‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
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225:18
Betrachte sodann die Erscheinungen der Verbindung und der Auflösung, des Seins und des Nichtseins. Alles Erschaffene in der bedingten Welt ist aus vielen verschiedenartigen Atomen zusammengesetzt. Sein Dasein hängt von der Verbindung dieser Atome ab. Mit anderen Worten, durch Gottes Schöpferkraft werden einfache Urstoffe zusammengefügt, so dass aus dieser Verbindung ein bestimmter Organismus entsteht. Das Dasein aller Dinge beruht auf diesem Prinzip. Wenn aber die Ordnung gestört wird, bewirkt dies Auflösung, und Verfall setzt ein. Dann hört das betroffene Ding zu bestehen auf. Das bedeutet, die Vernichtung aller Dinge hat ihre Ursache im Zerfall und in der Auflösung. Deshalb bewirkt Anziehung und Verbindung zwischen den verschiedenen Elementen Leben; Uneinigkeit, Zerfall und Teilung verursachen Tod. So führen die Kräfte des Zusammenhalts und der Anziehung dazu, dass ertragreiche Ergebnisse und Wirkungen entstehen, während Entfremdung und Abkehr zur Verwirrung und Vernichtung der Dinge führen. Durch Verbindungsfähigkeit und Anziehung wird alles Lebendige – Pflanzen, Tiere und Menschen – ins Dasein gerufen, während Teilung und Uneinigkeit Zerfall und Zerstörung herbeiführen.
225:19
Deshalb ist alles, was der Vereinigung, Anziehung und Einheit unter den Menschenkindern dient, Mittel zum Lebenserhalt für die Menschenwelt; alles, was Teilung, Abneigung und Entfremdung bewirkt, führt die Menschheit in den Tod.
225:20
Und wenn du an Feldern und Anpflanzungen vorbeikommst, siehst du die Pflanzen, Blumen und duftenden Kräuter reich und fruchtbar zusammen wachsen und ein Muster für die Einheit abgeben. Das ist ein Beweis dafür, dass diese Anpflanzung, dieser Garten unter der Fürsorge eines erfahrenen Gärtners gedeiht. Siehst du diesen Garten aber in einem Zustand der Unordnung und Verwahrlosung, so schließest du daraus, dass ihm die Pflege eines erfahrenen Landmanns fehlt und er demzufolge Wicken und Unkraut hervorbringt.
225:21
Das zeigt, dass Freundschaft und Zusammenhalt auf die Ausbildung durch einen wahren Erzieher hindeuten, Auflösung und Trennung jedoch Beweise für Barbarei und Mangel an göttlicher Erziehung sind.
225:22
Ein Kritiker mag einwenden, die Völker, Rassen, Stämme und Gemeinden der Welt hätten verschiedene, voneinander abweichende Gebräuche, Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Charaktere, Neigungen und Ideen; ihre Ansichten und Gedanken seien gegensätzlich. Wie könnte da wahre Einheit offenbar werden und vollkommener Gleichklang zwischen den Menschenseelen eintreten?
225:23
Wir antworten, dass es zwei Arten von Verschiedenheit gibt. Die eine Art bewirkt Vernichtung und gleicht der Abneigung zwischen kriegführenden Nationen und kämpfenden Stämmen, die sich gegenseitig zerstören, die Familien entwurzeln, einander die Ruhe und den Wohlstand rauben und ein Blutbad anrichten wollen. Die andere Art ist ein Zeichen der Mannigfaltigkeit; sie ist das Wesen der Vollkommenheit und bewirkt, dass die Segnungen des Allherrlichsten Herrn erscheinen.
225:24
Betrachte die Blumen eines Gartens. Obwohl sie nach Art, Farbe, Form und Gestalt verschieden sind, werden sie doch vom Wasser einer Quelle erfrischt, vom selben Windhauch belebt, von den Strahlen einer Sonne gestärkt, und so erhöht die Vielfalt ihren Reiz und steigert ihre Schönheit. Wenn die vereinende Kraft, der durchdringende Einfluss von Gottes Wort dergestalt wirkt, verschönern die unterschiedlichen Gebräuche, Verhaltensweisen, Ideen, Ansichten und Veranlagungen die Menschenwelt. Diese Mannigfaltigkeit, diese Verschiedenheit entspricht der naturgeschaffenen Ungleichheit und Vielfalt der Glieder und Organe des Menschenleibs; denn jedes trägt zur Schönheit, Wirksamkeit und Vollkommenheit des Ganzen bei. Wenn diese verschiedenen Körperteile und Organe unter den Einfluss der souveränen Seele des Menschen kommen, wenn die Macht der Seele die Gliedmaßen und Körperteile, die Venen und Schlagadern des Körpers durchpulst, dann verstärkt die Unterschiedlichkeit den Einklang, die Verschiedenartigkeit vermehrt die Liebe und die Vielfalt ist der wichtigste Antrieb für das Zusammenwirken.
