Bahá’u’lláh | Das Buch der Gewissheit
weiter nach oben ...
174
So wie am »Anfang, der keinen Anfang hat«, der Begriff »letzter« mit Recht auf Ihn, den Erzieher des Sichtbaren und des Unsichtbaren, anwendbar ist, so sind auch die Worte »erster« und »letzter« auf Seine Manifestationen anwendbar. Diese sind zugleich Vertreter des »Ersten« wie auch des »Letzten«. Während sie sich auf dem Herrschersitz des »Ersten« niedergelassen haben, nehmen sie zugleich auch den Thron des »Letzten« ein. Könnte man ein klar unterscheidendes Auge finden, so bemerkte es alsbald, dass die Vertreter des »Ersten« und des »Letzten«, des »Offenbaren« und des »Verborgenen«, des »Anfangs« und des »Siegels« keine anderen sind als diese heiligen Wesen, diese Urbilder der Loslösung, diese göttlichen Seelen. Solltest du dich in das heilige Reich des »Gott war allein, niemand war da neben Ihm«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q aufschwingen, du würdest alle diese Namen an jenem heiligen Hof gar nicht vorhanden und völlig unerwähnt finden. Dann wäre dein Auge nicht länger durch diese Schleier der Begriffe und Anspielungen getrübt. Wie himmlisch rein und erhaben ist diese Stufe, zu der selbst Gabriel ungeleitet den Weg nicht finden kann und die der Vogel der Heiligkeit ohne göttlichen Beistand nie zu erreichen vermag!
175
Nun versuche, den Sinn des Spruches von ‘Alí, dem Gebieter der Gläubigen, zu erfassen: »Ohne Hilfe die Schleier der Herrlichkeit durchbohrend.«Ḥadíth, überliefert von Kumayl Ibn Zíyád an-Nakhá’í – Anm. d. Hrsg.Q Unter diesen »Schleiern der Herrlichkeit« sind die Geistlichen und Gelehrten in den Tagen der Manifestation Gottes, die durch ihren Mangel an Einsicht und durch ihr Streben nach weltlicher Führerschaft versäumt haben, sich der Sache Gottes zu unterwerfen, ja sich sogar geweigert haben, ihr Ohr der göttlichen Melodie zu öffnen. »Wahrlich, sie haben die Finger in ihre Ohren gesteckt.«Qur’án 2:19.Q Auch das Volk, das, Gottes nicht achtend, sie zu seinen Meistern nahm, hat sich vorbehaltlos unter die Autorität dieser prahlerischen, heuchlerischen Führer gebeugt, denn es hat kein Gesicht, kein Gehör, kein Herz zu eigen, um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden.
176
Obwohl die göttlich inspirierten Propheten, Heiligen und Auserwählten den Menschen geboten haben, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, haben sie ihren Rat hochmütig verworfen; sie sind blind den Führern ihres Glaubens gefolgt und werden ihnen auch weiterhin folgen. Spräche ein armer, unbekannter Mensch ohne den Mantel der Gelehrsamkeit sie an: »O Menschen, folget den Boten Gottes«Qur’án 36:20.Q, so antworteten sie, höchst erstaunt ob solcher Rede: »Was? Meinst du denn, alle diese Geistlichen, diese Vertreter der Gelehrsamkeit mit all ihrer Autorität, ihrem Pomp und Prunk, hätten sich alle geirrt und könnten Wahrheit nicht von Falschheit unterscheiden? Und du und deinesgleichen wollt begriffen haben, was sie nicht verstanden?« Wenn die große Zahl und die Pracht des Gewandes als Kriterium des Wissens und der Wahrheit angesehen werden, dann müssten die Völker vergangener Zeiten, die an Zahl, Pracht und Macht bis heute unübertroffen sind, sicherlich als überlegen und achtbarer gelten.
177
Es ist offenbar, dass, wann immer die Manifestationen der Heiligkeit sich offenbarten, die Geistlichen ihrer Zeit die Menschen daran hinderten, zum Weg der Wahrheit zu gelangen. Dies bezeugen die Berichte aller heiligen Schriften und himmlischen Bücher. Nicht ein Prophet Gottes ward herabgesandt, der nicht dem unbarmherzigen Hass zum Opfer gefallen wäre, der öffentlichen Verdammung, der Verleugnung und Verfluchung durch die Geistlichen Seines Tages! Wehe ihnen ob der Missetaten, die ihre Hände einst begangen haben! Wehe ihnen wegen dem, was sie heute tun! Welche Schleier der Herrlichkeit sind schlimmer als diese Verkörperungen des Irrtums? Bei der Gerechtigkeit Gottes, solche Schleier zu durchdringen, ist die größte aller Taten, und sie zu zerreißen, das verdienstvollste aller Werke! Möge Gott Uns und euch helfen, o Schar des Geistes, auf dass ihr in der Zeit Seiner Manifestation durch gnädigen Beistand solche Taten vollbringt und in Seinen Tagen in die Gegenwart Gottes gelangt!
