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68Als nun Bahá’u’lláh über die Sache befragt wurde, gab Er zur Antwort: »Der Vorfall selbst zeigt, wie es sich mit der Angelegenheit verhält, er zeigt, daß dies die Tat eines gedankenlosen, unvernünftigen Dummkopfs ist. Denn kein vernünftiger Mensch würde seine Pistole mit Schrot laden, wenn er eine so schwerwiegende Tat plant. Zumindest würde er es so einrichten, daß das Vorhaben folgerichtig abläuft. Aus dem ganzen Geschehen geht klar und deutlich wie die Sonne hervor, daß Ich mit der Tat nichts zu tun haben kann.«
69Somit war erwiesen, daß der Attentäter seine ungeheuerliche Tat in eigener Verantwortung verübt hatte, weil er blutige Rache für seinen Meister nehmen wollte, und daß niemand sonst beteiligt war. Und als sich herausstellte, wie es wirklich gewesen war, und über alle Zweifel deutlich wurde, daß Bahá’u’lláh schuldlos verdächtigt worden war, erklärte der Gerichtshof Ihn für unschuldig und sprach Ihn frei von der Anklage; es wurde deutlich, daß das, was Ihm angetan wurde, den Umtrieben Seiner Gegner und der voreiligen Torheit des Ḥájibu’d-Dawlih zuzuschreiben war. Darum wünschte die Regierung auf Zeit und Ewigkeit, bestimmte Besitztümer und Güter, die eingezogen worden waren, zurückzuerstatten, um Ihn dadurch zu beschwichtigen. Aber weil das meiste davon verloren und nur ein unbeträchtlicher Teil übriggeblieben war, trat niemand auf, der es beansprucht hätte. Doch bat Bahá’u’lláh um die Erlaubnis, sich zu den Heiligsten SchreinenUnter dem Begriff ‘Atabát-i-‘Álíyát (wörtlich Heiligste Schreine) verstehen die schiitischen Muslime die Grabstätten der heiligen Imáme in den Städten Káẓimayn, Najaf und Karbilá im Osten des ‘Iráq um Baghdád; er wird allgemein auf die Gegend des östlichen ‘Iráq mit dem Zentrum Baghdád angewandt. Als Bahá’u’lláh aus dem Gefängnis entlassen und aus Persien verbannt wurde, wählte Er Baghdád als Ort Seines Exils.A [von Karbilá und Najaf] zu begeben, und machte sich einige Monate später mit königlicher Erlaubnis, dem Einverständnis des Premierministers und in Begleitung eines königlichen Boten auf zu den Schreinen.70Doch wollen wir auf unser Thema zurückkommen. Von den Schriften des Báb sind viele erhalten. Manche davon sind Kommentare zum Qur’án und Interpretationen seiner Verse, manche Gebete, Predigten und Hinweise auf [die wahre Bedeutung bestimmter] Textstellen, andere sind Belehrungen, Mahnreden, Abhandlungen über die verschiedenen Zweige der Lehre von der göttlichen Einheit, Darstellungen der besonderen prophetischen Sendung des Herrn alles BestehendenMuḥammad.A, und – wie es verstanden wurde – Ermutigungen zur Besserung des Charakters, zur Loslösung von weltlicher Pracht und Vertrauen auf die göttliche Inspiration. Aber das Wesentliche und der Sinn Seines schriftlichen Werkes war die preisende Darstellung jener Wirklichkeit, die bald erscheinen sollte, die Sein einziger Gegenstand, Sein einziges Ziel war, Sein Schatz und Sein Verlangen.Bahá’u’lláh.A Denn Er betrachtete Sein eigenes Auftreten als das eines Künders froher Botschaften und sah Seine eigene wahre Natur nur als Weg zu der Manifestation der größeren Vollkommenheit jenes Einen. Und wirklich hörte Er Tag und Nacht auch nicht für einen einzigen Augenblick auf, Ihn zu feiern, sondern bedeutete all Seinen Anhängern, Dessen Erscheinen zu erwarten. So erklärt Er in Seinen Schriften: »Ich bin ein Buchstabe jenes mächtigsten Buches, ein Tautropfen jenes grenzenlosen Meeres, und wenn Er erscheint, werden Meine wahre Natur Meine Mysterien, Rätsel und Andeutungen offenbar werden, und der Keim dieser Religion wird sich Schritt für Schritt weiterentwickeln und zur Stufe des ›in schönstem Ebenmaß erschaffen‹Qur’án 95:4.
Q gelangen und mit dem Gewande des ›gepriesen sei Gott, der beste Schöpfer‹Qur’án 23:14.
Q bekleidet werden: Und dies wird sich im Jahre [zwölfhundert]neunundsechzig1852A. D.A enthüllen, welches dem Zahlenwert des Jahres ›nach einer Weile‹›Ḥín‹ (›nach einer Weile‹); dies entspricht nach dem Abjad-System dem Zahlenwert 68. Im Jahr 1268 n.d.H. erhielt Bahá’u’lláh, im Síyáh-Chál zu Ṭihrán angekettet, die ersten Andeutungen Seiner göttlichen Sendung; auf dasselbe Jahr spielt Er in Seinen Oden an. Vgl. Nabíls Bericht aus den frühen Tagen der Bahá’í-Offenbarung, Bahá’í-Verlag, 1975, S. 52 Anm. 1 – Anm. d. Hrsg.A entspricht, und das Wort, ›Und du siehst die Berge: Du meinst, sie stünden fest, während sie wie Wolken vorbeiziehen‹Qur’án 27:88.
