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Erster Teil: Über den Einfluss der Gottesoffenbarer auf die Entwicklung der Menschheit

Die Natur steht unter einem allumfassenden Gesetz

1:1Die Natur ist jener Zustand, jene Wirklichkeit, die anscheinend Leben und Tod, oder mit anderen Worten Zusammensetzung und Auflösung aller Dinge, umfasst.

1:2Diese Natur ist einem vollendeten Gefüge, bestimmten Gesetzen, einer vollständigen Ordnung und einem vollkommenen Plan unterworfen, von denen sie niemals abweicht, und zwar in so hohem Maße, dass man in ihr bei sorgfältiger Betrachtung und geistiger Wahrnehmung vom kleinsten unsichtbaren Atom bis zu solch großen Dingen der Welt des Daseins wie der Sonne oder den anderen großen Sternen und leuchtenden Himmelskörpern, sei es in ihrer Anordnung und Zusammensetzung, sei es in ihrer Form und Bewegung, den höchsten Grad der Ordnung findet und erkennt, dass alles unter einem unausweichlichen, vollkommenen Gesetz steht.

1:3Wenn man aber die Natur selbst betrachtet, sieht man, dass sie weder Verstand noch Willen besitzt. So liegt es zum Beispiel in der Natur des Feuers, dass es brennt, und es tut dies ohne Willen und Verstand; die Natur des Wassers ist, dass es fließt, und es tut dies ohne Willen und Verstand; die Natur der Sonne ist, dass sie leuchtet, auch sie leuchtet ohne Willen und Verstand; die Natur des Dampfes ist aufzusteigen, und er steigt ebenso ohne Willen und Verstand auf. Damit ist klar erwiesen, dass alle natürlichen Bewegungen der erschaffenen Dinge zwangsläufige Vorgänge sind und sich nichts nach eigenem Willen bewegt, mit Ausnahme des Tieres und vor allem des Menschen.

1:4Der Mensch vermag sich der Natur zu widersetzen und von ihren Wegen abzuweichen, weil er die Struktur der Dinge entdeckt hat und damit den Kräften der Natur gebietet. Alle Erfindungen, die er gemacht hat, beruhen auf der Entdeckung der Struktur der Dinge. So hat er zum Beispiel die Telegraphie erfunden, die Ost und West verbindet. Darum sehen wir deutlich, dass der Mensch die Natur beherrscht.

1:5Kann nun bei dieser systematischen Ordnung und Gesetzmäßigkeit, die man im ganzen Dasein erkennt, gesagt werden, dies alles sei aus dem Wirken der Natur heraus entstanden, obwohl sie selbst weder Verstand noch Wahrnehmungsvermögen besitzt? Wenn dies nicht so ist , so ist es offensichtlich, dass diese Natur, die weder Verstand noch Wahrnehmungsvermögen besitzt, in der Hand des Allmächtigen liegt und dass Er über das Reich der Natur herrscht und in ihr alles, was Er wünscht, erscheinen lässt.

1:6Eines der Dinge, welches in der Welt des Daseins erschienen ist und eine Naturnotwendigkeit darstellt, ist das menschliche Leben. So betrachtet, ist der Mensch der Zweig, und die Natur ist die Wurzel.Ist es wohl möglich, dass Wille, Verstand und Vollkommenheit nur im Zweig, nicht aber in der Wurzel wären?

1:7Daraus geht klar hervor, dass die Natur in ihrem innersten Wesen in der machtvollen Hand Gottes ruht, Der der Ewige Allmächtige und Eine ist, Der die Natur in ihren ehernen Bahnen und Gesetzen hält und ihr Herrscher ist.

Beweise und Zeugnisse für das Dasein Gottes

2:1Ein unwiderlegbarer Beweis für das Dasein Gottes ist die Tatsache, dass sich der Mensch nicht selbst erschaffen hat. Sein Schöpfer und Bildner ist ein anderer als er selber.