178
Zu den »Schleiern der Herrlichkeit«Ḥadíth, vgl. Abs. 175, Anm. 244 – Anm. d. Hrsg.Q gehören auch Begriffe wie »das Siegel der Propheten«Qur’án 33:40 – Anm. d. Hrsg.Q und dergleichen, in deren Auslegung diese erbärmlich irrenden Seelen eine Großtat sehen. Alle wurden durch diese geheimnisvollen Worte, diese schlimmen »Schleier der Herrlichkeit«, daran gehindert, das Licht der Wahrheit zu schauen. Haben sie nicht die Melodie des HimmelsvogelsImám ‘Alí.A dies Geheimnis singen hören: »Tausend Fáṭimihs habe ich mir vermählt, die alle die Töchter Muḥammads waren, des Sohnes ‘Abdu’lláhs, des ›Siegels der Propheten‹!« Sieh, wie viele Geheimnisse noch ungelöst im TempelSurádiq – Anm. d. Hrsg.A der Erkenntnis Gottes liegen, und wie zahlreiche Juwelen Seines Wissens noch verschlossen in Seinen versiegelten Schatzkammern ruhen! So du in deinem Herzen darüber nachdenkst, wirst du dessen inne, dass Seiner Hände Werk weder Anfang noch Ende kennt. Der Bereich Seines Ratschlusses ist zu weit, als dass die Zunge der Sterblichen ihn beschreiben oder der Vogel des Menschengeistes ihn durchfliegen könnte, und das Walten Seiner Vorsehung ist zu geheimnisvoll, als dass der Menschengeist es erfassen könnte. Seine Schöpfung hat kein Ende und hat von jeher bestanden, seit dem »Anfang, der keinen Anfang hat«. Und die Manifestationen Seiner Schönheit haben keinen Anfang geschaut, und sie bestehen bis zum »Ende, das kein Ende kennt«. Bedenke diese Worte in deinem Herzen und sinne darüber nach, wie sie auf alle heiligen Seelen zutreffen.
179
Versuche auch, die Melodie der ewigen Schönheit, Ḥusayns, des Sohnes ‘Alís, in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen, wenn er zu Salmán Worte wie diese sprach: »Ich war mit tausend Adamen zusammen, und die Zeit zwischen einem und dem nächsten Adam war jeweils fünfzigtausend Jahre; und ihnen allen erklärte ich die Nachfolgeschaft, die meinem Vater verliehen war.« Er berichtet dann noch gewisse Details und sagt schließlich: »In tausend Schlachten habe ich auf dem Pfade Gottes gekämpft, von denen die am wenigsten bedeutsame die Schlacht von Khaybar war, in der mein Vater gegen die Ungläubigen kämpfte.« Versuche nun, in diesen beiden Überlieferungen die Geheimnisse des »Endes«, der »Wiederkunft« und der »Schöpfung ohne Anfang und Ende« zu verstehen.
180
O mein Geliebter! Hochheilig ist die himmlische Melodie, weit über dem Bemühen des Menschenohres, ihr Geheimnis zu vernehmen, oder des Menschengeistes, ihre Mysterien zu erfassen. Wie könnte die hilflose Ameise in den Hof des Allherrlichen gelangen! Und doch verwerfen schwache Seelen aus Mangel an Einsicht diese dunklen Aussprüche und stellen die Wahrheit dieser Traditionen in Frage. Fürwahr, niemand kann sie begreifen außer denen, die einsichtsvollen Herzens sind. Sprich: Er ist das Ende, Er, für den kein Ende im ganzen Weltall vorstellbar ist und für den kein Anfang in der Welt der Schöpfung gedacht werden kann. So schaue denn, o Schar der Erde, den Glanz des Endes in den Manifestationen des Anfangs offenbart!
181
Wie seltsam! Diese Menschen halten einerseits an den Versen des Qur’án fest und an den Traditionen des Volkes der Gewissheit, soweit diese mit ihren Neigungen und ihren Interessen übereinstimmen, andererseits aber verwerfen sie jene, die ihren selbstsüchtigen Wünschen zuwider sind. »Glaubt ihr denn an einen Teil des Buches und verleugnet den anderen?«Qur’án 2:85.Q Wie könnt ihr beurteilen, was ihr nicht versteht! So hat der Herr des Seins in Seinem unfehlbaren Buch vom »Siegel« gesprochen in dem erhabenen Vers: »Muḥammad ist der Bote Gottes und das Siegel der Propheten«Qur’án 33:40.Q, dann aber allem Volk die Verheißung vom »Gelangen in die Gegenwart Gottes« offenbart. Das »Gelangen in die Gegenwart des unsterblichen Königs« bezeugen die Verse des Buches, von denen Wir schon einige erwähnt haben. Der eine wahre Gott ist Mein Zeuge! Im Qur’án wurde nichts Erhabeneres und Deutlicheres offenbart als das »Gelangen in die Gegenwart Gottes«. Wohl dem, der dahin gelangt ist an dem Tage, da die meisten Menschen, wie ihr seht, sich davon abwenden.
182
Und doch haben sie sich durch das Geheimnis des vorigen Verses von der im letzteren Verse verheißenen Gnade abbringen lassen, obwohl doch das »Gelangen in die Gegenwart Gottes« am »Tage der Auferstehung« ausdrücklich im Buche offenbart ist. Es wurde dargetan und durch klare Beweise eindeutig begründet, dass »Auferstehung« das Erscheinen der Manifestation Gottes und Seiner Sache bedeutet und »Gelangen in die göttliche Gegenwart« das Gelangen in die Gegenwart Seiner Schönheit in der Gestalt Seiner Manifestation. Denn wahrlich: »Keine Schau erfasst Ihn, Er aber erfasst alle Schau.«Qur’án 6:103.Q Trotz all dieser unerschütterlichen Wahrheiten und einleuchtenden Erklärungen haben sie sich in ihrer Torheit an den Begriff »Siegel« geklammert und sich so selbst der Erkenntnis Dessen, welcher der Offenbarer des Siegels wie auch des Anfangs ist, am Tage Seiner Gegenwart beraubt. »Wenn Gott die Menschen für ihre Frevel strafen wollte, so ließe Er keinen auf Erden leben, doch Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer festgesetzten Zeit.«Qur’án 16:61.Q Davon abgesehen – hätten diese Menschen auch nur einen Tropfen getrunken aus den kristallklaren Wassern, die aus den Worten strömen: »Gott tut, was immer Er will, und befiehlt, was immer Ihm gefällt«vgl. Qur’án 2:253; 14:27; 22:14, 22:18 und Qur’án 5:1 – Anm. d. Hrsg. Q, so hätten sie gegen den Mittelpunkt Seiner Offenbarung nicht so unziemliche Einwände vorgebracht. Die Sache Gottes, alle Taten und Worte ruhen in der Hand Seiner Kraft. »Alle Dinge sind gefangen in der Höhlung Seiner mächtigen Hand; alles ist leicht und möglich für Ihn.« Er vollendet, was immer Er will, und tut, was Er wünscht. »Wer nach dem ›Warum‹ oder ›Wofür‹ fragt, der hat eine Lästerung ausgesprochen!« Würden diese Menschen den Schlummer der Nachlässigkeit abschütteln und einsehen, was ihre Hände begangen, so gingen sie daran zugrunde und würfen sich aus freien Stücken ins Feuer – ihr Ende und ihr verdienter Aufenthalt. Haben sie nicht gehört, dass Er offenbart hat: »Er soll nicht befragt werden über Sein Tun«Qur’án 21:23.Q? Wie kann ein Mensch – im Lichte dieser Verse – sich erdreisten, Ihn zur Rede zu stellen und eitel zu schwätzen?
