‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
weiter nach oben ...
225:4
Dieser zweite Ruf beruht auf den Lehren und Ermahnungen des Herrn, auf den Warnungen und selbstlosen Empfindungen aus dem Reich der Sittlichkeit, die wie ein helles Licht die Lampe menschlicher Wirklichkeiten zum Strahlen bringen. Seine durchdringende Kraft ist das Wort Gottes.
225:5
Solange jedoch materielle Errungenschaften, naturwissenschaftliche Kenntnisse und menschliche Tugenden noch nicht durch geistige Vollkommenheiten, strahlende Eigenschaften und Kennzeichen der Barmherzigkeit verstärkt sind, bringen sie keine Frucht und kein Ergebnis; auch bewirken sie nicht der Menschheit Glück, welches doch das letzte Ziel ist. Denn obwohl einerseits die materiellen Errungenschaften und die Entwicklung der stofflichen Welt zu einem Wohlstand führen, der die gesteckten Ziele vorzüglich offenbart, drohen daraus doch andererseits Gefahren, schweres Unheil und gewaltige Not.
225:6
Wenn du demnach dein Augenmerk auf das geordnete Muster der Königreiche, Städte und Dörfer richtest und siehst, wie reizvoll sie geschmückt sind, wie frisch ihre natürlichen Hilfsquellen sind, wie hoch ihre Technik entwickelt ist, wie leicht ihr Verkehr fließt, welch umfangreiches Wissen über die Welt der Natur verfügbar ist, wie groß die Erfindungen, wie riesig die Unternehmen, wie vortrefflich die Entdeckungen und wissenschaftlichen Forschungen sind, so magst du daraus schließen, dass die Zivilisation der Menschenwelt zu Glück und Fortschritt gereicht. Wendest du die Augen jedoch darauf, dass Höllenmaschinen entwickelt, Zerstörungskräfte entfaltet und Kriegsgeräte erfunden werden, die den Baum des Lebens mit der Wurzel ausreißen, so wird dir klar und offenbar, wie eng die Zivilisation mit der Barbarei verbunden ist. Fortschritt und Barbarei gehen Hand in Hand, es sei denn, die materielle Zivilisation wird bestätigt durch göttliche Führung, durch die Offenbarungen des Allbarmherzigen und durch göttliche Tugenden, verstärkt durch geistiges Verhalten, durch die Ideale des Gottesreiches und die Ausgießungen aus dem Reich der Macht.
225:7
Überlege, dass heute die fortschrittlichsten, zivilisiertesten Länder der Welt in Pulverfässer, die Kontinente des Erdballs in riesige Heerlager und Schlachtfelder verwandelt sind, dass die Völker der Welt sich zu waffenstarrenden Nationen formiert haben, dass die Regierungen der Welt miteinander wetteifern, wer den ersten Schritt auf das Feld des Gemetzels und Blutvergießens tut und so die Menschheit ins tiefste Elend stürzt.
225:8
Deshalb müssen Zivilisation und materieller Fortschritt mit der Größten Führung verbunden sein, so dass diese niedere Welt der Schauplatz für die Segnungen des Gottesreiches werde und die stofflichen Errungenschaften sich mit dem Glanz des Barmherzigen vereinigen, damit die Menschenwelt ihre Schönheit und Vollkommenheit enthülle und in hell strahlender Anmut vor allen offenbare. So wird sich immerwährende Herrlichkeit und Glückseligkeit zeigen.