Q, wird sich erfüllen.«
Q Kurz, Er schrieb über Ihn, daß in Seinen Augen der Zugang zu den göttlichen Gnadengaben und der Aufstieg zu den höchsten Graden menschlicher Vollkommenheit abhängig sind von der Liebe zu Ihm, und Er war so von Seinem Feuer entflammt, daß Seiner zu gedenken die helle Kerze Seiner dunklen Nächte in der Festung Máh-Kú war, und sich Seiner zu erinnern der beste Gefährte in der Not des Gefängnisses von Chihríq. Hieraus zog Er geistigen Reichtum, von Seinem Wein war Er berauscht und am Gedenken Seiner erfreute Er sich. Auch alle Seine Anhänger erwarteten das Erscheinen dieser Zeichen, und alle Seine Vertrauten hielten Ausschau nach der Erfüllung dieser Voraussagen.71Nun lebte in Ṭihrán – das der Báb das Heilige Land nannte – schon bei Beginn der Manifestation des Báb ein Jüngling aus der Familie eines Ministers vornehmer Herkunft, in jeder Hinsicht begabt und geschmückt mit Reinheit und Adel. Wenn auch von hoher Abstammung und mit weitreichenden Beziehungen gesegnet, und obgleich Seine Vorfahren in Persien bedeutende Männer und allgemein begehrt waren, kam Er doch nicht aus Doktorensippen oder Gelehrtenkreisen. Dieser Jüngling war von frühester Jugend an in Hofkreisen, bei Verwandten wie Fremden, für Seine Aufrichtigkeit berühmt. Er fiel schon von Kind an durch bemerkenswerte Klugheit auf und war bei den Weisen hoch angesehen. Er begehrte indessen nicht, nach Art Seiner Vorfahren in hohe Ränge berufen zu werden, noch suchte Er den Aufstieg in prächtige, doch vergängliche Stellungen. Seine außergewöhnliche Befähigung wurde ungeachtet dessen von allen anerkannt und Sein außerordentlicher Scharfsinn und Seine Intelligenz wurden allgemein zugegeben. Beim einfachen Volk erfreute Er sich wunderbarer Wertschätzung, und auf allen Versammlungen und Gesellschaften bewies Er eine erstaunliche Redegabe. Ungeachtet Seiner mangelhaften schulischen Ausbildung war Er von so scharfem, durchdringendem Verstand und so schneller Auffassungsgabe, daß schon in Seiner Jugend alles staunte und es als menschliche Fassungskraft übersteigendes Wunder betrachtete, wenn Er auf Versammlungen erschien, wo über Fragen der Theologie und Metaphysik diskutiert wurde und Er in Gegenwart vieler Doktoren und Gelehrten Seine Zunge löste. Von früher Jugend an war Er die große Hoffnung Seiner Verwandten, ein und alles Seiner Familie, Zuflucht und Schutz Seiner Sippe.72Doch obwohl es sich so verhielt, hätte niemand gedacht, daß Er einmal zum Quell so erstaunlicher Ereignisse würde oder daß die Wogen Seiner Lebensflut einst den Zenit des Firmamentes erreichten, trug Er doch die Kuláhpersische Lammfellmütze, Tracht der Nicht-Geistlichen – Anm. d. Hrsg.A auf dem Kopf und wallende Locken bis über die Schultern.73Als sich die Kunde vom Báb verbreitete, zeigte sich, daß Er für Ihn Partei nahm. Zuerst unterrichtete Er Seine Verwandten und Bekannten, die Kinder und das Gesinde Seines eigenen Lebenskreises, später setzte Er Tag und Nacht alle Kraft daran, Freunde und Fremde [zur Annahme des neuen Glaubens] einzuladen. Mit machtvoller Entschlossenheit machte Er sich an das Werk, die Glaubenslehren mit größter Beharrlichkeit systematisch zu ordnen und die ethischen Verhaltensnormen dieser Gemeinde in jeder Hinsicht zu festigen, dabei war Sein Bestreben, diese Menschen in jeder Weise zu schützen und zu führen.74Als Er [auf diese Weise] in Ṭihrán die Grundlagen geschaffen hatte, eilte Er nach Mázindarán, wo Er bei Versammlungen und Treffen, auf Konferenzen, in Gasthöfen, Moscheen und Studienzentren Seine mächtige Rede- und Überzeugungskraft einsetzte. Wer immer Seine offene Stirn erblickte, Seine lebhaften Preisreden hörte, sah mit seinem inneren Auge in Ihm den offenkundigen Beweis, spürte Seine verborgene Anziehungskraft und durchdringende Macht. Viele Menschen, reich und arm, auch belesene Doktoren, wurden von Seinen Predigten angezogen, brachen mit Herz und Hand alle Brücken hinter sich ab, so entflammt, daß sie [mit Freuden] tanzend das Leben unter dem Schwert verschenkten.75So waren, als ein Beispiel neben vielen anderen, eines Tages vier weise, gebildete Gelehrte aus der Geistlichkeit von Núr bei Ihm, und Er sprach zu ihnen so, daß alle vier Ihn unwillkürlich ersuchten, sie in Seine Dienste aufzunehmen. Denn kraft Seiner Redegewandtheit, die wie ›offensichtliche Zauberei‹ wirkte, überzeugte Er diese hervorragenden Doktoren, daß sie wirklich wie Kinder mit den Anfangsgründen des Studiums beschäftigt seien, wie reinste Anfänger, die das Alphabet von Anfang an lernen müßten. Mehrere lange Konferenzen wurden mit der Auslegung und Erläuterung des Punktes und des Alif56 des Absoluten bestritten, in denen die Doktoren angesichts des wild tosenden Meeres Seiner Worte verblüfft staunten und sich wunderten. Die Kunde davon wurde weit und breit vernommen, und tiefe Verzagtheit befiel die Gegner. Die Gegend von Núr war durch diese Ereignisse in heller Aufregung, und der Lärm dieser Unruhen schlug an die Ohren der Einwohner von Bárfurúsh. Der oberste Geistliche von Núr, Mullá Muḥammad, saß im Qishláq. Als er von diesen Ereignissen hörte, sandte er zwei der ausgezeichnetsten und gründlichsten Doktoren von wundersamer Redegewandheit, eindrucksvoller rhetorischer Begabung, schlüssiger Beweisführung und glänzender Darstellungskraft aus, um dieses Feuer zu löschen und diesen jungen Mann kraft ihrer Argumente zu überwinden und zu besiegen, Ihn entweder zur Reue oder zur Aufgabe Seiner Hoffnung auf den erfolgreichen Ausgang Seiner Vorhaben zu bewegen. Preis sei Gott für Seinen wundersamen Ratschluß! Als die beiden Doktoren in die Gegenwart des jungen