-Es ist gewiss und außer Zweifel, dass der Schöpfer des Menschen anders als der Mensch ist; denn ein unfähiges Geschöpf kann nicht der Schöpfer eines anderen Wesens sein. Im Schöpfer müssen alle Vollkommenheiten vereint sein, damit er erschaffen kann.

2:2Wäre es möglich, dass die Schöpfung vollkommen ist und der Schöpfer unvollkommen? Ist es denkbar, dass ein Bild ein Meisterwerk ist und der Maler nicht in seiner Kunst vollkommen? Das Bild ist doch seine Kunst und seine Schöpfung. Nein, das Bild kann nicht einmal dem Maler gleichkommen, denn wäre es wie er, dann könnte es sich ja selber malen. Wie vollkommen das Bild auch sein mag, so bleibt es doch im Vergleich zum Maler höchst unvollkommen.

2:3Die bedingte Welt ist die Quelle der Unvollkommenheit, während Gott die Quelle der Vollkommenheit ist. Die Unvollkommenheit der bedingten Welt ist an sich ein Beweis für die Vollkommenheit Gottes.

-Wenn du zum Beispiel den Menschen betrachtest, so siehst du, dass er schwach ist. Diese Schwachheit des Geschöpfes ist ein Beweis für die Stärke des ewig Allmächtigen und Einen, denn wenn es keine Stärke gäbe, wäre Schwäche unvorstellbar. Daher beweist die Schwäche des Geschöpfes die Stärke des Schöpfers, denn wenn es keine Stärke gäbe, könnte auch keine Schwäche sein. Die Schwäche selbst beweist uns, dass es in der Welt Stärke geben muss.

2:4Ein anderes Beispiel ist die Armut in dieser bedingten Welt. Notwendigerweise muss es auch Reichtum geben, da Armut auf der Erde offensichtlich ist. Ferner gibt es in dieser bedingten Welt Unwissenheit. Deshalb muss es auch Wissen geben, denn gäbe es kein Wissen, so könnten wir auch keine Unwissenheit feststellen. Unwissenheit ist das Nichtsein von Wissen, und wenn es kein Sein gäbe, wäre auch ein Nichtsein nicht vorstellbar.

2:5Es ist gewiss, dass die gesamte bedingte Welt unter einer Ordnung und unter Gesetzen steht, denen sie sich nicht zu entziehen vermag. Sogar der Mensch ist dem Tode, dem Schlaf und anderen Naturgesetzen unterworfen. Er wird in mancherlei Hinsicht beherrscht, und zweifellos muss dieser Beherrschte einen Herrscher haben. Weil Abhängigkeit ein Kennzeichen für bedingte Wesen und eine wesentliche Notwendigkeit ist, muss auch ein unabhängiges Wesen existieren, zu dessen Wesen Unabhängigkeit gehört.

-So erkennen wir zum Beispiel an einem Kranken, dass es Gesundheit geben muss, denn gäbe es keine Gesundheit, könnte auch keine Krankheit bewiesen werden.

2:6Daraus geht hervor, dass es einen ewig Allmächtigen und Einen gibt, Der alle Vollkommenheiten in Sich vereint, denn besäße Er sie nicht, wäre Er Seinen Geschöpfen gleich.

-So beweist auch das kleinste erschaffene Ding in dieser Welt des Daseins, dass es einen Schöpfer gibt. Zum Beispiel beweist dieses Stück Brot, dass jemand es hergestellt hat.

2:7Gelobt sei Gott! Die geringste Veränderung in der Form des unscheinbarsten Dinges weist darauf hin, dass sie einen Urheber haben muss. Und dieses gewaltige und unendliche Weltall sollte sich selber erschaffen haben und durch die Tätigkeit der Elemente und Stoffe aus sich selber entstanden sein? Welch ein wunderlicher Irrtum ist eine solche Annahme.

