Bahá’u’lláh | Das Buch der Gewissheit
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Da die Christen den verborgenen Sinn dieser Worte nie erfassten, da die von ihnen und ihren Führern erwarteten Zeichen nicht erschienen, lehnen sie es bis heute ab, die Wahrheit der Manifestationen der Heiligkeit anzuerkennen, die seit den Tagen Jesu erschienen sind. So haben sie sich selbst der Ausgießung von Gottes heiliger Gnade und der Wunder Seiner göttlichen Rede beraubt. So tief sind sie gesunken, heute, am Tage der Auferstehung! Sie haben nicht begriffen, dass niemand die Zeichen der Manifestationen Gottes – wenn sie jeweils dem Text anerkannter Überlieferungen entsprächen und im sichtbaren Reich erschienen – ablehnen oder sich von ihnen abwenden könnte, dass sich der Gesegnete dann nicht von dem Elenden unterschiede, der Übertreter nicht von dem Gottesfürchtigen. Urteile gerecht: Sollten sich die Prophezeiungen der Evangelien buchstäblich erfüllen, sollte Jesus, der Sohn der Maria, von Engeln begleitet aus dem sichtbaren Himmel auf Wolken herabkommen – wer wagte es da, nicht zu glauben? Wer wagte es, die Wahrheit hochmütig zu verwerfen? Nein, solche Bestürzung ergriffe alle Bewohner der Erde, dass sich keine Seele fähig fühlte, auch nur ein Wort zu äußern, wie viel weniger denn die Wahrheit zu verwerfen oder anzunehmen. Viele christliche Geistliche haben sich Muḥammad widersetzt, weil sie diese Wahrheiten falsch verstanden, und ihren Protest in solche Worte gekleidet: »Wenn Du wirklich der verheißene Prophet bist, warum bist Du dann nicht, wie in unserer heiligen Schrift verheißen, von Engeln begleitet, die mit der verheißenen Schönheit herabkommen sollen, um Ihm bei Seiner Offenbarung beizustehen und Ihm als Warner für Sein Volk zu dienen?« So hat der Allherrliche ihren Einwand verzeichnet: »Ja, wär’ ihm nur herabgesandt ein Engel, der mit ihm wär’, ein Mahner!«Qur’án 25:7, [nach der Übertragung durch Friedrich Rückert].Q
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Solchen Protest und solchen Meinungsstreit gab es zu allen Zeiten. Die Menschen, stets geübt in blendendem Wortgefecht, haben töricht eingewandt: »Warum ist nicht dieses oder jenes Zeichen erschienen?« Solches Unheil kam nur deshalb über sie, weil sie blindlings den Geistlichen ihrer Zeit folgten, wenn sie diese Verkörperungen der Loslösung, diese heiligen, göttlichen Wesen annahmen oder ablehnten. In ihre selbstsüchtigen Wünsche verstrickt, nach vergänglichen, nichtigen Zielen trachtend, fanden diese Führer, dass die göttlichen Sonnen nicht dem Maßstab ihres Wissens und Verständnisses entsprachen und im Widerspruch standen zu ihrer Denkweise und ihrem Urteil. Da sie Gottes Wort und die Sprüche und Traditionen der Buchstaben der Einheit nur wörtlich interpretierten und gemäß ihrem mangelhaften Verständnis erklärten, haben sie sich selbst und ihr Volk der mildtätigen Schauer der Gnade und Barmherzigkeit Gottes beraubt. Und doch dienen sie dieser wohlbekannten Tradition zum Zeugnis: »Wahrlich, Unser Wort ist dunkel, verwirrend dunkel.«Ḥadíth, dem 6. Imám Ja‘far aṣ-Ṣádiq zugeschrieben – Anm. d. Hrsg.Q An anderer Stelle ist gesagt: »Unsere Sache ist schmerzlich prüfend und höchst verwirrend. Niemand kann sie ertragen, er sei denn vom Himmel begünstigt oder ein erleuchteter Prophet oder einer, dessen Glauben Gott geprüft hat.«Ḥadíth, dem 6. Imám Ja‘far aṣ-Ṣádiq zugeschrieben – Anm. d. Hrsg.Q Jene Geistlichen räumen ein, dass keine dieser drei Bedingungen auf sie zutrifft. Die ersten beiden Bedingungen sind ganz offensichtlich jenseits ihrer Einflusssphäre, und was die dritte betrifft, so liegt es offen zutage, dass sie zu keiner Zeit sich in solchen von Gott gesandten Prüfungen bewährt haben, und dass sie, wenn der göttliche Prüfstein erschien, sich nur als Abschaum erwiesen.
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Großer Gott! Die Geistlichen erkennen die Wahrheit dieser Tradition an. Gleichwohl erheben sie, die selbst noch über dunkle Fragen der Theologie im Zweifel sind und darüber im Streit liegen, den Anspruch, die Subtilitäten des Gottesgesetzes zu erläutern und die innersten Geheimnisse Seines heiligen Wortes zu erklären. Dreist behaupten sie, die Traditionen über den erwarteten Qá’im seien noch nicht erfüllt, während sie selbst außerstande sind, den Duft der Bedeutung dieser Überlieferungen zu atmen. Diese törichten Geistlichen sind sich noch immer nicht der Tatsache bewusst, dass alle geweissagten Zeichen eingetroffen sind, dass der Weg der heiligen Gottessache enthüllt ist und die Schar der Gläubigen mit Blitzesschnelle eben jetzt auf diesem Wege dahineilt, während sie selbst noch immer darauf warten, Zeugen verheißener Zeichen zu sein. Sprich: O ihr Toren! So wartet denn wie jene, die vor euch gewartet haben!
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Fragte man sie nach den Zeichen, die die Offenbarung und den Aufstieg der Sendung Muḥammads ankündigen müssen und auf die Wir schon hingewiesen haben, deren sich aber keines im buchstäblichen Sinn erfüllt hat, und spräche man zu ihnen: »Warum habt ihr die Ansprüche verworfen, die die Christen und die Völker anderer Religionen gestellt haben, und warum betrachtet ihr sie als Ungläubige?«, so erwiderten sie, um die Antwort verlegen: »Diese Bücher wurden verfälscht; sie sind nicht von Gott und waren es nie gewesen.« Überlege: Der Wortlaut der Verse selbst ist schon beredter Zeuge der Wahrheit, dass sie von Gott sind. Ein ähnlicher Vers ist auch im Qur’án offenbart – o würdet ihr es doch begreifen! Wahrlich, Ich sage: In dieser ganzen Zeit haben sie niemals begriffen, was mit dem Verfälschen des Textes gemeint ist.
