Bahá’u’lláh | Das Buch der Gewissheit
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Wollten Wir dir einen Schimmer der Geheimnisse von Ḥusayns Martyrium vermitteln und dir dessen Früchte enthüllen, so würden diese Seiten nicht genügen, um seine Bedeutung auszuschöpfen. Unsere Hoffnung ist, dass – so Gott will – der Hauch der Barmherzigkeit wehe und der göttliche Lenz den Baum des Seins mit neuem Leben bekleide, so dass wir die Mysterien göttlicher Weisheit entdecken und dank Seiner Vorsehung unabhängig von der Erkenntnis aller Dinge werden. Wir haben bis jetzt nur eine kleine Schar von Seelen erspäht, die, bar jeden Ruhmes, diese Stufe erreichten. Die Zukunft mag enthüllen, was Gottes Urteil befehlen und Sein heiliger Ratschluss offenbaren wird. Also berichten Wir dir von den Wundern der Gottessache und lassen deine Ohren die Klänge himmlischer Melodien vernehmen, auf dass du die Stufe wahrer Erkenntnis erlangest und ihre Früchte genießest. So wisse denn wahrlich, dass diese Sonnen himmlischer Erhabenheit, möge ihre Wohnstatt auch im Staube sein, ihren wahren Ruhesitz auf dem Throne der Herrlichkeit in den Reichen der Höhe haben. Mögen sie auch allen irdischen Besitzes beraubt sein, so schwingen sie sich doch empor in die Sphären unermesslichen Reichtums. Während sie im Griff des Feindes schmerzlich geprüft werden, sitzen sie zur Rechten der Macht und himmlischen Herrschaft. Inmitten der Finsternis ihrer irdischen Erniedrigung scheint auf sie das Licht unvergänglicher Herrlichkeit, und über ihre Hilflosigkeit ergießen sich die Zeichen unbesiegbarer Souveränität.
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Jesus, der Sohn Marias, saß eines Tages da und sprach folgende Worte aus dem Heiligen Geist: »O Menschen! Die Speise, mit der Ich Meinen Hunger stille, ist das Gras des Feldes. Mein Bett ist der Staub der Erde, Meine Lampe in der Nacht ist der Mondenschein, und Mein Ross sind Meine Füße. Doch sehet, wer auf Erden ist reicher als Ich?« Bei der Gerechtigkeit Gottes! Tausende von Schätzen umwandeln diese Armut, und Myriaden von Reichen der Herrlichkeit sehnen sich nach solcher Niedrigkeit! Solltest du nur einen einzigen Tropfen aus dem Meer der inneren Bedeutung dieser Worte erlangen, so würdest du wahrlich der Welt und allem darinnen entsagen und dich, dem Phönix gleich, in den Flammen des unvergänglichen Feuers verzehren.
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So wird auch berichtet, dass eines Tages einer der Gefährten ṢádiqsJa‘far aṣ-Ṣádiq, der sechste Imám der Shí‘iten – Anm. d. Hrsg.A sich bei diesem über seine Armut beklagte, worauf Ṣádiq, diese unsterbliche Schönheit, ihm zur Antwort gab: »Wahrlich, reich bist du, denn du hast einen Trunk vom Weine des Reichtums getan.« Diese von Armut heimgesuchte Seele wurde bei diesen Worten des Erleuchteten ganz verwirrt und sagte: »Wo ist denn mein Reichtum, besitze ich doch kaum eine Münze?« Doch Ṣádiq bemerkte dazu: »Hast du nicht unsere Liebe?« Darauf er: »Gewiss, ich habe sie, o du Spross des Propheten Gottes!« Und Ṣádiq fragte ihn weiter: »Möchtest du diese Liebe für tausend Dinare tauschen?« Er antwortete: »Nein, niemals will ich sie eintauschen, und gäbe man mir gleich die Welt und alles, was darinnen ist!« Da sprach Ṣádiq: »Wie kann einer, der solchen Schatz besitzt, arm genannt werden?«
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Diese Armut und dieser Reichtum, diese Niedrigkeit und Herrlichkeit, diese Herrschaft und Macht, alles, worauf Augen und Herzen der hohlen, törichten Seelen gerichtet sind – alles schwindet zu völligem Nichts dahin in diesem heiligen Hofe. So ist gesagt worden: »O Menschen! Ihr seid nur arm, weil ihr Gottes bedürft. Gott aber ist der Reiche, der Selbstgenügende.«Qur’án 35:15.Q »Reichtum« bedeutet also die Unabhängigkeit von allem außer Gott, »Armut« den Mangel an allem, was Gottes ist.
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Erinnere dich auch des Tages, da die Juden Jesus, den Sohn Marias, umringten und Ihn drängten, Er solle Seinen Anspruch, der Messias und Prophet Gottes zu sein, bekennen; denn sie wollten Ihn zum Ungläubigen erklären und zum Tode verurteilen. Sie führten Ihn, die Sonne des Himmels göttlicher Offenbarung, zu Pilatus und zu Kaiphas, dem obersten Priester jener Zeit. Die hohen Geistlichen waren im Palast versammelt, auch eine Menge Volkes war zusammengeströmt, um Seine Leiden zu begaffen, um Ihn zu verhöhnen und zu beleidigen. Obwohl sie Ihn mehrfach fragten – denn sie hofften, Er werde Seinen Anspruch bekennen –, verharrte Jesus stumm und sagte nichts. Schließlich stand ein von Gott Verworfener auf, trat zu Jesus und beschwor Ihn: »Hast du nicht behauptet, du seiest der göttliche Messias? Sagtest du nicht: ›Ich bin der König der Könige, Mein Wort ist Gottes Wort, und Ich breche den Sabbat‹?« Da hob Jesus Sein heiliges Haupt und sprach: »Siehest du nicht den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und Macht?«vgl. Mt. 26:64, Mk. 14:60 – Anm. d. Hrsg.A Dies waren Seine Worte. Und nun beachte: Er, dem es dem Anschein nach an aller Macht gebrach, besaß jene innere göttliche Macht, die alles im Himmel und auf Erden umfängt. Wie kann Ich alles berichten, was über Ihn kam, als Er diese Worte gesprochen hatte? Wie soll Ich die Gemeinheit beschreiben, mit der sie Ihn behandelten? Zuletzt häuften sie solch tödliches Leid auf Seine gesegnete Gestalt, dass Er Seine Zuflucht in den vierten Himmel nahm.
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Das Lukasevangelium berichtet, dass Jesus eines Tages an einem Juden vorüberging, der gelähmt auf seinem Bette lag. Als der Jude Ihn erblickte, erkannte er Ihn und jammerte um Seine Hilfe. Jesus sprach zu ihm: »Erhebe dich von deinem Bett, deine Sünden sind dir vergeben.« Einige Juden, die dabeistanden, murrten und sprachen: »Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?« Er aber durchschaute sofort ihre Gedanken, Er antwortete ihnen und sprach: »Was ist leichter, zu dem Lahmen zu sagen: ›Stehe auf, nimm dein Bett und wandle‹, oder: ›Dir sind deine Sünden vergeben‹? Ihr sollt aber wissen, dass der Menschensohn auf Erden Macht hat, die Sünden zu vergeben.«vgl. Lk. 5:18–26.A Dies ist die wahre Souveränität, dies ist die Macht der Auserwählten Gottes! Unsere Ausführungen und Zeugnisse aus verschiedenen Quellen sollen dir nur dazu verhelfen, den tieferen Sinn des Gotteswortes zu erfassen, wie es von Seinen Auserwählten geäußert wurde, damit nicht einige dieser Aussprüche deinen Fuß straucheln lassen und dein Herz verstören.
