‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
weiter nach oben ...
155:5
O du entzückte Dienerin des Herrn! Wenn die Gläubigen, Männer wie Frauen, an meinem geistigen Auge vorüberziehen, fühle ich mich durch das Feuer der Gottesliebe erwärmt und flehe, dass der Allmächtige diesen heiligen Seelen mit Seinen unsichtbaren Heerscharen beistehe. Gepriesen sei der Herr, dass die Verheißungen all Seiner Manifestationen nun deutlich erfüllt sind an diesem größten aller Tage, in diesem heiligen, gesegneten Zeitalter!
155:6
O du entzückte Dienerin Gottes! Die Nähe ist wahrlich etwas Geistiges, nichts Leibliches; die Hilfe, nach der es uns verlangt, und die Hilfe, die kommt, ist nicht stofflicher, sondern geistiger Art. Trotzdem hoffe ich, dass du in jeder Hinsicht Nähe erlangst. Gottes Gnadengaben werden wahrlich eine geheiligte Seele umgeben, wie das Sonnenlicht den Mond und die Sterne einschließt: Sei dessen versichert.
155:7
Trage im Namen ‘Abdu’l-Bahás zu allen Gläubigen, Männern wie Frauen, den duftenden Hauch der Heiligkeit. Begeistere sie alle und bewege sie dazu, die süßen Düfte des Herrn zu verbreiten.
156
156:1
O du Diener an der Heiligen Schwelle. Wir haben gelesen, was deiner Feder entfloss in deiner Liebe zu Gott, und der Inhalt deines Briefes gefiel uns sehr. Ich hoffe, dass dich durch Gottes Güte der Hauch des Allbarmherzigen allzeit beleben und erneuern wird.
156:2
Du schriebst über die Reinkarnation. Der Glaube an die Reinkarnation geht weit zurück in die Vorgeschichte der meisten Völker; er behauptete sich sogar bei den griechischen Philosophen, den römischen Weisen, den alten Ägyptern und den großen Assyrern. Trotzdem sind dieser Aberglaube und solche Redensarten in der Sicht Gottes barer Unsinn.
156:3
Das Hauptargument der Anhänger der Reinkarnation war, dass nach Gottes Gerechtigkeit jeder seinen Verdienst erhalten muss: Sooft zum Beispiel ein Mensch von einem Unheil bedrückt wird, ist dies wegen eines Unrechts, das er begangen hat. Doch nimm ein Kind, das noch im Mutterleib ist. Der Embryo sei eben erst geformt, das Kind sei blind, taub, lahm und unvollkommen – welche Sünde hat ein solches Kind begangen, dass es seine Leiden verdient? Sie antworten: Obwohl das Kind im Mutterleib äußerem Anschein nach keiner Sünde schuldig ist, hat es doch in seiner früheren Gestalt Unrecht begangen, und deshalb verdient es jetzt Strafe.
156:4
Diese Leute übersehen jedoch folgenden Punkt: Wenn die Schöpfung nur nach einer einzigen Regel voranschritte, wie könnte die allumfassende Macht sich wahrnehmbar machen? Wie könnte der Allmächtige Der sein, »der tut, was Ihm gefällt, und befiehlt, was Er will«vgl. Qur’án 3:40; 2:253.Q?
156:5
Kurz, die Heiligen Schriften sprechen von einer Wiederkehr, aber damit ist die Wiederkehr der Eigenschaften, Bedingungen, Wirkungen, Vollkommenheiten und inneren Wirklichkeiten der Geistesleuchten gemeint, die in jeder Sendung wieder auftreten. Der Hinweis bezieht sich nicht auf bestimmte Seelen und Persönlichkeiten.