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Ja, in den Schriften und Reden der Spiegel, die die Sonne der Sendung Muḥammads widerstrahlen, ist von einer »Änderung durch die erhabenen Wesen« und von einer »Änderung durch die Hochmütigen« die Rede. Solche Stellen beziehen sich jedoch nur auf Sonderfälle. Unter ihnen ist auch die Geschichte von Ibn-i-Ṣúríyá. Als die Leute von Khaybarim Norden Medinas gelegene Oasenstadt – Anm. d. Hrsg.A den Brennpunkt der islámischen Offenbarung über die gesetzliche Strafe für den Ehebruch eines verheirateten Mannes mit einer verheirateten Frau befragten, antwortete Muḥammad und sprach: »Das Gesetz Gottes ist Tod durch Steinigung.« Daraufhin protestierten sie und sagten: »Ein solches Gesetz ist im Pentateuch nicht offenbart.« Muḥammad antwortete und sprach: »Welchen eurer Rabbinen betrachtet ihr als anerkannte Autorität, als zuverlässigen Kenner der Wahrheit?« Da einigten sie sich auf Ibn-i-Ṣúríyá. Muḥammad ließ ihn kommen und sprach: »Ich beschwöre dich bei Gott, der das Meer für euch zerteilte, der Manna auf euch regnen ließ und die Wolke sandte, euch zu beschatten, der euch vom Pharao und seinem Volke befreite und euch über alle menschlichen Wesen erhob, uns zu sagen, was Mose bestimmt hat bei Ehebruch zwischen einem verheirateten Mann und einer verheirateten Frau.« Er gab zur Antwort: »O Muḥammad! Tod durch Steinigung sagt das Gesetz.« Muḥammad bemerkte: »Wie kam es dann, dass dieses Gesetz aufgehoben wurde und unter den Juden nicht mehr in Kraft ist?« Er antwortete und sprach: »Als Nebukadnezar Jerusalem den Flammen übergab und die Juden tötete, überlebten dies nur wenige. Angesichts der höchst geringen Zahl der Juden und der großen Menge Amalekiter berieten die Geistlichen jener Zeit miteinander und kamen zu dem Schluss, dass, wenn sie das Gesetz des Pentateuch anwendeten, jeder Überlebende, der aus der Hand Nebukadnezars freigekommen war, nach dem Befehl des Buches hätte zum Tode verurteilt werden müssen. Aufgrund solcher Überlegungen haben sie die Todesstrafe abgeschafft.« Unterdessen gab Gabriel Muḥammads erleuchtetem Herzen diese Worte ein: »Sie verfälschen den Text des Wortes Gottes.«Qur’án 4:46; [vgl. auch 5:13, 5:41 – Anm. d. Hrsg.].Q
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Dies ist eines der Beispiele, auf das hingewiesen wurde. Wahrlich, »Verfälschen« des Textes bedeutet nicht das, was diese törichten, erbärmlichen Seelen wähnen. So behaupten manche, jüdische und christliche Geistliche hätten aus dem Buche die Verse entfernt, die die Gestalt Muḥammads erhöhen und verherrlichen, und hätten dafür das Gegenteil eingefügt. Wie dumm und irreführend sind doch diese Reden! Kann ein Mensch, der an ein Buch glaubt und es für von Gott eingegeben hält, dieses verstümmeln? Übrigens war der Pentateuch über den ganzen Erdkreis und nicht nur in Mekka und Medina verbreitet, so dass man dort insgeheim seinen Text hätte verfälschen und verdrehen können. Nein, mit der Verfälschung des Textes ist das gemeint, was heute alle islámischen Geistlichen tun, nämlich Gottes heiliges Buch auslegen, wie es ihrem eitlen Wahn und ihren nichtigen Wünschen entspricht. Als die Juden zur Zeit Muḥammads die Verse des Pentateuch, die sich auf Seine Manifestation bezogen, nach ihren eigenen Vorstellungen auslegten und sich mit Seinen heiligen Worten nicht zufrieden gaben, wurden sie der »Verfälschung« des Textes bezichtigt. Ebenso ist offensichtlich, dass das Volk des Qur’án heute, soweit es die Zeichen der erwarteten Manifestation anbelangt, den Text des heiligen Buches verfälscht, indem es ihn nach seinen Neigungen und Wünschen interpretiert.
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In einem anderen Fall spricht Er: »Ein Teil von ihnen hörte Gottes Wort, und als sie es verstanden, verdrehten sie es und wussten dabei, was sie getan.«Qur’án 2:75.Q Auch dieser Vers zeigt, dass der Sinn des Wortes Gottes verfälscht wurde, nicht aber, dass die betreffenden Worte getilgt worden sind. Wer gesunden Menschenverstand hat, wird diese Wahrheit bezeugen.
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Bei anderer Gelegenheit spricht Er: »Wehe denen, die mit eigener Hand das Buch verfälschend abschreiben und dann sagen: ›Dies ist von Gott‹, damit sie es zu einem geringen Preis verkaufen.«Qur’án 2:79.Q Dieser Vers wurde unter Hinweis auf die Geistlichen und Führer des jüdischen Glaubens offenbart. Diese Geistlichen schrieben, um den Reichen zu gefallen, um weltlicher Nebeneinkünfte wegen und um ihrem Neid und Unglauben freien Lauf zu lassen, einige Abhandlungen, in denen sie die Ansprüche Muḥammads zurückwiesen und ihre Darlegungen mit solchen Argumenten versahen, dass es unschicklich wäre, sie zu erwähnen. Dabei behaupteten sie, dass diese Argumente aus dem Texte des Pentateuch abgeleitet seien.
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Das gleiche erleben wir heutzutage. Bedenke die Fülle von Anschuldigungen, welche die törichten Geistlichen dieser Zeit in ihren Schriften gegen diese wundervolle Sache erhoben. Wie nichtig ist ihr Wahn, diese Verleumdungen seien im Einklang mit den Versen in Gottes heiliger Schrift und dem Urteil von Menschen mit Einsicht!
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Wenn Wir auf diese Geschehnisse hinweisen, so ist Unsere Absicht, dich zu warnen: Sollten sie behaupten, die Verse des Evangeliums mit den angegebenen Zeichen seien verfälscht worden, sollten sie sie verwerfen und sich stattdessen an andere Verse und Überlieferungen halten, so solltest du wissen, dass ihre Worte unwahr und bare Verleumdung sind. Ja, die »Verfälschung« des Textes in dem von Uns erläuterten Sinne hat es tatsächlich in verschiedenen Fällen gegeben. Einige davon haben Wir erwähnt, damit jeder, der scharfen Sinnes ist, sehe, dass einigen Ungelehrten unter den Heiligen die Meisterschaft der Gelehrsamkeit verliehen wurde, damit böswillige Widersacher nicht länger behaupten, ein bestimmter Vers zeige eine »Verfälschung« des Textes an, und andeuten, dass Wir aus Mangel an Erkenntnis auf solche Dinge zu sprechen kamen. Schließlich wurden die meisten Verse, die eine »Verfälschung« des Textes anzeigen, im Hinblick auf das jüdische Volk offenbart – o würdet ihr doch die Inseln der qur’ánischen Offenbarung erforschen!