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So lasst uns mit festem Schritt auf dem Pfade der Gewissheit wandeln, damit uns der Windhauch von den Gefilden des Wohlgefallens Gottes die süßen Düfte göttlicher Annahme spende und uns, die vergänglichen Sterblichen, zum Königreich ewiger Herrlichkeit gelangen lasse. Dann wirst du den tieferen Sinn der Souveränität und all dessen, was Traditionen und Schriften sagen, begreifen. Außerdem ist offenbar und dir bekannt, dass das, woran Juden und Christen sich geklammert hatten, und die unentwegten Nörgeleien, mit denen sie der Schönheit Muḥammads begegneten, an diesem Tage auch vom Volke des Qur’án vorgebracht werden, was ihre Anklagen gegen den »Punkt des Bayán« beweisen – mögen die Seelen aller, die im Reiche göttlicher Offenbarung wohnen, ein Opfer für Ihn sein! Sieh ihre Narrheit: Sie sprechen die gleichen Worte wie die Juden in alten Zeiten, und sind dessen nicht gewahr. Wie treffend und wahr ist Sein Urteil über sie: »Lasse sie sich mit ihren Spitzfindigkeiten abgeben!«Qur’án 6:91.Q »Bei Deinem Leben, o Muḥammad! Sie sind ganz besessen von ihrem eitlen Wahn.«Qur’án 15:72.Q
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Als der Unsichtbare, der Ewige, das göttliche Wesen, die Sonne Muḥammads über dem Horizont der Erkenntnis aufsteigen ließ, erhoben die jüdischen Geistlichen gegen Ihn ausgeklügelte Einwände, darunter den, dass Gott nach Mose keinen Prophet mehr senden werde. Ja, in ihrer Schrift ist von einer Seele die Rede, die sich offenbaren müsse, um den Glauben des Mose zu verbreiten und die Interessen Seines Volkes zu fördern, so dass das Gesetz des Mose schließlich den ganzen Erdkreis umfasse. Darum sprach der König ewiger Herrlichkeit in Seinem Buch, auf die Worte dieser Wanderer im Tale der Gottferne und des Irrtums verweisend: »›Gottes Hand‹, so sagen die Juden, ›ist gefesselt.‹ Gefesselt seien ihre eigenen Hände, verflucht seien sie für das, was sie da sprechen. Nein, ausgestreckt sind Seine Hände!«Qur’án 5:64.Q »Gottes Hand ist über ihren Händen.«Qur’án 48:10.Q
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Auch wenn die Kommentatoren des Qur’án die Umstände, die zur Offenbarung dieses Verses führten, verschieden schildern, solltest du dich doch bemühen, seinen Sinn zu begreifen. Er sagt: Wie falsch ist das, was sich die Juden vorstellen! Wie kann die Hand Dessen, der in Wahrheit der König ist, der das Antlitz des Mose offenbar werden ließ und Ihm das Gewand der Prophetenschaft verlieh – wie kann eines solchen Hand gefesselt sein? Wie kann man wähnen, dass Er die Macht nicht habe, nach Mose einen Boten erstehen zu lassen? Erkenne, wie abwegig ihr Gerede, wie weit sie vom Pfade der Erkenntnis und Einsicht abgeirrt sind! Beachte, wie auch heute all dieses Volk zu solchen Torheiten und Abwegigkeiten neigt. Über ein Jahrtausend lang haben sie diesen Vers rezitiert und ohne Einsicht ihr Urteil über die Juden gesprochen, ohne im geringsten zu merken, wie sie damit selbst, offen und insgeheim, die Gefühle und den Glauben des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachten! Du bist dir sicher ihrer eitlen Behauptung bewusst, dass alle Offenbarung beendet und die Tore göttlicher Barmherzigkeit geschlossen seien, dass sich keine Sonne mehr vom Morgen ewiger Heiligkeit erheben werde, dass das Meer ewiger Gnadenfülle für immer ruhe und aus dem Heiligtum urewiger Herrlichkeit keine Gottesboten mehr offenbart würden. Dies ist das Verständnis dieser kleingeistigen, verächtlichen Menschen! Sie wähnen, der Strom von Gottes allumfassender Gnade und überfließender, reicher Barmherzigkeit, dessen Versiegen unvorstellbar ist, sei zum Stillstand gekommen. Von allen Seiten haben sie sich zur Tyrannei erhoben und die größten Anstrengungen unternommen, mit den bitteren Wassern ihres leeren Wahns die Flamme aus Gottes Brennendem Busch zu löschen; blind dafür, dass das Glas der Macht, einem Bollwerk gleich, die Lampe Gottes beschirmt. Diesem Volk genügt wohl seine völlige Erniedrigung, denn es ist der Erkenntnis des eigentlichen Zwecks der Gottessache beraubt, und ihr Geheimnis und ihr Wesenskern sind ihm verhüllt, ist doch die höchste, alles übertreffende dem Menschen gewährte Gnade, »in Gottes Gegenwart zu gelangen«vgl. Qur’án 8:4, 68:34 – Anm. d. Hrsg.Q und Ihn zu erkennen, wie es allem Volke verheißen ist. Dies ist die höchste Gnade des Altehrwürdigen, des Gnadenvollen, für den Menschen, die Fülle Seiner grenzenlosen Güte für Seine Geschöpfe. An dieser Gnade und Güte hat niemand aus diesem Volke teil, und keiner wurde mit solch höchst erhabener Würde beehrt. Wie viele offenbarte Verse bezeugen ausdrücklich diese gewichtige Wahrheit und dieses höchst erhabene Thema! Und doch haben sie sie verworfen und ihren Sinn nach ihren eigenen Wünschen umgedeutet. So hat Er offenbart: »Jene aber, die nicht an Gottes Zeichen glauben, noch daran, dass sie Ihm je begegnen werden, werden an Meiner Barmherzigkeit verzweifeln, denn ihrer harrt eine schmerzliche Züchtigung.«Qur’án 29:23.Q Auch sagt Er: »Die damit rechnen, dass sie ihrem Herrn begegnen und zu Ihm zurückkehren werden.«Qur’án 2:46.Q An einer anderen Stelle spricht Er: »Jene, die es für gewiss hielten, Gott zu begegnen, sagten: ›Wie oft hat durch Gottes Willen eine kleine Schar eine große Schar besiegt!‹«Qur’án 2:249.Q Und ein andermal offenbart Er: »So lasset ihn denn, da er in die Gegenwart seines Herrn zu gelangen hofft, ein rechtschaffenes Werk tun.«Qur’án 18:110.Q Und wiederum spricht Er: »Er ordnet alle Dinge. Er lässt uns Seine Zeichen deutlich schauen, auf dass ihr festen Glauben habet, in die Gegenwart eures Herrn zu gelangen.«Qur’án 13:2.Q