225:25
Wie unerfreulich wäre es für das Auge, wenn alle Blumen und Pflanzen, Blätter und Blüten, Früchte, Zweige und Bäume jenes Gartens die gleiche Form und Farbe hätten! Vielfalt in Farbe, Form und Gestalt bereichert und verschönert den Garten und erhöht dessen Ausdruck. Werden verschiedene Schattierungen von Gedanken, Temperamenten und Charakteren unter der Macht und dem Einfluss einer zentralen Kraftquelle zusammengeführt, so wird in gleicher Weise die Schönheit und der Glanz menschlicher Vollkommenheit offenbar und sichtbar. Nur die himmlische Macht des Wortes Gottes, die die Wirklichkeit aller Dinge beherrscht und übersteigt, ist fähig, die auseinandergehenden Gedanken, Gefühle, Ideen und Überzeugungen der Menschenkinder in Einklang zu bringen. Wahrlich, sie ist die durchdringende Kraft in allen Dingen, die die Seelen bewegt und in der Welt der Menschheit alles verbindet und steuert.
225:26
Preis sei Gott! Heute erleuchtet Gottes Wort alle Horizonte mit seinem Strahlenglanz. Aus allen Religionsgemeinschaften, Rassen, Stämmen, Nationen und Gemeinden sind Seelen im Lichte des Wortes zusammengekommen. Sie haben sich in vollkommener Eintracht versammelt und vereinigt. Oh! Wie viele Treffen werden abgehalten, geschmückt mit Seelen aus verschiedenen Rassen und Glaubensgemeinschaften! Wer dabei ist, staunt darüber und meint, dass diese Seelen einem einzigen Land angehören, einer Nationalität, einer Gemeinschaft, einem Gedanken, einem Glauben und einer Meinung. In Wirklichkeit ist der eine Amerikaner, der andere Afrikaner; einer kommt aus Asien, ein anderer aus Europa, einer ist aus Indien, ein anderer aus Turkestan; einer ist Araber, ein anderer Tadschike, einer ist Perser und wieder ein anderer Grieche. Ungeachtet dieser Verschiedenheit, sind sie in vollkommener Eintracht und Einigkeit, Liebe und Freiheit beisammen. Sie haben nur eine Stimme, einen Gedanken, eine Absicht. Wahrlich, das bewirkt die durchdringende Macht des Gotteswortes! Alle vereinten Kräfte des Weltalls wären außerstande, auch nur eine einzige Versammlung zusammenzubringen, die von den Gefühlen der Liebe, der Zuneigung, der Anziehung und Begeisterung derart durchdrungen ist, dass sie die Angehörigen der verschiedenen Rassen einigen und aus dem Herzen der Welt eine Stimme erheben könnte, die Krieg und Hader vertreibt, Zank und Streit ausrottet, das Zeitalter des Weltfriedens einführt sowie Einheit und Eintracht unter den Menschen errichtet.
225:27
Kann irgendeine Macht dem durchdringenden Einfluss des Gotteswortes widerstehen? Nein, bei Gott! Der Beweis ist klar, das Zeugnis vollkommen! Wer mit dem Auge der Gerechtigkeit schaut, wird verblüfft sein und staunen. Er wird bezeugen, dass alle Völker, Religionsgemeinschaften und Rassen der Welt über die Lehren und Ermahnungen Bahá’u’lláhs froh, zufrieden und dankbar sein sollten; denn diese göttlichen Verfügungen zähmen jedes wilde Tier, sie verwandeln das krabbelnde Insekt in einen hochfliegenden Vogel, machen die Menschenseelen zu Engeln des Gottesreiches und die Menschenwelt zum Brennpunkt für die Tugenden der Barmherzigkeit.
