‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
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208
208:1
O ihr Diener an der heiligen Schwelle! Die siegreichen Scharen der himmlischen Heere stehen in den Reichen der Höhe bereit zum Streite. Sie warten darauf, dem tapferen Ritter, der sein Streitross voll Vertrauen auf das Feld des Dienens drängt, zum sicheren Sieg zu verhelfen. Wohl dem furchtlosen Kämpen, der, gerüstet mit der Macht wahrer Erkenntnis, auf das Schlachtfeld stürmt, die Heerhaufen der Unwissenheit zerstreut und die Truppen des Irrtums auseinanderjagt, das Banner göttlicher Führung emporhält und den Fanfarenstoß des Sieges erschallen lässt. Bei der Gerechtigkeit des Herrn! Er erringt einen herrlichen Triumph und den wahren Sieg.
209
209:1
O ihr Diener der Gesegneten Schönheit! … Es ist klar, dass an diesem Tag Bestätigungen aus der unsichtbaren Welt alle jene umfangen, welche die göttliche Botschaft weitergeben. Sollte die Lehrarbeit aufhören, würden diese Bestätigungen gänzlich abgeschnitten; denn wenn sie nicht lehren, können die Geliebten Gottes keinen Beistand finden.
209:2
Unter allen Bedingungen muss die Lehrarbeit vorangetragen werden, aber es muss mit Weisheit sein. Kann die Arbeit nicht öffentlich geschehen, so lehrt privat und bewirkt auf diese Weise Geistigkeit und Bruderschaft unter den Menschenkindern. Wird beispielsweise jeder einzelne Gläubige einem gleichgültigen Menschen zum wahren Freund, indem er sich absolut rechtschaffen benimmt, mit dieser Seele Umgang pflegt, sie mit äußerster Freundlichkeit behandelt und selbst ein Beispiel gibt für die göttlichen Lehren, die guten Eigenschaften und Verhaltensmuster, die er empfangen, handelt er zu jeder Zeit in Übereinstimmung mit den Ermahnungen Gottes, so wird er sicher nach und nach Erfolg haben, diesen vormals achtlosen Menschen erwecken und seine Unwissenheit in die Erkenntnis der Wahrheit verwandeln.
209:3
Die Seelen neigen zur Entfremdung. Zuerst sollten Schritte unternommen werden, diese Entfremdung zu beseitigen; nur dann wird das Wort wirken. Wenn ein Gläubiger einem Gleichgültigen freundlich begegnet, wenn er ihm mit großer Liebe langsam zum Verständnis der Heiligen Sache und ihrer Gültigkeit verhilft, so dass er allmählich über die Grundlagen des Gottesglaubens und über die Folgerungen daraus Wissen erlangt, so wird sich dieser Mensch bestimmt verändern – ausgenommen einige selten anzutreffende Personen, die wie Asche sind, mit Herzen »hart wie Stein oder noch härter«Qur’án 2:74.Q.
209:4
Bemüht sich jeder der Freunde in dieser Weise, eine einzige Seele rechtzuleiten, so verdoppelt sich die Zahl der Gläubigen jedes Jahr. Das kann durch Klugheit und Weisheit vollbracht werden; keinerlei Schaden kann daraus entstehen.
209:5
Außerdem müssen die Lehrer umherreisen. Sollte die öffentliche Verbreitung der Botschaft zu Unruhen führen, so lasst sie stattdessen die Gläubigen anspornen und schulen, sie begeistern und entzücken, ihre Herzen erfreuen, sie beleben und mit dem süßen Duft der Heiligkeit erquicken.
210
210:1
O ihr Rosen im Garten der Liebe Gottes! O ihr strahlenden Leuchten in der Versammlung Seiner Erkenntnis! Gottes sanfter Atem wehe über euch, Gottes Herrlichkeit erleuchte den Horizont eurer Herzen! Ihr seid die Wogen der tiefen See des Wissens, ihr seid die vereinigte Streitmacht auf dem Schlachtfeld der Gewissheit, ihr seid die Sterne am Himmel göttlichen Erbarmens, ihr seid die Steine, die das Volk der Verdammnis in die Flucht schlagen, ihr seid Regenwolken göttlichen Mitleids über den Gärten des Lebens, ihr seid die unendliche Gnade der Einheit Gottes, die über die Wirklichkeiten alles Erschaffenen verströmt ward.