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Dieses Volk hat die Verse, die unzweideutig die Wirklichkeit des »Gelangens in die Göttliche Gegenwart« bezeugen, verworfen. Kein Thema wurde in den heiligen Schriften nachdrücklicher behandelt. Gleichwohl haben sie sich selbst dieses hohen, dieses erhabensten Ranges beraubt, dieser vornehmsten, herrlichen Stufe. Einige haben behauptet, das »Gelangen in die Göttliche Gegenwart« bedeute die »Offenbarung« Gottes am Tage der Auferstehung. Sollten sie behaupten, »Offenbarung« Gottes sei im Sinne einer »allumfassenden Offenbarung« zu verstehen, so ist doch offenkundig, dass eine solche Offenbarung bereits in allen Dingen vorhanden ist. Diese Wahrheit haben Wir schon begründet, denn Wir haben ausgeführt, dass alle Dinge Empfänger und Offenbarer der Strahlen jenes wahren Königs sind und dass die Zeichen der Offenbarung jener Sonne, des Quells allen Strahlenglanzes, in den Dingen gespiegelt, vorhanden und sichtbar sind. Fürwahr, schaute der Mensch mit dem Auge geistiger und göttlicher Unterscheidung, so würde er gar bald erkennen, dass nichts bestehen kann ohne die Offenbarung der Strahlen Gottes, des wahren Königs. Sieh, wie beredt alles Erschaffene die Offenbarung dieses inneren Lichtes in ihnen bezeugt. Sieh, wie in allen Dingen die Tore zum Riḍván Gottes geöffnet sind, so dass die Sucher zu den Städten der Erkenntnis und Weisheit gelangen und eingehen in die Gärten des Wissens und der Macht. Jeder Garten lässt sie die mystische Braut der inneren Bedeutung in den Kammern der Rede in all ihrer Lieblichkeit und im schönsten Schmucke erblicken. Die meisten Verse des Qur’án verkünden und bezeugen dieses geistige Thema. Der Vers: »Und nichts gibt es dort, das nicht Sein Lob anstimmt«Qur’án 17:44.Q ist ein beredter Beweis dafür, und: »Wir bemerkten alle Dinge und schrieben sie nieder«Qur’án 78:29.Q ist ein glaubwürdiger Zeuge. Wenn nun das »Gelangen in die Gegenwart Gottes« die Erkenntnis einer solchen Offenbarung bedeuten sollte, so ist es offenbar, dass alle Menschen schon die Gegenwart des ewigen Antlitzes jenes unwandelbaren Königs erlangt haben. Warum sollte man dann eine solche Offenbarung auf den Tag der Auferstehung beschränken?
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Und sollten sie behaupten, mit der »göttlichen Gegenwart« sei die »besondere Offenbarung Gottes« gemeint, die manche Ṣúfí als die »Heiligste Ausgießung« bezeichnen, so leuchtet ein, dass sie, falls in dem Höchsten Wesen selbst geschehen, ewig in der göttlichen Erkenntnis ruht. Geht man von der Richtigkeit dieser Hypothese aus, so ist ein »Gelangen in die göttliche Gegenwart« in diesem Sinne offensichtlich niemandem möglich, denn diese Offenbarung wäre nur auf das innerste Wesen beschränkt, zu dem kein Mensch Zutritt hat. »Der Weg ist versperrt, und alles Suchen wird abgewiesen.«Ḥadíth, dem Imám ‘Alí zugeschrieben – Anm. in: Sieben Täler.Q Die mit Vernunft begnadeten Seelen des Himmels vermögen, so hoch sie sich auch emporschwingen, niemals zu dieser Stufe zu gelangen, um wie viel weniger das Verständnis von Menschen mit getrübter und beschränkter Erkenntnisfähigkeit.
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Und sollten sie behaupten, die »göttliche Gegenwart« bedeute eine »Gottesoffenbarung zweiten Ranges«, die als die »Heilige Ausgießung« ausgelegt wird, so ist eine solche, wie anerkannt, in der Welt der Schöpfung möglich, und zwar in dem Reich erster und ursprünglicher Offenbarung Gottes. Eine solche Offenbarung ist auf Seine Propheten und Auserkorenen beschränkt, da kein Mächtigerer als sie in die Welt des Seins getreten ist. Alle anerkennen und bezeugen diese Wahrheit. Diese Propheten und Auserkorenen sind die Empfänger und Offenbarer all der ewigen Attribute und Namen Gottes. Sie sind die Spiegel, die Gottes Licht unverfälscht widerstrahlen. Was für sie gilt, gilt in Wirklichkeit für Gott selbst, der der Sichtbare und der Unsichtbare ist. Niemand kann Ihn, den Ursprung aller Dinge, erkennen und in Seine Gegenwart gelangen, solange er nicht diese leuchtenden Wesen, die aus der Sonne der Wahrheit hervorgehen, erkennt und in ihre Gegenwart gelangt. Wer darum zur Gegenwart dieser heiligen, überirdischen Leuchten gelangt, der ist in die »Gegenwart Gottes« gelangt, und durch ihre Erkenntnis ist ihm die Erkenntnis Gottes enthüllt, durch das Licht ihres Antlitzes das strahlende Antlitz Gottes offenbar. Die mannigfachen Eigenschaften dieser Wesen der Loslösung, die die Ersten wie die Letzten, die Sichtbaren wie die Verborgenen sind, verdeutlichen, dass Er, die Sonne der Wahrheit, »der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene«Qur’án 57:3.Q ist. Ebenso steht es auch um die anderen hohen Namen und erhabenen Attribute Gottes. Wer es auch sei und in welcher Sendung er auch lebe: Wer die Gegenwart dieser herrlichen, strahlenden, höchst erhabenen Leuchten erkannt und erreicht hat, ist wahrlich in die »Gegenwart Gottes« gelangt und in die Stadt des ewigen, unsterblichen Lebens eingegangen. In diese Gegenwart kann der Mensch nur am Tage der Auferstehung gelangen, dem Tag, da Gott selbst aufersteht durch Seine allumfassende Offenbarung.