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Auch hörten Wir die Behauptung einiger Toren, der ursprüngliche Text der himmlischen Evangelien sei bei den Christen nicht mehr vorhanden und zum Himmel aufgestiegen. Wie schlimm haben sie sich geirrt! Wie wenig bedachten sie dabei, dass solch eine Behauptung einer gnädigen, liebevollen Vorsehung schwerste Ungerechtigkeit und Tyrannei unterstellt! Wie könnte Gott, nachdem die Sonne der Schönheit Jesu den Augen Seines Volkes entschwunden und zum vierten Himmel aufgestiegen war, Sein heiliges Buch, Sein größtes Zeugnis unter Seinen Geschöpfen, ebenfalls verschwinden lassen? Was wäre diesem Volke geblieben, woran es sich vom Untergang der Sonne Jesu bis zum Aufstieg der Sonne der Sendung Muḥammads hätte halten können? Welches Gesetz sollte ihr Anker und ihr Führer sein? Warum sollten solche Menschen zum Opfer des rächenden Zornes Gottes, des allmächtigen Rächers, gemacht werden, warum sollten sie von der Geißel der Züchtigung durch den himmlischen König getroffen werden? Und vor allem: Warum sollte der Gnadenstrom des Allgütigen ins Stocken geraten? Wie könnte das Meer Seiner sanften Barmherzigkeit zur Ruhe kommen? Wir nehmen Zuflucht bei Gott vor dem, was sich Seine Geschöpfe über Ihn ausgedacht haben. Erhaben ist Er über ihr Begreifen.
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Lieber Freund! Nun, da das Licht von Gottes unvergänglichem Morgen anbricht, da der Glanz Seiner heiligen Worte: »Gott ist das Licht der Himmel und der Erde«Qur’án 24:35.Q die ganze Menschheit erleuchtet, da die Unverletzlichkeit Seines Tabernakels durch Seinen geheiligten Spruch: »Gott war gewillt, Sein Licht vollkommen zu machen«Qur’án 9:32.Q verkündet wird und da die Hand der Allmacht, die Sein Zeugnis: »In Seinem Griff hält Er das Reich aller Dinge«vgl. Qur’án 23:88; 36:83 – Anm. d. Hrsg.Q trägt, über alle Völker und Geschlechter auf Erden ausgestreckt ist, ziemt es uns, uns zu rüsten. Dann mag es geschehen, dass wir durch Gottes Gnade und Gunst in die himmlische Stadt »Wahrlich, wir sind Gottes« eingehen und in der erhabenen Wohnstätte »Und zu Ihm kehren wir zurück«Qur’án 2:156 – Anm. d. Hrsg.Q weilen. Es ist deine Pflicht, mit Gottes Erlaubnis das Auge deines Herzens von den Dingen dieser Welt zu läutern, damit du der Unendlichkeit göttlicher Erkenntnis gewahr werdest und so klar die Wahrheit schauest, dass du keines Beweises ihrer Wirklichkeit mehr bedarfst, noch irgendeines Zeichens, das ihr Zeugnis bestätigt.
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O du eifriger Sucher! Solltest du dich in das heilige Reich des Geistes erheben, so würdest du Gott so offenbar und erhaben über alle Dinge erkennen, dass deine Augen nichts sähen außer Ihm. »Gott war allein, niemand war da neben Ihm.«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q So hehr ist diese Stufe, dass kein Zeugnis davon künden kann und kein Beweis Seiner Wahrheit gerecht wird. Würdest du den geheiligten Bereich der Wahrheit erforschen, so fändest du, dass alle Dinge nur durch das Licht Seiner Erkenntnis erkannt werden, dass Er seit jeher nur durch Ihn selbst erkannt worden ist und dass dies immerdar so sein wird. Wenn du im Lande des Zeugnisses wohnst, dann sei zufrieden mit dem, was Er offenbart hat: »Ist es nicht genug für sie, dass Wir auf Dich das Buch herabgesandt haben?«Qur’án 29:51.Q Dies ist das Zeugnis, das Er selbst bestimmt hat. Einen größeren Beweis als diesen gibt es nicht und wird es niemals geben: »Dieser Beweis ist Sein Wort, Sein eigenes Selbst, das Zeugnis Seiner Wahrheit.«
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Und nun bitten Wir das Volk des Bayán, alle die Gelehrten, die Weisen, Geistlichen und Zeugen unter ihnen, nicht die Wünsche und Ermahnungen zu vergessen, die in ihrem Buche offenbart sind. Lasst sie allezeit ihren Blick auf das Wesentliche ihrer Sache heften, damit sie dann, wenn Er, die Quintessenz der Wahrheit, die innerste Wirklichkeit aller Dinge, die Quelle allen Lichtes, sich offenbart, sich nicht an bestimmte Stellen des Buches halten und Ihm zufügen, was in der Sendung des Qur’án geschehen ist. Denn Er, der König göttlicher Macht, ist wahrlich imstande, mit einem Buchstaben Seiner wundersamen Worte den Lebensodem des ganzen Bayán und seines Volkes auszutilgen, mit einem Buchstaben ihnen ein neues, unsterbliches Leben zu verleihen, so dass sie sich erheben und hervoreilen aus den Gräbern ihrer eitlen, selbstischen Wünsche. Habt Acht, seid wachsam und bedenket, dass alle Dinge im Glauben an Ihn ihre Vollendung finden, im Erreichen Seines Tages und in der Erkenntnis Seiner göttlichen Gegenwart. »Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Osten oder nach Westen wendet, sondern fromm ist, wer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag.«Qur’án 2:176.Q O Volk des Bayán! Höre auf die Wahrheit, zu der Wir dich ermahnen, damit du vielleicht unter dem Schatten Schutz suchest, der am Tage Gottes über der ganzen Menschheit ausgebreitet sein wird.
