‘Abdu’l-Bahá | Briefe und Botschaften
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70:4
Die Ereignisse, die bekannt geworden sind, wurden alle vor fünfzig Jahren aufgezeichnet in Bahá’u’lláhs Sendschreiben, die gedruckt, veröffentlicht und in aller Welt verbreitet wurden. Bahá’u’lláhs Lehren sind das Licht des Zeitalters und der Geist des Jahrhunderts. Erklärt sie einzeln bei jeder Zusammenkunft. Die erste ist das Suchen nach Wahrheit, die zweite die Einheit der Menschheit, die dritte der Weltfrieden, die vierte die Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und göttlicher Offenbarung, die fünfte das Ablegen rassischer, religiöser, weltlicher und politischer Vorurteile, welche die Grundlage der Menschheit zerstören, die sechste ist Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit, die siebte ist die Hebung der Sittlichkeit und himmlische Erziehung, die achte ist die Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter, die neunte ist die Verbreitung von Wissen und Erziehung, die zehnte betrifft wirtschaftliche Fragen und so weiter und so fort. Strebet danach, dass die Seelen zum Lichte der Führung gelangen und sich an den Saum Bahá’u’lláhs klammern.
70:5
Der Brief, den du beigelegt hast, wurde durchgelesen. Wenn des Menschen Seele geläutert und gereinigt ist, werden geistige Bande geknüpft, und von diesen Banden kommen Empfindungen, die das Herz fühlt. Das Herz des Menschen gleicht einem Spiegel. Ist der Spiegel rein, so stellen sich die Herzen aufeinander ein und spiegeln sich gegenseitig; so werden geistige Gefühle erzeugt. Das ist wie in der Traumwelt, wenn der Mensch vom Greifbaren gelöst ist und Geistiges erfährt. Was für erstaunliche Gesetze wirken da, was für einzigartige Entdeckungen werden gemacht! Es kann sogar sein, dass ausführliche Botschaften empfangen werden…
70:6
Zum Schluss hoffe ich, dass die Freunde in Chikago vereint werden und jene Stadt erleuchten; denn in ihr ist das erste Morgenlicht der Sache Gottes erschienen, und darin liegt ihr Vorzug vor anderen Städten. Deshalb gebührt ihr besondere Achtung; vielleicht kann sie – so Gott will – von aller geistigen Not befreit werden, vollkommene Gesundheit erlangen und für Bund und Testament ein Mittelpunkt sein.
71
71:1
O du geliebte Dienerin Gottes! Dein Brief ist angekommen. Sein Inhalt belegt die Tatsache, dass die Freunde sich mit vollendeter Ausdauer und Lebenskraft um die Verbreitung der himmlischen Lehren mühen. Diese Nachricht macht sehr froh und glücklich, hat doch jedes Zeitalter einen besonderen Geist, und liegt doch der Geist dieses erleuchteten Zeitalters in den Lehren Bahá’u’lláhs; denn sie begründen die Einheit der Menschenwelt und verbreiten weltumspannende Brüderschaft. Sie beruhen auf der Einheit von Wissenschaft und Religion sowie auf dem Forschen nach Wahrheit. Sie vertreten den Grundsatz, dass die Religion Freundschaft, Einheit und Einklang unter den Menschen bewirken muss. Sie begründen die Gleichwertigkeit beider Geschlechter und vertreten wirtschaftliche Grundsätze für das Glück jedes Menschen. Sie verbreiten Erziehung, so dass jede Seele möglichst hohen Anteil am Wissen hat. Sie tilgen und beseitigen Vorurteile religiöser, rassischer, politischer, patriotischer, wirtschaftlicher und anderer Art. Diese Lehren sind überall in den Schriften und Sendschreiben zu finden; sie bringen der Menschenwelt Erleuchtung und Leben. Wer sie verbreitet, dem steht wahrlich das Reich Gottes bei.
71:2
Der Präsident der Republik, Dr. Wilson, dient in der Tat dem Reich Gottes, denn er gönnt sich keine Ruhe und bemüht sich Tag und Nacht darum, dass die Rechte aller Menschen gewahrt und gesichert seien, dass die kleinen Nationen wie die größeren in Frieden und Wohlfahrt unter dem Schutz von Recht und Gerechtigkeit leben. Dies ist in der Tat eine edle Absicht. Ich vertraue darauf, dass die unvergleichliche Vorsehung solche Seelen in jeder Lage unterstützt und bestätigt.