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Dies ist die Bedeutung des »Tages der Auferstehung«, von dem in allen heiligen Schriften die Rede ist und der allem Volke verkündet ward. Bedenke: Lässt sich ein mächtigerer, herrlicherer Tag vorstellen, dass der Mensch bereitwillig auf solche Gnade verzichten und sich selbst der Gnadenfülle berauben sollte, einer Gnade, die wie Frühlingsregen vom Himmel der Barmherzigkeit auf die ganze Menschheit niederströmt? Nachdem Wir so schlüssig dargetan haben, dass kein Tag größer ist als dieser Tag und keine Offenbarung herrlicher als diese Offenbarung, und nachdem Wir alle gewichtigen, untrüglichen Beweise vorgebracht haben, die kein Mensch mit Einsicht in Frage stellen und kein Gelehrter übersehen kann – wer möchte da, um der eitlen Streitsucht des Volkes des Zweifels und der Launen willen, sich eine so große Gnade entgehen lassen? Haben sie nicht die wohlbekannte Tradition vernommen: »Wenn der Qá’im sich erhebt, dann ist der Tag der Auferstehung«? So haben die Imáme, diese unauslöschlichen Leuchten göttlicher Führung, auch den Vers ausgelegt: »Was können sie erwarten, als dass Gott zu ihnen herabkomme im Schatten der Wolken?«Qur’án 2:210.Q – ein Zeichen, das sich auf den Qá’im und Seine Offenbarung bezieht und das sie unbestreitbar als eines der Geschehnisse am Tage der Auferstehung betrachten.
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Darum strebe danach, o mein Bruder, den Sinn der »Auferstehung« zu erfassen, und reinige dein Ohr von dem eitlen Geschwätz dieser Verworfenen. Solltest du in das Reich völliger Loslösung eintreten, so wirst du alsbald bezeugen, dass kein Tag mächtiger ist als dieser und dass keine Auferstehung gewaltiger gedacht werden kann als diese. Ein gutes Werk an diesem Tage kommt den guten Werken gleich, die die Menschen in Myriaden von Jahrhunderten vollbracht haben – nein, Wir bitten Gott um Vergebung für solchen Vergleich! Denn wahrlich, die Belohnung eines Werkes an diesem Tage steht weit über dem Urteil der Menschen. Da aber jene stumpfen, elenden Seelen die wahre Bedeutung der »Auferstehung« und des »Gelangens in die Gegenwart Gottes« nicht begreifen, gehen sie deren Gnade gänzlich verlustig. Obwohl das einzige, fundamentale Ziel allen Lernens und aller Mühe ist, diese Stufe zu erreichen und zu erkennen, bleiben sie doch tief in ihr weltliches Sinnen und Trachten verstrickt und sind darin völlig gefangen. Sie wissen nichts von Ihm, dem Wesen allen Wissens, dem letzten Ziele ihres Suchens! Mich dünkt, sie haben nicht einen Tropfen aus den Regenschauern himmlischer Gnade erlangt, ihre Lippen haben nie den Kelch göttlichen Wissens berührt.
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Bedenke: Wie kann man einen Menschen, der am Tage der Gottesoffenbarung versäumt, die Gnade der »Göttlichen Gegenwart« zu erlangen und Seine Manifestation zu erkennen, gerechterweise gelehrt nennen, und hätte er auch tausend Jahre studiert und all das beschränkte, irdische Wissen der Menschen erworben? Es ist wahrlich augenfällig, dass er keineswegs als einer gelten kann, der wahre Erkenntnis hat, wogegen der ungelehrteste Mensch, wenn er mit diesem höchsten Unterscheidungsvermögen geadelt ist, wahrlich zu den Gottesgelehrten gerechnet wird, deren Wissen von Gott ist, denn solch ein Mensch hat das Ziel aller Erkenntnis und den höchsten Gipfel des Wissens erreicht.
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Auch diese Stufe ist eines der Zeichen am Tage der Auferstehung; denn es ist gesagt: »Die Erhöhten unter euch wird Er erniedrigen; und die Erniedrigten wird Er erhöhen.«vgl. Hes. 21:31; Mt. 23:12; Lk. 18:14 – Anm. d. Hrsg.Q Ebenso hat Er im Qur’án offenbart: »Und Wir wollen denen, die im Lande erniedrigt wurden, Unsere Gunst erweisen und sie zu geistigen Führern unter den Menschen und zu Unseren Erben machen.«Qur’án 28:5.Q Es hat sich an diesem Tage wieder erwiesen, wie viele Geistliche, weil sie die Wahrheit verwarfen, in die äußersten Tiefen der Unwissenheit gefallen sind und dort verweilen, und wie ihre Namen aus der Reihe der Hochangesehenen und Gelehrten getilgt wurden, während viele Unwissende, weil sie den Glauben annahmen, sich zum hohen Gipfel des Wissens emporschwangen, wie deren Namen durch die Feder der Macht auf die Tafeln göttlichen Wissens geschrieben wurden. Darum: »Gott tilgt oder bestätigt, was Er will, denn bei Ihm ist die Quelle der Offenbarung.«Qur’án 13:39.Q So wird gesagt: »Nach einem Beweis zu suchen, wenn der Beweis schon erbracht ist, ist unziemlich, und nach Wegen zur Erkenntnis zu suchen, wenn der Gegenstand allen Wissens schon da ist, das ist wahrlich tadelnswert.« Sprich: O Volk der Erde! Schau auf diesen Jüngling, der flammengleich durch die grenzenlosen Weiten des Geistes dahineilt und dir die Botschaft verkündet: »Siehe, die Lampe Gottes leuchtet«, der dich aufruft, auf Seine heilige Sache zu achten, die, wenngleich noch hinter den Schleiern altehrwürdigen Glanzes verborgen, im Lande ‘Iráq über dem Horizont ewiger Herrlichkeit erstrahlt.
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O mein Freund! Erforschte der Vogel deines Geistes die Himmel der Offenbarung des Qur’án und betrachtete er das darin ausgebreitete Reich göttlicher Erkenntnis, so fändest du sicherlich unzählige Tore des Wissens vor dir geöffnet. Du erkenntest gewiss, dass alles, was am heutigen Tage dieses Volk hindert, die Küsten des Weltmeeres ewiger Gnade zu erreichen, auch in der Sendung Muḥammads dem Volk jener Zeit verwehrte, Sein göttliches Licht zu erkennen und für ihre Wahrheit Zeuge zu sein. Du wirst auch die Mysterien der »Wiederkunft« und »Offenbarung« erfassen und wohlgeborgen in der erhabensten Kammer der Gewissheit verweilen.
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Und es begab sich, dass eines Tages einige Gegner jener unvergleichlichen Schönheit, die von Gottes unvergänglichem Heiligtum weit abgeirrt waren, spöttisch diese Worte zu Muḥammad sprachen: »Wahrlich, Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, dass wir keinem Boten glauben sollen, solange er uns nicht ein Opfer bringt, welches vom Feuer des Himmels verzehrt wird.«Qur’án 3:183.Q Der Sinn dieses Verses ist, dass Gott mit ihnen übereingekommen war, dass sie keinem Boten glauben sollten, wenn er nicht das Wunder von Abel und Kain vollbringe, das heißt, ein Opfer darbiete, welches vom Feuer des Himmels verzehrt werde, wie sie es aus der Geschichte von Abel gehört hatten, über die die heiligen Schriften berichten. Darauf antwortete Muḥammad und sprach: »Schon vor Mir sind Boten zu euch gekommen mit sicheren Beweisen und auch mit dem, wovon ihr sprecht. Warum erschlugt ihr sie? Sagt es Mir, wenn ihr wahrhaftige Menschen seid.«Qur’án 3:183.Q Und nun, urteile gerecht: Wie konnten diese Zeitgenossen Muḥammads schon Jahrtausende vorher gelebt haben, zu der Zeit Adams oder anderer Propheten? Warum sollte Muḥammad, dieses Wesen der Wahrhaftigkeit, den Menschen Seines Tages den Mord an Abel oder anderen Propheten zur Last legen? Du hast keine andere Wahl: Entweder siehst du in Muḥammad einen Betrüger oder Narren – was Gott verhüte! –, oder du pflichtest der Ansicht bei, dass jene Gottlosen eben dasselbe Volk waren, das zu allen Zeiten den Propheten und Boten Gottes mit Spitzfindigkeiten entgegentrat und sie schließlich alle den Märtyrertod erleiden ließ.