225:9
Preis sei Gott, im Verlauf vieler Jahrhunderte und Zeitalter wurde der Ruf der Zivilisation erhoben. Die Menschenwelt machte täglich Fortschritte. Manche Länder entwickelten sich in gewaltigen Sprüngen. Materielle Verbesserungen nahmen ständig zu, bis die Welt des Daseins die umfassende Fähigkeit erlangte, die geistigen Lehren aufzunehmen und auf den göttlichen Ruf zu hören. Der Säugling durchläuft verschiedene Entwicklungsstufen. Er wächst und entwickelt sich auf jeder Stufe, bis sein Körper das Reifealter erreicht. Auf dieser Stufe erwirbt er die Fähigkeit, geistige und intellektuelle Vollkommenheiten zu offenbaren. Das Licht des Begreifens, des Verstandes und der Erkenntnis wird an ihm sichtbar; seine Seelenkräfte entfalten sich. So hat in der bedingten Welt auch die Gattung Mensch fortschreitend körperliche Veränderungen durchgemacht und ist in einem langsamen Prozess die Leiter der Zivilisation emporgestiegen. Sie verkörperte somit die Wunder, Vortrefflichkeiten und Gaben des Menschseins in ihrer herrlichsten Gestalt, bis sie die Fähigkeit erlangte, die Pracht geistiger Vollkommenheiten und göttlicher Ideale auszudrücken, und den Ruf Gottes vernehmen konnte. Der Ruf zum Reich Gottes wurde schließlich erhoben, die geistigen Tugenden und Vollkommenheiten wurden offenbart, die Sonne der Wirklichkeit ist aufgegangen, die Lehren über den Größten Frieden, die Einheit der Menschheit und die Allgemeingültigkeit alles Menschlichen wurden verkündet. Wir hoffen, dass diese Strahlen ihren Glanz immer stärker verbreiten, dass vollkommene Tugenden diesen Strahlenglanz immer mehr widerspiegeln, bis das Ziel dieses allumfassenden menschlichen Entwicklungsprozesses erreicht ist, bis die Liebe Gottes in höchster Anmut und Schönheit erscheint und alle Herzen in ihren Bann schlägt.
225:10
O ihr Geliebten Gottes! Wisst wahrlich, dass der Menschheit ganzes Glück in der Einheit und Eintracht des Menschengeschlechts beschlossen liegt, dass die geistigen wie materiellen Entwicklungen von Liebe und Freundschaft zwischen allen Menschen abhängen. Betrachtet die Lebewesen: die Tiere, die sich auf der Erde fortbewegen und jene, die fliegen; solche, die weiden, und solche, die andere verschlingen. Bei den Raubtieren lebt jede Art getrennt von den anderen Arten ihrer Gattung; sie beobachten einander mit größter Feindseligkeit und Gegnerschaft. Wenn sie aufeinandertreffen, kämpfen sie sofort bis aufs Blut, fletschen die Zähne und zeigen ihre Krallen. So benehmen sich wilde Bestien und blutrünstige Wölfe, fleischfressende Tiere, Einzelgänger, die um ihr Leben kämpfen. Aber die gelehrigen, gutmütigen, freundlichen Tiere, ob sie nun zu den fliegenden oder zu den grasenden Arten gehören, gesellen sich voll Zutrauen zueinander; sie sind vereint in ihren Herden, sie leben froh, glücklich und zufrieden. So etwa die Vögel, die mit ein paar Körnern zufrieden und dafür dankbar sind; sie leben in vollkommener Freude und stimmen herrliche Lieder an, wenn sie sich aufschwingen über Fluren und Steppen, Hügel und Berge. Genauso gesellen sich Weidetiere wie Schafe, Antilopen und Gazellen in größtem Einvernehmen, Vertrautheit und Eintracht zueinander. Sie leben zusammen auf Ebenen, im Zustand völliger Zufriedenheit. Hunde, Wölfe, Tiger, Hyänen und die anderen Raubtiere hingegen wenden sich voneinander ab; denn sie jagen und streifen allein umher. Die Tiere auf dem Felde und die Vögel in den Lüften meiden sich weder noch belästigen sie einander, wenn sie auf ihren Weiden oder Rastplätzen zusammentreffen; sie nehmen sich gegenseitig in Freundlichkeit an, ganz anders als die reißenden Bestien, die sich sofort zerfleischen, wenn einer in des anderen Höhle oder Lager eindringt. Ja, wenn einer nur an der Behausung des anderen vorbeigeht, stürzt dieser sofort heraus, um jenen anzugreifen und möglichst zu töten.
225:11
Hier wird deutlich, dass auch im Tierreich Liebe und Einvernehmen die Früchte einer freundlichen Gesinnung, eines reinen Wesens und eines lobenswerten Charakters sind, Uneinigkeit und Abgrenzung dagegen Kennzeichen der Raubtiere in der Wildnis.
225:12
Der Allmächtige hat den Menschen nicht mit den Klauen und Zähnen wilder Tiere erschaffen, vielmehr wurde die menschliche Gestalt mit den anmutigsten Eigenschaften versehen und mit den vollkommensten Tugenden geschmückt. Aus Ehrerbietung vor dieser Schöpfung, aus Wertschätzung für dieses Gewand muss der Mensch Liebe und Zuneigung für seine eigene Art aufbringen, nein, alle Lebewesen muss er gerecht und unparteiisch behandeln.