225:28
Des Weiteren ist jedermann gehalten, seiner Regierung Gehorsam, Unterordnung und Loyalität zu erweisen. Heutzutage befindet sich kein Staat der Welt in einem Zustand des Friedens und der inneren Ruhe; denn im Volk sind Sicherheit und Vertrauen verschwunden. Regierte und Regierende sind gleichermaßen in Gefahr. Die einzige Gruppe, die sich heute friedlich und loyal den Gesetzen und Verordnungen der Regierung unterordnet und die Menschen ehrlich und offen behandelt, ist diese misshandelte Gemeinde. Alle Religionsgemeinschaften und Volksgruppen in Persien und Turkestan sind damit beschäftigt, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, und gehorchen ihrer Regierung nur in der Hoffnung auf einen Vorteil oder aus Angst vor Strafe. Die Bahá’í dagegen stehen der Regierung wohlwollend gegenüber, gehorchen den Gesetzen und hegen Liebe für alle Völker.
225:29
Dieser Gehorsam und diese Unterordnung sind im deutlichen Buch der Schönheit Abhá allen zur Pflicht gemacht. Weil die Gläubigen dem Gebot des Einen Wahren Gehorsam leisten, bezeigen sie allen Nationen größte Aufrichtigkeit und guten Willen. Eine Seele, die den Gesetzen der Regierung zuwiderhandelt, betrachtet sich vor Gott als verantwortlich und glaubt, dass sie für ihre Sünde Gottes Zorn und Strafe verdient. Seltsamerweise meinen einige Regierungsbeamte trotz dieser Tatsache, die Bahá’í seien ihnen schlecht gesonnen, während sie die Mitglieder anderer Gemeinschaften als ihre Freunde betrachten. Gütiger Gott! Als neulich in Ṭihrán und anderen Provinzen Persiens allgemein Umsturz und Aufruhr herrschten, erwies es sich, dass nicht ein einziger Bahá’í beteiligt war oder sich eingemischt hätte. Die Unwissenden machten deshalb den Bahá’í Vorwürfe, weil diese dem Gebot der Gesegneten Schönheit folgten und sich von jeglicher Einmischung in politische Angelegenheiten fernhielten. Sie schlossen sich keiner Partei an, sondern gingen, mit ihren eigenen Angelegenheiten und ihren Berufen beschäftigt, ihren Pflichten nach.
225:30
Alle Freunde Gottes bezeugen die Tatsache, dass ‘Abdu’l-Bahá für alle Regierungen und Nationen von jedem Standpunkt aus nur das Beste will und aufrichtig für ihren Fortschritt betet, ganz besonders für die beiden großen Staaten des Ostens; denn diese beiden Länder sind das Geburtsland und der Verbannungsort Bahá’u’lláhs. In allen Botschaften und Schriften hat Er diese beiden Regierungen lobend erwähnt und göttliche Bestätigungen von der Schwelle des einen wahren Gottes für sie erfleht. Die Schönheit Abhá – möge mein Leben ein Opfer für Seine Geliebten sein – brachte für Ihre Kaiserlichen Majestäten Gebete dar. Gnädiger Gott! Wie seltsam: Ungeachtet dieser schlüssigen Beweise bringt jeder neue Tag irgendein Geschehnis, und Schwierigkeiten treten auf. Aber wir und die Freunde Gottes sollten unter keinen Umständen nachlassen in unserem Bemühen, loyal, aufrichtig und wohlwollend zu sein. Wir sollten allezeit unsere Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zeigen. Mehr noch: Wir müssen unerschütterlich bleiben in unserer Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit und uns damit befassen, Gebete zum Wohle aller darzubringen.