156:6
Man kann zum Beispiel sagen, dass dieses Lampenlicht die Wiederkehr des Lichtes des vergangenen Abends ist oder dass die Rose des vergangenen Jahres heuer in den Garten zurückgekommen ist. Hier bezieht man sich nicht auf die individuelle Wirklichkeit, die fest umrissene Identität, das besondere Wesen jener anderen Rose, vielmehr bedeutet es, dass die Eigenschaften, die Unterscheidungsmerkmale jenes anderen Lichtes, jener anderen Blume, jetzt in diesem Licht, dieser Blume gegenwärtig sind. Die Vollkommenheiten, das heißt, die Gnadengaben eines vergangenen Frühlings sind dieses Jahr zurückgekehrt. Wir sagen zum Beispiel, diese Frucht ist die gleiche wie die des letzten Jahres; wir denken dabei aber nur an die Feinheit, Schönheit, Frische und Süße; denn offensichtlich kann der unerschütterliche Kern der Wirklichkeit, die besondere Wesenheit, niemals wiederkehren.
156:7
Welchen Frieden, welches Behagen, welche Annehmlichkeit entdeckten Gottes Heilige während ihres Verweilens in dieser niederen Welt, dass sie immerfort danach streben sollten, zurückzukommen und dieses Leben noch einmal zu führen? Genügt nicht ein einziger Blick auf diese Angst, diese Heimsuchungen, dieses Unheil, diese Schläge, diese grässlichen Schwierigkeiten? Sollten sie da eine mehrfache Rückkehr ins Erdenleben wünschen? Dieser Becher ist nicht so süß, dass man Lust hätte, ihn ein zweites Mal zu leeren.
156:8
Deshalb ersehnt, wer die Schönheit Abhá liebt, keinen anderen Trost als den, die Stufe zu erreichen, wo er Ihn im Reiche der Herrlichkeit schauen kann. Keinen anderen Pfad wandert er als den Pfad durch die Wüste der Sehnsucht nach diesen erhabenen Höhen. Er sucht das Behagen und den Trost, die immerdar bleiben; er sucht jene Gaben, die geheiligt sind über alle weltliche Gesinnung.
156:9
Wenn du dich scharfsichtigen Auges umschaust, merkst du, dass in dieser Welt des Staubes alle Menschen leiden. Hier findet kein Mensch Ruhe als Entschädigung für das, was er in früheren Leben begangen hat; auch ist hier niemand so selig, dass er vor aller Augen die Früchte vergangener Qualen pflückt. Fürwahr, wozu führte dann das Wirken und Walten der Gottheit? Wäre ein Menschenleben mit seinem geistigen Sein auf diese irdische Zeitspanne beschränkt, was wäre dann die Frucht der Schöpfung? Wäre solch eine Auffassung richtig, so wären alle erschaffenen Dinge, alle abhängigen Wirklichkeiten, ja die ganze Welt des Seins ohne jede Bedeutung. Gott behüte, dass jemand an solch einem Hirngespinst, solch einem schweren Irrtum festhält!
156:10
Wie die Wirkungen und der Nutzen des Lebens im Mutterleib nicht an jenem dunklen, engen Ort zu suchen sind, wie der Zweck und Nutzen des Wachstums und der Entwicklung in jener vorherigen Welt erst dann offenbar werden, wenn das Kind in unsere weite Welt eintritt, so werden Lohn und Strafe, Himmel und Hölle, Vergeltung und ausgleichende Gerechtigkeit für die im gegenwärtigen Leben begangenen Taten in jener anderen Welt offenbar werden. Und wie das Leben im Mutterleib, für sich genommen, ein unsinniges Leben ohne Bedeutung wäre, so wäre der gesamte Vorgang des Lebens sinnlos und töricht, trügen das Dasein in dieser Welt und die hier vollbrachten Taten nicht in der jenseitigen Welt ihre Frucht.
156:11
So wisse denn, dass Gott, der Herr, über unsichtbare Reiche gebietet, die des Menschen Verstand niemals erfassen, des Menschen Geist niemals begreifen kann. Hast du erst den Kanal deiner geistigen Wahrnehmung vom Schmutz des weltlichen Lebens gereinigt, so wirst du die süßen Düfte der Heiligkeit atmen, die aus den seligen Gemächern des Himmelreichs wehen.
