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74:2Den Sinnen zugängliche Wirklichkeiten sind solche, die von den fünf äußeren Sinnen wahrgenommen werden. So werden beispielsweise äußere Objekte, die das Auge sieht, als mit den Sinnen wahrnehmbar bezeichnet. Intelligible Wirklichkeiten sind solche, die kein äußeres Dasein haben, jedoch mit dem Verstand wahrgenommen werden. Der Verstand selbst ist zum Beispiel eine intelligible Wirklichkeit ohne äußere Existenz. Ebenso sind alle menschlichen Tugenden und Eigenschaften intelligibel und nicht greifbar. Das heißt, sie sind Wirklichkeiten, die mit dem Verstand und nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden.74:3Kurz, geistig erfassbare Wirklichkeiten wie lobenswerte und vollkommene Eigenschaften des Menschen sind ausschließlich gut und existieren wirklich. Das Böse ist einfach deren Nichtvorhandensein. So ist Unwissenheit der Mangel an Wissen, Irrtum der Mangel an Führung, Vergesslichkeit der Mangel an Erinnerung, Torheit der Mangel an Verständnis. All dies für sich genommen ist nichtig und hat keine wirkliche Existenz.74:4Auch für die den Sinnen zugänglichen Wirklichkeiten gilt: Sie sind gänzlich gut, und schlecht ist lediglich ihr Nichtvorhandensein; das heißt, Blindheit ist der Mangel an Sehvermögen, Taubheit der Mangel an Hörvermögen, Armut der Mangel an Reichtum, Krankheit der Mangel an Gesundheit, Tod das Fehlen des Lebens und Schwäche der Mangel an Kraft.74:5Hier regt sich ein Zweifel: Skorpione und Schlangen sind giftig – ist das gut oder schlecht, da sie doch wirklich existieren? Ja, es ist wahr, dass Skorpione und Schlangen böse sind, aber nur im Verhältnis zu uns und nicht zu sich selbst, denn ihr Gift ist ihre Waffe und mit ihrem Stich verteidigen sie sich. Aber da die Zusammensetzung ihres Giftes sich nicht mit unserem Körper verträgt, da also die jeweiligen Bestandteile gegeneinander wirken, ist das Gift böse oder vielmehr sind die Bestandteile in ihrer Wechselwirkung böse, während sie in ihrer eigenen Wirklichkeit jeweils gut sind.74:6Zusammenfassend kann man sagen, dass etwas im Verhältnis zu etwas anderem böse sein kann, aber nicht böse innerhalb der Grenzen seines eigenen Seins. Daraus folgt, dass es das Böse nicht gibt: Was auch immer Gott erschaffen hat, hat Er gut erschaffen. Das Böse besteht lediglich im Nichtvorhandensein. Zum Beispiel ist der Tod die Abwesenheit von Leben: Wenn ein Mensch nicht länger durch seine Lebenskraft erhalten wird, dann stirbt er. Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht: Wenn es kein Licht mehr gibt, herrscht Dunkelheit. Licht ist etwas, was wirklich existiert, aber Dunkelheit existiert nicht wirklich; sie ist nur die Abwesenheit von Licht. Ebenso ist Reichtum etwas, was wirklich existiert, Armut jedoch ist lediglich dessen Abwesenheit.74:7Damit ist offensichtlich, dass alles Böse bloßes Nichtsein ist. Das Gute ist wirklich existent, Böses ist lediglich dessen Abwesenheit.Kapitel 75Zweierlei Arten von Qual75:1Wisse, dass es zweierlei Arten von Qual gibt, unterschwellige und spürbare Qual. Zum Beispiel ist Unwissenheit selbst schon eine Qual, aber sie ist eine unterschwellige Qual; Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist eine Qual; Falschheit ist eine Qual; Ungerechtigkeit und Verrat sind Qualen. Tatsächlich sind alle menschlichen Unvollkommenheiten Qualen, aber es sind subtile Qualen. Eine Person, die mit Einsicht begabt ist, wird sich sicherlich lieber töten lassen, als zu sündigen, und sie lässt sich eher die Zunge herausschneiden, als zu verleumden und zu lügen.75:2Die andere Art der Qual ist körperlich spürbar und besteht aus physischen Strafen wie Inhaftierung, Prügel, Vertreibung und Verbannung. Die größte aller Qualen für das Volk Gottes ist aber, wie durch Schleier von Ihm getrennt zu sein.Kapitel 76Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes76:1Wisse, Gerechtigkeit