225:13
Überlegt, wie Freundschaft und Eintracht bei der Menschheit zu Wohlergehen, Glück, Freude und Behagen führen, wogegen Streit und Missklang fast immer Not, Erniedrigung, Unruhe und Versagen bewirken.
225:14
Aber wehe, tausendmal wehe! Der Mensch ist gleichgültig und dieser Tatsache unbewusst. Täglich brüstet er sich mit den Merkmalen einer wilden Bestie. Siehe! Plötzlich verwandelt er sich in einen grausamen Tiger; im nächsten Augenblick wird er zur kriechenden Giftschlange! Doch die erhabenen menschlichen Errungenschaften liegen in solchen Tugenden und Eigenschaften, die ausschließlich den Engeln der himmlischen Heerscharen zugehören. So wird der Mensch, wenn lobenswerte Eigenschaften und hohe sittliche Werte von ihm ausgehen, ein himmlisches Wesen, ein Engel des Gottesreichs, eine göttliche Wirklichkeit von überirdischem Glanz. Befasst er sich hingegen mit Kriegsführung, Streit und Blutvergießen, so wird er gemeiner als das grausamste Raubtier; denn ein blutrünstiger Wolf frisst in einer Nacht nur ein Lamm, der Mensch aber mordet Hunderttausende auf dem Schlachtfeld, übersät den Boden mit ihren Leibern und tränkt die Erde mit ihrem Blut.
225:15
Kurz gesagt, dem Menschen sind zwei Wesensarten gegeben: Die eine strebt nach Verfeinerung der Sitten und geistiger Vollkommenheit, während die andere zu tierischer Erniedrigung und fleischlichen Unvollkommenheiten neigt. Wenn ihr durch die Länder dieses Erdballs reist, seht ihr einerseits die Überreste von Verfall und Zerstörung, andererseits die Zeichen der Kultur und der Entwicklung. Verfall und Zerstörung sind das Ergebnis von Krieg, Zank und Streit, Entwicklung und Fortschritt hingegen die glänzenden Früchte der Tugend, der Zusammenarbeit und der Eintracht.
225:16
Wer durch die Wüsten Mittelasiens reist, der sieht, wie viele Städte, die einst groß und blühend waren wie Paris und London, heute zerstört und dem Erdboden gleichgemacht sind. Vom Kaspischen Meer bis zum Oxus erstrecken sich wilde, öde Steppen, Wüsten, Einöden und Täler. Zwei Tage und zwei Nächte lang fährt die russische Eisenbahn an den zerstörten Städten und unbewohnten Dörfern dieses Ödlandes vorbei. Früher trugen in dieser Ebene die vortrefflichsten Zivilisationen der Vergangenheit ihre Frucht. Die Zeichen der Entwicklung und Verfeinerung waren überall zu erkennen, Künste und Wissenschaften wurden geschützt und gefördert, Berufe und Gewerbe blühten auf, Handel und Landwirtschaft hatten einen hohen Leistungsgrad erreicht, Verwaltung und Regierungskunst fußten auf starker, kraftvoller Grundlage. Heute ist der größte Teil dieses ausgedehnten Landes Zuflucht für turkmenische Stämme und Kampfbahn für wilde Tiere. Die alten Städte dieser Ebene wie Gurgán, Nissá, Ábívard und Shahristán waren in der ganzen Welt berühmt für ihre Künste, Wissenschaften, Kultur und Gewerbe, bekannt für ihren Wohlstand, ihre Größe und Vornehmheit. Sie sind einer Wildnis gewichen, in der sich keine Stimme erhebt außer dem Brüllen wilder Tiere, und in der blutrünstige Wölfe frei umherziehen. Diese Zerstörung und Verwüstung hatte ihre Ursache in Krieg und Streit, Zwietracht und Uneinigkeit zwischen Persern und Türken, die sich in Religion und Sitten unterschieden. So unnachgiebig war der Geist religiösen Vorurteils, dass die Führer ohne wahren Glauben es richtig fanden, unschuldiges Blut zu vergießen, Eigentum zu vernichten und Familienehre zu schänden. Das ist nur ein Beispiel von vielen.
