn sind geistige Gnaden und Gunstbezeigungen, wie die vielfältigen Gaben für die Seele nach ihrem Aufstieg ins Königreich Gottes, die Erfüllung der Herzenssehnsucht und die Wiedervereinigung mit Ihm im ewigen Reich. In gleicher Weise besteht Vergeltung und Strafe in der nächsten Welt darin, der besonderen Gunstbezeigungen und unerschöpflichen Gaben Gottes beraubt zu sein und auf die niedrigsten Stufen des Daseins herabzusinken. Und wer dieser Gnadengaben beraubt ist, gilt in den Augen des Volkes der Wahrheit als tot, auch wenn er nach dem Tode weiter existiert.
60:5
Ein Vernunftbeweis für die Unsterblichkeit des Geistes ist, dass etwas nicht Existentes keine Wirkung hervorbringen kann; das heißt es ist unmöglich, dass aus dem absoluten Nichts irgendeine Wirkung hervorgeht. Denn die Wirkung einer Sache ist seiner Existenz untergeordnet; und das Untergeordnete hängt von der Existenz des Übergeordneten ab. So können von einer nicht existenten Sonne keine Strahlen ausgehen; auf einem nicht existenten Meer können keine Wellen wogen; aus einer nicht existenten Wolke kann kein Regen fallen; ein nicht existenter Baum kann keine Frucht tragen; ein nicht existenter Mensch kann nichts hervorbringen. Solange also die Wirkungen der Existenz sichtbar sind, beweisen sie, dass der Urheber dieser Wirkung existiert.
60:6
Sieh, wie die Herrschaft Christi bis zum heutigen Tage besteht. Wie kann eine so bedeutende Herrschaft von einem nicht existenten Herrscher herrühren? Wie können sich hohe Wogen aus einem nicht existenten Meer erheben? Wie können solch himmlische Brisen aus einem nicht existenten Garten herüberwehen? Bedenke: Zerfällt etwas in seine Bestandteile und löst sich die Zusammensetzung seiner Elemente auf – seien es Mineralien, Pflanzen oder Tiere –, so verschwindet jede Wirkung, jeder Einfluss und jede Spur davon. Das ist jedoch ganz anders mit dem menschlichen Geist und der menschlichen Wirklichkeit, die weiterhin ihre Zeichen offenbaren, Einfluss üben und Wirkung zeigen – auch nach der Auflösung und Zersetzung der verschiedenen Teile und Glieder des Körpers.
60:7
Diese Frage ist sehr tiefgründig: Denke sorgfältig darüber nach. Dies ist ein rationaler Beweis, wir bringen ihn vor, damit rational denkende Menschen ihn auf der Waage der Vernunft und Unparteilichkeit prüfen können. Wenn aber der Geist des Menschen von Freude erfüllt und zum Königreich hingezogen ist, wenn sich das innere Auge öffnet, das geistige Ohr sich einstimmt und wenn geistige Empfindungen vorherrschen, dann wird die Unsterblichkeit des Geistes so deutlich erkennbar sein wie die Sonne und die himmlischen Botschaften und Andeutungen werden diesen Geist erfüllen.
60:8
Morgen werden wir weitere Beweise anführen.
Kapitel 61Die Unsterblichkeit des Geistes (2)
61:1
Gestern haben wir über die Unsterblichkeit des Geistes gesprochen. Wisse, dass es für den menschlichen Geist zwei Wege gibt, wahrzunehmen und Einfluss zu üben; das heißt, der menschliche Geist kann auf zweierlei Art wirken und verstehen. Eine Art nutzt die Mittel und Organe des Körpers. So sieht er mit dem Auge, hört mit dem Ohr und spricht mit der Zunge. Dies sind Wirkungen des Geistes und Vorgänge in der menschlichen Wirklichkeit, aber sie erfolgen durch körperliche Mittel. So ist es der Geist, der sieht, aber mit Hilfe des Auges; es ist der Geist, der hört, aber durch das Ohr; es ist der Geist, der spricht, aber mittels der Zunge.
61:2
Die andere Art, wie der Geist wirkt und Einfluss übt, erfolgt ohne diese körperlichen Mittel und Organe. Zum Beispiel sieht er im Schlaf ohne Augen, hört ohne Ohren, spricht ohne Zunge, läuft ohne Füße – kurz gesagt, alle diese Kräfte wirken ohne körperliche Mittel und Organe. Wie oft kommt es vor, dass der Geist in der Welt des Schlafes einen Traum hat, dessen Inhalt zwei Jahre später genau eintritt! Und wie oft kommt es vor, dass der Geist in der Traumwelt ein Problem löst, das er im wachen Zustand nicht lösen konnte. Im Wachzustand sieht das Auge nur über eine kurze Entfernung, aber in der Traumwelt kann jemand, der sich im Osten befindet, den Westen sehen. Im Wachzustand sieht er nur die Gegenwart; im Schlaf nimmt er die Zukunft wahr. Im Wachzustand reist er nicht schneller als 120 Kilometer pro Stunde; im Schlaf durchquert er in einem Augenblick den Osten und den Westen. Denn der Geist hat zwei Möglichkeiten zu reisen: ohne Hilfsmittel als geistige Reise und mit Hilfsmitteln als körperliche Reise – so wie wenn ein Vogel fliegt oder in einem Fahrzeug transportiert wird.