bedeutet einem jeden zu geben, was ihm gebührt. Wenn zum Beispiel ein Arbeiter von morgens bis abends arbeitet, so fordert es die Gerechtigkeit, dass er seinen Lohn erhält, während Großmut bedeutet, ihn zu belohnen, auch wenn er keine Arbeit geleistet und keine Anstrengung unternommen hat. Wenn du einem Armen, der keine Anstrengung unternommen hat und nichts zu deinem Wohle beigetragen hat, ein unverdientes Almosen gibst, dann ist das Großmut. So bat Christus um Vergebung für die, die für seinen Tod verantwortlich waren: Das ist Großmut.76:2Darüber hinaus wird die Frage, ob Dinge vortrefflich oder schändlich sind, entweder durch die Vernunft oder durch religiöses Gesetz bestimmt. Für manche beruht sie auf dem religiösen Gesetz, so etwa bei den Juden, die glauben, dass alle Gebote der Thora verbindlich sind und es sich dabei um religiöses Gesetz handelt und nicht um eine Frage der Vernunft. So sagen sie, dass eines der Gebote der Thora ist, dass Fleisch und Butter nicht zusammen gegessen werden dürfen, denn das wäre ›trefah‹ (und ›trefah‹ bedeutet auf Hebräisch unrein, während ›koscher‹ rein bedeutet). Das, so sagen sie, sei eine Frage des religiösen Gesetzes und nicht der Vernunft.76:3Aber die geistig gesinnten Philosophen sind der Meinung, dass Vortrefflichkeit und Schändlichkeit sowohl von der Vernunft als auch vom religiösen Gesetz abhängen. Auf Vernunft beruht etwa das Verbot von Mord, Diebstahl, Verrat, Falschheit, Heuchelei und Ungerechtigkeit: Jeder vernünftige Mensch kann begreifen, dass diese Dinge alle abscheulich und verwerflich sind. Wenn du einen Mann nur mit einem Dorn stichst, wird er vor Schmerz aufschreien: Wie gut muss er da nachvollziehen können, dass Mord aller Vernunft nach abscheulich und verwerflich ist. Und sollte er ein solches Verbrechen begehen, würde er dafür zur Rechenschaft gezogen werden, ob die prophetische Botschaft ihn erreicht hat oder nicht, denn die Vernunft selbst erkennt den verwerflichen Charakter dieser Tat. Wenn also eine solche Person derart schändliche Taten begeht, wird sie mit Sicherheit zur Verantwortung gezogen.76:4Aber wenn die prophetischen Anordnungen einen Ort nicht erreicht haben und die Menschen infolgedessen nicht in Übereinstimmung mit den göttlichen Lehren handeln, dann werden sie nach religiösem Gesetz nicht zur Rechenschaft gezogen. Zum Beispiel hat Christus angeordnet, dass man Grausamkeit mit Güte begegnen sollte. Wenn eine Person nichts von dieser Anordnung weiß und instinktiv reagiert, wenn sie also auf eine Verletzung mit einer Gegenverletzung reagiert, dann wird sie nach den Gesetzen der Religion nicht zur Verantwortung gezogen, denn diese göttliche Verfügung ist ihr nicht übermittelt worden. Obwohl ein solcher Mensch keine göttliche Großmut und Gunst verdient, wird Gott mit ihm dennoch nach Seiner Barmherzigkeit verfahren und ihm Vergebung gewähren.76:5Rache ist jedoch auch der Vernunft nach verwerflich, denn sie nutzt dem Rächer nichts. Wenn ein Mann einen anderen schlägt und das Opfer sich entschließt Rache zu nehmen, indem es den Schlag erwidert, welchen Vorteil bringt ihm das? Wird das ein Balsam für seine Wunde oder ein Mittel gegen seine Schmerzen sein? Nein, Gott bewahre! Beide Taten sind in Wirklichkeit gleich: Beide sind Verletzungen; der einzige Unterschied ist, dass die eine der anderen vorausging. Wenn also das Opfer vergibt, oder besser noch, wenn es genau das Gegenteil tut, ist dies lobenswert.76:6Was das Staatswesen betrifft, so wird der Angreifer bestraft, aber nicht, um Rache zu üben. Der Zweck dieser Bestrafung besteht vielmehr darin, abzuschrecken und Ungerechtigkeit und Aggression zu bekämpfen, damit andere davon abgehalten werden, ihre Hand ebenfalls in Unterdrückung auszustrecken. Aber wenn das Opfer sich entscheidet zu vergeben und stattdessen größte Barmherzigkeit zu