‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
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149
149:1
O du, der du Augen hast zu sehen! Was du erlebt hast, ist die reine Wahrheit und gehört ins Reich der geistigen Schau.
149:2
Der Duft ist mit der Knospe eng verbunden und verschmolzen; sobald die Knospe sich öffnet, verbreitet sich ihr süßer Geruch weithin. Das Kraut ist nicht ohne Frucht, auch wenn es so scheint; denn in diesem Gottesgarten übt jede Pflanze ihren Einfluss aus, jede hat ihre Sonderheiten, jede kann es sogar mit der lachenden, hundertblättrigen Rose aufnehmen, wenn sie mit ihrem Duft die Sinne erfreut. Sei dessen gewiss! Wenngleich die Buchseiten nichts von den Worten und Bedeutungen auf ihnen wissen, werden sie doch wegen ihrer Verbindung mit diesen Worten von den Freunden ehrfürchtig von Hand zu Hand gereicht. Diese Verbindung ist überdies die reinste Gnadengabe.
149:3
Schwingt sich die Seele aus diesem vergänglichen Haufen Staub empor, erhebt sie sich in die Welt Gottes, dann fallen die Schleier ab, alle Wahrheiten treten ans Licht, alles Unbekannte wird klar, und verborgene Einsichten werden verstanden.
149:4
Bedenke, wie ein Wesen in der Welt des Mutterleibes taube Ohren, blinde Augen und eine stumme Zunge hat, wie es jeglicher Wahrnehmung beraubt ist. Doch sobald es aus jener dunklen Welt in diese Welt des Lichtes tritt, sehen seine Augen, hören seine Ohren und spricht seine Zunge. So wird es auch, wenn es von diesem sterblichen Ort in das Reich Gottes eilt, im Geiste wiedergeboren. Dann öffnet sich seiner Wahrnehmung Auge, seiner Seele Ohr horcht auf, und alle ihm bisher unbekannten Wahrheiten werden offenkundig.
149:5
Ein aufmerksamer Reisender wird sich seiner Entdeckungen unterwegs sicher wieder erinnern, es sei denn, er hätte einen Unfall, der seine Erinnerung auslöscht.
150
150:1
O Magd, entflammt im Feuer der Liebe Gottes! Gräme dich weder über die Misslichkeiten und die Not dieser niederen Welt noch freue dich in Zeiten ruhigen Behagens; denn beides wird vergehen. Das gegenwärtige Leben ist wie eine auflaufende Welle, eine Fata Morgana oder ein flüchtiger Schatten. Kann ein Zerrbild in der Wüste je als erquickendes Wasser dienen? Nein, bei dem Herrn der Herren! Niemals können die Wirklichkeit und ihr bloßer Schein dasselbe sein; groß ist der Unterschied zwischen Wahn und Tatsache, zwischen der Wahrheit und ihrem Trugbild.
150:2
Wisse, dass das Reich Gottes die wirkliche Welt, diese Welt hienieden aber nur sein vorausgeworfener Schatten ist. Ein Schatten hat kein eigenes Leben; sein Vorhandensein ist nur ein Hirngespinst und nichts mehr; es sind nur Bilder, vom Wasser gespiegelt, die dem Auge als Gemälde erscheinen.
150:3
Verlasse dich auf Gott. Vertraue Ihm. Preise Ihn und gedenke Seiner ständig. Er verwandelt wahrlich Kummer in Wohlbefinden, Sorge in Trost, Mühsal in vollkommenen Frieden. Er hat wahrlich Herrschaft über alle Dinge.
150:4
Wenn du auf meine Worte hörst, löse dich von den Fesseln allen Geschehens. Nein, danke deinem liebenden Herrn in allen Lebenslagen und stelle deine Angelegenheiten Seinem Willen anheim, der bewirkt, was Ihm gefällt. Dies ist wahrlich besser für dich als alles andere in beiden Welten.
151
151:1
O du, der du an die Einzigkeit Gottes glaubst! Wisse, dass nichts der Seele nützt außer der Liebe zum Allgütigen, nichts erleuchtet das Herz außer dem Glanz, der vom Reiche des Herrn scheint.
151:2
Sage dich los von allen anderen Sorgen, lass das Vergessen die Erinnerung an alles andere überwinden. Beschränke deine Gedanken auf das, was die Menschenseele zum Paradiese himmlischer Gnade erhebt, und lasse jeden Vogel des Gottesreiches zum höchsten Horizonte fliegen, zum Mittelpunkt ewiger Ehre in dieser vergänglichen Welt.