225:17
Wenn du die Weltgegenden durchstreifst, wirst du zu dem Ergebnis kommen, dass aller Fortschritt auf Vereinigung und Zusammenarbeit beruht, Niedergang jedoch von Feindseligkeit und Hass herrührt. Trotzdem lässt sich die Menschenwelt nicht belehren, sie erwacht auch nicht aus dem Schlummer der Achtlosigkeit. Nach wie vor verursacht der Mensch Zwietracht, Zank und Streit, damit er Kriegsscharen aufstellen und sich dann mit Heeresmacht auf das Schlachtfeld des Blutvergießens stürzen kann.
225:18
Betrachte sodann die Erscheinungen der Verbindung und der Auflösung, des Seins und des Nichtseins. Alles Erschaffene in der bedingten Welt ist aus vielen verschiedenartigen Atomen zusammengesetzt. Sein Dasein hängt von der Verbindung dieser Atome ab. Mit anderen Worten, durch Gottes Schöpferkraft werden einfache Urstoffe zusammengefügt, so dass aus dieser Verbindung ein bestimmter Organismus entsteht. Das Dasein aller Dinge beruht auf diesem Prinzip. Wenn aber die Ordnung gestört wird, bewirkt dies Auflösung, und Verfall setzt ein. Dann hört das betroffene Ding zu bestehen auf. Das bedeutet, die Vernichtung aller Dinge hat ihre Ursache im Zerfall und in der Auflösung. Deshalb bewirkt Anziehung und Verbindung zwischen den verschiedenen Elementen Leben; Uneinigkeit, Zerfall und Teilung verursachen Tod. So führen die Kräfte des Zusammenhalts und der Anziehung dazu, dass ertragreiche Ergebnisse und Wirkungen entstehen, während Entfremdung und Abkehr zur Verwirrung und Vernichtung der Dinge führen. Durch Verbindungsfähigkeit und Anziehung wird alles Lebendige – Pflanzen, Tiere und Menschen – ins Dasein gerufen, während Teilung und Uneinigkeit Zerfall und Zerstörung herbeiführen.
225:19
Deshalb ist alles, was der Vereinigung, Anziehung und Einheit unter den Menschenkindern dient, Mittel zum Lebenserhalt für die Menschenwelt; alles, was Teilung, Abneigung und Entfremdung bewirkt, führt die Menschheit in den Tod.
225:20
Und wenn du an Feldern und Anpflanzungen vorbeikommst, siehst du die Pflanzen, Blumen und duftenden Kräuter reich und fruchtbar zusammen wachsen und ein Muster für die Einheit abgeben. Das ist ein Beweis dafür, dass diese Anpflanzung, dieser Garten unter der Fürsorge eines erfahrenen Gärtners gedeiht. Siehst du diesen Garten aber in einem Zustand der Unordnung und Verwahrlosung, so schließest du daraus, dass ihm die Pflege eines erfahrenen Landmanns fehlt und er demzufolge Wicken und Unkraut hervorbringt.
225:21
Das zeigt, dass Freundschaft und Zusammenhalt auf die Ausbildung durch einen wahren Erzieher hindeuten, Auflösung und Trennung jedoch Beweise für Barbarei und Mangel an göttlicher Erziehung sind.
225:22
Ein Kritiker mag einwenden, die Völker, Rassen, Stämme und Gemeinden der Welt hätten verschiedene, voneinander abweichende Gebräuche, Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Charaktere, Neigungen und Ideen; ihre Ansichten und Gedanken seien gegensätzlich. Wie könnte da wahre Einheit offenbar werden und vollkommener Gleichklang zwischen den Menschenseelen eintreten?
225:23
Wir antworten, dass es zwei Arten von Verschiedenheit gibt. Die eine Art bewirkt Vernichtung und gleicht der Abneigung zwischen kriegführenden Nationen und kämpfenden Stämmen, die sich gegenseitig zerstören, die Familien entwurzeln, einander die Ruhe und den Wohlstand rauben und ein Blutbad anrichten wollen. Die andere Art ist ein Zeichen der Mannigfaltigkeit; sie ist das Wesen der Vollkommenheit und bewirkt, dass die Segnungen des Allherrlichsten Herrn erscheinen.