183
Gnädiger Gott! So töricht und eigensinnig sind diese Menschen, dass sie nur ihren eigenen Gedanken und Wünschen folgen, dem Wissen und dem Willen Gottes – geheiligt und verherrlicht sei Sein Name! – den Rücken kehrend.
184
Sei gerecht! Hätten diese Menschen die Wahrheit jener leuchtenden Worte und heiligen Andeutungen erkannt, hätten sie Gott als den, der »tut, was immer Er will«vgl. Qur’án 22:18 – Anm. d. Hrsg.Q, anerkannt, wie könnten sie dann weiterhin an diesem Unsinn festhalten? Fürwahr, mit ganzer Seele nähmen sie an und unterwürfen sich dem, was immer Er spricht. Ich schwöre bei Gott: Wäre es nicht gegen den göttlichen Ratschluss und gegen die unerforschlichen Bestimmungen der Vorsehung, so hätte die Erde dieses Volk völlig vernichtet. »Er wird ihnen jedoch Aufschub gewähren bis zur festgesetzten Zeit eines bekannten Tages.«vgl. Qur’án 16:61, 35:45 – Anm. d. Hrsg.A
185
Zwölfhundertundachtzig Jahre sind vergangen seit dem Dämmern der Sendung des Islám, und jeden Morgen rezitieren diese blinden, nichtswürdigen Menschen ihren Qur’án und verfehlen es dennoch, auch nur einen Buchstaben dieses Buches zu erfassen! Immer wieder lesen sie die Verse, die klar die Wirklichkeit dieser heiligen Themen erweisen und die Wahrheit der Manifestationen ewiger Herrlichkeit bezeugen, und noch immer haben sie deren Sinn nicht begriffen. Sie haben nie verstanden, dass zu allen Zeiten die heiligen Schriften und Bücher nur gelesen werden sollten, damit der Leser zum Verständnis ihrer Bedeutung gelangt und ihre tiefsten Mysterien zu enträtseln vermag. Doch lesen ohne zu verstehen ist für den Menschen letzten Endes ohne Nutzen.
186
Eines Tages begab es sich, dass ein armer Mann diese Seele besuchte, denn er trug Verlangen nach dem Meere Seiner Erkenntnis. Während Wir mit ihm sprachen, kam die Rede auf die Zeichen des Tages des Gerichts, der Auferstehung, der Erweckung und der Abrechnung. Er bat Uns dringend um eine Erklärung, wie in dieser wunderbaren Sendung die Völker der Welt zur Rechenschaft gezogen würden, wenn kein Mensch sich dessen bewusst sei. Daraufhin vermittelten Wir ihm einige Wahrheiten aus der Wissenschaft und alten Weisheit nach dem Maße seiner Fassungskraft und Einsicht. Dann fragten Wir ihn: »Hast du nicht all die Zeit über den Qur’án gelesen? Bist du dir dieses gesegneten Verses nicht bewusst: ›An jenem Tag wird weder Mensch noch Geist nach seinen Sünden gefragt werden‹?Qur’án 55:39.Q Erkennst du nicht, dass mit ›fragen‹ nicht das Fragen mit der Zunge und Rede gemeint ist, wie ja der Vers selbst es dartut und erweist? Denn anschließend wird gesagt: ›An ihrem Angesicht werden die Sünder erkannt, und sie werden an Stirnlocken und Füßen gepackt werden.‹Qur’án 55:41.Q«
187
So wird also mit den Völkern der Welt nach ihrem Angesicht abgerechnet werden. Durch dieses werden ihr Unglaube, ihr Glaube und ihre Ungerechtigkeit offenbar. So ist es an diesem Tage offensichtlich, wie das Volk des Irrtums durch sein Aussehen erkannt und unterschieden wird von denen, die der göttlichen Führung folgen. Würden diese Menschen nur um Gottes willen und mit keinem anderen Wunsch als nach Seinem Wohlgefallen im Herzen tief über die Verse des Buches nachdenken, so fänden sie gewisslich, was sie suchen. In Seinen Versen fänden sie alle Dinge, groß oder klein, die sich in dieser Sendung ereignet haben, enthüllt. Sie fänden darin sogar Hinweise auf den Auszug der Manifestationen der Namen und Attribute Gottes aus ihrem Heimatland, auf die Gegnerschaft und hochmütige Anmaßung der Obrigkeit und des Volkes und auf den Aufenthalt und die Ansiedlung der Universalen Manifestation in einem dafür vorgesehenen Land. Doch niemand kann dies verstehen, es sei denn, er habe ein einsichtsvolles Herz.
