‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
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21:14
Daher ist klar, dass die wesenhafte Wirklichkeit Gottes in Seinen Vollkommenheiten offenbar wird; die mit ihren Vollkommenheiten im Spiegel widergespiegelte Sonne ist eine sichtbare Wesenheit, die Gottes Güte klar zum Ausdruck bringt.
21:15
Ich hoffe, dass du dir ein scharfes Auge, ein vernehmendes Ohr erwirbst und dass die Schleier vor deinem Auge entfernt werden.
22
22:1
O du, der du dein Angesicht Gott zuwendest! Schließe deine Augen für alles andere und öffne sie dem Reiche des Allherrlichen. Nur von Ihm erbitte, was immer du wünschst, nur bei Ihm suche, was immer du suchst. Mit einem Blick erhört Er hunderttausend Hoffnungen, mit einem Lichtstrahl heilt Er hunderttausend unheilbare Krankheiten, mit einem Nicken legt Er Balsam auf jede Wunde, mit einem Augenaufschlag befreit Er die Herzen aus den Ketten des Leids. Er tut, was Er tut, und welche Zuflucht bleibt uns? Er vollzieht Seinen Willen. Er verordnet, was Ihm beliebt. So ist es besser für dich, dein Haupt in Ergebenheit zu beugen und dein Vertrauen in den allbarmherzigen Herrn zu setzen.
23
23:1
O du, der du nach Wahrheit suchst! Dein Brief vom 13. Dezember 1920 ist angekommen.
23:2
Seit den Tagen Adams bis heute wurden die Religionen Gottes offenbart; eine folgte der andern, und jede erfüllte ihre Aufgabe, belebte die Menschheit, gab ihr Erziehung und Erleuchtung. Sie erlösten das Volk aus dem Dunkel der stofflichen Welt und führten es in den Glanz des Gottesreiches. Jeder nachfolgende Glaube, jedes neu offenbarte Gesetz blieb jahrhundertelang ein überaus fruchtbarer Baum, dem das Glück der Menschheit anvertraut war. Aber im Laufe der Jahrhunderte alterte er, blühte nicht mehr und brachte keine Frucht mehr hervor. Deshalb wurde er wieder verjüngt.
23:3
Gottes Religion ist eine einzige Religion, aber sie muss immer wieder erneuert werden. Moses zum Beispiel wurde zu den Menschen gesandt; Er gab ein Gesetz, und durch dieses Mosaische Gesetz wurden die Kinder Israels aus ihrer Unwissenheit befreit und ins Licht geführt. Sie wurden aus ihrem Elend emporgehoben und erlangten unvergängliche Herrlichkeit. Und doch, als die langen Jahre vergingen, verblasste dieser Glanz, die Pracht verschwand, der helle Tag wurde zur Nacht, und als die Nacht stockdunkel war, ging der Stern des Messias auf, so dass wieder eine Herrlichkeit über der Welt leuchtete.
23:4
Was wir sagen wollen, ist folgendes: Es gibt nur eine Religion Gottes. Sie ist die Erzieherin der Menschheit, aber sie muss erneuert werden. Wenn du einen Baum pflanzt, wächst er Tag für Tag. Er blüht, bekommt Blätter und saftige Früchte. Nach langer Zeit aber wird er alt und trägt keine Frucht mehr. Dann nimmt der Gärtner der Wahrheit Samen von ebendiesem Baum und legt ihn in unverbrauchte Erde. Und siehe! Bald steht da der erste Baum, genauso wie er vordem war.
23:5
Bedenke sorgfältig, dass in dieser Welt des Seins alle Dinge immer wieder erneuert werden müssen. Schau dich um in der stofflichen Welt, sieh, wie sie jetzt erneuert wird. Die Gedankenwelt verändert sich, die Lebensweise wandelt sich, Wissenschaften und Künste zeigen neue Kraft, Entdeckungen und Erfindungen werden gemacht, neue Erkenntnisse gewonnen. Wie könnte da eine so lebensnotwendige Kraft wie die Religion – die Garantin für die großen Fortschritte der Menschheit, das Mittel zur Erlangung ewigen Lebens, die Hebamme unbegrenzter Vollkommenheit, das Licht beider Welten – nicht erneuert werden? Das wäre mit der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn unvereinbar.