225:24
Betrachte die Blumen eines Gartens. Obwohl sie nach Art, Farbe, Form und Gestalt verschieden sind, werden sie doch vom Wasser einer Quelle erfrischt, vom selben Windhauch belebt, von den Strahlen einer Sonne gestärkt, und so erhöht die Vielfalt ihren Reiz und steigert ihre Schönheit. Wenn die vereinende Kraft, der durchdringende Einfluss von Gottes Wort dergestalt wirkt, verschönern die unterschiedlichen Gebräuche, Verhaltensweisen, Ideen, Ansichten und Veranlagungen die Menschenwelt. Diese Mannigfaltigkeit, diese Verschiedenheit entspricht der naturgeschaffenen Ungleichheit und Vielfalt der Glieder und Organe des Menschenleibs; denn jedes trägt zur Schönheit, Wirksamkeit und Vollkommenheit des Ganzen bei. Wenn diese verschiedenen Körperteile und Organe unter den Einfluss der souveränen Seele des Menschen kommen, wenn die Macht der Seele die Gliedmaßen und Körperteile, die Venen und Schlagadern des Körpers durchpulst, dann verstärkt die Unterschiedlichkeit den Einklang, die Verschiedenartigkeit vermehrt die Liebe und die Vielfalt ist der wichtigste Antrieb für das Zusammenwirken.
225:25
Wie unerfreulich wäre es für das Auge, wenn alle Blumen und Pflanzen, Blätter und Blüten, Früchte, Zweige und Bäume jenes Gartens die gleiche Form und Farbe hätten! Vielfalt in Farbe, Form und Gestalt bereichert und verschönert den Garten und erhöht dessen Ausdruck. Werden verschiedene Schattierungen von Gedanken, Temperamenten und Charakteren unter der Macht und dem Einfluss einer zentralen Kraftquelle zusammengeführt, so wird in gleicher Weise die Schönheit und der Glanz menschlicher Vollkommenheit offenbar und sichtbar. Nur die himmlische Macht des Wortes Gottes, die die Wirklichkeit aller Dinge beherrscht und übersteigt, ist fähig, die auseinandergehenden Gedanken, Gefühle, Ideen und Überzeugungen der Menschenkinder in Einklang zu bringen. Wahrlich, sie ist die durchdringende Kraft in allen Dingen, die die Seelen bewegt und in der Welt der Menschheit alles verbindet und steuert.
225:26
Preis sei Gott! Heute erleuchtet Gottes Wort alle Horizonte mit seinem Strahlenglanz. Aus allen Religionsgemeinschaften, Rassen, Stämmen, Nationen und Gemeinden sind Seelen im Lichte des Wortes zusammengekommen. Sie haben sich in vollkommener Eintracht versammelt und vereinigt. Oh! Wie viele Treffen werden abgehalten, geschmückt mit Seelen aus verschiedenen Rassen und Glaubensgemeinschaften! Wer dabei ist, staunt darüber und meint, dass diese Seelen einem einzigen Land angehören, einer Nationalität, einer Gemeinschaft, einem Gedanken, einem Glauben und einer Meinung. In Wirklichkeit ist der eine Amerikaner, der andere Afrikaner; einer kommt aus Asien, ein anderer aus Europa, einer ist aus Indien, ein anderer aus Turkestan; einer ist Araber, ein anderer Tadschike, einer ist Perser und wieder ein anderer Grieche. Ungeachtet dieser Verschiedenheit, sind sie in vollkommener Eintracht und Einigkeit, Liebe und Freiheit beisammen. Sie haben nur eine Stimme, einen Gedanken, eine Absicht. Wahrlich, das bewirkt die durchdringende Macht des Gotteswortes! Alle vereinten Kräfte des Weltalls wären außerstande, auch nur eine einzige Versammlung zusammenzubringen, die von den Gefühlen der Liebe, der Zuneigung, der Anziehung und Begeisterung derart durchdrungen ist, dass sie die Angehörigen der verschiedenen Rassen einigen und aus dem Herzen der Welt eine Stimme erheben könnte, die Krieg und Hader vertreibt, Zank und Streit ausrottet, das Zeitalter des Weltfriedens einführt sowie Einheit und Eintracht unter den Menschen errichtet.