zeigen, dann findet dies vor Gott die höchste Anerkennung.Kapitel 77Die Bestrafung von Kriminellen77:1Frage: Soll ein Krimineller bestraft werden, oder sollte man ihm vergeben und sein Verbrechen ignorieren?77:2Antwort: Es gibt zwei Arten von Strafmaßnahmen: Die eine ist Rache und Vergeltung, die andere Bestrafung und Wiedergutmachung. Ein Individuum hat kein Recht auf Rache, aber der Staat hat das Recht, den Verbrecher zu bestrafen. Diese Bestrafung soll andere abschrecken und davon abhalten, ähnliche Verbrechen zu begehen. Sie dient zur Wahrung der Rechte des Menschen und stellt keine Rache dar, denn Rache ist die innere Genugtuung, die daraus resultiert, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Das ist nicht zulässig, da niemand das Recht hat Rache zu üben. Wenn jedoch Verbrecher völlig sich selbst überlassen blieben, würde die Ordnung der Welt aus den Fugen geraten. Während also die Bestrafung eines der unverzichtbaren Erfordernisse des Staatswesens ist, hat der Geschädigte kein Anrecht darauf, Rache zu üben. Im Gegenteil, er sollte Vergebung und Großmut zeigen, denn das ist der Menschenwelt angemessen.77:3Der Staat muss jedoch Unterdrücker, Mörder und Angreifer bestrafen, um andere abzuschrecken und davon abzuhalten, ähnliche Verbrechen zu begehen. Aber das Wesentliche ist, die Massen so zu erziehen, dass von vornherein keine Verbrechen begangen werden; denn Menschen können so erzogen werden, dass sie gänzlich vor jedem Verbrechen zurückschrecken und das Verbrechen selbst als die größte Strafe und die schlimmste Qual und Bestrafung ansieht. So würden von vornherein keine Straftaten verübt, die diese Bestrafungen nach sich ziehen.77:4Aber lasst uns nur von dem sprechen, was in der Welt durchführbar ist. Es gibt in der Tat eine Fülle von hohen Idealen und Vorstellungen, die sich nicht verwirklichen lassen. Deshalb müssen wir uns auf das Machbare beschränken.77:5Wenn zum Beispiel jemand einem anderen Unrecht zufügt, ihn verletzt und angreift, und dieser sich in gleicher Weise revanchiert, ist das Rache und tadelnswert. Wenn Peter den Sohn von Paul tötet, so hat Paul kein Recht, den Sohn von Peter zu töten. Wenn er das tun würde, wäre es ein Akt der Rache und höchst verwerflich. Vielmehr muss er genau anders herum handeln, Vergebung zeigen und, wenn möglich, sogar bereit sein, seinem Angreifer Unterstützung zu gewähren. Das ist wirklich das, was des Menschen würdig ist; denn welchen Nutzen bietet die Rache? Beide Taten sind ein und dasselbe: Wenn die eine verwerflich ist, ist es auch die andere. Der einzige Unterschied ist, dass die eine der anderen vorausging.77:6Aber der Staat hat das Recht für Schutz und Sicherheit zu sorgen. Er hegt keinen Groll gegen den Mörder, steht ihm nicht feindselig gegenüber, sondern will ihn einzig und allein zum Schutz anderer inhaftieren oder bestrafen. Die Absicht ist nicht Rache zu üben, sondern eine Strafe zu verhängen, durch die die Gesellschaft geschützt wird. Denn sollten andernfalls sowohl die Erben des Opfers als auch die Gesellschaft Vergebung gewähren und das Böse mit Gutem vergelten, würden die Übeltäter niemals ihre Angriffe einstellen, und ständig würde der nächste Mord begangen werden – nein, blutrünstige Menschen würden wie Wölfe die Herde Gottes völlig vernichten. Der Staat verfolgt keine böse Absicht, wenn er eine Strafe verhängt; er handelt unvoreingenommen und will keine Rachegelüste befriedigen. Seine Absicht bei der Verhängung der Strafe ist, andere zu schützen und zu verhindern, dass zukünftig solche verwerflichen Taten verübt werden.77:7Als Christus also sagte: »Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar«Vergleiche: Matthäus 5:39A, war das Ziel, die Menschen zu erziehen, und nicht etwa, einem Wolf zu helfen, der über eine Schafherde herfällt und sie alle verschlingen will. Nein, wenn Christus gewusst hätte, dass ein