Mannes traten, die Wogen Seiner Worte und die Wucht Seiner Argumente vernahmen, entfalteten sie sich wie Rosen, waren aufgewühlt wie alle übrigen, verzichteten auf Altar und Lehrstuhl, Kanzel und Ehrenamt, Reichtum und Luxus, Versammlungen des Morgens und des Abends, widmeten sich den Zielen dieser Persönlichkeit und luden sogar den obersten Geistlichen ein, Ihm seine Gefolgschaft anzubieten. Als nun dieser junge Mann mit der Redekraft eines reißenden Stromes nach Ámul und Sárí aufbrach, traf Er mit diesem erfahrenen Schriftgelehrten und erlauchten Geistlichen im Qishláq von Núr zusammen. Und aus allen Vierteln strömten die Leute zusammen und erwarteten den Ausgang. Der hochehrwürdige Geistliche beschloß, obgleich er von allgemein anerkannter Vortrefflichkeit und in den Wissenschaften der Gelehrteste seiner Zeitgenossen war, dennoch Zuflucht zur Zeichendeutung zu nehmen, um zu entscheiden, [ob er sich] auf Diskussion und Streitgespräch [einlassen sollte]. Dies scheint nicht günstig ausgegangen zu sein, denn er entschuldigte sich und verschob die Diskussion auf ein andermal. So stellte sich seine Unzulänglichkeit heraus und seine Kompetenz war damit in Frage gestellt; dies wirkte auf viele festigend, bestätigend und aufbauend.76Die Geschichte ist kurz wie folgt. Einige Zeit noch wanderte Bahá’u’lláh im Land umher. Nach dem Tod des alten Fürsten Muḥammad Sháh kehrte Er nach Ṭihrán zurück, wobei Er im Sinn hatte, mit dem Báb brieflich Verbindung aufzunehmen. Der Bote für diesen Briefwechsel war der gefeierte Mullá ‘Abdu’l-Karím aus Qazvín, die Hauptstütze des Báb und Sein Vertrauter. Da nun Bahá’u’lláh in Ṭihrán große Berühmtheit erlangt hatte und Ihm die Herzen der Menschen zuflogen, hielt Er es, ebenso wie Mullá ‘Abdu’l-Karím, angesichts der Aufregung unter den Schriftgelehrten, der aggressiven Stimmung beim größten Teil [des Volkes] in Persien und der überwältigenden Macht des Amír Niẓáms, durch die sowohl der Báb als auch Bahá’u’lláh sehr gefährdet und mit strenger Strafe bedroht waren, für ratsam, eine Maßnahme zu ergreifen, die von Bahá’u’lláh ablenken und die Aufmerksamkeit auf einen Abwesenden richten sollte. Und da sie ferner nach allen Überlegungen keinen Außenstehenden für passend hielten, fiel das Los auf den Namen Mírzá Yaḥyá, den Bruder Bahá’u’lláhs.77Mit Hilfe und auf Weisung Bahá’u’lláhs kam er in aller Munde und wurde berühmt bei Freund und Feind. Man schrieb, vorgeblich nach seinemMírzá Yaḥyás – Anm. d. Hrsg.A Diktat, Briefe an den Báb. Und der Báb war, seit die heimliche Korrespondenz in Gang kam, sehr mit dieser Fiktion einverstanden. So war Mírzá Yaḥyás Name in aller Munde, während er sich selbst verborgen hielt. Und dieses machtvolle Verfahren wirkte Wunder, denn Bahá’u’lláh blieb, obgleich Ihn alle sahen und kannten, geschützt und sicher, und dieser Schleier war der Grund, daß niemand außerhalb [der Sekte] die Sache durchschaute oder auf den Gedanken verfiel, Ihn zu belästigen, bis Bahá’u’lláh mit Erlaubnis des Königs Ṭihrán verließ und zu den Heiligsten Schreinen zog.78Als Er nach Baghdád kam und der zunehmende Mond des Monats Muḥarram des Jahres [zwölfhundert]neunundsechzig [d.H.] am Horizont der Welt aufstieg – das Jahr, welches in den Büchern des Báb als »das Jahr ›nach einer Weile‹«
bezeichnet wurde und in dem Er die Enthüllung der wahren Natur Seiner Religion und ihrer Mysterien versprochen hatte –, da wurde, wie berichtet wird, das verborgene Geheimnis für alle innerhalb und außerhalb [der Gemeinschaft] offenbar. Bahá’u’lláh, unerschütterlich standhaft, wurde zum Ziel für die Pfeile der ganzen Menschheit, während Mírzá Yaḥyá sich in Verkleidung die Zeit vertrieb, mal zur besseren Tarnung als Kleinkrämer in Baghdáds Umland, mal im Habit eines Arabers in der Stadt.79Nun war Bahá’u’lláh in einer Weise tätig, daß Ihm die Herzen der Glaubensgemeinschaft zuflogen, indessen die meisten Iráqer nichts zu sagen wußten; manche staunten, andere waren verärgert. Nach einem Jahr dort zog Er Seine Hand von allem zurück, trennte sich von Verwandten und Freunden und verließ ohne Wissen Seiner Anhänger den ‘Iráq, ganz allein, ohne Geleit und Schutz, ohne Gefährten. Fast zwei Jahre wohnte Er in Türkisch-Kurdistán, meistens in den Bergen an einem Ort namens Sar-Galú, weit weg von menschlichen Siedlungen. Manchmal, sehr selten, kam Er nach Sulaymáníyyih. Nicht lange, und die Höchstgelehrten dieser Gegend begannen zu ahnen, was es mit Ihm auf sich hatte, sie sprachen mit Ihm über die Lösung schwieriger Fragen im Zusammenhang mit den unverständlichsten Punkten der Theologie. Nachdem sie von Ihm ausführliche Hinweise und zufriedenstellende Erklärungen bekommen hatten, zollten sie Ihm größte Ehrerbietung. Dadurch kam Er zu großem Ruhm und erwarb einen wunderbaren Ruf in dieser Gegend; bruchstückhaft schwirrten Berichte über Ihn in alle Himmelsrichtungen: daß in der Gegend von Sulaymáníyyih – wo seit alters die kundigsten Doktoren der Sunníten herkamen – ein fremder Perser erschienen sei und daß die Menschen dort in hellsten Tönen Sein Lob singen. Aus den Gerüchten wurde klar, daß diese Persönlichkeit nur Bahá’u’lláh sein konnte. Mehrere Leute eilten also dorthin und beschworen Ihn flehentlich, und auf ihre eindringlichen Bitten hin kehrte Er [nach Baghdád] zurück.80Nun verfiel die Gemeinde durch die schmerzlichen Ereignisse wie die Hinschlachtung ihres Oberhaupts und anderer keineswegs in Zittern und Zagen, sie wuchs vielmehr deutlich an; doch weil der Báb, als Er getötet wurde, erst begonnen hatte, das Fundament zu legen, wußte die Gemeinschaft noch nichts über rechtes Verhalten, Tun, Betragen und Pflichten, war