Shoghi Effendi | Gott geht vorüber
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Im Zentrum des ersten Zeitabschnitts (1844–1853) steht die edle, jugendliche, unwiderstehliche Gestalt des Báb, unvergleichlich in Seiner Sanftmut, unerschütterlich in Seiner Gelassenheit, unwiderstehlich anziehend in Seiner Rede und ohnegleichen hinsichtlich der dramatischen Ereignisse Seiner kurzen, tragischen Wirkungszeit. Er beginnt mit der Verkündigung Seiner Sendung, gipfelt in Seinem Märtyrertod und endet mit einer wahren Orgie religiösen Gemetzels von widerlicher Abscheulichkeit. Geprägt ist er durch neun Jahre eines wilden, erbarmungslosen Kampfes, dessen Schauplatz ganz Persien war, in dem mehr als zehntausend Helden ihr Leben hingaben, an dem zwei Herrscher der Qájáren-Dynastie und ihre verruchten Minister teilhatten und der von allen Rängen der shí‘itischen Geistlichkeit, vom militärischen Machtapparat des Staates und von der unversöhnlichen Feindseligkeit der Massen unterstützt wurde. Der zweite Zeitabschnitt (1853–1892) bezieht seinen Impuls von der ehrfurchtgebietenden Gestalt Bahá’u’lláhs, überragend in Seiner Heiligkeit, überwältigend in Seiner majestätischen Kraft und Macht, unerreichbar im überirdischen Glanz Seiner Herrlichkeit. Er wird eröffnet durch die ersten Regungen der vom Báb vorausgeschauten Offenbarung in der Seele Bahá’u’lláhs während Seines Aufenthaltes im Síyáh-Chál von Ṭihrán, erfährt seine Fülle in der Verkündigung Seiner Offenbarung an die Könige und geistlichen Führer der Erde und endet mit dem Hinscheiden ihres Urhebers in der Nähe der Gefängnisstadt ‘Akká. Er erstreckt sich über neununddreißig Jahre unablässiger, beispielloser und überwältigender Offenbarung, ist gekennzeichnet durch die Ausbreitung des Glaubens in die Nachbarländer Türkei, Russland, ‘Iráq, Syrien, Ägypten und Indien, und ist ebenfalls gekennzeichnet durch entsprechend verschärfte Feindseligkeit, wie sie in den vereinten Angriffen des Sháhs von Persien und des Sulṭáns der Türkei, der beiden anerkannt mächtigsten Herrscher des Orients, sowie in der Feindschaft der beiden Priesterschaften des shí‘itischen und des sunnítischen Islám zum Ausdruck kommt. Der dritte Zeitabschnitt (1892–1921) dreht sich um die dynamische Persönlichkeit ‘Abdu’l-Bahás, geheimnisvoll in Seinem Wesen, einzig in Seiner Stufe, erstaunlich eindrucksvoll in Seinem liebenswürdigen und zugleich starken Charakter. Er beginnt mit der Verkündigung des Bundes Bahá’u’lláhs durch eine Urkunde, die in der Geschichte aller früheren Religionen keine Parallele hat, erreicht seinen Höhepunkt in der Stadt des Bundes, wo der Mittelpunkt des Bundes die Einzigartigkeit dieses Dokuments und seine weittragenden Auswirkungen ausdrücklich bekräftigt, und endet mit Seinem Hinscheiden und der Beisetzung Seiner sterblichen Hülle am Karmel. Er wird in die Geschichte eingehen als eine fast dreißig Jahre währende Zeit der Verflechtung von Tragödien und Siegen, in der sich zeitweilig das Gestirn des Bundes verfinsterte, dann aber wieder sein Licht über den europäischen Kontinent und das ferne Australien, den Fernen Osten und das nordamerikanische Festland ausstrahlte. Der vierte Zeitabschnitt (1921–1944) wird von den Kräften bewegt, die vom Testament ‘Abdu’l-Bahás ausstrahlten, jener Charta der neuen Weltordnung Bahá’u’lláhs, der Frucht der mystischen Verbindung Dessen, der Urquell des Gesetzes Gottes ist, mit dem Geist Dessen, der Mittler und Ausleger dieses Gesetzes ist. Der Beginn dieses vierten und letzten Zeitabschnitts des ersten Bahá’í-Jahrhunderts fällt zusammen mit der Geburt des Gestaltenden Zeitalters der Bahá’í-Ära und mit der Gründung der Strukturen der Gemeindeordnung des Bahá’í-Glaubens – einer Gemeindeordnung, die zugleich Wegbereiter, Kern und Muster Seiner Weltordnung ist. Dieser Zeitabschnitt, der die ersten dreiundzwanzig Jahre des Gestaltenden Zeitalters umfasst, ist bereits durch den Ausbruch weiterer, anders gearteter Feindseligkeiten gekennzeichnet, die zum einen die Ausbreitung des Glaubens über weitere Gebiete in allen fünf Erdteilen beschleunigen und zum anderen innerhalb seiner Grenzen für etliche Gemeinden die Selbstständigkeit und Anerkennung ihrer Unabhängigkeit zur Folge haben.
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Diese vier Zeitabschnitte sind nicht nur als einzelne, untrennbare Teile eines wunderbaren Ganzen zu verstehen, sondern als fortschreitende Stadien einer einmaligen Entwicklung, die weitreichend, beständig und unaufhaltsam abläuft. Wenn wir das ganze weite Feld überblicken, das das Wirken des hundertjährigen Glaubens vor uns eröffnet, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass uns die Ereignisse in diesen Zeitabschnitten – egal unter welchem Blickwinkel wir die gewaltige Bühne betrachten – ganz klar die Beweise eines allmählichen Reifeprozesses vor Augen führen, einer wohlgeordneten Entwicklung, einer inneren Festigung und äußeren Ausdehnung, sowie einer allmählichen Befreiung von den Fesseln religiöser Orthodoxie und damit einhergehend einer Reduzierung ziviler Behinderungen und Beschränkungen.
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Betrachten wir diese Zeitabschnitte der Bahá’í-Geschichte als Bestandteile eines Ganzen, so nehmen wir wahr, wie eine Kette von Ereignissen wirksam zunächst das Auftreten eines Wegbereiters verkündet, dann die Sendung des Einen, dessen Ankunft dieser Wegbereiter verhieß, dann die Schaffung eines Bundes, gezeugt aus der unmittelbaren Autorität des Verheißenen selbst, und schließlich die Geburt eines Systems, das ein Kind des Stifters des Bundes wie auch Seines berufenen Mittelpunktes ist. Wir sehen, wie der Báb, der Wegbereiter, den nahen Anfang einer gottgegebenen Ordnung ankündigt, wie Bahá’u’lláh, der Verheißene, ihre Gesetze und Gebote niederlegt, wie ‘Abdu’l-Bahá, der berufene Mittelpunkt, ihre Merkmale umreißt und wie die heutige Generation der Gläubigen begonnen hat, das Rahmenwerk für ihre Institutionen aufzubauen. In allen Zeitabschnitten beobachten wir, wie sich das junge Licht des Glaubens von seiner Wiege aus verbreitet, ostwärts nach Indien und dem Fernen Osten, westwärts in die benachbarten Gebiete des ‘Iráq, der Türkei, Russlands und Ägyptens, seinen Weg bis zum nordamerikanischen Kontinent nimmt, darauf Schritt für Schritt die größeren Länder Europas erleuchtet, später seinen Glanz über Australien und Neuseeland ergießt, den Rand der Arktis erhellt und schließlich in Mittel- und Südamerika den Horizont erglühen lässt. Dementsprechend stellen wir bei den Gläubigen eine zunehmende Vielfalt fest: Im ersten Zeitabschnitt seiner Geschichte auf eine unbedeutende Gruppe von Gläubigen beschränkt, die ihren Zulauf hauptsächlich aus der Masse der shí‘itischen Perser erhielt, erweiterte sich der Glaube zu einer Vereinigung, deren Mitglieder aus den führenden Religionen der Welt kommen und Menschen fast jeder Hautfarbe und gesellschaftlichen Klasse umfasst, vom einfachen Handwerker und Bauern bis zum Königsadel. Eine ähnliche Entwicklung stellen wir in der Verbreitung seiner Literatur fest: Anfangs begrenzt auf eilig abgeschriebene, oft fehlerhafte, heimlich in Umlauf gebrachte Manuskripte, die verstohlen gelesen, häufig wieder verloren, zuweilen sogar von den verschreckten Mitgliedern der verbotenen Sekte aufgegessen wurden, wuchs sie innerhalb eines Jahrhunderts auf unzählige Ausgaben an und umfasst Zehntausende gedruckter Bände in verschiedenen Schriftsystemen und in nicht weniger als vierzig Sprachen, teilweise in kunstvollen Ausgaben oder reich illustriert; durch den Einsatz weltweiter, sorgfältig zusammengesetzter und zweckmäßig organisierter Ausschüsse und Räte wird diese Literatur systematisch und eifrig verbreitet. Auf dem Gebiet ihrer Lehren sehen wir eine nicht weniger auffällige Entwicklung: Anfangs absichtlich starr, komplex und streng, wurden sie in der folgenden Offenbarung umgeformt, erweitert und liberalisiert, später von einem berufenen Interpreten erläutert, bestätigt und bereichert, und schließlich systematisiert und auf die einzelnen Menschen wie auf Institutionen allgemein zur Anwendung gebracht. An der Art des Widerstands, auf den der Glaube stößt, können wir eine nicht minder deutliche Abstufung erkennen: Zunächst wurde der Widerstand inmitten des shí‘itischen Islám entfacht; später gewann er an Stoßkraft durch die Verbannung Bahá’u’lláhs auf das Gebiet des türkischen Sulṭáns und die daraus resultierende Feindschaft der noch mächtigeren sunnítischen Hierarchie und ihres Kalifen, des Oberhaupts der großen Mehrheit der islámischen Gläubigen; und nun, beim Auftauchen dieser gottgegebenen Ordnung im christlichen Westen und bei ihrem schon spürbaren Einfluss auf zivile und geistliche Institutionen, beginnt dieser Widerstand neben den Vertretern früherer und heutiger Regierungen und Systeme auch die tief verwurzelten geistlichen Hierarchien des Christentums zu erfassen. Doch durch den Schleier der wachsenden Feindseligkeit können wir auch den Fortschritt erkennen, den manche Gemeinden im Rahmen ihrer Möglichkeiten schmerzvoll, aber stetig durch die Phasen der Verborgenheit, des Verbots, der Befreiung und Anerkennung erzielten – Phasen, die im Laufe von Jahrhunderten zwangsläufig in der Durchsetzung des Glaubens gipfeln werden; eines Glaubens, der in der Fülle seiner Kraft und Autorität das weltumspannende Bahá’í-Gemeinwesen begründen wird. Ein nicht minder nennenswerter Fortschritt lässt sich beim Aufstieg seiner Institutionen feststellen, seien es Verwaltungszentren oder Andachtsstätten – Institutionen, die anfangs verborgen im Untergrund existierten, nun unmerklich ins Tageslicht der öffentlichen Anerkennung rücken, gesetzlichen Schutz genießen, durch fromme Stiftungen reich bedacht werden und die ihre erste Krönung im Bau des Mashriqu’l-Adhkár in ‘Ishqábád, des ersten Bahá’í-Hauses der Andacht, finden; in jüngerer Zeit machten sie sich unsterblich durch die Errichtung des Muttertempels des Westens im Herzen Nordamerikas, dem Wegbereiter einer göttlichen, allmählich reifenden Kultur und Zivilisation. Und schließlich können wir eine deutliche Besserung bei den Bedingungen der Pilgerfahrt feststellen, die die ergebenen Gläubigen zu den geheiligten Schreinen am Weltzentrum des Glaubens unternehmen. Beschränkte sich die Pilgerfahrt anfangs auf eine paar erschöpfte orientalische Gläubige, die die mühsame, gefahrvolle und endlos lange Reise häufig zu Fuß unternahmen und manchmal auch scheiterten, so wurden bei stetig sich bessernden Verhältnissen und zunehmender Sicherheit und Bequemlichkeit allmählich immer mehr neu zum Glauben Bekehrte aus allen Himmelsrichtungen angezogen, bis zu dem Höhepunkt des öffentlich bekannt gewordenen, dann aber traurigerweise vereitelten Besuchs einer edlen Königin, die, wie sie schrieb, vor den Toren der Stadt, nach der ihr Herz sich verzehrte, gezwungen wurde, umzukehren und einem so kostbaren Vorrecht zu entraten.