188
Wir schließen und versiegeln unser Thema mit dem, was einst Muḥammad offenbart ward, auf dass dieses Siegel den Duft jenes heiligen Moschus verbreite, der die Menschen zum Riḍván unvergänglichen Glanzes leitet. Er sprach, und Sein Wort ist die Wahrheit: »Und Gott ruft zur Wohnstatt des FriedensBaghdád.A, und Er führt, wen Er will, auf den rechten Weg«Qur’án 10:25.Q. »Ihrer harrt eine Wohnstatt des Friedens bei ihrem Herrn, und Er wird ihr Beschirmer sein um ihrer Werke willen.«Qur’án 6:127.Q Dies hat Er offenbart, auf dass Seine Gnade die Welt umschließe. Preis sei Gott, dem Herrn allen Seins!
189
Wir haben auf mancherlei Art und immer wieder die Bedeutung eines jeden Themas klargelegt, damit, wenn möglich, jede Seele, ob hoch oder niedrig, nach ihrem Maß und ihrer Fähigkeit ihr Anrecht und ihren Teil daran erlange. Sollte sie nicht fähig sein, ein bestimmtes Argument zu verstehen, so mag sie durch den Hinweis auf ein anderes ihr Ziel erreichen, »auf dass Menschen aller Art wissen, wo sie ihren Durst stillen können«vgl. Qur’án 2:60 – Anm. d. Hrsg.Q.
190
Bei Gott! Diese Taube des Himmels, die jetzt im Staube wohnt, kann außer solchen Melodien noch Myriaden von Weisen erschallen lassen und außer solchen Versen noch unzählige Mysterien enthüllen. Jeder einzelne Ton ihrer nicht gesungenen Lieder ist unermesslich erhaben über alles, was schon offenbart wurde, und weit herrlicher als alles, was dieser Feder entströmte. Lass die Zukunft die Stunde enthüllen, da die Bräute der inneren Bedeutung, wie durch den Willen Gottes beschlossen, unverschleiert aus ihren mystischen Wohnstätten eilen und sich im altehrwürdigen Reich des Seins offenbaren. Nichts ist möglich ohne Seine Erlaubnis, keine Macht kann bestehen ohne Seine Macht, und kein Gott ist außer Ihm. Sein ist die Welt der Schöpfung, und Sein ist die Sache Gottes. Alle verkünden Seine Offenbarung, und alle enthüllen die Mysterien Seines Geistes.
191
Wir haben schon auf den vorangegangenen Seiten einer jeden der Sonnen, die sich von den Aufgangsorten ewiger Herrlichkeit erheben, zwei Stufen zugeschrieben. Die eine dieser Stufen, die Stufe der Wesenseinheit, haben Wir bereits erläutert. »Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen.«Qur’án 2:136.Q Die andere Stufe ist die der Unterscheidung, sie gehört zur Welt der Schöpfung und ihren Begrenzungen. In dieser Hinsicht hat jede Manifestation Gottes eine ausgeprägte Individualität, eine genau vorgezeichnete Mission, eine vorherbestimmte Offenbarung und besonders bestimmte Begrenzungen. Eine jede von ihnen ist unter einem anderen Namen bekannt, durch ein anderes Attribut gekennzeichnet, mit einem bestimmten Auftrag und einer besonderen Offenbarung betraut. So wie Er spricht: »Einige Sendboten haben Wir die anderen überragen lassen. Zu einigen hat Gott gesprochen, einige hat Er erhoben und erhöht. Und Jesus, dem Sohn Marias, verliehen Wir offenbare Zeichen und stärkten Ihn mit dem Heiligen Geist.«Qur’án 2:253.Q
192
Durch diese Verschiedenheit ihrer Stufe und ihrer Mission kommt es, dass die aus diesen Quellen göttlicher Erkenntnis strömenden Worte scheinbar voneinander abweichen. Dagegen ist in den Augen derer, die in die Mysterien göttlicher Weisheit eingeweiht sind, alles, was sie sagen, in Wirklichkeit nur Ausdruck einer Wahrheit. Da die meisten Menschen diese Stufen, auf die Wir hingewiesen haben, nicht richtig einzuschätzen vermögen, sind sie bestürzt und verwirrt angesichts der unterschiedlichen Aussagen der Manifestationen, die doch in ihrem Wesen eine und dieselbe sind.
193
Es war seit jeher offenkundig, dass diese Unterschiede in der Redeweise den Unterschieden in der Stufe zuzuschreiben sind. Vom Standpunkt ihrer Einheit und erhabenen Loslösung aus betrachtet, waren seit je die Attribute Gottheit, Göttlichkeit, höchste Einzigkeit und innerstes Sein auf diese Inbegriffe des Seins anwendbar, da sie alle auf dem Throne göttlicher Offenbarung ruhen und den Sitz göttlicher Verborgenheit einnehmen. Mit ihnen tritt Gottes Offenbarung in Erscheinung, durch ihr Antlitz wird die Schönheit Gottes enthüllt. So wird die Sprache Gottes selbst aus dem Munde dieser Manifestationen des göttlichen Seins vernommen.
194
Im Lichte ihrer zweiten Stufe betrachtet, der Stufe der Auszeichnung, der Unterscheidung, der zeitlichen Begrenzungen, der Kennzeichen und Maßstäbe, legen sie unbedingte Dienstbarkeit, äußerste Armut und völlige Selbstauslöschung an den Tag. So hat Er gesprochen: »Ich bin der Diener Gottes.Qur’án 19:30.Q Ich bin nur ein Mensch wie ihr.«vgl. Qur’án 18:110; 41:6.Q
195
Versuche nun anhand dieser unwiderlegbaren, ausführlichen Erklärungen den Sinn der von dir gestellten Fragen zu begreifen, damit du im Glauben Gottes standhaft wirst und dich nicht von den Abweichungen in den Reden Seiner Propheten und Auserwählten erschüttern lässt.