152
152:1
Zu der Frage nach der Seele eines Mörders und nach seiner Strafe ist die Antwort, dass der Mörder sein Verbrechen sühnen muss. Das heißt, wenn man den Mörder tötet, ist sein Tod die Sühne für sein Verbrechen, und nach seinem Tod wird Gott in Seiner Gerechtigkeit ihm keine zweite Strafe auferlegen, denn die göttliche Gerechtigkeit ließe dies nicht zu.
153
153:1
O du Dienerin Gottes! An diesem Tage besteht der Dank an Gott für Seine Gnadengaben darin, ein strahlendes Herz und eine Seele zu besitzen, die den Eingebungen des Geistes offensteht. Dies ist das Wesen des Dankes.
153:2
Was die Danksagung durch Wort oder Schrift angeht, so ist sie fürwahr annehmbar, verglichen mit jenem anderen Dank aber nur unwirklicher Schein; denn wesentlich ist, was der Geist dir eingibt, die Ausstrahlungen aus der Tiefe des Herzens. Ich hoffe, dass du damit begnadet wirst.
153:3
Was des Menschen Mangel an Fähigkeiten und Verdiensten am Tag der Auferstehung anbelangt, so schließt ihn dies nicht von Gaben und Gnadenerweisen aus; denn es ist nicht der Tag der Gerechtigkeit, sondern der Tag der Gnade, während die Gerechtigkeit jedem das zuteilt, was ihm gebührt. Schaue daher nicht auf den Grad deiner Fähigkeit, sondern schaue auf die grenzenlose Gunst Bahá’u’lláhs. Allumfassend ist Seine Gnade, vollkommen Seine Güte.
153:4
Ich bitte Gott darum, dass du mit Seiner Hilfe und kraftvollen Unterstützung die tiefe Bedeutung der Thora mit Beredsamkeit, Verständnis, Nachdruck und Geschick lehrst. Wende dein Angesicht dem Reich Gottes zu, bitte um die Gaben des Heiligen Geistes, rede, und die Bestätigungen des Geistes werden sich zeigen.
153:5
Die mächtige Sonnenkugel, die du in deinem Traum sahst, war der Verheißene, ihre sich ausbreitenden Strahlen waren Seine Gnadengaben. Die lichtdurchlässige Wasseroberfläche bedeutet unbefleckte, reine Herzen, während die wogenden Wellen die große Erregung dieser Herzen und die Tatsache kennzeichnen, dass sie erschüttert und tief bewegt wurden; das heißt, die Wellen sind die Bewegungen des Geistes und die heiligen Eingebungen der Seele. Preise Gott, dass du in der Traumwelt solche Enthüllungen wahrnahmst.
153:6
Zur Bedeutung eines Menschen, der sich selbst völlig vergisst: Die Absicht ist, dass er sich erheben und sich im wahren Sinne opfern soll; das heißt, er soll die Antriebe des menschlichen Zustands auslöschen und sich solcher Merkmale entledigen, die tadelnswert sind und das trübe Dunkel dieses Erdenlebens ausmachen. Der Sinn ist nicht, seine Gesundheit zu vernachlässigen und seinen Leib zu schwächen.
153:7
Ich flehe inständig und demütig an der Heiligen Schwelle, dass deine liebe Mutter, deine lieben Schwestern und Verwandten himmlische Segnungen und göttliche Vergebung umfangen. Besonders bete ich für deinen Verlobten, der so plötzlich von dieser in die nächste Welt eilte.
154
154:1
O du Sohn des Königreiches! Deine höchst liebenswürdigen Briefe erfreuen allezeit mit ihrem gefälligen Stil unsere Herzen. Wenn das Lied vom Gottesreich handelt, frohlockt das Herz.
154:2
Preise Gott, dass du in jenes LandDeutschland.A gereist bist, Sein Wort zu erhöhen und den heiligen Duft Seines Reiches zu verbreiten, dass du als Gärtner in den Himmelsgärten dienst. Bald werden deine Anstrengungen von Erfolg gekrönt sein.
154:3
O du Sohn des Königreiches! Alles mit der Liebe Gottes Verbundene ist nützlich; ohne Seine Liebe sind alle Dinge schädlich und treten als Schleier zwischen den Menschen und den Herrn des Königreiches. Wo Seine Liebe ist, wird jede Bitternis süß und jede Gnadengabe bringt wohltuende Freude. So bringt zum Beispiel eine dem Ohr süße Melodie dem in Gott verliebten Herzen den wahren Geist des Lebens, die in sinnlichem Verlangen versunkene Seele jedoch besudelt sie mit Begierde. Jedes Wissensgebiet wird gebilligt und ist rühmenswert, wenn es mit der Liebe Gottes verbunden ist; Seiner Liebe beraubt, ist Wissen jedoch unfruchtbar – es führt fürwahr zum Wahnsinn. Jede Art von Erkenntnis, jede Wissenschaft ist wie ein Baum: Ist seine Frucht die Liebe zu Gott, so ist es ein gesegneter Baum; wo nicht, ist dieser Baum vertrocknetes Holz und nährt nur das Feuer.