210:2
Auf der enthüllten Tafel dieser Welt seid ihr die Verse Seiner Einzigkeit, auf den hohen Zinnen der Paläste seid ihr die Banner des Herrn. In Seinen Lauben seid ihr die Blüten und süßduftenden Kräuter, im Rosengarten des Geistes die Nachtigallen, die ihre Klagelieder flöten. Ihr seid die Vögel, die sich aufschwingen zum Firmament der Erkenntnis, die königlichen Falken auf Gottes Arm.
210:3
Warum seid ihr da bedrückt und stumm, warum träge und schwerfällig? Ihr müsst aufleuchten wie der Blitz und donnern wie die mächtige See. Wie eine Kerze müsst ihr euer Licht verströmen, wie Gottes sanfte Brise müsst ihr über die Welt wehen. Wie süßer Duft aus himmlischen Gemächern, wie moschusschwere Winde aus den Gärten des Herrn müsst ihr die Atemluft für das Volk der Erkenntnis würzen, wie der Glanz der wahren Sonne müsst ihr der Menschheit Herz erleuchten; denn ihr seid die lebenspendenden Winde, ihr seid der Jasminduft aus den Gärten der Erlösten. So bringt den Toten Leben, erweckt die Schlummernden. Seid leuchtende Flammen im Dunkel der Welt; seid Quellen des Lebenswassers, seid göttliche Führung in der Wüste des Verderbens. Jetzt ist die Zeit des Dienens, jetzt ist die Zeit, entflammt zu sein. Erkennt den Wert dieser Gelegenheit, dieses günstigen Augenblicks, bevor er euch aus den Händen gleitet.
210:4
Bald wird unsere Handvoll Tage, unser vergängliches Leben, vorüber sein. Mit leeren Händen fahren wir in die Grube, die für die Verstummten ausgehoben wird. Deshalb müssen wir unsere Herzen an die offenbare Schönheit binden und uns klammern an die Rettungsleine, die nie versagt. Wir müssen uns zum Dienste rüsten, die Flamme der Liebe entzünden und in ihrer Glut verbrennen. Wir müssen unsere Zungen lösen, bis wir das Herz der weiten Welt in Brand setzen, mit den leuchtenden Strahlen der Führung die Heere der Nacht vertilgen und um Seinetwillen unser Leben auf dem Feld des Opfers von uns werfen.
210:5
So lasst uns die Juwelenschätze der Gotterkenntnis über alle Völker ausstreuen, mit der scharfen Klinge der Zunge, mit des Wissens zielsicheren Pfeilen lasst uns die Scharen des Selbstes und der Leidenschaft überwinden und vorwärts stürmen zur Stätte des Martyriums, dem Ort, wo wir für den Herrn sterben. Und mit fliegenden Fahnen, unter Trommelwirbel lasst uns sodann hinüberschreiten ins Reich des Allherrlichen und uns den himmlischen Heerscharen anschließen.
210:6
Wohl denen, die große Taten vollbringen!
211
211:1
Wenn die Freunde sich nicht bemühen, die Botschaft zu verbreiten, gedenken sie Gottes nicht auf angemessene Weise; sie werden die Zeichen des Beistands und der Bestätigung aus dem Reich Abhá nicht sehen und die göttlichen Geheimnisse nicht verstehen. Wenn jedoch die Zunge lehrt, wird auf natürliche Weise der Lehrer selbst angeregt; er wird zum Magneten für die göttliche Hilfe und die Gnadengaben des Königreiches. Es ergeht ihm wie dem Vogel, der zur Stunde der Morgendämmerung durch seinen eigenen Gesang, sein Trillern und sein Lied hochgestimmt wird.
212
212:1
Bei solchen Gelegenheiten nutzen die Freunde Gottes die Gunst der Stunde, sie erfassen ihre Chance, stürmen vorwärts und gewinnen den Siegespreis. Wird ihre Aufgabe auf gutes Benehmen und Ratschläge beschränkt, so kommt nichts zustande. Sie müssen frei heraus reden, die Beweise darlegen, klare Argumente vorbringen, unwiderlegbare Schlüsse ziehen und damit die Wahrheit untermauern, dass die Sonne der Wirklichkeit sich offenbart hat.