ERSTER ZEITABSCHNITTDie Zeit des Báb: 1844–1853Kapitel 1Die Geburt der Bábí-Offenbarung
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Der 23. Mai 1844 markiert den Beginn des bewegtesten Abschnitts des Heroischen Zeitalters der Bahá’í-Ära. Dieses Zeitalter leitet die ruhmreichste Epoche in dem größten Zyklus ein, den die Geistesgeschichte der Menschheit bisher kennt. Nur neun kurze Jahre währte dieser überaus spektakuläre, tragische und ereignisreiche Abschnitt des ersten Bahá’í-Jahrhunderts. An seinem Beginn stand die Geburt einer Offenbarung, deren Überbringer die Nachwelt als den »Punkt, um den die Wirklichkeiten der Propheten und Sendboten kreisen«Bahá’u’lláh, auch zitiert in: Shoghi Effendi, Der verheißene Tag ist gekommen 169, S. 109 – Anm. d. Hrsg.Q verherrlichen wird, und er wurde beendet durch die ersten Regungen einer noch machtvolleren Offenbarung, deren Tag, wie Bahá’u’lláh bezeugt, »jeder Prophet angekündigt hat«, nach der »die Seele jedes Gottesgesandten gedürstet hat« und durch die »Gott die Herzen der ganzen Schar Seiner Boten und Propheten geprüft hat«Bahá’u’lláh, auch zitiert in: Shoghi Effendi, Der verheißene Tag ist gekommen 18, S. 30–31 – Anm. d. Hrsg.Q. Kein Wunder, dass der unsterbliche ChronistMuḥammad-i-Zarandí, der Verfasser von Nabíls Bericht – Anm. d. Hrsg.A der Ereignisse um Geburt und Aufstieg der Bahá’í-Offenbarung es für richtig hielt, nicht weniger als die Hälfte seines bewegenden Berichts auf die Geschehnisse zu verwenden, die in so kurzer Zeit mit ihrer Tragik und ihrem Heldentum die religiösen Annalen der Menschheit so großartig bereicherten. Unter den religiösen Erfahrungen der Menschheit stehen diese neun Jahre wohl einzigartig da in ihrer dramatischen Wucht, der atemraubenden Geschwindigkeit, mit der Ereignisse von großer Tragweite aufeinander folgten, angesichts der Massenvernichtung mit der sie aus der Taufe gehoben wurden, und den wundersamen Umständen des Märtyrertodes Dessen, der sie einleitete, mit den gewaltigen Möglichkeiten, mit denen sie von Anfang an so reich belehnt waren, und den Kräften, die sie schließlich auslösten. Wenn wir zurückblicken auf die Ereignisse dieses ersten Aktes des erhabenen Dramas, sehen wir die Gestalt seines Haupthelden, des Báb, wie sie einem Meteor gleich am Horizont von Shíráz aufsteigt und von Süd nach Nord den düsteren Himmel Persiens überquert, wie seine Bahn sich mit tragischer Schnelle neigt und er in einem Ausbruch strahlenden Glanzes verglüht. Wir sehen Seine Trabanten, eine Sternenwolke gotttrunkener Helden, sich am selben Horizont erheben, die gleiche Lichtglut verbreiten, sich mit ebensolcher Schnelligkeit verzehren und damit ihrerseits die stetig wachsende Schwungkraft des aufkeimenden Gottesglaubens stärken.
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Den ersten Anstoß zu einer so unermesslichen Bewegung gab der verheißene Qá’imEr, der sich erhebt.A, der Ṣáḥibu’z-Zamánder Herr des Zeitalters.A, der das Ihm allein zustehende Recht beanspruchte, die gesamte qur’ánische Sendung aufzuheben, der Sich als »den Ersten Punkt« bezeichnete, »daraus alles Erschaffene gezeugt ward«, als »das Antlitz Gottes, dessen Glanz sich nie verdunkeln lässt, das Licht Gottes, dessen Strahlen nie verblassen kann«Báb, Brief an Muḥammad Sháh, in: Eine Auswahl aus Seinen Schriften 1:4:4 – Anm. d. Hrsg.Q. Das Volk, unter dem Er auftrat, war das heruntergekommenste Geschlecht der zivilisierten Welt, völlig ungebildet, wild, grausam, von Vorurteilen durchdrungen und von kriecherischer Unterwürfigkeit gegenüber einer vergötterten Priesterherrschaft, in seiner Verwerflichkeit erinnernd an die Israeliten in Ägypten zur Zeit Mose, in seinem Fanatismus an die Juden zur Zeit Jesu und in seiner Pervertiertheit an die arabischen Götzenanbeter in den Tagen Muḥammads. Der Erzfeind, der den Báb zurückwies, Seine Autorität in Frage stellte, Seine Sache verfolgte und Sein Licht fast erstickt hätte, schließlich aber unter der Wucht Seiner Offenbarung zerfiel, war der shí‘itische Klerus. Von wildem Fanatismus getrieben, unsäglich korrupt und mit grenzenlosem Einfluss auf die Massen, war er eifersüchtig darauf bedacht, seine Stellung zu erhalten, und zeigte sich allen liberalen Ideen gegenüber völlig unversöhnlich. Tausend Jahre lang hatten die Angehörigen dieser Priesterkaste den Namen des Verborgenen Imáms angerufen, hatten Sein Kommen mit glühenden Herzen erwartet, hatten auf ihren Kanzeln Sein weltumspannendes Reich gepriesen und immer noch murmelten sie unablässig fromme Gebete, dass sich Sein Kommen beschleunigen möge. Die Herrscher der Qájárendynastie machten sich zu ihren willigen Werkzeugen, die ihr hohes Amt dazu missbrauchten, die Pläne der Feinde auszuführen: zunächst der fanatische, schwächliche und wankelmütige Muḥammad Sháh, der im letzten Augenblick den bevorstehenden Besuch des Báb in der Hauptstadt absagte, und nach ihm der jugendliche und unerfahrene Náṣiri’d-Dín Sháh, der bereitwillig das Todesurteil über seinen hohen Gefangenen bestätigte. Die Erzschurken, die mit den Haupturhebern dieser gefährlichen Verschwörung zusammenarbeiteten, waren die beiden Großwesire Ḥájí Mírzá Áqásí, der vergötterte Erzieher von Muḥammad Sháh, ein vulgärer, verschlagener und launischer Ränkeschmied, der den Báb in die Gebirgsfestungen nach Ádhirbáyján verbannte, und Mírzá Taqí Khán, der despotische, blutdürstige und rücksichtslose Amír Niẓám, der den Tod des Báb in Tabríz verfügte. Ihr Komplize bei diesen und anderen abscheulichen Verbrechen war eine Regierung, die von einer Schar eitler, schmarotzender Höflinge und Gouverneure gestützt wurde, die korrupt, unfähig und zäh an ihren zu Unrecht erlangten Privilegien festhielt und einer offenkundig verkommenen Geistlichkeit völlig hörig war. Die Helden, deren Taten aus dem Bericht über diesen leidenschaftlichen geistigen Kampf hervorleuchten, der gleichermaßen Volk und Geistlichkeit, Herrscher und Regierung einbezog, waren die erwählten Jünger des Báb, die »Buchstaben des Lebendigen« mit ihren Gefährten, die Pioniere des Neuen Tages. Gegen so viel Hinterlist, Unwissenheit, Verderbtheit, Aberglauben und Feigheit setzten sie einen erhabenen, unauslöschlichen, ehrfurchtgebietenden Geist, ein erstaunlich tiefes Wissen, Beredsamkeit von hinreißender Kraft, Religiosität von unübertroffener Innigkeit, löwenhaft entschlossenen Mut, heilige, reine Selbstverleugnung, felsenfeste Entschlossenheit, eine erstaunlich umfangreiche Vision, eine für ihre Gegner verwirrende Verehrung des Propheten und Seiner Imáme, eine für ihre Widersacher beängstigende Überzeugungskraft, sowie ein Glaubensmaß und einen Verhaltenskodex, der das Leben ihrer Landsleute herausforderte und von Grund auf umgestaltete.