225:31
O ihr Geliebten Gottes, dies sind die Tage der Standhaftigkeit, der Festigkeit und der Ausdauer in der Sache Gottes. Ihr dürft eure Aufmerksamkeit nicht auf die Person ‘Abdu’l-Bahás richten, denn binnen kurzem wird er euch Lebewohl sagen. Ihr müsst euer Augenmerk vielmehr fest auf Gottes Wort richten. Wenn das Wort Gottes gefördert wird, seid froh, glücklich und dankbar, selbst wenn ‘Abdu’l-Bahá vom Schwert bedroht oder von Ketten und Fesseln niedergedrückt ist. Denn wichtig ist der heilige Tempel der Sache Gottes, nicht ‘Abdu’l-Bahás leibliche Gestalt. Die Freunde Gottes müssen sich mit solcher Standhaftigkeit erheben, dass sie auch dann, wenn einmal hundert Seelen wie ‘Abdu’l-Bahá zur Zielscheibe für die Schmerzenspfeile werden, in ihrem Entschluss, ihrer Entschiedenheit, ihrer Begeisterung, ihrer Hingabe und ihrem Dienst an der Sache Gottes nicht wanken. ‘Abdu’l-Bahá selbst ist ein Diener an der Schwelle der Gesegneten Schönheit, ein Ausdruck reiner, gänzlicher Dienstbarkeit an der Schwelle des Allmächtigen. Er hat keine andere Stufe und keinen anderen Titel, keinen anderen Rang und keine Macht. Das ist mein höchstes Ziel, mein ewiges Paradies, mein heiligster Tempel, mein Sadratu’l-Muntahásiehe Anm. 50 zu 32:2 – Anm. d. Hrsg.A. Mit der Gesegneten Schönheit Abhá und mit dem Erhabenen, Seinem Herold – möge mein Leben ein Opfer für beide sein – endete die Erscheinung von Gottes unabhängiger, allumfassender Manifestation. In den nächsten tausend Jahren werden alle von Seinem Licht erleuchtet und vom Meer Seiner Gnadengaben belebt.
225:32
O ihr Geliebten Gottes! Dies ist in Wahrheit mein letzter Wunsch und meine Ermahnung an euch. Selig ist, wer mit Gottes Hilfe dem folgt, was verzeichnet ist auf dieser Schriftrolle, deren Worte geheiligt sind über die Sinnbilder, die bei den Menschen im Schwange sind.
226
226:1
O du Diener Gottes! Dein Brief kam an und brachte Freude. Du hast darin deinen heißen Wunsch geäußert, dass ich dem Friedenskongress beiwohnen soll. Ich erscheine nicht zu solchen politischen Konferenzen; denn der Frieden kann nur durch die Macht des Wortes Gottes errichtet werden. Wenn eine Konferenz einberufen wird, die alle Nationen vertritt und unter dem Einfluss des Wortes Gottes arbeitet, dann wird der Weltfriede errichtet; andernfalls ist das unmöglich.
226:2
Gegenwärtig wird mit Sicherheit ein vorläufiger Friede errichtet, aber er wird nicht von Dauer sein. Alle Regierungen und Nationen sind den Krieg leid, die Reisebeschränkungen, die unermesslichen Ausgaben, den Verlust an Menschenleben, den Schmerz der Frauen, die vielen Waisenkinder. So sind sie zum Frieden gezwungen. Aber dieser Friede ist nicht von Dauer, er ist zeitlich begrenzt.
226:3
Wir hoffen, dass die Macht des Gotteswortes einen Frieden errichten wird, der ewig wirksam und sicher bleibt.
227Dies ist der erste Teil der Antwort ‘Abdu’l-Bahás auf einen Brief, den der Exekutivausschuß der Zentralorganisation für einen dauernden Frieden [, eine private, 1915 im Haag gegründete Initiative engagierter Friedensfreunde, an Ihn gerichtet hatte]. ‘Abdu’l-Bahás Brief vom 17. Dezember 1919, den Shoghi Effendi als ein »Sendschreiben von weittragender Bedeutung« bezeichnet (Gott geht vorüber, 1974–131, S. 350), wurde 1920 von einer besonderen Bahá’í-Delegation im Haag übergeben. [Vgl. ‘Abdu’l-Bahá, Der Weltfrieden-Vertrag. Ein Brief an die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden, Hofheim-Langenhain 1988–145.A
227:1
O ihr Hochgeehrten, die ihr Pioniere seid unter den Wohltätern der Menschenwelt!
227:2
Die Briefe, die ihr während des Kriegs abgesandt habt, sind nicht eingetroffen, aber ein Brief vom 11. Februar 1916 hat mich soeben erreicht, und darauf folgt sofort eine Antwort. Eure Absicht verdient tausendfältiges Lob; denn ihr dient der Menschenwelt, und dies führt zu aller Glück und Wohlergehen. Dieser jüngstvergangene Krieg hat der Welt und dem Volk bewiesen, dass Krieg Vernichtung ist, Weltfrieden dagegen Aufbau. Krieg ist Tod, Frieden hingegen Leben. Krieg ist Raubsucht und Blutgier, Frieden indessen Wohltat und Menschlichkeit; Krieg gehört der Welt der Natur an, Frieden aber zur Grundlage der Religion Gottes; Krieg ist Finsternis über Finsternis, während Frieden himmlisches Licht ist; Krieg zerstört den Bau der Menschheit, während Frieden der Menschenwelt ewiges Leben ist; Krieg ist wie ein reißender Wolf, Frieden aber den Engeln des Himmels gleich; Krieg ist Kampf ums Dasein, während Frieden gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit unter den Völkern der Welt ist und das Wohlgefallen des Einen Wahren im himmlischen Reiche herbeiführt.