61:3
Im Schlaf ist dieser physische Körper gleichsam tot. Er sieht nicht, hört nicht, fühlt nicht und hat weder Bewusstsein noch Wahrnehmung – seine Kräfte sind aufgehoben. Aber der Geist ist nicht nur lebendig und beständig, sondern er übt auch einen größeren Einfluss aus, erhebt sich in erhabenere Höhen und besitzt ein tieferes Verständnis. Anzunehmen, dass der Geist beim Tod des Körpers zugrunde ginge, ist wie die Vorstellung, dass ein in einem Käfig eingesperrter Vogel umkäme, wenn der Käfig zerbräche, obwohl der Vogel vom Zerbrechen des Käfigs nichts zu befürchten hat. Dieser Körper ist dem Käfig und der Geist dem Vogel vergleichbar. Wir beobachten, dass der Vogel ohne seinen Käfig frei durch die Welt des Schlafes fliegt. Sollte der Käfig zerbrochen werden, würde der Vogel nicht nur weiterleben, sondern seine Sinne würden geschärft, seine Wahrnehmung würde erweitert und seine Freude würde intensiver werden. In der Tat würde er einen qualvollen Ort verlassen um in ein herrliches Paradies einzutreten; denn für die dankbaren Vögel gibt es kein größeres Paradies als von ihrem Käfig befreit zu sein. Und so kommt es, dass die Märtyrer das Feld des Opfers frohlockend und in höchster Freude betreten.
61:4
Im Wachzustand sieht das Auge des Menschen höchstens bis zu einer Entfernung von einer Wegstunde, denn der Einfluss des Geistes reicht mit körperlichen Mitteln nur so weit; aber mit dem Auge des Verstandes und der Vorstellungskraft sieht er Amerika, versteht dieses Land, erfährt von seinem Zustand und ordnet die Dinge dementsprechend. Wäre der Geist mit dem Körper identisch, so könnte seine Sehkraft nicht weiter reichen. Somit liegt auf der Hand, dass der Geist vom Körper verschieden ist, dass der Vogel vom Käfig verschieden ist und dass Kraft und Einfluss des Geistes ohne die Vermittlung des Körpers ausgeprägter sind. Wenn nun das Mittel nicht mehr gebraucht wird, bleibt sein Anwender weiter bestehen. Wenn der Stift beispielsweise nicht benutzt wird oder zerbrochen ist, bleibt der Schriftsteller dennoch gesund und lebendig; und wenn ein Haus zerstört wird, lebt sein Besitzer weiter. Dies ist einer der Vernunftbeweise für die Unsterblichkeit der Seele.
61:5
Ein weiterer Beweis ist folgender: Der Körper des Menschen kann schwach oder stark, krank oder gesund, müde oder ausgeruht sein; er kann eine Hand oder ein Bein verlieren; seine körperlichen Kräfte können nachlassen; er kann blind, taub, stumm oder bewegungsunfähig werden – kurz gesagt, er kann schwer beeinträchtigt sein. Trotzdem behält der Geist seinen ursprünglichen Zustand und seine geistigen Wahrnehmungen bei und erleidet keine Beeinträchtigung oder Störung. Wenn der Körper jedoch von einer schweren Krankheit oder einem großen Unglück heimgesucht wird, ist er der Segnungen des Geistes beraubt, wie ein Spiegel, der zerbrochen oder mit Staub bedeckt das Licht der Sonne nicht mehr reflektieren und ihre Gaben nicht mehr offenbaren kann.
61:6
Wir haben bereits erklärt, dass der Geist des Menschen nicht im Körper enthalten ist, denn er ist befreit und geheiligt über Eintritt und Austritt, die zu den Kennzeichen des physischen Körpers gehören. Die Verbindung des Geistes mit dem Körper ist vielmehr wie die der Sonne mit dem Spiegel. Kurz gesagt, der menschliche Geist bleibt immer im selben Zustand. Er erkrankt weder an der Krankheit des Körpers, noch gesundet er durch seine Gesundheit; er wird nicht schwach und unfähig, elend oder niedergeschlagen, gemindert oder eingeschränkt – das bedeutet, er erleidet keinen Schaden und keine Krankheit aufgrund der Gebrechen des Körpers, selbst wenn der Körper verkümmert, wenn Hände, Füße und Zunge abgetrennt wären oder wenn das Seh- und Hörvermögen beeinträchtigt wäre. So ist klar und erwiesen, dass der Geist sich vom Körper unterscheidet und dass seine Unsterblichkeit nicht von der Unsterblichkeit des Körpers abhängt, sondern dass der Geist in der Welt des Körpers die Oberherrschaft hat und seine Kraft und sein Einfluss so deutlich sichtbar sind wie die Freigebigkeit der Sonne in einem Spiegel. Doch wenn der Spiegel mit Staub bedeckt oder zerbrochen ist, bleiben ihm die Sonnenstrahlen vorenthalten.