156:12
Die Herrlichkeit sei mit dir und jedem, der sich dem Königreich des Allherrlichen zuwendet und es erschaut – das Reich, das der Herr geheiligt hat über das Verstehen derer, die Ihn vergessen, und das Er vor denen verbirgt, die stolz sind vor Ihm.
157
157:1
O ihr, die ihr mächtig hingezogen seid! O ihr Achtsamen! O ihr, die ihr dem Reiche Gottes nahekommt! Wahrlich, ich flehe aus vollem Herzen, mit ganzer Seele und in aller Demut zum Herrn, dass Er euch zu Zeichen der Führung mache, zu Bannern der Rechtschaffenheit, zu Quellen des Verstehens und Wissens, um durch euch die Sucher auf den geraden Pfaden zu leiten und sie auf den breiten Weg der Wahrheit in diesem mächtigsten Zeitalter zu führen.
157:2
O ihr Geliebten Gottes! Wisset, dass die Welt wie eine Fata Morgana ist, die sich über dem Sand erhebt und die der Dürstende für Wasser hält. Der Wein dieser Welt ist nur Dunst in der Wüste, ihr Mitleid und Erbarmen nur Mühe und Arbeit, alle Erholung, die sie bietet, nur Müdigkeit und Sorge. Überlasst sie denen, die ihr angehören, und wendet euer Angesicht zum Reich eures Herrn, des Allgütigen, damit Seine Gnade und Großmut ihr Morgenlicht auf euch strahle, damit eine himmlische Tafel zu euch herabgesandt werde, euer Herr euch segne und Seine Reichtümer über euch ergieße, um eure Brust zu erfreuen, euer Herz mit Wonne zu erfüllen, euren Geist hinanzuziehen, eure Seelen zu reinigen und eure Augen zu trösten.
157:3
O ihr Geliebten Gottes! Gibt es einen Geber außer Gott? Er erwählt für Seine Gnadengaben, wen immer Er will. Bald wird Er vor euch die Tore Seines Wissens öffnen und Euer Herz mit Seiner Liebe erfüllen. Er wird eure Seelen erfreuen mit den sanften Winden Seiner Heiligkeit, euer Angesicht erleuchten mit dem Glanz Seines Lichtes und das Gedenken an euch unter allen Völkern erhöhen. Euer Herr ist wahrlich der Mitleidige, der Barmherzige.
157:4
Mit unsichtbaren Heerscharen wird Er euch zu Hilfe kommen und euch mit der himmlischen Streitmacht göttlicher Eingebung unterstützen; Er wird süße Düfte aus dem höchsten Paradies auf euch herabsenden und den reinen Hauch aus dem Rosengarten der höchsten Versammlung über euch wehen lassen. Ins Herz wird Er euch den Geist des Lebens hauchen, euch einlassen in die Arche des Heils und euch Seine klaren Zeichen und Beweise offenbaren. Wahrlich, dies ist überreiche Gnade. Wahrlich, dies ist der unleugbare Sieg.
158
158:1
Trauere nicht über das Hinscheiden meines geliebten Breakwell, denn er ist aufgestiegen zu einem Rosengarten der Herrlichkeit im Paradies Abhá, beschirmt von der Barmherzigkeit seines mächtigen Herrn, und mit lauter Stimme ruft er: »O wüsste doch mein Volk, wie barmherzig mein Herr mir vergeben und mich zu denen gesellt hat, die in Seine Gegenwart gelangt sind!«vgl. Qur’án 36:26–27.Q
158:2
O mein geliebter Breakwell! Wo ist dein schönes Antlitz, wo deine beredte Zunge? Wo deine leuchtende Stirn und wo deine strahlende Schönheit?
158:3
O mein geliebter Breakwell! Wo ist dein Feuer, lodernd in Gottes Liebe? Wo deine Verzückung bei Seinem heiligen Hauch? Wo ist dein Lobpreis, den du zu Ihm erhobst? Machst du dich auf, Seiner Sache zu dienen?