196
Sollte eine der allumfassenden Manifestationen Gottes erklären: »Ich bin Gott!«, so spräche sie gewisslich die Wahrheit, und es gäbe daran keinen Zweifel. Denn wiederholt wurde dargetan, dass durch ihre Offenbarung, ihre Attribute und Namen die Offenbarung Gottes, Seine Namen und Seine Attribute in der Welt offenkundig gemacht sind. So hat Er enthüllt: »Jene Pfeile waren von Gott, nicht von Dir!«Qur’án 8:17.Q Und ebenso spricht Er: »Wahrlich, die Dir Treue gelobten, gelobten sie in Wirklichkeit Gott.«Qur’án 48:10.Q Würde einer von ihnen sagen: »Ich bin der Gesandte Gottes«Qur’án 7:158 – Anm. d. Hrsg.Q, so spräche Er gleichfalls die Wahrheit, die unzweifelhafte Wahrheit. So spricht Er: »Muḥammad ist nicht der Vater irgendeines von euren Männern, sondern der Gesandte Gottes.«Qur’án 33:40.Q In diesem Lichte gesehen, sind sie alle nur Gesandte dieses vollkommenen Königs, dieser unwandelbaren Wesenheit. Würden sie alle verkünden: »Ich bin das Siegel der Propheten« vgl. Qur’án 33:40 – Anm. d. Hrsg. A, so sprächen sie gewiss nichts als die Wahrheit, erhaben über den leisesten Schatten eines Zweifels. Denn sie alle sind nur eine Person, eine Seele, ein Geist, ein Wesen, eine Offenbarung. Sie alle sind die Manifestationen des »Anfangs« und des »Endes«, des »Ersten« und des »Letzten«, des »Sichtbaren« und des »Verborgenen«Qur’án 57:3 – Anm. d. Hrsg.Q – all dies kommt Ihm zu, Ihm, dem Inbegriff allen Geistes und dem ewigen Wesen allen Wesens. Und würden sie sagen: »Wir sind Gottes Diener« vgl. Qur’án 19:30 – Anm. d. Hrsg. A, so wäre auch dies eine offenkundige, unbestreitbare Wahrheit. Denn sie haben sich im äußersten Zustand des Dienens offenbart, eines Dienens, wie es kein Mensch je erreichen kann. Darum haben diese Inbegriffe des Seins in Augenblicken, da sie tief in die Meere altehrwürdiger, ewigwährender Heiligkeit eintauchten, oder wenn sie zu den erhabensten Höhen göttlicher Mysterien emporstiegen, den Anspruch erhoben, dass ihre Sprache die Stimme der Gottheit, der Ruf Gottes selbst sei. Wäre das Auge der Einsicht geöffnet, so würde es erkennen, dass sie sich in diesem Zustand als völlig ausgelöscht und nicht existent betrachten vor dem Antlitz Dessen, der der Alldurchdringende, der Unbestechliche ist. Mich dünkt, sie haben sich ganz als ein Nichts angesehen und ihre Erwähnung an jenem heiligen Hof als einen Akt der Gotteslästerung erachtet. Denn die leisesten Einflüsterungen des Selbstes sind an einem solchen Hof ein Beweis für Geltungsbedürfnis und unabhängiges Sein. In den Augen derer, die an diesen Hof gelangen, ist eine solche Regung schon ein schweres Vergehen. Wie viel schwerer wäre es, würde in dieser Gegenwart etwas anderes erwähnt, wären des Menschen Herz, Zunge, Gemüt oder Seele von etwas anderem eingenommen als von dem Vielgeliebten, betrachteten seine Augen ein anderes Antlitz als Seine Schönheit, neigte sich sein Ohr einer anderen Melodie als Seiner Stimme und gingen des Menschen Füße einen anderen Pfad als Seinen Pfad.
197
An diesem Tage weht Gottes Hauch, und Sein Geist hat alle Dinge durchdrungen. So mächtig ist die Ausgießung Seiner Gnade, dass die Feder ruht und die Zunge schweigt.
198
Kraft dieser Stufe erheben sie etwa den Anspruch, die Stimme der Gottheit zu sein, während sie kraft ihrer Stufe der Gesandtschaft sich als die Boten Gottes erklären. In jedem Fall sprechen sie, wie es den Gegebenheiten des Augenblicks entspricht, und beziehen alle diese Aussagen auf sich selbst, Aussagen, die sich vom Reich göttlicher Offenbarung bis zum Reich der Schöpfung erstrecken und vom Bereich der Göttlichkeit bis zum Reich irdischen Seins. Damit ist, was immer sie sagen, ob es sich denn auf den Bereich der Gottheit, der Herrschaft des Herrn, des Prophetentums, des Hütertums, des Apostolats oder des Dienens bezieht, ohne den Schatten eines Zweifels wahr. So müssen diese Verse, die Wir für Unseren Beweis angeführt haben, aufmerksam bedacht werden, damit die voneinander abweichenden Aussagen der Manifestationen des Unsichtbaren und Morgenröten der Heiligkeit nicht länger die Seele erregen und den Geist verwirren.