Kapitel 62Die grenzenlose Vervollkommnung des Daseins und der Fortschritt der Seele in der nächsten Welt
62:1
Wisse, dass die Stufen des Daseins beschränkt sind auf die Stufe des Dienstes, des Prophetentums und des Göttlichen. Aber die Vollkommenheit Gottes und die Vervollkommnung der Schöpfung sind grenzenlos. Wenn du den Sachverhalt sorgfältig untersuchst wirst du feststellen, dass es für das Dasein selbst in seiner rein äußerlichen Form keine Grenze der Vervollkommnung gibt; denn es ist unmöglich etwas Erschaffenes zu finden, das man sich nicht noch vollkommener vorstellen könnte. So wird man im Mineralreich keinen Rubin, im Pflanzenreich keine Rose und im Tierreich keine Nachtigall finden, von denen man sich nicht noch bessere Exemplare vorstellen könnte.
62:2
Ebenso wie die Gnade Gottes grenzenlos ist, sind auch die Möglichkeiten zur Vervollkommnung des Menschen grenzenlos. Wenn es möglich wäre, dass irgendetwas in seiner Wirklichkeit den Gipfel der Vollkommenheit erreichte, dann würde es von Gott unabhängig werden und die Wirklichkeit des bedingten Seins würde die Stufe der Wirklichkeit des notwendigen Seins erreichen. Aber jedem erschaffenen Ding wurde eine Stufe zugewiesen, die es nicht überschreiten kann. Wer also die Stufe des Dienens einnimmt, kann niemals die Stufe der göttlichen Herrschaft erreichen, wie weit er auch fortschreiten und welche unendliche Vollkommenheit er auch erwerben mag. Dasselbe gilt für alle anderen erschaffenen Dinge. Wie weit ein Mineral auch fortschreiten mag, kann es im Mineralreich doch niemals die Kraft des Wachstums erlangen. Wie weit diese Blume auch fortschreiten mag, kann sich im Pflanzenreich an ihr doch niemals die Kraft der Sinne zeigen. So kann dieses Stück Silber niemals Seh- oder Hörvermögen erlangen; es kann höchstens auf seiner eigenen Stufe fortschreiten und ein vollkommenes Mineral werden, aber es kann weder Wachstums- noch Sinneskraft erlangen und niemals lebendig werden: es kann nur auf seiner eigenen Stufe fortschreiten.
62:3
Zum Beispiel kann Petrus nicht Christus werden. Er kann allenfalls auf der Stufe der Dienstbarkeit unendliche Vollkommenheit erreichen, denn jede existierende Wirklichkeit ist zum Fortschritt fähig. Da der Geist des Menschen ewig weiterlebt, nachdem er diese ursprüngliche Hülle abgelegt hat, ist er wie alles Erschaffene zweifellos in der Lage, Fortschritte zu machen. Und deshalb kann man für den Fortschritt einer dahingeschiedenen Seele beten, dass ihr vergeben werde und sie die Gunst, die Gaben und die Gnade Gottes empfangen möge. Deshalb wird in den Gebeten Bahá’u’lláhs die Vergebung und Verzeihung Gottes für jene erfleht, die in die nächste Welt aufgestiegen sind. Mehr noch, so wie die Menschen Gott in dieser Welt brauchen, brauchen sie Ihn auch in der nächsten Welt. Die Geschöpfe sind immer bedürftig und Gott ist immer unabhängig von ihnen, ob in dieser oder in der künftigen Welt.
62:4
Der Reichtum in der nächsten Welt besteht in der Nähe zu Gott. Es ist daher gewiss, dass diejenigen, die der göttlichen Schwelle nahe sind, Fürbitte einlegen dürfen, und dass diese Fürbitte von Gott angenommen wird. Die Fürbitte in der nächsten Welt hat jedoch keine Ähnlichkeit mit der Fürbitte in dieser Welt. Es ist ein völlig anderer Zustand und eine andere Wirklichkeit, die sich nicht in Worte fassen lassen.