Zweiter Teil
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Wahrlich, Er, die Sonne der Wahrheit, der Offenbarer des höchsten Wesens, hat allezeit die unbestrittene Souveränität über alles im Himmel und auf Erden, selbst wenn kein Mensch auf Erden zu finden wäre, der Ihm gehorchte. Er, wahrlich, ist unabhängig von aller irdischen Herrschaft, sollte Er auch jeder Macht bar sein. So offenbaren Wir dir die Mysterien der Sache Gottes und verleihen dir die Edelsteine göttlicher Weisheit, damit du dich vielleicht auf den Schwingen der Entsagung zu jenen Höhen erhebest, die vor den Augen der Menschen verschleiert sind.
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Es ist Sinn und Zweck dieser Ausführungen, denen, die reinen Herzens und geheiligten Geistes sind, zu enthüllen und aufzuzeigen, dass die Sonnen der Wahrheit und die Spiegel des Lichtes göttlicher Einheit unwandelbar mit allbezwingender Macht versehen und mit unbesiegbarer Souveränität bekleidet sind, in welchem Zeitalter und Zyklus sie auch aus den unsichtbaren Wohnstätten altehrwürdiger Herrlichkeit in diese Welt herabgesandt wurden, um die Menschenseelen zu erziehen und allen erschaffenen Dingen Gnade zu erweisen. Denn diese verborgenen Edelsteine, diese versteckten, unsichtbaren Schatzkammern sind in sich selbst offenbar und rechtfertigen die Wirklichkeit der heiligen Worte: »Wahrlich, Gott tut, was immer Er will, und befiehlt, was immer Ihm gefällt.«vgl. Qur’án 2:253; 14:27; 22:14, 22:18 und Qur’án 5:1 – Anm. d. Hrsg.Q
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Jedem verständigen, erleuchteten Herzen ist offenbar, dass Gott, die unerforschliche Wesenheit, das göttliche Sein, unermesslich erhaben ist über alle menschlichen Merkmale wie leibliche Existenz, Aufstieg und Abstieg, Ausgang und Rückkehr. Fern sei es Seiner Herrlichkeit, dass des Menschen Zunge angemessen Sein Lob künden oder des Menschen Herz Sein unergründliches Mysterium erfassen könnte. Er ist und war von jeher in der altehrwürdigen Ewigkeit Seines Wesens verhüllt und wird in Seiner Wirklichkeit dem Schauen der Menschen ewiglich verborgen bleiben. »Keine Schau erfasst Ihn, Er aber erfasst alle Schau; Er ist der Scharfsinnige, der Allsehende.«Qur’án 6:103.Q Kein Band unmittelbaren Verkehrs kann Ihn an Seine Geschöpfe binden. Hoch erhaben steht Er über aller Trennung und Verbindung, Nähe und Ferne. Kein Zeichen kann Seine Gegenwart oder Abwesenheit künden, denn durch ein Wort Seines Befehles wurden alle im Himmel und auf Erden ins Dasein gerufen, und durch Seinen Wunsch, den Urwillen selbst, sind alle aus gänzlichem Nichtsein in das Reich des Seins, in die Welt des Sichtbaren, getreten.
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Gnädiger Gott! Wie könnte eine Verwandtschaft oder nur mögliche Verbindung gedacht werden zwischen Seinem Wort und denen, die daraus erschaffen sind? Der Vers: »Gott warnt euch vor sich selbst«Qur’án 3:30.Q zeugt klar für die Richtigkeit Unserer Argumentation, und das Wort: »Gott war allein, niemand war da neben Ihm«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q ist ein sicheres Zeugnis seiner Wahrheit. Zu allen Zeiten haben die Propheten Gottes und ihre Erwählten, die Geistlichen, Wissenden und Weisen einmütig ihr Unvermögen erkannt, dieses reinste Wesen aller Wahrheit zu begreifen, und ihre Unfähigkeit eingestanden, Ihn, die innerste Wirklichkeit aller Dinge, zu erfassen.
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Das Tor der Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage ist so vor dem Antlitz aller Wesen verschlossen. Darum hat der Quell unendlicher Gnade nach Seinem Vers: »Seine Gnade ist größer denn alle Dinge; Meine Gnade hat sie alle umfangen« vgl. Qur’án 7:156 – Anm. d. Hrsg. A jene leuchtenden Edelsteine der Heiligkeit aus dem Reiche des Geistes in der edlen Gestalt des menschlichen Tempels erscheinen und allen Menschen offenbar werden lassen, auf dass sie der Welt die Mysterien des unveränderlichen Seins schenken und ihr von Seinem reinen, unsterblichen Wesen künden. Diese geheiligten Spiegel, diese Aufgangsorte altehrwürdiger Herrlichkeit sind allesamt auf Erden die Vertreter Dessen, der die Sonne der Welt, ihr Wesen und ihr letztes Ziel ist. Von Ihm geht ihre Erkenntnis und Macht aus, von Ihm leitet sich ihre Souveränität ab. Die Schönheit ihres Antlitzes ist nur eine Widerspiegelung Seines Bildes, ihre Offenbarung ein Zeichen Seiner unsterblichen Herrlichkeit. Sie sind die Schatzkammern göttlicher Erkenntnis, die Verwahrungsorte himmlischer Weisheit. Durch sie wird eine Gnade vermittelt, die unendlich ist, und durch sie wird das Licht enthüllt, das nimmer verlöschen kann. So hat Er gesprochen: »Kein Unterschied ist zwischen Dir und ihnen, außer, dass sie Deine Diener und von Dir erschaffen sind.« aus dem ›Gebet des Monats Rajab‹ des Ḥujjatu’lláh, des 12. Imáms, übermittelt durch das Tor Muḥammad Ibn-i-‘Uthmán – Anm. d. Hrsg. A Dies ist die Bedeutung der Überlieferung: »Ich bin Er, Er selbst, und Er ist Ich, Ich selbst.«
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Die Traditionen und Sprüche, die sich auf Unseren Gegenstand beziehen, sind verschieden und mannigfach. Wir haben es Uns um der Kürze willen versagt, sie alle anzuführen. Nein fürwahr, alles in den Himmeln und auf Erden ist ein unmittelbarer Beweis dafür, dass sich darin Gottes Attribute und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen. Mich dünkt, ohne die Wirkkraft dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen. Wie hell strahlen die Sonnen der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen! In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der von allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde! Denn in ihm sind alle Namen und Attribute Gottes potentiell in einem Maße offenbart, das von keinem erschaffenen Wesen übertroffen wird. Alle diese Namen und Eigenschaften treffen auf ihn zu. So hat Er gesagt: »Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis.«Ḥadíth-i-Qudsí, ›heilige Tradition‹, – Anm. d. Hrsg.Q Mannigfaltig sind die Verse, die in allen himmlischen Büchern und heiligen Schriften wiederholt zu diesem schwierigsten, erhabensten Thema offenbart worden sind. So hat Er offenbart: »Wir werden ihnen sicherlich Unsere Zeichen zeigen in der Welt und in ihnen selbst.«Qur’án 41:53.Q Weiter spricht Er: »Und auch in euch selbst, wollt ihr da nicht die Zeichen Gottes schauen?«Qur’án 51:21.Q Und wiederum offenbart Er: »Und seid nicht wie jene, die Gott vergessen und die Er darum ihr eigenes Selbst vergessen ließ.«Qur’án 59:19.Q In diesem Zusammenhang hat Er, der ewige König – mögen die Seelen aller, die im mystischen Tabernakel wohnen, ein Opfer für Ihn sein – gesprochen: »Wer sich selbst erkannt hat, hat Gott erkannt.«Ḥadíth des Imám ‘Alí – Anm. d. Hrsg.Q
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Ich schwöre bei Gott, o du geschätzter und geehrter Freund! Solltest du diese Worte in deinem Herzen erwägen, du würdest sicherlich die Tore göttlicher Weisheit und unendlicher Erkenntnis vor deinem Antlitz weit geöffnet finden.