227:3
Es gibt keine Seele, deren Gewissen nicht bezeugte, dass es heutigen Tages nichts Wichtigeres auf der Welt gibt als den Weltfrieden. Jeder Gerechte bestätigt dies und bewundert jene geehrte Versammlung; denn sie verfolgt das Ziel, diese Finsternis in Licht, diesen Blutdurst in Güte, diese Folter in Wonne, diese Mühsal in Behagen und diese Feindschaft, diesen Hass in Freundschaft und Liebe zu verwandeln. Daher ist die Bemühung jener geachteten Seelen des Preises und des Lobes wert.
227:4
Der wesenhaften Beziehungen gewahr, die von den Wirklichkeiten der Dinge ausgehen, bedenken weise Seelen jedoch, dass eine einzelne Sache für sich die menschliche Wirklichkeit nicht so beeinflussen kann, wie es sein sollte und müsste; denn ehe die Menschen in ihrer Gesinnung geeinigt werden, lässt sich nichts Wichtiges bewerkstelligen. Heute ist der Weltfriede von großer Bedeutung, aber die Einheit des Gewissens ist dabei wesentlich, damit des Friedens Grundlage gesichert, sein Gefüge fest und sein Bau stark sei.
227:5
Darum erläuterte Bahá’u’lláh vor fünfzig Jahren die Frage des Weltfriedens zu einer Zeit, als Er in der Festung ‘Akká in strenger Haft Unrecht erduldete und eingekerkert war. Er schrieb über diese wichtige Angelegenheit, den Weltfrieden, an alle großen Herrscher der Welt und verwirklichte ihn im Kreise Seiner Freunde im Orient. Des Ostens Horizont war in tiefes Dunkel gehüllt, die Völker standen sich in Hass und Feindschaft gegenüber, die religiösen Gruppen lechzten nach dem Blut der anderen – es herrschte Finsternis über Finsternis. Zu solcher Zeit erstrahlte Bahá’u’lláh der Sonne gleich vom Horizont des Ostens und erhellte Persien mit dem Licht dieser Lehren.
227:6
Eine Seiner Lehren war die Erklärung des Weltfriedens. Menschen verschiedener Völker, Religionen und Sekten, die Ihm nachfolgten, kamen sich derart nahe, dass bemerkenswerte Versammlungen zustande kamen, die aus den verschiedenen Völkern und Religionen des Ostens zusammengesetzt waren. Wer solche Versammlungen besuchte, sah nur ein Volk, eine Lehre, einen Pfad, eine Ordnung; denn Bahá’u’lláhs Lehren waren ja nicht auf die Errichtung des Weltfriedens beschränkt; sie umfassten viele Lehren, welche die des Weltfriedens ergänzten und stützten.
227:7
Eine dieser Lehren ist das selbständige Erforschen der Wirklichkeit, so dass die Menschenwelt aus dem Dunkel der Nachahmung errettet werde und zur Wahrheit gelange, dass sie das zerlumpte, abgetragene Kleid von vor tausend Jahren abreiße und wegwerfe und ein Gewand anlege, welches in höchster Reinheit und Heiligkeit auf dem Webstuhl der Wirklichkeit gewoben ist. Da es nur eine Wirklichkeit gibt, die keine Vieldeutigkeit zulässt, müssen unterschiedliche Ansichten schließlich in einer aufgehen.
227:8
Eine der Lehren Bahá’u’lláhs ist die Einheit der Menschenwelt. Alle Menschen sind Gottes Schafe, und Er ist der gütige Hirte. Dieser Hirte ist gut zu allen Schafen, denn Er schuf sie alle, erzog sie, sorgte für sie und beschützte sie. Es besteht kein Zweifel, dass der Hirte gütig zu allen Schafen ist; sind Unwissende darunter, so müssen sie belehrt werden; sind Kinder darunter, so müssen sie erzogen werden, bis sie die Reife erlangen; sind Kranke darunter, so müssen sie geheilt werden. Hass und Feindschaft darf es nicht geben. Wie von einem gütigen Arzt müssen diese Unwissenden, diese Kranken behandelt werden.
