Bahá’u’lláh | Das Buch der Gewissheit
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Nun bemühe dich ebenso, aus diesen klaren, kraftvollen, schlüssigen und unzweideutigen Erklärungen die Bedeutung der »Spaltung des Himmels« zu erfassen – eines der Zeichen, welche das Kommen der letzten Stunde, den Tag der Auferstehung ankündigen werden. So hat Er gesprochen: »Wenn der Himmel sich spaltet.«Qur’án 82:1.Q »Himmel« ist hier der Himmel der göttlichen Offenbarung, welcher mit jeder Manifestation aufgerichtet und mit jeder folgenden wieder gespalten wird. »Gespalten« bedeutet, dass die vorangegangene Sendung nunmehr abgelöst ist. Ich schwöre bei Gott! Das Spalten dieses Himmels ist für den Verständigen eine größere Tat als das Spalten des sichtbaren Himmelsgewölbes. Denke eine Weile darüber nach: Eine göttliche Offenbarung, welche seit langem sicher begründet war, in deren Schatten die Gläubigen aufwuchsen und erzogen wurden, deren erleuchtete Gesetze Generationen in Zucht hielten, deren erhabenes Wort sie von ihren Vätern vernommen hatten, so dass das menschliche Auge nichts als das alles durchdringende Wirken ihrer Gnade geschaut und das sterbliche Ohr nichts als den erhabenen Widerhall ihrer Gebote gehört hatte – welches Geschehen ist gewaltiger, als wenn durch Gottes Macht eine solche Offenbarung mit dem Erscheinen einer einzigen Seele »gespalten« und aufgehoben wird? Bedenke, ist dies nicht ein gewaltigeres Geschehen als das, was diese elenden Toren sich unter der »Spaltung des Himmels« vorstellen?
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Sieh außerdem die Trübsal und Bitternis im Leben dieser Offenbarer göttlicher Schönheit. Bedenke, wie sie so ganz allein der Welt und ihren Völkern gegenüberstanden, wenn sie Gottes Gesetz verkündeten! Wie hart auch die Verfolgungen waren, von denen diese heiligen, edlen und feinfühligen Seelen heimgesucht wurden, so blieben sie trotz der Fülle ihrer Macht geduldig; bei all ihrer Überlegenheit litten sie und harrten aus.
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Versuche ebenso, den Sinn der »Wandlung der Erde« zu erfassen. Wisse, dass die Erde all der Herzen, auf welche die Güte freigebiger Regenschauer der Barmherzigkeit vom »Himmel« göttlicher Offenbarung niedergeht, sich wahrlich in die Erde göttlicher Erkenntnis und Weisheit verwandelt. Welche Myrten der Einheit hat der Blumengarten dieser Herzen sprießen lassen! Welche Blüten wahrer Erkenntnis und Weisheit hat ihr erleuchtetes Herz uns geschenkt! Wäre die Erde ihres Herzens nicht verwandelt worden, wie hätten dann solche Seelen, denen nicht ein Buchstabe gelehrt worden war, die keinen Lehrer gesehen hatten und in keine Schule gegangen waren, solche Worte verkünden und solche Erkenntnis an den Tag legen können, die niemand begreifen kann? Mich dünkt, sie sind aus dem Ton unendlichen Wissens gestaltet und mit dem Wasser göttlicher Weisheit geformt worden. Darum ist gesagt: »Wissen ist ein Licht, das Gott ins Herz wirft, wem Er will.« Diese Art Erkenntnis ist seit je zu rühmen, nicht aber das beschränkte Wissen, das einem verschleierten, umwölkten Denken entspringt; dieses beschränkte Wissen haben sie sogar heimlich voneinander geborgt, und vergebens brüsten sie sich damit.
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Ach, dass doch die Menschenherzen von diesen allzu menschlichen Beschränkungen und dunklen Gedanken geläutert würden, die auf ihnen lasten! Vielleicht werden sie, vom Licht der Sonne wahrer Erkenntnis erleuchtet, die Mysterien göttlicher Weisheit erfassen! Überlege: Bliebe die dürre, unfruchtbare Erde dieser Herzen unverwandelt, wie könnten sie je zu Empfängern der Offenbarung der Gottesgeheimnisse werden, zu Offenbarern des göttlichen Wesens? Darum sprach Er: »Am Tage, da die Erde in eine andere Erde verwandelt wird …«Qur’án 14:48.Q
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Der Windhauch der Großmut des Königs der Schöpfung hat sogar die sichtbare Erde verwandelt – o würdet ihr doch über die Mysterien göttlicher Offenbarung in euren Herzen nachsinnen!
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Und nun begreife den Sinn dieses Verses: »Die ganze Erde wird Ihm nur eine Handvoll sein am Tag der Auferstehung, und die Himmel werden zusammengerollt sein in Seiner Rechten. Preis sei Ihm! Und erhaben ist Er ob dem, was sie Ihm beigesellen.«Qur’án 39:67; [vgl. Abs. 24, Anm. 38].Q Urteile gerecht: Hätten diese Verse den Sinn, den die Menschen ihnen beimessen, von welchem Nutzen, so muss man fragen, könnte dies für den Menschen sein? Überdies ist es offensichtlich, dass keine Hand, die Menschenaugen schauen können, so etwas vollbringen könnte, geschweige denn, dass dies der erhabenen Wesenheit des einen wahren Gottes zugeschrieben werden kann. Nein, dies anzunehmen, wäre reine Gotteslästerung und die völlige Entstellung der Wahrheit. Wenn du sagst, mit diesem Vers seien die Manifestationen Gottes gemeint, die am Tage des Gerichts aufgerufen würden, ein solches Werk zu vollbringen, so ist auch dies weit entfernt von der Wahrheit und wahrlich ohne Nutzen. Hingegen ist mit dem Worte »Erde« die Erde der Einsicht und Erkenntnis gemeint und mit »Himmel« die Himmel göttlicher Offenbarung. Bedenke sodann, wie die einstens ausgebreitete Erde der Erkenntnis und Einsicht im mächtigen Griff Seiner einen Hand zu einer Handvoll wurde und wie Er mit der anderen Hand in den Menschenherzen eine neue, hoch erhabene Erde ausgebreitet hat und damit die frischesten, lieblichsten Blumen und die mächtigsten, hochragenden Bäume aus der erleuchteten Brust des Menschen aufsprießen lässt.