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Aus dem Gesagten wird deutlich, dass alle Dinge in ihrem innersten Wesenskern die Offenbarung der Namen und Attribute Gottes bezeugen. Jedes ist, je nach seiner Fähigkeit, ein Zeichen und Ausdruck der Erkenntnis Gottes. So mächtig und umfassend ist diese Offenbarung, dass sie alles Sichtbare und Unsichtbare umfängt. So hat er offenbart: »Hat irgendetwas außer Dir eine Kraft der Offenbarung, die Dir fehlt, so dass es Dich hätte sichtbar machen können? Blind ist das Auge, das Dich nicht wahrnimmt.«Gebet für den Tag ‘Arafah, offenbart von Imám Ḥusayn – Anm. d. Hrsg.Q Ebenso hat der ewige König gesprochen: »Kein Ding habe ich geschaut, ich hätte denn Gott in ihm, Gott vor ihm oder Gott hinter ihm geschaut.«Ḥadíth des Imám ‘Alí – Anm. d. Hrsg.Q Auch heißt es in der Traditionensammlung des KumaylKumayl Ibn Zíyád an-Nakhá’í, einer der engsten Vertrauten des Imám ‘Alí – Anm. d. Hrsg.A: »Siehe, ein Licht strahlt auf aus dem Morgen der Ewigkeit, und siehe, seine Wellen sind in die innerste Wirklichkeit aller Menschen eingedrungen.« Der Mensch, das edelste und vollkommenste aller erschaffenen Wesen, übertrifft sie alle an Stärke dieser Offenbarung und ist ein umfassender Ausdruck ihrer Herrlichkeit. Von allen Menschen sind die vollendetsten, die ausgezeichnetsten und vollkommensten die Manifestationen der Sonne der Wahrheit. Ja, alle außer ihnen leben durch das Wirken ihres Willens; sie bewegen sich und verdanken ihr Sein ihrem Gnadenstrom. »Wenn nicht für Dich, hätte Ich die Sphären nicht erschaffen.«Ḥadíth-i-Qudsí, ›heilige Tradition‹ – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q Nein, alle schwinden in ihrer heiligen Gegenwart zu äußerstem Nichts, zu einem vergessenen Wesen dahin. Die menschliche Zunge kann niemals angemessen ihren Lobpreis singen, menschliche Rede nie ihr Mysterium enthüllen. Diese Brennpunkte der Heiligkeit, diese Ersten Spiegel, die das Licht unvergänglicher Herrlichkeit widerstrahlen, sind nur ein Ausdruck von Ihm, dem Unsichtbaren der Unsichtbaren. Durch die Offenbarung dieser Edelsteine göttlicher Tugend sind alle Namen und Attribute Gottes wie Erkenntnis und Kraft, Souveränität und Herrschaft, Barmherzigkeit und Weisheit, Herrlichkeit, Freigebigkeit und Gnade enthüllt.
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Diese Attribute Gottes waren niemals bestimmten Propheten verliehen und anderen vorenthalten. Nein, alle Propheten Gottes, Seine wohlbegnadeten, Seine heiligen und erwählten Boten sind ohne Ausnahme die Träger Seiner Namen und die Verkörperungen Seiner Attribute. Sie unterscheiden sich nur in der Stärke ihrer Offenbarung und in der Wirkkraft ihres Lichtes. So hat Er offenbart: »Einige Sendboten haben Wir die anderen überragen lassen.«Qur’án 2:253.Q Es leuchtet daher ein, dass sich in den Gestalten dieser Propheten und Erwählten Gottes das Licht Seiner unendlichen Namen und erhabenen Attribute spiegelt, auch wenn das Licht einiger dieser Attribute durch diese leuchtenden Tempel den Augen der Menschen äußerlich nicht enthüllt wurde. Dass eine bestimmte Eigenschaft Gottes durch diese Wesen der Loslösung nach außen hin nicht offenbart wurde, besagt keineswegs, dass sie, die Morgenröten der Attribute Gottes und Schatzkammern Seiner heiligen Namen, diese nicht wirklich besessen hätten. Darum sind diese erleuchteten Seelen, diese schönen Antlitze, allesamt mit allen Attributen Gottes wie Souveränität, Herrschaft und dergleichen ausgestattet, mögen sie auch dem äußeren Anschein nach aller irdischen Majestät beraubt sein. Dies ist jedem einsichtigen Auge offenbar und bedarf keines Beweises.
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Fürwahr, die Völker der Welt sind nun ermattet und niedergeschlagen; sie schmachten vor Durst im Tale eitlen Wahns und des Eigensinns, weil sie versäumten, bei den leuchtenden, kristallklaren Quellen göttlicher Erkenntnis die innere Bedeutung der heiligen Gottesworte zu suchen. Sie sind weit abgeirrt von den frischen, durststillenden Wassern und versammeln sich um einen Salztümpel, der bitter schmeckt. Von ihnen sprach die Taube der Ewigkeit: »Und wenn sie den Pfad der Rechtschaffenheit sehen, so wollen sie ihn nicht als ihren Pfad annehmen; sehen sie aber den Pfad des Irrtums, so nehmen sie ihn als ihren Weg. Dies, weil sie Unsere Zeichen als Lüge behandelten und ihrer nicht achteten.«Qur’án 7:146.Q
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Dies legt davon Zeugnis ab, was in dieser wunderbaren, erhabenen Sendung geschehen ist. Myriaden heiliger Verse sind aus dem Himmel der Macht und der Gnade herabgekommen, doch niemand hat sich ihnen zugewandt; alle haben sich an die Worte von Menschen gehalten, die keinen Buchstaben verstehen von dem, was sie reden. Aus diesem Grunde hat das Volk unbestreitbare Wahrheiten wie diese bezweifelt und ist so des Riḍváns göttlicher Erkenntnis und der ewigen Auen himmlischer Weisheit verlustig gegangen.