158:4
O mein geliebter Breakwell! Wo sind deine strahlenden Augen, wo deine lächelnden Lippen? Wo ist deine edle Wange, wo deine anmutige Gestalt?
158:5
O mein geliebter Breakwell! Du hast diese irdische Welt verlassen, hast dich aufgeschwungen in das Gottesreich, du hast die Gnade der unsichtbaren Welt erlangt und dich geopfert an der Schwelle ihres Herrn!
158:6
O mein geliebter Breakwell! Zurückgelassen hast du die Lampe, die dein Erdenleib war, das Glas deiner Menschengestalt, deine irdischen Elemente, deine Lebensart hienieden.
158:7
O mein geliebter Breakwell! Du hast eine Flamme entfacht im Leuchter der himmlischen Heerscharen, bist eingetreten in das Paradies Abhá, hast Schutz gefunden im Schatten des Gesegneten Baumes, bist im himmlischen Hafen Ihm begegnet.
158:8
O mein geliebter Breakwell! Nun bist du ein Himmelsvogel, hast dein irdisches Nest aufgegeben, bist weggeflogen zu einem Garten der Heiligkeit im Reich deines Herrn. Du hast dich erhoben auf eine Stufe voll des Lichts.
158:9
O mein geliebter Breakwell! Dein Lied ist jetzt wie Nachtigallenschlag, üppig ergießest du Verse zum Lob der Gnade deines Herrn, der immer vergibt. Du warst ein dankbarer Diener, so gelangtest du zur seligsten Wonne.
158:10
O mein geliebter Breakwell! Wahrlich, dein Herr hat dich auserwählt für Seine Liebe, hat dich in den Hof Seiner Heiligkeit geführt, hat dich den Paradiesesgarten Seiner Gefährten betreten lassen und dich damit gesegnet, Seine Schönheit zu schauen.
158:11
O mein geliebter Breakwell! Du hast das ewige Leben erlangt, die unverbrüchliche Gnadengabe, ein Leben, das dir wohlgefällt, und Gottes Gunst die Fülle.
158:12
O mein geliebter Breakwell! Du wurdest zu einem Stern am himmlischen Firmament, zu einer Lampe unter den Engeln des Himmels. Du wurdest zu einem lebendigen Geist im erhabensten Reich, thronend in Ewigkeit.
158:13
O mein geliebter Breakwell! Ich bitte Gott, dich immer näher zu sich hinzuziehen, fest dich zu fassen, dein Herz mit der Nähe Seiner Gegenwart zu erfreuen, mit immer mehr Licht dich zu erfüllen, dir noch mehr Schönheit zu verleihen und dich mit Kraft und großer Herrlichkeit auszustatten.
158:14
O mein geliebter Breakwell! Unablässig denke ich an dich, nie werde ich dich vergessen. Tag und Nacht bete ich für dich. Deutlich, wie im hellen Sonnenlicht, stehst du vor meinen Augen.
158:15
O mein geliebter Breakwell!
159
159:1
Zu deiner Frage, ob alle Seelen ausnahmslos ewiges Leben erlangen: Wisse, dass die Unsterblichkeit den Seelen eigen ist, denen von Gott der Geist des Lebens eingehaucht ward. Alle anderen sind leblos – sie sind tot, wie Christus im Evangelium erklärt hat. Wem der Herr die Augen öffnet, der wird die Menschenseelen in dem Rang sehen, den sie nach ihrer Befreiung aus dem Leib einnehmen werden. Er wird die Lebenden in der Nähe ihres Herrn blühen sehen, die Toten versunken in den tiefsten Abgrund der Verdammnis.
159:2
Wisse, dass jede Seele nach Gottes Wesen erschaffen, jede bei der Geburt rein und heilig ist. Später jedoch unterscheiden sich die Menschen je nach den Tugenden oder Lastern, die sie in der Welt erwerben. Wenn auch alles seinem Wesen nach in Rängen oder Stufen erschaffen wird, weil die Fähigkeiten verschieden sind, wird doch jeder einzelne heilig und rein geboren, und erst hernach kann er verderbt werden.
weiter nach unten ...