225:27
Kann irgendeine Macht dem durchdringenden Einfluss des Gotteswortes widerstehen? Nein, bei Gott! Der Beweis ist klar, das Zeugnis vollkommen! Wer mit dem Auge der Gerechtigkeit schaut, wird verblüfft sein und staunen. Er wird bezeugen, dass alle Völker, Religionsgemeinschaften und Rassen der Welt über die Lehren und Ermahnungen Bahá’u’lláhs froh, zufrieden und dankbar sein sollten; denn diese göttlichen Verfügungen zähmen jedes wilde Tier, sie verwandeln das krabbelnde Insekt in einen hochfliegenden Vogel, machen die Menschenseelen zu Engeln des Gottesreiches und die Menschenwelt zum Brennpunkt für die Tugenden der Barmherzigkeit.
225:28
Des Weiteren ist jedermann gehalten, seiner Regierung Gehorsam, Unterordnung und Loyalität zu erweisen. Heutzutage befindet sich kein Staat der Welt in einem Zustand des Friedens und der inneren Ruhe; denn im Volk sind Sicherheit und Vertrauen verschwunden. Regierte und Regierende sind gleichermaßen in Gefahr. Die einzige Gruppe, die sich heute friedlich und loyal den Gesetzen und Verordnungen der Regierung unterordnet und die Menschen ehrlich und offen behandelt, ist diese misshandelte Gemeinde. Alle Religionsgemeinschaften und Volksgruppen in Persien und Turkestan sind damit beschäftigt, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, und gehorchen ihrer Regierung nur in der Hoffnung auf einen Vorteil oder aus Angst vor Strafe. Die Bahá’í dagegen stehen der Regierung wohlwollend gegenüber, gehorchen den Gesetzen und hegen Liebe für alle Völker.
225:29
Dieser Gehorsam und diese Unterordnung sind im deutlichen Buch der Schönheit Abhá allen zur Pflicht gemacht. Weil die Gläubigen dem Gebot des Einen Wahren Gehorsam leisten, bezeigen sie allen Nationen größte Aufrichtigkeit und guten Willen. Eine Seele, die den Gesetzen der Regierung zuwiderhandelt, betrachtet sich vor Gott als verantwortlich und glaubt, dass sie für ihre Sünde Gottes Zorn und Strafe verdient. Seltsamerweise meinen einige Regierungsbeamte trotz dieser Tatsache, die Bahá’í seien ihnen schlecht gesonnen, während sie die Mitglieder anderer Gemeinschaften als ihre Freunde betrachten. Gütiger Gott! Als neulich in Ṭihrán und anderen Provinzen Persiens allgemein Umsturz und Aufruhr herrschten, erwies es sich, dass nicht ein einziger Bahá’í beteiligt war oder sich eingemischt hätte. Die Unwissenden machten deshalb den Bahá’í Vorwürfe, weil diese dem Gebot der Gesegneten Schönheit folgten und sich von jeglicher Einmischung in politische Angelegenheiten fernhielten. Sie schlossen sich keiner Partei an, sondern gingen, mit ihren eigenen Angelegenheiten und ihren Berufen beschäftigt, ihren Pflichten nach.
225:30
Alle Freunde Gottes bezeugen die Tatsache, dass ‘Abdu’l-Bahá für alle Regierungen und Nationen von jedem Standpunkt aus nur das Beste will und aufrichtig für ihren Fortschritt betet, ganz besonders für die beiden großen Staaten des Ostens; denn diese beiden Länder sind das Geburtsland und der Verbannungsort Bahá’u’lláhs. In allen Botschaften und Schriften hat Er diese beiden Regierungen lobend erwähnt und göttliche Bestätigungen von der Schwelle des einen wahren Gottes für sie erfleht. Die Schönheit Abhá – möge mein Leben ein Opfer für Seine Geliebten sein – brachte für Ihre Kaiserlichen Majestäten Gebete dar. Gnädiger Gott! Wie seltsam: Ungeachtet dieser schlüssigen Beweise bringt jeder neue Tag irgendein Geschehnis, und Schwierigkeiten treten auf. Aber wir und die Freunde Gottes sollten unter keinen Umständen nachlassen in unserem Bemühen, loyal, aufrichtig und wohlwollend zu sein. Wir sollten allezeit unsere Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zeigen. Mehr noch: Wir müssen unerschütterlich bleiben in unserer Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit und uns damit befassen, Gebete zum Wohle aller darzubringen.