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Sinne darüber nach in deinem Herzen, auf dass die lieblichen Winde göttlicher Erkenntnis aus den Gefilden der Barmherzigkeit den Duft der Verse des Geliebten über dir verbreiten und deine Seele zum Riḍván der Erkenntnis leiten. Da die Eigensinnigen zu allen Zeiten verfehlt haben, den tieferen Gehalt dieser gewichtigen, bedeutungsvollen Worte zu ergründen, und wähnten, die Antworten der Propheten Gottes auf ihre Fragen seien belanglos, haben sie jenen Verkörperungen des Wissens und der Einsicht Unwissenheit und Torheit unterstellt.
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Auch in einem anderen Vers hat sich Muḥammad gegen das Volk Seiner Zeit gewandt. Er sagt: »Obwohl sie zuvor um den Sieg über die Ungläubigen gebetet hatten, haben sie, als Er, von dem sie Kenntnis hatten, zu ihnen kam, nicht an Ihn geglaubt. Der Fluch Gottes über die Ungläubigen!«Qur’án 2:89.Q Denke darüber nach: Dieser Vers besagt, dass das Volk zur Zeit Muḥammads das gleiche Volk war, das auch in den Tagen der alten Propheten eiferte und stritt, um den Glauben voranzutragen und die Sache Gottes zu lehren. Und doch, wie könnte man die Geschlechter zur Zeit Jesu und Mose und jene aus den Tagen Muḥammads als ein und dasselbe Volk ansehen? Waren nicht jene, die sie einstens kannten, Mose, der den Pentateuch offenbarte, und Jesus, der das Evangelium hinterließ? Wie konnte Muḥammad da sagen: »Als Er, von dem sie Kenntnis hatten, zu ihnen kam« – also Jesus oder Mose –, »da glaubten sie Ihm nicht«vgl. Qur’án 7:103, 34:34, 40:22, 64:6 – Anm. d. Hrsg.Q? Hatte Muḥammad nicht offenkundig einen anderen Namen? Kam Er nicht aus einer anderen Stadt? Sprach Er nicht eine andere Sprache, und offenbarte Er nicht ein anderes Gesetz? Wie also lässt sich die Wahrheit dieses Verses begründen, wie seine Bedeutung erhellen?
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Darum strebe danach, den Sinn der »Wiederkunft« zu erfassen, wie er so klar im Qur’án offenbart ist, den aber bislang noch niemand versteht. Was meinst du dazu? Wenn du sagst, dass, wie dieser Vers bezeugt, Muḥammad die »Wiederkunft« der alten Propheten war, so müssen Seine Gefährten auch die »Wiederkunft« der einstigen Gefährten gewesen sein, da die »Wiederkunft« des früheren Volkes durch den Wortlaut der genannten Verse klar bestätigt wird. Wenn du dies bestreitest, so hast du gewisslich die Wahrheit des Qur’án, das zuverlässigste Zeugnis Gottes für die Menschen, von dir gewiesen. Ebenso versuche, die Bedeutung von »Wiederkunft«, »Offenbarung« und »Auferstehung« in den Tagen der Manifestationen der göttlichen Wesenheit zu erfassen, damit du mit eigenen Augen der heiligen Seelen »Wiederkunft« in geheiligten, erleuchteten Gestalten schauest, den Staub der Unwissenheit hinwegwischest und das getrübte Selbst mit den Wassern der Barmherzigkeit aus dem Quell göttlicher Erkenntnis läuterst. So vermagst du vielleicht durch Gottes Kraft und Seiner Führung Licht den Morgen ewigwährenden Glanzes von der Nacht des Irrtums zu unterscheiden.
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Auch wirst du verstehen, dass Gottes Treuhänder bei den Völkern der Erde als Vertreter einer neuen Sache und Träger einer neuen Botschaft erscheinen. Da diese Vögel des himmlischen Thrones alle aus dem Himmel des Willens Gottes herabgesandt sind, da sie alle sich erheben, Seinen unwiderstehlichen Glauben zu verkünden, sind sie wie eine Seele und ein Wesen anzusehen. Denn sie alle trinken aus demselben Kelch der Liebe Gottes, und alle haben sie teil an der Frucht desselben Baumes der Einheit. Alle Manifestationen Gottes haben eine zweifache Stufe. Die eine ist die Stufe reiner Geistigkeit und Wesenseinheit. In dieser Hinsicht bist du, wenn du sie alle mit einem Namen benennst und ihnen dieselben Eigenschaften zuschreibst, nicht von der Wahrheit abgeirrt. So hat Er offenbart: »Keinen Unterschied machen Wir zwischen Seinen Boten.«Qur’án 2:285, Q Denn sie alle rufen die Menschen dieser Erde auf, die Einheit Gottes anzuerkennen, und verkünden ihnen den Kawthar unendlicher Gnade und Güte. Sie alle sind mit dem Gewande der Prophetenschaft bekleidet und mit dem Mantel der Herrlichkeit beehrt. Darum hat Muḥammad, der Punkt des Qur’án, offenbart: »Ich bin alle Propheten.« Ebenso spricht Er: »Ich bin der erste Adam, Noah, Mose und Jesus.« Ähnliches sagte auch ‘Alí. Worte, welche die Wesenseinheit dieser Vertreter der Einheit verkünden, gehen aus von den Brunnquellen der unsterblichen Gottesworte und den Schatzkammern der Perlen göttlicher Erkenntnis; sie sind in den heiligen Schriften verzeichnet. Diese Gestalten sind die Empfänger des göttlichen Befehls und die Morgenröten Seiner Offenbarung, die erhaben ist über die Schleier der Vielheit und über die Begrenzungen der Zahl. So spricht Er: »Unsere Sache ist nur eine.«Qur’án 54:50.Q Da die Sache eine und dieselbe ist, kann auch ihr jeweiliger Träger nur einer und derselbe sein. Ebenso haben die Imáme des muslimischen Glaubens, diese Leuchten der Gewissheit, gesagt: »Muḥammad ist unser Erster, Muḥammad ist unser Letzter, Muḥammad ist unser alles.«