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Und nun, um in Unserer Beweisführung fortzufahren: Warum trat die Souveränität des Qá’im, die durch die Texte der überlieferten Traditionen bestätigt und durch die leuchtenden Sterne der islámischen Sendung der Nachwelt vermittelt wurde, nicht im geringsten zutage? Sogar das Gegenteil ist geschehen: Wurden Seine Gefährten und Jünger nicht von den Menschen gepeinigt, sind sie nicht immer noch Opfer des grimmigen Widerstandes ihrer Feinde? Führen sie nicht heute noch das Leben erniedrigter, hilfloser Sterblicher? Wahrlich, die dem Qá’im zugeschriebene Souveränität, von der in den Schriften die Rede ist, ist eine Realität, deren Wahrheit niemand bezweifeln kann. Diese Souveränität ist jedoch nicht die Herrschaft, die sich die Menschen fälschlicherweise vorstellen. Überdies haben die alten Propheten allesamt, wenn sie dem Volke ihrer Zeit die nächste Offenbarung ankündigten, stets nachdrücklich auf die Souveränität hingewiesen, mit der die verheißene Manifestation gewisslich bekleidet sein müsse. Dies bezeugen die Berichte in den Schriften der Vergangenheit. Souveränität wird nicht allein dem Qá’im beigemessen, dieses Attribut und alle anderen Namen und Attribute Gottes sind allen Manifestationen Gottes vor und nach Ihm verliehen, denn sie sind, wie schon ausgeführt, die Verkörperungen der Attribute Gottes, des Unsichtbaren, und die Offenbarer der göttlichen Mysterien.
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Überdies bedeutet Souveränität die dem Qá’im innewohnende, alles umfassende, alles durchdringende Macht, die Ihm wesenseigen ist, ob Er nun in der Welt mit der Majestät irdischer Herrschaft bekleidet erscheint oder nicht. Dies hängt einzig vom Willen und Gefallen des Qá’im selbst ab. Du wirst alsbald erkennen, dass die Begriffe Souveränität, Reichtum, Leben, Tod, Gericht und Auferstehung, von denen in den Schriften der Vergangenheit die Rede ist, nicht das bedeuten, was dieses Geschlecht wähnt. Souveränität ist vielmehr jene höchste Herrschaft, die in allen Sendungen der Manifestation, der Sonne der Wahrheit, innewohnt und von ihr ausgeht. Diese Souveränität ist die geistige Überlegenheit über alles im Himmel und auf Erden, die Er im höchsten Maße innehat, eine Herrschaft, die sich, wenn die Zeit erfüllt ist, der Welt im genauen Verhältnis zu ihrer Fassungskraft und geistigen Aufnahmebereitschaft enthüllt, so wie die Souveränität Muḥammads, des Gesandten Gottes, heute unter dem Volke offenbar ist. Du bist dir aber dessen bewusst, was Seinem Glauben in den frühen Tagen Seiner Sendung widerfahren ist. Mit welch schmerzlichem Leid hat die Hand der Ungläubigen und Irrenden, der Geistlichen jener Zeit und ihrer Genossen, dieses geistige Wesen, dieses reinste, heiligste Sein heimgesucht! Wie viele Dornen und Disteln haben sie auf Seinen Pfad gestreut! In seinem gottlosen, satanischen Wahn sah dieses nichtswürdige Geschlecht offenbar in jedem Unrecht, das diesem unsterblichen Wesen angetan wurde, ein Mittel, ewige Glückseligkeit zu erlangen, denn die anerkannten Geistlichen jener Zeit, wie ‘Abdu’lláh Ubayy, Abú-‘Ámir – der Eremit, Ka‘b Ibn-i-Ashraf und Naḍr Ibn-i-Ḥárith, behandelten Ihn alle als Betrüger und nannten Ihn einen Irren und Verleumder. So schlimme Anklagen erhoben sie gegen Ihn, dass, wollte Ich sie aufzählen, Gott der Tinte verbieten würde zu fließen, Unserer Feder, sich zu bewegen, oder dem Blatt, sie zu ertragen. Diese böswilligen Vorwürfe wiegelten das Volk auf, sich gegen Ihn zu erheben und Ihn zu peinigen. Wie bitter ist eine solche Qual, wenn die Geistlichen der Zeit ihre Hauptanstifter sind, wenn sie Ihn vor ihrem Gefolge öffentlich brandmarken, Ihn aus ihrer Mitte verstoßen und Ihn einen Schurken nennen! Ist solches nicht auch diesem Diener widerfahren, wie alle bezeugen?
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Aus diesem Grunde rief Muḥammad: »Kein Prophet Gottes hat solches Unrecht erlitten, wie Ich es erlitt.« Im Qur’án sind alle Verleumdungen und Vorwürfe verzeichnet, die gegen Ihn vorgebracht wurden, wie auch die Trübsale, die Er erlitt. Seht dort nach, damit ihr unterrichtet seid, wie es Seiner Offenbarung erging. So schmerzlich war Seine Lage, dass eine Zeitlang niemand mehr mit Ihm und Seinen Gefährten verkehrte. Wer immer sich zu Ihm gesellte, fiel der unerbittlichen Grausamkeit Seiner Feinde zum Opfer.
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Wir werden in diesem Zusammenhang nur einen Vers aus diesem Buch anführen. Wenn du ihn mit einsichtsvollen Augen betrachtest, wirst du während der verbleibenden Tage deines Lebens die Unbill Muḥammads, dieses ungerecht behandelten, unterdrückten Gottesboten, beklagen. Dieser Vers wurde zu einer Zeit offenbart, da Muḥammad erschöpft und bekümmert unter der Wucht der Feindschaft des Volkes und seiner unaufhörlichen Quälereien schmachtete. Inmitten Seiner Pein hörte Er die Stimme Gabriels, die vom Sadratu’l-Muntahá her rief: »Wenn Dir ihr Widerstand schmerzlich ist – dann suche doch, wenn Du kannst, ein Loch in der Erde oder eine Leiter in den Himmel.«Qur’án 6:35.Q Der Sinn dieses Verses ist, dass es in Seinem Fall keine Hilfe gab und dass sie nicht von Ihm ablassen würden, es sei denn, Er verbärge sich in den Tiefen der Erde oder nähme Seinen Flug zum Himmel.