2:8Diese handgreiflichen Beweise werden für schwache Seelen angeführt, denn wo sich das innere Auge auftut, sieht es hunderttausendfach klare Beweise. Damit soll gesagt sein, dass der Mensch, der den Geist in seinem Inneren fühlt, keines weiteren Beweises für das Vorhandensein des Geistes bedarf. Aber für jene Menschen, die der Segnungen des Geistes nicht teilhaftig sind, muss man Beweise aus der gegenständlichen Welt erbringen.

Über die Notwendigkeit eines Erziehers

3:1Betrachten wir die Welt des Daseins, so sehen wir, dass das Mineral, die Pflanze, das Tier und der Mensch einen Erzieher brauchen.

3:2Bleibt die Erde unbebaut, so wird sie zur Wildnis, in der Unkraut wächst. Wenn aber der Bauer kommt und sie beackert, bringt sie Ernten hervor, die als Nahrung für Lebewesen dienen. Daraus ergibt sich klar, dass die Bearbeitung der Erde durch den Bauer notwendig ist. Betrachte die Bäume: Ohne die Pflege des Gärtners würden sie keine Früchte tragen, und ohne Früchte wären sie nutzlos. Durch die Pflege des Gärtners aber werden diese ertraglosen Bäume Früchte hervorbringen, und durch Pflege, Veredelung und Pfropfung geben Bäume, die bittere Früchte trugen, süße her. Dies sind verstandesmäßige Beweise, denn heute benötigen die Menschen logische Beweisgründe.

3:3Betrachte in gleicher Weise die Tierwelt: Wird ein Tier vom Menschen gepflegt und erzogen, so wird es zum Haustier. Wenn dagegen ein Mensch ohne Erziehung aufwächst, so wird er zum Tier, ja, wenn er der Natur allein überlassen bleibt, sinkt er sogar unter das Tier herab; wenn er aber richtig erzogen wird, kann er zum Engel werden. Tatsächlich fressen die meisten Tiere nicht ihre Artgenossen auf, während manche Menschen im Inneren Afrikas noch ihresgleichen töten und fressen.

3:4Bedenke nun, dass es die Erziehung ist, die den Osten und den Westen unter die Herrschaft des Menschen bringt. Die Erziehung bringt wunderbare Gewerbe zur Vollkommenheit und unterhält herrliche Wissenschaften und Künste. Sie ist es, die neue Entdeckungen und Gesetze offenbar macht. Gäbe es keinen Erzieher, wären solche Dinge, die das Leben bequem und leichter machen, oder zum Beispiel Kultur und Menschlichkeit nicht da. Wenn man einen Menschen in der Wildnis sich selbst überlässt, und er seinesgleichen nicht sieht, wird er zweifellos wie ein Tier werden. Damit haben wir klar die Notwendigkeit eines Erziehers bewiesen.

3:5Es gibt drei Arten der Erziehung: die körperliche, die menschliche und die geistige Erziehung.

Die körperliche Erziehung befasst sich mit Fortschritt und Entwicklung des Körpers, indem sie materielle Erleichterungen, Behaglichkeit und Entspannung für ihn sicherstellt. Sie gilt in gleicher Weise für Menschen und Tiere.

3:6Die menschliche Erziehung bedeutet Kultur und Fortschritt, nämlich Regierung, Verwaltung, Wohlfahrtseinrichtungen, Verkehr, Handel und Gewerbe, Künste, Natur- und Geisteswissenschaften, große Erfindungen und Entdeckungen physikalischer Gesetze. Diese Äußerungen des Menschengeistes machen den Unterschied zur Tierwelt deutlich.

3:7Die geistige, göttliche Erziehung ist die Erziehung zum Himmelreich. Durch sie erwirbt der Mensch göttliche Vollkommenheiten. Sie ist die wahre Erziehung, denn auf dieser Stufe tritt das Göttliche im Menschen in Erscheinung, und die Worte »Lasset Uns Menschen schaffen nach Unserem Bild und Gleichnis«, werden in ihm offenbar. Dies ist das höchste Ziel der Menschheit.