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Der Auftakt zur ersten Szene des großen Dramas spielte sich am 22. Mai 1844 in der Stunde vor Sonnenuntergang im oberen Gemach der bescheidenen, in einem unbedeutenden Winkel der Stadt gelegenen Wohnung eines Kaufmannssohnes in Shíráz ab. Die daran Beteiligten waren der Báb, ein fünfundzwanzig Jahre alter Siyyid von reiner, heiliger Abstammung, und der junge Mullá Ḥusayn, der erste, der an Ihn glauben sollte. Ihr Zusammentreffen unmittelbar vor dem Gespräch schien ganz zufällig. Die Unterredung selbst dauerte bis zur Morgendämmerung. Der Gastgeber blieb mit Seinem Gast ganz allein und die schlafende Stadt ahnte nicht das Geringste von der Bedeutung ihres Gesprächs. Außer dem bruchstückhaften, aber höchst aufschlussreichen Bericht aus dem Munde Mullá Ḥusayns ist der Nachwelt keine Schilderung dieser einzigartigen Nacht überliefert.
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»Ich saß da, von Seinen Worten ganz gebannt, und hatte die Zeit und die, die auf mich warteten, vergessen«, berichtete er, nachdem er die Art seiner Fragen an den Gastgeber beschrieben hatte und Dessen schlüssige Antworten – Antworten, die an der Gültigkeit Seines Anspruchs, der verheißene Qá’im zu sein, nicht den leisesten Zweifel ließen. »Plötzlich riss mich der Ruf des Mu’adhdhins, der die Gläubigen zum Morgengebet rief, aus der Verzückung, in die ich offenbar geraten war. Mir war, als hätte ich alle Wonnen, alle unbeschreiblichen, dem Volk des Paradieses vom Allmächtigen in Seinem Buch als unschätzbarer Besitz verheißenen Herrlichkeiten in dieser Nacht gekostet und mich an einem Ort befunden, von dem mit Recht gesagt wird: ›Dort wird uns keine Plage widerfahren und keine Müdigkeit überkommen‹; ›keine eitle Rede wird da zu hören sein und kein falsches Wort, nichts als der Ruf: »Friede! Friede!«‹; ›darinnen werden sie rufen »Ruhm sei Dir, o Gott« und ihr Gruß wird »Friede!« lauten und mit »Preis sei Gott, dem Herrn aller Geschöpfe!« wird ihr Ruf enden.‹Qur’án 35:35, 56:25–26, 10:10 – Anm. d. Hrsg.Q Der Schlaf floh mich in dieser Nacht. Ich war gebannt von der Melodie der Stimme, die sich im Gesang hob und senkte – jetzt, da Er die Verse des Qayyúmu’l-Asmá’ offenbarte, mächtig anschwellend, dann wieder, beim Singen Seiner offenbarten Gebete, in ätherischen, zarten Harmonien erklingend. Am Schluss jeder Anrufung wiederholte Er den Vers: ›Fern sei der Herrlichkeit deines Herrn, des Allherrlichen, was Seine Geschöpfe von Ihm behaupten! Friede sei mit Seinen Gesandten! Gelobt sei Gott, der Herr allen Seins!‹Qur’án 37:180–182 – Anm. d. Hrsg.Q«Mullá Ḥusayn, berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 3:15–16, Bd. 1, S. 92–93 – Anm. d. Hrsg.Q
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»Diese Offenbarung«, berichtet Mullá Ḥusayn weiter, »die so plötzlich und ungestüm über mich hereinbrach, war wie ein Gewittersturm und machte mich völlig benommen. Ich war geblendet von ihrem strahlenden Glanz und überwältigt von ihrer gewaltigen Macht. Erregung, Freude, Ehrfurcht und Staunen wühlten mich in tiefster Seele auf. Doch vorherrschend unter diesen Gemütsregungen war ein Gefühl des Glücks und der Stärke; ich war wie verwandelt. Wie schwach und unfähig, wie niedergeschlagen und furchtsam hatte ich mich zuvor gefühlt! Ich hätte weder schreiben noch gehen können, so hatten mir Hände und Füße gezittert. Nun aber hatte das Wissen um Seine Offenbarung mein ganzes Wesen elektrisiert. Ich fühlte mich von solchem Mut und solcher Kraft durchdrungen, dass ich dem Ansturm der Welt und all ihrer Völker und Herrscher, wenn sie sich gegen mich erhoben hätten, ganz allein und unerschrocken standgehalten hätte. Das Weltall erschien mir wie eine Handvoll Staub in meinem Griff. Ich kam mir vor wie die Verkörperung der Stimme Gabriels, die der Menschheit zuruft: ›Wachet auf! Denn seht, das Morgenlicht ist angebrochen! Erhebt euch, denn Seine Sache ist kundgetan! Das Tor Seiner Gnade ist weit geöffnet! Tretet ein, o Völker der Erde, denn Er, der euch Verheißene, ist da!‹«Mullá Ḥusayn, berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 3:18, Bd. 1, S. 94–95 – neu übersetzt – Anm. d. Hrsg.Q
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Die Lektüre des »ersten, größten und machtvollsten«Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Íqán 258 – Anm. d. Hrsg.Q aller Bücher der Bábí-Sendung, des berühmten Kommentars zur Súrah Yúsif, dessen erstes Kapitel, wie uns versichert wird, in dieser Nacht der Nächte gänzlich der Feder des göttlichen Offenbarers entströmte, lässt dieses Geschehen – die Verkündigung der Sendung des Báb – in noch bedeutenderem Licht erscheinen. Die Schilderung der Ereignisse durch Mullá Ḥusayn sowie die ersten Seiten dieses Buches bestätigen Ausmaß und Kraft dieser gewaltigen Verkündigung. Der Anspruch, nichts geringeres als das von den Propheten vergangener Zeiten verheißene Sprachrohr Gottes zu sein; die Aussage, Er sei zugleich der Herold eines unermesslich Größeren als Er selbst; Sein unüberhörbarer Aufruf an die Könige und Fürsten der Erde; Seine düsteren Warnungen an Muḥammad Sháh, der höchsten Instanz des Reiches; Sein Rat an Ḥájí Mírzá Áqásí, Gott zu fürchten, zusammen mit dem gebieterischen Befehl, von seinem Amt als Großwesir des Sháhs zurückzutreten und sich ganz dem »Erben der Erde und allem, was darin ist«vgl. Qur’án 6:165, 27:62, – Anm. d. Hrsg.Q, zu unterwerfen; Sein Aufruf an die Herrscher der Welt, in dem Er die Unabhängigkeit Seiner göttlichen Sache verkündet, die Nichtigkeit ihrer vergänglichen Macht herausstellt und sie auffordert, »allesamt ihre Herrschaft niederzulegen«Báb, Qayyúmu’l-Asmá’, Kap. 1, in: Eine Auswahl aus Seinen Schriften 2:1:2 – Anm. d. Hrsg.Q und Seine Botschaft in »Länder des Ostens wie des Westens«Báb, Qayyúmu’l-Asmá’, Kap. 1, in: Eine Auswahl aus Seinen Schriften 2:3:4 – Anm. d. Hrsg.Q zu tragen – dies sind die Hauptmerkmale des ersten Zusammentreffens, das die Geburt und den Beginn der ruhmreichsten Ära im Geistesleben der Menschheit kennzeichnen.
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Mit dieser historischen Verkündigung war ein Zeitalter angebrochen, das die Vollendung aller Zeitalter ist. Der erste Impuls dieser gewaltigen Offenbarung wurde demjenigen übermittelt, von dem es im Kitáb-i-Íqán heißt: »Nur für ihn hat Gott den Sitz Seiner Barmherzigkeit errichtet und sich auf den Thron ewiger Herrlichkeit gesetzt.«Bahá’u’lláh, Kiktáb-i-Íqán 248 – Anm. d. Hrsg.Q Doch erst vierzig Tage später begann die Annahme der übrigen siebzehn Buchstaben des Lebendigen. Einer nach dem anderen erkannten sie das Ziel ihrer Sehnsucht, einige im Schlaf, andere im Wachzustand, einige durch Gebet und Fasten, andere in Träumen und Visionen, und alle reihten sich unter das Banner des neugeborenen Glaubens ein. Der letzte, dem Rang nach aber der erste dieser auf der verwahrten Tafel verzeichneten Buchstaben war der gebildete zweiundzwanzigjährige Quddús, ein direkter Nachfahre des Imám Ḥasan und der angesehenste Schüler Siyyid Káẓims. Als einzige ihres Geschlechts wurde unmittelbar vor ihm eine Frau, die anders als ihre Mitjünger den Báb nie persönlich traf, mit dem Rang eines Apostels dieser neuen Sendung bekleidet. Eine Dichterin aus vornehmem Hause, kaum dreißig Jahre alt, von betörendem Zauber, bezwingender Beredsamkeit, unbeugsamem Geist, unkonventionell in ihren Ansichten, kühn im Handeln, von der »Zunge der Herrlichkeit«vgl. Báb, zitiert in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 3:38, 16:14 (Bd. 1, S. 118, Bd. 2, S. 323); Bahá’u’lláh, Tabernakel der Einheit 2:13 – Anm. d. Hrsg.ATitel Bahá’u’lláhs – Anm. d. Hrsg.A als »Ṭáhirih«die Reine [vgl. Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 16:14, Bd. 2, S. 323 – Anm. d. Hrsg.].A unsterblich gemacht und von ihrem Lehrer Siyyid Káẓim als ›Qurratu’l-‘AynTrost der Augen.A bezeichnet, hatte sie den Báb im Traum gesehen und damit den ersten Hinweis auf die Sache Gottes erhalten, die sie zu den höchsten Höhen des Ruhmes erheben sollte und der sie durch ihr kühnes Heldentum so unvergänglichen Glanz verlieh.