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Bedenke, wie sehr sich alles gewandelt hat! Sieh, wie viele Herrscher das Knie vor Seinem Namen beugen! Wie zahlreich sind die Völker und Reiche, die in Seinem Schatten Schutz suchen, Seinem Glauben huldigen und sich dessen rühmen! Von den Kanzeln steigen heute Worte des Lobpreises auf, die in äußerster Demut Seinen gesegneten Namen verherrlichen, von den Spitzen der Minarette tönt der Ruf, der die Schar Seines Volkes versammelt, Ihn anzubeten. Selbst die Könige der Erde, die es abgelehnt haben, Seinen Glauben anzunehmen und das Gewand des Unglaubens abzulegen, bestätigen doch die Größe und überwältigende Erhabenheit dieser Sonne göttlicher Gnade. So steht es um Seine irdische Souveränität, deren Beweise du überall schauen kannst. Diese Souveränität muss sich noch zu Lebzeiten einer jeden Manifestation Gottes oder aber nach ihrem Aufstieg zu ihrer wahren Wohnstätte in den Reichen der Höhe offenbaren und festigen. Was du heute erlebst, ist nur eine Bestätigung dieser Wahrheit. Diese geistige Überlegenheit jedoch, die von allem Anfang an gewollt war, wohnt ihnen inne und umkreist sie von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie kann nicht einen Augenblick von ihnen geschieden sein. Ihre Herrschaft umfasst alles im Himmel und auf Erden.
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Auch das Folgende ist ein Beweis der Souveränität Muḥammads, der Sonne der Wahrheit: Hast du nicht gehört, wie Er mit einem einzigen Vers Licht von Finsternis, die Gerechten von den Frevlern und die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden hat? Alle Zeichen und Anspielungen auf den Tag des Gerichts, von denen du gehört hast – wie die Auferstehung der Toten, der Tag der Abrechnung, das Jüngste Gericht und anderes –, sind durch die Offenbarung dieses Verses klar enthüllt worden. Die offenbarten Worte waren ein Segen für die Gerechten, die sie vernahmen und ausriefen: »O Gott, unser Herr, wir hören und gehorchen.«vgl. Qur’án 2:285, 24:51 – Anm. d. Hrsg.Q Sie gereichten dem Volke des Unrechts zum Fluche, das sie auch vernahm und sagte: »Wir hören und wir lehnen uns auf.«Qur’án 2:93 – Anm. d. Hrsg.Q Diese Worte, scharf wie Gottes Schwert, haben die Gläubigen von den Ungläubigen und den Vater vom Sohn geschieden. Du hast sicherlich auch erfahren, wie die, die sich zu Seinem Glauben bekannten, und die, die ihn verwarfen, gegeneinander gekämpft und um ihren Besitz gestritten haben. Wie viele Väter haben sich von ihren Söhnen abgewandt, wie viele Liebende haben ihre Geliebten gemieden! So erbarmungslos scharf hat dieses wundersame Schwert Gottes geschnitten, dass es alle verwandtschaftlichen Bande trennte! Betrachte andererseits die allesverschmelzende Kraft Seines Wortes. Sieh, wie Menschen, unter die der Satan des Selbstes über Jahre die Saaten der Bosheit und des Hasses gesät hatte, durch ihre Ergebenheit gegenüber dieser wundersamen, übernatürlichen Offenbarung so miteinander verschmolzen wurden, dass man meinen könnte, sie seien den gleichen Lenden entsprungen. So stark ist die bindende Kraft des Gotteswortes, das die Herzen derer eint, die auf alles außer Ihn verzichten, an Seine Zeichen glauben und aus der Hand der Herrlichkeit den Kawthar von Gottes heiliger Gnade trinken. Und schließlich: Wie viele Völker verschiedenen Glaubens, sich streitender Bekenntnisse und gegensätzlicher Mentalität haben vom neu belebenden Duft der göttlichen Frühlingszeit im Riḍván Gottes Atem geschöpft, sich in das neue Gewand göttlicher Einheit gekleidet und aus dem Kelch Seiner Einzigkeit getrunken!
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Dies ist die Bedeutung des wohlbekannten Wortes: »Wolf und Lamm sollen weiden zugleich.«Jes. 65:25.Q Seht die Unwissenheit und Torheit derer, die den alten Völkern gleich immer noch harren, Zeugen der Zeit zu werden, da diese Tiere gemeinsam auf einer Aue weiden. Wie tief sind sie gesunken. Mich dünkt, ihre Lippen haben nie den Kelch der Erkenntnis berührt, ihre Füße nie den Pfad der Gerechtigkeit betreten. Von welchem Nutzen wäre es überdies für die Welt, wenn so etwas geschähe? Wie treffend hat Er über sie gesagt: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen, und Augen haben sie, mit denen sie nicht sehen.«Qur’án 7:179.Q
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Sieh, wie mit diesem einen Vers aus dem Himmel des göttlichen Willens die Welt und alles darinnen von Ihm zur Rechenschaft gezogen wurde. Wer Seine Wahrheit anerkannte und sich Ihm zuwandte, dessen gute Werke wogen seine Missetaten auf, und alle seine Sünden wurden ihm vergeben. Dadurch ist die Wahrheit folgender Worte über Ihn bestätigt: »Schnell ist Er im Abrechnen.«vgl. Qur’án 2:202; 3:19; 3:199; 5:4; 6:62; 13:41; 24:39 – Anm. d. Hrsg.Q So wandelt Gott Ungerechtigkeit in Rechtschaffenheit – o würdet ihr doch die Reiche göttlicher Erkenntnis erforschen und die Geheimnisse Seiner Weisheit ergründen! Ebenso erlangte jeder, der am Kelch der Liebe teilhatte, seinen Teil am Weltmeer ewiger Gnade und an den Regenschauern unvergänglicher Barmherzigkeit; er ging in das Leben des Glaubens ein, in das himmlische, das ewige Leben. Doch wer sich von jenem Kelch abwandte, der ward zu ewigem Tode verdammt. Die Worte »Leben« und »Tod« bedeuten in den heiligen Schriften das Leben des Glaubens und den Tod des Unglaubens. Die meisten haben, weil sie die Bedeutung dieser Worte nicht zu fassen vermochten, die Gestalt der Manifestation verworfen und verschmäht; sie haben sich des Lichtes Seiner göttlichen Führung beraubt und es abgelehnt, dem Beispiel dieser unsterblichen Schönheit zu folgen.