213
213:1
Unter allen Umständen sollten die Gläubigen die Lehrarbeit aktiv vorantreiben, weil die göttlichen Bestätigungen davon abhängen. Wenn sich ein Bahá’í nicht gänzlich, nachhaltig und aus vollem Herzen der Lehrarbeit widmet, bleibt er zweifelsohne des Segens aus dem Reich Abhá beraubt. Allerdings sollte diese Tätigkeit durch Weisheit gezügelt werden – nicht durch jene Weisheit, die verstummen und die hohe Pflicht vergessen lässt, vielmehr durch die Weisheit, welche göttliche Toleranz, Liebe, Güte, Geduld, guten Charakter, und geheiligte Taten darzutun gebietet. Kurz gesagt, ermutigt jeden einzelnen Freund, Gottes Sache zu lehren, und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf diese in den Schriften dargelegte Bedeutung der Weisheit; sie ist das Wesen des Lehrens. Aber all das muss mit größter Toleranz geschehen, damit die Freunde himmlischen Beistand und göttliche Bestätigung erfahren.
214
214:1
Folge dem Wege deines Herrn und sprich nicht, was die Ohren nicht ertragen können, denn solche Rede ist wie eine köstliche Speise, die man kleinen Kindern gibt. Wie wohlschmeckend, erlesen und nahrhaft die Speise auch sein mag, kann sie doch nicht von den Verdauungsorganen eines Säuglings aufgenommen werden. Daher sollte jedem, der ein Anrecht hat, das ihm bestimmte Maß gegeben werden.
214:2
»Nicht alles, was ein Mensch weiß, kann enthüllt werden, noch kann alles, was er enthüllen kann, als zeitgemäß angesehen werden, noch kann jede zeitgemäße Äußerung als tauglich für die Fassungskraft der Hörer erachtet werden.«von Bahá’u’lláh zitierte Überlieferung, vgl. Ährenlese 89:3; dazu A. Taherzadeh, Die Offenbarung Bahá’u’lláhs, I. Baghdád 1853–1863, 1981—138, S. 53 ff.Q Diese höchste Weisheit solltest du in deinem Streben beachten. Lasse sie nicht außer Acht, wenn du unter allen Umständen ein Mensch der Tat sein willst. Stelle zuerst das Leiden fest und bestimme die Krankheit, dann verschreibe das Heilmittel, denn dies ist die vollkommene Methode des fähigen Arztes.
215
215:1
Von der Gnade unseres wahren Herrn erhoffe ich, dass du befähigt werdest, Gottes Düfte unter den Volksstämmen zu verbreiten. Das ist ungemein wichtig…
215:2
Hast du in diesem Dienst Erfolg, so zeichnest du dich aus und bist im Felde der Führer.
216
216:1
Sei sicher, dass dir der Odem des Heiligen Geistes die Zunge lösen wird. Rede deshalb; rede in jeder Versammlung frei und voller Mut! Wenn du dich anschickst, deine Ansprache zu halten, dann wende dich zuerst Bahá’u’lláh zu und bitte um die Bestätigungen des Heiligen Geistes; sodann öffne deine Lippen, sprich aus, was deinem Herzen eingegeben wird, und zwar mit höchstem Mut, voll Würde und Überzeugung. Ich hoffe sehr, dass eure Versammlungen Tag für Tag wachsen und gedeihen und die Wahrheitssucher darin vernünftigen Argumenten und schlüssigen Beweisen lauschen. Mit Herz und Seele bin ich zu jedem Treffen unter euch; sei dessen gewiss.
217
217:1
Beim Lehren muss der Lehrer selbst in Flammen stehen, damit seine Rede wie ein loderndes Feuer wirkt und den Schleier selbstsüchtiger Leidenschaft verbrennt. Er muss aber auch völlig ergeben und demütig sein, damit andere erbaut werden; völlig ausgelöscht und dahingeschwunden, damit er mit dem Lied der himmlischen Heerscharen lehrt – sonst bleibt sein Lehren ohne Wirkung.
218
218:1
O ihr lieben, vertrauten Freunde ‘Abdu’l-Bahás! – Verbreitet Duft im Orient – und Strahlenglanz im Westen. – Bringt Bulgarien das Licht – und den Slawen das Leben.
218:2
Ein Jahr nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs kam dieser Vers dem Mittelpunkt des Bündnisses über die Lippen. Die Bündnisbrecher fanden ihn wunderlich und taten ihn mit Spott ab. Preis sei Gott, jetzt zeigt sich seine Wirkung, seine Kraft ist offenbar, seine Bedeutung klar; denn durch Gottes Gnade beben heute Ost und West vor Freude. Die ganze Erde duftet nach Moschus im süßen Hauch der Heiligkeit.