72
72:1
O du wahrer Freund! Lies in der Schule Gottes die Lektionen des Geistes und lerne vom Lehrer der Liebe die tiefsten Wahrheiten. Suche nach den Geheimnissen des Himmels und sprich über Gottes überströmende Gunst und Gnade.
72:2
Zwar bedeutet es den höchsten Ruhm der Menschheit, Wissenschaften und Künste zu erwerben, aber nur unter der Bedingung, dass des Menschen Strom in die mächtige See mündet und aus Gottes urewigem Quell Gottes Eingebung schöpft. Sobald das geschieht, ist jeder Lehrer ein uferloses Meer, jeder Schüler ein üppiger Springquell des Wissens. Wenn so das Streben nach Wissen zur Schönheit Dessen führt, der das Ziel allen Wissens ist, wie wunderbar ist dann die Absicht! Andernfalls mag vielleicht ein winziger Tropfen den Menschen vom Strom der Gnade fernhalten, denn mit Gelehrsamkeit gehen Hochmut und Stolz einher; das aber führt zu Irrtum und Gleichgültigkeit gegen Gott.
72:3
Die Wissenschaften von heute sind Brücken zur Wirklichkeit. Wenn sie also nicht zur Wirklichkeit führen, bleibt nur nutzlose Einbildung. Bei dem einen wahren Gott! Wenn Wissenserwerb nicht den Zugang bahnt zu Ihm, dem Alloffenbarsten, ist er nur offensichtlicher Verlust.
72:4
Es ist deine Pflicht, dir die verschiedenen Wissenszweige anzueignen und dein Antlitz der offenbaren Schönheit zuzuwenden, auf dass du ein Zeichen rettender Führung unter den Völkern der Welt seist, ein Brennpunkt des Verstehens in dieser Sphäre, von der die Weisen mit all ihrer Weisheit ausgeschlossen sind, außer denen, die das Reich des Lichtes betreten und Kunde erhalten von dem verschleierten, verborgenen Mysterium, dem wohlgehüteten Geheimnis.
73
73:1
O Tochter des Gottesreiches! Dein Brief ist angekommen. Er zeigt, dass du alle deine Gedanken darauf richtest, Licht aus den Reichen des Geheimnisses zu empfangen. Solange der Mensch seine Gedanken verzettelt, erreicht er nichts; wenn sich aber sein Denken auf einen Punkt konzentriert, werden die Früchte wundervoll sein.
73:2
Die volle Kraft des Sonnenlichts kann man nicht erhalten, wenn es auf einen flachen Spiegel fällt. Scheint die Sonne aber auf einen konkaven Spiegel oder auf eine konvexe Linse, wird ihre ganze Hitze auf einen einzigen Punkt konzentriert, und dieser eine Punkt wird am heißesten brennen. So ist es auch notwendig, unser Denken auf einen Brennpunkt zu richten, damit es zu einer wirksamen Kraft wird.
73:3
Du möchtest den Riḍván-Tag mit einem Fest begehen und die Anwesenden in Frohsinn und Freude Sendschreiben vortragen lassen. Du bittest mich, dir einen Brief zu senden, der an diesem Tag verlesen werden soll. Hier ist mein Brief:
73:4
O ihr Geliebten und ihr Dienerinnen des Gnadenvollen! Dies ist der Tag, da die Sonne der Wahrheit am Horizont des Lebens aufging, ihre Herrlichkeit verbreitete und ihren Glanz mit solcher Macht verströmte, dass sie die dichten, hochgetürmten Wolken spaltete und an den Himmeln der Welt in ihrer ganzen Lichtfülle emporstieg. So seid ihr Zeugen, wie alles Erschaffene neu sich regt.
73:5
Seht, wie an diesem Tag Wissenschaften und Künste ihren Wirkkreis ausdehnen, welche wunderbaren technischen Fortschritte gemacht werden, zu welcher Höhe sich die Verstandeskräfte erheben und was für erstaunliche Erfindungen erscheinen.