doch ihr einziges Leitprinzip die Liebe zum Báb. Diese Unwissenheit war der Grund, daß hier und da Unruhen aufkamen, denn als ihnen Gewalt entgegenschlug, hoben sie die Hand und wehrten sich. Aber als Bahá’u’lláh zurückkam, ging Er so energisch ans Werk, die Gemeinde zu erziehen, zu lehren, zu üben, zu lenken und aufzubauen, daß nach kurzer Zeit alle Schwierigkeiten und Übelstände behoben waren und wieder größte Ruhe und Gelassenheit in die Herzen einkehrte; selbst die Staatsmänner begriffen, wie man hörte, klar, daß die Grundsätze und Ideen dieser Glaubensgemeinschaft geistiger Art waren und mit der Reinheit des Herzens zu tun hatten, daß ihre wesentlichen Prinzipien der Besserung der Sitten galten, der Veredelung menschlichen Betragens, und daß sie an materiellen Dingen überhaupt kein Interesse hatten.81Als diese Prinzipien dann in den Herzen der Gemeinschaft gefestigt waren, handelten sie überall so, daß sie bei Staatsmännern berühmt wurden für ihren Geistesadel, ihre Charakterfestigkeit, ihre aufrichtigen Vorsätze, ihre guten Taten und ihr ausgezeichnetes Betragen. Denn diese Menschen halten meist viel von Gehorsam und Ergebenheit, und nachdem sie entsprechend unterwiesen waren, richteten sie ihr Verhalten danach aus. Früher konnte man Anstoß nehmen an den Worten und Taten, dem Benehmen, den Sitten und der Führung dieser Gemeinschaft, jetzt erhebt man in Persien Einwände gegen ihre Lehren und bezweifelt ihren Geisteszustand. Nun, es liegt außerhalb menschlicher Macht, durch äußere Eingriffe oder Verbote Herz und Gewissen verändern oder Überzeugungen erzwingen zu können. Denn auf dem Feld des Gewissens kann nur Gottes Licht gebieten, und auf dem Thron des Herzens darf nur die durchdringende Kraft des Königs der Könige regieren. Darum kann man zwar jede Begabung [an der Entfaltung] hindern und außer Kraft setzen, nicht aber das Denken; der Mensch kann nicht einmal, wenn er es wollte, sein Denken und Grübeln anhalten oder sein Sinnen und Träumen aufgeben.82Jedenfalls unbestreitbar ist seit fast fünfunddreißig Jahren seitens dieser Gemeinschaft nichts gegen die Regierung Gerichtetes oder der Nation Abträgliches geschehen oder [von ihnen] zu bestätigen und in dieser langen Zeit, ungeachtet dessen, daß die Gemeinschaft sich an Zahl und Kraft gegenüber früher verdoppelt hat, nirgends etwas zu hören gewesen, als daß ab und zu einige von ihnen durch studierte Doktoren und bedeutende Gelehrte zum Tode verurteilt wurden – in Wirklichkeit, um den hier vorliegenden Bericht in der Welt zu verbreiten und die Menschen aufzuwecken. Denn solche Eingriffe zerstören nicht, sondern bauen auf, so du die Wahrheit im Auge hast – sie wird dadurch nicht ausgelöscht und vergessen, sondern angeregt und verbreitet.83Ich möchte wenigstens eine kurze Geschichte erzählen, die sich wirklich zutrug. Jemand ging mit Gewalt gegen einen Bábí vor und verletzte ihn ernsthaft. Das Opfer hob die Hand zur Vergeltung, er wollte sich rächen und zog die Waffe gegen den Angreifer. Als ihn aber der Tadel seiner Gemeinschaft traf, suchte er sein Heil in der Flucht. 84Er kam nach Hamadán, es wurde bekannt, wer er war, und da er zur Geistlichkeit gehörte, verfolgten ihn die Schriftgelehrten ungestüm, übergaben ihn den Behörden und ordneten an, daß er eine Züchtigung erhalte. Zufällig fiel ihm aus dem Kragenaufschlag ein Schriftstück in Bahá’u’lláhs Handschrift des Inhalts, daß jeglicher Versuch der Vergeltung getadelt, Rache zu suchen streng mißbilligt und seinen Begierden nachzugeben verboten sei. Unter anderem lasen sie folgendes darin: »Wahrlich, Gott verwirft die Aufrührer«
, und: »Getötet werden ist besser für euch als töten. Und so man euch foltert, haltet euch an die Obrigkeit, die Zuflucht der Menschen; und so man euch zurückweist, vertraut auf den eifernden Gott. Dies kennzeichnet die Aufrichtigen, dies ist das Merkmal der Glaubensgewissen.«
Als der Gouverneur von dem Schriftstück Kenntnis erhielt, sprach er zu dem Mann und sagte: »Nach der Verfügung Dessen, dem du als Oberhaupt gehorchst, mußt du zurechtgewiesen und streng bestraft werden.« »Wenn du alle Seine Gebote erfüllst«, erwiderte der Mann, »wird es mir das größte Vergnügen sein, mich in Strafe und Tod [zu fügen].« Der Gouverneur lächelte und ließ den Mann laufen.85So gab sich Bahá’u’lláh größte Mühe, [Seine Leute] zu erziehen, sie anzuspornen zur Sittlichkeit, zum Erwerb von Wissen und Künsten aus allen Ländern, mit allen Völkern der Welt auf freundlichem Fuß zu verkehren, um das Wohlergehen aller Menschen besorgt zu sein, verträglich, einmütig, gehorsam und hingebungsvoll zu handeln, die Kinder zu erziehen, zustandezubringen, was die Menschheit nötig hat, und ihr wahres Glück zu schaffen; unausgesetzt schickte Er mahnende Sendbriefe überallhin, was Wunder wirkte. Wir haben einige dieser Sendschreiben sehr sorgfältig durchgesehen, und einige Abschnitte daraus sollen nun hier wiedergegeben werden.86Alle diese Sendbriefe ermahnen zur Sittenreinheit, ermutigen zu gutem Verhalten, tadeln bestimmte Personen und führen Klage über Aufrührer. Unter anderem steht da der Satz:87»Meine Gefangenschaft grämt Mich nicht: Bei Meinem Leben, sie ist in Wahrheit Mein Ruhm! Was Mich aber härmt, ist das Tun Meiner Freunde, die behaupten, Uns verbunden zu sein und mit ihren Taten dem Satan folgen. Unter ihnen ist derjenige, der seiner Begierde folgt und beiseite wirft, was geboten ist; und unter ihnen ist derjenige, der rechtgeleitet der Wahrheit folgt. Diejenigen, die Sünden begehen und an der Welt hängen, gehören gewiß nicht zum Volke Bahás.«vgl. Botschaften aus ‘Akká 6:35; 8:39 – Anm. d. Hrsg.