218:3
Die Gesegnete Schönheit hat in Seinem Buch mit unmissverständlichen Worten dieses Versprechen gegeben. »Wahrlich, von Unserem Reich der Herrlichkeit schauen Wir auf euch und werden jedem, der sich für den Sieg Unserer Sache erhebt, mit den himmlischen Heerscharen und einer Schar Unserer begünstigten Engel beistehen.«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Aqdas 1:53, in: Ährenlese 72:1.Q
218:4
Gott sei Dank! Die versprochene Hilfe wurde gewährt. Alle können es sehen, sie strahlt hell wie die Sonne am Himmel.
218:5
Deshalb, o ihr Freunde Gottes, verstärkt euer Bemühen, bietet alles auf, bis ihr in eurem Dienst für die Urewige Schönheit, das Offenbare Licht, den Sieg davontragt und bewirkt, dass sich die Sonnenstrahlen der Wahrheit überallhin verbreiten. Haucht dem erschöpften, ausgelaugten Leib der Welt den frischen Lebensodem ein und legt die heilige Saat in die Ackerfurchen aller Länder. Erhebt euch, diese Sache zu verfechten. Öffnet die Lippen und lehrt. Am Versammlungsort des Lebens seid wegweisende Kerzen; an den Himmeln dieser Welt seid funkelnde Sterne; in den Gärten der Einheit seid Singvögel des Geistes, die von tiefen Wahrheiten und Geheimnissen künden.
218:6
Verströmt euren ganzen Lebensodem für diese große Sache und widmet all eure Tage dem Dienst an Bahá, so dass ihr am Ende, sicher vor schmerzlichem Verlust, die unermesslichen Schätze des Himmelreichs erbt. Denn des Menschen Tage sind voller Gefahr; er kann sich nicht darauf verlassen, auch nur einen Augenblick weiterzuleben. Und doch erzählen sich jene, die selbst nur schwankende Trugbilder sind, dass sie am Ende die Gipfel erreichen werden. Wehe ihnen! Ihre Vorfahren hegten dieselben Einbildungen in der Brust, bis eine Welle über ihnen zusammenschlug, bis sie zum Staub zurückkehrten und sich ausgestoßen sahen in schmerzlichem Verlust – alle außer den Seelen, die sich vom eigenen Ich befreit und ihr Leben hingegeben hatten auf dem Pfade Gottes. Ihr leuchtender Stern erstrahlte am Himmel urewiger Herrlichkeit, und die Überlieferungen aller Zeiten sind Beweis für meine Worte.
218:7
Deshalb ruht weder bei Tag noch bei Nacht, trachtet nicht nach Bequemlichkeit. Sprecht über die Geheimnisse der Dienstbarkeit, beschreitet den Pfad des Dienens, bis ihr den verheißenen Beistand aus den Reichen Gottes erlangt.
218:8
O Freunde! Schwarze Wolken haben die ganze Erde umhüllt. Das Dunkel des Hasses und der Bosheit, der Grausamkeit, Angriffslust und Schande verbreitet sich allenthalben. Die Menschen verbringen allesamt ihr Leben in achtloser Stumpfheit. Als höchste menschliche Tugenden gelten Raubgier und Blutdurst. Aus der ganzen Masse der Menschheit hat Gott die Freunde erwählt; ihnen gewährt Er Seine Führung und grenzenlose Gnade. Seine Absicht ist, dass wir alle uns aus ganzem Herzen bemühen, uns selbst darzubringen, andere auf Seinen Pfad zu führen und die Menschenseelen zu erziehen – bis diese rasenden Bestien sich in Gazellen auf den Auen der Einheit verwandeln, diese Wölfe in Lämmer Gottes, diese viehischen Geschöpfe in Engelsscharen, bis die Feuer des Hasses gelöscht sind und die Flamme aus dem geschützten Tal des Heiligen Schreines ihren Strahlenglanz verströmt, bis der Gestank vom Misthaufen des Tyrannen verweht und an seiner Statt der reine, süße Duft aus den Rosenbeeten des Glaubens und der Treue sich verbreitet. Dann werden die geistig Armen des göttlichen Weltgeistes in Fülle teilhaftig, und die, deren Leben schiere Gemeinheit ist, werden nach diesem läuternden, heiligen Odem trachten.
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