73:6
Dieses Zeitalter ist in der Tat wie hundert andere Zeitalter zusammengenommen. Wenn ihr den Gewinn von hundert Zeitaltern zusammentragt und das Gesamtergebnis unserer Zeit dagegensetzt, wird der Gewinn dieses einen Zeitalters sich größer erweisen als der von hundert vergangenen. Nehmt zum Beispiel alle Bücher zusammen, die in vergangenen Zeitaltern geschrieben wurden, und vergleicht sie mit den Büchern und Abhandlungen unserer Zeit: Die Bücher, die allein in unseren Tagen geschrieben werden, übersteigen bei weitem die Gesamtzahl der Bände aller Jahrhunderte. Seht, welch mächtigen Einfluss die Sonne der Welt auf das innerste Wesen alles Erschaffenen ausübt.
73:7
Aber weh und ach, tausendmal weh und ach! Die Augen sehen es nicht, die Ohren sind taub, die Herzen und Gemüter vergessen diese höchste Gnadengabe. Strebt mit ganzem Herzen und ganzer Seele danach, die Schlafenden zu erwecken, die Blinden sehen und die Toten auferstehen zu lassen.
74
74:1
O du Vöglein, das so lieblich die Schönheit Abhá besingt! In dieser neuen, wunderbaren Sendung wurden die Schleier des Aberglaubens zerrissen und die Vorurteile der östlichen Völker missbilligt. Die Musik wurde bei einigen östlichen Völkern als verwerflich angesehen, aber in diesem neuen Zeitalter hat das Licht der Offenbarung in Seinen heiligen Sendbriefen besonders dargelegt, dass Musik, gesungen oder gespielt, geistige Nahrung für Herz und Seele ist.
74:2
Die Musik gehört zu den Künsten, die höchstes Lob verdienen. Sie bewegt alle Herzen, die traurig sind. O Shahnáz,Shahnáz, der Name der Empfängerin dieses Sendbriefes, ist auch die Bezeichnung einer musikalischen Tonart.A spiele und singe darum die heiligen Worte Gottes in den Versammlungen der Freunde mit herrlichen Tönen, so dass die Ketten des Kummers und der Sorge von den Hörern abfallen, ihre Seelen sich vor Freude erheben und sich demütig im Gebet dem Reiche der Herrlichkeit zuwenden.
75
75:1
Strebe mit Herz und Seele danach, Einigkeit und Harmonie zwischen Schwarz und Weiß zu schaffen; zeige damit die Einheit der Bahá’í-Welt, in der es keine Unterscheidung nach Rassen gibt, sondern nur auf die Herzen geachtet wird. Preis sei Gott, denn die Herzen der Freunde sind vereint und miteinander verbunden, seien sie vom Osten oder Westen, Norden oder Süden, seien sie Deutsche, Franzosen, Japaner oder Amerikaner, gehören sie der weißen, schwarzen, roten, gelben oder braunen Rasse an. Unterschiede der Hautfarbe, der Herkunft oder Rasse haben in der Bahá’í-Religion keine Bedeutung, im Gegenteil, die Bahá’í-Einheit überwindet sie alle und lässt all diese Einbildungen verschwinden.
76
76:1
O du, der du ein erleuchtetes Herz besitzt! Du bist wie die Pupille des Auges, der wirkliche Quell des Lichtes, denn Gottes Liebe hat ihre Strahlen auf dein innerstes Sein gerichtet, und du hast dein Antlitz dem Reich deines Herrn zugewandt.
76:2
Der Hass zwischen Schwarz und Weiß sitzt in Amerika sehr tief, aber ich hoffe, dass die Macht des Königreiches diese beiden Rassen in Freundschaft verbinden und ihnen als heilender Balsam dienen wird.
76:3
Führt sie dazu, nicht auf die Hautfarbe eines Menschen zu achten, sondern auf sein Herz. Ist des Menschen Herz von Licht erfüllt, so ist er der Schwelle seines Herrn nahe, wenn nicht, ist er seinem Herrn gegenüber gleichgültig, sei er weiß oder schwarz.