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Diese »Buchstaben, die aus dem Ersten Punkt gezeugt wurden«, diese »am Tag Seines Kommens vor Gott stehende Engelschar«, diese »Schatzkammern Seines Geheimnisses« und »Wasser aus dem Quell Seiner Offenbarung«Báb, berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 3:49, Bd. 1, S. 125–127 – Anm. d. Hrsg.Q, diese ersten Gefährten, die sich nach den Worten des Persischen Bayán »größter Gottesnähe erfreuen«, diese »Leuchten, die sich seit Ewigkeit und bis in alle Ewigkeit vor dem Himmelsthron verneigen«Báb, Bayán-i-Fársí, 1:2 – Anm. d. Hrsg.Q, die »Ältesten«, von denen es in der Offenbarung des Johannes heißt, dass sie »vor Gott auf ihren Thronen sitzen«Offb. 11:16 – Anm. d. Hrsg.Q, »mit weißen Kleidern angetan« und »goldenen Kronen«Offb. 4:4 – Anm. d. Hrsg.Q auf ihren Häuptern – sie alle ließ der Báb zu sich kommen, bevor sie sich in alle Lande zerstreuten und übertrug in Seinen Abschiedsworten jedem eine besondere Aufgabe, wobei Er einigen von ihnen ihre jeweilige Heimatprovinz als passendes Arbeitsfeld zuwies. Er legte ihnen größte Vorsicht und Mäßigung in ihrem Verhalten ans Herz, stellte ihnen ihren erhabenen Rang vor Augen und betonte ihre große Verantwortung. Er erinnerte sie an die Worte Jesu an Seine Jünger und unterstrich die alles überragende Größe des Neuen Tages. Er warnte sie davor, sich abzuwenden und so das Reich Gottes aufzugeben, und versicherte ihnen, dass Gott sie, wenn sie Seine Gebote befolgten, zu Seinen Erben und zu geistigen Führern unter den Menschen machen werde. Er deutete das Geheimnis eines noch mächtigeren Tages an, kündigte dessen Kommen an und ermahnte sie, sich darauf vorzubereiten. Er erinnerte an die Triumphe Abrahams über Nimrod, Mose über Pharao, Jesu über das Volk der Juden und Muḥammads über die arabischen Stämme und versicherte ihnen den letztlich unausweichlichen Aufstieg Seiner eigenen Offenbarung. Mit einer Aufgabe besonderer Art und größter Tragweite betraute Er Mullá Ḥusayn. Er bekräftigte, dass Er mit ihm einen Bund geschlossen habe, mahnte ihn zur Geduld gegenüber den Geistlichen, denen er begegne, wies ihn an, nach Ṭihrán zu gehen und sprach in glühenden Worten über das bislang noch nicht enthüllte Geheimnis, das diese Stadt berge – ein Geheimnis, das, wie Er versicherte, sowohl das Licht aus Ḥijáz wie das aus Shíráz überstrahlen werde.
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Durch das ihnen aufgetragene Mandat zur Tat entflammt und auf dem Weg zu ihrem gefahrvollen und revolutionären Werk, zogen diese nachgeordneten Leuchten, die zusammen mit dem Báb das Erste VáḥidEinheit.A der Sendung des Bayán bilden, quer durch alle Provinzen ihres Heimatlandes, widerstanden mit unvergleichlichem Heldenmut dem wilden, vereinten Ansturm der gegen sie aufgestellten Kräfte, machten durch ihre Heldentaten und die ihrer Mitgläubigen ihren Glauben unsterblich und verursachten damit einen Aufruhr, der ihr Land erschütterte und dessen Echo noch in den Hauptstädten Westeuropas zu vernehmen war.
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Sobald der Báb von Mullá Ḥusayn, Seinem vertrauten und geliebten Gefährten, das sehnlich erwartete Schreiben erhalten hatte, das Ihm die frohe Nachricht seines Zusammentreffens mit Bahá’u’lláh brachte, entschloss Er sich, Seine lange und anstrengende Pilgerfahrt zu den Gräbern Seiner Ahnen anzutreten. Er, der von Vater- wie von Mutterseite ein Nachfahre der berühmten Fáṭimih und des Imám Ḥusayn, des bedeutendsten rechtmäßigen Nachfolgers des Propheten des Islám, war, machte sich im Monat Sha‘bán des Jahres 1260 d. H. (September 1844) nach islámischem Brauch auf den Weg zu einem Besuch der Ka‘bah. Am 19. Ramaḍán (Oktober 1844) schiffte Er sich mit Quddús, den Er gewissenhaft auf seine künftige Aufgabe vorbereitete, in shihr auf einem Segelschiff ein. Nach einer stürmischen Überfahrt von mehr als einem Monat Dauer ging Er in Jaddih an Land, legte das Pilgergewand an und reiste auf einem Kamel weiter nach Mekka, wo Er am ersten Dhi’l-Ḥajjih (12. Dezember) eintraf. Quddús begleitete seinen Meister, die Zügel in der Hand haltend, zu Fuß zum Heiligtum. Den ganzen Tag ‘Árafih verbrachte der Pilger und Prophet aus Shíráz im Gebet, wie Sein Chronist berichtet, und begab sich am Tag Nahr nach Muná, wo Er nach altem Brauch neunzehn Lämmer opferte, neun in Seinem eigenen Namen, sieben in dem von Quddús und drei im Namen des äthiopischen Dieners, der Ihn begleitete. Danach umschritt Er gemeinsam mit den anderen Pilgern die Ka‘bah und vollzog die für die Pilgerfahrt vorgeschriebenen Riten.
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Zwei Ereignisse von besonderer Bedeutung prägten Seinen Besuch in Ḥijáz. Das erste war die Verkündigung Seiner Sendung und Seine offene Herausforderung des stolzen Mírzá Muḥíṭ-i-Kirmání, eines der bedeutendsten Vertreter der Shaykhí-Schule, der zuweilen so weit ging, dass er seine Unabhängigkeit von der Führung der Shaykhí-Schule erklärte, die nach dem Tode Siyyid Káẓims von Ḥájí Muḥammad-Karím Khán, einem gefürchteten Gegner des Bábí-Glaubens, übernommen wurde. Das zweite war die Einladung an den Sharíf von Mekka in Form eines von Quddús überbrachten Sendbriefs, in dem der Hüter des Hauses Gottes aufgefordert wurde, die Wahrheit der neuen Offenbarung anzunehmen. Der Sharíf, voll beschäftigt mit seinen eigenen Angelegenheiten, reagierte nicht darauf. Als er sieben Jahre später in einem Gespräch mit einem gewissen Ḥájí Níyáz-i-Baghdádí von der Sendung und den Umständen des Märtyrertodes des Propheten aus Shíráz erfuhr, hörte er sich die Schilderung der Ereignisse aufmerksam an und äußerste seine Entrüstung über Dessen tragisches Schicksal.
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Mit dem Besuch in Medina beendete der Báb Seine Pilgerfahrt. Über Jaddih kehrte Er nach shihr zurück, wo Er sich gleich darauf von Seinem Reisegefährten und Jünger für immer verabschiedete. Mit auf den Weg gab Er ihm die Gewissheit, dass er dem Geliebten ihrer Herzen begegnen werde. Zudem kündigte Er ihm an, dass er die Krone des Märtyrertodes empfangen werde und dass später auch Er, der Báb, durch die Hand ihres gemeinsamen Feindes ein ähnliches Schicksal erleiden werde.
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Die Heimkehr des BábṢafar 1261; [9.] Februar – [10.] März 1845.A war das Signal für einen Aufruhr, der das ganze Land erschütterte. Das Feuer, das die Verkündigung Seiner Sendung entzündet hatte, wurde durch die Reisen und das Wirken Seiner erwählten Jünger voll entflammt. In weniger als zwei Jahren hatte es die Leidenschaft der Freunde und der Feinde geweckt. Der Brand brach aus, noch ehe Der, der ihn hervorgerufen hatte, in Seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Eine so dramatisch auf einen derart heruntergekommenen, leicht erzürnbaren Menschenschlag stoßende Offenbarung musste in der Tat in den Gemütern die heftigsten Regungen von Furcht, Hass, Wut und Neid hervorrufen. Ein Glaube, dessen Stifter sich nicht damit begnügte, das Tor zum Verborgenen Imám zu sein, der beanspruchte einen Rang einzunehmen, der sogar den des Ṣáḥibu’z-Zamán übertrifft, der sich als den Vorläufer eines noch unvergleichlich Größeren als Er selbst ansah, der nicht nur den Untertanen des Sháhs, sondern dem Herrscher selbst, ja allen Königen und Fürsten der Erde kategorisch befahl, allem zu entsagen und Ihm zu folgen, der beanspruchte, der Erbe der Erde mit allem darinnen zu sein; ein Glaube, der mit seinen religiösen Lehren, ethischen Normen, gesellschaftlichen Regeln und geistigen Gesetzen das gesamte Gefüge der Gesellschaft, in der er entstanden war, in Frage stellte und die Masse des Volkes alsbald in verblüffender Geschlossenheit auf die Seite ihrer Priester und ihres Herrschers samt seinen Ministern und seiner Regierung trieb und daraus eine Opposition formte, die sich dazu verschworen hatte, diese von Einem in ihren Augen pietätlosen und anmaßenden Heuchler gegründete Bewegung mit Stumpf und Stiel auszurotten.