199
Die von den Sonnen der Wahrheit gesprochenen Worte müssen sorgfältig bedacht werden, und wenn man ihre Bedeutung nicht versteht, sollte Aufklärung bei den Treuhändern der Schatzkammern des Wissens gesucht werden, so dass diese den Sinn der Worte erklären und ihr Geheimnis enträtseln. Denn niemand steht es an, das heilige Wort nach seinem unzulänglichen Verständnis auszulegen, oder es gar zu verwerfen und seine Wahrheit zurückzuweisen, sofern er findet, dass es seinen Neigungen und Wünschen zuwider ist. So verhalten sich heutzutage die Geistlichen und Gelehrten, die auf den Stühlen der Erkenntnis und Gelehrsamkeit sitzen und Unwissen Erkenntnis, Tyrannei Gerechtigkeit nennen. Befragten sie das Licht der Wahrheit über die Gebilde ihrer eitlen Phantasie, und fänden sie dann Seine Antwort unvereinbar mit ihren eigenen Vorstellungen und ihrem Schriftverständnis, so verleumdeten sie Ihn, den Hort und Urquell allen Wissens, gewisslich als die Verneinung des Wissens. So ist dies zu allen Zeiten geschehen.
200
Als Muḥammad, der Herr des Seins, einst über die neuen Monde befragt wurde, gab Er auf Gottes Geheiß zur Antwort: »Das sind Zeiträume, die den Menschen bestimmt sind.«Qur’án 2:189.Q Daraufhin brandmarkten Ihn Seine Zuhörer öffentlich als Ignoranten.
201
So sagt Er auch in dem Vers über den »Geist«: »Und sie werden Dich über den Geist befragen. Sprich: ›Der Geist geht aus Meines Herrn Befehl hervor.‹«Qur’án 17:85.Q Kaum hatte Muḥammad diese Antwort gegeben, so widersprachen sie lärmend: »Seht! Ein Tor, der nicht weiß, was der Geist ist, nennt sich selbst den Offenbarer göttlichen Wissens!« Nun sieh die Geistlichen unserer Tage: Weil sie durch Seinen Namen geehrt wurden und fanden, dass ihre Väter einst Seine Offenbarung anerkannt hatten, unterwerfen sie sich blindlings Seiner Wahrheit. Bedenke, erhielten sie heute solche Antworten auf ihre Fragen, so würden sie sie ohne Zaudern zurückweisen und öffentlich brandmarken – ja sie nähmen sogar wieder zu denselben Spitzfindigkeiten Zuflucht, wie dies tatsächlich geschehen ist – ungeachtet dessen, dass diese Inbegriffe des Seins über so seltsame Trugbilder unendlich erhaben sind und in ihrer unermesslichen Herrlichkeit hoch über diesen leeren Formeln stehen, und selbst über dem Begreifen jedes einsichtsvollen Herzens. Ihre sogenannte Gelehrsamkeit ist, im Vergleich zu jener Erkenntnis, bloßer Irrtum und all ihre Einsicht nichts als bare Unwissenheit. Nein, was immer aus den Minen göttlicher Weisheit, den Schatzkammern ewigen Wissens hervorgeht, ist Wahrheit und nichts als Wahrheit. Der Spruch: >»Wissen ist ein Punkt, den die Toren vervielfacht haben«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q, ist die Bestätigung für Unser Argument, und die Tradition: »Wissen ist ein Licht, das Gott ins Herz wirft, wem Er will«Ḥadíth – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q, erweist die Richtigkeit Unserer Darlegung.
202
Weil sie nicht verstehen, was wahres Wissen bedeutet, und damit die Bilder bezeichnen, die ihnen ihre Phantasie vorgaukelt und deren Urheber die Verkörperungen der Unwissenheit sind, haben sie dem Urquell des Wissens das angetan, was du gehört und gesehen hast.
203
So hat zum Beispiel ein Mann Ḥájí Mírzá Karím Khán A, der für seine Gelehrsamkeit berühmt war und sich selbst für einen der hervorragendsten Führer seines Volkes hielt, in seinem Buch alle Vertreter wahrer Gelehrsamkeit angeklagt und geschmäht, wie dies seine eindeutigen Aussagen, aber auch seine Andeutungen überall in seinem Buch hinlänglich beweisen. Da Wir öfters von ihm gehört hatten, entschlossen Wir Uns, einige seiner Werke zu lesen. Wir sind sonst nicht geneigt, anderer Menschen Schriften zu lesen, doch nun, da Uns einige über ihn befragten, fanden Wir es angezeigt, seine Bücher durchzusehen, um auf diese Fragen mit angemessenem Wissen und Verständnis zu antworten. Seine Werke in arabischer Sprache waren Uns jedoch nicht zugänglich, bis Uns eines Tages jemand mitteilte, dass eine seiner Schriften, Irshádu’l-‘Avám Führung für die Unwissenden. A betitelt, in dieser Stadt zu haben sei. Aus diesem Titel verspürten Wir den Geruch des Dünkels und der Eitelkeit; denn er hält sich selbst für einen Gelehrten und den Rest der Menschheit für ›Unwissende‹. Seinen tatsächlichen Wert lässt er gerade durch den Titel erkennen, den er für sein Buch gewählt hat. Es wurde offenbar, dass der Verfasser dem Pfade des Selbstes und des Begehrens folgte und in der Wildnis des Unwissens und der Blindheit verlorengegangen war. Mich dünkt, er hat die wohlbekannte Tradition vergessen, welche sagt: »Wissen umfasst alles, was erkennbar ist; Macht und Gewalt sind Schöpfung.« Dennoch sandten Wir nach dem Buch und behielten es einige Tage. Wir nahmen es wohl zweimal zur Hand. Das zweite Mal stießen Wir zufällig auf die Geschichte des ›Mi‘ráj Himmelfahrt. A Muḥammads, über den gesagt worden ist: »Wenn nicht für Dich, hätte Ich die Sphären nicht erschaffen.«Ḥadíth-i-Qudsí, ›heilige Tradition‹ – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q Wir stellten fest, dass der Verfasser etwa zwanzig oder mehr Wissenschaften aufzählte, deren Kenntnis er als wesentlich betrachtete, um das Mysterium des ›Mi‘ráj‹ zu verstehen. Seinen Ausführungen entnahmen Wir, dass, wer nicht in diese Wissenschaften eingedrungen sei, niemals zum richtigen Verständnis dieses überragenden, erhabenen Gegenstandes gelangen könne. Unter den aufgeführten Wissenschaften waren Metaphysik, Alchemie und Naturmagie. Nutzlose, abgestandene Gelehrsamkeit hält dieser Mensch für unerlässlich, wenn man die ewigen, geheiligten Mysterien göttlicher Erkenntnis verstehen will!