154:4
O du treuer Diener Gottes, du geistiger Heiler der Menschen! Wann immer du einen Patienten behandelst, wende dein Antlitz dem Herrn des Himmelreiches zu, bitte den Heiligen Geist, dir beizustehen, und heile dann die Krankheit.
155
155:1
O du Flamme der Gottesliebe! Was du geschrieben hast, bereitete große Freude, denn dein Brief war wie ein Garten, aus dem die Rosen tiefer Bedeutungen den süßen Duft der Liebe Gottes verbreiten. So dienen meine Antworten als Regenschauer und Tau, um den geistigen Pflanzen, im Garten deines Herzens erblüht, mehr Frische und zarte Schönheit zu verleihen, als Worte ausdrücken können.
155:2
Du schriebst von schmerzlichen Prüfungen, die dich heimgesucht haben. Für die treue Seele ist eine Prüfung nur Gottes Gunst und Gnade; denn auf dem Feld des Schmerzes stürmt der Mutige freudig in die wilde Schlacht, während der Feigling vor Furcht winselt, zittert und bebt. So wird auch der tüchtige Student, der den Stoff mit großem Geschick beherrscht und seinem Gedächtnis einverleibt, den Prüfern am Tage der Prüfung froh sein Können vorführen; gediegenes Gold wird im Feuer des Münzprüfers wundersam glänzen und leuchten.
155:3
Es liegt auf der Hand, dass Prüfungen und Heimsuchungen für geheiligte Seelen nur Gottes Gunst und Gabe sind, während sie für den Schwachen ein unerwartetes, plötzlich auftretendes Unheil bedeuten.
155:4
Diese Prüfungen waschen nur, wie auch du schriebst, den Makel des Selbstes vom Spiegel des Herzens, bis die Sonne der Wahrheit ihre Strahlen darauf werfen kann; denn es gibt keinen schlimmeren Schleier als das Selbst, und wie fein dieser Schleier auch sei, wird er zuletzt einen Menschen vollständig ausschließen und ihn seines Anteils an der ewigen Gnade berauben.
155:5
O du entzückte Dienerin des Herrn! Wenn die Gläubigen, Männer wie Frauen, an meinem geistigen Auge vorüberziehen, fühle ich mich durch das Feuer der Gottesliebe erwärmt und flehe, dass der Allmächtige diesen heiligen Seelen mit Seinen unsichtbaren Heerscharen beistehe. Gepriesen sei der Herr, dass die Verheißungen all Seiner Manifestationen nun deutlich erfüllt sind an diesem größten aller Tage, in diesem heiligen, gesegneten Zeitalter!
155:6
O du entzückte Dienerin Gottes! Die Nähe ist wahrlich etwas Geistiges, nichts Leibliches; die Hilfe, nach der es uns verlangt, und die Hilfe, die kommt, ist nicht stofflicher, sondern geistiger Art. Trotzdem hoffe ich, dass du in jeder Hinsicht Nähe erlangst. Gottes Gnadengaben werden wahrlich eine geheiligte Seele umgeben, wie das Sonnenlicht den Mond und die Sterne einschließt: Sei dessen versichert.
155:7
Trage im Namen ‘Abdu’l-Bahás zu allen Gläubigen, Männern wie Frauen, den duftenden Hauch der Heiligkeit. Begeistere sie alle und bewege sie dazu, die süßen Düfte des Herrn zu verbreiten.
156
156:1
O du Diener an der Heiligen Schwelle. Wir haben gelesen, was deiner Feder entfloss in deiner Liebe zu Gott, und der Inhalt deines Briefes gefiel uns sehr. Ich hoffe, dass dich durch Gottes Güte der Hauch des Allbarmherzigen allzeit beleben und erneuern wird.
156:2
Du schriebst über die Reinkarnation. Der Glaube an die Reinkarnation geht weit zurück in die Vorgeschichte der meisten Völker; er behauptete sich sogar bei den griechischen Philosophen, den römischen Weisen, den alten Ägyptern und den großen Assyrern. Trotzdem sind dieser Aberglaube und solche Redensarten in der Sicht Gottes barer Unsinn.
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