225:31
O ihr Geliebten Gottes, dies sind die Tage der Standhaftigkeit, der Festigkeit und der Ausdauer in der Sache Gottes. Ihr dürft eure Aufmerksamkeit nicht auf die Person ‘Abdu’l-Bahás richten, denn binnen kurzem wird er euch Lebewohl sagen. Ihr müsst euer Augenmerk vielmehr fest auf Gottes Wort richten. Wenn das Wort Gottes gefördert wird, seid froh, glücklich und dankbar, selbst wenn ‘Abdu’l-Bahá vom Schwert bedroht oder von Ketten und Fesseln niedergedrückt ist. Denn wichtig ist der heilige Tempel der Sache Gottes, nicht ‘Abdu’l-Bahás leibliche Gestalt. Die Freunde Gottes müssen sich mit solcher Standhaftigkeit erheben, dass sie auch dann, wenn einmal hundert Seelen wie ‘Abdu’l-Bahá zur Zielscheibe für die Schmerzenspfeile werden, in ihrem Entschluss, ihrer Entschiedenheit, ihrer Begeisterung, ihrer Hingabe und ihrem Dienst an der Sache Gottes nicht wanken. ‘Abdu’l-Bahá selbst ist ein Diener an der Schwelle der Gesegneten Schönheit, ein Ausdruck reiner, gänzlicher Dienstbarkeit an der Schwelle des Allmächtigen. Er hat keine andere Stufe und keinen anderen Titel, keinen anderen Rang und keine Macht. Das ist mein höchstes Ziel, mein ewiges Paradies, mein heiligster Tempel, mein Sadratu’l-Muntahásiehe Anm. 50 zu 32:2 – Anm. d. Hrsg.A. Mit der Gesegneten Schönheit Abhá und mit dem Erhabenen, Seinem Herold – möge mein Leben ein Opfer für beide sein – endete die Erscheinung von Gottes unabhängiger, allumfassender Manifestation. In den nächsten tausend Jahren werden alle von Seinem Licht erleuchtet und vom Meer Seiner Gnadengaben belebt.
225:32
O ihr Geliebten Gottes! Dies ist in Wahrheit mein letzter Wunsch und meine Ermahnung an euch. Selig ist, wer mit Gottes Hilfe dem folgt, was verzeichnet ist auf dieser Schriftrolle, deren Worte geheiligt sind über die Sinnbilder, die bei den Menschen im Schwange sind.
226
226:1
O du Diener Gottes! Dein Brief kam an und brachte Freude. Du hast darin deinen heißen Wunsch geäußert, dass ich dem Friedenskongress beiwohnen soll. Ich erscheine nicht zu solchen politischen Konferenzen; denn der Frieden kann nur durch die Macht des Wortes Gottes errichtet werden. Wenn eine Konferenz einberufen wird, die alle Nationen vertritt und unter dem Einfluss des Wortes Gottes arbeitet, dann wird der Weltfriede errichtet; andernfalls ist das unmöglich.
226:2
Gegenwärtig wird mit Sicherheit ein vorläufiger Friede errichtet, aber er wird nicht von Dauer sein. Alle Regierungen und Nationen sind den Krieg leid, die Reisebeschränkungen, die unermesslichen Ausgaben, den Verlust an Menschenleben, den Schmerz der Frauen, die vielen Waisenkinder. So sind sie zum Frieden gezwungen. Aber dieser Friede ist nicht von Dauer, er ist zeitlich begrenzt.
226:3
Wir hoffen, dass die Macht des Gotteswortes einen Frieden errichten wird, der ewig wirksam und sicher bleibt.
227Dies ist der erste Teil der Antwort ‘Abdu’l-Bahás auf einen Brief, den der Exekutivausschuß der Zentralorganisation für einen dauernden Frieden [, eine private, 1915 im Haag gegründete Initiative engagierter Friedensfreunde, an Ihn gerichtet hatte]. ‘Abdu’l-Bahás Brief vom 17. Dezember 1919, den Shoghi Effendi als ein »Sendschreiben von weittragender Bedeutung« bezeichnet (Gott geht vorüber, 1974–131, S. 350), wurde 1920 von einer besonderen Bahá’í-Delegation im Haag übergeben. [Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Der Weltfrieden-Vertrag. Ein Brief an die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden, Hofheim-Langenhain 1988–145.A
227:1
O ihr Hochgeehrten, die ihr Pioniere seid unter den Wohltätern der Menschenwelt!