23:6
Religion ist im Übrigen keine Ansammlung von Glaubenssätzen oder Bräuchen; Religion ist die Lehre Gottes, des Herrn, eine Lehre, die das Leben der Menschheit begründet, dem Verstand erhabene Gedanken eingibt, den Charakter veredelt und den Grundstock legt für des Menschen ewige Ehre.
23:7
Denke darüber nach: Können diese Fieberschauer in der Welt der Gedanken, diese Feuerstürme des Krieges und des Hasses, der Empörung und Bosheit unter den Nationen, diese gegenseitigen Angriffe der Völker, welche die Ruhe der ganzen Welt zerstören, jemals mit einem anderen Mittel beseitigt werden als mit den Lebenswassern der Lehren Gottes? Nein, niemals!
23:8
Und das ist klar: Eine Kraft, hoch über den Naturkräften, muss notwendigerweise wirksam werden, damit dieses schwarze Dunkel in Licht, dieser Hass und diese Bosheit, dieser Neid und Groll, diese endlosen Kämpfe und Kriege in Freundschaft und Liebe unter den Völkern der Erde verwandelt werden. Solche Kraft ist nichts anderes als der Odem des Heiligen Geistes und der mächtige Zustrom von Gottes Wort.
24
24:1
O du geistiger Jüngling! Preise Gott, dass du den Weg zum Reich des Strahlenglanzes gefunden, den Schleier leeren Wahns zerrissen und den Kern des verborgenen Geheimnisses erkannt hast.
24:2
Das ganze Erdenvolk hat sich im Reich des Verstandes einen eigenen Gott ausgemalt, und dieses selbstgemachte Bildnis beten sie an. Aber dieses Bildnis wird begriffen; der menschliche Verstand begreift es, und gewiss ist das Begreifende größer als das, was in seinem Begriffsvermögen liegt; denn das Vorstellungsvermögen ist nur der Ast, der Verstand aber die Wurzel, und die Wurzel ist wahrlich bedeutender als der Ast. Bedenke, wie alle Völker der Welt das Knie beugen vor einem Trugbild, das sie selbst ersonnen haben, wie sie in ihrem eigenen Verstand einen Schöpfer geschaffen haben, den sie Gestalter alles Seienden nennen; in Wahrheit ist er bloße Einbildung. So beten die Menschen nur eine irrige Wahrnehmung an.
24:3
Aber jenes Wesen aller Wesen, jener Unsichtbarste aller Unsichtbaren ist geheiligt über alle menschliche Spekulation und kann niemals vom Verstand des Menschen erreicht werden. Niemals wird diese urewige Wirklichkeit in der Sphäre eines abhängigen Wesens wohnen. Sein ist ein anderes Reich, und dieses Reich kann keiner begreifen. Keinen Zugang gibt es; jeglicher Eintritt ist verboten. Als Äußerstes kann man sagen, dass Seine Existenz beweisbar ist, aber die Bedingungen Seines Daseins sind unbekannt.
24:4
Dass es ein solches Wesen gibt, haben die Philosophen und Gelehrten allesamt erkannt; aber wenn sie versuchten, etwas über Sein Wesen zu erfahren, wurden sie bestürzt und entmutigt, um schließlich hoffnungslos verzweifelt ihrer Wege zu gehen und aus diesem Leben zu scheiden. Denn um den Zustand und das innere Mysterium dieses Wesens aller Wesen, dieses geheimsten aller Geheimnisse zu begreifen, muss man andere Kräfte und Fähigkeiten besitzen. Solche Kräfte und Fähigkeiten wären mehr, als das Menschengeschlecht tragen könnte. Deshalb kann kein Wort von Ihm zu den Menschen gelangen.
24:5
Wenn beispielsweise jemandem die Sinne des Gehörs, Geschmacks, Geruchs und Gefühls verliehen sind, ihm aber das Augenlicht fehlt, wird es ihm nicht möglich sein umherzublicken. Denn man kann nicht sehen, indem man hört oder schmeckt, riecht oder tastet. So ist es auch dem Menschen mit seinen Fähigkeiten unmöglich, die unsichtbare Wirklichkeit zu begreifen, die heilig und erhaben ist über alle Zweifel der Skeptiker. Dafür sind andere Fähigkeiten, andere Sinne vonnöten. Wenn der Mensch solche Kräfte erlangt, kann er von jener Welt Kenntnisse erhalten, andernfalls nie.