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So leuchtet dir ein, dass alle Propheten Tempel der Sache Gottes sind, die in verschiedenem Gewand erscheinen. Wenn du mit scharfem Auge hinsiehst, wirst du erkennen, dass sie alle im selben Heiligtum wohnen, sich zum selben Himmel aufschwingen, auf demselben Throne sitzen, dieselbe Sprache sprechen und denselben Glauben verkünden. Dies ist die Einheit dieser Inbegriffe des Seins, dieser Sonnen unendlichen, unermesslichen Glanzes! Sollte darum eine dieser Manifestationen der Heiligkeit verkünden: »Ich bin die Wiederkunft aller Propheten«, so spräche sie gewisslich die Wahrheit. So ist in jeder neuen Offenbarung die Wiederkunft der früheren Offenbarung eine festbegründete Wahrheit. Nachdem nun die Wiederkunft der Propheten Gottes, wie sie in den Versen und Traditionen Gottes bestätigt wird, schlüssig dargelegt ist, ist damit auch die Wiederkunft ihrer Erwählten eindeutig erwiesen. Diese Wiederkunft ist zu offenkundig, als dass sie noch eines weiteren Beweises bedürfte. Betrachte unter den Propheten zum Beispiel Noah: Als Er mit dem Mantel des Prophetentums bekleidet, vom Geiste Gottes getrieben, sich erhob, Seine heilige Sache zu verkünden, wurde jeder, der an Ihn glaubte und diesen Glauben bekannte, mit der Gnade eines neuen Lebens beschenkt. Von einem solchen Menschen konnte wahrlich gesagt werden, dass er wiedergeboren und wiederbelebt war, denn vor seinem Glauben an Gott und vor dem Bekenntnis zu Seiner Manifestation hatte er sein Herz an die Dinge der Welt gehängt, an irdischen Besitz, an Weib und Kind, Speise und Trank und dergleichen, so dass all sein Sinnen und Trachten Tag und Nacht nur darauf gerichtet war, Reichtum anzuhäufen und sich die Mittel für Genuss und Vergnügen zu verschaffen. Überdies war er, ehe ihm die belebenden Wasser des Glaubens zuteilwurden, so eng an die Traditionen seiner Vorväter gebunden und so eifrig darauf bedacht, ihre Gebräuche und Gesetze einzuhalten, dass er wohl lieber den Tod erlitten hätte, als auch nur einen Buchstaben dieser abergläubischen Formen und Gebräuche zu verletzen, die in seinem Volke im Schwange waren. Hat doch das ganze Volk ausgerufen: »Wahrlich, wir fanden einen Glauben bei unseren Vätern, und wahrlich, wir wollen ihren Fußstapfen folgen.«Qur’án 43:22.Q
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Dieselben Menschen, die in alle diese Schleier der Beschränkung verstrickt waren und unter den Zwängen solcher Vorschriften standen, wurden, kaum hatten sie den unsterblichen Trank des Glaubens aus dem Kelche der Gewissheit von der Hand der Manifestation des Allherrlichen gekostet, so verwandelt, dass sie bereit waren, um Seiner heiligen Sache willen ihre Sippe, ihr Vermögen, ihr Leben, ihren alten Glauben, ja alles aufzugeben außer Gott! So überwältigend war ihr Verlangen nach Gott, so hinreißend die Wonne ihrer Verzückung, dass die Welt und alles darinnen vor ihrem Auge zu nichts dahinschwand. Haben sie nicht die Mysterien der »Wiedergeburt« und »Wiederkunft« beispielhaft vorgelebt? Wird nicht bezeugt, dass diese Menschen, ehe sie mit der neuen, wundersamen Gnade Gottes beschenkt waren, durch vielerlei Kunstgriffe ihr Leben gegen Unheil zu schützen suchten? Konnte sie nicht ein Dorn in Schrecken versetzen, der Anblick eines Fuchses in die Flucht jagen? Doch mit Gottes höchster Auszeichnung geehrt und Seiner freigebigen Gnade teilhaftig, hätten sie, wären sie dazu in der Lage gewesen, ohne Lohn tausendmal ihr Leben auf Seinem Pfade geopfert. Fürwahr, ihre gesegneten Seelen waren des Käfigs ihres Leibes überdrüssig und sehnten sich nach Erlösung. Ein einzelner Krieger dieser Schar konnte gegen eine ganze Menge kämpfen. Und wodurch, wenn nicht durch die Wandlung, die ihr Leben ergriffen hatte, sind sie imstande gewesen, Taten zu vollbringen, die dem üblichen Verhalten der Menschen nicht entsprechen und ihren weltlichen Wünschen zuwiderlaufen!
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Es ist offenbar, dass nichts Geringeres als diese mystische Wandlung einen solchen Geist und eine solche Haltung, die sich von ihrem früheren Verhalten völlig unterschied, verursachen und in der Welt des Seins in Erscheinung treten lassen konnte. Ward doch ihre Unruhe in Frieden verwandelt, ihr Zweifel in Gewissheit, ihre Furcht in Mut. Das ist die Macht des göttlichen Elixiers, das in einem Augenblick die Menschenseelen verwandelt.
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Betrachte zum Beispiel die Substanz des Kupfers. Wäre es in seiner Gesteinsader vor dem Hartwerden bewahrt, so würde es binnen siebzig Jahren zu Gold. Andere freilich behaupten, Kupfer sei Gold, das nur durch die Verhärtung in einem mangelhaften Zustand sei und dadurch nicht seinen eigentlichen Zustand erreicht habe.
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Sei dem, wie es wolle – das wirkliche Elixier wird in einem Augenblick die Substanz des Kupfers in Gold verwandeln und in einem Augenblick die Entwicklungsstadien der siebzig Jahre durcheilen. Könnte man dieses Gold noch Kupfer nennen? Könnte man sagen, es habe nicht den Zustand des Goldes erreicht, während doch der Prüfstein zur Hand ist, um es zu prüfen und vom Kupfer zu unterscheiden?
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Ebenso durcheilen diese Seelen durch die Kraft des göttlichen Elixiers in einem Augenblick die Welt des Staubes, dringen zum Reiche der Heiligkeit vor, mit einem Schritt durchqueren sie die Erde der Begrenzung und erreichen die göttliche Region des Raumlosen. Du solltest dein Äußerstes tun, dieses Elixier zu erlangen, das mit einem Atemzug den Westen des Unwissens zum Osten der Erkenntnis gelangen lässt, die Finsternis der Nacht mit dem Glanze des Morgens erhellt, den verirrten Wanderer aus der Wildnis des Zweifels zum Springquell der Göttlichen Gegenwart und zum Born der Gewissheit leitet und den sterblichen Seelen die Ehre der Aufnahme in den Riḍván der Unsterblichkeit schenkt. Könnte man sich nun jenes Gold als Kupfer vorstellen, dann müsste man diese Menschen für die gleichen halten, die sie waren, als ihnen dieser Glaube noch nicht verliehen war.
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Sieh, o Bruder, wie alle inneren Geheimnisse der »Wiedergeburt«, »Wiederkunft« und »Auferstehung« durch diese allgenügenden, unwiderleglichen und schlüssigen Zeugnisse vor deinen Augen enthüllt und enträtselt sind. Gebe Gott, dass du durch Seinen gnädigen, unsichtbaren Beistand Leib und Seele des alten Gewandes entkleidest und mit der neuen, unvergänglichen Zier schmückest.