227:2
Die Briefe, die ihr während des Kriegs abgesandt habt, sind nicht eingetroffen, aber ein Brief vom 11. Februar 1916 hat mich soeben erreicht, und darauf folgt sofort eine Antwort. Eure Absicht verdient tausendfältiges Lob; denn ihr dient der Menschenwelt, und dies führt zu aller Glück und Wohlergehen. Dieser jüngstvergangene Krieg hat der Welt und dem Volk bewiesen, dass Krieg Vernichtung ist, Weltfrieden dagegen Aufbau. Krieg ist Tod, Frieden hingegen Leben. Krieg ist Raubsucht und Blutgier, Frieden indessen Wohltat und Menschlichkeit; Krieg gehört der Welt der Natur an, Frieden aber zur Grundlage der Religion Gottes; Krieg ist Finsternis über Finsternis, während Frieden himmlisches Licht ist; Krieg zerstört den Bau der Menschheit, während Frieden der Menschenwelt ewiges Leben ist; Krieg ist wie ein reißender Wolf, Frieden aber den Engeln des Himmels gleich; Krieg ist Kampf ums Dasein, während Frieden gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit unter den Völkern der Welt ist und das Wohlgefallen des Einen Wahren im himmlischen Reiche herbeiführt.
227:3
Es gibt keine Seele, deren Gewissen nicht bezeugte, dass es heutigen Tages nichts Wichtigeres auf der Welt gibt als den Weltfrieden. Jeder Gerechte bestätigt dies und bewundert jene geehrte Versammlung; denn sie verfolgt das Ziel, diese Finsternis in Licht, diesen Blutdurst in Güte, diese Folter in Wonne, diese Mühsal in Behagen und diese Feindschaft, diesen Hass in Freundschaft und Liebe zu verwandeln. Daher ist die Bemühung jener geachteten Seelen des Preises und des Lobes wert.
227:4
Der wesenhaften Beziehungen gewahr, die von den Wirklichkeiten der Dinge ausgehen, bedenken weise Seelen jedoch, dass eine einzelne Sache für sich die menschliche Wirklichkeit nicht so beeinflussen kann, wie es sein sollte und müsste; denn ehe die Menschen in ihrer Gesinnung geeinigt werden, lässt sich nichts Wichtiges bewerkstelligen. Heute ist der Weltfriede von großer Bedeutung, aber die Einheit des Gewissens ist dabei wesentlich, damit des Friedens Grundlage gesichert, sein Gefüge fest und sein Bau stark sei.
227:5
Darum erläuterte Bahá’u’lláh vor fünfzig Jahren die Frage des Weltfriedens zu einer Zeit, als Er in der Festung ‘Akká in strenger Haft Unrecht erduldete und eingekerkert war. Er schrieb über diese wichtige Angelegenheit, den Weltfrieden, an alle großen Herrscher der Welt und verwirklichte ihn im Kreise Seiner Freunde im Orient. Des Ostens Horizont war in tiefes Dunkel gehüllt, die Völker standen sich in Hass und Feindschaft gegenüber, die religiösen Gruppen lechzten nach dem Blut der anderen – es herrschte Finsternis über Finsternis. Zu solcher Zeit erstrahlte Bahá’u’lláh der Sonne gleich vom Horizont des Ostens und erhellte Persien mit dem Licht dieser Lehren.
227:6
Eine Seiner Lehren war die Erklärung des Weltfriedens. Menschen verschiedener Völker, Religionen und Sekten, die Ihm nachfolgten, kamen sich derart nahe, dass bemerkenswerte Versammlungen zustande kamen, die aus den verschiedenen Völkern und Religionen des Ostens zusammengesetzt waren. Wer solche Versammlungen besuchte, sah nur ein Volk, eine Lehre, einen Pfad, eine Ordnung; denn Bahá’u’lláhs Lehren waren ja nicht auf die Errichtung des Weltfriedens beschränkt; sie umfassten viele Lehren, welche die des Weltfriedens ergänzten und stützten.
weiter nach unten ...