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Ebenso sinne darüber nach, wie die erhabenen Himmel der Religionen der Vergangenheit in der Rechten Seiner Macht aufgerollt wurden und wie die Himmel göttlicher Offenbarung auf Gottes Befehl erhöht und durch die Sonne, den Mond und die Sterne Seiner neuen, wundervollen Gebote geschmückt wurden. Das sind die Mysterien der Worte Gottes, die enthüllt und offenbar sind, damit du das Morgenlicht göttlicher Führung erkennst und die Lampe eitlen Wahns und leeren Trugs, des Zauderns und Zweifels mit der Kraft des Vertrauens und der Entsagung löschst, so dass in der innersten Kammer deines Herzens das neugeborene Licht göttlicher Erkenntnis und Gewissheit entzündet wird.
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Wisse wahrlich, dass die auf die Offenbarer der heiligen Gottessache zurückgehenden symbolischen Begriffe und dunklen Andeutungen die Völker der Welt prüfen sollen, so dass so die Erde der reinen, erleuchteten Herzen geschieden werde vom vergänglichen, öden Boden. Seit unvordenklicher Zeit war dies der Weg Gottes inmitten Seiner Geschöpfe, wie dies die Berichte der heiligen Bücher bezeugen.
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Denke auch über den Vers nach, der über die ›Qiblih die Richtung, in die das Gesicht beim Gebet gewandt wird. A offenbart wurde. Als Muḥammad, die Sonne der Prophetenschaft, aus der Morgendämmerung Baṭḥás Mekka. A nach Yathrib Medina. A geflohen war, hatte Er beim Gebet Sein Antlitz zunächst weiterhin der heiligen Stadt Jerusalem zugewandt, bis die Juden begannen, über Ihn unziemliche Reden zu führen – Reden, deren Erwähnung diesen Seiten schlecht anstünde und die den Leser ermüdeten. Muḥammad nahm diese Reden übel auf. Während Er in Andacht und Verzückung versunken Seinen Blick zum Himmel hob, hörte Er die gütige Stimme Gabriels: »Wir schauen auf Dich aus der Höhe, wie Du Dein Antlitz dem Himmel zuwendest. Wir wollen aber, dass Du Dich einer Qiblih zuwendest, die Dir gefällt.«Qur’án 2:144.Q Später, als der Prophet zusammen mit Seinen Gefährten das Mittagsgebet verrichtete und schon zwei der vorgeschriebenen Raka‘at Niederwerfungen. A vollbracht hatte, war wiederum die Stimme Gabriels zu hören: »Wende Dein Antlitz der heiligen Moschee in Mekka. A zu.«Qur’án 2:149.Q Mitten im Gebet wandte darum Muḥammad Sein Antlitz von Jerusalem ab und der Ka‘bah zu. Tiefe Bestürzung überfiel da die Gefährten des Propheten, deren Glaube ernstlich erschüttert wurde. So groß war ihr Schrecken, dass viele ihr Gebet abbrachen und vom Glauben abfielen. Wahrlich, Gott hat diesen Aufruhr nur deshalb bewirkt, um Seine Diener zu prüfen. Sonst hätte Er, der höchste König, die Qiblih nicht geändert, und Jerusalem wäre der ›Punkt der Anbetung‹ in Seiner Sendung geblieben. So wäre der heiligen Stadt nicht eine Gunst entzogen worden, die ihr einst verliehen worden war.
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Keiner der vielen Propheten, die seit der Offenbarung Mose als Boten des Wortes Gottes herabgesandt wurden, wie David, Jesus und andere der größeren Propheten aus dem Zeitraum zwischen den Offenbarungen Mose und Muḥammads, hat jemals das Gesetz der Qiblih geändert. Diese Boten des Herrn der Schöpfung haben allesamt ihre Völker die gleiche Gebetsrichtung einhalten lassen. In den Augen Gottes, des vollkommenen Königs, sind alle Orte der Erde einander gleich außer dem Ort, den Er in den Tagen Seiner Offenbarung zu einem besonderen Zweck erwählt – wie Er gesagt hat: »Gottes ist der Osten und der Westen. Darum, wohin ihr euch auch wendet, da ist Gottes Antlitz.«Qur’án 2:115.Q Warum sollte also, ungeachtet dieser Wahrheit, die Qiblih geändert und dadurch solche Bestürzung unter dem Volk erregt werden, dass die Gefährten des Propheten schwankend wurden und große Verwirrung in ihrer Mitte entstand? Wahrlich, was so die Menschenherzen mit Bestürzung erfüllt, geschieht nur, um jede Seele am Prüfstein Gottes zu prüfen, damit so die Echten erkannt und von den Falschen unterschieden werden. Darum hat Er nach dem Bruch im Volke offenbart: »Wir haben die Qiblih, die Du wünschtest, nur bestimmt, um den zu erkennen, der dem Gottgesandten folgt, und den, der von Ihm wegläuft.«Qur’án 2:143.Q »Erschrockene Esel, die vor einem Löwen fliehen.«Qur’án 74:50.Q
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Wolltet ihr diese Verse auch nur ein wenig beherzigen, so würdet ihr sicherlich die Tore der Erkenntnis vor eurer inneren Schau geöffnet finden und alles Wissen und dessen Mysterien unverhüllt vor Augen sehen. Dies geschieht nur zur Entwicklung der Menschenseelen, zu ihrer Errettung aus dem Käfig des Selbstes und der Begierde. Denn der wahre König ist in aller Ewigkeit in Seinem Wesen unabhängig vom Erkenntnisvermögen aller, und Er wird ewig in Seinem Sein hoch erhaben über der Anbetung aller Seelen stehen. Ein einziger Hauch aus Seiner Fülle genügt, um die ganze Menschheit mit dem Gewande des Reichtums zu schmücken, und ein Tropfen aus dem Meere Seiner freigebigen Gnade reicht aus, um allen Wesen den Glanz ewigen Lebens zu verleihen. Aber da der göttliche Ratschluss bestimmt hat, dass die Echten von den Falschen unterschieden werden sollen so wie die Sonne vom Schatten, hat Er zu allen Zeiten aus Seinem Reiche der Herrlichkeit die Regenschauer der Prüfung auf die Menschheit herabgesandt.