Q88An anderer Stelle: »Wohl steht es um den, den der Schmuck edlen Betragens und guter Sitten auszeichnet: Er gehört wahrlich zu denen, die ihrem Herrn mit reinen, deutlichen Taten beistehen.«vgl. Kitáb-i-Aqdas 1:159 – Anm. d. Hrsg.
Q89»Er ist Gott, erhaben ist Er, Seine Weisheit und Sein Wort. Wenn der eine, wahre Gott – gepriesen sei Seine Herrlichkeit – sich den Menschen offenbart, verfolgt Er das Ziel, die Edelsteine ans Licht zu bringen, die in den Gesteinsadern ihres wahren, inneren Selbstes verborgen liegen. Daß den verschiedenen Gemeinschaften der Erde und den mannigfaltigen religiösen Glaubenssystemen niemals erlaubt sein sollte, feindselige Gefühle unter den Menschen zu nähren, gehört an diesem Tage zum Wesen des Glaubens Gottes und Seiner Religion. Diese Grundsätze und Gesetze, diese fest begründeten, machtvollen Systeme entspringen einer einzigen Quelle und sind die Strahlen desselben Lichtes. Daß sie voneinander abweichen, ist den unterschiedlichen Erfordernissen der Zeitalter zuzuschreiben, in denen sie verkündet wurden.vgl. Ährenlese 132:1 – Anm. d. Hrsg.Q Rüste dich, o Volk Bahás, in dem Bemühen, den Sturm religiösen Haders, der die Völker der Erde erregt, zum Schweigen zu bringen und jede Spur davon zu tilgen. Erhebe dich aus Liebe zu Gott und zu denen, die Ihm dienen, um dieser höchst erhabenen und bedeutungsvollen Sache beizustehen. Religiöser Fanatismus und Haß sind ein weltverzehrendes Feuer, dessen Gewalt niemand löschen kann. Nur die Hand göttlicher Macht kann die Menschen von dieser verheerenden Plage erlösenvgl. Ährenlese 132:2 – Anm. d. Hrsg.Q … Betrachtet den Krieg zwischen zwei Staaten: Beide verlieren Wohlstand und Leben! Wie viele Dörfer gehen zugrunde! Also leuchtet das Gebot in der Lampe des Gotteswortes.«
90»O Völker der Welt! Ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehrt miteinander in inniger Liebe und Eintracht, in Freundschaft und Verbundenheit. Er, die Sonne der Wahrheit, bezeugt Mir: So machtvoll ist das Licht der Einheit, daß es die ganze Erde erleuchten kann. Der eine, wahre Gott, der alle Dinge kennt, bezeugt die Wahrheit dieser Worte.vgl. Ährenlese 132:3 – Anm. d. Hrsg.Q Bemüht euch, daß ihr diese überragende, diese höchst erhabene Stufe erreicht, welche der ganzen Menschheit die Gewähr für Schutz und Sicherheit bieten kann. Dieses Ziel überragt jedes andere Ziel, dieses Streben ist der Fürst allen Strebens.vgl. Ährenlese 132:4 – Anm. d. Hrsg.Q«
91»Wir vertrauen darauf, daß Gott den Königen der Erde beistehen wird, die Erde mit dem strahlenden Licht der Sonne der Gerechtigkeit zu erleuchten und zu schmücken. Einmal redeten Wir in der Sprache des Gesetzes, ein andermal in der Sprache der Wahrheit und des Weges; und der letzte Gegenstand und das Fernziel waren die Darlegung dieser hohen überragenden Stufe. Und Gott genügt als Zeuge.«
92»O Volk Bahás! Verkehrt mit allen Menschen im Geiste der Freundlichkeit und Verbundenheit. Wenn ihr um eine bestimmte Wahrheit wißt, wenn ihr ein Juwel besitzt, das anderen versagt ist, so teilt es ihnen mit in einer Sprache höchster Liebenswürdigkeit und besten Willens. Wenn es angenommen wird und seinen Zweck erfüllt, ist euer Ziel erreicht. Wenn jemand es zurückweist, überlaßt ihn sich selbst und bittet Gott, ihn zu führen. Hütet euch, daß ihr ihn nicht unfreundlich behandelt. Eine freundliche Zunge ist ein Magnet für die Menschenherzen. Sie ist das Brot des Geistes, sie kleidet die Worte in Bedeutung, sie ist der Lichtquell der Weisheit und des Verstehens.«vgl. Ährenlese 132:5 – Anm. d. Hrsg.