204
Gnädiger Gott! So weit reicht sein Verständnis! Sieh, welch ausgeklügelte Einwände und Verleumdungen er gegen jene Verkörperungen des unendlichen göttlichen Wissens vorbrachte! Wie gut und treffend ist doch gesagt: »Schleuderst du deine Verleumdungen denen ins Gesicht, die der eine wahre Gott zu Treuhändern der Schatzkammern Seines siebenten Himmels gemacht hat?«Vers eines persischen Dichters – Anm. d. Hrsg.A Kein verstehendes Herz und Gemüt, keiner der Weisen und Gelehrten beachtet diese absurden Behauptungen. Und wie klar und einleuchtend ist es doch für jedes einsichtige Herz, dass eine solche Gelehrsamkeit zu allen Zeiten von dem einen wahren Gott zurückgewiesen wird. Wie könnte die Kenntnis von Wissenschaften, die in den Augen der wahrhaft Gelehrten nichts gelten, notwendig sein, um die Mysterien des ›Mi‘ráj‹ zu begreifen, während der Herr des ›Mi‘ráj‹ selbst niemals mit auch nur einem Buchstaben dieser beschränkten, obskuren Wissenschaften belastet war und Sein strahlendes Herz nie mit einem dieser wunderlichen Wahngebilde befleckte? Wie wahr hat er gesprochen: »Alles menschliche Begreifen reitet auf einem lahmen Esel, während die Wahrheit wie ein Pfeil auf dem Winde dahinfliegt.«Vers eines persischen Dichters – Anm. d. Hrsg.A Bei der Gerechtigkeit Gottes! Wer das Geheimnis des ›Mi‘ráj‹ zu ergründen und einen Tropfen aus der Erkenntnis dieses Meeres zu trinken begehrt, der muss den Spiegel seines Herzens, so er noch durch den Staub dieser Wissenschaften getrübt ist, wahrlich reinigen und läutern, ehe das Licht dieses Mysteriums darin widerstrahlen kann.
205
An diesem Tag verbieten die, welche in das Meer urehrwürdiger Erkenntnis eingetaucht sind und in der Arche göttlicher Weisheit wohnen, dem Volke solche eitlen Studien. Ihre leuchtenden Herzen sind, Gott sei gepriesen, geheiligt von jeder Spur solcher Gelehrsamkeit und erhaben über so schlimme Schleier. Wir haben den dichtesten aller Schleier mit dem Liebesfeuer des Geliebten verbrannt – den Schleier, auf den sich der Spruch bezieht: »Der schlimmste aller Schleier ist der Schleier des Wissens.« Auf seiner Asche haben Wir den SchreinSurádiq – Anm. d. Hrsg.A göttlicher Erkenntnis errichtet. Wir haben, Preis sei Gott, die »Schleier der Herrlichkeit«ḤadíthA mit dem Feuer der Schönheit des Heißgeliebten verbrannt. Wir haben aus dem menschlichen Herzen alles vertrieben außer Ihm, der Sehnsucht der Welt, und freuen Uns dessen. Wir hängen an keinem Wissen als an dem Wissen, das von Ihm kommt, und richten unser Herz nur auf den Strahlenglanz Seines Lichtes.
206
So waren Wir sehr überrascht, als Wir erkannten, dass die einzige Absicht dieses Mannes war, die Menschen glauben zu machen, dass er sich auf alle diese Wissenschaften verstand. Und doch schwöre Ich bei Gott, dass nicht ein Hauch aus den Gefilden göttlichen Wissens jemals über seine Seele geweht, dass er nicht ein einziges Geheimnis alter Weisheit enträtselt hat. Fürwahr, würde ihm der Sinn des Wissens jemals erklärt, so erfüllte Bestürzung sein Herz und sein ganzes Wesen wäre von Grund auf erschüttert. Sieh, welche Gipfel der Überspanntheit seine Ansprüche trotz seiner haltlosen, unsinnigen Aussagen erreichen!
207
Gnädiger Gott! Wie groß ist Unser Erstaunen darüber, dass sich um ihn die Leute scharen und seiner Person Gefolgschaft geloben! Mit vergänglichem Staube zufrieden, richten die Menschen ihren Blick nur auf ihn und kehren dem Herrn der Herren den Rücken. Zufrieden mit dem Gekrächze der Krähe und vernarrt in das Gesicht des Raben, verzichten sie auf der Nachtigall süßen Gesang und auf den Liebreiz der Rose. Welch unsagbare Trugschlüsse hat die Durchsicht dieses anmaßenden Buches zutage gebracht! Sie sind nicht wert, dass eine Feder sie beschriebe, und zu dürftig, dass man dabei einen Augenblick verweilte. Wäre indes ein Prüfstein gefunden, so schiede er augenblicklich Wahrheit von Falschheit, Licht von Finsternis und Sonne von Schatten.