62:5
Sollte sich ein reicher Mann dazu entschließen, einen Teil seines Vermögens nach seinem Tod an die Armen und Bedürftigen zu vererben, wird diese Tat vielleicht göttliche Vergebung und Verzeihung bewirken und zu seinem Fortschritt im Königreich des Allbarmherzigen führen.
62:6
In gleicher Weise ertragen Eltern für ihre Kinder größte Mühen und Schwierigkeiten, und oft gehen die Eltern in die jenseitige Welt ein, wenn die Kinder herangewachsen sind. Nur selten erfreuen sich Mutter und Vater in dieser Welt des Lohns für all die Mühen und Schwierigkeiten, die sie für ihre Kinder auf sich genommen haben. Die Kinder müssen daher als Dank für diese Mühen und Schwierigkeiten Spenden für wohltätige Zwecke leisten und gute Werke in ihrem Namen vollbringen und um Verzeihung und Vergebung für ihre Seelen bitten. Du solltest daher als Dank für die Liebe und Güte Deines Vaters in seinem Namen freigebig zu den Armen sein und mit äußerster Demut und aus tiefster Seele um Gottes Verzeihung und Vergebung und um Seine unendliche Barmherzigkeit beten.‘Abdu’l-Bahá wendet sich hier direkt an Laura Clifford Barney, deren Vater 1902 verstorben war.A
62:7
Es ist sogar möglich, dass diejenigen, die in Sünde und Unglauben gestorben sind, verwandelt werden, das heißt, zum Gegenstand göttlicher Vergebung werden. Das geschieht durch die Gnade Gottes und nicht durch Seine Gerechtigkeit, denn es ist Gnade, jemanden zu beschenken, der es nicht verdient hat, und es ist Gerechtigkeit, nach Verdienst zu geben. So wie wir hier die Kraft haben, für diese Seelen zu beten, werden wir auch in der nächsten Welt, der Welt des Königreichs, die gleiche Kraft besitzen. Sind nicht alle Geschöpfe jener Welt von Gott erschaffen? Daher müssen sie auch in jener Welt Fortschritte machen können. Und so wie sie hier durch ernsthaftes Flehen Erleuchtung suchen können, können sie auch dort um Vergebung bitten und durch demütiges Gebet nach Erleuchtung suchen. So wie die Seelen in dieser Welt durch ihr eigenes Bitten und Flehen und durch die Gebete heiliger Seelen voranschreiten können, so können sie auch nach dem Tod durch ihre eigenen Gebete und inständiges Flehen voranschreiten, insbesondere wenn sie Gegenstand der Fürbitte der heiligen Manifestationen werden.
Kapitel 63Der Fortschritt aller Dinge auf ihrer eigenen Stufe
63:1
Wisse, dass nichts, was existiert, in einem Zustand der Ruhe verharrt – das heißt, alle Dinge bleiben in Bewegung. Sie wachsen oder verfallen, kommen entweder vom Nichtsein ins Dasein oder gehen vom Dasein ins Nichtsein. So ist diese Blume, diese Hyazinthe, für eine gewisse Zeit vom Nichtsein ins Dasein getreten und geht jetzt wieder vom Dasein ins Nichtsein. Dies nennt man notwendige oder naturgegebene Bewegung, die nicht von den erschaffenen Dingen getrennt werden kann, denn sie ist ein unverzichtbares Wesensmerkmal, genau wie es ein unverzichtbares Wesensmerkmal des Feuers ist zu brennen.
63:2
Daher ist erwiesen, dass Bewegung, sei es als Fortschritt oder Rückschritt, für das Dasein unerlässlich ist. Da nun der menschliche Geist nach dem Tod weiterlebt, muss er entweder Fortschritte oder Rückschritte machen, und in der nächsten Welt ist das Fehlen von Fortschritt dasselbe wie Rückschritt. Aber der menschliche Geist verlässt niemals seine eigene Stufe: Er schreitet nur auf seiner Stufe voran. Zum Beispiel werden der Geist und die Wirklichkeit Petri, soweit sie auch voranschreiten mögen, niemals die Stufe der Wirklichkeit Christi erreichen, sondern werden nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen voranschreiten.
63:3
So siehst du, dass dieses Mineral, wie sehr es sich auch fortentwickeln mag, nur auf seiner eigenen Stufe fortschreitet; du kannst zum Beispiel das Kristall unmöglich in einen Zustand bringen, in dem es Sehkraft erlangt. Oder der Mond: Wie auch immer er sich entwickeln mag, kann er doch niemals zur strahlenden Sonne werden, seine Erdferne und seine Erdnähe werden immer innerhalb der Grenzen seiner eigenen Stufe bleiben. Und wie weit die Apostel fortgeschritten sein mögen, sie können doch nie Christus werden. Es ist wahr, dass Kohle zu einem Diamant werden kann, aber beide stehen auf der Stufe des Minerals und ihre Bestandteile sind gleich.
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