77
77:1
O du verehrte Dienerin Gottes! Dein Brief aus Los Angeles ist angekommen. Danke der göttlichen Vorsehung, dass du im Dienen Beistand fandest und die Einheit der Menschenwelt verkünden konntest, so dass die düsteren Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden und die Einheit der Nationen wie ein Festzelt alle Bereiche überschattet. Ohne diese Einheit sind Ruhe und Behagen, Frieden und weltweite Aussöhnung unerreichbar. Unser erleuchtetes Jahrhundert braucht diese Erfüllung und verlangt danach. In jedem Jahrhundert wird nach den Bedürfnissen der Zeit ein besonderes, zentrales Thema von Gott bestätigt. In unserem erleuchteten Zeitalter ist es die Einheit der Menschenwelt. Jede Seele, die dieser Einheit dient, wird zweifelsohne unterstützt und bestätigt.
77:2
Ich hoffe, dass du in den Versammlungen mit einer süßen Melodie Lobpreisungen singen und allen damit Glück und Freude bringen wirst.
78
78:1
O du, der du reinen Herzens, geheiligten Geistes, unvergleichlichen Charakters und strahlenden Antlitzes bist! Dein Lichtbild ist angekommen und zeigt deine leibliche Gestalt in höchster Anmut und vollendeter Erscheinung. Du bist dunkel im Angesicht und hell im Charakter. Du bist wie die Pupille des Auges: dunkel an Farbe und doch Urquell des Lichtes und Offenbarer der abhängigen Welt.
78:2
Ich habe dich nicht vergessen, noch werde ich dich je vergessen. Ich flehe zu Gott, Er möge dich in Seiner Gnade zum Zeichen Seiner Gaben unter der Menschheit machen, dein Antlitz erleuchten mit dem Lichte solcher Segnungen, wie sie der barmherzige Herr verleiht, und dich damit für Seine Liebe auswählen in dieser Zeit, die vor allen vergangenen Jahrhunderten und Zeitaltern ausgezeichnet ist.
79
79:1
O verehrte Persönlichkeit! Ich habe Ihr Werk The Gospel of WealthEin Aufsatz aus dem Buch The Gospel of Wealth von Andrew Carnegie (1835–1919) wurde in England im Pall Mall Budget unter der Überschrift The Gospel of Wealth wiedergegeben; vgl. Andrew Carnegie, Autobiography, p. 255, [deutsch Geschichte meines Lebens (1921)].A gelesen und darin sehr zutreffende, vernünftige Empfehlungen gefunden.
79:2
Um es kurz zu fassen: Die Lehren Bahá’u’lláhs empfehlen freiwilliges Teilen, und das bedeutet mehr als den Ausgleich des Wohlstands; denn der Ausgleich muss von außen auferlegt werden, Teilen aber ist Sache der freien Wahl.
79:3
Der Mensch vervollkommnet sich durch gute Taten, die er freiwillig ausführt, nicht durch gute Taten, zu denen er gezwungen wird. Teilen ist ein persönlich gewählter Akt der Gerechtigkeit. Das heißt, die Reichen sollten den Armen Hilfe gewähren, sollten ihre Mittel für die Armen ausgeben, aber aus freien Stücken und nicht deshalb, weil die Armen dieses Ziel durch Gewalt erreichen. Denn die Ernte der Gewalt ist Aufruhr und der Zerfall der Gesellschaftsordnung. Andererseits führt freiwilliges Teilen, die frei gewählte Ausgabe der eigenen Mittel, zu Wohlfahrt und Frieden der Gesellschaft. Es erleuchtet die Welt; es verleiht der Menschheit Ehre.
79:4
Ich habe die edlen Wirkungen Ihrer Menschenfreundlichkeit in Amerika an verschiedenen Universitäten, in Friedensversammlungen und Vereinigungen zur Bildungsförderung gesehen, als ich dort von Stadt zu Stadt reiste. Deshalb bete ich für Sie, dass Sie allezeit von den Gnadengaben und Segnungen des Himmels umfangen sein mögen, um viele menschendienliche Werke in Ost und West zu vollbringen. Mögen Sie wie eine flammende Kerze im Reiche Gottes leuchten, mögen Sie Ehre und ewiges Leben erlangen, strahlend wie ein heller Stern am Horizonte der Ewigkeit.
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