227:9
Eine weitere Lehre Bahá’u’lláhs ist, dass Religion zu Freundschaft und Liebe führen muss. Bewirkt sie Entfremdung, dann bedarf man ihrer nicht; denn Religion ist wie eine Arznei: Verschlimmert sie das Leiden, dann wird sie unnötig.
227:10
Unter Bahá’u’lláhs Lehren finden wir ferner, dass Religion mit Wissenschaft und Vernunft in Einklang sein muss, so dass sie auf die Menschenherzen wirkt. Die Grundlage muss festgefügt sein und darf nicht auf Nachahmung beruhen.
227:11
Eine andere Lehre Bahá’u’lláhs ist, dass religiöse, rassische, politische, wirtschaftliche und vaterländische Vorurteile den Bau der Menschheit zerstören. Solange diese Vorurteile herrschen, wird die Menschenwelt keine Ruhe finden. Über einen Zeitraum von sechstausend Jahren berichtet uns die Weltgeschichte. Während dieser sechstausend Jahre war die Menschenwelt nie frei von Krieg, Streit, Mord und Blutgier. Zu jeder Zeit wurde in diesem oder jenem Land Krieg geführt; der Krieg entstand entweder aus religiösem Vorurteil oder aus rassischem Vorurteil, aus politischem Vorurteil oder aus vaterländischem Vorurteil. So ist gesichert und erwiesen, dass alle Vorurteile den Bau der Menschheit zerstören. Solange diese Vorurteile weiterbestehen, muss der Kampf ums Dasein vorherrschen, müssen Blutdurst und Raubgier fortdauern. Deshalb kann die Menschheit, wie in der Vergangenheit so auch heute, nur dann aus der Finsternis der Erdgebundenheit errettet werden und Erleuchtung empfangen, wenn sie Vorurteile ablegt und die Tugenden des Gottesreiches erwirbt.
227:12
Gehen Vorurteile und Feindseligkeiten auf das Konto der Religion, so bedenkt, dass die Religion zu Freundschaft führen muss; andernfalls ist sie unnütz. Und ist das Vorurteil nationaler Art, so bedenkt, dass alle Menschen einer Nation angehören. Alle sind dem Baume Adams entsprossen; Adam ist die Wurzel des Baumes. Der Baum ist einer, alle Völker sind wie Äste, während die einzelnen Menschen den Blättern, Blüten und Früchten daran gleichen. So sind die Bildung verschiedener Nationen und in der Folge alles Blutvergießen und alle Zerstörung am Bau der Menschheit nur menschlicher Unwissenheit und eigennützigen Beweggründen entsprungen.
227:13
Was das vaterländische Vorurteil betrifft, so entstammt auch dieses völliger Unwissenheit, denn der Erdkreis ist ein Heimatland. Jeder Mensch kann an jedem beliebigen Ort des Erdballs leben. Darum ist die ganze Welt des Menschen Vaterstadt. Grenzlinien und Grenzübergänge wurden durch den Menschen ersonnen. In der Schöpfung sind keine solchen Grenzen und Hoheitsgebiete festgeschrieben. Europa ist ein einziger Erdteil, Asien ist ein Erdteil, Afrika ist ein Erdteil, Australien ist ein Erdteil, aber einige Seelen haben aus persönlichen Beweggründen, aus Eigennutz, jeden dieser Erdteile zerteilt und einen bestimmten Teil als ihr eigenes Land betrachtet. Gott hat keine Grenze zwischen Frankreich und Deutschland gezogen: Sie gehen ineinander über. Fürwahr, in den ersten Jahrhunderten haben selbstsüchtige Seelen um ihrer eigenen Vorteile willen Grenzen und Übergänge geschaffen und ihnen Tag für Tag mehr Gewicht beigelegt, bis dies schließlich in den späteren Jahrhunderten zu heftiger Feindschaft, zu Blutvergießen und Raubgier führte. So wird es unaufhörlich weitergehen, und wenn der Gedanke der Vaterlandsliebe auf einen engen Kreis beschränkt bleibt, wird er die Hauptursache der Weltzerstörung sein. Kein kluger, gerechter Mensch wird diese eingebildeten Unterscheidungen anerkennen. Eine begrenzte Fläche, welche wir unser Vaterland nennen, betrachten wir als unsere Heimat, wo doch der ganze Erdball, nicht eine begrenzte Fläche, die Heimat aller ist. Kurz gesagt: Nur wenige Tage leben wir auf dieser Erde; schließlich werden wir darin bestattet, sie ist unser ewiges Grab. Ist dieses ewige Grab es wert, dass wir Menschenblut vergießen und einander in Stücke reißen? Nein, keineswegs: Weder ist Gott erfreut über ein solches Verhalten, noch kann es ein Mensch mit gesundem Verstand gutheißen.