25
25:1
O du Dienerin Gottes! Die östliche Geschichtsschreibung berichtet, dass Sokrates Palästina und Syrien bereiste und sich dort von gotteskundigen Männern bestimmte geistige Wahrheiten aneignete; nach Griechenland zurückgekehrt, verkündete er zwei Glaubenswahrheiten: zum einen die Einheit Gottes, zum anderen die Unsterblichkeit der Seele nach ihrer Trennung vom Leibe. Wie weiter berichtet wird, waren diese Vorstellungen den Griechen und ihrer Gedankenwelt so fremd, dass große Verwirrung entstand, bis sie ihm schließlich Gift gaben und ihn töteten.
25:2
Das ist authentisch; denn die Griechen glaubten an viele Götter. Sokrates wies nach, dass Gott einzig ist, und das stand offensichtlich in Widerspruch zu griechischen Glaubenslehren.
25:3
Der Begründer des Monotheismus war Abraham. Bis zu Ihm kann diese Vorstellung zurückverfolgt werden, und der Glaube daran herrschte unter den Kindern Israels auch in den Tagen des Sokrates.
25:4
Diese Ausführungen finden sich jedoch nicht in den jüdischen Geschichtsquellen; es gibt viele Tatsachen, die die jüdische Geschichte nicht wiedergibt. Nicht alle Ereignisse aus dem Leben Christi sind in der Chronik des Juden JosephusFlavius Josephus (37/38–100 n.Chr.) schrieb eine zwanzigbändige Geschichte der Juden in griechischer Sprache – Anm. d. Hrsg.A dargestellt, obwohl er die Geschichte der Zeit Christi niederschrieb. Deshalb kann man es aber nicht ablehnen, die Ereignisse in den Tagen Christi für wahr zu halten, mit der Begründung, dass sie in der Darstellung des Josephus nicht erwähnt werden.
25:5
Östliche Geschichtswerke führen auch aus, dass Hippokrates lange Zeit in Tyrus, einer Stadt in Syrien, weilte.
26
26:1
O du, der du das Himmelreich suchst! Dein Brief ist angekommen, sein Inhalt wurde zur Kenntnis genommen.
26:2
Die heiligen Manifestationen Gottes nehmen zwei Stufen ein: Die eine ist ihre leibliche Stufe, die andere ihre geistige. Mit anderen Worten, eine Stufe ist die eines menschlichen Wesens, die andere die der göttlichen Wirklichkeit. Wenn die Manifestationen Prüfungen unterworfen sind, betrifft das nur ihre menschliche Stufe, nicht den Glanz ihrer göttlichen Wirklichkeit.
26:3
Auch handelt es sich nur aus dem Blickwinkel der Menschen um Prüfungen. Das heißt, dem äußeren Anschein nach ist das Menschliche der heiligen Manifestation Prüfungen ausgesetzt, und wenn dadurch ihre Stärke und Ausdauer in aller Kraftfülle offenbar werden, ziehen andere Menschen daraus Lehren; es wird ihnen bewusst, wie groß ihre eigene Standfestigkeit und ihre Geduld in Prüfungen und Drangsalen sein müssen. Denn der göttliche Erzieher muss durch Wort und Tat lehren, um allen den geraden Pfad der Wahrheit vor Augen zu führen.
26:4
Was meine Stufe betrifft, ist es die des Dieners Bahás: ‘Abdu’l-Bahá, der sichtbare Ausdruck der Dienstbarkeit an der Schwelle der Schönheit Abhá.
27
27:1
In den vergangenen Zyklen hatte jede Manifestation Gottes in der Welt des Daseins ihren eigenen Rang; jede vertrat eine Stufe der Menschheitsentwicklung. Die Manifestation des Größten Namens jedoch – möge mein Leben ein Opfer für Seine Geliebten sein – war Ausdruck für das Mündigwerden, die Reife der innersten Wirklichkeit des Menschen in dieser Welt des Seins, ist doch die Sonne Quell und Ursprung von Licht und Wärme, Brennpunkt des Strahlenglanzes, umfasst sie doch alle Vollkommenheiten der anderen über der Welt aufgegangenen Sterne. Bemühe dich, deinen Platz unter der Sonne einzunehmen und reichen Anteil an ihrem blendenden Lichte zu empfangen. Wahrlich, ich sage dir: Hast du diese Stufe erreicht, so wirst du die Heiligen schauen, wie sie ihr Haupt voll Demut vor Ihm beugen. Eile zum Leben, bevor der Tod kommt, eile dem Frühling entgegen, bevor der Herbst einzieht, und bevor die Krankheit zuschlägt, eile du zur Heilkunst – auf dass du ein Arzt des Geistes werdest, der in diesem gepriesenen, diesem herrlichen Zeitalter alle Arten von Krankheiten mit dem Odem des Heiligen Geistes heilt.