208
Eine der Wissenschaften, die dieser Scharlatan nennt, ist die Kunst der Alchemie. Wir hegen die Hoffnung, dass ein König oder ein Mann von überragender Macht ihn auffordere, diese Wissenschaft aus dem Reich der Einbildung in die Welt der Tatsachen und von der Ebene bloßer Behauptungen auf die der realen Wirklichkeit zu bringen. Dass doch dieser ungelehrte, demütige Diener, der weder auf solche Dinge Anspruch erhob noch sie jemals als Kriterium wahrer Erkenntnis betrachtete, diese Aufgabe übernähme, auf dass so die Wahrheit erkannt und vom Irrtum geschieden werde. Doch welchen Nutzen hätte dies! Alles, was dieses Geschlecht Uns anbieten konnte, waren die Wunden seiner Speere, und der einzige Kelch, den es Unseren Lippen reichte, war der Kelch seines Giftes. Auf Unserem Nacken tragen Wir noch die Narben von Ketten, und Unser Leib ist gezeichnet von den Wundmalen erbarmungsloser Grausamkeit.
209
Und was dieses Menschen Fähigkeiten anbelangt, seine Unwissenheit, sein Verständnis und seinen Glauben, so sieh, was das Buch, das alle Dinge enthält, offenbart hat: »Wahrlich, der Baum Zaqqúmaz-Zaqqúm: ein Baum, der inmitten der Hölle wächst; [vgl. Qur’án 17:60; 37:62; 37:64; 44:43; 56:52 – Anm. d. Hrsg.].A wird die Speise der ÁthimSünder.A sein.«Qur’án 44:43–44.Q Und dann lies einige Verse weiter bis dahin, wo Er spricht: »Koste nun davon, denn du bist fürwahr der mächtige KarímKarím‹ bedeutet ›ehrwürdig‹.AQur’án 44:49.Q Sieh, wie klar und deutlich er in Gottes unvergänglichem Buche beschrieben ist! Dieser Mann, der Demut heuchelt, hat zudem in seinem Buch auf sich selbst verwiesen als auf den »Áthim-Diener«›Dieser sündige Diener‹ – Anm. d. Hrsg.A: »Áthim« im Buche Gottes, mächtig inmitten der allgemeinen Herde – »Karím« dem Namen nach!
210
Denke über den gesegneten Vers nach: »Es ist nichts Grünes oder Dürres, das nicht im unfehlbaren Buche verzeichnet wäre«Qur’án 6:59.Q, damit sich die Bedeutung seiner Worte auf der Tafel deines Herzens einpräge. Dennoch schwört eine große Menge diesem Manne Gefolgschaft. Sie verwerfen den Mose des Wissens und der Gerechtigkeit und folgen dem Sámirí Ein Magier aus der Zeit von Moses A des Unwissens. Sie wenden ihren Blick von der Sonne der Wahrheit, die am göttlichen, ewig währenden Himmel leuchtet, und schenken ihrem Glanz keine Beachtung.
211
O mein Bruder! Nur aus einer göttlichen Gesteinsader können die Edelsteine göttlichen Wissens hervorgebracht werden, der Duft der mystischen Myrte ist nur im wahren Garten zu atmen, und die Lilien altehrwürdiger Weisheit können nirgends erblühen außer in der Stadt eines unbefleckten Herzens. »Der guten Erde entsprießen die Pflanzen in Fülle durch die Erlaubnis seines Herrn, doch einem schlechten Boden entsprießen sie nur kärglich.«Qur’án 7:58.Q
212
Nun ist klar aufgezeigt, dass nur die, welche in die göttlichen Mysterien eingeweiht sind, die Gesänge des Himmelsvogels verstehen können. Darum ist es jedermanns Pflicht, angesichts der Kompliziertheit des Gottesglaubens und der dunklen Andeutungen in den Versen der Morgenröten der Heiligkeit, bei den im Herzen Erleuchteten und bei den Schatzkammern göttlicher Mysterien Erleuchtung zu suchen. Diese Mysterien werden nicht mit Hilfe erworbenen Wissens enträtselt, sondern einzig durch Gottes Beistand und die Ausgießungen Seiner Gnade. »Fraget daher bei denen, welche die Schriften hüten, wenn ihr es selbst nicht wisst.«Qur’án 16:43.Q
213
O mein Bruder! Wenn ein wahrer Sucher sich entschließt, mit forschendem Schritt den Pfad zu betreten, der zur Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage führt, muss er vor allem sein Herz, den Sitz der Offenbarung der inneren Mysterien Gottes, vom trübenden Staub allen erworbenen Wissens und von den Andeutungen der Verkörperungen satanischer Wahngebilde reinigen. Er muss seine Brust, das Heiligtum der immerwährenden Liebe des Geliebten, von jeder Befleckung läutern und seine Seele von allem heiligen, was dem Wasser und dem Lehm zugehört, von allen schattenhaften, flüchtigen Verhaftungen. Er muss sein Herz so läutern, dass kein Rest von Liebe oder Hass darin verbleibt, damit weder Liebe ihn blind zum Irrtum leite noch Hass ihn von der Wahrheit scheuche. Denn wie du an diesem Tage siehst, sind die meisten Menschen solcher Liebe und solchen Hasses wegen des unsterblichen Antlitzes beraubt, sind von den Verkörperungen der göttlichen Mysterien weit abgeirrt und streifen hirtenlos durch die Wildnis des Vergessens und des Irrtums. Der Sucher soll allezeit sein Vertrauen in Gott setzen und sich von den Erdenmenschen abkehren. Er soll sich von der Welt des Staubes lösen und Ihm, dem Herrn der Herren, anhangen. Nie darf er sich über einen anderen erheben wollen, jede Spur von Stolz und Dünkel soll er von der Tafel seines Herzens waschen. Er soll in Geduld und Ergebung harren, Schweigen üben und sich eitler Rede enthalten. Denn die Zunge ist ein schwelend Feuer, und zu viel der Rede ein tödlich Gift. Natürliches Feuer verbrennt den Körper, das Feuer der Zunge aber verzehrt Herz und Seele. Die Kraft des einen währt nur eine Weile, aber die Wirkung des anderen dauert ein Jahrhundert lang.
weiter nach unten ...