Q93»Hätte das Volk der Einheit in späterer Zeit nach dem ruhmreichen Gesetz, das nach dem erhabenen Siegel [der Propheten] kam – möge das Leben aller außer Ihm ein Opfer für Ihn sein –, gehandelt und sich fest daran gehalten, die Grundfesten der Religion wären nicht erschüttert und volkreiche Städte nicht zerstört worden, sondern Frieden und Heiterkeit wären eingezogen und hätten Stadt und Land geschmückt.«
94»Achtlosigkeit und Uneinigkeit der Begünstigten und der Rauch gottloser Seelen hat die lichte Nation sichtlich verfinstert und geschwächt. Hätten sie gehandelt [wie sie sollten], sie wären nicht achtlos gewesen gegenüber dem Licht der Sonne der Wahrheit.«
95»Dieses Opfer wurde von alters her bis zum heutigen Tag gequält von den Händen der Achtlosen. Einmal vertrieben sie Uns grundlos in den ‘Iráq, ein andermal nach Adrianopel und von dort nach ‘Akká, einem Verbannungsort für Mörder und Räuber; wer weiß, wo Wir Unsere Bleibe finden werden nach diesem Größten Gefängnis. Gott allein weiß es, der Herr des Thrones und des Staubes und der Herr der erhabenen Stätte. Gleich, wo Wir sind und was Uns widerfährt, die Heiligen müssen vollkommen standhaft und zuversichtlich ihren Blick auf den Höchsten Horizont richten und sich um die Erneuerung der Welt und die Erziehung der Völker mühen. Was geschah und was geschehen wird, ist Werkzeug und Mittel zur Förderung der einen Welt. Haltet euch an Gottes Gebot, haltet euch fest daran: Wahrlich, es ist herabgesandt von einem weisen Verordner.«
96»Aus vollkommenem Mitleid und Erbarmen haben Wir die Völker der Welt zu dem geführt und gelenkt, was ihren Seelen nützt. Ich schwöre bei der Sonne der Wahrheit, die von den höchsten Horizonten der Welt herniederscheint, daß das Volk Bahás seit jeher kein anderes Ziel hat als die Wohlfahrt und die Neugestaltung der Welt und die Läuterung der Völker. Zu allen Menschen sind sie aufrichtig und gütig. Ihr Äußeres [Bild] entspricht ihrem Inneren [Herz], und ihr Inneres gleicht ihrem Äußeren. Dies ist nicht verborgen oder verhüllt, sondern steht klar und sichtbar vor [aller] Augen. Ihre Taten bezeugen diese Worte.vgl. Ährenlese 126:2 – Anm. d. Hrsg.Q Heute mag jeder mit Einsicht Begabte aus Tun und Benehmen des Volkes Bahás seine Schlüsse ziehen über ihre Sache und aus ihrem Reden und Verhalten Kenntnis gewinnen über ihr Ziel. Aufs höchste branden die Wogen des Meeres göttlicher Barmherzigkeit, und unaufhörlich stürzen die Wasser aus den Wolken Seiner Gnade und Gunst hernieder. Während Seines Aufenthaltes im ‘Iráq verkehrte dieser UnterdrückteBahá’u’lláh bezeichnet in Seinen Schriften mit »der Unterdrückte« sich selbst.A offen und unverstellt mit allen Gesellschaftsschichten. Wieviele aus aller Welt kamen als Feinde und gingen als Freunde! Das Tor der Gnade war offen vor aller Augen. Wir verkehrten gleicherweise mit Aufrührern wie mit Gehorsamen, damit die Missetäter vielleicht ihren Weg zum Meere grenzenloser Vergebung fänden. Der Glanz des Namens der Verbergende war derart offenbar, daß der Missetäter wähnte, zu den Guten zu zählen. Kein Bote wurde enttäuscht, keine Frage zurück gewiesen.vgl. Ährenlese 126:3 – Anm. d. Hrsg.Q Daß Menschen sich abwandten und fernblieben, ist bestimmten persischen Doktoren und den unziemlichen Taten der Unwissenden zuzuschreiben. Mit ›Doktoren‹ sind in diesem Abschnitt diejenigen gemeint, die die Menschheit von den Meeresküsten der Einheit zurückhalten, – was die wirklich Gelehrten angeht, die [ihr Wissen] anwenden, und die Weisen, die gerecht handeln, so sind sie der Lebenshauch für den Körper der Welt. Wohl steht es um den Gelehrten, dessen Haupt die Krone der Gerechtigkeit schmückt und dessen Leib sich der Zier der Rechtschaffenheit erfreut. Die Feder der Mahnung ermahnt die Freunde und gebietet ihnen Nächstenliebe, Erbarmen, Weisheit und Güte. Dieser Unterdrückte ist heute ein Gefangener; Seine Verbündeten sind die Heerscharen guter Taten und Tugenden, nicht Rang oder Heere und Waffen. Eine heilige Tat macht die irdische Welt zum höchsten Paradies.
97O Freunde, helft diesem Unterdrückten mit angenehmen Tugenden und guten Taten! Jede Seele strebe heute darnach, die höchste Stufe zu erreichen. Sie achte nicht dessen, was in ihr ist, sondern was in Gott ist. Sie achte nicht dessen, was ihr selbst nützt, sondern was das Wort Gottes erhöht, dem sie Gehorsam schuldet. Das Herz muß geheiligt sein von aller Selbstsucht und Begierde, denn Gottesfurcht ist seit jeher die Waffe des Volkes der Einheit und der Heiligen. Sie ist der Schild, der die Menschen vor den Pfeilen des Hasses und der Abscheu schützt. Der Gottesfurcht Banner war immer siegreich, sie zählt zu den mächtigsten Heeren der Welt. Durch sie erobern die Heiligen mit Gottes, des Herrn der Heerscharen, Erlaubnis die Städte der Herzen [der Menschen].vgl. Ährenlese 126:4 – Anm. d. Hrsg.Q Finsternis umhüllt die Erde: Die Licht spendende Lampe ist seit jeher die Weisheit. Ihrem Gebot ist unter allen Umständen zu folgen. Und weise ist es, der Rede Maß und Art abzustimmen auf das wo und wie. Und weise ist es, kritisch zu sein, denn der Mensch soll nicht alles hinnehmen, was jemand sagt..Q
98In jeder Lage begehre von dem Wahren – verherrlicht sei Seine Herrlichkeit –, daß Er Seine Diener nicht des versiegelten WeinesDie Verordnungen Gottes.A und des Lichtes des Namens der Selbstbestehende beraube.
99O Freunde Gottes, wahrlich, die Feder der Aufrichtigkeit gebietet euch höchste Treue. Beim Leben Gottes, ihr Licht leuchtet heller als die Sonne! Ihr Licht, ihr Glanz, ihre Strahlen stellen alles andere Licht in den Schatten. Wir bitten Gott, daß Er die Lichtstrahlen der Sonne der Treue nicht von Seinen Städten und Ländern fernhalte. Tag und Nacht führen Wir alle Menschen zu Treue, Keuschheit, Reinheit und Beständigkeit, verordnen gute Taten und wohlgefällige Eigenschaften. Tag und Nacht schrillt die Feder und spricht die Zunge, daß sich das Wort gegen das Schwert erhebe, Geduld gegen Wildheit, daß Ergebenheit Unterdrückung ersetze und Hingabe das Martyrium begleite. Dreißig Jahre und länger war diese unterdrückte Gemeinde geduldig in allem, was über sie kam, und stellte sich Gott anheim. Seit jeher bezeugt dies jeder Ehrliche und Gerechte. Seit dieser Zeit befaßt sich dieser Unterdrückte mit Ermahnungen zum Guten, mit wirksamen und hinreichenden Ratschlägen, bis vor aller Augen deutlich ward, daß Er sich als Opfer zum Ziel für die Pfeile des Unglücks machte, um die Schätze, die in [der Menschen] Seelen verwahrt sind, zum Vorschein zu bringen. Streit und Hader passen seit jeher zu den Raubtieren der Erde, dem Menschen [hingegen] ziemen lobenswerte Taten.