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Die Rückkehr des Báb nach Shíráz kann man als den Auftakt zum ersten Zusammenprall dieser unversöhnlichen Kräfte ansehen. Der energische und mutige Mullá ‘Alíy-i-Basṭámí, einer der Buchstaben des Lebendigen, »der erste, der das Haus GottesShíráz.A verlassen und der erste, der um Seinetwillen leiden«Báb, berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 3:41, Bd. 1, S. 120 – Anm. d. Hrsg.Q sollte, war schon exkommuniziert, in Ketten gelegt, entehrt, eingekerkert und höchstwahrscheinlich getötet worden. Er hatte gegenüber dem weithin berühmten Shaykh Muḥammad-Ḥasan, einem führenden Repräsentanten des shí‘itischen Islám, kühn erklärt, dass der Feder seines neuen Meisters innerhalb von achtundvierzig Stunden so viele Verse entströmt seien wie der Qur’án enthält, zu dessen Offenbarung sein Verfasser dreiundzwanzig Jahre gebraucht hatte. Von der Vorschrift des Báb im Khaṣá’il-i-Sab‘ih, die hochheilige Formel des Adhán zu ändern, wurde Mullá Ṣádiq-i-Khurásání dazu bewegt, diese vor einer schockierten Versammlung in Shíráz in der abgeänderten Form anzustimmen; sofort wurde er festgenommen, beschimpft, nackt ausgezogen und mit eintausend Peitschenhieben bestraft. Der abgefeimte Niẓámu’d-Dawlih Ḥusayn Khán, der Gouverneur von Fárs, der die Aufforderung im Qayyúmu’l-Asmá’ gelesen hatte, ließ kurzerhand Mullá Ṣádiq zusammen mit Quddús und einem weiteren Gläubigen öffentlich bestrafen, ließ ihnen die Bärte abbrennen, die Nasen durchstechen und Riemen durchziehen, ließ sie in diesem schmachvollen Zustand durch die Straßen führen und danach aus der Stadt jagen.
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Die Einwohner von Shíráz waren damals in wildem Aufruhr. In Moscheen und Medresen, auf Basaren und anderen öffentlichen Plätzen tobte hitziger Streit. Friede und Sicherheit waren ernsthaft in Gefahr. Voll Angst, Neid und Wut erkannten die Mullás allmählich den Ernst der Lage. Der Gouverneur war in hohem Maße beunruhigt und befahl, den Báb zu verhaften. Er wurde unter Bewachung nach Shíráz gebracht und im Beisein Ḥusayn Kháns streng zurechtgewiesen. Dabei wurde Er so heftig ins Gesicht geschlagen, dass Sein Turban zu Boden fiel. Durch das Einschreiten des Imám-Jum‘ih wurde Er auf Bewährung entlassen und der Aufsicht Seines Onkels mütterlicherseits, Ḥájí Mírzá Siyyid ‘Alí, anvertraut. So ergab sich eine kurze Ruhepause, die es dem gefangenen jungen Mann erlaubte, das Naw-Rúz-Fest dieses und des folgenden Jahres gemeinsam mit Seiner Mutter, Seiner Gattin und Seinem Onkel in einer relativ ruhigen Umgebung zu feiern. Inzwischen breitete sich das Fieber, das Seine Anhänger gepackt hatte, auf die Angehörigen der Geistlichkeit und auf die Kaufleute aus und drang in die höheren Kreise der Gesellschaft vor. Ja, eine Welle leidenschaftlichen Suchens fegte über das ganze Land und auf zahllosen Versammlungen lauschte man staunend und wissbegierig den Berichten, die von den umherziehenden Boten des Báb beredt und unerschrocken erzählt wurden.
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Der Aufruhr nahm solche Ausmaße an, dass der Sháh die Situation nicht länger ignorieren konnte. Deshalb gab er dem zuverlässigen Siyyid Yaḥyáy-i-Dárábí, genannt Vaḥíd, den Auftrag, nachzuforschen und ihm über die tatsächliche Lage zu berichten. Vaḥíd war einer der gelehrtesten, redegewandtesten und einflussreichsten Untertanen, ein Mann, der nicht weniger als dreißigtausend Traditionen auswendig konnte, aufgeschlossen, mit starker Einfühlungsgabe, einer angeborenen Begeisterungsfähigkeit und enger Verbindung zum Hof. Im Verlauf von drei Gesprächen wurde er durch die Persönlichkeit des Báb und Dessen Beweisführung völlig eingenommen. Ihr erstes Gespräch drehte sich um die metaphysischen Lehren des Islám, die dunkelsten Stellen im Qur’án sowie die Traditionen und Prophezeiungen der Imáme. Im Verlauf des zweiten Gesprächs musste Vaḥíd verblüfft feststellen, dass die Fragen, die er stellen wollte, seinem sonst so guten Gedächtnis völlig entfallen waren, um dann mit größtem Erstaunen zu erleben, dass der Báb auf gerade diese Fragen antwortete. Beim dritten Gespräch sah sich der Abgesandte des Sháhs angesichts des mindestens zweitausend Verse umfassenden Kommentars zur Súrah Kawthar so überwältigt, dass er lediglich noch einen Bericht an die Hofkammer schrieb und sich entschloss, fortan sein Leben und Vermögen in den Dienst des Glaubens zu stellen, der ihn später, beim Aufstand in Nayríz, mit der Märtyrerkrone belohnen sollte. Er war so fest entschlossen gewesen, die Beweise des unbekannten Siyyids aus Shíráz zu widerlegen, Ihn zur Aufgabe Seiner Vorstellungen zu bewegen und Ihn – als Beweis für seine eigene Überlegenheit – nach Ṭihrán zu bringen. Nun musste er sich – wie er später eingestand – so »niedrig …, wie der Staub unter Seinen Füßen«Yaḥyáy-i-Dárábí (Vaḥíd), berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 22:8, Bd. 3, S. 489 – neu übersetzt – Anm. d. Hrsg.Q fühlen. Sogar Ḥusayn Khán, bei dem Vaḥíd während seines Aufenthaltes in Shíráz zu Gast war, sah sich veranlasst, an den Sháh zu schreiben, dass er überzeugt sei, Seiner Majestät berühmter Abgesandter sei Bábí geworden.
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Ein anderer berühmter Verfechter der Sache des Báb, in seinem Eifer noch glühender als Vaḥíd und ihm im Rang fast ebenbürtig, war Mullá Muḥammad-‘Alíy-i-Zanjání, genannt Ḥujjat. Dieser AkhbáríAkhbáríś verwerfen Vernunftgründe zur Urteilsfindung und glauben nur an den Qur’án und die Überlieferung Muḥammads als einzige Quelle des Gesetzes – Anm. d. Hrsg.A, ein Widerspruchsgeist aus Leidenschaft, von kühnem, ungezwungenem Gemüt und schwer zu zügeln, hatte es gewagt, die gesamte geistliche Hierarchie vom Abváb-i-Arba‘ih bis herab zum kleinsten Mullá anzuprangern, und mehr als einmal hatte er mit seinen überragenden Fähigkeiten und seiner glühenden Beredsamkeit die orthodoxen shí‘itischen Widersacher öffentlich bloßgestellt. Ein solcher Mann konnte der Sache, die eine so tiefe Kluft zwischen seinen Landsleuten aufgerissen hatte, nicht gleichgültig gegenüberstehen. Der Schüler, den er nach Shíráz schickte, um diese Angelegenheit zu erforschen, war vom Báb sofort in den Bann gezogen. Die Lektüre einer einzigen Seite aus dem Qayyúmu’l-Asmá’, den dieser Bote Ḥujjat überbrachte, genügte, um eine so tiefgreifende Wandlung in ihm hervorzurufen, dass er vor den versammelten ‘Ulamá seiner Heimatstadt erklärte, er werde, wenn der Verfasser dieses Werkes den Tag zur Nacht und die Sonne zum Schatten erkläre, ohne Zögern zu diesem Urteil stehen.
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In die ständig wachsende Armee des neuen Glaubens reihte sich auch der hervorragende Gelehrte Mírzá Aḥmad-i-Azghandí ein, der gebildetste, weiseste und herausragendste unter den ‘Ulamá von Khurásán, der in Erwartung des Kommens des verheißenen Qá’im mehr als zwölftausend Traditionen und Prophezeiungen über Art und Zeit der zu erwartenden Offenbarung zusammengetragen und unter Seinen Schülern in Umlauf gebracht hatte, damit sie bei allen Zusammenkünften und sonstigen Begegnungen darüber sprächen.
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Während sich die Lage in den Provinzen immer weiter verschlimmerte, trieb die erbitterte Feindseligkeit der Bevölkerung von Shíráz rasch ihrem Höhepunkt zu. Ḥusayn Khán, rachsüchtig, unnachgiebig und aufgebracht durch die Berichte seiner nimmermüden Agenten, denen zufolge die Macht und der Ruhm seines Gefangenen stündlich wuchsen, beschloss unverzüglich zu handeln. Sein Komplize Ḥájí Mírzá Áqásí soll ihn sogar angewiesen habe, den vermeintlichen Staatsfeind und Zerstörer der bestehenden Religion heimlich zu töten. Auf Befehl des Gouverneurs erklomm der Polizeichef ‘Abdu’l-Ḥamíd Khán mitten in der Nacht die Mauer und drang in das Haus von Ḥájí Mírzá Siyyid ‘Alí ein, wo der Báb unter Hausarrest stand, verhaftete Ihn und beschlagnahmte alle Seine Bücher und Schriften. Doch in derselben Nacht geschah etwas, das in seiner dramatischen Plötzlichkeit zweifellos von der Vorsehung dazu bestimmt war, die Pläne der Verschwörer zu durchkreuzen und es dem Gegenstand ihres Hasses zu ermöglichen, Seine Amtszeit zu verlängern und Seine Offenbarung zu vollenden: Die Cholera brach aus, griff verheerend um sich und ab Mitternacht waren schon mehr als hundert Menschen davon befallen. Furcht vor dieser Seuche packte alle Herzen und die Einwohner der geschlagenen Stadt flohen unter Wehgeschrei und in hellem Aufruhr. Schon waren drei Diener des Gouverneurs gestorben. Angehörige seiner Familie lagen schwer darnieder. Verzweifelt ließ er seine Toten unbestattet zurück und flüchtete in einen Garten außerhalb der Stadt. Nach diesem unerwarteten Verlauf der Dinge entschloss sich ‘Abdu’l-Ḥamíd Khán, den Báb zu sich nach Hause zu bringen. Zu seinem Entsetzen erfuhr er bei seiner Ankunft, dass sein Sohn ebenfalls von der Seuche befallen war und mit dem Tode rang. In seiner Verzweiflung warf er sich dem Báb zu Füßen, bat um Verzeihung und beschwor Ihn, den Sohn nicht um der Sünden seines Vaters willen heimzusuchen. Er gab Ihm sein Ehrenwort, auf sein Amt zu verzichten und nie mehr eine derartige Stellung anzunehmen. Als er merkte, dass sein Gebet erhört worden war, richtete er ein Gesuch an den Gouverneur und bat, den Gefangenen freizugeben und so den tödlichen Verlauf dieser schweren Heimsuchung abzuwenden. Ḥusayn Khán entsprach dem Gesuch und ließ seinen Gefangenen frei unter der Bedingung, dass Er die Stadt verlasse.