227:14
Überlegt: Die glückseligen Tiere lassen sich nie in einen vaterländischen Streit ein, sie leben in bester Kameradschaft einmütig miteinander. Kommen zum Beispiel eine Taube aus dem Osten, eine Taube aus dem Westen, eine Taube aus dem Norden und eine Taube aus dem Süden zufällig zur gleichen Zeit an einem Platze zusammen, so gesellen sie sich alsbald einträchtig zueinander. So ist es bei allen glückseligen Tieren und Vögeln. Die Raubtiere aber greifen einander an, sobald sie sich treffen, kämpfen miteinander und reißen sich in Stücke. Es ist ihnen unmöglich, friedlich am selben Ort zusammenzuleben. Sie sind alle ungesellig, grausam, wild und kampflustig.
227:15
Betrachtet man das wirtschaftliche Vorurteil, so tritt klar zu Tage, dass dann, wenn man die Verbindungen zwischen den Völkern festigt und den Warenaustausch beschleunigt, jedes wirtschaftliche Prinzip, das man in einem Land durchsetzt, schließlich die anderen Länder beeinflusst und allgemeinen Nutzen stiftet. Wozu also dieses Vorurteil?
227:16
Was nun das politische Vorurteil betrifft, so muss Gottes Politik befolgt werden, und es ist unbestreitbar, dass Gottes Politik größer ist denn menschliche Politik. Wir müssen der göttlichen Politik folgen, sie gilt gleichermaßen für alle. Gott behandelt alle Menschen gleich: Kein Unterschied wird gemacht. Dies ist die Grundlage der göttlichen Religionen.
227:17
Eine weitere Lehre Bahá’u’lláhs ist die Schaffung einer Sprache, die weltweit im Volk verbreitet werden kann. Die Feder Bahá’u’lláhs offenbarte diese Lehre, damit die Weltsprache Missverständnisse zwischen den Menschen beseitige.
227:18
Eine Lehre Bahá’u’lláhs ist ferner die Wesensgleichheit von Frauen und Männern. Die Menschenwelt hat zwei Flügel: Den einen bilden die Frauen, den anderen die Männer. Erst wenn beide Flügel gleichmäßig entwickelt sind, kann der Vogel fliegen. Bleibt ein Flügel schwächlich, so ist kein Flug möglich. Erst wenn die Frauenwelt der Männerwelt im Erwerb von Tugenden und Vollkommenheiten gleichkommt, sind Erfolg und Gedeihen so erreichbar, wie es sein soll.
227:19
Eine weitere Lehre Bahá’u’lláhs ist das freiwillige Teilen des Eigentums mit anderen unter der ganzen Menschheit. Dieses freiwillige Teilen übertrifft die Wesensgleichheit; es bedeutet, dass der Mensch sich selbst nicht anderen vorziehen, vielmehr sein Leben und sein Eigentum für andere opfern soll. Dies soll aber nicht zwangsweise eingeführt und ein Gesetz werden, das der Mensch gezwungenermaßen befolgen muss. Im Gegenteil soll der Mensch aus freiem Antrieb, auf selbstgewähltem Opfergang, Eigentum und Leben für andere hingeben und willig den Armen spenden, wie es in Persien unter den Bahá’í geschieht.
227:20
Eine weitere Lehre Bahá’u’lláhs ist des Menschen Freiheit: Durch die geistige Macht soll er frei werden und sich der Verhaftung in der natürlichen Welt entledigen. Denn solange der Mensch in der Natur gefangen liegt, ist er ein Raubtier, da der Kampf ums Dasein zu den Bedürfnissen der Naturwelt gehört. Dieser Kampf ums Dasein ist der Ursprung allen Elends und die höchste Not.
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