100Heilig ist der Barmherzige, der den Menschen erschaffen und ihm klare Rede gegeben.Qur’án 55:3–4.Q Nach all diesem Aufruhr sind weder die Staatsminister noch die gelehrten Geistlichen zufrieden. Nicht eine Seele fand sich, die am Hofe der Majestät des Königs – gebe Gott seinem Königreich Dauer – ein Wort für Gott eingelegt hätte. Nichts wird Uns geschehen, was nicht Gott für Uns bestimmt. Sie handelten nicht freundlich und ließen es an Bosheit nicht fehlen. Gerechtigkeit wurde zum Phönix und Treue zum Stein des Weisen: Keiner sprach für das Recht. Es schien, als wäre den Menschen Gerechtigkeit verhaßt und aus allen Landen vertrieben wie Gottes Volk. Verherrlicht sei Gott! Während des Vorfalls im Lande Ṭá sprach nicht einer für das, was Gott befahl. Um ihre Macht zu entfalten und vor dem König – gebe Gott seinem Königreich Dauer – ihren Dienst zur Schau zu stellen, nennen sie das Gute böse und den Erneuerer einen Umstürzler. Dergleichen Leute würden den Tropfen als Meer und das Stäubchen als die Sonne hinstellen. Sie nennen die Hütte in Kulayndem Báb zugewiesener Verbannungsort, siehe Abschnitt 27 – Anm. d. Hrsg.A ›die starke Festung‹ und schließen die Augen vor der deutlichen Wahrheit. Sie greifen einige Erneuerer der Welt an und bezichtigen sie des Aufruhrs. So wahr Gott lebt, diese Menschen haben nie ein anderes Ziel als den Ruhm ihres Staates und den Dienst an ihrem Volk! Für Gott sprachen sie, für Gott sprechen sie und auf Gottes Weg wandeln sie.
101O Freunde, bittet Ihn, das Verlangen aller Erdenbewohner, daß Er der Majestät dem König – gebe Gott seinem Königreich Dauer – beistehe, damit das Sonnenlicht der Gerechtigkeit alle Gebiete Persiens mit Ruhe und Frieden schmücke. Wie man hört, hat er auf Eingebung seines gesegneten Wesens die Geknechteten erlöst und den Gefangenen die Freiheit geschenkt. Es besteht die Pflicht – und ist den Frommen selbstverständlich –, den Dienern [Gottes] bestimmte Dinge vor Augen zu führen, damit die Guten sie sehen und erkennen. Wahrlich, Er gibt, wem Er will, was Er will, und Er ist der Machtvolle, der Verordner, der Wissende, der Weise.
102Diesem Unterdrückten ist aus jenem Land etwas zu Ohren gekommen, das Ihn wahrlich erstaunte. Seine Hoheit, der Mu‘tamidu’d-Dawlih, Farhád Mírzá, sagte über diesen Gefangenen etwas, das zu wiederholen unerfreulich wäre. Dieses Opfer hatte nur sehr wenig mit ihm oder seinesgleichen zu tun. Soweit erinnerlich, besuchte er (nur) zweimal diesen Unterdrückten in Murgh-Maḥallih in Shimírán, wo Er wohnte. Bei der ersten Gelegenheit kam er an einem Nachmittag, bei der zweiten an einem Freitag morgen und kehrte bei Sonnenuntergang zurück. Er weiß genau, daß er nicht das Gegenteil der Wahrheit sprechen sollte. Wenn jemand zu ihm kommt, möge er ihm im Namen dieses Unterdrückten sagen: ›O Fürst! Ich bitte Eure Hoheit um Recht und Billigkeit für dieses arme Opfer‹. Wohl steht es um die Seele, die die Verderbten mit ihren Zweifeln nicht davon abhalten, Gerechtigkeit zu üben, und sie nicht des Lichtes der Billigkeit berauben. O ihr Heiligen Gottes, am Ende Unserer Abhandlung legen Wir euch nochmals ans Herz: Seid keusch, treu, gottesfürchtig, aufrichtig und rein. Legt das Böse ab und macht euch das Gute zu eigen. Dies befiehlt euch das Buch Gottes, des Wissenden, des Weisen. Wohl dem, der [darnach] handelt. In diesem Augenblick schreit die Feder auf und spricht: ›O ihr Heiligen Gottes, seht auf den Horizont der Rechtschaffenheit; gebt auf, trennt und befreit euch von allem, was ihr nicht entspricht. Es gibt keine Kraft und keine Macht außer in Gott.‹«
103Kurz, über diese Gemeinde war früher in allen Provinzen Persiens viel Krauses und Schrilles, ja, was mit Menschenart unvereinbar ist und ihrer göttlichen Stiftung widerspricht, allgemein geläufig und in aller Munde. Als sich aber ihre Grundsätze fest eingeprägt hatten und sie mit ihren Verhaltensweisen bekannt und gewürdigt wurden, fielen die Schleier des Zweifels und des Mißtrauens; der wahre Charakter dieser Glaubensgemeinschaft wurde deutlich, und es stellte sich bald heraus, daß ihre Grundsätze keine menschlichen Phantasien waren und ihre Grundlagen sich von [landläufigen] Meinungen und Urteilen unterschieden. An ihrem Verhalten, ihren Taten, ihren Sitten und ihrer Einstellung war nichts auszusetzen – die Einwände in Persien richten sich gegen bestimmte Ansichten und Lehrsätze dieser Sekte. Und an verschiedenen Zeichen konnte man ablesen, daß die Menschen Zutrauen gewannen in die Glaubensgemeinschaft wegen deren Vertrauenswürdigkeit, Treue und Rechtschaffenheit in allen Unternehmungen.104Zurück zu unserem Thema. Während ihres Aufenthalts im ‘Iráq wurden die Bábí in der ganzen Welt bekannt. Denn ihr Exildasein machte sie derart berühmt, daß viele andere Gruppen Anschluß suchten und auf Wege sannen, um in vertrauten Umgang [mit ihnen] zu treten. Aber das Oberhaupt dieser Gemeinschaft wußte um die Ziele all dieser Gruppen und handelte äußerst konsequent, umsichtig und fest. Er verließ sich auf niemanden, sondern spornte sie an, sich entschlossen guten Zielen für Staat und Volk zu widmen, und Er ermahnte jeden einzelnen. Diese Haltung des Oberhauptes wurde im ‘Iráq allgemein bekannt.105Ebenso wünschten während ihres Aufenthalts im ‘Iráq einige Vertreter ausländischer Regierungen ihre Bekanntschaft und suchten freundliche Beziehungen [zu ihnen], aber das Oberhaupt ließ sich nicht