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Von einer allmächtigen und wachsamen Vorsehung wunderbar bewahrt, begab sich der Báb in Begleitung von Siyyid Káẓim-i-Zanjání nach IṣfahánSeptember 1846.A. Wiederum trat eine Pause ein, eine kurze Zeit verhältnismäßiger Ruhe, in der das von Gott in Gang gebrachte Geschehen an Schwung gewann, bis die Ereignisse sich jäh überstürzten, zur Gefangenschaft des Báb in den Festungen von Máh-Kú und Chihríq führten und in Seinem Märtyrertod auf dem Kasernenhof in Tabríz gipfelten. Der Báb war sich der bevorstehenden Prüfungen bewusst und hatte vor der endgültigen Trennung von Seiner Familie Seinen gesamten Besitz Seiner Mutter und Seiner Frau vermacht, hatte Letzterer das Geheimnis dessen anvertraut, was Ihm bevorstand und für sie ein besonderes Gebet mit der Zusicherung offenbart, dass alle Schwierigkeiten und Sorgen von ihr abfielen, wenn sie es lese. Auf Anweisung von Mu‘tamidu’d-Dawlih Manúchihr Khán, dem Gouverneur der Stadt, den der Báb schriftlich um die Zuweisung einer Wohnung gebeten hatte, verbrachte Er die ersten vierzig Tage in Iṣfahán als Gast im Haus von Mírzá Siyyid Muḥammad, dem Sulṭánu’l-‘Ulamá und Imám-Jum‘ih, einem der höchsten geistlichen Würdenträger des Reiches. Er wurde feierlich empfangen und der Zauber Seiner Persönlichkeit nahm die Einwohner der Stadt derart gefangen, dass sich eines Tages, als Er aus dem öffentlichen Bad kam, eine begeisterte Menge um das Wasser riss, das Er für Seine Gebetswaschungen verwendet hatte. Seine Liebenswürdigkeit war so einnehmend, dass Sein Gastgeber, ungeachtet der Würde seines hohen Ranges, darauf bestand, Ihm persönlich aufzuwarten. Auf Ersuchen eben dieses Würdenträgers offenbarte der Báb eines Nachts nach dem Abendessen Seinen bekannten Kommentar zur Súrah V’al-‘Aṣr. Innerhalb weniger Stunden schrieb Er Seine Darlegung der Bedeutung des ersten Buchstabens dieser Súrah nieder – eines Buchstabens, den Shaykh Aḥmad-i-Aḥsá’í besonders hervorgehoben hatte und den auch Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Aqdas erwähnt – Verse, die mit erstaunlicher Schnelligkeit geschriebenen, an Umfang einem Drittel des Qur’án gleichkommen, eine außergewöhnliche Leistung, die bei denen, die dabei waren, so ehrfurchtsvolles Staunen hervorrief, dass sie sich erhoben und den Saum Seines Gewandes küssten.
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Unterdessen nahm die stürmische Begeisterung unter den Einwohnern Iṣfaháns spürbar zu. In Scharen kamen die Menschen aus der ganzen Stadt zum Haus des Imám-Jum‘ih, teils aus Neugier, teils vom Wunsch nach Wahrheit oder dem Verlangen nach Heilung ihrer Leiden getrieben. Auch Manúchihr Khán, weise und verständnisvoll, ließ es sich nicht nehmen, die seltsame, fesselnde Persönlichkeit aufzusuchen. Der Herkunft nach war er Georgier und Christ von Geburt an und er bat den Báb vor einer illustren Versammlung hochgebildeter Geistlicher, die Wahrheit des spezifischen Auftrags Muḥammads darzulegen und zu beweisen. Der Báb erfüllte bereitwillig diese Bitte, die alle Anwesenden in Verlegenheit gebracht hätte. In weniger als zwei Stunden offenbarte Er auf fünfzig Seiten nicht nur eine präzise, kraftvolle und originäre Abhandlung dieses edlen Themas, Er setzte es darüber hinaus auch in Beziehung zum Kommen des Qá’im und der Wiederkehr des Imám Ḥusayn. Diese Darlegung bewog Manúchihr Khán, sich vor der Versammlung zum Glauben an den Propheten des Islám zu bekennen und dazu, dass der Autor einer derart überzeugenden Abhandlung übernatürliche Gaben besitzen müsse.
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Diese Hinweise auf den zunehmenden Einfluss eines ungelehrten jungen Mannes auf den Gouverneur und die Bewohner einer Stadt, die zu Recht als eines der Bollwerke des shí‘itischen Islám galt, alarmierten die Geistlichkeit. Sie unterließen offene Feindseligkeiten, weil sie wohl wussten, dass dadurch ihre Absichten vereitelt würden; stattdessen schürten sie die wildesten Gerüchte, um den Großwesir des Sháhs zu bewegen, die Situation zu retten, die sich stündlich zuspitzte und immer bedrohlicher wurde. Die Beliebtheit, deren sich der Báb erfreute, Sein persönliches Ansehen und die Ehren, die Ihm Seine Landsleute erwiesen, hatten ihren Höhepunkt erreicht. Rasch begannen sich die Schatten des drohenden Verhängnisses um Ihn zu verdichten. In schneller Folge jagten sich nun die tragischen Ereignisse, die schließlich in Seinem Tod gipfeln sollten, mit dem der Einfluss Seines Glaubens scheinbar erlosch.
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Der anmaßende und gerissene Ḥájí Mírzá Áqásí war aus Furcht, der Báb könnte mit seinem Einfluss auch seinen Landesherrn einwickeln und damit ihm selbst zum Verhängnis werden, aufgebracht wie nie zuvor. Getrieben von dem Verdacht, dass der Báb die heimliche Gunst des Mu‘tamid besitze, dem, wie er wusste, auch der Sháh vertraute, warf er dem Imám-Jum‘ih Vernachlässigung seiner heiligen Pflichten vor. Darüber hinaus überhäufte er die ‘Ulamá von Iṣfahán, die er bis dahin nicht beachtet hatte, in mehreren Briefen mit seinen Gefälligkeiten. Von den Kanzeln der Stadt begann eine aufgestachelte Geistlichkeit, ihre Schmähungen und Verleumdungen gegen den Urheber der in ihren Augen verhassten und gefürchteten Irrlehre zu schleudern. Der Sháh selbst wurde überredet, den Báb in die Hauptstadt zu beordern. Manúchihr Khán, der für Seine Abreise von Iṣfahán sorgen sollte, entschloss sich, Ihn vorübergehend in seinem eigenen Haus wohnen zu lassen. Unterdessen beriefen die Mujtahids und ‘Ulamá, bestürzt über die Anzeichen eines so durchdringenden Einflusses, eine Versammlung ein, bei der eine Schmähschrift verfasst und von den führenden Geistlichen der Stadt unterzeichnet und gesiegelt wurde, in der der Báb als Ketzer gebrandmarkt und zum Tod verurteilt wurde. Sogar der Imám-Jum‘ih wurde gezwungen, ein schriftliches Gutachten anzufügen, dass der Beschuldigte bar jeder Vernunft und Urteilskraft sei. Der Mu‘tamid war in großer Verlegenheit. Um die wachsende Erregung im Volk zu dämpfen, fasste er einen Plan: Die immer unruhiger werdende Bevölkerung sollte glauben, der Báb sei schon nach Ṭihrán abgereist. So konnte er Ihm einen kurzen Aufschub von vier Monaten in der Abgeschiedenheit des ‘Imárat-i-Khurshíd, dem Privatpalast des Gouverneurs in Iṣfahán, sichern. Während dieser Zeit äußerte der Gastgeber den Wunsch, seinen gesamten, von den Zeitgenossen auf mindestens vierzig Millionen Franc geschätzten Besitz der Förderung der Interessen des neuen Glaubens zu weihen, erklärte, er wolle Muḥammad Sháh bekehren, ihn dahin bringen, sich seines schändlichen und ruchlosen Ministers zu entledigen, und ihn um seine königliche Einwilligung zur Vermählung einer seiner Schwestern mit dem Báb bitten. Aber der plötzliche Tod des Mu‘tamids, den der Báb vorausgesagt hatte, beschleunigte den Eintritt der nahen Krise. Gurgín Khán, der skrupellose und habgierige Stellvertreter des Sháhs, veranlasste ihn, eine zweite Vorladung zu erlassen mit der Anweisung, den gefangenen jungen Mann verkleidet und von Reitern eskortiert nach Ṭihrán zu senden. Den schriftlichen Befehl des Herrschers führte der niederträchtige Gurgín Khán, der das Testament des Mu‘tamids, seines Onkels, inzwischen entdeckt, vernichtet und den Besitz an sich gerissen hatte, unverzüglich aus. Doch keine dreißig Meilen vor der Hauptstadt, in der Festung von Kinár-Gird, erhielt Muḥammad Big, der Anführer der Eskorte, durch einen Boten von Ḥájí Mírzá Áqásí den schriftlichen Befehl, nach Kulayn zu gehen und dort weitere Anweisungen abzuwarten. Kurz darauf folgte ein Brief, vom Sháh persönlich an den Báb gerichtet, mit der Datumsangabe Rabí‘u’th-Thání 1263 (19. März – 17. April 1847), der trotz höflicher Redewendungen ganz klar das Ausmaß des vergiftenden Einflusses aufzeigt, den der Großwesir auf den Herrscher hatte. Alle wohlmeinenden Pläne Manúchihr Kháns waren damit zunichte. Die Festung Máh-Kú im entlegensten Winkel des Nordwestens von Ádhirbáyján, nicht weit vom gleichnamigen Dorf entfernt, in dem die Bewohner lange unter dem Patronat des Großwesirs gestanden hatten, wurde vom Sháh auf Anraten des niederträchtigen Ministers zur Kerkerstätte für den Báb bestimmt. Lediglich ein einziger Gefährte und ein Diener aus Seinem Gefolge durften Ihm in dieser trostlosen, unwirtlichen Gegend Gesellschaft leisten. Unter dem Vorwand, ein neuerlicher Aufstand in Khurásán und eine Revolte in Kirmán erforderten jetzt alle Aufmerksamkeit seines Herrn, hatte der einflussreiche und durchtriebene Minister, einen Plan vereitelt, dessen Verwirklichung die schwerwiegendsten Auswirkungen für sein persönliches Geschick wie für das Schicksal der Regierung, des Herrschers und des Volkes gehabt hätte.