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Würden die Menschen über das Leben der Propheten alter Zeiten meditieren, so verstünden sie viel leichter deren Wege, und ihr Blick bliebe nicht länger verhüllt vor Taten und Worten, die im Widerspruch zu ihrem weltlichen Begehren stehen. Sie ließen alle aufkommenden Schleier von dem Feuer verzehren, das aus dem Busche göttlicher Erkenntnis lodert, und wohnten sicher auf dem Throne des Friedens und der Gewissheit. Seht zum Beispiel Mose, den Sohn ‘Imráns vgl. Ex. 6:20: Amram – Anm. d. Hrsg. A, einen der erhabenen Propheten und Urheber eines göttlich offenbarten Buches. Als Er in Seinen früheren Tagen, ehe Seine Berufung verkündet ward, über den Markt ging, sah Er zwei Männer im Streite miteinander. Einer der beiden bat Mose um Hilfe gegen seinen Widersacher. Da trat Er dazwischen und erschlug den Angreifer. Dies bezeugt die Heilige Schrift. Wollten Wir Einzelheiten anführen, so würde dies zu weit führen und die Argumentation unterbrechen. Die Kunde von diesem Vorfall verbreitete sich in der Stadt, und Mose ward von Furcht erfüllt, wie im Buche bezeugt ist. vgl. Ex. 2:11f – Anm. d. Hrsg. A Und als die Warnung zu Seinem Ohr drang: »O Moses, wahrlich, die Obersten beraten, dass sie Dich töten!«Qur’án 28:20; [vgl. Ex. 2:15].Q, eilte Er aus der Stadt und hielt sich in Midian auf im Dienste des Shu‘ayb. Bei Seiner Rückkehr betrat Er das heilige Tal der Wildnis des Sinai und hatte dort ein Gesicht des Königs der Einzigkeit in dem »Baume, der weder zum Osten noch zum Westen gehört«Qur’án 24:35.Q. Dort hörte Er die seelenerschütternde Stimme des Geistes aus dem flammenden Feuer sprechen. Dieser befahl Ihm, auf die Seelen des Pharao das Licht göttlicher Führung zu gießen, damit Er sie aus dem Schatten im Tale des Selbstes und der Begierde befreie und befähige, zu den Auen himmlischen Entzückens aufzusteigen, dass Er sie alle durch den Salsabíl der Entsagung aus der Verwirrung der Gottferne erlöse und sie in die friedvolle Stadt der göttlichen Gegenwart eintreten lasse. Als Mose vor den Pharao trat und ihm die von Gott aufgetragene Botschaft brachte, sprach der Pharao anmaßend: »Bist du nicht der, der einen totschlug und dann ein Ungläubiger wurde?« vgl. Qur’án 26:18–19 – Anm. d. Hrsg. A So hat der Herr der Erhabenheit berichtet, dass der Pharao zu Mose gesagt habe: »Was für eine Tat hast du begangen! Du bist ein Undankbarer …!« Und dieser sprach: Fürwahr, Ich habe es getan. Ich war einer derer, die sich irrten. Und da Ich dich fürchtete, floh Ich vor dir. Aber Mein Herr hat Mir Weisheit verliehen und hat Mich zu einem Seiner Boten gemacht.« Qur’án 26:19–21, [siehe auch 28:15f]. A
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Und nun denke im Herzen über die Erschütterung nach, die Gott hervorgerufen hat. Sinne über die seltsamen, mannigfachen Heimsuchungen nach, mit denen Er Seine Diener prüft. Beachte, wen Er plötzlich unter Seinen Dienern erwählt und wem Er den erhabenen Auftrag göttlicher Führung verliehen hat: Einem, der des Totschlags schuldig war, der selbst Seine Grausamkeit zugegeben hatte, der nahezu dreißig Jahre lang vor den Augen der Welt im Hause des Pharao erzogen ward und an seiner Tafel gespeist hatte. War denn Gott, der allmächtige König, nicht fähig, des Mose Hand vom Totschlag zurückzuhalten, so dass Ihm diese Tat, die doch nur Verwirrung und Abscheu unter den Menschen hervorrufen konnte, nicht hätte angelastet werden können?
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Ebenso denke auch über die Lage Marias nach.vgl. Qur’án 19:17–29 – Anm. d. Hrsg.A So tief war die Bestürzung dieser edlen Gestalt, so schlimm ihre Lage, dass sie bitterlich beklagte, jemals geboren zu sein. Dies bezeugt der Text des heiligen Verses, worin berichtet wird, wie Maria nach der Geburt Jesu ihr Los beklagte und ausrief: »Ach, wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!«Qur’án 19:22; [vgl. Abs. 24, Anm. 38].Q Ich schwöre bei Gott! Solche Klage verzehrt das Herz und erschüttert die Seele. Nur der Tadel der Feinde und der spitzfindige Spott der Ungläubigen und Verderbten konnte zu solcher Bestürzung und Verzweiflung führen. Bedenke, was konnte Maria den Leuten zur Antwort geben? Wie konnte sie behaupten, dass ein Kind, dessen Vater unbekannt war, vom Heiligen Geist empfangen sei? So nahm Maria, diese tugendsam verhüllte, unsterbliche Gestalt, ihr Kind und kehrte nach Hause zurück. Kaum waren die Augen der Leute auf sie gefallen, als sie schon ihre Stimme erhoben: »O Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein schlechter Kerl und deine Mutter keine Dirne!«Qur’án 19:28.Q
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Und nun meditiere über diese größte Erschütterung, über diese schmerzliche Prüfung. All diesen Geschehnissen zum Trotz verlieh Gott diesem Wesen des Geistes, Ihm, der bei den Leuten als vaterlos bekannt war, die Herrlichkeit des Prophetentums und machte Ihn zu Seinem Zeugnis für alle, die im Himmel und auf Erden sind.