darauf ein. Hinzu kam unter anderen Merkwürdigkeiten, daß sich im ‘Iráq Mitglieder der königlichen Familie mit den [ausländischen] Regierungsvertretern verständigten und mit ihnen mittels Versprechungen und Drohungen Intrigen spannen. Aber diese Gemeinschaft öffnete den Mund zu Tadel, ermahnte sie und sagte: »Welche Niedertracht! Welch heller Verrat, daß ein Mensch für weltlichen Gewinn, aus Eigennutz, Bequemlichkeit, Lebens- und Besitzangst derart großen Schaden und offenkundigen Verlust auf sich nimmt und auf eine Weise handelt, daß ihm das nur zu tiefster Erniedrigung, größter Schande und Ehrlosigkeit jetzt und hernach gereichen kann. Jede Gemeinheit kann man mitmachen, nicht aber Landesverrat, und jede Sünde läßt sich entschuldigen und verzeihen, aber nicht [die], Schande über seine Regierung und sein Volk zu bringen.« Dabei hielten sie sich vor Augen, daß sie patriotisch zu handeln, aufrichtig und loyal zu sein und die Treuepflicht als heilig anzusehen hatten – ein edles Ziel, das sie als moralische Pflicht betrachteten. So breiteten sich Gerüchte hierüber im ganzen arabischen ‘Iráq aus, und wer seinem Land wohlgesinnt war, äußerte Dank und drückte Anerkennung und Respekt aus. Und vermutlich wurde über diese Ereignisse auch am Königshof gesprochen; aber bald wurde bekannt, daß einige Shaykhs an den Heiligsten Schreinen, die in Briefkontakt mit dem Hof, ja mit dem König selbst, standen, dieser Sekte unausgesetzt und heimlich befremdliche Beziehungen unterstellten, wobei sie sich einbildeten, daß solches Tun ihnen das Wohlwollen des Hofes eintrüge und Rang und Würden einbrächte. Und da am Hof, diesem Angelpunkt der Gerechtigkeit, niemand frei über diese Sache sprechen konnte, da auch gerechte Minister, [die über den wahren Sachverhalt] Bescheid wußten, Schweigen als die beste Politik ansahen, bekam die iráqische Frage in Ṭihrán aufgrund dieser falschen Darstellungen und Gerüchte, Gewicht und wurde gewaltig aufgebauscht. Doch die Generalkonsuln wußten, wie es stand, und handelten weiterhin maßvoll, bis Mírzá Buzurg Khán aus Qazvín Generalkonsul in Baghdád wurde. Weil dieser Mann die meiste Zeit betrunken war und außerdem bar jeden Weitblicks, wurde er zum Komplizen und Bundesgenossen jener Shaykhs im ‘Iráq und gürtete beherzt seine Lenden, um zu zerstören und zu vernichten. Er verfaßte Eingaben, so bildkräftig er konnte und was der Finger hergab, und stellte Behauptungen auf. Jeden Tag schrieb er heimlich einen Bericht nach Ṭihrán, verschwor sich mit den Shaykhs und sandte diplomatische Noten an die Exzellenz, den Geschäftsträger [in Konstantinopel]. Aber da seine Behauptungen und Beteuerungen aus der Luft gegriffen waren, wurden sie alle vertagt und aufgeschoben, bis am Ende die Shaykhs ein Treffen vereinbarten, um mit dem General[-konsul] zu beraten; dazu riefen sie eine Anzahl gelehrter Doktoren und hoher Geistlicher in [der Moschee der] ›Zwei Káẓims‹ – Friede sei mit ihnen – zusammen und schrieben, nachdem sie übereingekommen waren, an die Geistlichen von Karbilá der Erhabenen, und Najaf, der Edelsten, und luden sie alle ein. Sie kamen, manche wußten etwas, andere wußten nichts. Zu letzteren gehörte der berühmte und kundige Doktor, der edle, gefeierte Gelehrte und Siegel der Wahrheitssucher, Shaykh Murtaḍá – inzwischen deckt ihn die Erde, damals war er das von allen anerkannte Oberhaupt, das ohne Kenntnis [dessen, was vor sich ging,] ankam. Aber sobald er über die wirklichen Pläne Bescheid wußte, sagte er: »Ich weiß nicht so genau, was diese Sekte wirklich ist, ich kenne weder ihre geheimen Dogmen noch ihre verborgenen theologischen Lehren, auch habe ich bis jetzt im Verhalten und in der Lebensweise dieser Gemeinschaft nichts erlebt oder wahrgenommen, was vom Deutlichen Buche abwiche und mich dazu bewegen könnte, sie als Ungläubige zu bezeichnen. Darum entschuldigt mich in dieser Angelegenheit; wer meint, es sei seine Pflicht, mag handeln.« Nun hatten die Shaykhs und der Konsul vorgehabt, plötzlich allgemein loszuschlagen, aber weil der verstorbene Shaykh nicht mitspielte, fiel der Plan ins Wasser und brachte ihnen in der Tat nur Schande und Enttäuschung ein. So ging die Versammlung von Shaykhs, Doktoren und einfachem Volk aus Karbilá wieder auseinander.106Gerade damals bemühten sich überall boshafte Leute – [darunter] auch entlassene Staatsdiener –, so auf die Sekte einzuwirken, daß sie womöglich ihre Richtung und Haltung änderte. Aus allen Ecken und Enden kamen unausgesetzt Lügenbotschaften und beunruhigende Nachrichten, daß der persische Hof die erklärte Absicht hätte, die Sekte mit Stumpf und Stiel auszurotten, daß ständig Briefe mit den örtlichen Behörden hin und hergingen und in Kürze alle [Bábí] in Handschellen nach Persien ausgeliefert würden. Aber die Bábí blieben die ganze Zeit ruhig und gelassen, ohne ihr Verhalten im geringsten zu ändern.107Als Mírzá Buzurg Khán auch damit sein ersehntes Ziel verfehlte, brütete er in seiner Bosheit darüber nach, wie er die Bábí sonst schädigen und demütigen könnte. Tag für Tag suchte er neue Vorwände, sie zu beschimpfen, brach irgendeinen Tumult vom Zaun und pflanzte das Banner der Zwietracht auf, bis die Sache sich so zuspitzte, daß jederzeit ein Aufstand auszubrechen, die Zügel zu entgleiten, die Herzen jäh in Unruhe und Verwirrung, die Gemüter in Angst und Qual zu stürzen drohten.
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