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So können also die Menschen, welche bei der neuen Sendung dem übrigen Teil der Menschheit in der Annahme des Gottesglaubens vorangingen, die klaren Wasser der Erkenntnis aus der Hand der göttlichen Schönheit kosteten und die erhabensten Höhen des Glaubens, der Gewissheit und der Loslösung erreichten, dem Namen nach und in Wirklichkeit, nach Taten, Worten und Rang, als die »Wiederkunft« jener betrachtet werden, die in einer früheren Sendung eine ähnliche Auszeichnung erreicht hatten. Denn was immer im Volke einer früheren Sendung sich gezeigt hatte, das wurde auch im Volke des späteren Geschlechtes offenbar. Betrachte die Rose: Ob sie im Osten oder im Westen blüht, sie ist doch immer eine Rose, denn was für sie gilt, ist nicht so sehr ihre äußere Gestalt und Form, als vielmehr ihr betörender Duft.
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Darum läutere deinen Blick von allen irdischen Begrenzungen, auf dass du sie alle als die Träger eines Namens, die Vertreter einer heiligen Sache, die Offenbarungen eines Selbstes und die Enthüller einer Wahrheit schauest und die mystische »Wiederkunft« der Worte Gottes erfassest, wie sie durch diese Ausführungen erklärt sind. Sinne auch über die Haltung der Gefährten in der Sendung Muḥammads nach. Sieh, wie sie durch Seinen belebenden Hauch von allem Makel irdischer Nichtigkeiten gereinigt, von selbstsüchtigen Wünschen befreit und von allem außer Ihm losgelöst wurden. Sieh, wie sie, allen Völkern auf Erden voran, in Seine heilige Gegenwart, die Gegenwart Gottes selbst, gelangten, wie sie auf die Welt und alles darinnen verzichteten und freiwillig und freudig ihr Leben dieser Manifestation des Allherrlichen zu Füßen legten. Und nun richte dein Augenmerk auf die »Wiederkunft« eben dieser Entschlossenheit, Standhaftigkeit und Entsagung, welche die Gefährten des Punktes des Bayán Der Báb. A bewiesen. Du warst selbst Zeuge, wie diese Gefährten durch die Wunder der Gnade des Herrn der Herren die Banner höchster Entsagung auf den unerreichbaren Gipfeln der Herrlichkeit hissten. Diese Sonnen sind einer Quelle entsprungen, diese Früchte sind die Früchte eines Baumes. Du kannst sie nicht nach Art oder Rang unterscheiden. All dies geschah durch Gottes Gnade. Er schenkt Seine Gnade, wem Er will. Gebe Gott, dass wir das Land der Verleugnung meiden und auf das Weltmeer der Annahme des Glaubens hinausfahren, so dass wir mit einem Auge, das von allem Gegensätzlichen geläutert ist, die Welten der Einheit und Vielheit, der Gleichheit und Veränderung, der Begrenzung und Loslösung erschauen und unseren Flug zum höchsten, innersten Heiligtum der wahren Bedeutung des Gotteswortes nehmen.
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Aus diesen Darlegungen geht klar hervor: Sollte eine Seele sich am »Ende, das kein Ende kennt«, offenbaren und sich erheben, eine heilige Sache zu verkünden, für die sich an einem »Anfang, der keinen Anfang hat«, eine andere Seele erhoben hatte, so kann in Wahrheit von Ihm, dem Ersten, wie auch von Ihm, dem Letzten, erklärt werden, dass sie eine und dieselbe sind; denn beide sind die Vertreter einer und derselben heiligen Sache. Aus diesem Grunde vergleicht der Punkt des Bayán – möge das Leben aller außer Ihm ein Opfer für Ihn sein! – die Manifestationen Gottes mit der Sonne, die, mag sie auch vom »Anfang, der keinen Anfang hat«, bis zum »Ende, das kein Ende kennt«Báb, Dalá’il-i-Sab‘ih, in: Eine Auswahl aus Seinen Schriften 4:10:4 – Anm. d. Hrsg.Q, aufsteigen, doch immer dieselbe Sonne ist. Solltest du nun sagen: Diese Sonne ist die frühere Sonne – so sprächest du die Wahrheit; und sagtest du: Diese Sonne ist die »Wiederkunft« jener Sonne – so sprächest du ebenfalls die Wahrheit. So wird aus diesen Ausführungen deutlich, dass der Begriff »letzter« auf »erster« angewandt werden kann und der Begriff »erster« auf »letzter«; denn sowohl der »Erste« als auch der »Letzte« haben sich erhoben, um einen und denselben Glauben zu verkünden.
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In den Augen derer, die vom Weine der Erkenntnis und Gewissheit getrunken haben, ist dieser Gegenstand klar. Doch wie viele sind es, die sich durch die Bezeichnung »Siegel der Propheten«Qur’án 33:40 – Anm. d. Hrsg.Q den Blick trüben ließen, weil sie ihre Bedeutung nicht verstanden. So wurden sie der Gnade all Seiner mannigfachen Gaben beraubt. Hat nicht Muḥammad erklärt: »Ich bin alle Propheten«? Hat Er nicht, wie schon erwähnt, gesagt: »Ich bin Adam, Noah, Mose und Jesus«? Warum sollte Muḥammad, diese unsterbliche Schönheit, der gesprochen hat: »Ich bin der erste Adam«, nicht auch imstande sein zu sagen: »Ich bin der letzte Adam«? Denn so wie Er sich als den »ersten der Propheten«, das ist Adam, sah, so ist auch das »Siegel der Propheten« auf diese göttliche Schönheit anwendbar. So ist es einleuchtend, dass Er beides ist, »der erste der Propheten« und ihr »Siegel«.
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Das Geheimnis dieses Themas ist gerade in dieser Sendung eine schmerzliche Prüfung für die ganze Menschheit. Sieh, wie viele es sind, die an diesen Worten kleben und deshalb nicht an Ihn glauben, der ihr Offenbarer ist. Was, so fragen Wir, konnten diese Menschen begriffen haben von den Begriffen »erster« und »letzter«, die sich auf Gott beziehen – gepriesen sei Sein Name! Wenn sie behaupten, diese Worte bezögen sich auf dieses stoffliche Weltall – wie wäre dies möglich, da doch die sichtbare Ordnung der Dinge offensichtlich fortbesteht? Nein fürwahr, in diesem Fall ist mit »erster« kein anderer gemeint als »der Letzte« und mit »letzter« kein anderer als »der Erste«.