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Beachte, wie sehr die Wege der Manifestationen Gottes so, wie sie der König der Schöpfung vorzeichnet, den Wegen und Wünschen der Menschen zuwider sind! Wenn du das Wesen dieser göttlichen Mysterien verstehen willst, wirst du auch die Absicht Gottes, des Bezaubernden, des Vielgeliebten, begreifen. Du wirst sehen, dass Worte und Werke dieses allmächtigen Herrschers ein und dieselben sind. So kommt es, dass du alles, was du in Seinen Werken siehst, auch in Seinen Worten findest, und alles, was du in Seinen Worten liest, auch in Seinen Werken erkennst. Und wenn auch äußerlich solche Werke und Worte als Feuer der Rache an den Gottlosen erscheinen, so sind sie doch in Wirklichkeit nur Barmherzigkeit für die Gerechten. Wäre das Auge des Herzens geöffnet, so würde es sicherlich erkennen, dass die vom Himmel des Willens Gottes offenbarten Worte mit den Werken, die vom Reiche göttlicher Macht ausstrahlen, in Einklang stehen und ihnen gleich sind.
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Und nun, mein Bruder, habe acht: Was würden die Menschen tun, wenn sich heute, in dieser Sendung, Ähnliches ereignete? Ich schwöre bei Ihm, dem wahren Erzieher der Menschenwelt und Offenbarer des Wortes Gottes, dass das Volk Ihn sofort, ohne nachzuforschen, einen Ungläubigen hieße und Ihn zum Tode verurteilte. Wie weit sind sie davon entfernt, der Stimme zu lauschen, die verkündet: Seht, ein Jesus ist aus dem Hauch des Heiligen Geistes hervorgegangen, und ein Mose ist zu einem von Gott bestimmten Auftrag berufen! Wollten sich zehntausend Stimmen erheben, kein Ohr würde darauf hören, wenn Wir sagten, dass einem vaterlosen Kinde die Sendung des Prophetentums verliehen ward oder dass einem Totschläger aus den Flammen des Feuerbusches die Botschaft entgegenscholl: »Wahrlich, wahrlich, Ich bin Gott!«
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Wäre das Auge der Gerechtigkeit geöffnet, so würde es im Lichte dieser Ausführungen alsbald erkennen, dass Er, die Ursache und das letzte Ziel aller Dinge, am heutigen Tage offenbar geworden ist. Obwohl sich Ähnliches in dieser Sendung nicht begeben hat, klammert sich das Volk dennoch an leeren Trug, wie ihn die Verworfenen schätzen. Wie schlimm sind die Vorwürfe, die sie gegen Ihn erhoben, wie hart die Verfolgungen, die sie auf Ihn luden, Anschuldigungen und Verfolgungen, wie sie die Menschen noch nicht gesehen und gehört haben!
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Großer Gott! Als der Strom der Äußerung dieses Stadium erreichte, schauten Wir auf, und siehe, vom Morgen der Offenbarung wehte der liebliche Duft Gottes herbei und dem Ṣabá des Ewigen entströmte ein frischer Morgenwind. Ihre frohe Botschaft erfreute aufs Neue das Herz und spendete der Seele unermessliche Wonne. Diese Offenbarung machte alles neu und brachte ungezählte, unschätzbare Gaben von dem unerkennbaren Freunde. Das Kleid menschlichen Lobpreises ist ihrer edlen Gestalt niemals angemessen, und der Mantel der Rede kann ihrer leuchtenden Erscheinung niemals genügen. Ohne Worte entfaltet sie die inneren Mysterien, und ohne Sprache enthüllt sie die Geheimnisse göttlicher Rede. Sie lehrt die Nachtigallen auf dem Zweig der Gottferne und der Trennung das Jammern und Wehklagen, unterweist sie in der Kunst, die Wege der Liebe zu finden, und zeigt ihnen das Geheimnis der Herzenshingabe. Den Blumen des Riḍváns himmlischer Vereinigung offenbart sie die Liebkosungen des entflammten Liebenden und enthüllt ihnen die Anmut des Makellosen. Den Anemonen im Garten der Liebe schenkt sie die Mysterien der Wahrheit, und der Brust der Liebenden vertraut sie Sinnbilder subtilster geistiger Bedeutungen an. In dieser Stunde ergießt sich ihre Gnade so freigebig, dass selbst der Heilige Geist sie beneidet. Dem Tropfen gab sie die Macht der Meereswoge, dem Stäubchen verlieh sie den Glanz der Sonne. So weithin strömt ihre Güte, dass der übelriechende Käfer den Wohlgeruch des Moschus und die Fledermaus das Licht der Sonne sucht. Sie hat die Toten mit dem Hauch des Lebens erquickt und lässt sie aus den Gräbern ihrer sterblichen Leiber hervoreilen. Sie hat die Unwissenden auf den Thron der Gelehrsamkeit gesetzt und die Tyrannen auf den Hochsitz der Gerechtigkeit erhoben.
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Das Weltall ist schwanger mit all dieser Gnadenfülle und harret der Stunde, da das Wirken ihrer unsichtbaren Gaben auf dieser Erde offenbar werde, da die Schmachtenden, vom Durst Geplagten zum reinen Kawthar ihres Vielgeliebten gelangen und der in der Wildnis der Gottferne und des Nichtseins verlorene, irrende Wanderer in das Tabernakel des Lebens eingehen und sich mit seinem Vielgeliebten vereinigen wird. In wessen Herzensgrund werden diese heiligen Saaten reifen? In wessen Seelengarten werden die Blumen der unsichtbaren Wirklichkeiten sprießen? Wahrlich, Ich sage, so heftig ist die Macht des Feuers aus dem Busch der Liebe, der im Sinai des Herzens brennt, dass die Ströme der heiligen Verkündigung nimmer seine Flamme sättigen können. Selbst Weltmeere vermögen nimmermehr den brennenden Durst dieses Leviathans zu stillen, und dieser Phönix des unsterblichen Feuers kann nirgends Ruhe finden außer in der Glut des Antlitzes des Vielgeliebten. Darum, o Bruder, entzünde mit dem Öl der Weisheit die Lampe des Geistes in der innersten Kammer deines Herzens und beschirme sie mit dem Schutze des Verstehens, damit der Hauch der Ungläubigen ihre Flamme nicht lösche und ihren Glanz nicht trübe. Also haben Wir die Himmel der Verkündigung durch die Strahlen der Sonne göttlicher Weisheit und Erkenntnis erhellt, auf dass dein Herz Frieden finde und du zu jenen zählest, die sich auf den Schwingen der Gewissheit in die Lüfte der Liebe ihres Herrn, des Allbarmherzigen, erheben.