3:8Dazu brauchen wir einen Erzieher, der zugleich körperlicher, menschlicher und geistiger Erzieher ist, und dessen Autorität in allen Bereichen Einfluss hat. Wenn jemand sagen wollte: »Ich habe einen vollkommenen Verstand und ein rasches Auffassungsvermögen und bedarf dieses Erziehers nicht«, so würde er Selbstverständliches leugnen und wie ein Kind sein, das sagen würde: »Ich brauche keine Erziehung, ich werde nach meiner Einsicht und Vernunft verfahren und so alle Vollkommenheiten der Welt erwerben«, oder er wäre wie ein Blinder, der sagen würde: »Ich brauche kein Augenlicht, denn es gibt viele Blinde, die sich zurechtfinden können.«

3:9Die Notwendigkeit eines Erziehers für den Menschen ist demnach klar und deutlich erwiesen. Dieser Erzieher muss zweifellos auf allen Gebieten vollkommen sein und alle anderen Menschen übertreffen, denn sonst könnte er nicht ihr Erzieher sein, umso mehr, da er ihr körperlicher, menschlicher und zugleich geistiger Erzieher sein muss. Dies bedeutet, dass er die Menschen lehrt, die materiellen Dinge zu ordnen und voranzubringen und die menschliche Gemeinschaft so zu gestalten, dass gegenseitige Hilfe und Fürsorge eingerichtet und alle materiellen Fragen in jeglichen Verhältnissen geordnet und geregelt werden.

3:10Ebenso wird er die Erziehung des Menschen in die Wege leiten. Das heißt, er muss Verstand und Gedanken so erziehen, dass sie umfassende Fortschritte machen können, so dass Wissenschaften und Erkenntnisse sich auf größere Gebiete ausdehnen und die Wirklichkeit der Dinge, die Geheimnisse der Geschöpfe und die Eigentümlichkeiten des Daseins entdeckt, Unterweisungen, Erfindungen und Gesetze mit jedem Tag verbessert werden, und dass Schlüsse aus den Sinneswahrnehmungen der materiellen Welt in bezug auf die geistige Welt gezogen werden können.

3:11Genau so muss er geistige Erziehung vermitteln, damit Verstand und Erkenntnis die göttliche Welt zu durchdringen vermögen und, durch den weihevollen Odem des Heiligen Geistes begnadet, die Verbundenheit mit den höchsten Heerscharen gewinnen. Durch ihn muss das menschliche Wesen so sehr zum Erscheinungsort des Göttlichen werden, dass die Namen und Eigenschaften Gottes im Spiegel der Wirklichkeit des Menschen erstrahlen und der gesegnete Vers: »Lasset Uns Menschen machen nach Unserem Bild und Gleichnis«, verwirklicht wird.

3:12Es ist klar, dass menschliche Kraft allein nicht zur Erfüllung eines so großen Auftrages ausreicht und dass durch den Verstand allein so hohe Aufgaben nie gelöst werden können. Wie wäre ein einzelner Mensch ohne Hilfe und Beistand fähig, den Grund zu diesem erhabenen Bau zu legen? Es muss ihm also eine geistige, göttliche Kraft zu Hilfe kommen, damit er eine solche Aufgabe zu bewältigen vermag. Eine einzige heilige Seele kann dann die ganze Menschheit beleben und das Antlitz unseres Planeten verwandeln. Sie fördert die Verstandeskräfte, erweckt die Seelen und begründet ein neues Leben, legt das Fundament zu einer wunderbaren Neuschöpfung, verleiht der Welt eine neue Ordnung und vereinigt die Völker und Religionen unter dem Schutz eines einzigen Banners. Sie befreit die Menschen von Unvollkommenheit und Laster und beseelt sie mit Sehnsucht und dem Verlangen nach angeborenen und erworbenen Tugenden. Sicherlich muss die Kraft, die ein solches Werk vollbringen soll, göttlich sein. Wir müssen bei der Beurteilung dieser Frage gerecht sein, denn hier ist Gerechtigkeit nötig.

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