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So wie am »Anfang, der keinen Anfang hat«, der Begriff »letzter« mit Recht auf Ihn, den Erzieher des Sichtbaren und des Unsichtbaren, anwendbar ist, so sind auch die Worte »erster« und »letzter« auf Seine Manifestationen anwendbar. Diese sind zugleich Vertreter des »Ersten« wie auch des »Letzten«. Während sie sich auf dem Herrschersitz des »Ersten« niedergelassen haben, nehmen sie zugleich auch den Thron des »Letzten« ein. Könnte man ein klar unterscheidendes Auge finden, so bemerkte es alsbald, dass die Vertreter des »Ersten« und des »Letzten«, des »Offenbaren« und des »Verborgenen«, des »Anfangs« und des »Siegels« keine anderen sind als diese heiligen Wesen, diese Urbilder der Loslösung, diese göttlichen Seelen. Solltest du dich in das heilige Reich des »Gott war allein, niemand war da neben Ihm«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q aufschwingen, du würdest alle diese Namen an jenem heiligen Hof gar nicht vorhanden und völlig unerwähnt finden. Dann wäre dein Auge nicht länger durch diese Schleier der Begriffe und Anspielungen getrübt. Wie himmlisch rein und erhaben ist diese Stufe, zu der selbst Gabriel ungeleitet den Weg nicht finden kann und die der Vogel der Heiligkeit ohne göttlichen Beistand nie zu erreichen vermag!
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Nun versuche, den Sinn des Spruches von ‘Alí, dem Gebieter der Gläubigen, zu erfassen: »Ohne Hilfe die Schleier der Herrlichkeit durchbohrend.«Ḥadíth, überliefert von Kumayl Ibn Zíyád an-Nakhá’í – Anm. d. Hrsg.Q Unter diesen »Schleiern der Herrlichkeit« sind die Geistlichen und Gelehrten in den Tagen der Manifestation Gottes, die durch ihren Mangel an Einsicht und durch ihr Streben nach weltlicher Führerschaft versäumt haben, sich der Sache Gottes zu unterwerfen, ja sich sogar geweigert haben, ihr Ohr der göttlichen Melodie zu öffnen. »Wahrlich, sie haben die Finger in ihre Ohren gesteckt.«Qur’án 2:19.Q Auch das Volk, das, Gottes nicht achtend, sie zu seinen Meistern nahm, hat sich vorbehaltlos unter die Autorität dieser prahlerischen, heuchlerischen Führer gebeugt, denn es hat kein Gesicht, kein Gehör, kein Herz zu eigen, um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden.
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Obwohl die göttlich inspirierten Propheten, Heiligen und Auserwählten den Menschen geboten haben, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, haben sie ihren Rat hochmütig verworfen; sie sind blind den Führern ihres Glaubens gefolgt und werden ihnen auch weiterhin folgen. Spräche ein armer, unbekannter Mensch ohne den Mantel der Gelehrsamkeit sie an: »O Menschen, folget den Boten Gottes«Qur’án 36:20.Q, so antworteten sie, höchst erstaunt ob solcher Rede: »Was? Meinst du denn, alle diese Geistlichen, diese Vertreter der Gelehrsamkeit mit all ihrer Autorität, ihrem Pomp und Prunk, hätten sich alle geirrt und könnten Wahrheit nicht von Falschheit unterscheiden? Und du und deinesgleichen wollt begriffen haben, was sie nicht verstanden?« Wenn die große Zahl und die Pracht des Gewandes als Kriterium des Wissens und der Wahrheit angesehen werden, dann müssten die Völker vergangener Zeiten, die an Zahl, Pracht und Macht bis heute unübertroffen sind, sicherlich als überlegen und achtbarer gelten.
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Es ist offenbar, dass, wann immer die Manifestationen der Heiligkeit sich offenbarten, die Geistlichen ihrer Zeit die Menschen daran hinderten, zum Weg der Wahrheit zu gelangen. Dies bezeugen die Berichte aller heiligen Schriften und himmlischen Bücher. Nicht ein Prophet Gottes ward herabgesandt, der nicht dem unbarmherzigen Hass zum Opfer gefallen wäre, der öffentlichen Verdammung, der Verleugnung und Verfluchung durch die Geistlichen Seines Tages! Wehe ihnen ob der Missetaten, die ihre Hände einst begangen haben! Wehe ihnen wegen dem, was sie heute tun! Welche Schleier der Herrlichkeit sind schlimmer als diese Verkörperungen des Irrtums? Bei der Gerechtigkeit Gottes, solche Schleier zu durchdringen, ist die größte aller Taten, und sie zu zerreißen, das verdienstvollste aller Werke! Möge Gott Uns und euch helfen, o Schar des Geistes, auf dass ihr in der Zeit Seiner Manifestation durch gnädigen Beistand solche Taten vollbringt und in Seinen Tagen in die Gegenwart Gottes gelangt!
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Zu den »Schleiern der Herrlichkeit«Ḥadíth, vgl. Abs. 175, Anm. 244 – Anm. d. Hrsg.Q gehören auch Begriffe wie »das Siegel der Propheten«Qur’án 33:40 – Anm. d. Hrsg.Q und dergleichen, in deren Auslegung diese erbärmlich irrenden Seelen eine Großtat sehen. Alle wurden durch diese geheimnisvollen Worte, diese schlimmen »Schleier der Herrlichkeit«, daran gehindert, das Licht der Wahrheit zu schauen. Haben sie nicht die Melodie des HimmelsvogelsImám ‘Alí.A dies Geheimnis singen hören: »Tausend Fáṭimihs habe ich mir vermählt, die alle die Töchter Muḥammads waren, des Sohnes ‘Abdu’lláhs, des ›Siegels der Propheten‹!« Sieh, wie viele Geheimnisse noch ungelöst im TempelSurádiq – Anm. d. Hrsg.A der Erkenntnis Gottes liegen, und wie zahlreiche Juwelen Seines Wissens noch verschlossen in Seinen versiegelten Schatzkammern ruhen! So du in deinem Herzen darüber nachdenkst, wirst du dessen inne, dass Seiner Hände Werk weder Anfang noch Ende kennt. Der Bereich Seines Ratschlusses ist zu weit, als dass die Zunge der Sterblichen ihn beschreiben oder der Vogel des Menschengeistes ihn durchfliegen könnte, und das Walten Seiner Vorsehung ist zu geheimnisvoll, als dass der Menschengeist es erfassen könnte. Seine Schöpfung hat kein Ende und hat von jeher bestanden, seit dem »Anfang, der keinen Anfang hat«. Und die Manifestationen Seiner Schönheit haben keinen Anfang geschaut, und sie bestehen bis zum »Ende, das kein Ende kennt«. Bedenke diese Worte in deinem Herzen und sinne darüber nach, wie sie auf alle heiligen Seelen zutreffen.
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Versuche auch, die Melodie der ewigen Schönheit, Ḥusayns, des Sohnes ‘Alís, in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen, wenn er zu Salmán Worte wie diese sprach: »Ich war mit tausend Adamen zusammen, und die Zeit zwischen einem und dem nächsten Adam war jeweils fünfzigtausend Jahre; und ihnen allen erklärte ich die Nachfolgeschaft, die meinem Vater verliehen war.« Er berichtet dann noch gewisse Details und sagt schließlich: »In tausend Schlachten habe ich auf dem Pfade Gottes gekämpft, von denen die am wenigsten bedeutsame die Schlacht von Khaybar war, in der mein Vater gegen die Ungläubigen kämpfte.« Versuche nun, in diesen beiden Überlieferungen die Geheimnisse des »Endes«, der »Wiederkunft« und der »Schöpfung ohne Anfang und Ende« zu verstehen.
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