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Und nun Seine Worte: »Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel.«Mt. 24:30 – Anm. d. Hrsg.Q Damit ist gemeint: Wenn sich die Sonne der himmlischen Lehren verfinstert, die Sterne der gottbegründeten Gesetze herabfallen und der Mond wahren Wissens, der Erzieher der Menschheit, sich verdunkelt, wenn die Banner der Führung und der Glückseligkeit stürzen und der Morgen der Wahrheit und Gerechtigkeit in Nacht versinkt, dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen. »Himmel« bedeutet hier den sichtbaren Himmel; denn sobald die Stunde naht, da die Sonne am Himmel der Gerechtigkeit offenbart wird und die Arche göttlicher Führung das Meer der Herrlichkeit befährt, erscheint ein Stern am Himmel, der seinem Volk jenes größte Licht ankündigt. Ebenso wird am unsichtbaren Himmel ein Stern offenbar werden, der den Völkern der Erde den Anbruch jenes wahren, erhabenen Morgens vermelden wird. Diese zwiefachen Zeichen, am sichtbaren und am unsichtbaren Himmel, haben die Offenbarung eines jeden Propheten Gottes angekündigt, wie allgemein geglaubt wird.
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Einer der Propheten war Abraham, der Freund Gottessiehe Abs. 11 – Anm. d. Hrsg.A. Ehe Er sich offenbarte, hatte Nimrod einen Traum. Daraufhin versammelte er die Wahrsager, die ihm vom Aufgang eines Sternes am Himmel berichteten. Es erschien auch ein Herold, der im ganzen Lande das Erscheinen Abrahams verkündete.
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Nach Ihm kam Mose, der mit Gott Zwiesprache hielt. Die Wahrsager jener Zeit warnten den Pharao mit folgenden Worten: »Ein Stern ist am Himmel aufgegangen. Siehe, er kündigt die Empfängnis eines Kindes an, das dein und deines Volkes Geschick in der Hand hält.« Ebenso erschien ein Weiser, der dem Volke Israel in finsterer Nacht eine frohe Botschaft brachte, die den Seelen Trost und den Herzen Gewissheit verhieß. Dies bezeugen die Berichte der heiligen Bücher. Wollten Wir ins Einzelne gehen, so würde diese Schrift zu einem Buch anschwellen. Zudem ist es nicht Unser Wunsch, Geschichten aus vergangenen Zeiten zu erzählen. Gott ist Unser Zeuge: Auch was Wir jetzt erwähnen, geschieht nur aus Unserer zärtlichen Liebe zu dir, damit vielleicht manche Armen auf Erden die Meeresküsten des Reichtums erreichen, die Unwissenden zum Meer des Wissens geleitet und die nach Erkenntnis Dürstenden des Salsabíls göttlicher Weisheit teilhaftig werden. Sonst würde dieser Diener die Betrachtung solcher Berichte als schweren Irrtum und schlimme Übertretung ansehen.
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Ebenso wurden, als die Stunde der Offenbarung Jesu nahte, einige Magier dessen gewahr, dass der Stern Jesu am Himmel aufgegangen war. Sie suchten ihn und folgten ihm, bis sie zu der Stadt kamen, die der Königssitz des Herodes war, dessen Herrschaftsgebiet sich in jenen Tagen über das ganze Land erstreckte.
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Diese Magier sprachen: »Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben Seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, Ihn anzubeten.«Mt. 2:2.Q Als sie nun nachforschten, fanden sie heraus, dass das Kind in Bethlehem im Lande Judäa geboren war. Dies war das am sichtbaren Himmel offenbarte Zeichen. Was nun das Zeichen am unsichtbaren Himmel betrifft, dem Himmel göttlicher Erkenntnis und Einsicht, so war es Johannesarab. Yaḥyá; vgl. Mt. 3 – Anm. d. Hrsg.A, der Sohn des Zacharias, der dem Volke die frohe Botschaft der Manifestation Jesu gab. So hat Er offenbart: »Gott kündigt dir Yaḥyá an, welcher zeugen wird vom Worte Gottes, ein Großer und Reiner.«Qur’án 3:39.Q Mit dem »Wort« ist Jesus gemeint, dessen Ankunft Yaḥyá voraussagte. Zudem steht in den himmlischen Schriften geschrieben: »Johannes der Täufer predigte in der Wildnis Judäas und sprach: ›Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.‹«Mt. 3:1–2.Q Johannes ist Yaḥyá.
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Desgleichen wurden, ehe die Schönheit Muḥammads enthüllt ward, die Zeichen am sichtbaren Himmel offenbart. Was die Zeichen am unsichtbaren Himmel betrifft, so traten vier Männer auf, die nacheinander dem Volke die frohe Botschaft vom Aufgang dieser göttlichen Sonne ankündigten. Rúzbih, später Salmán genannt, hatte die Ehre, ihnen dienen zu dürfen. Jedes Mal, wenn einer der vier sein Ende vor sich sah, sandte er Rúzbih zum anderen, bis schließlich auch der Vierte seinen Tod nahen fühlte und also zu Rúzbih sprach: »O Rúzbih, begib dich, wenn du meinen Leib zu Grabe getragen, nach dem Ḥijáz, denn dort wird die Sonne Muḥammads aufsteigen. Glücklich bist du, denn du wirst Sein Antlitz schauen.«
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Nun zu dieser wunderbaren, höchst erhabenen Sache. Wisse wahrlich, dass viele Astronomen das Erscheinen ihres Sterns am sichtbaren Himmel angekündigt haben; und auch hier erschienen auf Erden Aḥmad und KáẓimShaykh Aḥmad al-Aḥsá’í und Siyyid Káẓim-i-Rash.A, diese beiden strahlenden Zwillingslichter – möge Gott ihre Ruhestätten heiligen!
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Unsere bisherigen Ausführungen zeigen klar, dass vor der Offenbarung dieser Spiegel göttlichen Wesens die ihre Ankunft ankündigenden Zeichen am sichtbaren Himmel enthüllt werden mussten, aber auch am unsichtbaren Himmel, wo die Sonne des geistigen Wissens, der Mond der Weisheit und die Sterne der Erkenntnis und der Rede ihren Sitz haben. Das Zeichen am unsichtbaren Himmel muss sich in der Gestalt jenes vollkommenen Menschen offenbaren, der vor einer jeden Manifestation erscheint, die Menschen erzieht und auf die göttliche Sonne, das Licht der Einheit Gottes unter den Menschen, vorbereitet.