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Als das Offenbarungslicht des Qur’án im heiligen Herzen Muḥammads entflammt war, gab Er dem Volke Sein Urteil über den Jüngsten Tag, über die Auferstehung, das Gericht, das Leben und den Tod. Daraufhin wurden die Banner des Aufruhrs gehisst und die Türen des Spottes aufgestoßen. So hat Er, der Geist Gottes, berichtet, was von den Ungläubigen gesprochen wurde: »Und sagst du: ›Nach dem Tode werdet ihr sicherlich auferweckt‹, so rufen die Ungläubigen ganz gewiss: ›Das ist ja nichts als offenbare Zauberei.‹«Qur’án 11:7; [vgl. Abs. 24, Anm. 38]].Q Und ein andermal spricht Er: »Wenn du dich wunderst, wunderlich ist wahrlich ihr Gerede: ›Was! Wenn wir Staub geworden sind, sollen wir hernach zu einer neuen Schöpfung werden?‹«Qur’án 13:5; [vgl. Abs. 24, Anm. 38].Q Darum ruft Er an einer anderen Stelle voll Zorn: »Sind Wir denn durch die erste Schöpfung ermattet? Und dennoch bezweifeln sie eine neue Schöpfung!«Qur’án 50:15; [vgl. Abs. 24, Anm. 38].Q
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Da die Kommentatoren des Qur’án und die Buchstabengläubigen die innere Bedeutung der Gottesworte nicht verstanden und deren eigentlichen Zweck nicht zu fassen vermochten, suchten sie nach den Regeln der Grammatik zu beweisen, dass das Wort ›idhábedeutet ›wenn‹ oder ›wann‹ – Anm. d. Hrsg.A, wenn es der Vergangenheitsform vorangeht, sich immer auf die Zukunft beziehe. Später aber waren sie bei dem Versuch, die Verse des Buches, in denen dieser Begriff nicht vorkommt, zu erklären, peinlich verwirrt. So hat Er offenbart: »Und es ertönte die Posaune, und sieh, der angedrohte Tag ist da! Und jede Seele wird zur Rechenschaft gerufen, und mit ihr gehen ein Treiber und ein Zeuge.«Qur’án 50:20–21.Q Bei der Auslegung dieser und ähnlicher Verse haben sie manchmal argumentiert, das Wort ›idhá‹ sei inbegriffen. In anderen Fällen haben sie sinnlos darüber gestritten, dass der Tag des Gerichts, weil er unvermeidlich sei, als ein Geschehnis nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit erscheine. Wie hohl ist ihre Sophisterei, wie schmerzlich ihre Blindheit! Sie weigern sich, den Posaunenstoß anzuerkennen, der in der Offenbarung Muḥammads eine so deutliche Sprache spricht. Sie berauben sich selbst des neu belebenden Gottesgeistes, von dessen Hauch sie erfüllt ist, und warten töricht darauf, den Posaunenton des Seraph Gottes zu hören, der doch nur einer Seiner Diener ist! Wurden nicht der Seraph, der Engel des Gerichtstages, und seinesgleichen durch das Wort Muḥammads eingesetzt? Sprich: Was! Wollt ihr das, was gut für euch ist, hingeben für das, was schlecht ist? Nichtswürdig ist, was ihr euch da fälschlich eingetauscht habt! Wahrlich, ihr seid ein übles Volk in schmerzlichem Verlust.
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Nein, mit »Posaune« ist der Posaunenruf der Offenbarung Muḥammads gemeint, der im Herzen des Weltalls erscholl, und die »Auferstehung« ist Seine öffentliche Verkündigung der Gottessache. Er hieß die Irrenden und Widerspenstigen, sich zu erheben und aus den Gräbern ihrer Leiber zu eilen, schmückte sie mit dem Prachtgewand des Glaubens und erquickte sie mit dem Hauch eines neuen, wunderbaren Lebens. Darum ließ sich zu der Stunde, da Muḥammad, diese göttliche Schönheit, sich entschloss, eines der in den Sinnbildern »Auferstehung«, »Gericht«, »Paradies« und »Hölle« verborgenen Mysterien zu enthüllen, Gabriel – die Stimme der Eingebung – vernehmen: »Binnen kurzem werden sie den Kopf über Dich schütteln und sagen: ›Wann soll dies geschehen?‹ Sprich: ›Dies kann in Bälde geschehen.‹«Qur’án 17:51.Q Der tiefere Sinn dieses Verses allein genügt schon den Völkern der Welt – o würden sie es doch in ihrem Herzen bedenken!
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Gnädiger Gott! Wie weit ist dieses Volk vom Wege Gottes abgeirrt! Obgleich der Tag der Auferstehung durch die Offenbarung Muḥammads angekündigt wurde, obwohl Sein Licht und Seine Zeichen die Erde und alles darinnen umfangen hatten, verhöhnten sie Ihn und gaben sich Trugbildern hin, welche die Geistlichen seinerzeit in ihrem leeren, eitlen Wahn ersonnen hatten. So haben sie sich des Lichtes himmlischer Gnade und der Regenschauer göttlicher Barmherzigkeit beraubt. Fürwahr, der gemeine Käfer kann niemals den Duft der Heiligkeit verspüren, und die Fledermaus der Finsternis kann nie den Glanz der Sonne ertragen.
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Ähnliches begab sich in den Tagen aller Manifestationen Gottes. Jesus sprach: »Ihr müsset von neuem geboren werden.«Joh. 3:7.Q Und wiederum sagte Er: »Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.«Joh. 3:5–6Q Der Sinn dieser Worte ist: Wer immer in einer Sendung aus dem Geist geboren und durch den Hauch der Manifestation der Heiligkeit beseelt ist, gehört wahrlich zu denen, die zum »Leben« und zur »Auferstehung« gelangt und in das »Paradies« der Liebe Gottes eingegangen sind. Und wer nicht zu ihnen gehört, ist zum »Tod« und zur »Gottferne«, zum »Feuer« des Unglaubens und zum »Zorn« Gottes verurteilt. In allen Schriften, in den Büchern und Chroniken lautet das Urteil über die, deren Lippen nicht vom lieblich reinen Kelche wahrer Erkenntnis gekostet haben und deren Herzen der Gnade des Heiligen Geistes an ihrem Tage beraubt waren, auf Tod, Feuer, Blindheit, Mangel an Verständnis und Gehör. So wie schon früher vermerkt wurde: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen.«Qur’án 7:178.Q
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An anderer Stelle des Evangeliums wird berichtet, wie eines Tages der Vater eines Jüngers Jesu gestorben war und wie der Jünger den Tod seines Vaters Jesus mitteilte und Ihn bat: »Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe«Lk. 9:59 – Anm. d. Hrsg.Q, worauf Jesus, dieses Wesen der Loslösung, antwortete und sprach: »Lasse die Toten ihre Toten begraben.«Lk. 9:60.Q
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