28
28:1
O du Blatt am Baume des Lebens! Der in der Bibel erwähnte Baum des Lebens ist Bahá’u’lláh, und die Töchter des Königreiches sind die Blätter an diesem gesegneten Baum. Darum danke Gott, dass du mit diesem Baum verbunden bist und zart und frisch heranwächst.
28:2
Weit stehen die Tore des Königreiches offen; jede begnadete Seele sitzt an der Festtafel des Herrn und empfängt ihren Anteil an dem himmlischen Festmahl. Gelobt sei Gott, auch du bist an dieser Tafel zugegen und nimmst deinen Anteil von der gnadenreichen Speise des Himmels. Du dienst dem Reiche Gottes und bist wohl vertraut mit den süßen Düften des Paradieses Abhá.
28:3
So strebe denn mit aller Kraft danach, die Menschen zu führen, und iss vom Brot, das vom Himmel herabkam. Denn dies ist die Bedeutung der Worte Christi: »Ich bin das lebendige Brot, welches herabkam vom Himmel…; wer von diesem Brote isst, wird ewig leben.«Joh. 6:51, 6:58.Q
29
29:1
O du, den die Wahrheit fesselt und das Himmelreich wie ein Magnet anzieht! Dein langer Brief kam an und brachte große Freude, weil er deine eifrigen Bemühungen und hohen Absichten klar zum Ausdruck bringt. Preis sei Gott, du wünschst den Menschen Gutes, verlangst nach dem Reiche Bahás und sehnst dich, das Menschengeschlecht vorwärtsdrängen zu sehen. Ich hoffe, du wirst durch diese hohen Ideale, diese edlen Regungen des Herzens und diese frohen Botschaften des Himmels so hell erstrahlen, dass deine Liebe zu Gott durch alle Zeitalter hindurch das Licht ihrer Herrlichkeit verströmen wird.
29:2
Du hast dich als Schüler in der Schule geistigen Fortschritts bezeichnet. Wie glücklich bist du! Wenn diese Schulen des Fortschritts zur Universität des Himmels hinführen, dann werden Wissenszweige entwickelt, die der Menschheit die Tafel des Seins als eine sich endlos entfaltende Schriftrolle enthüllen werden. Und alle erschaffenen Dinge werden auf dieser Rolle als Buchstaben und Wörter erscheinen. Dann werden die verschiedenen Ebenen der Bedeutung erlernt; in jedem Atom des Weltalls werden die Zeichen der Einheit Gottes bezeugt. Dann wird der Mensch den Herrn des Königreiches rufen hören und erfahren, wie die Bestätigungen des Heiligen Geistes ihm zu Hilfe eilen. Dann wird er solche Seligkeit fühlen, solches Entzücken, dass ihn die große, weite Welt nicht länger fassen kann; er wird sich vielmehr aufmachen in das Reich Gottes und zu den Gefilden des Geistes eilen. Denn wenn einem Vogel die Flügel gewachsen sind, bleibt er nicht länger auf dem Boden sitzen, sondern schwingt sich auf in den hohen Himmel – ausgenommen die Vögel, die am Bein festgebunden sind, deren Flügel gebrochen oder mit Schlamm besudelt sind.
29:3
O du Wahrheitssucher! Die Welt des Königreiches ist nur eine Welt. Der einzige Unterschied ist, dass der Frühling immer wiederkehrt und bei allem Erschaffenen eine große neue Erregung bewirkt. Dann beleben sich Ebenen und Hügel, die Bäume grünen zart, Blätter, Blüten und Früchte kommen in ihrer Schönheit zum Vorschein, in unendlicher Fülle und Feinheit. So sind die Sendungen vergangener Zeitalter eng verbunden mit denen, die ihnen folgen: Sie sind in der Tat ein und dieselbe. Aber wie die Welt wächst, so wächst auch das Licht und der Regenguss himmlischer Gnade; und dann scheint die Sonne im mittäglichen Glanz.
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