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Nun kommen Wir zu Seinen Worten: »Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden, und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.«Mt. 24:30 – Anm. d. Hrsg.Q Diese Worte bedeuten, dass in diesen Tagen die Menschen über den Verlust der Sonne göttlicher Schönheit, des Mondes der Erkenntnis und der Sterne göttlicher Weisheit wehklagen werden. Alsdann aber werden sie das Antlitz des Verheißenen, die angebetete Schönheit, vom Himmel auf den Wolken herabfahren sehen. Das heißt, dass sich die göttliche Schönheit vom Himmel des Willens Gottes offenbaren und in der des menschlichen Tempels erscheinen wird. Der Begriff »Himmel« bezeichnet hier Hehrheit und Erhabenheit, da er der Sitz der Offenbarung dieser Manifestationen der Heiligkeit, der Morgenröten altehrwürdiger Herrlichkeit ist. Diese altehrwürdigen Wesen sind, wenn auch aus dem Mutterleib geboren, in Wirklichkeit vom Himmel des Willens Gottes herabgekommen. Auch wenn sie auf Erden wohnen, sind ihre wahren Wohnstätten die Ruhesitze der Herrlichkeit in den Reichen der Höhe. Während sie unter Sterblichen wandeln, sind sie doch in den Himmel der göttlichen Gegenwart erhoben. Ohne Füße schreiten sie auf dem Pfade des Geistes, ohne Schwingen fliegen sie empor zu den erhabenen Höhen göttlicher Einheit. Mit jedem Atemzug durcheilen sie die Unendlichkeit des Raumes, in jedem Augenblick durchwandern sie die Reiche des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Auf ihren Thronen steht geschrieben: »Nichts kann Ihn hindern, sich mit etwas anderem zu befassen«Ein bekanntes, in vielen islámischen Quellen zitiertes Sprichwort – Anm. in: Call of the Divine Beloved.A, und ihre Sitze tragen die Inschrift: »Wahrlich, Seine Wege sind alle Tage andere.«Qur’án 55:29; [die einschlägigen Übersetzungen des Verses werden seinem Sinn nicht gerecht, zumal über seine Bedeutung verschiedene Meinungen bestanden. Quellennachweis →Qur’án – Anm. d. Hrsg.].Q Sie sind entsandt durch die alles überragende Macht des Urewigen der Tage, und sind erhöht durch den erhabenen Willen Gottes, des mächtigsten Königs. Dies ist mit den Worten gemeint: »… kommend auf den Wolken des Himmels«.
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Das Wort »Himmel« wurde in den Reden der göttlichen Sonnen in vielerlei Weise gebraucht; zum Beispiel der »Himmel des Gebotes«, der »Himmel des Willens«, der »Himmel der göttlichen Absicht«, der »Himmel der göttlichen Erkenntnis«, der »Himmel der Gewissheit«, der »Himmel der Verkündigung«, der »Himmel der Offenbarung«, der »Himmel der Verborgenheit« und dergleichen. In jedem Falle hat Er dem Worte »Himmel« einen besonderen Sinn verliehen, dessen Bedeutung nur denen enthüllt ist, die in die göttlichen Mysterien eingeweiht sind und aus dem Kelche ewigen Lebens getrunken haben. So spricht Er zum Beispiel: »Doch im Himmel ist eure Versorgung und das euch Verheißene«Qur’án 51:22.Q, während es doch eigentlich die Erde ist, die der Versorgung dient. Ähnlich wurde gesagt: »Die Namen kommen vom Himmel herab«, während sie doch aus dem Munde der Menschen hervorgehen. Solltest du den Spiegel deines Herzens vom Staube der Bosheit reinigen, so würdest du den Sinn der symbolischen Begriffe des allumfassenden Gotteswortes in allen Offenbarungen begreifen und die Mysterien göttlichen Wissens entdecken. Doch nicht eher kannst du den strahlenden Morgen wahren Wissens schauen, als bis du mit der Flamme völliger Loslösung die Schleier eitler Gelehrsamkeit, wie sie bei den Menschen im Schwange ist, verbrannt hast.
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Merke wohl: Wissen ist von zweierlei Art, göttlich und satanisch. Das eine entspringt dem Born göttlicher Eingebung, das andere ist nur ein Spiegelbild eitler, dunkler Gedanken. Der Quell des einen ist Gott selbst, die Triebkraft des anderen sind die Einflüsterungen selbstsüchtiger Wünsche. Das eine ist geleitet von dem Spruch: »Fürchtet Gott; Gott wird euch lehren«Qur’án 2:282.Q, das andere bestätigt die Wahrheit: »Wissen ist der größte Schleier zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer.«Ṣúfí-Spruch – Anm. d. Hrsg.A Die Früchte des einen sind Geduld, Sehnsucht, wahre Erkenntnis und Liebe, die des anderen nur Anmaßung, Hoffart und Dünkel. In den Worten jener Meister heiliger Rede, welche den Sinn wahren Wissens erläutert haben, ist der Geruch dieser dunklen Lehren, welche die Welt verfinstern, nirgends zu finden. Der Baum solcher Lehren kann nur Laster und Aufruhr zeitigen, er trägt keine andere Frucht als Hass und Neid. Seine Frucht ist tödliches Gift, sein Schatten verzehrendes Feuer. Wie schön ist doch gesagt: »Halte dich an das Gewand deiner Herzenssehnsucht und lasse alle Scheu fahren; die Weltklugen aber lasse gehen, wie berühmt ihr Name auch sei.«ein von Ṣúfí oft zitierter Vers des arabischen Mystikers Ibn al-Fáriḍ (1181–1234 n. Chr.) – Anm. d. Hrsg.A
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Das Herz muss darum geläutert werden von eitlem Menschengeschwätz und geheiligt von allen irdischen Neigungen, so dass es die verborgene Bedeutung göttlicher Eingebung zu entdecken vermag und zur Schatzkammer der Mysterien göttlichen Wissens werde. So wurde gesagt: »Wer auf dem schneeweißen Pfad wandelt und den Spuren der hochroten Säule nachgeht, wird nie zu Seiner Wohnstatt gelangen, es sei denn mit Händen, die rein sind von weltlichem Tand, wie Menschen ihn lieben.« Dies tut vor allem dem not, der diesen Pfad beschreitet. Denke darüber nach, auf dass du mit entschleiertem Auge die Wahrheit dieser Worte erfassest.