Wolf in die Herde eingedrungen wäre und die Schafe töten wollte, hätte er es zweifellos verhindert.77:8So wie Vergebung zu den Attributen der Barmherzigkeit Gottes gehört, so ist die Gerechtigkeit eines der Attribute Seiner Herrschaft. Der Baldachin des Daseins ruht auf dem Pfeiler der Gerechtigkeit, nicht der Vergebung, und das Leben der Menschheit hängt von der Gerechtigkeit und nicht von der Vergebung ab. Würde also von nun an in allen Ländern ein Straferlass gelten, so würde sehr bald die ganze Welt in Unordnung geraten und die Grundlagen menschlichen Lebens würden zerstört. Wenn desgleichen die Mächte Europas dem berüchtigten Attila nicht widerstanden hätten, hätte er keinen einzigen Menschen am Leben gelassen.77:9Manche Menschen sind wie blutrünstige Wölfe: Bräuchten sie keine Bestrafung zu befürchten, würden sie andere allein zum Vergnügen und zur Unterhaltung töten. Einer der Tyrannen von Persien tötete seinen Lehrer nur zum Vergnügen. Mutawakkil, der berühmte abbasidische Kalif, rief seine Minister, Abgeordneten und Treuhänder zu sich, ließ eine Kiste voller Skorpione unter ihnen frei, verbot allen, sich zu bewegen und brach dann in lautes Gelächter aus, sobald einer von ihnen gestochen wurde.77:10Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das ordnungsgemäße Funktionieren des Staates von Gerechtigkeit und nicht von Vergebung abhängt. Christus meinte also mit Vergebung und Großmut nicht, dass ihr euch – falls eine andere Nation euch überfällt, eure Häuser niederbrennt, euren Besitz plündert, sich an euren Frauen, Kindern und Verwandten vergeht und eure Ehre verletzt – diesem tyrannischen Heer unterwerfen und ihnen jede Art von Ungerechtigkeit und Unterdrückung gestatten müsst. Vielmehr beziehen sich die Worte Christi auf den persönlichen Umgang zweier Personen und besagen, dass bei einem Angriff von einer Person auf eine andere der Geschädigte dem anderen vergeben sollte. Der Staat hingegen muss die Rechte der Menschen schützen. Sollte mich also jemand angreifen, verletzen, unterdrücken und verwunden, so würde ich mich ihm in keinster Weise widersetzen, sondern ihm vergeben. Aber wenn hier jemand Siyyid ManshádíEin Bahá’í, der mit am Tisch saß.A angreifen wollte, würde ich ihn natürlich davon abhalten. Obwohl die Nichteinmischung dem Angreifer als Freundlichkeit erscheinen würde, wäre sie Manshádí gegenüber die reinste Grausamkeit. Wenn also in diesem Moment ein wilder Araber mit gezücktem Schwert den Raum beträte, mit der Absicht dich anzugreifen, zu verletzen oder zu töten, würde ich ihn natürlich daran hindern. Würde ich dich diesem Mann überlassen, wäre das Grausamkeit, und keine Gerechtigkeit. Aber wenn er mir persönlich etwas antun würde, würde ich ihm verzeihen.77:11Ein letzter Punkt: Der Staatsapparat befasst sich tagtäglich mit der Ausarbeitung von Strafgesetzen und der Bestimmung von Mitteln und Wegen zur Bestrafung. Es werden Gefängnisse gebaut, Ketten und Fesseln angeschafft und Orte vorgesehen für Exil und Verbannung, für Pein und Härte, um dadurch den Verbrecher zu läutern, obwohl es in Wirklichkeit nur dazu führt, dass die Moral sich verschlechtert und der Charakter zerrüttet wird. Das Staatswesen sollte stattdessen Tag und Nacht mit allen Mitteln für eine gute Erziehung der Menschen sorgen, damit sie täglich Fortschritte machen, in Wissenschaft und Gelehrsamkeit vorankommen, lobenswerte Tugenden und Verhaltensweisen erwerben und jede Gewalttätigkeit aufgeben, sodass es erst gar nicht zu Verbrechen kommt. Gegenwärtig herrscht das Gegenteil vor: Der Staat ist unentwegt darauf bedacht, die Strafgesetze zu verschärfen, für Mittel zur Bestrafung, Züchtigung und Hinrichtung zu sorgen und Gefängnisse und Verbannungsorte bereitzustellen, um dann darauf zu warten, dass Verbrechen begangen werden. Das hat einen äußerst schädlichen Einfluss.77:12Gäbe es aber Bildung und