Kapitel 2Die Gefangenschaft des Báb in Ádhirbáyján
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Die Verbannung in den Bergen von Ádhirbáyján, die nicht weniger als drei Jahre währte, war die traurigste, dramatischste, in gewissem Sinn auch fruchtbarste Phase der sechsjährigen Amtszeit des Báb. Dazu gehören neun Monate strenger Festungshaft in Máh-Kú und anschließend Seine Einkerkerung in der Festung Chihríq, lediglich unterbrochen von einem kurzen, denkwürdigen Besuch in Tabríz. Die Zeit war gänzlich überschattet vom unerbittlichen und zunehmenden Hass der beiden mächtigsten Gegner des Glaubens: Ḥájí Mírzá Áqásí, der Großwesir von Muḥammad Sháh, und Amír Niẓám, der Großwesir Náṣiri’d-Dín Sháhs. Sie ist vergleichbar mit der kritischen Zeit in der Sendung Bahá’u’lláhs während Seines Exils in Adrianopel, als Er dem despotischen Sulṭán ‘Abdu’l-‘Azíz und seinen Ministern ‘Álí Páshá und Fu’ád Páshá gegenüber stand, und hat eine Entsprechung in den dunkelsten Tagen der Amtszeit ‘Abdu’l-Bahás im Heiligen Land unter der Gewaltherrschaft des Tyrannen ‘Abdu’l-Ḥamíd und des ebenso tyrannischen Jamál Páshá. Shíráz war der unvergessliche Schauplatz der historischen Verkündigung des Báb; Iṣfahán bot Ihm für kurze Zeit einen verhältnismäßig friedlichen und sicheren Zufluchtsort; Ádhirbáyján jedoch sollte zum Schauplatz Seines Leidens und Martyriums werden. Die letzten Jahre Seines irdischen Lebens werden in die Geschichte eingehen als die Zeit, in der die neue Sendung ihre volle Gestalt annahm, der Anspruch ihres Begründers in vollem Umfang und öffentlich geltend gemacht wurde, ihre Gesetze formuliert wurden, der Bund ihres Urhebers fest begründet wurde, ihre Unabhängigkeit verkündet wurde und das Heldentum ihrer Vorkämpfer in unsterblichem Glanz entbrannte. Zu den Ereignissen in diesen höchst dramatischen, schicksalsschweren Jahren gehört, dass Seinen Jüngern die Stufe des Báb in ihrer ganzen Bedeutung enthüllt und von Ihm selbst offiziell in der Hauptstadt Ádhirbáyjáns in Anwesenheit des Thronerben verkündigt wurde; dass der Persische Bayán, in dem die vom Báb erlassenen Gesetze niedergelegt sind, offenbart wurde; dass Zeitpunkt und Art der Sendung »Dessen, den Gott offenbaren wird« vgl. Báb, Bayán-i-Fársí 6:16, 4:18, 3:12, 3:13, 2:6, 5:8 u. a., in: Eine Auswahl aus Seinen Schriften 3:12:1, 3:16:1, 3:28:1, 3:29:1, 3:30:1, 3:32:1, u. a – Anm. d. Hrsg.Q unmissverständlich festgelegt wurden, die Aufhebung der alten Ordnung auf der Konferenz von Badasht verkündet wurde und der dreifache Großbrand von Mázindarán, Nayríz und Zanján entfacht wurde.
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Dennoch bildete sich der törichte und kurzsichtige Ḥájí Mírzá Áqásí ein, er hätte mit der Vereitelung des Planes des Báb, den Sháh in der Hauptstadt persönlich zu treffen, und durch Dessen Verbannung in den hintersten Winkel des Reiches die Bewegung im Keim erstickt und er würde bald endgültig über ihren Stifter triumphieren. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass gerade die Isolation, die er seinem Gefangenen aufzwang, den Báb in die Lage versetzte, das System zu entwickeln, das den Wesenskern Seines Glaubens verkörpern sollte, und Ihm die Gelegenheit bot, diesen vor Auflösung und Spaltung zu bewahren und Seine Sendung in aller Form und uneingeschränkt zu verkünden. Es kam ihm auch nicht in den Sinn, dass gerade diese Gefangenschaft die begeisterten Jünger und Gefährten des Häftlings dazu bewegen würde, die Fesseln der veralteten Theologie abzuwerfen und Ereignisse auszulösen, die bei ihnen so viel Tapferkeit, Mut und Selbstaufgabe hervorriefen, wie sie in der Geschichte des Landes ohne Beispiel sind. Und es kam ihm nicht in den Sinn, dass er sich gerade durch sein Handeln zum Erfüllungsgehilfen der verbürgten Tradition machte, die dem Propheten des Islám zugeschrieben wird und die sich auf die Unabwendbarkeit dessen bezieht, was in Ádhirbáyján geschehen sollte. Er hatte nichts gelernt aus dem Beispiel des Gouverneurs von Shíráz, der bei der ersten Probe von Gottes rächendem Zorn voll Angst und Zittern schändlich floh und die Kontrolle über seinen Gefangenen lockerte. Der Großwesir von Muḥammad Sháh wiederum zog durch seine Anordnungen empfindliche und unausweichliche Rückschläge an und bereitete dadurch seinen endgültigen Untergang vor.
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Seine Befehle an ‘Alí Khán, den Festungskommandanten von Máh-Kú, waren strikt und eindeutig. Die Tage auf Seiner Reise zur Festung, die der Báb in Tabríz verbrachte, waren von einer so großen Aufregung im Volk gekennzeichnet dass Ihn mit Ausnahme einiger weniger Personen weder die Bevölkerung noch Seine Anhänger besuchen durften. Als Ihn seine Eskorte durch die Straßen der Stadt führte, erscholl von allen Seiten der Ruf »Alláh-u-Akbar«. Der Tumult schwoll dermaßen an, dass der Stadtausrufer die Einwohner warnen musste, dass jeder, der versuche den Báb zu treffen, verhaftet und sein gesamter Besitz beschlagnahmt werde. In Máh-Kú angekommen, das der Báb Jabal-i-Básiṭder Offene Berg.A nannte, durfte Er in den ersten beiden Wochen mit Ausnahme Seines Sekretärs Siyyid Ḥusayn und dessen Bruder keinen Besuch empfangen. So unerträglich war Seine missliche Lage in der Festung, dass Er im Persischen Bayán schreibt, Er habe in der Nacht nicht einmal eine Lampe und in Seiner einsamen Kammer aus luftgetrockneten Ziegeln gebe es nicht einmal eine Tür; und in Seinem Schreiben an Muḥammad Sháh klagt Er, dass die Mitbewohner in der Festung auf zwei Wächter und vier Hunde beschränkt seien.
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Isoliert in den Bergen einer abgelegenen und gefährlichen Grenzregion nahe dem osmanischen und dem russischen Reich, gefangen in den massiven Mauern einer viertürmigen Festung, getrennt von Seiner Familie, Seinen Verwandten und Seinen Jüngern, gezwungen, in der Nähe einer fanatischen und aufgewühlten Gemeinde zu leben, die sich nach Herkunft, Tradition, Sprache und Glaubensüberzeugungen von der großen Mehrheit der Bewohner Persiens unterschied, und bewacht von der Bevölkerung eines Distrikts, den der Großwesir, der dort geboren war, in seiner Verwaltung besonders begünstigte, schien der Gefangene von Máh-Kú in den Augen Seines Feindes dazu verdammt zu sein, in der Blüte Seiner Jugend dahinzusiechen und binnen kurzem Zeuge der Vernichtung all seiner Hoffnungen zu werden. Doch sollte der Feind bald merken, wie gründlich er sich getäuscht hatte – sowohl in seinem Gefangenen, als auch in denen, die er bis dahin mit seiner Gunst überschüttet hatte. Die aufsässige, stolze und unvernünftige Bevölkerung wurde durch die Sanftmut des Báb allmählich gezähmt, wurde durch seine Bescheidenheit gezügelt, wurde aufgebaut durch Seinen Rat und unterwiesen durch Seine Weisheit. Die Menschen waren so hingerissen von ihrer Liebe zu Ihm, dass sie trotz des Protests des tyrannischen ‘Alí Khán und trotz der wiederholten Androhung von Disziplinarmaßnahmen aus Ṭihrán jeden Morgen als erstes einen Platz aufsuchten, von dem aus sie einen flüchtigen Blick auf Sein Gesicht erhaschen und aus der Ferne Seinen Segen für ihr Tagewerk erbitten konnten. Wenn Zwistigkeiten unter ihnen entstanden, pflegten sie an den Fuß der Festung zu eilen, wo sie die Augen auf Seinen Aufenthaltsort richteten, Seinen Namen anriefen und sich gegenseitig beschworen, die Wahrheit zu sagen. Unter dem Einfluss einer befremdlichen Vision fühlte ‘Alí Khán so eine Demütigung, dass er dazu bewogen wurde, als Sühne für sein bisheriges Verhalten die strengen Maßnahmen zu lockern. Er übte solche Nachsicht, dass ein wachsender Strom sehnsüchtiger und ergebener Pilger in die Festung gelassen wurde. Unter ihnen befand sich auch der furchtlose und unermüdliche Mullá Ḥusayn, der den ganzen Weg von Mashhad in Ostpersien bis nach Máh-Kú, dem westlichsten Vorposten des Reiches, zu Fuß zurückgelegt hatte, und dem es nun nach der anstrengenden Reise vergönnt war, das Naw-Rúz-Fest1848.A mit seinem Geliebten zu feiern.