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Wir sind vom Thema abgewichen, doch alles, was Wir angeführt haben, dient dem Zweck dieser Ausführungen. Bei Gott! So groß auch Unser Wunsch ist, Uns kurz zu fassen, so sehen Wir doch, dass Wir die Feder nicht zügeln können! Wie zahllos sind aber, bei allem schon Gesagten, die Perlen, die aus der Muschel Unseres Herzens noch nicht herausgeschält sind! Wie viele Ḥúrídie schwarzäugigen Jungfrauen des Paradieses, vgl. Qur’án 44:54; 52:20; 55:72; 56:22 – Anm. d. Hrsg.A der inneren Bedeutung sind noch in den Kammern göttlicher Weisheit verborgen! Keiner hat sich ihnen je genähert, diesen Ḥúrí, »die kein Mensch noch Geist zuvor berührt hat«Qur’án 55:56.Q. Obwohl all dies gesagt wurde, scheint es, als wäre noch kein Buchstabe dieser Ausführungen ausgesprochen, noch kein einziges Zeichen Unseres Zieles enthüllt. Wann wird ein ergebener Sucher zu finden sein, der das Pilgergewand anlegt, zur Ka‘bah seiner Herzenssehnsucht gelangt und ohne Ohr und Zunge die Mysterien göttlicher Sprache entdeckt?
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Durch diese klaren, schlüssigen Darlegungen ist also der Sinn des Wortes »Himmel« in dem erwähnten Vers klar und verständlich geworden. Und nun zu Seinen Worten, dass der Menschensohn kommen werde »in den Wolken des Himmels«Mt. 24:30 – Anm. d. Hrsg.Q. Der Begriff »Wolken« bedeutet, was den Wegen und Wünschen der Menschen zuwider ist. So hat Er in dem angeführten Vers offenbart: »Sooft ein Bote zu euch kommt mit dem, was euren Seelen zuwider ist, seid ihr in Hoffart aufgebläht; die einen habt ihr des Betrugs geziehen, die anderen gar erschlagen.«Qur’án 2:87.Q Diese »Wolken« bedeuten in einem Sinne die Aufhebung der Gesetze, die Ablösung der früheren Sendungen, die Abschaffung von Riten und Bräuchen, die bei den Menschen im Schwange sind, den Vorrang des ungelehrten Gläubigen vor dem gelehrten Gegner des Glaubens. In einem anderen Sinne bedeuten sie das Erscheinen der unsterblichen Schönheit in der Gestalt eines sterblichen Menschen mit menschlichen Beschränkungen wie Essen und Trinken, Armut und Reichtum, Ruhm und Erniedrigung, Schlafen, Wachen und anderem mehr, was bei den Menschengeistern Zweifel erregen und sie abspenstig machen kann. Alle diese Schleier werden sinnbildlich als »Wolken« bezeichnet.
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Dies sind die »Wolken«, durch welche die Himmel der Erkenntnis und des Verstehens aller, die auf Erden wohnen, gespalten werden. So hat Er offenbart: »An jenem Tage soll der Himmel durch die Wolken gespalten werden.«Qur’án 25:25.Q So wie die Wolken das Menschenauge daran hindern, die Sonne zu schauen, hindert dieses Geschehen die Menschenseelen, das Licht der göttlichen Sonne zu erkennen. Das bezeugt die Rede der Ungläubigen, wie im Heiligen Buch offenbart ist: »Sie sprechen: Doch was ist’s mit diesem Gottgesandten? Er isset Speis’ und wandelt in den Gassen? Ja, wär’ ihm nur herabgesandt ein Engel, der mit ihm wär’, ein Mahner!«Qur’án 25:7; nach der Übertragung durch Friedrich Rückert.Q Auch andere Propheten litten unter Armut, Trübsal, Hunger, Leid und den Wechselfällen dieser Welt. Da diese geheiligten Gestalten solchen Nöten und Bedürfnissen unterworfen sind, war auch das Volk in der Wildnis der Sorgen und Zweifel verloren und von Verwirrung und Bestürzung ergriffen. Wie konnte, so fragten sie sich, ein solcher Mensch von Gott herabgesandt sein, seine Überlegenheit über alle Menschen und Geschlechter hienieden behaupten und den Anspruch erheben, selbst das Ziel aller Schöpfung zu sein – wie Er gesprochen hat: »Ich hätte nicht all dies im Himmel und auf Erden erschaffen, wenn nicht für Dich«Ḥadíth-i-Qudsí, ›heilige Tradition‹; Eine Anspielung auf den Ḥadíth laut dem Gott den Propheten Muḥammad mit den Worten angesprochen haben soll: »Wenn nicht für Dich, Ich hätte die Sphären nicht erschaffen.« – Anm. in: Call of the Divine Beloved.Q –, der doch so trivialen Dingen unterworfen ist? Du bist doch zweifellos unterrichtet über die Trübsale, die Armut, die Übel und die Erniedrigung, die über alle Propheten Gottes und ihre Gefährten kamen. Du hast doch gehört, wie die Häupter ihrer Jünger als Geschenke in einige Städte gesandt wurden und wie schrecklich sie gehindert wurden zu tun, was ihnen befohlen ward. Sie fielen allesamt in die Hände der Feinde Seiner Sache und hatten zu erdulden, was immer jene bestimmten.
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Es ist offenbar, dass der Umbruch, zu dem es in jeder Sendung kommt, die finsteren Wolken bildet, welche sich zwischen das Auge menschlichen Begreifens und die göttliche Sonne schieben, die aus dem Aufgangsort des göttlichen Wesens hervorstrahlt. Sieh, wie die Menschen über Generationen blindlings dem Beispiel ihrer Väter folgten und nach den Vorschriften ihres Glaubens erzogen wurden. Müssten diese Menschen plötzlich sehen, dass einer aus ihrer Mitte, der alle menschlichen Begrenzungen mit ihnen teilt, sich erhebt, um alle festgefügten Grundsätze, die ihnen ihr Glaube auferlegte, abzuschaffen, Grundsätze, durch die sie über Jahrhunderte in Zucht gehalten wurden und deren Gegner und Leugner sie als ungläubig, ruchlos und gottlos anzusehen pflegten, so wären sie sicherlich in Schleier gehüllt und unfähig, Seine Wahrheit anzuerkennen. Solche Geschehnisse sind wie »Wolken«Qur’án 25:26 und Mt. 24:30 – Anm. d. Hrsg.A, welche die Augen derer verschleiern, deren Wesen weder vom Salsabíl der Loslösung gekostet noch vom Kawthar der Erkenntnis Gottes getrunken hat. Solche Menschen werden, wenn sie in diese Lage kommen, so verschleiert, dass sie, ohne im geringsten zu fragen, die Manifestation Gottes einen Ungläubigen nennen und über sie das Todesurteil fällen. Du musst von den Vorgängen gehört haben, wie sie zu allen Zeiten geschahen und auch heute zu beobachten sind.