Erziehung für alle, sodass Wissen und Gelehrsamkeit von Tag zu Tag zunähmen, das Verständnis erweitert, die Sichtweisen verfeinert, Sitten und Gebräuche erneuert würden – mit einem Wort, dass Fortschritte auf jeder Stufe der Vollkommenheit gemacht würden – dann würde das Verbrechensaufkommen nachlassen.77:13Die Erfahrung zeigt, dass Kriminalität bei zivilisierten Völkern weniger verbreitet ist – also bei denen, die wahre Zivilisation erreicht haben. Und wahre Zivilisation ist göttliche Zivilisation, die Zivilisation derer, die materielle und geistige Vollkommenheit in sich vereinen. Da die Wurzel der Kriminalität in der Unwissenheit liegt, gilt: Je weiter Wissen und Gelehrsamkeit entwickelt sind, desto weniger Verbrechen werden begangen. Denke an die gesetzlosen Stämme Afrikas: Wie oft töten sie sich gegenseitig und verzehren sogar Fleisch und Blut des anderen! Warum kommen solche Grausamkeiten nicht in der Schweiz vor? Der Grund liegt eindeutig in Erziehung, Bildung und Tugend.77:14Deshalb muss der Staat versuchen, Verbrechen von vornherein zu verhindern, anstatt harte Strafmaßnahmen zu ersinnen.Kapitel 78Streiks78:1Du fragst nach Streiks. Im Zusammenhang mit diesem Thema hat es schon große Schwierigkeiten gegeben und das wird auch weiterhin so bleiben. Es gibt zwei Gründe für diese Schwierigkeiten: Der eine liegt in der maßlosen Geldgier und Habsucht der Fabrikbesitzer, der andere liegt in den übertriebenen Forderungen, der Geldgier und Unnachgiebigkeit der Arbeiter. Deshalb muss man sich mit beidem befassen.78:2Nun, die Grundursache für diese Schwierigkeiten liegt in dem Gesetz der Natur, das die heutige Zivilisation beherrscht, denn das führt dazu, dass eine Handvoll Menschen riesige Vermögen anhäufen, die weit über ihre Bedürfnisse hinausgehen, während die große Mehrheit mittellos, notleidend und hilflos bleibt. Dies steht im Widerspruch zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Redlichkeit; es ist der Gipfel der Ungerechtigkeit und läuft dem Wohlgefallen des Allbarmherzigen zuwider.78:3Dieses Missverhältnis ist auf das Menschengeschlecht begrenzt: Unter anderen Geschöpfen, das heißt unter Tieren, herrscht eine gewisse Gerechtigkeit und Gleichheit. So gibt es Gleichheit innerhalb einer Schafherde, oder innerhalb einer Herde von Hirschen in der Wildnis, oder unter den Singvögeln, die in den Bergen, Ebenen und Gärten leben. Die Tiere jeder Art genießen ein gewisses Maß an Gleichheit und unterscheiden sich in ihrer Lebensweise nicht wesentlich voneinander; daher leben sie in vollkommener Ruhe und Zufriedenheit.78:4Ganz anders steht es um die Menschheit, wo größte Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu finden sind. So kannst du einerseits beobachten, wie ein Einzelner, der ein Vermögen angehäuft hat, ein ganzes Land zu seiner persönlichen Kolonie machte, immensen Reichtum erwarb und für einen ununterbrochenen Fluss von Gewinnen und Profiten sorgte, und andererseits, wie hunderttausend hilflose Menschen, schwach und machtlos, nach einem Bissen Brot schmachten. Hier gibt es weder Gleichheit noch Nächstenliebe. Sieh, wie dadurch der allgemeine Friede und das Glück so zerstört wurden und das Wohlergehen der Menschheit so beeinträchtigt wurde, dass das Leben eines Großteils der Menschen sinnlos geworden ist! Denn all der Reichtum, die Macht, der Handel und die Industrie befinden sich in den Händen einiger weniger Menschen, während alle anderen unter der Last endloser Entbehrungen und Schwierigkeiten leiden, aller Vorteile und Vergünstigungen, jeder Annehmlichkeit und Zufriedenheit beraubt sind. Es müssen daher solche Gesetze und Vorschriften erlassen werden, die das übermäßige Vermögen von Wenigen begrenzen und die Grundversorgung der unzähligen Millionen von Armen gewährleisten, um einen gewissen Ausgleich zu erreichen.
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