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Indessen meldeten Geheimagenten, die mit der Überwachung ‘Alí Kháns beauftragt waren, Ḥájí Mírzá Áqásí, welche Wendung die Ereignisse zu nehmen begannen. Daraufhin beschloss dieser, den Báb sogleichUm den 10. April 1848.A in die Festung Chihríq zu verlegen, vom Báb Jabal-i-Shadídder kummervolle Berg.A genannt. Dort wurde Er Yaḥyá Khán, einem Schwager Muḥammad Sháhs, in Gewahrsam gegeben, der Ihn zunächst äußerst streng behandelte, schließlich aber der Faszination seines Gefangenen erlag. Auch die im Dorf Chihríq lebenden Kurden, deren Hass auf die Shí‘iten den der Bewohner von Máh-Kú noch übertraf, konnten der bezwingenden Kraft des Gefangenen nicht widerstehen. Auch sie konnte man jeden Morgen, ehe sie an ihr Tagewerk gingen, zur Festung kommen und sich in Anbetung vor dem heiligen Insassen niederwerfen sehen. Ein europäischer Augenzeuge schreibt in seinen Erinnerungen über den Báb: »So stark war der Zustrom von Menschen, dass der Hof nicht groß genug war, um alle Zuhörer zu fassen. Die meisten mussten draußen auf der Straße bleiben, wo sie hingerissen den Versen des neuen Qur’án lauschten.«Mochenin, zitiert in: Moojan Momen, The Bábí and Bahá’í Religions, 1844–1944, Some Contemporary Western Accounts, S. 75 – Anm. d. Hrsg.Q
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Das Getümmel in Chihríq stellte selbst die in Máh-Kú erlebten Szenen in den Schatten. Siyyids mit herausragenden Verdiensten, angesehene ‘Ulamá und selbst Regierungsbeamte setzten sich rasch und mutig für die Sache des Gefangenen ein. Die Bekehrung des enthusiastischen und berühmten Mírzá Asadu’lláh, genannt Dayyán, ein namhafter Beamter und eine literarische Autorität, dem der Báb »verborgenes und bewahrtes Wissen« schenkte und den Er als »Aufbewahrungsort des Glaubens an den einen wahren Gott«Bahá’u’lláh, in: Brief an den Sohn des Wolfes 253, S. 149 – Anm. d. Hrsg.Q pries, sowie die Ankunft eines Derwischs, eines ehemaligen Navvábs aus Indien, der in einer Vision vom Báb aufgefordert worden war, allem Wohlstand und Besitz zu entsagen, sich aufzumachen und zu Fuß zu Ihm nach Ádhirbáyján zu eilen, brachten die Lage zur Entscheidung. Berichte über diese aufsehenerregenden Ereignisse gelangten nach Tabríz, wurden von dort nach Ṭihrán weitergeleitet und zwangen Ḥájí Mírzá Áqásí erneut zum Eingreifen. Dayyáns Vater, ein enger Freund dieses Ministers, hatte ihm gegenüber bereits seine tiefe Besorgnis ausgedrückt über die Art und Weise, wie fähige Staatsbeamte für den neuen Glauben gewonnen würden. Um die wachsende Erregung zu beschwichtigen, beorderte man den Báb nach Tabríz. Die Wachen, denen Er überantwortet war, beschlossen aus Angst vor der Begeisterung der Ádhirbáyjáner, vom vorgesehenen Weg abzuweichen. Sie vermieden die Stadt Khuy und reisten stattdessen über Urúmíyyih. In dieser Stadt wurde Er bei der Ankunft vom Fürsten Malik Qásim Mírzá feierlich empfangen und man sah den Fürsten sogar eines Freitags, als sein Gast zum öffentlichen Bad ritt, zu Fuß neben Ihm hergehen, während sich sein Gefolge bemühte, die Menschen zurückzuhalten, die sich in überströmender Begeisterung herzudrängten, um einen Blick auf den außergewöhnlichen Gefangenen zu erhaschen. Tabríz wiederum brodelte über vor wilder Erregung und begrüßte freudig Seine Ankunft. Die leidenschaftliche Begeisterung im Volk war so groß, dass man dem Báb einen Platz außerhalb des Stadttores anwies. Doch auch das konnte die vorherrschenden Gefühle nicht besänftigen. Alle Vorkehrungen, Warnungen und Restriktionen verschärften nur die ohnehin schon kritische Lage. Zu diesem Zeitpunkt erließ der Großwesir seinen historischen Befehl an die geistlichen Würdenträger von Tabríz, sofort eine Versammlung einzuberufen, um die wirksamsten Maßnahmen zu beraten, wie die Flammen dieses alles verschlingenden Feuers auf Dauer gelöscht werden könnten.
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Die Begleitumstände des Verhörs, dem sich der Báb in der Folge unterziehen musste, gehören wohl zu den wichtigsten Marksteinen Seiner dramatischen Laufbahn. Die erklärte Absicht der Versammlung war, Maßnahmen zur Ausrottung Seiner sogenannten Ketzerei zu beraten und den Gefangenen vor Gericht zu stellen. Stattdessen bot sie ihm die beste Gelegenheit Seiner Amtszeit, den Anspruch Seiner Offenbarung öffentlich, in aller Form und ohne jeden Vorbehalt geltend zu machen. Am Amtssitz und in Anwesenheit des Gouverneurs von Ádhirbáyján – dem damaligen Thronfolger Náṣiri’d-Dín Mírzá – waren die geistlichen Würdenträgern von Tabríz versammelt, ferner die Führer der Shaykhí-Gemeinde, der Shaykhu’l-Islám, der Imám-Jum‘ih sowie der Gouverneur selbst. Den Vorsitz führte der Niẓámu’l-‘Ulamá Ḥájí Mullá Maḥmúd, der Erzieher des Prinzen. Der Báb setzte sich auf den für den Valí-‘Ahd, den Kronprinzen, vorgesehenen Ehrenplatz und mit klangvoller Stimme gab Er Seine berühmte Antwort auf die Frage des Vorsitzenden und rief: »Ich bin, Ich bin, Ich bin der Verheißene! Ich bin Der, Dessen Namen ihr seit tausend Jahren anruft, bei Dessen Erwähnung ihr euch erhebt, Dessen Kommen zu erleben ihr ersehnt und Dessen Offenbarung Stunde ihr Gott anfleht zu beschleunigen. Wahrlich, Ich sage euch, es obliegt den Völkern des Ostens wie des Westens, Meinem Wort zu gehorchen und Mir Treue zu geloben.«Báb, berichtet in: Muḥammad-i-Zarandí, Nabíls Bericht 18:9, Bd. 2, S. 344 – neu übersetzt – Anm. d. Hrsg.Q
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Von Ehrfurcht ergriffen ließen die Anwesenden in stummer Bestürzung vorübergehend die Köpfe sinken. Dann nahm Mullá Muḥammad-i-Mamaqání, dieser einäugige, weißbärtige Überläufer, seinen Mut zusammen und schalt Ihn mit seiner typischen Unverschämtheit einen perversen und verachtenswerten Anhänger des Satans, worauf der unerschrockene junge Mann erwiderte, Er bleibe bei dem, was Er bereits gesagt habe. Auf die anschließende Frage des Niẓámu’l-‘Ulamá versicherte der Báb, Seine Worte seien der unwiderlegliche Beweis für Seine Sendung. Er führte Verse aus dem Qur’án an, um die Wahrheit Seiner Aussage zu belegen, und betonte, dass er innerhalb von zwei Tagen und zwei Nächten Verse im Umfang des ganzen Qur’áns offenbaren könne. Als ein Anwesender kritisierte, Er habe gegen die Regeln der Grammatik verstoßen, zitierte Er einige Stellen aus dem Qur’án, die seine Beweisführung untermauerten. Als Ihm einer der Anwesenden eine belanglose und unsachliche Bemerkung hinwarf, wies er sie würdevoll und entschlossen zurück und hob dann kurzerhand die Sitzung auf, indem Er aufstand und den Raum verließ. Daraufhin löste sich die Versammlung auf. Die Teilnehmer gingen verwirrt und zerstritten auseinander, bitter verärgert und gedemütigt durch das Scheitern ihrer Pläne. Es war ihnen keineswegs gelungen, den Geist des Gefangenen einzuschüchtern oder Ihn gar zum Widerruf oder zur Aufgabe Seiner Sendung zu bewegen. Nach vielem Hin und Her war das einzige Ergebnis der Versammlung der Beschluss, die Bastonade über Ihn zu verhängen, die der herzlose und habgierige Mírzá ‘Alí-Aṣghar, der Shaykhu’l-Islám der Stadt, in seinem Bethaus selbst vollzog. Ḥájí Mírzá Áqásí, dessen Plan durchkreuzt war, sah sich gezwungen, den Báb nach Chihríq zurückbringen zu lassen.
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