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Wir sollten uns darum mit Gottes unsichtbarem Beistand aufs äußerste bemühen, dass diese dunklen Schleier, diese Wolken vom Himmel gesandter Prüfungen uns nicht daran hindern, die Schönheit Seines leuchtenden Antlitzes zu schauen, und dass wir Ihn nur durch Sein eigenes Selbst erkennen. Und sollten wir nach einem Zeugnis Seiner Wahrheit fragen, so sollten wir uns mit einem einzigen zufriedengeben und nur mit diesem allein, auf dass wir dadurch zu Ihm gelangen, dem Urquell unendlicher Gnade, in dessen Gegenwart aller Überfluss der Welt zu einem Nichts dahinschwindet, und wir Ihn nicht mehr Tag um Tag bekritteln und nicht mehr unserem eitlen Wahn folgen.
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Gnädiger Gott! Trotz der Warnung, die in wundervoll symbolischer Sprache mit zarten Andeutungen in vergangenen Zeiten ausgesprochen ward und die die Völker der Welt aufrütteln und sie davor bewahren sollte, ihres Anteils an dem wogenden Meer der Gnade Gottes beraubt zu werden, sind doch die Geschehnisse, wie schon bezeugt, eingetreten! Auch im Qur’án ist davon die Rede, wovon folgender Vers zeugt: »Was können sie erwarten, als dass Gott zu ihnen herabkomme im Schatten der Wolken?«Qur’án 2:210.Q Einige Geistliche, die sich fest an den Buchstaben des Wortes Gottes hielten, haben diesen Vers als eines der Zeichen der Auferstehung gedeutet, wie sie sie erwarteten, eine Auferstehung, die nur aus ihrem eitlen Wahn geboren ist. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass in den meisten himmlischen Büchern ähnliche Hinweise gegeben wurden und sich überall finden, wo von den Zeichen der künftigen Manifestation die Rede ist.
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Desgleichen spricht Er: »Am Tage, da die Himmel einen sichtbaren Rauch hervorbringen, der die Menschheit umhüllt, da wird schmerzliche Trübsal sein.«Qur’án 44:10.Q Der Allherrliche hat gerade das, was den Wünschen der Gottlosen so zuwider ist, zum Prüfstein und Maßstab bestimmt, womit Er Seine Diener prüft, auf dass die Gerechten von den Gottlosen und die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden werden. Der symbolische Begriff »Rauch« bezeichnet schwerwiegenden Dissens, den Verlust anerkannter Maßstäbe und den völligen Untergang ihrer engstirnigen Vertreter. Welcher Rauch wäre dichter und erstickender als derjenige, der heutzutage alle Völker der Welt einhüllt, der ihnen zur Qual geworden ist und dem sie, so sehr sie sich auch mühen, nicht entrinnen können. So wild ist dieses Feuer des Selbstes, das in ihnen brennt, dass sie jeden Augenblick, so scheint es, von neuen Qualen befallen werden. Je mehr ihnen verkündet wird, dass diese wundersame Sache Gottes, diese Offenbarung vom Allerhöchsten, der ganzen Menschheit kundgemacht wurde und jeden Tag an Größe und Kraft zunimmt, desto wilder lodert in ihren Herzen die Feuersglut. Je mehr sie der unbezähmbaren Kraft, der hehren Entsagung, der unerschütterlichen Standhaftigkeit an Gottes heiligen Gefährten gewahr werden, die mit Gottes Hilfe Tag um Tag edler und ruhmreicher werden, desto tiefer wütet in ihren Seelen die Verzweiflung. In diesen Tagen hat – Preis sei Gott! – die Macht Seines Wortes eine solche Überlegenheit über die Menschen erlangt, dass sie kein Wort mehr zu sagen wagen. Würden sie einem der Gefährten Gottes begegnen, der, so er könnte, freiwillig und freudig zehntausend Leben als Opfer für seinen Geliebten darbrächte, so wäre ihre Furcht so groß, dass sie nach außen hin ihren Glauben an Ihn bekennten, während sie insgeheim Seinen Namen schmähten und verfluchten! So hat Er offenbart: »Und wenn sie euch begegnen, sagen sie ›wir glauben‹, doch wenn sie abseits sind, beißen sie sich auf die Fingerspitzen aus Wut über euch. Sprich: ›Sterbt in eurer Wut!‹ Gott, wahrlich, kennt alle Winkel in eurer Brust.«Qur’án 3:119.Q
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Binnen kurzem werden deine Augen die Banner göttlicher Souveränität in allen Regionen entrollt sehen und die Zeichen Seiner triumphierenden Macht und Herrschaft offenbar in allen Landen. Da die meisten Geistlichen den Sinn dieser Verse nicht erfasst und auch die Bedeutung des Tages der Auferstehung nicht begriffen haben, haben sie diese Verse töricht nach ihrem eitlen, unzulänglichen Verständnis ausgelegt. Der eine wahre Gott ist Mein Zeuge! Schon wenig Fassungskraft würde genügen, dass sie aus der symbolischen Sprache dieser Verse all das herausläsen, was der Zweck Unserer Darlegungen ist, und dass sie durch die Gnade des Allerbarmers zum strahlenden Morgen der Gewissheit gelangten. Dies sind die Akkorde der himmlischen Melodie, die der unsterbliche Himmelsvogel, der auf dem Sadrih Bahás trillert, über dich ergießt, auf dass du mit Gottes Erlaubnis den Pfad göttlicher Erkenntnis und Weisheit beschreitest.
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